„Haben euch in Sicht. Empfehlen Kursänderung 10 bis 20 Grad nach rechts, um nicht zu nahe zu kommen", weist mich die Stimme aus dem Lautsprecher an.
Guter Einwand. Falls die Rakete sowohl uns als auch das Flare als Ziel verfehlen sollte, könnte es passieren, dass sie irgendein anderes heißes Ziel ansteuert, oder unkontrolliert irgendwo runterkommt. Es wäre besser, wenn sie auf den keinen Fall den Flugplatz erreichen kann. Vorsichtig drehe ich das Steuer nach rechts, und gehe in eine sanfte Kurve mit vielleicht 5 Grad Schräglage. Mehr will ich in dieser Höhe nicht riskieren. Wir sind leicht gestiegen, der Höhenmesser zeigt jetzt 49 800 Fuß an.
Noch zwei Minuten bis zum Flugplatz. Er liegt jetzt deutlich links von uns, fast zum Greifen nahe, aber doch im Moment unerreichbar fern für uns. Er könnte auf dem Mond sein, es würde keinen Unterschied machen.
„Drohne hat Abfangposition erreicht, Entfernung eins komma fünf Meilen, konstant. Zielradar aktiv, erwarten IR-Aufschaltung in Kürze. Bereithalten!"
„Katniss, die Hand auf den Schalter!" kommandiere ich. Dann leite ich sanft die Kurve bei einem Kurs von 090 Grad aus. Eine letzte Idee schießt mir durch den Kopf, als mir plötzlich ein Artikel einfällt, den ich über den berühmten Mach 1 – Flug einer DC-8 gelesen habe. Die haben damals den Stabilizer vor dem Sturzflug so getrimmt, dass sich die Maschine von selbst abfangen würde. Angesichts der zu erwartenden geringen Höhenruderwirkung im schallnahen Bereich keine dumme Idee.
Vorsichtig betätige ich den Trimmschalter nach hinten, und gleiche die zunehmende Hecklastigkeit der Maschine dadurch aus, indem ich das Steuerhorn nach vorne drücke. Ich trimme weiter, bis ich das Steuer ordentlich nach vorne drücken muss, um die Fluglage zu halten. [i]Fühlt sich wie 40 oder 50 Pfund an. [/i]
„Achtung, IR-Aufschaltung!" dröhnt es aus dem Lautsprecher. Ich hole tief Luft. Mein Herz beginnt, bis zum Hals zu pochen. Wie ein Sprinter halte ich mich bereit, auf Kommando das Steuerhorn mit aller Gewalt nach links zu drehen. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Katniss ihren Zeigefinger auf den FLARE 2 – Schalter gelegt hat. Ich werfe ihr einen letzten Blick zu. Wenn ich sterben sollte, will ich dabei ein schönes Bild in Erinnerung haben, und wissen, wofür ich gestorben bin. Katniss erwidert den Blick. Sie scheint das gleiche zu denken. Und ich sehe noch etwas. Vertrauen. In mich. In meinen Plan. Und dass er es wert ist, auch wenn er unseren Tod bedeuten sollte. Wir sind jetzt kein Spielball des Kapitols mehr. Sie können uns abschießen, aber sie können uns nicht mehr dazu bringen, nach ihren Regeln zu spielen.
Quälend langsame scheinen die Sekunden zu verstreichen. Bringt es doch endlich hinter euch! 49 900 Fuß. Die 50 000 knapp verfehlt.
Plötzlich knackt es im Lautsprecher.
„Abschuss!"
Mit Schwung drehe ich das Steuer bis zum Anschlag nach links, und drücke die Steuersäule leicht nach vorne, um die Tragflächen zu entlasten und die Rollrate zu erhöhen. Ich höre das Klicken des FLARE-Schalters.
„Flare abgeschossen!" ruft mir Katniss zu.
Eine computergenerierte Stimme ertönt, als die Schräglage der Maschine 45 Grad überschreitet. „BANK ANGLE, BANK ANGLE,…". Ich ignoriere sie. Mit überraschender Wendigkeit rollt die DC-8 weiter scharf nach links. Die Schräglage nähert sich der Vertikalen. Peter, was machst du da?
Ich verringere den Druck auf das Steuerhorn. Im Rückenflug kehren sich die Höhenruderkommandos um, ich muss dann ziehen statt drücken, um die Nase nach unten zu bekommen. Die Horizontlinie passiert die Vertikale. Zum ersten Mal sehe ich den Boden aus dem Fenster einer Verkehrsmaschine oben und den Himmel unten. Der künstliche Horizont zeigt das gleiche, ungewohnte, in Verkehrsflugzeugen verbotene Bild – oben braun, unten blau. Ich reduziere den Druck auf die Steuersäule weiter, nehme sie fast bis in die Neutrallage zurück. Der Fliehkraft drückt mich wie bei einem Looping in den Sitz. Ich darf es nicht übertreiben, sonst reißt die Strömung ab, und wir fliegen kein Split-S mehr, sondern gehen ins Trudeln.
Ich stoppe die Rollbewegung, als sich die DC-8 um ungefähr 150 Grad auf den Rücken gedreht hat. Die Nase zeigt jetzt zehn Grad nach unten, und wir beginnen, rasch Höhe zu verlieren. Seit der Warnung sind vielleicht vier oder fünf Sekunden vergangen. Die Rakete muss uns fast erreicht haben. Bitte, friss den Köder! Ich lasse die Maschine weiter abkippen. Im Cockpit ist es mucksmäuschenstill geworden, alles, was ich hören kann, ist das Geräusch des Luftstroms und das Dröhnen der Triebwerke. Der Himmel wandert aus meinem Blickfeld, der Boden füllt mein Sichtfeld aus. Die Geschwindigkeit ist noch immer bei 0.8 Mach, doch allmählich beginnt der Zeiger des Fahrtmessers im Uhrzeigersinn nach oben zu klettern. Eine oder zwei Sekunden verstreichen, dann erschüttert ein dumpfer Knall die Maschine. Meine Muskeln krampfen sich zusammen, und ich warte darauf, die Trümmer des Sprengkopfes gegen die Außenhaut prasseln zu hören. Doch es passiert nichts, die DC-8 folgt weiter unbeeindruckt meinen Steuereingaben, und ich spüre auch keine Druckveränderung in den Ohren.
„Sie hat uns verfehlt!" rufe ich freudig, wohl wissend, dass es noch lange nicht vorbei ist. Die Flugzeugnase passiert 20 Grad nach unten. Der Höhenmesser jagt auf 49 000 Fuß zu.
„Sturzflug beibehalten!" mahnt mich die Stimme aus dem Lautsprecher. Offenbar sollen wir uns jetzt ein Rennen mit der Drohne liefern. Vielleicht werden die Kapitol-Jungs am Steuer ja übermütig, und treiben ihren Flugkörper so weit jenseits des Mach-Limits, dass sie die Kontrolle verlieren, oder dass es das Teil in der Luft zerlegt. Der Fahrtmesser der DC-8 beginnt nun deutlich nach oben zu klettern. 200 Knoten, Mach 0.82. Das Rennen ist eröffnet. Ich lasse die Maschine weiter abkippen, bis der Bug etwa 30 Grad nach unten zeigt. Dann drehe ich das Steuer hart nach rechts, um die DC-8 wieder aufzurichten.
„48 000!" ruft mir Katniss zu. Der Zeiger des Höhenmessers rotiert mit unglaublicher Geschwindigkeit gegen den Uhrzeigersinn. 0.85 Mach. Die Nadel des Fahrtmessers jagt auf die rote Markierung, den „barber pole" zu. Der Horizont passiert wieder die Vertikale, das gewohnte Bild – oben blau, unten braun stellt sich ein. Das ist aber auch schon alles, was normal aussieht. Der Bug der DC-8 zeigt derart steil nach unten, dass es mir vorkommt, als würden wir senkrecht auf den Boden zurasen. Konzentriere dich auf die Instrumente! Sage ich zu mir selbst.
47 000 Fuß. Die Tragflächen liegen wieder horizontal. Das Klackern der Overspeed-Warnung ertönt. Die Nadel des Fahrtmessers ist jenseits der roten Markierung. Noch ein paar Sekunden, und ich bin Testpilot.
„46 000!" ruft Katniss. 0.92 Mach. Ich muss den Druck auf das Steuerhorn etwas reduzieren, um zu verhindern, dass der Sturzflug noch steiler wird. Normalerweise muss man um die Fahrt zu erhöhen bei unveränderter Trimmung immer stärker drücken, doch durch die Druckpunktwanderung bei Annäherung an die Schallgeschwindigkeit lässt die Tendenz nach, oder kann sich sogar umkehren. Negative Stabilität.
Jetzt legen wir im Eiltempo an Fahrt zu. Die Machzahl scheint im Halbsekundentakt um 0.01 Mach zu steigen. 45 500 Fuß, 0.94 Mach. Ich musste den Druck auf das Steuer noch etwas zurücknehmen, aber die DC-8 ist noch immer gut kontrollierbar. Keine Vibrationen, und keine ungewöhnlichen Geräusche. Selbst der Fahrtwind hält sich in dieser Höhe trotz der hohen Geschwindigkeit zurück. Die anzeigte Fahrt liegt lediglich bei 256 Knoten, obwohl wir mit 94 Prozent der Schallgeschwindigkeit dahinjagen. Na warte, der blöden Drohne werde ich es zeigen.
Der Geschwindigkeitsrausch, den ich sonst nur manchmal bei diversen Urlauben in Deutschland auf der Autobahn verspürt habe, wenn irgendein fetter BMW oder Audi hinter mir war, verdrängt die Angst vor der Drohne und ihren Raketen. Es ist beinahe wie ein Spiel, ein sportliches Wettrennen, bei dem es nur darum geht, wer der Schnellere ist.
Der Höhenmesser passiert 45 000 Fuß. 0.95 Mach. Plötzlich hebt sich der Bug der DC-8, und ich spüre, wie ich in den Sitz gedrückt würde. Die unvermittelte Lastigkeitsänderung überrascht mich. Als wollte mir die Maschine freundlich, aber deutlich „bis hier her und nicht weiter" sagen. Aber davon lasse ich mich nicht abhalten.Kontrollverlust der Drohne bei 0.93 bis 0.95 Mach, wenn ich mich recht erinnere. Ich muss weiter beschleunigen, und drücke das Steuerhorn entschlossen nach vorne, um die Nase unten zu halten.
0.96 Mach. Es fühlt sich so an, als ob wir uns einer unsichtbaren Wand nähern würden. Ich meine, kurz ein leichtes Rütteln zu spüren. Wahrscheinlich die Schockwellen an den Tragflächen, die gegen das Heck treffen.
„44 000" schreit Katniss mir ins Ohr. Dem Tonfall nach zu urteilen, scheint sie allmählich nervös zu werden. Die Digitalanzeige des Fahrtmessers klettert auf 0.97 Mach. Das Rütteln ist verschwunden, und die Maschine fühlt sich wunderbar stabil an. Je schneller wird fliegen, desto wohler scheint sie sich zu fühlen.
„Sturzflug beibehalten!" tönt die verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher.
0.98 Mach. Die Anzeige scheint einen Moment lang zu stagnieren. Wir sind nahe dran. Der Luftwiderstand muss enorm sein, immerhin stürzen wir mit voller Triebwerksleistung auf den Boden zu, und trotzdem tut sich die Maschine schwer, die Schallmauer zu knacken. Müssen wir sie überhaupt knacken? Warum nicht kurz vorher aufhören? Das eine Prozent macht doch das Kraut nicht mehr fett, oder?
Einen Moment lang denke ich wirklich, dass ich weit genug gegangen bin. Fang sie ab, Peter. Doch die Anzeige, die wie festgenagelt bei Mach 0.98irgendwas steht, fordert mich förmlich heraus. Ich kann die Schallmauer durchbrechen.
„42 000!" ruft mir Katniss zu. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, bei 40 000 Fuß das Abfangen einzuleiten, wie angewiesen, egal was geschieht. Plötzlich springt die Anzeige auf 0.999 Mach, das anzeigbare Maximum. Die Ruderpedale unter meinen Füßen beginnen zu vibrieren. „Control surface buzz" nennt man dieses Phänomen, wenn Steuerflächen durch Schockwellen zu raschen Oszillationen angeregt werden. Nicht gut.
Der Höhenmesser passiert 41 000 Fuß.
„Peter, was ist das?" fragt Katniss alarmiert. Sie muss die Vibration auch gespürt haben.
Genug. Ich beginne, das Steuerhorn mit Gefühl zu mir heranzuziehen. Keine Reaktion. Ich ziehe kräftiger. Noch immer nichts. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen. Das Höhenruder zeigt keine Wirkung.
„40 000!" ruft Katniss.
Ich betätige den Trimmschalter. Keine Reaktion.
„Zieh mal mit!" rufe ich Katniss zu. Sofort spüre ich, wie sie das Steuerhorn zu ihr heranzieht. Doch selbst unsere kombinierte Kraft reicht nicht aus, um die Nase nennenswert nach oben zu bekommen. Von Sekunde zu Sekunde wird das Fahrtgeräusch lauter. Der Fahrtmesser zeigt 320 Knoten an, der Höhenmesser 39 500 Fuß.
Die Trimmanzeige scheint wie festgefroren. Der hydraulische Trimmhebel steht am hinteren Anschlag, die Ansteuerung funktioniert also, aber die Höhenflosse bewegt sich nicht. Könnte es sein…
Natürlich! Es ist das gleiche Problem wie beim Sturzflug, den uns die Spielmacher eingebrockt haben! Die enorme Kraft, die wir beide auf das Höhenruder ausüben, blockiert den Trimmmotor.
„Lass das Steuerhorn los!" weise ich Katniss an, und reduziere selber den Zug am Steuer. Ich sehe, wie Katniss ihre Hände erschrocken zur Seite nimmt, als hätte sie sich die Finger am Steuerhorn verbrannt. 38 000 Fuß. Plötzlich beginnt sich die Trimmanzeige zu bewegen. Die DC-8 reagiert, und die Nase beginnt sich langsam zu heben. Die Fliehkraft drückt uns mit schätzungsweise eineinhalbfacher Erdbeschleunigung in die Sitze. Das Machmeter steht immer noch am Anschlag bei 0.999.
„Soll ich die Gashebel zurückziehen?" fragt Katniss. Gute Frage. Wenn wir die Leistung reduzieren, werden wir rasch an Fahrt verlieren. Ich will möglichst viel Geschwindigkeit in den Horizontalflug mitnehmen, also beschließe ich, den Schub stehen zu lassen.
„Nein, lass sie auf 2.07 stehen!"
Die Nase wandert durch 20 Grad. Machmeter noch immer an Anschlag. Mit der Höhenflossentrimmung lässt sich die DC-8 wunderbar kontrollieren.
36 000 Fuß. Die Mach-Anzeige springt von ihrem Maximalwert auf 0.98. Die Nase kommt schön nach oben. Jetzt nur nicht zu viel ziehen! Der Höhenmesser rotiert noch immer rasend schnell nach unten, die angezeigte Geschwindigkeit passiert die 340 Knoten-Marke. 34 000 Fuß. Mach 0.97. Die Ruderpedale vibrieren immer noch. Fall mir jetzt nicht auseinander!
33 000 Fuß, Mach 0.95. Das Vibrieren der Pedale ist verschwunden. Das Höhenruder greift wieder, es scheint, als hätte ich die Maschine wieder unter Kontrolle. In Kürze werden wir aus dem Sturzflug herauskommen.
„32 000!" ruft Katniss. Sie hat kaum zu Ende gesprochen, als die DC-8 sich plötzlich zu schütteln beginnt. [i]Mach buffet. [/i] Ich reduziere den Zug am Steuerhorn. Vielleicht hilft es, wenn ich die Belastung der Tragflächen reduziere. Es ist wie ein Tanz auf rohen Eiern. Ziehe ich zu wenig, verlieren wir zu viel Höhe und Zeit, die wir brauchen, um uns für das nächste Ausweichmanöver zu wappnen. Ziehe ich zu kräftig, könnte das das Schütteln noch schlimmer machen, und möglicherweise die Struktur beschädigen. Was ich auch tue, es könnte falsch sein.
„Peter, was ist das?" fragt Finch alarmiert.
„Ein wenig mach buffet", antworte ich betont sachlich und ruhig. Soll ruhig so klingen, als ob es normal ist. Nur keine unnötige Panik. Da müssen wir jetzt einfach durch.
So plötzlich, wie es gekommen ist, legt sich das Schütteln auch wieder. 0.93 Mach, 31 500 Fuß. Ich halte die Maschine in einem sanften Sinkflug, um noch etwas Fahrt für das nächste Manöver zu halten. Ich werde eine etwas andere Variante des Split-S fliegen, damit es nicht zu vorhersehbar ist. Die Fahrt fällt trotz voller Leistung weiter ab, nur noch 0.92 Mach. Der Höhenmesser passiert 31 000 Fuß. Die Overspeed-Warnung klackert noch immer, doch wir befinden uns wieder im erprobten Geschwindigkeitsbereich einer DC-8-61.
„Achtung, Drohne im Zielanflug. Radarerfassung läuft, Bereithalten für Ausweichen!" dröhnt es aus dem Lautsprecher.
Ich ziehe die DC-8 sanft in bei 30 300 Fuß in den Horizontalflug.
„Katniss, die Hand zum Flare-Schalter!"
„Achtung, IR-Aufschaltung! Drohne nähert sich rasch, Entfernung unter einer Meile! Ausweichen, kein Flare!"
Ohne zu zögern drehe ich das Steuer bis zum Anschlag nach rechts. Gleichzeitig ziehe ich das Steuerhorn zu mir heran. Die DC-8 geht in eine steile Steigflugkurve über, und wir werden mit mehr als der doppelten Erdbeschleunigung in den Sitz gedrückt. Die Maschine ächzt und stöhnt unter der Belastung, die nahe an der Grenze des Zumutbaren sein muss.
„Du reißt noch die Tragflächen ab, wenn du so weiter machst!" schreit Clove aufgebracht. Gut möglich, aber wenn uns eine Rakete blöd trifft, kann das aufs Gleiche rauskommen. Ich greife nach den vier Gashebeln und ziehe sie in den Leerlauf. Ich muss mir einen Spielraum für den Sturzflug schaffen, sonst wird mir die Kiste zu schnell. Die Nase zeigt jetzt 20 Grad nach oben, der Höhenmesser passiert 31 500 Fuß. Die Maschine liegt fast senkrecht auf der rechten Seite. Der Fahrtmesser fällt rasch, nur noch 260 Knoten, und 0.74 Mach.
Als die Schräglage der DC-8 die Vertikale überschreitet, ziehe ich die beiden Schubumkehrhebel der Triebwerke 2 und 3 nach hinten. Ein sanfter Ruck geht durch die Maschine. Ich lasse das Flugzeug weiter nach rechts rollen, und ziehe das Steuer zu mir heran, um die DC-8 erneut im Rückenflug abkippen zu lassen. Die Nase nähert sich dem Horizont, und ich ziehe die Schubumkehrhebel bis zum Anschlag zurück. Diesmal werden wir zwar langsamer, dafür aber steiler nach unten stürzen.
Ich spekuliere darauf, dass die Drohne nicht im gleichen Maß abbremsen kann wie wir. Wenn sie zu nahe kommt, kann sie ihre Raketen nicht benutzen, weil es eine Mindestentfernung gibt, unter der der Sprengkopf nicht scharf geschaltet werden kann. So habe ich das zumindest einmal gelesen.
Die Triebwerke heulen auf, die Maschine beginnt zu vibrieren. Der Höhemesser stoppt seinen Anstieg bei knapp über 32 000 Fuß, dann geht es abwärts.
„Drohne extrem dicht, sofort in Sturzflug gehen. Achtung, IR-Aufschaltung aufrecht! Kein Flare!"
Ich ziehe kräftig am Steuer, und werde mit ungefähr der doppelten Erdbeschleunigung in den Sitz gedrückt. Das Rütteln der Schubumkehr übertönt die meisten anderen Geräusche. Irgendetwas scheppert im hinteren Bereich des Cockpits, vielleicht eine leeren Coladose. Oder ein herumliegendes Messer? Egal. Ich ziehe weiter am Steuerhorn, bis die Nase der Maschine fast 60 Grad nach unten zeigt. Es fühlt sich wie senkrecht an. Der Höhenmesser passiert 30 000 Fuß. Fahrt 270 Knoten. Ich kann die Bremswirkung der Schubumkehr fühlen; ohne würden wir bei diesem Sturzwinkel in Kürze die höchstzulässige Fahrt überschreiten.
„Abschuss!" dröhnt plötzlich die Stimme aus dem Lautsprecher.
Katniss betätigt den Flare-Schalter.
„Kurve ausleiten und hochziehen!"
Ich reagiere sofort, und drehe das Steuer bis zum Anschlag nach links. Sobald die Schräglage die Vertikale passiert hat, beginne ich, das Steuerhorn zu mir heranzuziehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich ein Objekt, gefolgt von einem Rauchschweif, dicht an der linken Seite der Maschine vorbeizischen. Die Rakete! Sie muss zu dicht dran gewesen sein, und uns als Ziel verloren haben. Sie verschwindet rasch in einem der verstreuten Wolkenfelder.
„Sie hat uns verfehlt!" rufe ich erleichtert. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Mein heftiges Manöver hat uns in eine gefährliche Lage gebracht. Die Maschine fliegt zwar wieder aufrecht, doch der Bug zeigt immer noch 50 Grad nach unten, und der Fahrtmesser jagt auf die rote Markierung zu. In diesen Höhen begrenzt der maximaler Staudruck die zulässige Fluggeschwindigkeit, wenn wir es da übertreiben, kann es die Maschine wirklich in der Luft zerlegen. Welche Ironie des Schicksals wäre es, wenn wir die Raketen ausgetrickst hätten, aber wegen meines übertriebenen Sturzflugs draufgehen würden?
26 000 Fuß. Ich ziehe das Steuerhorn so weit zu mir heran, wie ich es mir traue. Die Maschine ächzt unter der G-Belastung, und das Rauschen des Luftstroms nimmt eine ohrenbetäubende Lautstärke ein. Dazu rüttelt die Maschine durch die Schubumkehr so stark, dass ich kaum die Instrumente ablesen kann. Die Fahrmessernadel nähert sich der roten Markierung bei 370 Knoten.
„Peter, was machst du da?" fragt Katniss alarmiert.
„Du Idiot bringst uns um!" schreit Clove.
Das Klackern der Overspeed-Warnung ertönt. 22 500 Fuß. Die Nase ist bei 35 Grad angekommen. Wir können es schaffen. Jetzt nur nicht beim Abfangen übertreiben.
„Sofort links abdrehen! Drohne versucht euch zu rammen!" warnt mich die verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher.
Ich gehorche blind, und gehe sofort in eine Linkskurve.
„Sturzflug beibehalten! Ich wiederhole, Sturzflug beibehalten. Drohne versucht Ramm-Manöver!"
Macht der Witze? Wir sind bei 390 Knoten, und ich soll weiter im Sturzflug bleiben? Anscheinend ist das Kapitol ein schlechter Verlierer, und setzt auf einen letzten verzweifelten Versuch, uns doch noch vom Himmel zu holen. Wenn wir das nicht vorher selber tun.
„Steiler einkurven!"
Ich lege die DC-8 in eine Steilkurve nach links, und ziehe das Steuer etwas zu mir heran.
„Katniss, sag mir die Höhe an", rufe ich, ohne den Blick von den Instrumenten abzuwenden. Ich muss mich auf Fluglage und Geschwindigkeit konzentrieren.
„Okay…20 000 Fuß!" antwortet Katniss. Die Nadel des Fahrtmessers steht bei 400 Knoten, kurz vor dem Ende des Messbereichs. Die Nase ist über die 30 Grad Markierung geklettert, aber wir legen immer noch ordentlich an Tempo zu.
„18 000 Fuß!" ruft mir Katniss zu. Fahrt 410 Knoten. Das erprobte Maximum einer DC-8-61 liegt bei 437 Knoten. Aber da waren Testpiloten am Steuer, mit einer neuwertigen Maschine, nicht einem alten Exemplar mit mehreren zehntausend Flugstunden am Buckel. Nicht auseinanderfallen, bitte, nicht auseinanderfallen! Ein Altocumulus-Wolkenfeld schiebt sich in mein Blickfeld. Es sieht aus wie ein Schaumteppich, auf den wir mit atemberaubender Geschwindigkeit zurasen. Optisch weich wie Watte, doch hinter Wolken können sich turbulente Luftschichten verbergen. Bei unserem Tempo fühlt sich jede Turbulenz wie ein Schlagloch in einem Sportwagen an.
Der Höhenmesser passiert 17 000 Fuß. Gleich stoßen wir durch die Wolken.
„Kurve ausleiten!" weist mich die Stimme aus dem Lautsprecher an. Ich drehe das Steuer nach rechts. Die weißen Wolkenhäufchen sind zum Greifen nahe. Für einem Moment drücke ich das Steuer nach vorne, bis ich leicht in meinem Sitz werde, kurz vor der Schwerelosigkeit. Immer schön die Tragflächen entlasten, wenn die Luft rau wird. Die Wolken hüllen uns ein. Ein Ruck geht durch die Maschine, es knarrt und poltert hart in der Struktur. Der Blick nach draußen offenbart ein helles, weißliches Grau. Ich konzentriere mich auf den künstlichen Horizont, und rolle die Maschine in den Horizontalflug.
„16 000 Fuß!" ruft Katniss.
Der Fahrtmesser steht am Anschlag bei 420 Knoten. Plötzlich weicht das helle Grau der Wolken, und gibt den Blick auf den Boden frei. Die schneebedeckten, bewaldeten Kuppen von Distrikt 12 füllen die Windschutzscheibe aus. Die Nase zeigt noch 20 Grad unter den Horizont.
„Jetzt hochziehen!" tönt es aus dem Lautsprecher.
Endlich. Die Fliehkraft drückt mich in den Sitz. Die Geschwindigkeit beginnt zu fallen. 15 000 Fuß. Wir sind wieder fast im Horizontalflug. Der Fahrtmesser fällt unter 400 Knoten.
„Datenübertragung der Drohne abgebrochen. Letzte Daten deuten auf Kontrollverlust und mögliches Ruderflattern mit Strukturversagen aufgrund überhöhter Fahrt hin. Bereithalten für weitere Anweisungen."
Ich atme erleichtert auf. „Sieht so aus, als wären wir diese blöde Drohne endlich los."
Anmerkungen:
1) Der Überschall-Sturzflug basiert auf einem tatsächlichen Testflug mit einer DC-8-43. Auch das plötzliche Nicken nach oben bei 0.95 Mach, und das Vibrieren der Ruderpedale trat dabei auf. Da eine DC-8-61 mit ihren größeren Triebwerken mehr Luftwiderstand bei Mach 1 und aufgrund der anderen Triebwerksbauart weniger Schub bei dieser Geschwindigkeit hat, ist der Sturzflug etwas steiler, deswegen dauert auch das Abfangen länger (es beginnt bei mir auch etwas später).
2) Die DC-8-61 wurde laut Handbuch bis 437 Knoten /0.95 Mach getestet. Die Schubumkehr darf bis 390 Knoten / 0.88 Mach ausgefahren werden, im Notfall auch darüber, allerdings kann die Triebwerksaufhängung beschädigt werden.
Es gibt ab jetzt keine vorgeschriebenen Kapitel mehr. Die Geschichte ist nun am gleichen Stand wie im Forum des Oetinger-Verlags. Updates erfolgen daher nur noch im Abstand von 10-14 Tagen. Ihr findet in meinem Profil ab sofort Angaben zum Stand des jeweils in Arbeit befindlichen neuen Kapitels, inklusive ungefährer Angaben, bis wann es das neue Kapitel gibt. Die Geschichte ist nun zu ca. 80% abgeschlossen. Ich plane eine Fortsetzung welche direkt an "Hunger Flight" anschließt (evtl. mit kleinem Zeitsprung von 2-3 Wochen), wo dann die ganzen Hintergründe mit dem Dimensionsportal aufgeklärt werden, inklusive der einen oder anderen überraschenden Enthüllung was Beetees Rolle dabei betrifft. Wer sich gefragt hat, warum die Rebellen scheinbar so leicht in die Computer des Kapitols rein kommen, wird da die Antwort erhalten.
Überarbeitung:
Anscheinend sind meine im Word eingefügten Abtrennungen der Anmerkungen vom Erzähltext nicht mit dem Story-Format kompatibel. Daher kleben sie direkt unter dem Text, was evtl. verwirrend sein kann. Ich werde daher in den nächsten Tagen die Kapitel durchforsten und eine Abtrennung einbauen, so wie hier.
An dieser Stelle möchte ich mich auch für die Reviews bedanken. Bleibt dran, es lohnt sich!
