„Peter, die Turbokompressoren sind bei 49 000 Umdrehungen pro Minute!" ruft mir Finch mit alarmiertem Tonfall zu. 49 000 Umdrehungen, das ist kurz vor dem Limit von 50 000. Wenn wir die Drehzahl noch höher steigen lassen, könnten sich die Kompressoren automatisch abschalten.
„Wir müssen den Kabinendruck reduzieren, um die Kompressoren zu entlasten!" entgegne ich.
„Und wie geht das?"
Ich drehe mich zu Finch um.
„Siehst du diese Ansammlung von Hebeln links neben dem Instrumentenbrett? Dort gibt es in der Mitte einen Hebel mit der Aufschrift CABIN PRESSURE CONTROL. Der dritte von links!"
Finch deutet mit dem Finger darauf. „Der hier?"
„Richtig. Zieh ihn aus der Führung heraus und drehe den Griff um 90 Grad. Halte den Hebel dabei gut fest, er wird nach vorne gehen wollen!"
Zögernd greift das Mädchen nach dem Kabinendruck-Kontrollhebel.
„Soll ich das nicht lieber machen?" fragt Katniss. Immerhin weis sie schon, wie das geht. Aber ich brauche sie hier.
„Nein. Finch bekommt das schon hin", entgegne ich.
Endlich hat sie den Hebel aus der Führung bekommen und den Griff gedreht.
„Und jetzt?"
„Jetzt siehst du auf das Variometer neben dem Kabinendruckhöhenmesser. Diese Anzeige, wo CLIMB drauf steht. Hast du sie?"
„Ja."
„Dann zieh den Hebel etwas nach unten, Richtung DECREASE, bis der Zeiger der Variometers nach oben auswandert und 500 bis 1 000 Fuß pro Minute Steigen anzeigt", weise ich Finch an.
Langsam bewegt sie den Kontrollhebel nach unten. Ich kann sehen, wie die Nadel des Kabinendruck-Variometers nach oben ausschlägt.
„Sehr gut. Jetzt lass den Hebel in die Führung einrasten, und beobachte die Kompressordrehzahlen und den Kabinenhöhenmesser. Wenn wir bei 12 000 Fuß Kabinenhöhe sind, schreist du".
Plötzlich schallt ein ohrenbetäubendes Tröten durch das Cockpit. Der Kabinendruckalarm. Finch zuckt zusammen.
„Habe ich etwas falsch gemacht?"
„Nein. Ist nur der Druckalarm, weil die Kabine jetzt über 10 000 Fuß ist. Links neben dem Kabinenhöhenmesser ist ein Knopf mit der Aufschrift ALT HORN CUTOFF. Drück ihn!"
Der Alarm verstummt.
„Und jetzt behalte die Kompressordrehzahlen im Auge. Wenn sie weiter steigen, sag mir sofort Bescheid!"
Finch nickt mir zu.
„Gut, dann besprechen wir jetzt, wie wir diese Raketen abhängen werden", wechsle ich das Thema.
Das Manöver selbst habe ich schon beschrieben. Worum es jetzt geht, ist die Aufgabenteilung.
„Katniss, du wirst die Flares auslösen", wende ich mich an meine Copilotin, und deute mit der rechten Hand auf die beiden Schalter am Überkopf-Panel links neben den Feuerhebeln.
„Damit löst du die Abschussvorrichtung aus. Einfach den Schalter nach vorne drücken und kurz halten. Pass auf, dass du nur einen der beiden erwischt!" erkläre ich.
„Wann soll ich die auslösen?"
„Wenn ich es sage. Danach wirst du den Höhenmesser kontrollieren und mir die Höhe in zweitausend Fuß Schritten ansagen", setze ich fort. „Bis die Maschine wieder horizontal liegt, also mit der richtigen Seite nach oben, lässt du deine Finger vom Steuerhorn. Danach nimmst du es locker in deine Hände, und fühlst meine Steuerbewegungen mit. Es kann sein, dass ich beim Abfangen deine Hilfe brauche, also halt dich bereit!"
Katniss grübelt eine Weile. Habe ich ihr mal wieder zu viel auf einmal zugemutet?
„Also, ich löse das Flare auf dein Kommando aus, dann sage ich dir die Höhe an, und helfe dir wenn nötig beim Abfangen. Und ich fasse das Steuer nicht an, bevor…"
„Bevor wir geradeaus fliegen. Geradeaus, aber im Sturzflug", ergänze ich.
„Verstanden. Die Höhe lese ich an dieser Anzeige mit ALT ab, richtig? Die jetzt 48 700 anzeigt?"
„Richtig", pflichte ich ihr bei. „Siehst du, so schwer ist das gar nicht. Aber da ist noch etwas. Du musst auch die Triebwerke für mich im Auge behalten."
„Die Triebwerke auch noch?" Katniss wirft mir einen skeptischen Blick zu.
Ich deute auf die oberste Reihe der Triebwerksinstrumente.
„Keine Angst, das ist ganz einfach. Du musst nur darauf achten, dass diese vier Anzeigen mit der Aufschrift EPR nicht über 2.07 steigen. EPR bedeutet Triebwerksdruckverhältnis, das ist einfach gesagt ein Maß für die Triebwerksleistung. Je höher der Wert, desto mehr Schub. Siehst du die kleinen roten Dreiecke an der Skala?"
Katniss nickt.
„Das sind die EPR-Bugs. Die zeigen dir das erlaubte Maximum an. Falls die Zeiger über die Markierung steigen sollten, musst du die Gashebel ein wenig nach hinten ziehen", erkläre ich.
„Die Gashebel, das sind die vier großen Hebel in der Mitte?"
„Genau. Du ziehst sie so lange nach hinten, bis keine der Anzeigen über 2.07 ist."
Katniss deutet auf die Gashebel. „Wieso stehen die nicht alle gleich weit vorne?"
Noch mehr Erklärungen. Ich könnte es mit einem „ist so" bewenden lassen, aber wenn ich will, dass Katniss mir vertraut, muss ich ihr schon etwas mehr bieten.
„Das liegt daran, dass die Triebwerke über Seilzüge gesteuert werden, die dutzende Meter lang sind. Da gibt es eben ein wenig Spiel. Völlig normal."
Katniss beäugt die Gashebel skeptisch, als ob sie eine Giftschlange oder etwas in der Art wären.
„Keine Angst, die beißen nicht!" werfe ich ihr lächelnd zu. „Wenn du willst, kannst du in ein paar Minuten die Leistung bis aufs Maximum erhöhen. Wir wollen schließlich 50 000 schaffen."
„Wenn du meinst", gibt Katniss knapp zurück.
„Kabinendruck ist bei 12 000!" ruft mir Finch zu.
„Gut. Dann schieb den Hebel nach vorne, bis die Steigrate aus Null steht", weise ich sie an.
„Ist erledigt!
Pling!
Ich zucke unwillkürlich zusammen. Eine neue Nachricht kann schließlich in unserer Situation kaum etwas Gutes bedeuten. Dennoch zwinge ich mich, den Text zu lesen.
ENTFERNUNG DROHNE
5 BIS 7 MIN
SPRACHANWEISUNG
DURCH UNS MOEGLICH
INSTRUKTION FOLGT
Es wird also ernst. Bis Distrikt 12 sind es noch 110 Meilen, rund 15 Minuten Flugzeit. Der Showdown wird fast in Sichtweite des Flugplatzes stattfinden. Ich glaube, hier wieder einmal deutlich die Handschrift eines Spielmachers zu erkennen. Ich würde es Plutarch sogar zutrauen, mit dem Abschuss so lange zu warten, bis unsere Maschine vom Boden aus sichtbar ist. Damit die Rebellen mit eigenen Augen sehen können, welche Konsequenzen Widerstand gegen das Kapitol hat. Nicht mit mir.
Pling!
INSTRUKTION:
VHF 1 auf 137.00
ACARS HAUPTMENÜ
ZIFFERN 0-4-8-2-5-7-1
EINGEBEN UND
TASTE EXECUTE
5 SEK GEDRUECKT
HALTEN
LICHT FMC MSG MUSS
DREI MAL BLINKEN
DANN MELDUNG
AUDIO LINK OK
WENN LINK OK
BESTAETIGEN PER ACARS
„Wie es aussieht, werden unsere Freunde bald mit uns reden können", verkünde ich.
„Wenn es denn etwas nützt", merkt Finch trocken an.
Rasch führe ich die Anweisungen aus. Ich stelle das Einser-Flugfunkgerät auf 137.00 MHz ein und rufe das ACARS-Hauptmenü am FMC auf. Der Code scheint eine Art Hack für eine versteckte Funktion zu sein, die vermutlich schon immer irgendwo in den Tiefen der Firmware versteckt gewesen war. Anscheinend eine Art digitaler Audiolink, sicherlich verschlüsselt und anscheinend mit begrenzter Reichweite, sonst wären die sicher schon früher damit gekommen.
Ich gebe den Code ein und halte die EXECUTE-Taste gedrückt. Ein doppelter Piepton ertönt, das FMC MSG Licht blinkt, und auf dem Display erscheint die Meldung AUDIO LINK OK. Rasch tippe ich eine Bestätigung über ACARS ein. Sekunden später ertönt ein Knacken aus dem Cockpitlautsprecher, dann ertönt eine verzerrte Stimme.
„Test, Test, Test. Wenn hörbar, per ACARS bestätigen. Keinesfalls via Funk antworten. Uplink von uns zur Maschine ist verschlüsselt und getarnt. Nicht abhörbar. An Bord nur normaler Flugfunksender. Ich wiederhole, keinesfalls per Funk antworten. Bestätige Emfang."
„Wer spricht da?" fragt Katniss leicht besorgt. Sie ist wie immer ein wenig misstrauisch.
„Keine Ahnung. Es muss jemand von den Rebellen sein", entgegne ich, während ich eine Bestätigung tippe.
„Glaubst du, dass es Gale ist?"
Ich zucke mit den Schultern. „Woher soll ich das wissen? Ich kenne seine Stimme nicht, und selbst wenn, die benutzen eine elektronische Verzerrung. Wahrscheinlich, damit man zumindest nicht nachvollziehen kann, wer spricht, falls das Kapitol die Nachricht doch abhören sollte."
„Auch wieder wahr", gibt Katniss zu. Ich tippe schnell eine Antwort.
„Bestätigung empfangen", tönt die verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher. „Es folgen detaillierte Anweisungen. Empfehlen Mitschrift. Bestätigung, wenn schreibbereit."
Ich greife in das Staufach neben dem Pilotensitz und hole das Klemmbrett hervor, auf dem ich normalerweise die Funksprüche mitschreibe. Aber sowohl Papier als auch Kugelschreiber fehlen. Natürlich, die habe ich Finch mitgegeben, für die Lose. Sofort kommen die Bilder von der grauenvoll zugerichteten Marina und dem toten Jungen wieder hoch. Ich muss meine Gedanken mit Gewalt abwenden, zu quälend sind diese Bilder.
„Finch, wo hast du das Papier und den Stift hingegeben? Du weist schon, das Zeug für die Lose?" rufe ich nach hinten.
„Ich glaube, in der Bordküche."
„Kannst du die Sachen schnell holen?"
„Natürlich", antwortet Finch wie aus der Pistole geschossen. Ging das nicht ein wenig schnell? Fast so, als ob sie genau darauf gewartet hätte? Wieder steigt dieses ungute Gefühl in mir hoch, dass Finch etwas im Schilde führt, bevor mir die Logik sagt, dass ich da nur einem Hirngespinst hinterherjage. Was soll sie schließlich da hinten tun? Die Elektronik sabotieren? Blödsinn, sage ich mir. Finch will überleben, und das kann sie nur, wenn sie mir nicht in die Quere kommt. Wenn sie eine Gefahr für uns ist, dann wenn wir am Boden sind.
Ich nicke ihr zu. „Aber beeile dich, wir haben nur noch ein paar Minuten". Während Finch sich losschnallt, fällt mein Blick auf den Fußboden. Noch immer liegen die Trümmer der Cockpittür herum. Sie könnten zu gefährlichen Geschoßen werden, wenn wir wilde Manöver fliegen.
„Und könntest du bei der Gelegenheit vielleicht die Trümmer aus dem Weg räumen? Ich will nicht, dass die am Ende beim Ausweichmanöver im Cockpit herumfliegen", füge ich rasch hinzu.
„Das wollte ich gerade selber vorschlagen", entgegnet Finch. „Kann ich die in die vordere Toilette tun?"
„Ja, das müsste gehen. Hauptsache aus dem Weg, und nicht in der Nähe des Electronic Compartments. Räum auch das andere Zeug was noch herumliegt weg. Aber vorher hol das Papier".
„Mach ich", sagt Finch und verschwindet wie der geölte Blitz nach hinten.
„Bereit zum Mitschreiben?" fragt die Stimme aus dem Lautsprecher.
NEGATIV tippe ich als Antwort ins FMC.
„Weshalb negativ?"
„Weil ich kein Papier und keinen Stift habe, du Idiot!" fluche ich laut.
„Peter, der will uns doch nur helfen!" ermahnt mich Katniss. „Soll er uns nicht vielleicht die Anweisungen mal so durchgeben, und wir schreiben sie auf, wenn Finch wieder da ist?" schlägt sie vor.
„Gar keine blöde Idee", antworte ich anerkennend.
BITTE ANWEISUNGEN
GLEICH GEBEN
SCHREIBEN
NACHHER MIT
Der Lautsprecher erwacht zum Leben.
„Verstanden. Anweisung für Ausweichmanöver wie folgt: Wir geben Bescheid, wenn Drohne in Reichweite ist, und wenn Zielradar-Erfassung und IR-Sucher-Aufschaltung erfolgt sind. Die nächste Meldung erfolgt bei Abschuss. Zwischen Meldung und tatsächlichem Abschuss gibt es softwarebedingt zwei Sekunden Verzögerung. Es ist nötig, sofort, ich wiederhole, sofort bei Erhalt der Abschusswarnung das Ausweichmanöver per Split-S einzuleiten. Gleichzeitig Flare auf kurvenäußerer Seite auslösen. Auf keinen Fall zweites Flare ohne explizite Anweisung auslösen. Anschließend Sturzflug beibehalten bis 40 000 Fuß, wenn keine anderslautenden Anweisungen erfolgen. Modellrechnung bestätigt vorhandene Abfangmöglichkeit aus Sturzflug bis Mach 1.03, wenn Stabilizer-Trim verwendet wird. Empfehlen, während des gesamten Manövers Take-Off Power beizubehalten. Schubumkehr über 0.88 Mach oder 390 Knoten IAS nicht ausfahren, außer wenn Abfangen anders nicht möglich. Ansonsten Beschädigung der Triebwerksaufhängungen möglich. Bitte in Stichworten zusammengefasst bestätigen."
Ich tippe eine Antwort.
MELDUNG WENN
IN REICHWEITE /
RADAR-LOCK/
ABSCHUSS
ABDREHEN UND
FLARE SOFORT
AUF AUSSENSEITE
WEITERE FLARES
NUR AUF ANWEISUNG
ABFANGEN MIT
STAB TRIM MOEGLICH
BIS M 1.03
„Korrekt. Es folgen Kommandos für die einzelnen Phasen. Jetzt schreibbereit?"
Wo bleibt Finch nur so lange?
NEGATIV, tippe ich.
„Verstanden. Kommandos folgen. Falls Mitschrift zu späterem Zeitpunkt gewünscht, bitte Wiederholung anfordern. Erste Meldung wird ‚in Reichweite' sein. Ab dieser Meldung ist Abschuss innerhalb weniger Sekunden möglich, daher Autopilot aus und ständige Bereitschaft zum Ausweichen aufrecht erhalten. Keine nicht-essentiellen Gespräche. ‚Zielerfassung' bedeutet, dass die Maschine vom Zielradar der Drohne erfasst wurde. Raketenabschuss steht unmittelbar bevor. ‚Abschuss' bedeutet, dass der Bordrechner der Drohne das Abschusskommando gegeben hat. Tatsächlicher Raketenstart erfolgt in zwei Sekunden. An diesem Punkt Ausweichmanöver einleiten und Flare auslösen wie beschrieben. Für zweite Rakete folgt die gleiche Meldungsabfolge. Abweichende Verfahren werden wenn nötig ad hoc durchgegeben. Bitte in Stichworten bestätigen."
Ich tippe schnell eine Antwort. Die paar Anweisungen kann ich mir auch so merken, dafür brauche ich keine Notizen. Wie es aussieht, scheinen die Rebellen jede Aktion der Drohne genau mitverfolgen zu können. Anscheinend hat da jemand den Bordrechner gehackt.
Ich werfe einen kurzen Blick nach hinten. Keine Spur von Finch.
„Wo bleibt die so lange?" errät Katniss meine Gedanken.
„Das wüsste ich selber gerne", seufze ich.
„Soll ich nachsehen?"
Mein Magen krampft sich zusammen. Nur zu gut kann ich mich daran erinnert, was passiert ist, als Katniss das letzte Mal nachsehen war. Die Brandwunde an ihrem Oberarm und der Schnitt quer über ihre Stirn sind mahnenden Zeichen für das, was beinahe das Ende der Spiele für uns gewesen wäre.
Ich schüttle meinen Kopf.
„Nein. Ich will nicht, dass du allein da hinten rumläufst. Außerdem könnte es jetzt jederzeit gleich so weit sein, dass ich ausweichen musst."
„Aber mir gefällt es nicht, wenn sie so lange weg ist. Was macht sie die ganze Zeit?" gibt Katniss zu bedenken.
„Glaub mir, genau das passt mir auch nicht. Diese geheimnisvolle zögerliche Herumkriecherei da hinten. Aber du weist ja, was passiert ist, als du das letzte Mal nachschauen warst", entgegne ich.
„Ich weiß", erwidert Katniss. „Mein Arm erinnert mich ständig daran. Aber Finch ist nicht Clove. Und wir haben einen Bogen hier. Wenn sie irgendeinen Unfug macht…"
Katniss entschlossener Blick überrascht mich. Ob sie Finch wirklich töten könnte, wie eines ihrer Eichhörnchen im Wald. So wie sie mich ansieht, würde ich ihr das zumindest mehr zutrauen als mir selbst. Wieder steigt dieses ungute Gefühl in mir hoch, dass ich bei Finch etwas übersehe. Was, wenn sie am Ende eine Art Agentin des Kapitols ist, die uns nach Strich und Faden verarscht? Ich muss an die Bombenentschärfung denken. Woher kann sie in ihrem Alter so genau wissen, worauf es ankommt. Sicher, so ein Zünder ist auch nur Elektronik, doch die ist genau genommen eher die Spezialität von Distrikt 3. Distrikt 5 ist für die Errichtung und den Betrieb der Kraftwerke Panems zuständig. Da wird es im Schulstoff sicher Überschneidungen geben. Aber das ungute Gefühl bleibt.
Es würde passen. Zuerst spielt Finch die Gute, damit wir keinen Verdacht schöpfen und sie in den Plan einweihen. Ja, sie behauptet sogar, von Haymitch instruiert worden zu sein. Aber was, wenn das Kapitol den ganzen Plan kennt, und mich genau mit dieser Behauptung ködern will? Wenn es genau weiß, dass uns die Rebellen helfen? Oder wenn am Ende gar das Kapitol getürkte Nachrichten schickt, um uns in die Falle zu locken? Oder wenn zumindest Finch irgendetwas ausheckt, um unser Ausweichmanöver zu sabotieren?
Ein erschreckender Gedanke schießt durch meinen Kopf. Was, wenn sie einen Weg findet, die Leitung zu den Flares zu unterbrechen. Ohne sie wären wir den Raketen schutzlos ausgeliefert. Klar, dann würde Finch mit uns draufgehen, aber genau das ist es, was Agenten manchmal tun, wenn sie ihr Ziel nicht anders erreichen können. So sehr es mit widerstrebt, Katniss muss nachsehen, was sie da hinten treibt.
Ich nicke ihr zu. „Von mir aus. Ich meine, wir haben ja nicht wirklich eine andere Wahl", seufze ich. „Aber pass auf dich auf, und gib Acht, dass Finch von jeglicher Elektronik fernbleibt!"
Wortlos öffnet Katniss ihre Gurte und klettert aus dem Sitz. Sie schnappt sich den Bogen und zieht den Pfeil, mit dem sie Clove bedroht hat, um den Entschärfungscode zu erpressen, aus dem Beobachtersitz, weil sie auf den Schnelle den Köcher nicht finden kann. Dann verschwindet sie nach hinten, und ich sitze allein mit Clove im Cockpit.
„Noch fünf Minuten bis Drohne in Reichweite!" schallt es aus dem Lautsprecher. „Empfehlen maximal zulässige Triebwerksleistung bis auf weiteres, um eine möglichst gute Ausgangshöhe zu erreichen", rät mir die verzerrte Stimme.
Ich werfe einen Blick auf die EPR-Anzeigen. Sie stehen bei 2.03. Maximal darf ich die Leistung bis auf 2.07 erhöhen. Streng genommen nur für fünf Minuten, aber wen interessiert jetzt die Zeit bis zur nächsten Triebwerksüberholung? Wenn die Motoren bis Distrikt 13 durchhalten und dann beim Ausrollen auseinanderfallen, haben sie ihre Schuldigkeit getan. Ich greife nach den vier Gashebeln und schiebe sie nach vorne, bis die EPR-Anzeigen auf 2.07 stehen. Die DC-8 beschleunigt leicht, und ich erhöhe die Steigrate am Autopilot-Kontrollpanel. Der Höhenmesser zeigt 49 500 Fuß, und trotz voller Leistung liegt die Steigrate nur bei mageren 100 Fuß pro Minute.
„Na, fürchtest du dich gar nicht, wenn du ganz allein mit mir hier bist?" beginnt Clove unvermittelt. Sie kann es nicht lassen, das dauernde Provozieren. Ich schenke ihr kein Gehör, und starre einfach aus dem Fenster. Die Szenerie ist atemberaubend, und wenn ich keine Drohne am Arsch hätte, könnte ich sie richtig genießen. Vor uns sind die Appalachian Mountains zu sehen, aus dieser Höhe betrachtet nichts weiter als unbedeutende kleine Falten in der Erdkruste. Ich glaube, am Horizont einen Hauch der Erdkrümmung erkennen zu können. Noch beeindruckender ist dunkle, zum Zenith hin fast schwarze Himmel. So nahe am Weltraum, wie man es mit einer DC-8 nur sein kann.
Der Fahrtmesser zeigt knapp unter 190 Knoten an, bei einer Machzahl von 0.80, und die Außentemperatur ist weiter auf minus 69 Grad Celsius gefallen. Die ungewöhnlich niedrige Temperatur ist es, was es uns überhaupt ermöglicht, so hoch zu fliegen. Bei der Standardtemperatur in dieser Höhe wäre der Steigflug schon ein paar tausend Fuß tiefer zu Ende gewesen.
„Noch vier Minuten. Bestätigung, ob alle Personen an ihren Plätzen sind, und ob eine Wiederholung der Anweisungen zwecks Mitschrift nötig ist", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Verdammt, wo bleiben Katniss und Finch so lange? Als hätten sie meine Gedanken gehört, kommen beide plötzlich ins Cockpit geeilt.
„Wo warst du denn so lange? Du solltest doch bloß das Papier und den Stift holen!" stelle ich Finch zur Rede.
„Tut mir leid, ich muss das Zeug in der Hektik zusammen mit dem Erste Hilfe Koffer nach hinten mitgenommen haben. Ich hab mir den Arsch abgesucht, bis ich auf die Idee gekommen bin, dass ich ja hinten auch noch schauen kann".
Ich meine, einen Hauch von Verteidigung aus Finchs Tonfall heraushöhen zu können. Als hätte ich sie bei etwas Unrechtmäßigem ertappt, und als ob sie sich nun herausreden würde.
„Und überhaupt, was sollte das mit Katniss und dem Bogen?"
„Nur eine Vorsichtsmaßnahme", entgegne ich trocken. „Wir wissen ja, was passiert ist, als Katniss das letzte Mal hinten nachschauen war."
„Ich bin doch nicht Clove! Was sollte ich Katniss tun? Spinnt ihr jetzt alle beide?" erwidert Finch entrüstet.
„Peter hat eben Angst um mich. Er hat darauf bestanden, dass ich den Bogen nehme", wirft Katniss schnell ein.
„Und außerdem", füge ich hinzu, „warum denkst du, dass sie den Bogen wegen dir mitgenommen hat? Es hätte ja sein können, dass die Spielmacher noch einen Trick auf Lager haben. Irgendeine Mutation, oder ein Giftschlange, oder so etwas in der Art!"
Finch blickt betreten Richtung Boden. Vermutlich hat sie kapiert, dass sie etwas überreagiert hat. Oder sie ist eine gute Schauspielerin.
„Was sie erzählt, stimmt", sagt Katniss ruhig. „Sie ist gerade von hinten mit dem Koffer gekommen, als ich nach hinten gegangen bin."
„Gut. Lassen wir das. Ihr beide räumt jetzt schnell die Trümmer und alles lose Zeug weg. Wir haben nur noch vier Minuten!" kommandiere ich.
Die Erwähnung der knappen Zeit hilft. Noch ehe ich mich wieder den Instrumenten zugewandt habe, beginnen Katniss und Finch, die Reste der Cockpittür aus dem Weg zu schaffen. Ich werfe einen kurzen Blick aufs FMC, und kontrolliere die Restflugzeit bis Distrikt 12. Noch zehn Minuten. Die Treibstoffanzeige am Instrumentenbrett weist noch 21.000 Pfund aus, bis wir direkt über dem Flugplatz sind, werden wir nur noch 19.000 Pfund an Bord haben. Der Landeanflug wird weitere 3.000 Pfund schlucken, dazu das Rollen – gut, dass wir nachtanken können.
„Noch drei Minuten", mahnt die Stimme aus dem Lautsprecher. Ich drehe mich kurz um und sehe nach, wie weit das Wegräumen der Trümmer fortgeschritten ist. Spätestens beim zwei-Minuten-Punkt will ich, dass Katniss und Finch ihre Plätze einnehmen. Gerade kommen die beiden zurück, um die nächste Ladung aufzunehmen. Es könnte sich ausgehen. Allmählich werde ich nervös. Es ist wie bei der Bombe, nur dass es diesmal hauptsächlich an mir liegt, ob wir mit dem Leben davonkommen oder nicht. Ich habe zwar einen Kunstflugschein für Segelflugzeuge, aber abgesehen von der einen oder anderen „Spaß-Session" im Simulator habe ich keinerlei Erfahrung, wie ich mit einer DC-8 Manöver fliegen soll, für die sie nie gebaut wurde. Alles, was ich weiß, ist pure Theorie.
Als ich kurz die Finger von Kontrollrad des Autopiloten für die Steigrate nehme, sehe ich, dass die Oberfläche des Rädchens total feucht ist. Erst jetzt merke ich, dass meine Handflächen total verschwitzt sind, und ich kann spüren, dass meine Arme vor Aufregung zittern. Das Abwarten und Nichtstun macht es noch schlimmer. Um mich irgendwie zu beschäftigen, überprüfe ich die Sitzeinstellung. Immerhin muss ich das Steuerhorn vielleicht über den ganzen möglichen Ausschlagsbereich bewegen können, vor allem nach hinten, um die Maschine zuverlässig abfangen zu können. Alibihalber verstelle ich den Sitz um eine Raste oder zwei, nur um festzustellen, das die ursprüngliche Einstellung schon korrekt war.
„Noch zwei Minuten! Plätze einnehmen! Bestätigt, dass alle auf ihren Plätzen sitzen und angeschnallt sind!"
Ich drehe mich um. „Finch, Katniss, seid ihr fertig?"
„Ich räum nur noch schnell den Bogen weg, dann haben wir es!" ruft mir Katniss zu. Wurde auch Zeit. Ich wende mich wieder den Instrumenten zu. Wir fliegen an der Grenze der aerodynamischen Möglichkeiten einer DC-8. Jede kleine Abweichung von der optimalen Geschwindigkeit könnte fatal sein. Der Höhenmesser zeit 49 700 Fuß an, die Geschwindigkeit ist leicht auf 0.797 Mach gefallen. Der Maschine geht die Luft aus. Ich könnte sie zwar unter Geschwindigkeitsverlust weiter steigen lassen, doch dann würde der Luftwiderstand durch den hohen Anstellwinkel bald so hoch werden, dass wir auch im Horizontalflug weiter an Fahrt verlieren würden. Dann müssten wir Höhe aufgeben, um die Fahr zu stabilisieren. Nicht gut.
Ich schalte den Autopiloten auf ALTITUDE HOLD. Mal sehen, ob wir dann wieder an Geschwindigkeit zulegen. Ich höre, wie Finch und Katniss zurück ins Cockpit kommen.
„Alles verstaut", verkündet Finch, und setzt sich an ihren Platz.
„Schnall dich gut an, es wird ein wilder Ritt werden!", rufe ich ihr zu, während Katniss neben mir Platz nimmt.
„Das gilt auch für dich."
„Noch eine Minute. Bestätigung, dass alle an ihrem Platz sind!"
POSITIV, tippe ich schnell als Antwort über ACARS. Die Fahrt ist leicht gestiegen, und schwankt um die 0.8 Mach.
„Verstanden. Laut unseren Daten hat die Drohne ihren Steigflug in 48 000 Fuß unterbrochen, und hält jetzt 0.84 Mach ohne Nachbrenner. Bei gegenwärtiger Geschwindigkeitsdifferenz ist die Drohne in 40 Sekunden innerhalb der theoretischen Abfangreichweite. Wir erwarten, dass sie noch etwas näher heranfliegen und auf gleiche Höhe steigen wird. Ab jetzt sofortige Ausweichbereitschaft aufrechterhalten. Keine nicht-essentiellen Gespräche mehr!" tönt es aus dem Lautsprecher.
„Ihr habt es gehört", sage ich laut und deutlich, „alle halten sich bereit fürs Ausweichmanöver. Finch, du behälts die Anzeigen für den Kabinendruck und die Hydraulik im Auge. Wenn sich da etwas tut, schreist du. Katniss, halte deine Hand in die Nähe des Flare-Schalters. Wenn wir keine anderen Anweisungen erhalten, werde ich nach links abdrehen, also musst du Flare zwei auslösen. Verstanden?"
Katniss nickt.
„Flare zwei." Sie schluckt und sieht mir in die Augen. „Und danke, dass du versuchst, Prim zu retten. Das vergesse ich dir nie."
„Schon gut", entgegne ich. „Keine Angst, wir schaffen das schon." Glaube ich das eigentlich selbst? Ich muss es glauben, sonst haben wir schon verloren.
„Drohne in theoretischer Abfangreichweite, noch keine Zielerfassung. Bereithalten!"
Anscheinend wollen es die wirklich spannend machen. Noch sieben Minuten bis zum Flugplatz von Distrikt 12, und 52 NM. Vereinzelte Altocumulus-Wolkenfelder trüben die Sicht ein wenig, doch wir müssten bald den Flugplatz erkennen können, sofern das INS nicht grob daneben liegt.
„Drohne hält 2 Meilen Abstand in 48 000 Fuß, Geschwindigkeit identisch mit eurer. Sieht so aus, als ob sie abwarten…Moment, Zielradar aktiv!" dröhnt es aus dem Lautsprecher.
Ich zucke zusammen, mein Magen verkrampft sich.
„Katniss, bereithalten für Flare zwei!"
Mit beiden Händen greife ich nach dem Steuerhorn und schalte den Autopiloten aus. Die Steuerung reagiert in dieser Höhe ungewohnt feinfühlig, da die dämpfende Wirkung der Luft hier geringer ist. Ich muss präzise steuern, um die Fluglage zu halten.
„Zielradar noch immer aktiv, aber noch keine IR-Sucher Aufschaltung."
Was geht da vor? Warum verfolgen uns die ewig mit dem Zielradar, aus einer suboptimalen Schussposition, ohne den IR-Sucher der Raketen einzuschalten. Es ist, als ob sie genau wüssten, dass wir wissen, dass sie uns erfasst haben. Aber wenn sie das wissen, dann wissen sie auch, woher wir unsere Informationen haben. Welche Konsequenzen das haben könnte, will ich mir gar nicht vorstellen. Ich kann sowieso den Plan nicht mehr ändern.
Noch fünf Minuten bis zum Flugplatz. Ich glaube, etwas links von unserem Kurs das Tal, in welchem er liegt, erkennen zu können. Wir haben aus ein paar Luftbildern eine Computersimulation des Terrains gebastelt – keine perfekte Lösung, aber ausreichend, um Anflüge im Simulator damit zu üben. Es gibt in Distrikt 12 keinerlei Funkhilfen, man kann nur nach Sicht anfliegen.
„Status Drohne unverändert…Moment, Nachbrenner wurde gezündet, Drohne im Steigflug! Erwarten optimale Abfangposition in etwa zwei Minuten!"
„Sieht so aus, als ob sie uns vorher noch den Flugplatz sehen lassen wollen, bevor sie uns abschießen", sage ich sarkastisch zu Katniss.
„Sind wir schon so nahe dran?"
„Ja, nur noch vier Minuten. Er muss da irgendwo sein", antworte ich, während ich meinen Blick schweifen lasse. Er bleibt an einer vertrauten Lichtung im Wald hängen. Dann sehe ich sie, die rund eine Meile lange Landebahn von Distrikt 12. Sie hebt sich deutlich vom Schnee ab, nur dass sie aus dieser Höhe fast wie ein Strich in der Landschaft wirkt. Sie liegt leicht links von unserem Kurs, vermutlich wegen der unvermeidlichen Positionsdrift des INS. Ich deute mit dem Finger darauf.
„Dort ist der Flugplatz!", sage ich zu Katniss.
„Sieht verdammt klein aus", meint sie trocken. „Wenn diese blöde Drohne nicht wäre…".
Dann beugt sie sich zu mir herüber und flüstert mir ins Ohr.
„Finch hat da hinten irgendwas gemacht. Ich weiß nicht was, aber ich habe durch den Spalt im Vorhang gesehen, dass sie über eine Sitzreihe gebeugt war".
Ich nicke unmerklich, um Katniss zu zeigen, dass ich verstanden habe, was sie meint. Darum hat sie vorhin meine Zweifel an Finch so schnell abgewürgt. Weil sie mir nicht offen sagen wollte, was sie gesehen hat. Weil ich ohnehin nichts mehr dagegen tun kann, aber wenigstens wissen soll, dass mit dem Fuchsgesicht vielleicht wirklich etwas faul ist.
„Was tuschelt ihr da?" ruft Finch von hinten.
Warum muss die alles mitkriegen?
„Das geht dich nichts an!" entgegne ich scharf. „Ist privat."
„Aha. Mal wieder Liebesgeflüster vor dem Ende. Wie süß!" kommentiert Clove.
„Wenn es dir dann besser geht, ja, so etwas in der Art", erwidere ich rasch. Katniss, sag jetzt besser nichts, und zerstöre nicht den Schein dieser Notlüge.
Ich spüre einen kräftigen Klaps auf meinem rechten Oberarm.
„Musst du immer alles ausplaudern?" sagt Katniss beinahe übertrieben entrüstet.
„Aua, das hat weh getan!" entgegne ich.
„Lass die Blödelei, ihr Beiden!" ruft Finch dazwischen.
Situation gerettet.
Noch drei Minuten bis zum Flugplatz.
