Langsam und vorsichtig steuere ich die DC-8 von der Landebahn auf den Rollweg. In der 90 Grad Abzweigung liegen Schneereste. Ich muss aufpassen, ja nicht ins Rutschen zu kommen, sonst geht es mir wie der festgefahrenen 707 in Arthur Haileys Roman „Airport." Auch die Triebwerke verlangen besondere Aufmerksamkeit. Sicherheitshalber habe ich die Einlassenteisung eingeschaltet.

Nach einer weiteren 90 Grad Kurve rolle ich nun direkt auf das Terminal und die Hangars, beziehungsweise das, was davon übrig ist, zu. Der Flugplatz von Distrikt 12 war lange Zeit nicht benutzt worden, und das Kapitol hatte die Bauten mehr oder weniger verfallen lassen. Einzig der große Haupthangar am nördlichen Rand des Vorfelds war mehr oder weniger intakt geblieben. Das Abfertigungsgebäude war nur noch eine Ruine mit kaputtem Dach und zerbrochenen Fenstern, und von den beiden großen Lagerhallen war eine komplett eingestürzt, und die andere völlig ausgebrannt. Wenigstens hatte das Kapitol die Piste und die Taxiways soweit erhalten, um sie benutzen zu können.

Ich fahre Spoiler und Landeklappen ein. Katniss starrt nach vorne in Richtung des Hovercraft-Wracks, und mustert die Traube von Menschen, die sich am Ostende des Vorfelds versammelt hat. Noch sind wir zu weit weg, als dass wir Prim erkennen könnten. Breck hat seit dem Endanflug kein Wort mehr gesagt. Ich kann mich nicht zu ihm umdrehen, doch ein verstohlener Seitenblick auf Cloves Leiche hinter der Mittelkonsole sagt mehr als tausend Worte. Der arme Junge muss die ganze Zeit die bittere Konsequenz seiner Tat mit ansehen. Breck ist ein normaler, zwölfjähriger Junge und kein Killer. Auch wenn Clove böse war und uns töten wollte, sie war doch auch ein Mensch. Und einen Menschen zu töten ist nichts, was man mal eben so wegsteckt. Ich hätte vor den Hungerspielen auch gedacht, dass ich es notfalls könnte. Und doch war ich nicht fähig gewesen, den Abzug der Armbrust zu betätigen, als ich die Chance gehabt hätte, Clove zu töten. Wenn Breck es nicht getan hätte, wären wir vermutlich schon alle tot, oder kurz davor.

„Breck, sag mal, wann bist du eigentlich munter geworden?" breche ich das Schweigen in der Absicht, den Jungen auf andere Gedanken zu bringen.
„Ich weiß nicht so genau…das war alles irgendwie wie im Nebel. Ich hab die Beeren geschluckt…", sagt Breck und hält seufzend inne.
„Ich hab die Nachtriegel geschluckt, weil Marina…ich wollte bei ihr sein…und ich wollte nicht, dass Katniss die Beeren schluckt! Dann war alles schwarz, und das nächste, woran ich mich erinnere ist, dass ich den Himmel durch das Fenster gesehen habe. Er war total dunkel, fast schwarz!"
„Das muss gewesen sein, als wir in fast 50 000 Fuß Höhe geflogen sind, kurz bevor wir den Raketen ausgewichen sind", stelle ich erstaunt fest.

Was immer Breck da geschluckt hat, es muss eine Art Narkosemittel gewesen sein, das eine Vitalfunktionen auf ein absolutes Minimum reduziert hat – so sehr, dass ich keinen Puls fühlen konnte.

„Welche Raketen?" fragt Breck.
„Die Raketen, die das Kapitol auf uns abgeschossen hat. Ich musste ein paar kleine Ausweichmanöver fliegen, damit wir sie loswerden."
„Du bist gut!" wirft Katniss ein. „Kleine Ausweichmanöver. Ich weiß nicht, was man darunter normalerweise versteht, aber ob verkehrt rum fliegen und Überschall dazu gehören glaube ich eher nicht!"
„Jetzt lass mir doch mein britisches Understatement!" kontere ich.
Katniss schüttelt ihren Kopf. „Ihr Briten mit eurem Understatement. Das werde ich wohl nie verstehen."
„Das wird schon noch", entgegne ich, und wende mich an Breck. „Hast du etwas von den Ausweichmanövern mitbekommen?"

„Nicht wirklich. Ich bin glaub ich noch mal eingeschlafen. Ich wusste nicht, was los war. Ich habe doch Nachtriegel geschluckt! Ich hätte tot sein müssen!"
„Du hattest keinen Puls mehr. Ich hätte schwören können, du wärst tot, aber das kann ja nicht der Fall gewesen sein", antworte ich.
„Wohl nicht."
„Ich kann nur spekulieren, dass das keine echten Nachtriegel waren, sondern etwas anderes. Irgendein wirklich starkes Betäubungsmittel, keine Ahnung."
„Aber welchen Sinn soll das machen? Warum sollte das Kapitol Nachtriegel verwenden, die nicht tödlich sind?" fragt Breck.
„Guter Punkt", entgegne ich. „Irgendjemand muss wohl gewollt haben, dass an dem blöden Nachtriegelspiel keiner stirbt, sondern dass es nur so aussieht. Zumindest so lange, bis ich den Stecker ziehen konnte. Also die Übertragung unterbrochen habe."
„Du hast die Übertragung der Spiele unterbrochen? Wie?" fragt der Junge erstaunt.
„Ich hab den Stromkreis für den Sender und die Kameras abgestellt", erkläre ich.

Irgendetwas am Brecks Schilderungen lässt bei mir die Alarmglocken schrillen. Wie ein Kriminalpolizist suche ich nach Ungereimtheiten. Die Ausweichmanöver! Wenn der Junge da einfach am Boden gelegen wäre, dann wäre er wild durch die Kabine geschleudert worden und hätte sich verletzen müssen!

„Breck, sag mal, als du aufgewacht bist, lagst du da am Boden, oder irgendwo anders?" frage ich.
„Ich lag quer auf einer Sitzreihe. Wie..Marina." Ein leises Seufzen tönt durch das Cockpit.
Das ist es! Als ich Breck für tot hielt, lag er am Boden. Ich bin dann nach vorne gegangen, um mich um das Flugzeug zu kümmern, und weil ich den Anblick des toten Jungen, der in meinen Armen gestorben war, nicht länger hatte ertragen können. Finch war noch eine Weile hinten. Also muss sie Breck auf die Sitzreihe gelegt haben!
Ohne mich umzudrehen, rufe ich nach Finch.
„Hast du Breck auf die Sitze gelegt?"
Das Mädchen zögert mit ihrer Antwort.
„Jetzt sag schon, warst du das?" hake ich nach. „Außer dir war ja keiner hinten!"
„Na gut, ja, ich habe Breck auf die Sitzreihe gelegt und ihn angeschnallt, damit er nicht in der Kabine herumgeschleudert wird. Das war doch das Mindeste, was ich für ihn tun konnte!" entgegnet Finch patzig. Warum zum Teufel klingt das so, als würde sie sich rechtfertigen müssen?
„Ist schon gut!" erwidere ich. „Kein Grund, patzig zu werden. Ich will einfach nur wissen, wie Breck überleben konnte, das ist alles!"
„Das kann ich dir auch nicht sagen", entgegnet Finch. Der patzige Tonfall ist aus ihrer Stimme verschwunden. Wann werde ich endlich schlau aus diesem Mädchen?

„Gut. Wir klären das später", beende ich die Diskussion. Wir haben das Vorfeld erreicht. Deutlich ist das Wrack des Hovercrafts im hinteren rechten Bereich der Abstellfläche zu erkennen, genau an der Grenze zum Grasstreifen zwischen Vorfeld und Taxiway. So wie es aussieht, haben sie vermutlich direkt von der Abstellfläche zu starten versucht, sind aber nicht weit gekommen. Wahrscheinlich Triebwerksausfall innerhalb der dead man curve – eine Kombination von Höhe und Vorwärtsgeschwindigkeit, bei der die Leistung des verbleibenden Triebwerks weder für eine sofortige weiche Landung noch einen Übergang in den Horizontalflug reicht. So wie das Wrack aussieht, muss es hart aufgeschlagen sein. Es gibt sicher Verletzte, wenn nicht Tote.

Dann sehe ich sie. Unverkennbar. Prim steht mit ihren beiden blonden Zöpfen direkt neben ihrer Mutter auf dem Vorfeld. Ein Soldat in der grauen Uniform von Distrikt 13 hält sie an den Schultern fest, damit sie nicht blindlings auf die Maschine zuläuft.
„Prim!" ruft Katniss aufgeregt. „Peter, siehst du sie?"
„Ja. Noch ein paar Minuten, dann kannst du zu ihr."

Ein weiterer Soldat bedeutet mir, mit der DC-8 in den linken Bereich des Vorfelds zu rollen. Dort wartet bereits der Tankwagen mit einem schlichten, silbernen 3000 Gallonen Tank und einer weiß lackierten Fahrerkabine – die Standardausführung des RF3000SC-300 von Bosserman Aviation Equipment, importiert durch das Dimensionsportal, weil hier nirgends ein geeignetes Fahrzeug aufzutreiben war. Kerosin benutzen in Panem nur noch die kleinen Hovercrafts mit ihren beiden Turboprop-Schwenktriebwerken, die großen, schweren Maschinen werden nuklear mit einem Kernfusionsreaktor angetrieben, der die Luft in den Triebwerken anstelle einer offene Flamme erhitzt. Im kalten Krieg hatten die Amerikaner an einem Bomber mit nuklearem Antrieb gearbeitet, das Projekt aber schließlich eingestellt. Interessant, dass man das gleiche Konzept in Panem mit um Lichtjahre besserer Technologie tatsächlich umgesetzt hat.

Vorsichtig rolle ich mit der DC-8 Richtung Tankwagen. Noch ein paar Meter. Der Soldat streckt seine Hände, in denen er zwei rote Stäbe hält, langsam in die Höhe und überkreuzt sie. Das Stoppsignal. Sanft trete ich auf die Bremsen. Mit einem Stich macht mich mein rechter Knöchel wieder darauf aufmerksam, dass er immer noch nicht belastbar ist. Ich beiße die Zähne zusammen. Mit einem leichten Ruck kommt die Maschine zum Stehen, und ich ziehe die Parkbremse an.

„Motoren weiterlaufen lassen! Vordere linke Tür öffnen und Fluggasttreppe ausfahren!" weist mich die verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher an.

Ich öffne meine Gurte und schiebe den Sitz nach hinten.
„Katniss, ich muss mal kurz die Tür aufmachen gehen. Du bleibst hier sitzen und passt auf, dass die Maschine nicht von selbst zu rollen beginnt. Sollte das passieren, trittst du sofort die Bremspedale nieder und schreist nach mir. Verstanden?"
„Alles klar".
Vorsichtig schlängle ich mich an der toten Clove vorbei, und versuche den Anblick des in ihrer Brust steckenden Pfeils und die Blutlache am Boden zu ignorieren. Dann treffen sich meine Blick und der von Breck.
„Willst du mitkommen und sehen, wie man in einem Flugzeug die Tür öffnet?"
Zögerlich nickt mir der Junge zu.
„Dann schnall dich los und kommt mit!" fordere ich ihn auf.

Es kann nicht schaden, wenn er etwas Ablenkung bekommt. Schweigend humple ich mit Breck im Schlepptau Richtung Tür. Durch die halb geöffnete WC-Tür sehe ich einen Haufen Gerümpel – die Sachen, die Finch und Katniss vor dem Drohnenangriff verstaut hatten.
„Da hab ich den Bogen rausgeholt", merkt Breck an.
„Gut gemacht".
Ich vergewissere mich, dass die Notrutsche wirklich disarmed ist, nicht dass sie uns beim Öffnen der Tür aufgeht und am Ende ins Triebwerk gesaugt wird. Dann greife ich nach dem großen Öffnungshebel und lege ihn um. Ich muss die Tür zuerst ein Stück nach innen ziehen, ehe ich sie nach außen klappen kann. Typischerweise schließen Kabinentüren von innen, und werden vom Überdruck in der Kabine gegen die Dichtung gedrückt, weshalb man sie im Flug auch nicht öffnen kann.

Das schrille Kreischen der laufenden Triebwerke dringt in die Kabine. Breck verzieht das Gesicht und hält sich schnell die Ohren zu.
„Das ist ja wahnsinnig laut!" schreit er.
Unten am Rollfeld, in sicherem Abstand zu den Triebwerkseinlässen, warten zwei Soldaten, eine Frau und ein Mann, den ich sofort erkenne. Dichte graue Haare, militärisch kurz geschnitten und leuchtend blaue Augen. Boggs. Er hält ein Funkgerät in der Hand und lächelt mir zu. War er es gewesen, der mir per Funk die Anweisungen gegeben hat?
Sofort beginne ich mit dem Ausfahren der Passagiertreppe – eine Nachrüstung für diese DC-8, leider auf Kosten der Kapazität des vorderen Frachtraums. Aber was will man machen, wenn man Flugplätze anfliegen muss, wo das Wort „Fluggastbrücke" höchsten für hochgezogene Augenbrauen und fragende Blicke sorgt?

Ich bedeute Boggs und seiner Begleiterin, an Bord zu kommen.
„Was war denn bei euch los? Warum seid ihr durchgestartet? Anflug zu hoch?" fragt die Soldatin wie aus der Pistole geschossen, ohne sich vorzustellen oder erst mal zu fragen, wie es mir geht. Keine Erziehung, diese jungen Leute heute, hätte meine Mutter gesagt. Ich mustere ihr Gesicht. Sie sieht jung aus, bestenfalls Mitte zwanzig, hat ein spitz zulaufendes Kinn und weit auseinanderstehende braune Augen, die mich fest im Blick haben.
„Was ist, bist du sprachlos oder was? Und warum starrst du mich so an?" zischt mich die Soldatin an.
„Johanna, jetzt lass ihn doch mal Luft holen!" tadelt Boggs sie, und bedeutet uns, nach vorne Richtung Cockpit zu gehen.
„Wir hatten ein kleines Problem mit Clove. Darum sind wir durchgestartet", beginne ich.
„Wie meinst du das?" hakt Boggs nach.
„Sie hat sich aus ihren Handschellen befreit und Finch K.O. geschlagen. Dann hat sie Katniss mit einem Messer bedroht. Ich hatte keine Wahl!"

Die Soldatin namens Johanna starrt mich einen Moment lang mit aufgerissenen Augen an. Breck mustert sie argwöhnisch, und rückt ein Stück näher an mich, als würde sie ihm irgendwie Angst machen.
„Wie, Clove hat sich befreit?"
„Ja. Genau das ist passiert. Wir hatten sie mit Handschellen gefesselt, und die hat sie irgendwie aufbekommen", entgegne ich. Für was soll ich mich bei diesem Johanna von Orleans-Verschnitt, der ein wenig aussieht wie Leelee Sobieski im Film Joan of Arc, nachdem sie sich die Haare geschnitten hat, eigentlich rechtfertigen?
„Spinnt ihr? Soll das heißen, ihr habt Clove am Leben gelassen? Nachdem ihr die Bombe entschärft habt? Wofür?" fährt mich Johanna an und verpasst mir einen Stoß gegen die Schulter.
„Wir…".
„Verrückt seid ihr! Ihr könnt doch nicht eine Karriero am Leben lassen! Information rausquetschen und Kehle durch, so macht man das!" belehrt mich die Soldatin. „Was glaubst du, wie ich meine Hungerspiele überlebt habe? Sicher nicht, indem ich gut Freund mit den Karrieros war und sie gnädiger Weise am Leben gelassen habe, weil sie ja auch nur Menschen und gar nicht wirklich böse sind! Pahhh!"

Meine Hungerspiele? Moment mal…
„Na, noch immer nicht begriffen, wer hier vor dir steht?" fragt mich Johanna herausfordernd.
„Du bist doch nicht…"
„Johanna Mason! Siegerin der 67. Hungerspiele. Das Mädchen mit den Äxten, falls du in Geschichte geschlafen hast. Und jetzt beweg deinen Arsch nach vorne!"
„Schluss damit!" fährt Boggs dazwischen. „Peter, du gehst ins Cockpit und beginnst, die elektrische Last zu reduzieren und bereitest das Anlassen der APU vor. Außerdem kannst du eine INS – Schnellausrichtung auf die aktuelle Position machen".
Boggs reicht mir einen Zettel.
„Da steht die aktuelle Position drauf. Ich gehe jetzt mal schnell den Sender ausstecken. Dauert ein oder zwei Minuten, die Abdeckung zum Electronic-Compartment habt ihr ja schon abgenommen, wie ich sehe."
Dann wendet er sich an Breck.
„Und du, willst du mir zuschauen, wie ich diese blöden Kameras ein für alle Mal stilllege? Na, was meinst du?"
Der Junge nickt stumm.
„Dann kommt mal mit. Peter, du kümmerst dich inzwischen um das INS und die Lastreduzierung."
„Mach ich", entgegne ich, und eile ins Cockpit.

Ich mag Boggs. Er ist so etwas wie eine Vaterfigur für mich, obwohl ich ihn erst seit ein paar Monaten kenne. Trotzdem habe ich das Gefühl, mit ihm in dieser kurzen Zeit mehr geredet zu haben als mit meinem richtigen Vater, dessen einzige Sorge seinen Pferdewetten gegolten hat. Typisch britisch also. Das einzige was fehlte war ein Adelstitel, dann wäre es perfekt gewesen.

Ich war für meinen Vater nur insoweit interessant, als dass ich gute Noten heimbringen und meinen Weg in irgendeine einflussreiche Position machen sollte. Alle Gespräche ab ungefähr meinem sechsten Lebensjahr drehten sich nur noch darum. Peter, sieh dein Zeugnis an! Was soll das? Ein B in Englisch? Glaubst du, dass du damit in irgendeinen Firmenvorstand kommst, wenn du nicht mal deine Muttersprache beherrscht? Wenigsten war ihm egal gewesen, mit welchen Mädchen ich mich herumtrieb. Weil er wusste, dass meine Mutter ungeeignete Partnerinnen sowieso hochkant aus dem Haus werfen würde, bevor er von der Rennbahn zurück war. Boggs ist da ganz anders. In Distrikt 13 haben wir uns immer wieder zum Tee getroffen, und alles Mögliche besprochen. Er hat immer ein offenes Ohr, und wenn es irgendein Problem gibt, setzt er sofort alle Hebel in Bewegung, um es zu lösen. Er hat die ganze Sache mit meinen Distrikt 12 – Besuchen eingefädelt, und mir die falsche Identität besorgt, damit ich Katniss besuchen konnte.

Allein seine Anwesenheit beruhigt mich so sehr, dass ich die kratzbürstige Johanna schon fast wieder verdrängt habe. Welcher Idiot hat der überhaupt eine Stelle als Soldatin gegeben? Das ist doch eine Psychopatin, der ich nicht mal eine Wasserpistole in die Hand drücken würde, wenn es nach mir ginge. Aber es geht eben nicht immer nach mir.

„Was ist? Wann kann ich zu meiner Schwester?" ruft mir Katniss entgegen, als ich das Cockpit betrete.
„Boggs muss nur noch schnell was mit der Elektronik machen, dann können wir die Triebwerke abstellen. Vielleicht noch zwei oder drei Minuten, versprochen!"
„Boggs? Boggs ist hier? Der Typ, der bei unserem ersten Ausflug zum Flugplatz dabei war?" fragt Katniss erstaunt. So wie sie ‚Ausflug' betont hat, ist klar, dass die damit kein gemütliches Picknick im Wald meint. Hat sie mir unsere Auseinandersetzung damals noch immer nicht verziehen?
„Ja, genau der", entgegne ich. „Und so eine fürchterliche Kratzbürste namens Johanna Mason. Siegerin der 67. Hungerspiele, falls dir das etwas sagt."
„DIE Johanna Mason? Die das harmlose kleine Mädchen gespielt hat, und sie dann alle mit ihrer Axt gekillt hat? Was hat die hier verloren?" fragt Katniss entrüstet.
„Das habe ich mich auch gefragt", sage ich achselzuckend. „Komm, reich mir mal die Checkliste!"

Ich überfliege still die einzelnen Punkte. Klappen sind eingefahren, Antiskid ist aus, Wetterradar und Transponder sind auf Standby, Triebwerksenteisung aus, Pitotrohr-Vorwärmung aus, Windschutzscheibenheizung aus, Zündung aus, Lande- und Rollscheinwerfer aus, Stabilizer auf zwei Grad Nase hoch. Ich wechsle zum Ingenieurspult. Finch sitzt schweigend auf ihrem Sitz und hält sich den Kopf.

„Wie geht es dir?" frage ich sie.
„Mein Kopf tut furchtbar weh, und mir ist schwindelig."
Ich streiche ihr sanft über den Arm.
„Die haben da unten sicher einen Sanitäter. Der soll sich deine Wunde mal anschauen. Vielleicht können sie dir auch irgendwas spritzen", beruhige ich sie.
„Kann ich einstweilen irgendwas tun?"
„Ist schon gut. Ruh dich einfach aus. Ich mach das schon", entgegne ich, und beginne, die Checkliste weiter abzuarbeiten.

Standby Rudder Power aus, Boost Pumps aus, Spoiler-Hydraulikpumpe aus, Galley-Power aus. Ich schalte auch gleich die Zapfluft-Schalter aus, nachdem ich nicht vorhabe, die Turbokompressoren zwecks Heizung noch mal einzuschalten. Dann nehme ich mir das INS vor, gebe die aktuelle Position ein und mache ein Schnellupdate. Besser wäre zwar eine komplette Neuausrichtung der Trägheitsplattform, aber dafür darf die Maschine zehn Minuten lang nicht bewegt werden. Das Update dauert nur 30 Sekunden.

„Na, habt ihr sie am Ende doch gekillt", ruft Johanna plötzlich von hinten über meine Schulter. Ich drehe mich um. Sie deutet mit dem Finger auf die am Boden liegende Clove.
„Wir hatten keine Wahl. Das heißt, Breck hatte keine Wahl. Sonst hätte sie Katniss getötet."
Johanna reißt erstaunt ihre Augen auf.
„Was? Der Junge hat das getan? Was war mit dir. Däumchen gedreht oder was?"
„Ich war an meinen Sitz gefesselt. Ich konnte nicht mal steuern", entgegne ich.
„Darum seid ihr also besoffen wie Haymitch durch die Luft getorkelt. Ich hätte schon gedacht, du hast Katniss fliegen lassen, so wie das ausgesehen hat".
„Katniss ist geflogen", erwidere ich. „Ich konnte ja nicht. Sie ist den ganzen Gegenanflug selber geflogen, ohne Autopilot."
„Und Breck war inzwischen hinten den Schlüssel für die Handschellen suchen", ergänzt Katniss.
„Breck, das ist der Kleine, richtig?" fragt Johanna.
„Genau. Und wenn wir schon die allgemeine Fragestunde haben, was war bei euch los? Mit dem Hovercraft?"

Johanna rollt mit den Augen.
„Lange Geschichte. Das linke Triebwerk ist beim Anlassen etwas heiß geworden, das hat es uns wohl übel genommen. Vielleicht hat es ihm auch nicht gefallen, dass wir ein paar Mal mit Überlast abgehoben sind, als wir die Leute ausgeflogen haben. Gab einen ordentlichen Knall gleich nach dem Abheben, und eine harte Landung. Wir haben jetzt ein paar Verletzte mehr, und eine eingeklemmte Person. Sie versuchen gerade, sie rauszuholen."
Johanna wendet sich an Katniss.
„Keine Angst, deiner Schwester geht es gut. Deiner Mutter auch."
„Wer ist eingeklemmt?" frage ich.
„Magde. Madge Undersee. Ist die Tochter vom Bürgermeister, oder so."
Katniss reißt erschrocken ihre Augen auf.
„Wie geht es ihr?"
„Ich sag mal, den Umständen entsprechend", entgegnet Johanna. „Sie hatte ja schon vor dem Crash ein gebrochenes Bein. Beim Aufschlag ist die Krankentrage kollabiert, und dabei hat sich ein Stück Metall in ihren Unterschenkel gebohrt, was sie jetzt irgendwie absägen müssen, bevor sie sie rausholen können. Scheißsache sowas, aber die Kleine ist tapfer."

Katniss löst ihre Gurte.
„Ich muss sie sehen. Sofort!"
Ich packe sie am Arm.
„Du kannst jetzt nicht raus!" Die Triebwerke laufen noch!"
„Peter, lass mich los! Madge ist meine Freundin, ich muss zu ihr!"
„Jetzt sei doch vernünftig! Es sind ja schon Sanitäter bei ihr! Oder, Johanna?"
„Ja. Unser Pilot ist angehender Arzt, und wir haben ein paar ausgebildete Sanitäter dabei. Wir sind sozusagen die Nachhut, die letzten, die weggeflogen wären, nachdem die großen Hovercrafts alle weg waren.

In diesem Moment betritt Boggs das Cockpit.
„Der Sender ist ausgesteckt, es müsste jetzt möglich sein, den AC TIE BUS gefahrlos zu aktivieren."
„Müsste möglich sein?" frage ich. „Was könnte schlimmstenfalls passieren?"
„Nicht viel. Der Sender würde senden, aber weil wir ja am Boden sind, wäre die Reichweite sehr beschränkt. Unwahrscheinlich, dass das Kapitol etwas empfängt."
„Peter, wer ist das?" fragt Katniss, während sie Boggs misstrauisch mustert. „Was ist das für eine Uniform?"
„Distrikt 13, Mädchen", antwortet Boggs lächelnd.
„Unmöglich. Distrikt 13 ist zerstört! Ausgelöscht nach der Rebellion!" entgegnet Katniss.
„Du solltest nicht alles glauben, was sie dir im Fernsehen sagen. Aber das erkläre ich dir später". Boggs wendet sich an mich. „Peter, probier mal aus, ob der TIE BUS Strom annimmt."

Ich lege den AC BUS ISOLATION Schalter, den ich nach Marinas Tod durch die Mikrowellenkanone ausgeschaltet habe, zurück auf NORMAL und schließe die Schutzkappe. Das GENERATOR UNPARALLED Licht von Generator zwei erlischt.
„Scheint zu funktionieren", rufe ich Boggs zu. „Ich schalte jetzt mal die Triebwerke eins und vier ab, dann starten wir die APU."
Ich beuge mich über die Mittelkonsole, greife nach dem Treibstoffhebel von Motor eins und lege ihn nach unten auf FUEL OFF. Drehzahl und Abgastemperatur fallen rasch ab. Nummer vier auf FUEL OFF. Die Generatorwarnlampen der abgestellten Triebwerke leuchten auf, und die Lastanzeige von Generator zwei steigt sprunghaft an, weil er jetzt die Stromkreise, die vorher von den Generatoren eins und vier versorgt wurden, mitversorgen muss.

„Gut. Ich lasse jetzt die APU an."
Die APU ist eine kleine Turbine im hinteren Bereich des vorderen Frachtraums, welche einen Generator antreibt, um am Boden das Flugzeug unabhängig von den Triebwerken oder einem Stromaggregat mit Strom versorgen zu können. Zuerst muss ich die APU-Batteriestromversorgung einschalten und die Kontrollleuchten am Panel testen.
„Achtung, es wird jetzt kurz eine Alarmglocke schrillen! Ist nur der Feuerwarnungs-Test!" rufe ich den anderen im Cockpit zu, bevor ich den Testknopf drücke. Die Glocke schrillt, und das rote MASTER FIRE Warnlicht am Instrumentenbrett leuchtet auf. Ich lege einen Schalter mit der Aufschrift DOORS auf OPEN. Damit wird der Lufteinlass für die APU geöffnet. Ein Kontrolllicht leuchtet auf. Ich betätige den Startschalter. APU START leuchtet auf, die Turbinendrehzahlanzeige erwacht zum Leben, gefolgt von der Abgastemperaturanzeige. Bei 35% Drehzahl erlischt das APU Start Licht, und die Turbine läuft rasch aus eigener Kraft auf 100% hoch.

Ich schalte den APU-Generator ein. Das blaue EXT POWER AVAIL Licht am Flugingenieurs-Elektrikpanel leuchtet auf. Ich prüfe Spannung und Frequenz, und lege den Batteriehauptschalter auf EXTERNAL POWER. Damit übernimmt die APU die Stromversorgung. Ich greife nach den Treibstoffhebeln der Triebwerke zwei und drei, und lege sie auf FUEL OFF. Die Turbinen laufen aus, und es ist nur noch das Heulen der APU zu hören.

„Katniss, jetzt kannst du nach unten zu Prim und Madge!"
Sie zögert keine Sekunde, und eilt wie der geölte Blitz nach hinten. Ich schalte noch schnell die Tankwahlhebel auf OFF, schalte die Hydraulikzufuhr für die Querruder und das Seitenruder aus und konfiguriere das Treibstoffpanel für das Nachtanken.
„Boggs, wir werden auf 22 000 Pfund nachtanken. Wir sind jetzt bei 13 800, also tankt ihr gut 8000 Pfund nach. Habt ihr jemanden, der sich damit auskennt?"
„Ja. Ich habe eine Bodeningenieurseinweisung", antwortet Boggs. „Ich kann das Tanken im Cockpit überwachen und die Füllventile und die Füllmengen-Bugs setzen. Technical Sergeant Miller kümmert sich inzwischen um den Tankwagen."

Ich überlege kurz, ob ich den beiden über die Schulter schauen soll oder nicht.
„Keine Angst, Peter. Wir können das schon. Miller hat schon öfter deine Maschine in Distrikt 13 betankt. Wir haben beide die Schulung gemacht. Willst du unser Zertifikat sehen?" fragt mich Boggs lächelnd.
„Schon gut. Falls ihr meine Hilfe braucht, schreit einfach. Ich bin bei Katniss!"
Mein Blick fällt auf die tote Clove.
„Und wenn es irgendwie geht, sollte vielleicht jemand die Toten…"
„Aus der Maschine entfernen, klar", ergänzt Boggs, und greift nach seinem Funkgerät.

„Boggs an Sergeant Miller! Trommeln Sie ein paar Leute zusammen! Die Leichen müssen weg. Rasch! Und schick mir einen Sani hier rauf, ich hab hier ein Mädchen mit einer Kopfverletzung!"
„Verstanden, Sir!" krächzt Millers Stimme aus dem Funkgerät.
„Peter, worauf wartest du? Geh zu Katniss!" fordert mich Boggs auf.
„Aye Sir!" entgegne ich lächelnd, werfe noch einen kurzen Kontrollblick auf die APU-Anzeigen und begebe mich dann nach hinten zur Tür. Moment!
„Wo ist eigentlich Breck?"
„Johanna kümmert sich um ihn. Ist wahrscheinlich Tankwagen-Schauen mit ihm gegangen", meint Boggs.

Kaum habe ich den ersten Schritt ins Freie gemacht, schlägt mir schon die beißende Kälte entgegen. Es hat leichten Frost, kein Drama wenn man eine halbwegs brauchbare Jacke hat, doch mit einem kurzärmeligen Shirt ist man eindeutig underdressed im wahrsten Sinne des Wortes. Egal. So schnell erfriert man nicht.

Als ich am unteren Ende der Treppe ankomme, fallen sich Katniss und Prim gerade in die Arme. So schnell ich kann, humple ich zu den beiden.
„Du bist ja verletzt!" höre ich Prim aufgeregt rufen, so laut, dass ihre Stimme das schrille Kreischen der APU übertönt. Vorsichtig streicht sich Katniss über die Stirn, eher ihr Blick auf den verbrannten Oberarm ihrer Schwester fällt.
„Um Gottes Willen, Katniss! Wer hat dir das angetan?" fragt Prim entsetzt. „Tut es sehr weh?"
„Geht schon", entgegnet Katniss. „Peter hat mir Tabletten gegeben. Außerdem kennst du mich ja. So schnell haut mich nichts um."
„Das wird eine hässliche Narbe geben", merkt Katniss Mutter distanziert an. Seit dem Tod ihres Mannes ist sie von ihren beiden Töchtern emotional abgeschottet, jahrelang war sie völlig unfähig gewesen, sich um sie zu kümmern. Wenn Katniss nicht jagen gegangen wäre, wäre die Familie wahrscheinlich verhungert.

„Peter, was ist mit deinem Bein? Du humpelst ja!" ruft mir Prim zu. Sie ist klar in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Könnte glatt Ärztin werden.
„Wahrscheinlich verstaucht. Ist passiert, als die Maschine durchgesackt ist", entgegne ich.
„Als sie mit den Raketen auf euch geschossen haben?"
„Nein. Das war lange vorher. Erzähl ich dir später."
„Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Als ihr im Sturzflug wart, gab es auf einmal einen furchtbar lauten Knall. Ich hätte schon gedacht, die haben euch getroffen!" erzählt Prim aufgeregt.
„War wahrscheinlich nur der Überschallknall. Die Kiste ist uns ziemlich schnell geworden da oben. Wir waren ein paar Sekunden lang schneller als der Schall".
„Das war ganz schön aufregend", fügt Katniss hinzu. „Aber noch besser war der Himmel da oben, Prim. Der war total dunkel, beinahe schwarz. Wie in der Nacht, und das am hellen Tag! Das hätte dir sicher gefallen!"
„Ich weiß nicht so recht", entgegnet Prim. „Warte, ich hol mal Verbandszeug. Dieser Schnitt an deiner Stirn gehört gereinigt und verbunden, und deine Verbrennung muss auch versorgt werden!"

Mit schnellen Schritten läuft Katniss Schwester in Richtung des abgestürzten Hovercrafts.
„Du kennst sie ja", merkt Katniss an.
„Muss immer die Ärztin spielen, deine Schwester", entgegne ich.
„Ja. Sie kann die schlimmsten Wunden ansehen, ohne dass ihr übel wird. Ich muss immer rausgehen, wenn wir Patienten im Haus haben".
„Ich weiß. Du kannst das nicht sehen".
Katniss deutet auf ihre Stirn.
„Sieht schlimm aus, der Schnitt, oder?"
„Irgendwie steht er dir gar nicht so schlecht", necke ich sie. „Wenn er jetzt noch gezackt wäre wie die Narbe von Harry Potter, würde der ganz cool aussehen!"
„Wer zum Teufel ist Harry Potter? Ist das wieder so ein britisches Zeug, wo ich keine Ahnung davon habe?"
„Du hast es erraten, entgegne ich. „Keine Angst, du wirst das irgendwann schon noch alles kennen lernen."
Katniss schlingt ihre Arme um mich.
„Das kann warten."

Ohne Vorwarnung beginnt sie, mich zu küssen. Es ist kein zurückhaltender, schüchterner Kuss mehr wie im Cockpit. Die Sekunden verstreichen, und in unserer engen Umarmung kann ich für einen Moment alles, was gerade rund um uns geschieht vergessen. Die Toten, die Strapazen, und auch das, was noch vor uns liegt. Es zählt nur noch der Augenblick. Ein tiefes Verlangen steigt in mir hoch, das ich schon jahrelang nicht mehr gefühlt habe. Doch dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

Nur am Rande dringen Motorgeräusche in mein Ohr. Es ist das typische Nageln eines kalten Dieselmotors. Etwas an dem Geräusch erweckt meine Aufmerksamkeit. Egal. Ich konzentriere mich wieder auf Katniss. Ihr Körper fühlt sich gut an, athletisch und kräftig. So blöd es klingt, ich fühle mich in ihrer Umarmung geborgen, als könnte mir nichts passieren, so lange sie auf mich aufpasst.

Wieder stört das Dieselnageln meinen Augenblick einer heilen Welt. Was machen diese Idioten da schon wieder? Das Nageln verstummt. Der Anlasser orgelt. Der Motor springt kurz an und geht wieder aus. Da stimmt doch etwas nicht! Widerwillig löse ich meine Lippen von Katniss Mund, und wende meinen Blick in Richtung Tankwagen. Ich sehe, wie der Fahrer, ein Soldat in der Uniform von Distrikt 13, die Tür aufreißt und wild gestikulierend in sein Funkgerät kreischt. Breck und Johanna stehen etwas abseits daneben.

„Katniss, warte hier! Irgendetwas stimmt nicht mit dem Tankwagen!"
Johanna bedeutet Breck zu bleiben, wo er ist, dann eilt sie schnellen Schrittes zum Fahrer. Das muss wohl dieser Sergeant Miller sein. Quälend langsam nähere ich mich dem Tanklaster. Der Soldat ist gerade dabei, die Motorhaube zu öffnen.

„Was ist hier los?" rufe ich.
„Keine Ahnung", entgegnet der Fahrer. „Vorhin lief er noch, als ich ihn aus dem Hangar rausgefahren habe, aber jetzt will er nicht mehr. Springt zwar kurz an, aber geht dauernd aus, und nimmt kein Gas an. Drecksding verfluchtes!"

„Können Sie noch mal zu starten versuchen?" frage ich ihn. Mein Blick fällt auf das Namensschild auf seiner Uniformjacke. Sergeant Miller.
„Ich glaub zwar nicht, dass das was bringt, aber von mir aus."
Der Soldat klettert in die Fahrerkabine und betätigt den Anlasser. Nach ein paar Sekunden orgeln kommt der Motor kurz, geht wieder aus und kommt noch mal. Es scheint, das er zwar auf einigen Zylindern kurz zündet, aber nicht in der Lage ist, aus eigener Kraft weiterzulaufen. Die Zündungen klingen auch irgendwie kraftlos.

„Stopp. Ich glaube, ich weiß was das Problem ist!" rufe ich Sergeant Miller zu. „Der bekommt keinen Sprit!"


Anmerkungen:

1) Ein Pitotrohr ist eine Vorrichtung, um den Staudruck und damit die Fluggeschwindigkeit zu messen. Dieses Rohr kann unter bestimmten Bedingungen zufrieren, was dann eine falsche Geschwindigkeitsanzeige zur Folge hätte. Daher wird es im Flug beheizt.

2) Antiskid = Antiblockiersystem für die Radbremsen, funktioniert wie beim Auto. Nur dass es per Schalter abgestellt werden kann.

3) Standby Rudder Power ist eine Backup-Hydraulikversorgung für das Seitenruder mit einer eigenen, elektrisch betriebenen Pumpe und einem eigenen Reservoir. Dieses System wird bei Start und Landung aus Sicherheitsgründen aktiviert, damit man auch bei einem Ausfall des normalen Hydrauliksystems noch Hydraulikdruck für das Seitenruder hätte. Es kann zwar auch im Notfall manuell bewegt werden, aber nur mit verringertem Ausschlag und damit geringerer Wirkung.

4) Boost Pumps = elektrische Treibstoffpumpen in den Tanks, welche den Treibstoff zu den Triebwerken pumpen. In der DC-8 würden die Triebwerke auch schon durch die Schwerkraft und die eigenen, motorgetriebenen Pumpen versorgt werden, die Boost Pumps sind zur Sicherheit vorhanden und um die Treibstoffversorgung in allen Fluglagen zu garantieren.

5) Die Spoiler haben bei der DC-8 eine eigene Hydraulikversorgung mit einer elektrischen Pumpe. Sie läuft immer, sobald das Fahrwerk ausgefahren ist, würde also auch bei geparkter Maschine weiterlaufen. Daher wird sie, sobald die Parkposition erreicht ist per Schalter ausgeschaltet, und vor dem Start wieder aktiviert.

6) Die elektrische Lastreduzierung hat den Sinn, dass die APU bzw. die noch laufenden Triebwerksgeneratoren nicht überlastet werden. Würde man alle Systeme laufen lassen, würde der letzte verbleibende Triebwerksgenerator die gesamte Last übernehmen müssen, was ihn überlasten würde.

7) Eine DC-8 hat ab Werk keine APU (auxiliary power unit). Es gibt aber eine zugelassene Nachrüstung für eine Garrett GTCP85 APU. Sie kann 90 kVA elektrische Leistung (entspricht der Leistung von drei Triebwerksgeneratoren!) und Druckluft für die Klimaanlage und das Anlassen der Triebwerke liefern. Allerdings nimmt die Nachrüstung Frachtraumkapazität weg und neigt zu Überhitzungsproblemen.

8) Eine APU ist ein kleines Jet-Triebwerk, welches aber nicht darauf ausgelegt ist Schub zu produzieren, sondern den größten Teil seiner Leistung mechanisch auf eine Welle abzugeben, an der ein Generator angekoppelt ist. Zusätzlich kann aus dem Verdichter Druckluft abgezweigt werden. Verglichen mit einem gleich starken Verbrennungsmotor ist eine APU zwar ineffizient und ein Spritschlucker, aber dafür ist sie erheblich leichter. Pro Stunde verbraucht sie um die 200 Pfund (100 kg) Treibstoff.