Ich ziehe die DC-8 bei 14 000 Fuß in den Horizontalflug. Die Geschwindigkeit fällt unter die rote Markierung, der Overspeed-Alarm verstummt. Die Instrumente zeigen keine abnormalen Werte an, und nachdem Finch bis jetzt auch keine Probleme auf ihrem Instrumentenbrett gemeldet hat, kann ich wohl davon ausgehen, dass die Maschine den Sturzflug einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Falls es wirklich ein paar Antennen abgerissen hat, oder ein paar Wartungsklappen fehlen, ist das unser geringstes Problem. Clove, die nach wie vor sicher auf ihrem Sessel gefesselt ist, hat sich auch nicht zu Wort gemeldet. Sie scheint sich wohl damit abgefunden zu haben, dass sie verloren hat. Oder doch nicht? Wie auch immer, sobald wird unten sind, wird man sie in Gewahrsam nehmen.
Langsam und mit Gefühl schiebe ich die Schubumkehrhebel nach vorne. Das Röhren der Triebwerke verstummt, die Vibrationen lassen nach, bis nur noch ein leichtes Rumpeln zu fühlen ist. Der Fahrtmesser zeigt 340 Knoten an – noch zu schnell, um die Schubumkehr wieder einzufahren. Ich muss warten, bis wir unter 300 Knoten sind, andernfalls könnten sich die Umlenkklappen verklemmen. Während ich darauf warte, dass die DC-8 langsam genug wird, versuche ich mich zu orientieren. Ich habe mich so sehr auf die Manöver konzentriert, dass ich nicht mehr wirklich weiß, wo genau wir sind und wo sich der Flugplatz befindet. Der Kompass zeigt 055 Grad an, gefühlsmäßig müsste die Landebahn links von uns sein. Doch ich kann nichts außer verschneiten, bewaldeten Kuppen, unterbrochen von freien Talflächen, sehen.
Wir können nicht mehr als ein paar Meilen vom Flugplatz entfernt sein, doch genau das ist das Problem. Wir könnten buchstäblich direkt darüber sein, und ihn doch nicht sehen, weil der Sichtwinkel nach unten aus dem Cockpit dafür zu eingeschränkt ist. Das Trägheitsnavigationssystem ist auch keine große Hilfe, weil es von vornherein aufgrund der unvermeidlichen Drift der Kreiselplattform ein paar Meilen daneben lag. Laut Navigationsdisplay liegt der Flugplatz hinter uns, aber ich traue dem System nicht. Ein INS für Verkehrsmaschinen ist nicht dafür gebaut, auch nach Kunstflugmanövern noch verlässliche Daten zu liefern. Mich wundert überhaupt, dass es noch eine Position ausspuckt, meine Manöver hätten die Plattform genauso gut in den „gimbal lock" treiben können. [i]Aus die Maus, wäre dann das Motto. [/i]
Plötzlich erwacht der Lautsprecher zum Leben.
„Haben euch optisch in Sicht. Position östlich des Flugplatzes, leicht südlich der Pistenmittellinie. Empfehlen kurzfristig Kurs 110 zum Ausholen, anschließend Linkskurve auf Kurs 340 in Queranflug auf Piste 25. Sichtanflug möglich, Wind 290 Grad mit 05 Knoten. QNH 1022. Entfernung fünf bis zehn Meilen. Empfang durch zweimaliges Klicken der Sprechtaste bestätigen. Für Wiederholung vier Mal klicken."
[i]Danke! Genau das habe ich gebraucht. [/i]
„Leute, wir landen gleich!" verkünde ich, und stelle den Höhenmesser auf den durchgegebenen QNH-Wert ein, damit er die Höhe korrekt anzeigt. Dann drehe ich nach rechts auf Kurs 110 ab. Die Fahrt ist auf 290 Knoten gesunken, und ich bringe die Maschine in den Sinkflug. Ich beschließe, die Schubumkehr erst mal draußen zu lassen, um rasch Höhe abzubauen. Ich will die DC-8 so schnell wie möglich auf den Boden bekommen.
„Katniss, sieh im Staufach rechts neben dir nach, ob du eine Checkliste finden kannst!" rufe ich, ohne meinen Blick von den Instrumenten abzuwenden.
„Wie sieht die aus?"
„Wie eine Checkliste halt. So ein großer zusammengefalteter laminierter Zettel, oder ein kleiner Ringbuchordner."
Katniss beginnt, im Ablagefach zu kramen.
„So wie das hier?" fragt sie und reicht mir einen beidseitig bedruckten Zettel mit der Aufschrift DC-8-61 Checklist.
Ich nicke. „Genau das. Du musst mir jetzt die Punkte ab ‚Sinkflug' vorlesen", sage ich, und gebe Katniss die Checkliste zurück.
Dann wende ich mich an Finch.
„Du musst jetzt den Kabinendruck-Kontrollhebel nach vorne schieben, bis das Kabinendruck-Variometer mindestens 2 000 Fuß pro Minuten Sinken anzeigt. Besser 2 500. Und sieh nach, ob die LOW PRESSURE PNEUMATIC Schalter auf HIGH stehen!"
„Schalter sind auf HIGH…und die Kabinenhöhe sinkt mit 2 500 Fuß pro Minute!" antwortet Finch. Das ist es, was ich an ihr schätze. Sie funktioniert.
Der Höhenmesser passiert 10 000 Fuß. Es knackt in meinen Ohren. So wie es sich anfühlt, hat sich das Negativdruck-Entlastungsventil geöffnet, weil wir im Sinkflug schneller als die Kabine gesunken sind. Ein Komfortproblem, das ich ignorieren kann. Noch immer nicht vollständig orientiert, beschließe ich, nicht weiter vom Flugplatz wegzufliegen, und drehe nach links in den Queranflug auf die Landebahn ab. Ich sollte sie in Kürze im Seitenfenster sehen können.
„Katniss, beginn die Liste Punkt für Punkt vorzulesen!"
„Okay…vor Triebwerksstart…nein…ab wo noch mal?"
„Ab Sinkflug! Müsste auf der Rückseite sein!"
Katniss dreht die Checkliste um.
„Sinkflug…Kabinenzeichen ein?"
Nachdem hinten keiner mehr lebt…
„Vergiss es – weiter!"
„PTC – RETRACT und OVERRIDE?"
Ich werfe einen Blick auf die Stange am Copiloten-Steuerhorn, ob der Pitch Trim Compensator, oder „der Wurm" wie Katniss die Anzeige bezeichnet hat, eingefahren ist.
„Der Wurm ist drin", sage ich lächelnd zu ihr, und lege den PTC-Schalter auf der linken Seite der Mittelkonsole nach hinten auf OVERRIDE. Der Pitch Trim Compensator wird nur im Hochgeschwindigkeitsflug benötigt, und damit er nicht im Falle einer Fehlfunktion im Landeanflug dazwischenfunkt, wird er sicherheitshalber ausgeschaltet.
Katniss setzt die Checkliste unbeeindruckt fort.
„Höhenmesser eingestellt und geprüft?"
Ich nicke. „Ja."
„Hydraulikpumpen und Druck?"
Dieser Punkt betrifft den Flugingenieur.
„Finch, sieh nach, ob die Schalter für die Triebwerks-Hydraulikpumpen auf ein stehen, und sag mir, wo die Druckanzeigen stehen. Ist beides im oberen rechten Bereich des Instrumentenbretts!" rufe ich nach hinten.
„Schalter sind ein, Druck im Hauptsystem ist bei 3 000 psi, Bremsdruck ebenfalls, Füllstand fast voll, Spoilerhydraulik-Druck ist bei Null", antwortet Finch.
In diesem Moment rückt die Landebahn von Distrikt 12 in mein Sichtfeld. Wir sind viel näher dran, als ich vermutet habe. Zu nahe. Instinktiv greife ich nach dem Schubumkehrhebeln der Triebwerke zwei und drei und ziehe sie bis zum Anschlag nach hinten. Gleichzeitig drück ich das Steuerhorn nach vorne.
„Was ist los?" fragt Katniss verschreckt. Der plötzliche Übergang in einen steilen Sinkflug hat sie völlig unerwartet getroffen.
„Wir sind viel zu hoch!" entgegne ich. „Ich versuche, uns mit der Schubumkehr runter zu bringen, aber es kann sein, dass wir eine Ehrenrunde um den Flugplatz drehen müssen, um Höhe abzubauen!"
„Wie lange dauert das?"
„Fünf Minuten vielleicht?"
„Peter, denk an Prim! Wir müssen so schnell wie möglich runter!" fleht Katniss. Noch sind die Truppen nicht in Sicht, aber die Uhr läuft unaufhaltsam. Ich hasse den Gedanken, unsere Landung weiter zu verzögern genauso wie Katniss, aber wenn ich die Maschine nicht rechtzeitig runter bekomme, bleibt mir keine andere Wahl.
„Ich werde mich bemühen", werfe ich Katniss aufmunternd zu.
Der Höhenmesser passiert 8 000 Fuß. Bei 290 Knoten ist der Sinkwinkel trotz Schubumkehr spürbar flacher als bei der maximal zulässigen Fahrt, aber ich habe Bedenken, dass ich die Maschine nicht abgebremst bekomme, wenn ich zu viel Tempo zulege. Wir wären dann zwar vielleicht niedrig genug für den Anflug, aber zu schnell, um Fahrwerk und Klappen rechtzeitig auszufahren.
„Weiter mit der Checkliste!" kommandiere ich.
„Gut…Kabinendruck?"
„Finch? Kabinendruck?" rufe ich nach hinten.
„Kabinendruck ist bei 7 500. Kein Differenzdruck. Wir scheinen schneller zu sinken, als das System den Druck aufbauen kann!"
„Gut. Dann konfigurieren wir die Druckregelung gleich für den Anflug! Finch, schalte die Turbokompressoren eins und vier aus. Stell den Kabinendruck-Sollwert auf 3 000 Fuß ein. Bringt zwar nichts, aber dann haben wir gleich den richtigen Wert, wenn wir wieder starten!"
Wenn wir je wieder starten…keine sichere Sache nach einer Landung auf der desolaten Bahn von Distrikt 12. Es könnte genauso gut sein, dass wir nachher unser Fahrwerk in Einzelteilen von der Landebahn klauben können…
7 000 Fuß. Wir nähern uns der verlängerten Mittellinie der Bahn. Noch einen kurzen Moment, dann lege ich die DC-8 in eine Linkskurve direkt auf die 5 500 Fuß lange Betonpiste zu.
„Cockpitheizung und Klimaanlage?" setzt Katniss die Checkliste fort.
„Sind ok. Weiter!"
„Treibstoffmanagement?"
„Finch, sieh nach, ob alle Haupttankpumpen auf BOOST and FEED stehen, und ob die Tankwahlhebel auf MAIN und die Crossfeed-Hebel oben stehen!"
„Moment…Pumpen sind ein, Tankwahlhebel MAIN und Crossfeeds aus, ähm, oben!"
„Landedaten?" fragt Katniss.
„Moment!"
Ich drücke ein paar Tasten am FMC, um die LANDING REFERENCE – Seite aufzurufen. Der Computer gibt für unser aktuelles Gewicht eine Geschwindigkeit von 124 Knoten über der Landebahnschwelle bei einer Klappenstellung von 50 Grad an.
„Landedaten gecheckt – Klappen 50, 124 Knoten!"
Die Landebahn ist unkomfortabel nahe. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sich das nicht ausgehen kann. Aber es gibt noch einen letzten Trick. Ich kann Schlangenlinien fliegen, um die verfügbare Wegstrecke zum Sinken und Abbremsen zu vergrößern. Einen Versuch ist es wert.
„Ich werde jetzt abwechselnd ein paar Kurven nach links und rechts fliegen, um Höhe abzubauen. Nicht schrecken!" warne ich die anderen vor.
„Katniss, weiter mit der Liste!"
„Ok...Lande-Briefing?"
„Fällt aus, keine Zeit!"
„Kabinen-Tonsignal unter 10 000 Fuß?"
„Überflüssig. Weiter."
6 000 Fuß. Komm schon, runter mit dir!
„Soll ich mit den Punkten unter ‚Anflug' weitermachen?" fragt Katniss.
„Ja."
„Flaps und Slots?"
„Fahren wir später aus."
„Fluginstrumente und Navigation?"
„Alles ok."
„INS-NAV Schalter auf NAV?"
Ich winke ab.
„Überflüssig. Landebahn in Sicht."
„Standby Rudder Power?"
Das ist wieder etwas für meine Flugingenieurin. Für den Fall, dass das Haupt-Hydrauliksystem ausfallen sollte, hätten wir dann ein Backup für das Seitenruder, damit es weiter mit Hydraulikunterstützung versorgt wird.
„Finch, ganz links am Rand des Instrumentenbretts ist ein Schalter mit der Aufschrift STANDBY RUDDER POWER. Drücke ihn kurz in die Stellung START und lasse ihn dann los. Es müsste direkt darüber ein blaues Licht angehen!"
„Hab ihn. Das Licht ist an!" antwortet Finch nach ein paar Sekunden Verzögerung.
„Höhemesser?" fragt Katniss.
„Ist eingestellt."
Plötzlich erwacht der Cockpitlautsprecher zum Leben.
„Zur Information: Anflug sieht aus unserer Sicht zu hoch aus. Empfehlen nötigenfalls Durchstarten und erneuten Anflug. Zeit bis Truppen in Feuerreichweite mindestens 30 Minuten."
„Danke, das weiß ich auch", murmle ich genervt. Ein Blick auf den Höhenmesser – 4 500 Fuß. Der Flugplatz liegt auf rund 1 800 Fuß. Es könnte sich ausgehen, aber es wird knapp.
„Die Liste ‚Anflug' ist fertig!" ruft mir Katniss zu.
„Dann weiter mit ‚vor Landung'"!" weise ich sie an. „Aber lass alles, was mit Kabine, Fahrwerk oder Klappen zu tun hat weg!"
Katniss nickt mir zu.
„OK…Spoiler?"
Ich beuge mich über die Mittelkonsole und ziehe den Spoilerhebel vorsichtig nach oben, bis eine rote Markierung sichtbar wird.
„Spoilers armed!" sage ich zu Katniss.
„Hydraulik?"
„Finch? Alles beim alten?
„Ja. Druck bei 3 000 psi, kein Spoilerdruck. Passt das?"
Kein Spoilerdruck? Der müsste doch jetzt stehen? Mein Blick fällt auf den Fahrwerkshebel, der noch immer auf UP steht. Ohne ausgefahrenes Fahrwerk läuft die Pumpe für das Spoiler-Hydrauliksystem nicht an, deswegen auch kein Druck.
„Alles ok. Spoilerdruck kommt erst, wenn das Fahrwerk draußen ist", gebe ich knapp zur Antwort.
„Zündung?" fragt Katniss.
Ich greife nach oben und drücke den Schalter mit der Aufschrift CONTINUOUS IGNITION nach vorne in die Position ALL ENGINES.
„Zündung für alle Triebwerke ist ein", antworte ich. Eine Vorsichtsmaßnahme, um einen Flame-Out im Landeanflug zu vermeiden.
„Gierdämpfer?"
Ich werfe einen kurzen Kontrollblick auf das Autopilot-Panel.
„Ist ein."
„Treibstoffsystem?"
„Haben wir schon geprüft. Weiter."
„TCs…was ist das?" fragt Katniss.
Verdammte Abkürzungen!
„Turbokompressoren. Finch, schalt die beiden verbliebenen Turbokompressoren aus!"
Ich höre das Klicken von Schaltern.
„Turbokompressoren sind aus."
„Klappen?" fragt Katniss.
„Später."
„Die Liste ist fertig!"
„Leg sie zur Seite!" weise ich Katniss an. Der Höhemesser passiert 3 500 Fuß. Gefühlsmäßig schneiden wir gerade den optimalen Gleitpfad für den Anflug. Zeit, die Maschine abzufangen. Ich plane bis auf ungefähr 2 500 Fuß zu sinken, dann die Geschwindigkeit zu verringern, Fahrwerk und Klappen auszufahren und hoffentlich die Maschine auf die Piste zwingen zu können. Danach werde ich meine Copilotin brauchen.
„Katniss, nach dem Aufsetzen werde ich deine Hilfe brauchen. Mein rechtes Bein ist verletzt, und ich weiß nicht, ob ich damit die Radbremsen betätigen kann. Wenn ich es dir sage, drückst du die beiden Pedale am Boden mit den Zehenspitzen am oberen Rand nach unten!"
„Warte mal. Das muss ich mir anschauen!" entgegnet Katniss, und platziert ihre Füße auf den Pedalen. „Soll ich mal probieren?"
„Ja. Aber vorsichtig. Nicht dass du mir ins Seitenruder trittst!"
„Ok. Ich glaube, ich hab es!" verkündet Katniss.
„Dann nimm die Füße wieder runter!"
2 500 Fuß. Ich bringe die DC-8 in den Horizontalflug. Die Fahrt ist auf 280 Knoten gefallen, und fällt rasch weiter.
„Katniss, du musst gleich das Fahrwerk für mich ausfahren. Siehst du den großen Hebel gleich links von dir, in der Mitte des Instrumentenbretts?"
„Ja. Der große mit dem Rädchen dran. Ist das der richtige?"
„Genau. Wenn ich es dir sage, ziehst du ihn etwas zu dir heran und drückst ihn so weit es geht nach unten!" weise ich Katniss an.
250 Knoten. Die Landebahn ist zum Greifen nah. Zu nah.
„Empfehlen dringend Durchstart! Anflug viel zu schnell!" tönt es verzerrt aus dem Cockpitlautsprecher. In der Stimme ist ein Hauch von Panik zu erkennen.
„Peter?" fragt Katniss verunsichert.
„Es wird knapp!"
240 Knoten.
„Bereit fürs Fahrwerk?"
Katniss nickt. „Bereit."
230 Knoten.
„Fahrwerk ausfahren!" rufe ich ihr zu.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Katniss etwas unbeholfen am Hebel herumfummelt, ehe sie ihn mit Schwung nach unten drückt. Mit einem lauten Rumpeln öffnen sich die Klappen der Fahrwerksschächte, und die Räder klappen in den Luftstrom. Drei grüne Lämpchen zeigen an, dass das Fahrwerk ordnungsgemäß verriegelt wurde. Der erhöhte Widerstand lässt die Maschine rascher an Tempo verlieren. Aber noch nicht genug.
Ohne lange nachzudenken, ziehe ich die Schubumkehrhebel der beiden Außentriebwerke eins und vier nach hinten. Die DC-8 schlingert leicht, als sich die Umlenkklappen nicht absolut synchron schließen. Ich kann zwar die Triebwerksleistung auf eins und vier nicht über Leerlauf erhöhen, weil dies eine mechanische Sperre im Flug verhindert, aber der zusätzliche Bremseffekt ist trotzdem spürbar, und könnte den Unterschied zwischen einer Direktlandung und einem sonst nötigen Durchstarten machen.
Ich wundere mich fast ein wenig, dass Clove meinen waghalsigen Anflug gar nicht kommentiert. Sie ist doch sonst nicht so auf den Mund gefallen. Aber darum kann ich mir jetzt keine Gedanken machen.
200 Knoten. Ich lasse die Maschine ein Stück tiefer sinken, um unter dem Gleitpfad zu bleiben. Jetzt geht es darum, den richtigen Moment zu treffen, um die Landeklappen auszufahren. Sobald ich das tue, muss ich die Schubumkehr ausschalten, Schubumkehr und Klappen dürfen im Flug nicht miteinander verwendet werden. Die Minimalgeschwindigkeit für Schubumkehr im Flug liegt bei 190 Knoten. Das ist der Punkt, entscheide ich.
FIVE HUNDRED verkündet die Computerstimme des Radar-Höhenmessers. Noch 500 Fuß bis zum Boden. Ich überlege, ob ich Katniss die Klappen ausfahren lassen soll, doch ich habe keine Zeit, um ihr das zu erklären.
190 Knoten. Ich drücke die Schubumkehrhebel der Triebwerke zwei und drei in die Leerlaufposition, und schalte die Schubumkehr auf eins und vier komplett ab. Dann greife ich schnell zum Klappenhebel und ziehe ihn in einem Zug ganz nach hinten bis zur 50 Grad-Klappenposition, ohne in einer der Zwischenstufen Halt zu machen.
FOUR HUNDRED. Die Klappenpositionsanzeige beginnt sich zu bewegen. Schubumkehr der Triebwerke zwei und drei aus. Das Vibrieren verstummt. Ohne die Bremswirkung des Umkehrschubs habe ich das Gefühl, über die Landebahn hinauszuschießen. Die ausfahrenden Klappen erhöhen den Auftrieb der Tragflächen, und es scheint, als würde die Maschine förmlich zu schweben, anstatt weiter auf den Boden zu zu sinken.
„Peter, das sieht nicht gut aus!" merkt Katniss besorgt an. Sie hat zwar keine Ahnung vom Fliegen, doch dieser Anflug ist so falsch, dass es selbst einem absoluten Laien auffällt, dass er nichts mehr mit einem sicheren Flugbetrieb zu tun hat. Plötzlich höre ich hinter mir ein leises Klicken. Was das wohl gewesen ist?
THREE HUNDRED. Die Klappen passieren die 30 Grad Stellung, und beginnen, nun neben Auftrieb auch ordentlich Luftwiderstand zu erzeugen. Die Landebahn rast auf uns zu. Fahrt 160 Knoten und fallend. Wir kommen flach, aber schnell herein. Im Kopf gehe ich die Checkliste noch einmal durch. Habe ich etwas vergessen? Klappen fahren aus, Fahrwerk ausgefahren und verriegelt, Spoiler vorgewählt für automatisches Ausfahren. Halt, der Spoilerdruck!
„Finch, was macht der Spoiler-Hydraulikdruck?" rufe ich.
„Steigt. Knapp unter 2 000 und steigend!"
Die Elektropumpe benötigt erfahrungsgemäß einige Zeit, um den vollen Druck aufzubauen. Hoffentlich geht es sich bis zum Aufsetzen aus.
Wieder klickt und rumpelt es hinter mir. Bevor mir irgendeine Idee kommt, was diese Geräusche verursachen könnte, höre ich plötzlich schnelle Schritte.
„Finch? Bist du das?" rufe ich, ohne mich umzudrehen.
In meinem Augenwinkel bewegt sich etwas.
„Pee….!" Setzt Finch einen Schrei an, ehe ein metallisches Geräusch durch das Cockpit hallt.
Ich ahne, was das bedeuten muss. Das darf doch nicht wahr sein! Der Schatten, den ich aus dem Augenwinkel gesehen habe, kommt rasch näher. Dann sehe ich sie. Clove! Sie legt ihre Hände in einem Würgegriff um Katniss Hals. Nein! Nicht schon wieder! Warum muss immer Katniss Cloves Opfer sein?
„Durchstarten, oder ich erwürge sie! Mach schon!" faucht Clove in meine Richtung.
Ich zögere. Noch zehn oder fünfzehn Sekunden, und wir wären am Boden. Katniss scheint das Selbe zu denken.
Clove verengt ihren schraubstockartigen Griff, und Katniss beginnt, gequält nach Luft zu ringen. Ihr Blick trifft mich wie ein glühender Speer. Sie leidet, und ich kann nichts dagegen tun.
„Durchstarten! Los jetzt!"
Ich habe keine Wahl. ONE HUNDRED meldete die Stimme des Radarhöhenmessers, 100 Fuß. Seufzend schiebe ich die Schubhebel nach vorne. Da die Triebwerke im Leerlauf waren, gewinnen sie zunächst nur langsam an Drehzahl. Die Fahrt ist auf 130 Knoten gefallen, nur noch leicht über der empfohlenen Anfluggeschwindigkeit. Wir hätten es schaffen können.
„Was dauert das so lange?" fährt mich Clove an.
Quälend langsam klettern die Drehzahlanzeigen der Triebwerke nach oben. Ich kann die Maschine noch nicht hochziehen – ohne ausreichend Schub würden wir so viel Fahrt verlieren, dass die Strömung an den Tragflächen unweigerlich abreißt.
Endlich reagieren die Triebwerke. Ich schiebe die Schubhebel weiter nach vorne, stets mit Blick auf die EPR-Anzeigen, um den zulässigen Schubwert nicht zu überschreiten.
Mist, ich habe vergessen, die Bugs zu setzen!
Ich blicke kurz zur Anzeige des Schubrechners. 1,9irgendwas. Endlich kommen die vier Pratt&Whitneys auf Touren, die EPR-Anzeigen schnellen nach oben, und die DC-8 beginnt zu beschleunigen. Die Landebahnschwelle rast unter uns vorbei. FITFTY meldet der Computer. Nur noch 50 Fuß, und wir wären am Boden gewesen. Die Maschine sinkt noch immer leicht, der Schub ist bei 1.9 auf der EPR-Anzeige, der Fahrtmesser klettert nach oben. Ich ziehe leicht am Steuer, um in den Steigflug überzugehen. Ich fliege wie ferngesteuert, mechanisch, ohne die Leidenschaft und Begeisterung, die ich sonst spüre. Im Normalfall bin ich stets bestrebt, sanft und präzise zu steuern, doch jetzt komme ich mir vor wie ein Alkoholiker, der im Rausch mit dem Auto von der Kneipe nach Hause fährt. Ich fliege, ohne wirklich bei der Sache zu sein.
„Keine Tricks!" befiehlt Clove barsch. Wahrscheinlich kennt sie mittlerweile meinen Hang zu plötzlichen, unberechenbaren wilden Manövern. Dabei sind meine Optionen dafür im Moment sehr eingeschränkt. Sicher, ich könnte versuchen, die DC-8 steil hochzuziehen, doch dafür habe ich nicht genug Fahrt. Und so wie Clove Katniss im Würgegriff hält, würde sie sicher nicht das Gleichgewicht verlieren. Im Gegenteil, ich könnte Katniss durch ein unüberlegtes Manöver töten. Das Gefühl der Machtlosigkeit brennt mir in der Magengrube, und ich muss mich förmlich zwingen, die Instrumente im Auge zu behalten.
Die Höhenmessernadel beginnt zuerst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit im Uhrzeigersinn zu wandern. Positive Steigrate. Ich beuge mich nach rechts und greife zum Klappenhebel. Flaps 25. Meine Hand wandert zum Fahrwerkshebel. Gear up. Die Landebahn verschwindet nach unten aus meinem Sichtfeld. Ich habe die Leute am Boden nicht mal gesehen. Wahrscheinlich denken die immer noch, dass ich einfach aus Sicherheitsgründen durchgestartet bin.
„Bestätige weiteres Vorgehen – erneuter Anflug auf 25, zwei mal Klicken, wenn Anflug auf 07 gewünscht, vier mal Klicken. Achtung, Rückenwind bei Landung auf 07, errechnete Landestrecke in diesem Fall 500 Fuß zu kurz. Falls technische oder andere Probleme bestehen, sechs mal Klicken und wenn möglich Info über ACARS" tönt es aus dem Lautsprecher.
„Keine Klicks!" befiehlt Clove, und ändert ihren Würgegriff, um eine Hand frei zu bekommen. „Sonst ….". Ohne Vorwarnung packt Katniss mit beiden Armen Cloves verbliebenen Arm, und bohrt ihre Fingernägel so fest sie kann in Cloves Haut.
„Du Miststück!"
Ohne zu zögern packt Clove Katniss verbrannten Arm. Ein Schmerzensschrei hallt durch das Cockpit. Es tut mir förmlich selber weh, Katniss so leiden zu sehen. Wut steigt in mir auf, und ich muss mich zusammenreißen, um nichts Unüberlegtes zu tun. Wenn ich jetzt ein Messer hätte, ich glaube, ich würde es Clove ohne zu zögern in die Seite rammen. Ich versuche, aus Katniss schmerzverzerrtem Gesicht irgendeine stille Botschaft, eine Anweisung, was ich tun soll, herauszulesen, doch es gelingt mir nicht.
Clove fingert irgendetwas aus ihrer Hose. Ein kleines Messer.
„So, und jetzt gehtst du auf Kurs 300 Grad, beschleunigst auf Steiggeschwindigkeit und schaltest den Autopiloten ein. Ab jetzt tanzt du nach meiner Pfeife, oder du kannst dich von deiner Katniss verabschieden!" Clove wirft meiner Partnerin ein zynisches Lächeln zu, und greift noch einmal mit ihrer Hand direkt auf die Brandwunde. Katniss zuckt zusammen, und unterdrückt mit aller Gewalt einen weiteren Schmerzensschrei. Meine Wut auf Clove steigt. Warum muss sie meiner armen Katniss das antun? Warum kann sie nicht einfach sagen, was sie will, ohnen Katniss zu foltern? Reicht es nicht, dass sie ihr Leben bedroht?
„Wirklich tapfer, deine Kleine. Gut, sie hat ja zwei Tabletten intus, aber trotzdem. Wird ihr nur nichts nützen. Und jetzt, beschleunigen!" befiehlt Clove.
Ich habe keine Wahl. Widerwillig lege ich die DC-8 in eine Rechtskurve, und nehme die Nase ein Stück nach unten, um zu beschleunigen. Klappen zehn. Triebwerke auf Steigleistung, 1.83 EPR.
„Was soll das werden?" frage ich Clove.
„Du wirst mich dorthin fliegen, wohin ich es dir sage. Dreimal darfst du raten!"
„Wenn du den Flugplatz in Distrikt zehn meinst, den schaffen wir nicht mehr". Ich deute auf die Treibstoffanzeige. „17 000 Pfund, das ist zu wenig. Es ist Distrikt 12 oder Kanada, alles andere kannst du vergessen":
Clove bricht in gekünsteltes Gelächter aus.
„Du hältst dich wohl für den Oberschlauen. Gut, dass du ein wenig verrückt bist, das weiß ich ja, aber dass du so dämlich bist, hätte ich nicht gedacht. Glaubst du wirklich, dass wir so einen Fall überhaupt nicht vorhergesehen haben? Kanada! Dass ich nicht lache!"
„Dir wird das Lachen noch vergehen!", zischt Katniss angestrengt, noch immer in Cloves Einhand-Würgegriff nach Luft ringend. „Wenn der Sprit aus ist, dann war es das, auch für dich."
„Du bist nicht gefragt!" entgegnet Clove scharf, und wendet sich in meine Richtung. „Und du, sieh mal zu, dass wir Tempo machen. Und nur zur Info – wir fliegen zu einem Flugplatz, den du nicht kennst. Ist ungefähr 140 Meilen von hier entfernt, und die schaffen wir leicht. Also spar dir deine Kommentare mit dem Sprit. Rechnen kann ich selber!"
Das war es also. Adieu Distrikt 12, adieu Prim. Wir waren so nah dran, und haben es nicht geschafft. Ich ahne, was jetzt auf uns zukommt. Clove wird uns zwingen, auf einem Flugplatz zu landen, der vom Kapitol kontrolliert wird. Wenn wir Glück haben, bleiben wir am Leben, bis die Maschine steht. Spätestens dann wird Clove uns töten. Oder man nimmt uns in Gewahrsam, fragt uns aus, und zeigt uns im Großbild, wie Prim und alle anderen am Flugplatz von Distrikt 12 grausam von den Truppen getötet werden. Damit wir noch das Gefühl der absoluten Niederlage und Machtlosigkeit erfahren dürfen, bevor wir sterben.
In Katniss Augen stehen Tränen. Ich bin mir sicher, dass nicht ihre körperlichen Schmerzen als Ursache dahinter stehen. Sie muss erkannt haben, dass mit Cloves Machtübernahme Prim so gut wie tot ist. Mein Versprechen, sie zu retten – nichts als Schall und Rauch. Resigniert schiebe ich den Klappenhebel ganz nach vorne. Flaps up.
„Und jetzt, den Autopiloten einschalten!" befiehlt Clove, und hält das kleine Messer an Katniss Hals. „Ich drehe mich jetzt kurz um und schalte die Turbokompressoren ein. Mach eine falsche Handbewegung, und deine Kohlengräberin hat es hinter sich!"
Mist. Wenn Clove die Kompressoren vergessen hätte, hätten wir vielleicht eine Chance gehabt, sie zu überwältigen, wenn der Druck zu niedrig wird.
Mit Katniss Leben am seidenen Faden wage ich keine Gegenwehr. Ich höre, wie die Kompressoren anlaufen. Warme Luft strömt ins Cockpit. Clove hantiert am Druckkontrollhebel herum, und stellt die Regelung auf Automatikbetrieb.
Meine rechte Hand liegt am Autopilot-Kontrollpanel. Ein Klick, und der Computer steuert die Maschine. Ich zögere. Wenn der Autopilot fliegt, bin ich überflüssig. Warum sollte mich Clove am Leben lassen? Ich werfe einen Blick nach hinten. Finch ist in ihrem Sitz zusammengesunken, ihr Kopf hängt regungslos nach vorne. Ihre feuerroten Haare sind über dem linken Ohr mit Blut durchtränkt. Clove muss mit irgendeinem harten Objekt auf ihren Schädel geschlagen haben! Mein Magen krampft sich zusammen. Hoffentlich ist Finch nur bewusstlos!
„Nach vorne schauen!" fährt mich Clove an. „Und wenn jetzt nicht augenblicklich dieser verdammte Autopilot ein ist, dann steche ich deine Katniss hier ab. Das ist die letzte Warnung!"
Ich habe keine Wahl. Mit einem Klick schiebe ich den schwergängigen Hauptschalter des Autopiloten nach vorne. IAS HOLD ein, 250 Knoten.
„Hände weg vom Steuerhorn!" befiehlt Clove. „Jetzt strecke sie langsam nach vorne. So dass ich sie sehen kann!"
Ich tue, wie mir geheißen wird.
Während sie mit ihrer rechten Hand weiter das Messer an Katniss Hals hält, wirft mir Clove mit ihrer linken Hand die Handschellen zu.
„Arme an den Rücken und anlegen!"
Die Handschellen! Wie hat sie die bloß aufbekommen?
„Eines wüsste ich gerne", frage ich, „wie bist du die Handschellen losgeworden?"
„Sagen wir mal, ich war für genau so einen Fall vorbereitet. Hat nur etwas länger gedauert, an den Schlüssel ran zu kommen", entgegnet Clove mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. Ihrer Miene verhärtet sich. „Und jetzt, die Hände nach hinten und auf einer Hand anlegen. Mach schon!"
Damit ist die letzte Chance der Gegenwehr vergeben. Katniss Blick scheint „tu das nicht" zu sagen, doch meine Sorge um ihr Leben lässt mir keine Wahl. Mit einem Klicken drücke ich die Schelle an meinem linken Handgelenk zu. Clove schließt grob die andere Handschelle.
„So, nachdem du jetzt keinen Unfug mehr machen kannst, will ich dir eine kleine Lektion erteilen", beginnt sie. Mir schwant Übles.
„Ich will, dass du am eigenen Leib erfährst, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Also, irgendwelche letzten Worte, die du deiner Kohlengräberin noch mit auf ihren letzten Weg geben willst?"
„Nein!" flehe ich. „Lass Katniss in Ruhe! Sie kann doch nichts dafür, dass Cato tot ist. Ich habe den Druck abgesenkt, schon vergessen?"
„Das hättest du wohl gerne!" entgegnet Clove. „Aber nachdem du Idiot dich selbst gefesselt hast, anstatt zu versuchen, mich auszuschalten, wird dir nichts anderes übrig bleiben, als bei meiner Lektion zuzuschauen. Keine Angst, es wird eine Weile dauern! Und danach bekommst du deine Strafe, und darfst Katniss in den Tod folgen. Versprochen!"
Mit einem zynischem Lächeln setzt Clove das Messer an Katniss Lippen.
„Schöner Mund. Mal sehen, ob ich daran etwas verbessern kann!"
„Aufhören!" schreie ich. Vergeblich. Katniss windet sich in ihrem Sitz, als Clove zu schneiden beginnt. Tränen steigen in meine Augen. Katniss sieht mich flehend an. Aber ich kann nichts tun. Oder doch? Meine Beine sind noch immer frei beweglich, die Ruderpedale in Reichweite. Mein linkes Bein ist unverletzt. Wenn ich mit aller Kraft ins Seitenruder trete, würde die Maschine ins Schlingern geraten, und Clove könnte das Gleichgewicht verlieren. Und der Autopilot würde vermutlich aussteigen. Katniss scheint meinen Gedanken zu erraten, und nickt mir verhalten zu. Was haben wir schon zu verlieren?
Ich hole tief Luft und trete das Pedal nach vorne. Die DC-8 reagiert sofort, die Nase giert heftig nach links. Das rote AUTOPILOT DISCONNECT Warnlicht leuchtet auf, ein Alarmton ertönt. Clove lockert ihren Würgegriff, und hat sichtlich damit zu tun, auf den Beinen zu bleiben.
„Du Narr!" schreit sie mich an, und greift mit ihrer linken Hand nach dem Steuerhorn, um die rasch nach links abkippende Maschine unter Kontrolle zu bringen. Doch aus ihrer Position kann sie mit einer Hand nicht genug Kraft aufbringen, um die Wirkung des Seitenruders mit Gegenquerruder nach rechts zu überwinden. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihren Würgegriff zu lösen und auch mit der rechten Hand nach dem Steuerhorn zu greifen.
Die DC-8 liegt mittlerweile gefährlich steil auf der Seite. Als Clove Gegenquerruder gibt, beginnt sich die Maschine unnatürlich mit dem Rumpf quer zur Flugrichtung zu stellen, zu „slippen", wie ein Segelflugzeug. Nur dass eine DC-8 für solche Manöver nicht gebaut ist. Die Maschine beginnt zu rütteln und zu vibrieren.
„Du verdammter Idiot!" flucht Clove, als Katniss ihre Chance wittert und rasch ihre Gurte löst. Ihr Körper schnellt nach oben, und ihre linke Faust nimmt Kurs auf Cloves Gesicht. Instinktiv duckt sie sich zur Seite. Katniss Schlag streift Clove nur, ohne ihr wirklich Schaden zuzufügen. Doch ihr Ausweichmanöver hat dazu geführt, dass sie für einen Moment das Steuer losgelassen hat.
Mit noch immer vollem Seitenruder links droht sich die DC-8 auf den Rücken zu drehen. Ich lasse nehme den Druck vom linken Pedal und trete ins rechte. Ein stechender Schmerz zuckt durch meinen verletzen Knöchel. Ich beiße die Zähne zusammen. Langsam richtet sich die Maschine wieder auf. Neben mir ist ein richtiger Kampf zwischen Katniss und Clove im Gange. Katniss schlägt wild um sich, doch Clove als Karriero beginnt, die Oberhand zu gewinnen. Ich überlege, ob ich erneut ordentlich ins Ruder steigen soll, als ich sehe, wie Clove mit ihrem Arm, das Messer in der Hand, ausholt. Nein!
Plötzlich höre ich schnelle Schritte hinter mir. Dann ertönt eine Stimme, die sich seit einer guten Stunde nicht mehr gehört habe, und von der ich nicht erwartet hätte, sie je wieder zu hören.
„Die Hände hoch, oder ich schieße!", befiehlt die Stimme eines Toten.
Anmerkungen:
1) „Gimbal lock" bedeutet „kardanische Blockade" und tritt auf, wenn eine vollkardanisch aufgehängter Kreisel derart ausgerichtet wird, dass zwei Bewegungsachsen zusammenfallen. In diesem Fall fehlt einer von drei Winkeln, die Lageinformation ist nicht mehr eindeutig feststellbar. Im Falle der Trägheitsnavigationsplattform bedeutet das, dass keine Position mehr berechnet werden kann. Normalerweise sind die Plattformen so ausgelegt, dass das bei normalen Manövern nicht passieren kann. Bei Kunstflug sieht es anders aus…
2) Es gibt Geschwindigkeitslimits für Fahrwerk und Klappen. Für das Fahrwerk gilt eine Maximalgeschwindigkeit von 230 Knoten, für die Landeklappen bis 15 Grad ebenfalls 230 Knoten, von 15-25 Grad 220 Knoten, und für 25-50 Grad 206 Knoten.
3) Die Schubumkehr auf den Triebwerken 1 (links außen) und 4 (rechts außen) kann ausgefahren werden, wenn das Fahrwerk ausgefahren ist. Sie ist allerdings im Leerlauf blockiert, bis das Bugfahrwerk am Boden ist. Schubumkehr und Landeklappen zusammen sind verboten.
4) „Slippen" bedeutet Seitengleitflug, man schlägt dazu Quer- und Seitenruder gegeneinander aus, um ein Flugzeug in der Luft „querzustellen". Segelflieger und Kleinflugzeugpiloten machen das gerne, um schnell Höhe abzubauen. Eine 767 der Air Canada, der der Treibstoff ausging und die ohne Antrieb landen musste, hat genau das getan, um Höhe loszuwerden. Es geht also auch mit Verkehrsmaschinen, nur ist es außer im Notfall nicht empfehlenswert.
5) Man kann mit dem Seitenruder allein ein Flugzeug in eine Kurve bringen, allerdings ist das ein sehr unsauberes Manöver, und je nach Ruderabstimmung ist die Reaktion unterschiedlich. Präzise steuern kann man so nicht, aber es geht (selber im Motorsegler probiert) und es ist ein Notverfahren, falls einem das Querruder ausfällt.
