Wir müssen tot sein! Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein. Ich habe Breck mit eigenen Augen leblos am Boden liegen gesehen, konnte keine Puls fühlen, nichts. Er war tot. Er muss tot sein. Niemand überlebt Nachtriegel. Dass ich Brecks Stimme nun hinter mir höre, kann nur eines bedeuten. Ich bin tot, und in irgendeiner Art von Leben nach dem Tod gelandet. Aber auch Katniss und Clove sind noch in meiner Nähe. Also müssen sie auch tot sein. Wir alle müssen tot sein.

[i]Wahrscheinlich ist die Maschine abgeschmiert und in den Boden gerast, weil ich es mit dem Seitenruder übertrieben habe. Nur dass die Erinnerung daran irgendwie verloren gegangen zu sein scheint. Aber warum zum Teufel fliegen wir dann noch?

Dieser eine, kleine Schönheitsfehler holt mich in die Realität zurück. Vielleicht hat Breck die Beeren doch irgendwie überlebt. So unwahrscheinlich dies scheint, es ist immerhin logischer als die Alternative. Und vor allem leichter zu akzeptieren.

„Mach schon, die Hände hoch!" wiederholt Breck mit Nachdruck. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie er mit einem gespannten Bogen aus vielleicht zwei Metern oder weniger direkt auf Cloves Oberkörper zielt. Selbst ein ungeübter Schütze könnte aus dieser Entfernung nicht daneben schießen. Clove hält inne. Sie scheint ihre Optionen zu überdenken. Katniss hält ihre Arme schützend über ihren Kopf, als könnte sie das Messer dadurch abwehren. Plötzlich schnellt Clove herum, und holt zum Wurf aus. Breck! Reflexartig lässt der Junge den Pfeil los. Die Spitze bohrt sich in Cloves Brust. Überrascht lässt sie ihr Messer los. Ich ducke mich unwillkürlich zur Seite, als die kleine Klinge knapp neben mir im Sonnenlicht aufblitzend nach hinten fliegt, und laut scheppernd gegen dir Rückwand des Cockpits kracht.

Mit schreckendgeweiteten Augen greift Clove nach dem Pfeil in ihrer Brust, und umklammert den Schaft mit beiden Händen. Sie hustet. Blut läuft aus ihrem Mund. Mir ist klar, dass sie vermutlich tödlich getroffen worden ist. Du dummes Mädchen! Du hättest die Sache hier überleben können! Wärst du bloß auf deinem Sitz geblieben! Fast empfinde ich so etwas wie Mitleid mit Clove, trotz allem, was sie uns angetan hat.

Breck starrt ihr fassungslos in die Augen.
„Du…?" fragt Clove leise, kurz bevor sie zu Boden geht.
„Das…das wollte ich nicht! Wirklich nicht!" stammelt Breck.
„Ist schon gut", entgegnet Katniss. „Du hattest keine andere Wahl!"

„Ihr Idioten…ihr verdammten Idioten…"röchelt Clove.
„Es tut mir leid!" ruft Breck verzweifelt. „Ich wollte dich nicht töten!"
„Keine Angst. Ich sterbe vielleicht vor euch, aber ihr werdet mir gleich folgen!", entgegnet Clove kraftlos.
„Was meinst du damit?" hakt Katniss nach.
Ein neuerlicher Hustenanfall beutelt das sterbende Mädchen.
„Sieh aus dem Fenster…und sieh zu Peter".

Die Handschellen! Die Fluglage! Die Maschine ist führerlos!

„Katniss, übernimm das Steuer!" rufe ich. „Breck, such den Schlüssel für die Handschellen!"
Die DC-8 hat durch meine Manöver deutlich an Fahrt verloren, und fliegt nun deutlich langsamer als die 250 Knoten, auf die sie ausgetrimmt war. Um die verlorene Geschwindigkeit aufzuholen, beginnt die Flugzeugnase nun von selbst nach unten zu wandern. Ohne Steuereingriff würde die Maschine in eine Serie von auf-ab-Bewegungen übergehen, und dabei um die Trimmgeschwindigkeit von 250 Knoten schwanken. Je nach Schwerpunktlage würden diese achterbahnartigen Manöver allmählich abklingen, sich immer weiter fortsetzen oder sogar schlimmer werden. Zu allem Überdruss beginnt die DC-8 nun langsam nach rechts zu rollen. Ich trete vorsichtig auf das linke Ruderpedal, doch diese Art, die Maschine mittels Seitenruder wieder in eine gerade Fluglage zu bringen, ist äußerst unpräzise und unsauber.

Plötzlich erwacht der Cockpitlautsprecher zum Leben.
„Haben scheinbar unkontrollierte Flugbewegungen beobachtet. Wenn es Probleme gibt, bitte wenn möglich per ACARS Art und Weise der Probleme beschreiben. Notfalls zwei Mal mit der Sprechtaste klicken, um zu bestätigen, dass es Probleme gibt. Wenn keine Probleme, drei Mal klicken!"

Toll. Hauptsache unsere Rebellenfreunde am Boden wollen wissen, was bei uns los ist. Als ob wir dafür jetzt Zeit hätten!

Ich sehe, wie Katniss ihre Gurte schließt und mit beiden Händen nach dem Steuerhorn greift.
„Halt die Maschine gerade, und bring die Nase ein wenig nach oben!" weise ich sie an. Mit einem leichten Ruck zieht Katniss die Maschine hoch.
„Immer schön sachte steuern!" mahne ich sie. „Und jetzt versuche, dem Flight Director, das sind die rosafarbenen Balken, falls du es vergessen hast, zu folgen."
Katniss Steuerbewegungen werden etwas ruhiger. Doch mir ist klar, dass das nur eine Übergangslösung sein kann. Mit meinen an den Rücken gefesselten Armen kann ich Katniss nur sagen, was sie tun soll, ihr aber nicht einmal mit der Einstellung der Instrumente helfen.

Wenn ich nicht das Steuer wieder übernehmen kann, ist die Chance auf eine erfolgreiche Landung gering. Doch Breck scheint auf meine Anweisung, den Schlüssel für die Handschellen zu suchen, überhaupt nicht reagiert zu haben.
„Breck, du musst den Schlüssel suchen, für die Handschellen!" wiederhole ich.
Der Junge reagiert nicht. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass er buchstäblich wie zur Salzsäule erstarrt hinter mir steht, und die sterbende Clove anstarrt.
„Ich wollte das nicht…wirklich nicht!" stammelt er geistesabwesend.
„Breck, du musst dich jetzt zusammenreißen! Wir brauchen diesen Schlüssel!" entgegne ich nachdrücklich. Ich kann nur vermuten, wie der Junge sich momentan fühlen muss. Aber für Gefühle ist jetzt keine Zeit.
„Ich…ich wollte das nicht", murmelt Breck erneut. Er scheint in einer Art psychischem Schockzustand zu sein.
„Bitte, reiß dich zusammen!" rufe ich ihm zu. „Du hattest keine andere Wahl. Clove hätte dich und uns alle getötet. Glaub mir, du hast das einzig Richtige getan!"

Der Junge lässt die Worte auf sich wirken.
„Und jetzt hilf uns, diesen Schlüssel zu finden. Clove muss ihn irgendwo bei sich haben!" fordere ich Breck auf.
Keine Reaktion.
„Das könnt ihr vergessen!" zischt Clove. „Ihr werdet den Schlüssel nie finden!"

„Sag uns, wo du ihn versteckt hast!" fordert Katniss, ohne ihren Blick vom Display des künstlichen Horizonts abzuwenden. Sie hat den Dreh mittlerweile ganz gut raus, und hält die Maschine etwas hölzern, aber immerhin sicher auf Kurs und im Steigflug.

„Keine Chance…ihr sterbt mit mir", haucht Clove kraftlos.
„Aber was bringt dir das?" entgegne ich. „Kapier doch endlich! Dein Kapitol hat dich verarscht! Wenn du dich an uns gehalten hättest, wärst du lebend aus der Sache raus gekommen. Nicht ehrenvoll, das gebe ich zu, aber immerhin lebend!"
„Ihr habt doch keine Ahnung", erwidert Clove, ehe sie erneut husten muss. „Es gibt für jemanden wie mich nur zwei Optionen…gewinnen oder sterben. Jetzt…in gewisser Weise…ich sterbe zwar, aber nachdem ihr mir folgt…habe ich auch gewonnen…". Clove stöhnt leise auf. Sie scheint in ihren letzten Zügen zu liegen, und doch ist alles, woran sie denkt, ihre Karriero-Ehre. Jahre der Gehirnwäsche und des Drills lassen sich wohl nicht in wenigen Stunden ungeschehen machen. Clove hatte ihre Chance gehabt, und sie doch nicht genutzt.

„Wo ist dieser Schlüssel?" fragt Katniss noch einmal. „Breck, frag sie, wo sie ihn versteckt hat!"
„Vergesst es…" haucht Clove leise.
„Sie ist weggekippt!" ruft Breck aufgeregt. „Ist sie tot?"
„Keine Ahnung", entgegne ich, bemüht, die Ruhe zu bewahren. „Du musst jetzt nachsehen, wo der Schlüssel ist. Du musst auch Cloves Körper durchsuchen, leider."
„Das…das kann ich nicht!" entgegnet Breck mit belegter Stimme. „Ich habe sie getötet…das wollte ich nicht. Ich kann das einfach nicht!"
„Du musst!" schreit Katniss den Jungen an. „Ich muss steuern, Peter kann mir nicht helfen, und Finch…was ist mit Finch? Sieh wenigstens, wie es ihr geht!"
Breck bewegt sich zögerlich Richtung Flugingenieursplatz.

„Sie ist ohnmächtig. Und sie blutet am Kopf, über dem linken Ohr!" ruft er mir mit zittriger Stimmer zu.
„Wie stark blutet Finch? Und atmet sie normal?" frage ich rasch.
Keine Reaktion.
„Breck, wie stark blutet sie? Und atmet sie normal?" wiederhole ich.
„Finch atmet. Und sie blutet, nicht viel, aber auch nicht wenig" antwortet der Junge. „Wir müssen ihr irgendwie helfen!"
„Später", entgegne ich. „Zuerst brauchen wir den Schlüssel für die Handschellen. Sieh rund um die Sitze und den Flugingenieursplatz nach, vielleicht liegt er ja dort irgendwo rum!"
Breck nickt mir zu.
„In Ordnung."
Seine Stimme klingt noch immer zittrig, und ich frage mich ernsthaft, ob er der Aufgabe gewachsen ist. Er muss es sein, sonst war es das für uns alle.

Wir fliegen noch immer Richtung Westen, und entfernen uns stetig vom Flugplatz. Der Höhenmesser passiert gerade 7 000 Fuß. Wenn wir Prim und die anderen retten wollen, müssen wir umdrehen, und zwar sofort.
Ich wende mich an Katniss. „Du musst den Autopiloten einschalten. Kannst du den Hauptschalter finden?"
„Ja, der hier, oder?" fragt sie, und deutet mit dem Finger auf den Schalter.
„Richtig. Schieb ihn ganz nach vorne."
Der Schalter rastet ein.
„Jetzt drehst du den Drehschalter ganz links am Kontrollpanel von IAS HOLD in die Mitte auf VERT SPEED."
Katniss betätigt den Drehregler. „Richtig so?"
„Korrekt. Siehst du das kleine Rädchen gleich daneben?"
„Das mit Descend und Climb?"
„Genau. Dreh es langsam Richtung DESCEND, bis die Markierung ALT HOLD in der Mitte steht. Das Rädchen müsste deutlich fühlbar in dieser Position einrasten", weise ich Katniss an.

Der Bug der DC-8 beginnt sich zu senken.
„Das Rad ist eingerastet!"
Die Maschine geht in den Horizontalflug über. Da die Triebwerke noch immer mit Steigleistung laufen, beginnt die Fahrt rasch anzuwachsen.
„Jetzt zieh die vier Gashebel langsam und gleichmäßig nach hinten, bis ich Stopp sage."
Zögernd legt Katniss ihre linke Hand auf die Schubhebel, und beginnt, sie zentimeterweise nach hinten zu ziehen. Die Beschleunigung lässt nach, das Dröhnen der Triebwerke wird leiser.
„Noch ein Stück!" weise ich Katniss an. Sie reduziert den Schub noch ein wenig. Die Fahrt bleibt nun annähernd konstant, bei etwas über 270 Knoten.
„Sehr gut. Und jetzt drehen wir um. Dazu drehst du als erstes den Drehknopf ganz rechts am Autopilot-Panel in die Mitte auf TURN KNOB."
Wortlos führt Katniss die Anweisung aus.
„Jetzt drehst du den großen runden Knopf mit der Aufschrift TURN in der Mitte des Panels langsam bis zum Anschlag nach links. Nicht schrecken, die Maschine wird von selbst in eine Linkskurve gehen!"

Die DC-8 reagiert auf Katniss Steuerbefehl, und dreht nach links ab. Ich plane, nördlich am Flugplatz vorbei in eine Rechtsplatzrunde zur Landung einzufliegen. Das heißt, wenn wir bis dahin den Schlüssel für die Handschellen gefunden haben. Katniss ist zwar ein Naturtalent, was das Fliegen betrifft, doch mit vielleicht fünfzehn Minuten Erfahrung am Steuer einer DC-8 ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sie eine Landung schafft, nach der wir die Maschine erneut verwenden können. Schon gar nicht auf der kurzen Landebahn von Distrikt 12. In Distrikt 13, mit seiner langen, breiten Piste mit ihrem Instrumentenlandesystem hätte sie zumindest so etwas wie eine Chance. Wir könnten die Maschine per Autopilot auf den Gleitpfad bringen und genau auf die Landebahn ausrichten, und Katniss müsste nur die letzten paar hundert Fuß manuell fliegen. Wenn sie das Abfangen halbwegs hinbekommt, könnte sogar das Fahrwerk die sicher ruppige Landung überstehen.

„Katniss, falls wir den Schlüssel nicht finden können, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir diese Kiste runterbekommen", beginne ich ruhig.
„Heißt das, ich muss die Maschine landen? Kann ich das überhaupt?" fragt Katniss besorgt.
„Darauf läuft es hinaus. Das Problem ist, dass du nur in Dis.. auf dem Flugplatz in Kanada eine Chance hast, eine überlebbare Landung zu schaffen. Dort gibt es eine lange, breite Piste, und wir können bis kurz vor dem Aufsetzen den Autopiloten fliegen lassen. Hier geht das nicht", erkläre ich.
„Warum nicht? Warum geht das mit dem Autopiloten hier nicht?"
„Weil wir hier kein Instrumentenlandesystem, also keinen Funkleitstrahl haben, an dem sich der Autopilot orientieren kann", entgegne ich.
„Dann muss ich eben per Hand fliegen. So schwer kann das ja nicht sein!" erwidert Katniss.
Hast du eine Ahnung!

Ein Blick auf das Navigationsdisplay sagt mir, dass wir fast auf Gegenkurs sind. Der Flugplatz von Distrikt 12 erscheint deutlich rechts von uns im Blickfeld.
„Dreh den Knopf jetzt in die Mittelstellung zurück!" weise ich Katniss an.
Die DC-8 geht in den Horizontalflug über.
„Siehst du, so schwer ist das gar nicht!" merkt Katniss an.
„Hör zu, eine Landung ist ein paar Nummern größer als ein paar Kurven mit dem Autopilot zu fliegen. Du bist bis jetzt noch nicht mal richtige Kurven per Hand geflogen. Die einzige Chance ist ein automatischer Anflug, glaub mir das!" entgegne ich.
„Aber wenn das hier nicht geht…dann heißt das doch.."
„Dass wir direkt nach Kanada fliegen müssen", ergänze ich.
„Aber dann würden wir Prim zurücklassen müssen, und meine Mutter!" sagt Katniss aufgebracht.
„Ja, leider….".
„Kommt nicht in Frage!" entgegnet Katniss. „Peter, du hast es mir versprochen!" Ihre Augen werden feucht.

Es bricht mir fast das Herz, mein Versprechen brechen zu müssen, doch ich sehe keinen anderen Ausweg.
„Katniss, du weißt, ich würde Prim gerne retten, aber wenn ich nicht das Steuer übernehmen kann, dann ist unsere einzige Chance Kanada. Wenn du hier zu landen versuchen, gibt das mindestens ein schrottreifes Flugzeug, wenn nicht sogar Tote!"
„Wir müssen es wenigstens versuchen!" erwidert Katniss verzweifelt. Eine Träne rinnt über ihre Wange. Sie schluckt und greift nach dem Steuerhorn. Der AUTOPILOT DISCONNECT Alarm ertönt.
„Peter, du sagst mir jetzt besser, wie ich dieses Flugzeug lande. Ich werde es versuchen, das bin ich meiner Schwester schuldig. Also sorg dafür, dass ich es hinbekomme!"

Für einen Moment bin ich völlig baff. Ich hätte nie an Katniss Entschlossenheit gezweifelt, doch dass sie bereit ist, für Prim so weit zu gehen und das Unmögliche möglich zu machen, hat mich doch etwas überrascht. Und nachdem ich gefesselt bin, habe ich keine Wahl als dafür zu sorgen, dass Katniss entgegen jeder Logik doch eine Landung hinbekommt. Oder doch noch rechtzeitig zur Vernunft kommt. Vielleicht findet Breck ja rechtzeitig den Schlüssel. Was macht er überhaupt gerade?

„Haben Umkehrmanöver beobachtet. Falls Absicht erneuter Anflug ist, bitte bestätigen. Falls Bestätigung per ACARS oder mit Sprechtaste nicht möglich, Landescheinwerfer zweimal ein- uns aus schalten. Falls keinerlei Bestätigung möglich ist, Landung nach eigenem Ermessen. Wind jetzt 290 Grad mit 04 Knoten", dröhnt die verzerrte Stimme wieder einmal aus dem Cockpitlautsprecher.

Keine Zeit.

„Breck? Schon irgendwelche Fortschritte?" rufe ich nach hinten.
„Ähm…nein. Dieser blöde Schlüssel…ich kann ihn nicht finden!"
„Such weiter!" Er muss irgendwo sein!"
„Wenn Clove ihn nicht verschluckt hat", merkt Katniss sarkastisch an. „Und bis wir den Schlüssel haben, Peter, sagst du mir, wie ich dieses Flugzeug runter bekomme!"
„Na gut, wenn du es unbedingt versuchen willst…"
„Will ich!"
„Gut. Als erstes müssen wir sinken. Zieh die Gashebel langsam auf Leerlauf zurück", weise ich Katniss an. „Und pass auf, die Maschine wird mit der Nase nach unten wollen!"
Entschlossen greift Katniss nach den Gashebeln. Das Dröhnen der Triebwerke schwindet, die DC-8 verliert an Fahrt.
„Und jetzt die Nase leicht absinken lassen. Sieh auf den Fahrtmesser, versuche, die Geschwindigkeit zu halten. Zum Beschleunigen die Nase mehr nach unten, zum Abbremsen etwas die Nase nach oben nehmen", sage ich zu Katniss.

„Dieser blöde Schlüssel ist nirgends!" ruft Breck verzweifelt. „Was soll ich tun?"
„Du musst an Cloves Körper suchen!" entgegnet Katniss angestrengt.
„Das…kann ich nicht! Ich kann das einfach nicht!" stammelt Breck.
„Dann muss ich es eben tun!" erwidert Katniss, und greift nach dem Autopilot-Hauptschalter.
„Stopp!" rufe ich. „Du musst am Steuer bleiben!"
Katniss nimmt ihre Hand vom Schalter.
„Aber wenn Breck es nicht tut, wer dann?"
„Breck muss es tun!" entgegne ich, und drehe mich um. „Breck, du musst dich überwinden. Ich weiß, wie schwer das ist, aber du hast keine Wahl. Du hast uns gerettet, aber wenn du den Schlüssel nicht findest, war alles umsonst! Verstehst du das?"

Zögernd kommt der Junge näher und beugt sich über Clove.
„Ich versuche es", sagt er mit zittriger Stimme.

Der Höhenmesser passiert 6 000 Fuß. Wir nähern uns rasch dem Flugplatz. Und wir kommen ihm etwas zu nahe für eine schöne, weite Platzrunde.
„Katniss, du musst etwas nach links steuern. Dreh das Steuer vorsichtig ein wenig nach links, bis ich stopp sage. Und denk daran, dass du das Steuer in der Kurve ein wenig zu dir heranziehen musst!"
Vorsichtig legt Katniss die DC-8 in die Kurve. Die Nase sinkt ab.
„Zieh das Steuer etwas zu dir heran!" weise ich sie an. „Und nicht weiter einkurven!"
Wortlos führt Katniss meine Anweisungen aus.

„Sehr gut. Und jetzt die Maschine wieder gerade richten!"
Mit etwas zögerlichen Steuerbewegungen leitet Katniss die Kurve aus. Mittlerweile hat die die DC-8 schon deutlich fester im Griff, scheut sich aber noch ein wenig davor, dem Flugzeug ihren Willen aufzuzwingen.
„Nur keine falsche Scheu. Wenn die Maschine nicht das macht, was du willst, dann musst du sie mit ein wenig Nachdruck davon überzeugen, was du von ihr willst. Du musst das Flugzeug führen, nicht umgekehrt", werfe ich ihr aufmunternd zu.
„Sie steuert sich irgendwie schwerfälliger", merkt Katniss an.
„Gut beobachtet", entgegne ich. „Wir fliegen langsamer, da musst du größere Ausschläge machen."

Wenigstens ist Katniss kräftig genug, um die Steuerung zu bedienen. Die Freundin eines Arbeitskollegen war daran im Simulator kläglich gescheitert. Allerdings musste sie auch nicht die jahrelang im Wald jagen gehen und die Beute heimschleppen, und einen Bogen hatte sie auch noch nie in der Hand gehabt.

„Da ist nirgends ein Schlüssel!" ruft Breck plötzlich.
„So ein Mist! Der muss doch irgendwo sein!" fluche ich, und ziehe vor Wut meine Arme mit aller Kraft auseinander, als könnte ich dadurch die Handschellen aufbrechen. Das Metall drückt sich schmerzhaft in meine Haut.
„Kann hier einmal etwas normal ablaufen! Ein Mal, verdammt noch mal! Ist das zu viel verlangt?" schreie ich aufgebracht.
Meine Nerven liegen blank. Ich hasse es, keine Kontrolle zu haben, und dem Geschehen hilflos ausgeliefert zu sein.

„Jetzt dreh nicht durch!" mahnt mich Katniss.
„Nicht durchdrehen?" entgegne ich. „Du bist gut. Ich sitze hier in Handschellen, der Schlüssel ist nirgends zu finden, du willst allen Ernstes diese Kiste hier in Distrikt 12 landen, und ich soll nicht durchdrehen?"
„Du hast ja recht", gibt Katniss zu. „Aber ich brauche dich mit klarem Kopf, wenn das hier schaffen soll. Also reiß dich zusammen!"
Ich atme tief durch.
„Peter, kann es nicht sein, dass es irgendwo einen Ersatzschlüssel für die Handschellen gibt?" fragt Katniss.
„Und wo soll der sein?" entgegne ich.
„Wo hast du die Handschellen denn überhaupt her? Kann da nicht ein Schlüssel sein?"

Plötzlich fällt mir die Lösung wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Die Handschellen waren im Safe, und dort ist auch der Schlüssel. Clove musste einen eigenen benutzt haben. Die ganze Suche hätten wir uns sparen können!

„Das ist es!" rufe ich erleichtert. „Es muss einen Schlüssel im Safe geben, wo ich die Handschellen her habe!"
Ich wende mich an Breck.
„Hör gut zu. Du musst nach hinten gehen, in die vordere Bordküche. Dort ist ein Stauschrank mit einer großen Tür. Wenn du den aufmachst, befindet sich im oberen Bereich in einem Fach ein kleiner Tresor mit einer Zahlentastatur. Hast du das verstanden?"
Breck nickt verhalten. „Ich denke schon…großer Schrank in der Bordküche, mit einem Tresor."
„Genau. Es kann sein, dass du eine Kiste oder so etwas brauchst, damit du ran kommst. Um den Tresor zu öffnen, musst du auf der Tastatur die Ziffernfolge 7700 eingeben und dann die Taste ENTER drücken. Klar?"
„7700 und ENTER" wiederholt Breck. „Und dann?"
„Dann wirst du ein leises Surren hören, und wenn das vorbei ist muss du nur mehr am Türgriff des Tresors ziehen, und er geht auf. Der Schlüssel müsste an der Innenseite der Tür in einer Halterung stecken, oder er liegt im Tresor", erkläre ich.
„Und wenn da mehr als ein Schlüssel ist? Woher weiß ich, welcher der richtige ist?" fragt Breck.
„Nimm einfach alle Schlüssel, die du finden kannst, mit. OK?"

Der Junge nickt mir zu.
„Ich glaube schon. Der Code ist…70..0..wie war der noch mal?"
„7700".
„7700", wiederholt Breck, und verschwindet nach hinten.

4 800 Fuß.
Wir fliegen gerade seitlich am Flugplatz vorbei. Wenn wir Glück haben, ist Breck in ein oder zwei Minuten mit dem Schlüssel da.
„Katniss, sieh auf den Höhenmesser. Ich will, dass du bei 4 000 Fuß den Sinkflug beendest. Du musst mit dem Ausleiten ein wenig vorher beginnen", weise ich meine Copilotin an.
„Ok. Sag mir einfach, wann".
Die Sekunden verstreichen.
4 400 Fuß.
„Achtung, jetzt langsam hochziehen!" rufe ich Katniss zu.
Die Nase der DC-8 wandert nach oben.
„Nicht so viel ziehen! Lass sie noch ein wenig sinken. 4 000 Fuß, du bist bei 4 200!"
Katniss korrigiert.

Diese Art des Fliegens fühlt sich für mich total merkwürdig an. In einem Jet ist es wichtig, in Gedanken immer vor der Maschine zu sein, wenn man nicht in einem qualmenden Trümmerhaufen enden will. Ich muss der Maschine jetzt noch ein paar Sekunden mehr voraus sein, um die unweigerliche Verzögerung, bis ich Katniss gesagt habe, was sie tun soll, auszugleichen. Es ist ein wenig, als müsste ich Schachzüge im Voraus machen, bevor der Gegner seine gemacht hat. Das ist etwas für einen Hellseher, aber nichts für einen normalen Jetpiloten!

„Jetzt noch ein wenig ziehen!" weise ich Katniss an. „Ja, genau so. Spürst du, wie die Nase schwer wird, und dauernd nach unten will?"
„Ja. Es ist, als müsste ich immer mehr ziehen, je langsamer wird werden" merkt Katniss an. „Soll ich die Gashebel vorschieben?"
Ich schüttle meinen Kopf.
„Noch nicht. Betätige den Trimmschalter nach hinten. Aber nur kurz drücken!"
„Besser so?" fragt Katniss.
„Das musst du selbst spüren. Wenn du nicht mehr ziehen musst, dann passt es", entgegne ich.
Der Fahrtmesser fällt unter 240 Knoten. Der Höhenmesser zeigt 3 900 Fuß an, und fällt langsam.
„Du musst etwas mehr ziehen. Je langsamer wird fliegen, desto steiler muss die Nase nach oben zeigen. Sieh auf den Höhenmesser!" sage ich zu Katniss.

Sie zieht das Steuerhorn ein wenig zu ihr heran. Der Höhenmesser wandert ein Stück nach oben.
„Genau so ist es richtig!" muntere ich sie auf. „Und nicht aufs Trimmen vergessen!"
Katniss betätigt den Trimmschalter.
„Und jetzt?"
„Jetzt verlangsamen wir auf 180 Knoten", entgegne ich.
„Wann soll ich Gas geben?" fragt Katniss.
„Wenn wir unter 200 sind. Versuche, Fahrtmesser und Höhenmesser im Blick zu behalten, und versuch dir Fluglage der Maschine in Relation zum Horizont aus dem Fenster einzuprägen. Du wirst feststellen, je langsamer wird werden, desto weiter wandert die Horizontlinie nach unten", erkläre ich.

220 Knoten. Wo bleibt Breck so lange?
Hinter mir höre ich ein leises Stöhnen. Finch. Sie ist wieder ein wenig zu Bewusstsein gekommen, wirkt aber völlig desorientiert.
„Finch? Was ist mit dir?" rufe ich ihr zu.
„Wwwaas….was ist passiert?" fragt sie verwirrt, und greift sich an den Kopf. Sie zuckt zusammen, und betrachtet ihre blutverschmierte Hand.
„Clove hat dich k.o. geschlagen", kläre ich Finch auf. „Du warst ein paar Minuten bewusstlos."
Das Mädchen setzt eine nachdenkliche Miene auf, und starrt Richtung Clove.
„Wer…?"
„Breck hat sie getötet. Sie wollte Katniss umbringen, da hat er sie mit dem Bogen erschossen", erkläre ich.
„Unmöglich. Breck ist doch…tot!" ruft Finch ungläubig.

Ihre Stimme klingt zittrig. Wahrscheinlich ist sie noch benommen von dem Schlag auf ihren Kopf, und dass Breck noch lebt, muss für sie genauso überraschend sein wie für mich. Oder doch nicht? Egal, dieses Geheimnis werden wir später lösen, wenn die Maschine sicher am Boden steht.

„195 Knoten!" ruft mir Katniss zu. Zeit, die Triebwerke wieder auf Touren zu bringen.
„Gut. Schieb die Gashebel ein kleines Stück nach vorne, und warte, bis die Triebwerke reagieren."
Anders als ein Kolbenmotor, der praktisch ohne Verzögerung auf Gasbefehle reagiert, sind Turbinen träge, weshalb man Leistungsänderungen zeitgerecht einleiten muss, damit man keine bösen Überraschungen erlebt.
Langsam klettern die EPR- und Drehzahlanzeigen nach oben.
„Jetzt langsam mehr Gast geben", weise ich Katniss an.
Durch den einsetzenden Schub beginnt sich die Nase der DC-8 zu heben.
„Du musst ein wenig nachdrücken!"
„Bin schon dran!", gibt Katniss knapp zurück, und drückt das Steuer nach vorne.

185 Knoten.
„Noch eine Spur mehr Gas, dann passt es. Und nicht aufs Trimmen vergessen!"
Breck, mach schon!

„Du bist ja gefesselt!" bemerkt Finch plötzlich. Sie ist immer noch etwas benebelt, und langsam in ihrer sonst so schnellen Auffassungsgabe.
„Ja. Clove hat das getan. Breck ist hinten, um den Schlüssel zu suchen", entgegne ich. „Katniss, noch etwas mehr Schub!"
„Soll…soll ich ihm helfen?" fragt Finch.
„Kannst du aufstehen?"
„Mir ist irgendwie…total schwindelig. Ich weiß nicht…". Finch greift sich erneut an den Kopf, und wirkt für ein paar Sekunden so, als ob sie nicht ganz da wäre.
„Bleibt besser hier. Wenn du da hinten zusammenklappst, nützt und das auch nichts. Breck müsste gleich wieder hier sein", entgegne ich. Hoffentlich.

Wir entfernen uns stetig vom Flugplatz, und nähern uns dem Punkt, wo wir gefühlsmäßig in den Queranflug eindrehen müssen. Zeit, die Landeklappen auf die erste Stufe zu fahren.
„Katniss, du musst jetzt die Landeklappen auf zehn Grad ausfahren. Greif nach dem weißen Hebel rechts neben den Gashebeln, ziehe ihn ein wenig nach oben und lasse ihn in die erste Raste einrasten!"
Sie deutet mit ihrer linken Hand auf den Klappenhebel.
„Der hier?"
„Genau. Ein wenig nach oben ziehen und dann nach hinten. Bis zur ersten Markierung bei zehn Grad", weise ich sie an.
Katniss fummelt ein wenig am Hebel herum, bis sie ihn weit genug angehoben hat, um ihn über die Rastmechanik zu bewegen.
„Klappen zehn Grad", verkündet Katniss. Klingt ja schon richtig professionell.

Ich beuge mich nach rechts, um die Klappen-Positionsanzeige, die am Copiloten-Instrumentenbrett untergebracht ist, zu beobachten. Sollten die Klappen nicht auf beiden Tragflächen symmetrisch ausfahren, könnte das ernste Steuerprobleme mit sich bringen. Die beiden Zeiger bewegen sich gleichmäßig und synchron, das bernsteinfarbene Slot-Lämpchen leuchtet kurz auf, als sich die Slotklappen an der Tragflügelvorderkante öffnen. Durch den zusätzlichen Luftwiderstand der Klappen verliert die DC-8 an Fahrt. Instinktiv schiebt Katniss die Gashebel ein Stück nach vorne.

„Sehr gut machst du das. Halt sie bei 180 Knoten. Und austrimmen nicht vergessen, du willst ja keinen Muskelkater bekommen", werfe ich Katniss lächelnd zu.

Es klickt im Cockpitlautsprecher.
„Wenn möglich bitte weitere Absichten bekannt geben. Ihr entfernt euch momentan vom Flugplatz. Falls Absicht erneuter Anflug und Landung, bitte per ACARS bestätigen, oder Sprechtaste zwei mal hintereinander betätigen, falls ACARS aus irgendeinem Grund nicht möglich."

Jetzt gebt doch endlich Ruhe!
„Katniss, siehst du den kleinen Schalter am Steuerhorn, unterhalb des Autopilot-Ausschnaltknopfes?"
„Ja. Hab ihn."
„Drück ihn zweimal kurz hintereinander. Drücken, loslassen, drücken, loslassen. Wie ein Doppelklick am PC."
„Wie ein was?" fragt Katniss erstaunt.
„Sorry. Ich war mal wieder gedanklich in der..in Europa. Einfach kurz drücken und loslassen, und das Ganze direkt darauf ein zweites Mal. Klick, Klick", erkläre ich.
Katniss legt ihren Daumen auf den Schalter und drückt ihn einmal, wartet kurz, und drückt ihn noch einmal. Etwas langsam zwar, aber die Leute am Boden müssten das Signal verstehen. Es könnte sogar besser sein, dass es etwas holprig klingt, dann würde ein Mitlauscher vom Kapitol vielleicht annehmen, dass es einfach eine Störung im Funkkanal war, oder dass jemand unabsichtlich an den Schalter gekommen ist.

„Bestätigung empfangen", dröhnt die Stimme aus dem Lautsprecher. „Anflug und Landung auf Piste 25 nach eigenem Ermessen möglich, Wind jetzt 285 Grad mit 05 Knoten. QNH 1022 unverändert. Achtung, vereinzelte Schneereste im letzten Bahndrittel und am Taxiway. Triebwerke nach Landung weiterlaufen lassen bis Techniker an Bord ist, und AC TIE BUS nicht unter Strom setzen bis weitere Anweisungen erfolgen."

„Da scheint jemand auf uns zu warten, der sich auskennt", stelle ich fest. Wieder so ein Zufall, als ob jemand genau gewusst hätte, dass wir in Distrikt 12 landen. Oder zumindest damit gerechnet hat. Vielleicht haben diese Rebellen mehr drauf, als ich ihnen zugetraut habe, und sie haben nur etwas unprofessionell getan, damit es nicht so offensichtlich wirkt, dass wir Hilfe erhalten haben. Clever gelöst.

Dem Gefühl nach ist es Zeit, in den Queranflug überzugehen.
„Du wirst jetzt gleich eine Rechtskurve fliegen, und zwar auf Kurs 160", sage ich zu Katniss. „Du kannst den Kurs auf dem Bildschirm unter dem künstlichen Horizont ganz oben ablesen. Da ist eine Skala mit Gradzahlen und einer Box mit weißem Rahmen in der Mitte, wo der aktuelle Kurs in Grad angezeigt wird. Hast du sie?"
„Die Anzeige, die 065 anzeigt?"
„Richtig. Wenn ich es dir sage, leitest du die Kurve ein. Du wirst etwas am Steuer ziehen müssen, und du must die Schubhebel ein wenig nach vor schieben, um die Fahrt zu halten. Vorher fährst du aber noch die Klappen auf 15 Grad aus. Also den Klappenhebel eine Stufe weiter nach hinten. Bereit?"
Katniss nickt mir zu. „Bereit."
„Also dann, Klappen 15 Grad."
Mit einem Klick rastet der Hebel ein. Die DC-8 verliert leicht an Fahrt.
„Halt sie bei 180 Knoten!" rufe ich Katniss zu, die bereits die Gashebel ein Stück nach vorne geschoben hat.

Der Bordcomputer zeigt an, dass wir aktuell noch 168 000 Pfund wiegen, bei knapp unter 16 000 Pfund verbleibendem Treibstoff. Zum Glück steht er immer noch auf der Landing Reference Seite, und zeigt mir die korrekten Anfluggeschwindigkeiten für 35 und 50 Grad Klappen an. Doch die Werte für 15 und 25 Grad kann ich nur schätzen. Weil es besser ist, im Zweifel lieber etwas zu schnell zu fliegen, soll Katniss vorerst mit 180 Knoten weiterfliegen, bis nach der Kurve. Dann werden wir die Klappen auf 25 Grad fahren, und auf ungefähr gute 160 Knoten reduzieren, was gefühlsmäßig hinkommen müsste.

„Und jetzt nach rechts eindrehen. Alles schön langsam mit Gefühl."
Katniss dreht das Steuer sanft nach rechts. Die DC-8 legt sich gemächlich auf die Seite.
„Ist etwas träge", merkt Katniss an, und dreht das Steuer ein Stück weiter nach rechts.
Die Schräglage passiert 20, dann 25 Grad.
„So, das ist genug. Nicht mehr als 30 Grad. Und zieh die Nase hoch, du sinkst!"
Breck, jetzt beeile dich endlich mit diesem verdammten Schlüssel.
Der Fahrtmesse beginnt zu fallen. 175 Knoten.
„Etwas mehr Gas", werfe ich Katniss zu. Meine Nervosität kehrt zurück, meine Handflächen werden feucht.
„Kann ich etwas tun?" fragt Finch leise.
„Ja. Sag mir, wie viele Turbokompressoren laufen!" entgegne ich.
Das Mädchen braucht einige Sekunden, um sich zu sammeln.
„Alle vier."
„Dann schalt eins und vier ab. Ist der Kabinendruck-Sollwert noch auf 3 000 Fuß?"
„Eins und vier sind aus…Sollwert für Kabinendruck, Moment…ja, 3 000" antwortet Finch. Sie klingt nach wie vor etwas neben der Spur, und wirkt müde und ein wenig verwirrt. Sie hat sicher Schmerzen, und ist wahrscheinlich noch benommen. Nach so einem k.o. ist niemand gleich voll da. Hoffentlich ist ihre Kopfverletzung nicht schlimmer, als es aussieht.

Ich beobachte die Kursanzeige am Navigationsdisplay. Kurs 140 Grad. Im rechten Seitenfenster ist schräg vor uns die Landebahn zu sehen.
„Noch 20 Grad. Mach dich bereit zum Ausleiten!" rufe ich Katniss zu.
150 Grad.
„Jetzt langsam ausleiten!"
Katniss reagiert etwas langsam, und die Maschine dreht etwas über den Sollkurs hinaus.
„Fällt dir etwas auf?" frage ich Katniss.
„Mhh, der Kurs ist 164?"
„Richtig. Und was soll er sein?"
„160?"
„Genau. Also, was machst du?" frage ich mit abwartendem Tonfall.
Katniss dreht das Steuer leicht nach links.
„Nachbessern", bemerkt sie trocken.
„Siehst du? Du musst dem Flugzeug sagen, wo es hin soll. Und wenn es um Zahlen geht, dann willst du die exakt haben, und nicht nur ungefähr. Verstanden?"

Ich komme mir schön langsam vor wie ein Fluglehrer. Unter anderen Umständen, im Simulator, würde mir so ein Experiment Spaß machen. Zu sehen, ob Katniss eine DC-8 landen kann. Aber hier, mit unser aller Leben auf dem Spiel, ist es alles andere als lustig. Wir nähern und der verlängerten Pistenmittellinie. Von der Höhe her sind wir etwas unterhalb des normalen Gleitpfades, zumindest vom visuellen Eindruck her. In Distrikt 12 gibt es keinerlei Anflughilfen, nicht einmal eine optische Gleitweganzeige. Der Anflug ist eine reine Gefühlssache, wie mit einer kleinen Propellermaschine auf einem kleinen Flugfeld.

„Katniss, nimm den Schub leicht zurück. Wenn wir bei 170 Knoten sind, fährst du die Klappen auf 25 Grad, also einfach eine Stellung weiter. Danach gibst du langsam wieder Gas, und hältst 160 Knoten. Verstanden?"
„Ja."
Katniss zieht die Gashebel ein Stück zurück. Die Fahrt nimmt ab, und die DC-8 verliert leicht an Höhe.
„Nicht sinken!" mahne ich meine Copilotin. Den Umständen entsprechend hat sie die Maschine gut im Griff, aber die wahre Herausforderung liegt noch vor ihr.
Wo bleibt dieser Breck so lange!" rufe ich genervt nach hinten. „Breck? Breck! Jetzt mach schon!"
Keine Reaktion.
Ich sehe, wie Katniss nach dem Klappenhebel greift.
„Klappen 25."
Die Bremswirkung ist deutlich zu spüren, als hätte jemand einen Anker ausgeworfen. Erschrocken schiebt Katniss die Schubhebel nach vorne. Viel weiter als nötig. Die Triebwerke heulen auf, die Nase der DC-8 schießt nach oben.
„Nachdrücken!" rufe ich ihr zu. „Und nicht so viel Schub! 160 Knoten wollen wir!"

Katniss drückt das Steuerhorn ruckartig nach vorne. Ich fühle, wie ich in meinem Sitz leicht werde.
„Nicht so viel drücken! Sachte, sachte!"
„Ich versuche es!" ruft Katniss angespannt. Schmeißt mir jetzt nicht die Nerven weg!
Die Fluglage stabilisiert sich etwas, doch noch immer ist deutlich zu spüren, dass Katniss mit der Steuerung kämpft. Ihr fehlt einfach noch das Gefühl, um kleine Änderungen der Flugbahn frühzeitig zu spüren, und mit passenden Steuereingaben zielgerichtet zu reagieren. Jetzt hält sie das Steuer total verkrampft, als wollte sie es als Haltegriff benutzen.
„Sie will dauernd mit der Nase nach oben!" beschwert sich Katniss.
„Du musst trimmen. Nach unten trimmen. Und nicht so verkrampft steuern!"
„Du hast leicht reden!" entgegnet Katniss.
„Wer wollten den das Landen probieren?"
„Hör auf damit! Ich hab jetzt keine Zeit für deine Scherze!" erwidert Katniss schroff.

Ihre Steuerbewegungen werden ruhiger. Die DC-8 stabilisiert sich. 165 Knoten, 3 900 Fuß. Gut genug.

„Siehst du die Landebahn?" frage ich ruhig.
„Ja. Wir müssen gleich einkurven, oder?"
„Genau. Wenn ich es dir sage, fliegst du eine Rechtskurve genau auf die Landebahn zu."
Noch einem Moment. Ich versuche, den richtigen Augenblick abzuschätzen. Die Verzögerung, bis Katniss meine Anweisungen umsetzt, so gut es geht mit einzuberechnen.
„Und jetzt eindrehen!" rufe ich ihr zu.
Hinter mir höre ich Schritte.
„Ich hab den Schlüssel!" verkündet Breck freudig, ehe sein Blick auf die tote Clove im Mittelgang des Cockpits fällt. Seine Miene erstarrt, und die Augen des Jungen werden feucht.
„Los, sperr die Handschellen schon auf!" sage ich rasch, um seine Aufmerksamkeit auf das, was wichtig ist, zu lenken.

Dann wende ich meinen Blick wieder den Instrumenten zu. Die Maschine hat etwas an Tempo verloren, und sinkt wieder einmal etwas.
„Katniss, du muss im Kurvenflug etwas mehr am Steuer ziehen. Und mehr Gas geben!"
„Bin schon dabei", entgegnet sie knapp.
„Wo ist das Schlüsselloch?" fragt Breck.
„Am dicken der Handschellen. Es kann sein, dass es auf der Innenseite ist!" rufe ich ihm zu, ohne meinen Blick von der Instrumenten abzuwenden.
„Ich hab es!"
Ich spüre, wie Breck an meinem rechten Handgelenk herumfingert. Mit einem leisen Klick öffnet sich die rechte Schelle.
„Soll ich die andere auch aufsperren?" fragt Breck.
„Später! Jetzt setz sich auf einen freien Sitz und schnall dich an!"

Erleichtert strecke ich meine Arme nach vorne, und greife nach dem Steuerhorn.
„My controls!" sage ich zu Katniss. „Ich übernehme!"
„Schade. Jetzt wo es angefangen hätte, Spaß zu machen", neckt mich Katniss. Schön langsam scheint mein Humor auf sie abzufärben. Ich muss ihr nur noch das typisch britische beibringen.
Die Landebahn liegt nun fast direkt vor uns. Beherzt leite ich die Kurve aus, und genieße das Gefühl, endlich wieder die Kontrolle zu haben. Die Piste kommt rasch näher. Ich reduziere die Leistung etwas.
„Katniss, fahr das Fahrwerk aus. Den großen Hebel, du weißt schon!" kommandiere ich.
Mit einem Rumpeln öffnen sich die Klappen des Fahrwerksschachtes, und die Räder klappen in den Luftstrom. Drei grüne Kontrolllampen zeigen an, dass die einzelnen Fahrwerksbeine allesamt korrekt verriegelt wurden. Gear down and locked.

„Finch, sag mir, was der Spoilerdruck macht!" rufe ich nach hinten.
„Spoiler…Spoilerdruck…ähm, ja, der steigt." Die ist definitiv noch nicht ganz da.
Gefühlsmäßig schneiden wir gerade den optimalen Gleitpfad. Ich drück das Steuerhorn sanft nach vorne. 3 700 Fuß, knapp unter 160 Knoten.
„Katniss, Klappen 35 Grad."
„Klappen 35 Grad", bestätigt Katniss, und zieht den Klappenhebel nach hinten. Ich werfe einen Blick auf das Display des Bordcomputers. Anfluggeschwindigkeit mit 35 Grad Klappen 124 Knoten. Ich reduziere die Leistung weiter. Die Fahrt fällt ab.
Mit der rechten Hand greife ich nach dem Spoilerhebel. Er ist immer noch in der „armed" Position. Sicherheitshalber drücke ich ihn nach unten, um die Vorwahl der automatischen Spoiler aufzuheben, und ziehe ihn dann wieder bis zur roten Markierung nach oben, um die Spoiler für das automatische Ausfahren beim Aufsetzen scharf zu schalten.

„Katniss, wenn wir aufsetzen, musst du zwei Dinge für mich beachten. Erstens muss dieser Hebel hier", deute ich auf den Spoilerhebel, „nach hinten gehen, und zwar unmittelbar nachdem das Hauptfahrwerk Bodenkontakt hat. Wenn das passiert, sagst du ‚Spoiler'. Ok?"
„Ja. Der Hebel hier fährt nach dem Aufsetzen nach hinten, und ich sage ‚Spoiler'" rekapituliert Katniss.
„Sehr gut."
Ich deute auf die Kontrolllampen für die Schubumkehr in der Mittelkonsole vor den Gashebeln.
„Die zweite Sache, auf die du achten musst, ist diese Reihe von Kontrolllampen hier. Es sind acht Lampen, jeweils eine mit der Aufschrift ENGINE DOORS und eine mit THRUST BRAKE nebeneinander. Die Lampen leuchten auf, wenn die Schubumkehr ordnungsgemäß ausgefahren ist. Zuerst gehen die ENGINE DOORS Lampen an, dann die THRUST BRAKE Lampen. Nach dem Aufsetzen müssen die alle angehen. Wenn alle ENGINE DOORS Lampen leuchten, sagst du ‚vier Lichter', wenn alle THRUST BRAKE Lampen leuchten, ‚acht Lichter'. Verstanden?"

Katniss nickt mir zu.
„Wenn die ersten vier angehen, sage ich ‚vier Lichter', wenn der Rest angeht ‚acht Lichter. Richtig?"
„So kann man es sagen. Falls irgendwelche Lichter nicht angehen, sagst du mir das. Die Lampen gehören immer paarweise zusammen. Triebwerk eins sind die beiden ganze links, dann kommt Triebwerk zwei, dann drei und ganz recht Nummer vier. Wenn ein Lampenpaar oder eine Lampe nicht angeht, sagt du einfach ‚keine Schubumkehr bei Nummer soundso."
„Ich sage dir, wenn ein Licht nicht angeht. Triebwerk eins ist links, dann zwei, drei und vier. Hoffentlich kann ich mir das merken", erwidert Katniss.
„Das schaffst du schon", werfe ich ihr aufmunternd zu. „Und nach dem Aufsetzen kann es sein, dass ich deine Hilfe beim Bremsen brauche. Wenn ich es dir sage, trittst du einfach mit den Zehenspitzen auf die Pedale, mit langsam steigendem Druck. Und nicht schrecken, falls die Pedale zu vibrieren beginnen, das ist nur das Antiblockiersystem. Einfach weiter draufbleiben!"

Apropos Antiblockiersystem. Ich kontrolliere rasch, ob der ANTI SKID Schalter am Blendschutz über dem Instrumentenbrett auf ARMED steht. Anti Skid armed. Das Letzte, was wir brauchen könnten, wäre ein Reifenplatzer aufgrund eines blockierten Rades beim Bremsen.

3 000 Fuß. Ich werfe einen Blick auf den Radarhöhenmesser, der die Höhe über Boden anzeigt. 1 200 Fuß.
„Finch, mach dich bereit, die Turbokompressoren abzuschalten!"
1 000 Fuß.
„Turbokompressoren aus! Breck, bist du angeschnallt?"
„Turbokompressoren sind aus!" bestätigt Finch, und stöhnt leise auf. Bitte halt durch!
„Breck? Was ist, bist du angeschnallt?"
„Ja", antwortet der Junge abwesend. Das erste, was wir am Boden machen müssen, ist Cloves Leiche zu entfernen. Der arme Junge musste sie lange genug ansehen. Was machen wir eigentlich überhaupt mit den toten Tributen?

Die Fahrt ist auf 130 Knoten gefallen. Ich fahre die Landeklappen auf 50 Grad aus. Empfohlene Geschwindigkeit über der Landebahnschwelle sind 121 Knoten. Im Anflug fliegt man üblicherweise etwas schneller. 125 Knoten. Mehr Reserve gebe ich der Maschine nicht bei dieser kurzen Piste. Ich plane, so früh wie möglich aufzusetzen, wenn möglich vor dem sonst üblichen Punkt 1 000 Fuß hinter der Bahnschwelle. Kein Standardverfahren, aber es steht ja hier auch kein Checkpilot mit dem mahnenden Zeigefinger hinter mir.

FIVE HUNDRED verkündet die Stimme des Radarhöhenmessers. Ich konzentriere mich total auf die Piste, blende alle nicht notwendigen Dinge aus. Kurz streift mein Blick über das Hovercraft. Es liegt, deutlich zur Seite gekippt, an der Grenze zwischen Vorfeld und dem Grasstreifen zwischen Vorfeld und Landebahn. Die linke Tragfläche ist auf Höhe der Triebwerksgondel abgebrochen, der Rumpf geknickt, und das linkeTriebwerk sitzt völlig verdreht mit gebrochenen Rotorblättern in seiner Gondel. Die haben eine harte Landung hingelegt, schießt mir durch den Kopf, ehe ich meine volle Aufmerksamkeit wieder dem Anflug zuwende. Die Ansammlung von Menschen auf dem Vorfeld sehe ich nur aus dem Augenwinkel.

THREE HUNDRED. Noch 300 Fuß. Gleitpfad stimmt, Fahrt 125 Knoten und stabil. Der Wind kommt leicht von rechts, und ich drehe die Nase etwas in den Wind. Aus der Nähe wirkt die kurze, schmale Piste noch beängstigender. Das wird eine Landung hart am Limit.

TWO HUNDRED. Ich lasse die DC-8 minimal unter den Gleitpfad sinken. Normalerweise ein No-Go, aber ich muss die Pistenlänge ausnutzen.

ONE HUNDRED. Jetzt langsam den Schub reduzieren. Der Bahnschwelle rast auf mich zu. Der Flugplatz liegt leicht erhöht auf einem Plateau. Ich muss aufpassen, nicht zu tief zum kommen, sonst krache ich gegen die Böschung am Pistenanfang.

FIFTY. Schubhebel auf Leerlauf. Das Triebwerksgeräusch schwindet.

Der Radarhöhenmesser zählt herunter. FOURTY, THIRTY. Ich bin etwas tief, aber es geht sich aus. Die Pistenschwelle rast unter dem Cockpit vorbei.

TWENTY. Jetzt sanft abfangen, aber nicht zu viel. Fahrt knapp unter 120 Knoten.

TEN. Wir sind über der Piste. Jetzt ja nicht die Maschine schweben lassen. Ich lasse den Zug am Steuerhorn etwas nach. Mit einem harten Rumpeln setzt die DC-8 auf der holprigen Piste auf. Sofort ziehe ich alle vier Schubumkehrhebel nach hinten, bis in die Leerlauf-Rastposition.

„Spoiler!" ruft Katniss.
Durch den Auftriebsverlust beginnt die Nase der Maschine rasch abzusinken. Ich ziehe das Steuer etwas zu mir heran, damit das Bugrad nicht zu hart auf den Beton kracht.
„Vier Lichter….acht Lichter!"
Schubumkehr ist ausgefahren. Das Bugrad setzt auf. Ich ziehe die Schubumkehrhebel nach hinten. Die Triebwerke heulen auf, die Maschine beginnt zu rütteln. Ich muss aufpassen, nicht mehr als die maximale Dauerleistung abzufordern. Ich kann die Anzeige des Schubrechners kaum entziffern. Irgendwas mit 1.8 EPR. Ich justiere die Leistung.

100 Knoten. Das Bahnende kommt rasch näher. Instinktiv trete ich die Bremspedale. Ein Stich fährt durch meinen rechten Knöchel. Reflexartig reduziere ich den Druck aufs rechte Pedal, und die Maschine beginnt nach links zu ziehen.
„Katniss, bremsen!" rufe ich, und reduziere auch den Druck aufs linke Pedal, während ich mit dem rechten Bein vorsichtig das Seitenruder betätige.
Katniss tritt mit beiden Beinen fest auf die Pedale. Die Bremsen sprechen hart an, ich werde nach vorne in den Gurt gedrückt.
90 Knoten. Wir haben geschätzt die Hälfte der Piste hinter uns.
„Stärker bremsen!" rufe ich Katniss zu. Die Richtung der Maschine ist wieder unter Kontrolle. Es poltert und scheppert, als die Räder des Fahrwerks über die unebene Oberfläche der desolaten Piste donnern.
80 Knoten.
Ich hänge förmlich in meinen Gurten.
„Weiter bremsen. Immer schön draufbleiben!"
Wir sind im letzten Bahndrittel. Von wegen vereinzelte Schneereste! Vor uns liegen einige hundert Fuß reinste Schneefahrbahn! Als die Räder des Fahrwerks über den Schnee rutschen, spricht das Anti-Skid an, und die Pedale beginnen wie bei einem Auto mit ABS zu rattern. Gleichzeitig lässt die Bremswirkung besorgniserregend nach. Es fühlt sich an, als würde plötzlich ein unsichtbarer Riese die Maschine von hinten anschieben.

„Bleibt drauf!" mahne ich Katniss, und ziehe die Schubumkehrhebel weiter zurück. Voller Gegenschub. Pfeif auf die Limits!
Der Fahrtmesser zeigt 60 Knoten an, der niedrigste Wert der Skala. Eigentlich müsste ich jetzt die Schubumkehr auf Leerlauf zurücknehmen, doch angesichts des nahen Bahnendes will ich das noch ein wenig hinauszögern. Ich hätte früher bremsen sollen! Doch in Angst, die Bremsen zu überhitzen und einen Reifenplatzer zu riskieren, habe ich damit gewartet, bis die Maschine bei 100 Knoten ist. Wohl etwas zu lange.

Nur noch weniger als 1 000 Fuß bis zum Bahnende. Dahinter liegt eine Böschung. Wenn wir die Maschine nicht zum stehen kriegen, rasen wir den Abhang hinunter, und kommen wahrscheinlich erst im Wald zum Stehen.

Ein lautes Ploppen erschüttert die Maschine. Klang wie ein compressor stall, ein Strömungsabriss im Verdichter eines Triebwerks, hervorgerufen durch das Ansaugen des eigenen, durch die Schubumkehr nach vorne abgelenkten Abgasstrahls.

Ich schiebe die Schubumkehrhebel nach vorne. Ich kann es nicht riskieren, die Triebwerke durch Verdichter-Strömungsabrisse zu beschädigen. Also Schubumkehr auf Leerlauf. Wir haben geschätzt noch an die 40 Knoten drauf. Das Schneefeld ist zu Ende, und die Räder haben wieder einigermaßen trockenen Beton unter sich. Katniss steht noch immer voll auf der Bremse, und als die Reifen plötzlich wieder Grip haben, werde ich von der Bremswirkung scharf nach vorne in die Gurte gedrückt. Die Geschwindigkeit nimmt rasch ab. Ich drücke die Schubumkehrhebel ganz nach vorne. Die Kontrollleuchten erlöschen. Mit einem Ruck kommt die Maschine zum stehen, keine 200 Fuß vom Ende der Piste entfernt. Ich atme erleichtert auf.
„Du kannst die Bremsen jetzt loslassen", sage ich zu Katniss, die noch immer mit ihrem vollen Gewicht auf den Bremspedalen zu stehen scheint.

Wir sind gelandet, und die Maschine ist noch ganz. Trotzdem habe ich das ungute Gefühl, dass wir noch immer nicht im sicheren Hafen sind. Wir werden sehen.


Anmerkungen:

Es ist dies wieder mal eine Art Doppelkapitel, weil ich die Landung endlich abschließen wollte. Die kommenden Kapitel spielen am Boden, es wird dann u.a. Boggs und Johanna als neue Figuren geben, und natürlich weiter nicht alles glatt laufen.

1) Zum Autopiloten: VERT SPEED ist ein Modus, wo man mit einem Kontrollrad einstellen kann, wie schnell das Flugzeug (in Fuß pro Minute) steigen oder sinken soll. Der Autopilot steuert dann die Längsneigung der Maschine so, dass die die eingestellte Steig- oder Sinkrate hält. Will man die Höhe halten, stellt man das Kontrollrad in eine fühlbare Mittelposition auf ALT HOLD (Höhe halten).

Der TURN KNOB ist ein großer Drehknopf, mit dem man dem Autopiloten eine Kurve fliegen lassen kann. Je weiter man den Knopf nach links oder rechts dreht, desto steiler die Kurve. Wer Airport 75 gesehen hat, kennt sicher die Szene, wo die Stewardess den Knopf betätigt. Damit er allerdings benutzt werden kann, muss man den NAV SELECTOR (Drehknopf ganz rechts) auf TURN KNOB stellen.

Für Interessierte hier eine schematische Abbildung: 118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5881357043133198514

2) Die Slots sind mit Klappen verschlossene Schächte zwischen den Triebwerken an der Tragflächenvorderkante. Wenn die Klappen offen sind, kann die Luft durch die Slots strömen, was den Auftrieb verbessert. Die Spoiler sind Klappen an der Tragflächenoberseite, welche nach dem Aufsetzen den Auftrieb zerstören, damit die Maschine mit dem vollen Gewicht auf die Räder gedrückt wird, um die Bremswirkung zu verbessern. Die äußeren Spoilerpaneele werden auch in der Luft einseitig zur Verbesserung der Querruderwirkung verwendet (Lateral Control Spoilers), aber nur, wenn das Fahrwerk ausgefahren ist.

Siehe: 118085645609482887716/DC8?authkey=Gv1sRgCP-jlb20ze7cfQ#5981112606797924770

3) Die Schubumkehr darf bzw. soll unter 60 Knoten nur im Leerauf benutzt werden, sonst kann der umgelenkte Abgasstrahl angesaugt werden, was den Luftfluss durch die Verdichterstufen des Triebwerks stört. Die Verdichterschaufeln sind wie kleine Tragflächen – wenn an ihnen die Strömung abreißt, dann entweicht der aufgebaute Druck nach vorne durch den Triebwerkseinlass. Die Schaufeln können dabei verbogen werden und sogar abreißen. Außerdem können durch den Abgasstrahl Fremdkörper aufgewirbelt und angesaugt werden.

4) Es ist wichtig, nach der Landung darauf zu achten, nur symmetrisch Gegenschub zu geben, da die Maschine sonst ausbrechen kann. Deshalb müssen die Kontrollanzeigen der Schubumkehr beachtet werden. Sollte z.B. Triebwerk 3 (rechts innen) nicht umschalten, darf, um die Symmetrie zu wahren, auch auf Triebwerk 2 (links innen) der Schubumkehrhebel nicht weiter zurück gezogen werden. Voller Gegenschub darf dann nur auf den Triebwerken 1 und 4 (links außen, rechts außen) gegeben werden. Es gab schon Unfälle aufgrund asymmetrischen Umkehrschubs.