Katniss starrt mich mit offenem Mund an.
„Finch? Sie hat uns verarscht? Wie?"
„Soweit sie und Boggs mir erklärt haben, wurde sie von den Leuten aus Distrikt 13 beauftragt, uns auf den richtigen Kurs zu bringen. Sie wusste ein paar Dinge, zum Beispiel, dass die Nachtriegel für das Spiel nicht tödlich waren", entgegne ich.
„Was? Darum lebt Breck also noch?"
Ich nicke.
„So ist es. In den Beeren war irgendein Wirkstoff, das seinen Herzschlag so stark gedrosselt hat, dass es aussah, als sei er tot. Darum war Finch auch so lange hinten, weil sie sich um ihn kümmern musste."
„Und ich hätte gedacht, Finch heckt etwas aus, um uns loszuwerden. Sie hat ja dauernd so geheimnisvoll getan", erwidert Katniss.
„Das Gleiche habe ich auch gedacht. Nun ja, eigentlich war das mehr so ein ungutes Gefühl, dass sie uns etwas verheimlicht, aber immerhin hat mich mein Gefühl nicht getrügt."
Katniss senkt betrübt ihren Blick.
„Peter, ist dir klar was das bedeutet? Wenn diese Nachtriegel nicht tödlich waren, und wenn du das gewusst hättest – dann könnte Marina vielleicht noch leben!"

Mit dieser Feststellung trifft Katniss bei mir einen wunden Punkt.
„Ich weiß", sage ich niedergeschlagen. „Wenn ich das gewusst hätte, und dir die Beeren nicht aus der Hand geschlagen hätte, und dann den Wütenden gespielt und den Strom für die Übertragung abgestellt hätte, dann hätten sich die Spielmacher diese Racheaktion mit der Mikrowellenkanone vielleicht gespart. Aber ich wusste es nicht!"
„Schon gut! Ich will dir keinen Vorwurf machen. Finch hätte es dir sagen müssen", entgegnet Katniss, und streicht mit ihren Fingern sanft über meinen Arm.
„Finch wollte nicht riskieren, dass das vielleicht übertragen wird. Aber du hast Recht, es gibt da noch eine Reihe offener Fragen. Aber die klären wir, wenn wir in Distrikt 13 sind. Klar?"

Im Hintergrund höre ich, wie jemand Boggs per Funk ruft. Aufgrund des Lärms, den die laufende APU durch die offene Tür verbreitet, kann ich die Worte nicht verstehen, doch als ich sehe, wie Boggs schnellen Schrittes aus dem Cockpit auf mich zu kommt, ahne ich, dass es etwas Wichtiges sein muss, was mich betrifft.

„Na ihr Beiden, was steht ihr da so rum wie bei einem Kaffeekränzchen?" fragt Boggs lächelnd, und wendet sich an mich. „Peter, dein Typ wird verlangt. Beim Tankwagen!"
„Bin schon unterwegs", antworte ich.
Katniss packt mich am Arm und hält mich zurück.
„Peter, ist etwas mit den Tankwagen? Gibt es ein Problem?"
„Wenn du es unbedingt wissen willst – ja! Der Diesel ist versulzt, und wir müssen etwas basteln, um den Motor mit Kerosin zum laufen zu bringen!"
„Warum sagt mir das keiner? Da sitze ich und lasse mich verarzten, und dann funktioniert dieser blöde Tankwagen nicht?" entgegnet Katniss mit erhobener Stimme.
„Es hätte auch nichts geändert, wenn du daneben gestanden wärst. Versulzt ist versulzt". Ich winde mich aus ihrem Griff. „Und jetzt lass mich zum Tankwagen, wir haben nicht mehr viel Zeit!"

So schnell es geht humple ich die Treppe nach unten. Johanna und Sergeant Miller hantieren gerade im Motorraum herum. Ein weiterer Soldat schleppt keuchend ein schweres kerosinbetriebenes Herman Nelson-Heizgerät heran, welches normalerweise zum Vorwärmen von großen Kolben-Flugmotoren verwendet wird. Wenigstens hat jemand daran gedacht, dass man so ein Heizgerät mal brauchen könnte.
„Wir sind hier fast fertig", ruft mir Miller zu. „Ich muss jetzt nur noch die provisorischen Leitungen anschließen und den neuen Filter einsetzen. Und dann heizen wir mit dem Herman Nelson ein wenig vor, sofern noch Zeit ist."
„Klingt gut."

Breck steht neben Miller und Johanna und beäugt neugierig den Motor.
„Wie stark ist der denn?" fragt er mich.
„Wenn ich mich recht erinnere, hat der 350 PS. Ist ein feiner Motor." Sofern man diesen bescheuerten Dieselpartikelfilter entfernt und aus der Motorsteuerung raus programmiert. Darauf habe ich bestanden, als Beetee unbedingt diesen Laster beschaffen wollte. Kein Mensch braucht eine Karre, die wenn es darauf ankommt streikt, weil der Filter mal wieder freigebrannt werden muss. Wenn die dann auch noch gescheiten Diesel getankt hätten…
„Das wäre was für unsere großen Fischerboote. Wir haben nur ganz schwache Hilfsmotoren, und die meisten Boote habe überhaupt nur Segel."

„Was ist jetzt mit diesem Tankwagen? Wird das bald was?" fragt Katniss ungeduldig, und wirft einen besorgten Blick in Richtung des Hovercraft-Wracks, wo Prim dabei ist, ein verletztes junges Mädchen zu verarzten.
„Nur noch ein paar Minuten", versuche ich sie zu beruhigen.
„Du mit deinen paar Minuten! Was, wenn die Truppen vorher da sind?"
„Boggs hat alles im Blick".
„Na, wenn er das sagt. Aber allzu viel scheinen diese Leute nicht im Blick zu haben! Sonst würde der Tankwagen ja funktionieren, wenn ich das richtig verstanden habe", erwidert Katniss mit zynischem Tonfall.
„Dann hoffen wir mal, dass Boggs vom Militär mehr versteht als von Dieselmotoren", entgegne ich sarkastisch.

Mein Blick fällt auf den Soldaten, der gerade damit beginnt, den Herman Nelson zu starten. Ohne Erfolg.

„Was hat das verfluchte Teil denn?" schimpft er, und tritt mit dem Fuß gegen das Gerät.
„Funktioniert hier überhaupt etwas?" flucht Katniss.
„Haben Sie den Primer betätigt? Ist die Zündung ein?" frage ich den Soldaten.
„Primer?"
Schön langsam geht mir diese Inkompetenz auf die Nerven.
„Sie haben doch wohl eine Einweisung für dieses Gerät, oder?"
„Natürlich. Aber den Primer habe ich nie benutzt. Sprang immer an", entgegnet der Soldat achselzuckend.
„Ja, weil sie Ihre Einschulung vermutlich im beheizten Hangar gemacht haben, nachdem zehn Leute vor ihnen den Motor angelassen haben. Da kann man sich den Primer natürlich sparen!" ätze ich, und dränge den Soldaten zur Seite. „Lassen Sie mich mal!"

Ich betätige den Primer ein paar Mal, um Benzin in den kleinen Motor, der das Brennergebläse antreibt, einzuspritzen. Dann ziehe ich kräftig am Seilzugstarter. Nichts. Noch einmal. Der Motor zündet kurz, und geht wieder aus. Noch einmal ein wenig primen. Ein beherzter Zug am Starter, und der Zweitakter erwacht zum Leben. Ich zünde den Brenner. Sofort strömt warme Luft aus dem Heizschlauch.

„So, und jetzt halten sie das Ende des Schlauch in den Motorraum. Vor allem über den Zylinderkopf, rund um die Einspritzdüsen", weise ich den Soldaten an. „Es kann nicht schaden, wenn wir etwas Wärme dorthin bekommen!"
Ich wende mich an Katniss.
„Erinnere mich, dass ich in Distrikt 13 ein ernster Wort mit ein paar Leuten reden muss. Diese Schulungen sind für den Hugo!"
„Für den was?"
„Den Hugo – für die Katze. Erfüllen nicht ihren Zweck!"
„Ich versteh schon. Du immer mit deinen komischen Redewendungen". Katniss macht eine kurze Pause. „Du bist wohl immer noch davon überzeugt, dass wir es nach Distrikt 13 schaffen?"
„Klar. Die Frage ist weniger ob, sondern wie", entgegne ich.
„Aber wenn wir nicht tanken können?"
„Dann müssen wir es mit dem Sprit versuchen, den wir noch im Tank haben. Rechnerisch geht es sich knapp aus".

Katniss mustert mich skeptisch.
„Peter, sag mir die Wahrheit! Keine Lügen mehr, klar?"
„Das ist die Wahrheit. Wir brauchen 11 000 Pfund Treibstoff. Haben werden wir beim Start um die 13 000. Aber wenn wir nur ein bißchen zu viel Gegenwind haben, oder die Anzeigen ungenau sind, dann kann es passieren, dass uns die Triebwerke ausfallen, bevor wir am Boden sind", entgegne ich.
„Das heißt, wir stürzen ab?"
„Nicht unbedingt. Wir können eine gewisse Strecke segeln, aber die Landung ist dann schwierig. Ja, es könnte sein, dass wir dann eine Bruchlandung hinlegen."
„Gibt es eine Alternative? Können wir die Leute anders in Sicherheit bringen?" fragt Katniss.

Gutes Stichwort. So lange, wie die hier schon warten, hätte doch Distrikt 13 schon ein Hovercraft schicken können, wenn die Verantwortlichen ein wenig guten Willen hätten. Aber so wie ich Coin einschätze, würde sie sicher kein Hovercraft für eine Rettungsmission riskieren, wo ein großes Risiko für einen direkten Feindkontakt besteht. Und wenn eines unterwegs wäre, wüsste Boggs davon, und hätte es als Alternative vorgeschlagen.

„Ich fürchte nicht. Es ist die DC-8, oder ein Tod im Kugelhagel der Soldaten des Kapitols. Such dir was aus."
„In dem Fall ist mir dir DC-8 lieber. Besser eine unsichere Chance, als gar keine".

Sergeant Miller tippt an meine Schulter.
„Peter, wir sind hier fertig. Sieh dir mal an, ob die Schlauchverbindungen Sinn machen!"
Ich werfe einen kritischen Blick unter die Motorhaube, und fahre mit den Fingern die Kraftstoffschläuche entlang. Ein Schwall brennende heißer Luft lässt mich zusammenzucken.
„So passen Sie doch mit dem verdammten Heißluftschlauch auf! Sie verbrennen mir ja fast die Hand!" fahre ich den Soldaten an, der mit dem Schlauch des Herman Nelson Heizgeräts hantiert.
„Wir wollen doch nicht gleich so wehleidig sein!" spottet Johanna in meine Richtung. Und zu Katniss: „Ist der immer so empfindlich? Was findest du bloß an dem?"
Jetzt bloß keine öffentliche Beziehungsdiskussion, bitte.
„Das geht dich nichts an", entgegnet Katniss barsch. „Pass lieber auf, dass eure Konstruktion funktioniert, und wir hier endlich weg können!"

Ich setze meine Inspektion fort. Die Kraftstoffschläuche scheinen korrekt angeschlossen und dicht zu sein. Ich verfolge sie weiter nach außen zu einem am Boden stehenden, mit Kerosin gefüllten Eimer.
„Wir haben welches aus dem Tankwagen genommen. Das sollte wärmer sein als das aus der Maschine", merkt Miller an.
„Gut mitgedacht!", lobe ich ihn. Wenigstens einer tut das. „So, jetzt müssen wir den Filter füllen", verkünde ich, und entriegele Hebel der Handpumpe in der Nähe des Kraftstofffilters. Dann beginne ich zu pumpen. Soweit ich mich erinnere, sind laut Handbuch um die 150 Pumpstöße nötig, um den Filter zu füllen.
„Wie lange dauert das jetzt?" fragt Katniss besorgt. Ihre Unruhe ist ihr deutlich anzumerken, ihr Blick wechselt ständig zwischen Prim und mir, und sie träppelt von einem Bein aufs andere.
„Zwei oder drei Minuten. 150 Pumpstöße", entgegne ich.

Plötzlich hält Katniss inne, und starrt Richtung Hovercraft. Sie formt ihr Hände zu einem Trichter um ihren Mund.
„Was? Was ist los?" schreit sie.
Die Antwort ist nicht zu verstehen.
„Warte, ich komme!"
Nicht schon wieder ein Problem, bitte!

Unermüdlich betätige ich den Pumpenhebel. Ich muss so lange pumpen, bis ein Widerstand zu spüren ist, und sich der Hebel nicht mehr drücken lässt. Dann ist der Filter voll, und das Niederdruck-Kraftstoffsystem entlüftet. Es kann nicht mehr lange dauern.
„Sergeant Miller, nehmen Sie schon mal im Führerhaus Platz. Stellen Sie sicher, dass die Parkbremse angezogen ist und das Getriebe auf Park oder Neutral steht!"
Immerhin hatte Beetee genug Verstand gehabt, und eine Version mit Automatikgetriebe geordet. Den Leuten in Distrikt 13 die Feinheiten eines Schaltgetriebes beizubringen, wäre wohl eine „Mission impossible" gewesen.
„Ich bin soweit!" ruft Miller vom Fahrersitz.

Noch ein paar Pumpstöße. Endlich spüre ich, wie der Hebel schwergängig wird. Jetzt lässt er sich kaum mehr drücken. Ich verriegele ihn. Sicherheitshalber trete ich zur Seite. Nicht dass ich die Hungerspiele überlebt habe, um dann am Ende ganz banal überfahren zu werden, falls Miller einen Unfug macht.
„Sie, mit dem Heizschlauch! Treten Sie besser auch zur Seite", rufe ich dem Soldaten zu.
Dann wende ich mich an Miller.
„Und jetzt starten!"

Der Anlasser läuft an. Ich horche angestrengt auf ein Lebenszeichen des Motors. Die Sekunden verstreichen. Nichts. Der Anlasser orgelt und orgelt. Nach einer gefühlten Ewigkeit verstummt er.
„Was ist los?" fragt Sergeant Miller.
„Wusste ichs doch, dass dieses Drecksding nicht funktioniert", flucht Johanna und stampft wütend auf den Boden.
„Versuchen Sie es noch einmal!"

Wieder orgelt der Anlasser. Plötzlich zündet der Motor. Schwach.
„Weiter starten!"
Wieder eine Zündung. Und noch eine. Unregelmäßig, und nicht auf allen Zylindern, und nicht genug, um den Motor aus eigener Kraft laufen zu lassen, doch die Drehzahl nimmt von Sekunde zu Sekunde zu. Laut nagelnd kommt der Cummins-Dieselmotor auf Touren. Sergeant Miller lässt den Zündschlüssel los. Der Motor bockt und schüttelt, und droht azusterben.
„Er nimmt kein Gas an!" ruft mit der Sergeant zu. Dann geht der Motor stotternd aus. Das Kerosin scheint einen Teilerfolg gebracht zu haben, doch entweder ist noch Luft im Kraftstoffsystem, oder es sind die Einspritzdüsen verlegt. Oder das Kerosin ist nicht zündwillig genug.

„Warten Sie!" rufe ich Miller zu, und greife nach der Handpumpe. Nach wie vor ist ein harter Widerstand zu spüren. Luft ist also nicht das Problem. Ich wende mich an den Soldaten mit dem Heizschlauch.
„Sie! Blasen wir noch ein wenig heiße Luft hier rein. Aber diesmal mache ich die Motorhaube so weit zu, dass gerade der Schlauch rein passt!"
„In Ordnung! Und mein Name ist Bill Lohmeyer, ok?"

Wenn das jetzt nicht klappt, haben wir ein Problem. Und gerade, als ich die Motorhaube bis auf einen kleinen Spalt geschlossen habe, kommt Katniss angebraust.
„Was gibt es?" frage ich sie ruhig.
„Madge! Peter, sie wissen nicht, ob sie Madge rausbekommen!" entgegnet Katniss aufgeregt. Ihrem besorgten Blick nach zu urteilen scheint es ernst zu sein.
„Was ist mit ihr? Noch immer eingeklemmt?"
„Ja. Irgendsoein Metallteil steck in ihrem rechten Bein, und sie müssen es absägen, um es rauszubekommen!"
„Was? Das Bein oder das Metallteil?"
„Das Metallteil. Ist so eine Art Rohr, vom Gestellt der Bahre. Madge hat sich bei der Evakuierung das linke Bein gebrochen, darum konnten sie sie nicht mit einem der großen Hovercrafts ausfliegen. Der Sanitäter hat gesagt, wenn das Teil zu sehr verrutscht, könnte sie verbluten!" Katniss Stimme zittert vor Aufregung.

Madge ist eine ihrer wenigen Freundinnen, vielleicht sogar die einzige. Ich habe sie nur einmal flüchtig gesehen, mit ihren langen blonden Haaren. Sie war für Distrikt 12 verhältnismäßig gut gekleidet, aber nicht übertrieben gut. Anscheinend will sie als Bürgermeistertochter nicht überheblich wirken, zumindest war das mein Eindruck gewesen.

„Dann müssen sie eben vorsichtig arbeiten!" entgegne ich.
„Das tun ja", erwidert Katniss. „Aber einer der Soldaten hat gemeint, wenn die so langsam weitermachen, dauert das viel zu lange. Er hat mit einem anderen diskutiert, und der hat gemeint, entweder beeilen die sich, oder Madge muss hierbleiben!" Sie schüttelt entsetzt ihren Kopf. „Das dürfen die doch nicht tun, Peter!"
„Dürfen…was die dürfen oder nicht, darauf kommt es nicht an. Wenn die Truppen zu nahe sind, wird Boggs den Abflugbefehl geben."
„Aber er ist doch dein Freund! Du kannst ihm doch sagen, dass wir noch ein wenig warten!" fleht mich Katniss an.
„Glaub mir, Boggs wird so lange warten, wie er es verantworten kann. Aber so brutal es klingt, es wird einen Zeitpunkt geben, da müssen wir starten, egal ob Madge an Bord ist oder nicht. Wir können nicht das Leben von…wie vielen, dreißig, vierzig Leuten riskieren, nur um ein einzelnes zu retten!" erwidere ich.
„Aber es ist nicht nur irgendjemand! Es ist Madge!" Aus Katniss Blick spricht Verzweiflung. „Wenn du dich weigerst, fliegt dieses Flugzeug nirgendwohin!"

Theoretisch stimmt das. Weil ich der Einzige hier bin, der eine DC-8 fliegen kann, würde die Maschine so lange auf dem Vorfeld stehen, bis ich sie wegrolle. Gut, vielleicht könnte Boggs die Triebwerke anlassen und zur Startbahn rollen, aber ob er einen Start ohne meine Mithilfe riskieren würde?

„Und was denkst du, passiert dann? Glaubst du, dieses Soldaten hier werden däumchen drehend abwarten, bis die Kapitoltruppen ein Sieb aus unserer Maschine gemacht haben?" Ich lege eine rhetorische Pause ein. „Vergiss es. Im Notfall zwingen die mich mit Waffengewalt zu starten, oder sie probieren es selbst. Letzteres will ich lieber nicht erleben!"
„Aber du kannst doch wenigstens versuchen, ein gutes Wort bei Boggs einzulegen! Bitte!" fleht mich Katniss an.
„Ich werde es versuchen."
„Danke", erwidert Katniss, und gibt mir einen kurzen Kuss auf die Wange.

Anscheinend hat sie ihren Wutausbruch von vorhin überwunden. Sehr temperamentvoll, meine Katniss. Und launisch. Aber so ist sie eben.
„Und jetzt", wende ich mich an Sergeant Miller, „versuchen wir noch mal, diesen blöden Motor zum Laufen zu bringen!"
„Soll der Heißluftschlauch drin bleiben?" fragt Bill.
„Ja. Je mehr Wärme, desto besser", antworte ich. „Miller, starten Sie!"

Zum dritten Mal beginnt der Anlasser zu orgeln. Die Sekunden verstreichen. Plötzlich zündet der Motor hart nagelnd auf einigen Zylinder. Nach und nach erwachen alle sechs Zylinder zum Leben. Die Drehzahl nimmt zu, und der Cummins-Diesel läuft, wenn auch unrund, aus eigener Kraft.
„Jetzt vorsichtig ein wenig Gas geben!" rufe ich Miller zu.
Nagelnd legt der Motor an Drehzahl zu.
„Sehr gut. Jetzt lassen wir ihn ein wenig warmlaufen, bis er etwas runder läuft!"
„Ist ok", antwortet der Sergeant, und beugt seinen Kopf ein Stück weiter aus dem Fenster der Fahrerkabine. „Was ist mit dem Jungen? Soll er hier bleiben?"

Gute Frage. Im Führerhaus würde in ein paar Minuten die Heizung warme Luft liefern, von daher wäre es sinnvoll, wenn Breck genau dort bliebe. Andererseits könnte es fatal sein, wenn er während des Tankens unbeabsichtigt an irgendwelche Schalter oder Hebel kommt. Und falls es einen Unfall während des Tankens gäbe, wäre der Tankwagen der dümmste Ort, wo man sein könnte.

„Ich denke, es wäre besser, er steigt aus. Nicht dass er am Ende irgendwo ankommt", sage ich mit gedämpfter Stimme zu Miller.
„Verstanden." Der Sergeant wendet sich an Breck. „Willst du nicht lieber runter zu Peter? Dann siehst du viel besser, wie das Tanken funktioniert!" Natürlich ist das eher eine Notlüge. Aber taktvoller, als dem Jungen frei heraus zu sagen, dass er hier nicht erwünscht ist.
Breck nickt verhalten.
„Wenn Sie meinen."

Der Motor läuft mittlerweile deutlich ruhiger. Er nagelt zwar lauter, als er es mit Dieselkraftstoff tun würde, aber das dürfte an der geringeren Zündwilligkeit des Kerosins liegen. Soweit ich weiß, gibt es dafür, anders als bei Diesel, keinen Mindeststandard.

Breck umrundet die Motorhaube des Tankwagens und kommt auf mich zu.
„Da drin war es angenehmer", meint er.
„Wie lange soll ich den Motor noch warmlaufen lassen?" fragt Miller, und deutet auf seine Armbanduhr. Wahrscheinlich der dezente Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Zeit drängt.
„Ich würde sagen, es sollte reichen. Der Motor läuft einigermaßen rund!"
„Irgendwelche Ratschläge, wie ich fahren soll?"
„Am besten, sie lassen den Truck ohne Gas im ersten Gang rollen. Es muss ja sowieso jemand mit dem Eimer mitgehen!"
Miller nickt mir zu.
„Alles klar. Private Lohmeyer?"
Der Soldat nimmt Haltung an. „Ja, Sir?"
„Entfernen sie den Heizschlauch!"
„Verstanden. Schlauch wird entfernt!"
Sergeant Miller wendet sich an Johanna.
„Du nimmst den Eimer! Pass auf, dass du nichts verschüttest!"
„Ist klar, ich darf wieder den Trottel für alles spielen", meckert Johanna leise.
„Das habe ich gehört!" ruft Miller aus dem Führerhaus.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie jemand wild gestikulierend aus dem Wrack des Hovercrafts eilt.
„Das stimmt irgendetwas nicht!" stellt Katniss besorgt fest.
Ich wende meinen Blick von Tankwagen ab. Der gestikulierende Soldat eilt mit zwei anderen Richtung Wrack. Die übrigen Soldaten bedeuten den Flüchtlingen aus Distrikt 12, sich vom Hovercraft zu entfernen, und nehmen selber entferntere Positionen ein.
Gar nicht gut! Wenn jemand von einem Flugzeugwrack wegrennt, kann das eigentlich nur eines bedeutet.
„Feuer!" ruft Katniss entsetzt, und packt mich an den Schultern. „Peter, es brennt!"
Rauch quillt aus der offenen Heckluke des Hovercrafts. Der Menge nach zu urteilen, scheint es ernst zu sein.
„Miller! Schnell, den Feuerlöscher!" schreie ich, und reiße die Fahrertür des Tankwagens auf.

Der Sergeant nimmt den großen, zwischen den beiden Sitzen angebrachten Löscher aus der Halterung und reicht ihn mir.
„Soll ich..?"
„Weitermachen, ja. Bringen Sie den Wagen in Position!" rufe ich ihm zu, und eile, so schnell ich mit meinem verletzten Bein kann, Richtung Hovercraft. Der Rauch wird von Sekunde zu Sekunde dichter.
„Ich kann Prim nirgends sehen!" ruft Katniss. „Peter, beeile dich!"
Ich versuche, das Tempo zu steigern. Ein stechender Schmerz zeigt mir, dass das ein Wunschtraum bleiben wird.
„Hier", sage ich zu Katniss, nimm den Löscher! Gib ihn den Leuten bei Hovercraft! Ich komme nach!"

Gut doppelt so schnell wie ich eilt sie davon. Ein Soldat kommt auf sie zu und will sie zurückhalten, doch Katniss schiebt ihn, den Feuerlöscher wie einen Rammbock vor sich haltend, einfach zur Seite.
„Prim!" höre ich sie schreien. „Wo bist du?"
Ohne zu zögern rennt Katniss durch die offene Heckluke in das Innere des Hovercrafts. Deutlich sind die Flammen im vorderen Bereich des kombinierten Passagier- und Frachtraums zu erkennen. Einer der Soldaten reißt ihr den Feuerlöscher aus der Hand und richtet ihn auf die Flammen. Doch gegen dieses Inferno ist er machtlos. Kurz sieht es so aus, als ließe sich das Feuer zurückdrängen, doch Sekunden später lodert es mit neuer Stärke auf.

Dann sehe ich sie. Ihre beiden blonden Zöpfe sind unverkennbar.
„Prim! Raus da!" schreit Katniss in Richtung ihrer Schwester, die zusammen mit einem Sanitäter und ihrer Mutter neben Madge kniet.
„Wir sind gleich soweit!" ruft Prim zurück.
„Das hat keinen Sinn!" schreit der Soldat mit dem Feuerlöscher. „Hier ist überall Treibstoff, wir müssen sofort hier raus!"
Wie gelähmt stehe ich vor der Luke. Sie ist so groß, dass man mit einem Auto problemlos durchfahren könnte. Ich müsste nur reingehen. Und dann? Prim gewaltsam wegreißen?
Im inneren des Hovercrafts sieht es aus, als wäre dort eine Bombe hochgegangen. Die Krankenliegen sind teilweise aus ihren Verankerungen gerissen, und jede Menge Ausrüstungsgegenstände liegen am Boden herum. Der Geruch nach Kerosin ist unverkennbar. Überhaupt ein Wunder, dass die Mühle nicht gleich beim Aufschlag in Flammen aufgegangen ist!
Der Soldat reißt Prim von Madge weg.
„Aua! Lassen Sie mich in Ruhe!" schreit Katniss Schwester. Der Soldat zieht sie weiter weg.
„Lassen Sie mich los! Wir müssen Madge helfen!"
„Dafür ist es zu spät. Die Kiste geht jeden Moment hoch!"

Ohne sich beirren zu lassen, schleppt der Soldat die strampelnde Prim Richtung Tür. Plötzlich schießt fauchend eine Stichflamme im vorderen Bereich des Frachtraums hoch. Der Soldat dreht sich kurz um. Prim nutzt den Überraschungseffekt, um sich aus dem Griff zu befreien, und eilt zu Katniss, dienoch immer bei ihrer Mutter und Magde neben dem Sanitäter am Boden kniet. Der vordere Teil des Hovercraft steht mittlerweile fast völlig in Flammen. Die Hitze ist selbst durch die Luke zu spüren. Noch ein paar Sekunden, dann ist alles zu spät. Ich kann förmlich spüren, wie all meine Pläne über eine Zukunft mit Katniss vor meinen Augen zerfließen. Ich stelle mir vor, wie sie und Prim von den Flammen eingeschlossen werden.

Das darf unmöglich passieren. Wir sind so weit gekommen, und jetzt sterben die einzigen Menschen, die mir etwas bedeuten, in einem simplen Feuer? Das wäre so, als hätte sich Katniss anstelle ihrer Schwester für die Hungerspiele gemeldet, sie gewonnen, und dann würde Prim von einem Auto überfahren werden.

Die Soldaten haben die Brandbekämpfung aufgegeben. Ein letzter unbenutzter Feuerlöscher hängt an der Wand neben der Ladeluke. Kein Mensch scheint von ihm Notiz zu nehmen.

„Wir haben sie frei!" ruft der Sanitäter, und hebt Madge kurzerhand aus der zertrümmerten Liege. In diesem Moment schießen Flammen die rechte Bordwand entlang nach hinten, direkt auf die Luke zu. Wahrscheinlich Treibstoff, der sich im Inneren des Hovercrafts angesammelt hat. Instinktiv renne ich durch die Luke Richtung Feuerlöscher. Die Flammen rasen auf mich zu.

„Raus hier! Mach schon!" ruft mir einer der Soldaten zu. Dann passiert es. Kurz vor der rettenden Luke schießen kräftige, gelbe Flammen quer über den Boden und entzünden sie herumliegenden Stoffauflagen der Krankenliegen. Prim schreit entsetzt auf, der Sanitäter mit Madge am Arm weicht zurück. Sein Blick spricht Bände. Wir sind verloren. Mach, dass du raus kommst! Rette wenigstens dich selbst!
Aber wofür? Will ich ohne Katniss überhaupt leben? Kann ich das, was ich mit Kate durchgemacht habe, noch einmal ertragen? Dieses Gefühl, mal wieder zu spät zu kommen, und nichts gegen das sich vor meinen Augen abspielende Unheil tun zu können? Nein! Diesmal nicht!

Ich reiße den Feuerlöscher aus der Halterung. Ich kann etwas dagegen tun!
„Auf drei laufen Sie los!" rufe ich dem Sanitäter zu. „Augen zu und durch!"
Ich entsichere den Löscher und trete so nahe an die lodernden Flammen heran, wie ich es aushalten kann.
„Ein, zwei, drei!"
Der Sanitäter läuft los. Ich drücke den Löschhebel. Feines Pulver schießt aus der Düse, direkt in die Flammen am Boden.
„Los, weiter!"
Ich schwenke die Löschdüse kurz zur Seite, um die Schneise zu verbreitern. Der Sanitäter taucht hustend aus einer Wolke Qualm und Löschpulver auf. Prim, Katniss und ihr Mutter folgen direkt dahinter. Der Pulverstrahl verliert an Druck. Gleich ist der Feuerlöscher leer. Die Flammen erobern den gewonnenen Raum zurück. Die Hitze wird unerträglich.

Wie in Zeitlupe sehe ich Katniss und ihre Schwester an mir vorbeilaufen. Zu spät entdecke ich einen kleinen Ausrüstungskoffer, der direkt im Weg liegt. Der Sanitäter weicht ihm aus. Katniss auch. Doch Prim bleibt mir ihrem Fuß hängen, und fällt der Länge nach hin. Das darf doch nicht wahr sein! Ein lauter Schmerzensschrei übertönt das fauchende Inferno. Katniss hält inne, und bückt sich, um Prim aufzuhelfen. Der Löscher ist leer. Frustriert werfe ich ihn den Flammen entgegen, als könnte ich sie damit noch ein letztes Mal zurückschlagen.

Katniss hebt Prim auf und rennt los.
„Peter, raus da!"
Ich humple ihr hinterher. Die Hitze holt mich ein. Du bist zu langsam, Peter. Viel zu langsam! Die Flammen müssen jeden Augenblick die Tanks erreichen. Wenn sie jetzt hochgehen, bin ich viel zu nahe dran. Die plötzliche Todesangst hilft meinem verletzten Bein auf die Sprünge. Ich spüre den stechenden Schmerz im Knöchel nicht mehr, es ist, als würde ich über den Boden schweben. Mein Blick verengt sich zu einem engen Tunnel, wie beim Start der Spiele. Lauf Richtung DC-8! Dort bist du in Sicherheit! Den dumpfen Knall, mit dem der rechte Tragflächentank des Hovercrafts in einem Feuerball aufgeht, nehme ich nur am Rande wahr. Die Druck- und Hitzewelle schiebt mich förmlich weiter. Katniss wirft mir einen besorgten Blick zu, und bedeutet mir, mich zu beeilen. Meter für Meter entferne ich mich von dem lodernden Inferno, das bis vor einer Minute noch ein gecrashtes Hovercraft war. Dann beginnt der Horizont zu wanken. Ich versuche, das Gleichgewicht wieder zu finden, doch meine Beine gehorchen mir nicht. Mit rudernden Armen versuche ich, die Kontrolle wiederzuerlangen. Vergeblich. Der Boden rast auf mich zu, und ich schlage hart auf.

„Peter!" höre ich Katniss gedämpft schreien. Sie eilt auf mich zu, und reicht mir ihre Hand, um mir aufzuhelfen. Mein rechter Ellenbogen brennt wie Feuer. Kein Wunder, so wie ich über den harten Betonboden radiert bin. Asphaltausschlag, wie die Biker sagen. Mit zittrigen Beinen richte ich mich auf. Das Hovercraft steht komplett in Flammen, eine dichte, schwarze Rauchsäule steigt in den Himmel. Mit einem weiteren Knall explodiert der linke Tragflächentank. Trümmer fliegen quer über das Vorfeld.

„In Deckung!" ruft jemand, und stößt Katniss und mich unsanft zur Seite. In der nächsten Sekunde schlägt ein brennendes Trümmerteil direkt neben uns ein. Die Leute laufen wie wildgewordene Ameisen auseinander, als weitere Trümmer vom Himmel regnen. Bitte nicht die Maschine treffen. Bitte! Dann wird es still. Nachdem der Großteil des Treibstoffs in einer riesigen Feuerball verpufft ist, vebrennt der Rest vergleichsweise unspektakulär, zusammen mit dem, was vom Hovercraft noch übrig ist.

Doch die Stille währt nicht lange.
„Ich brauche hier Hilfe!", schreit jemand. Ich drehe mich um. Es ist der Sanitäter. „Sie blutet! Stark!"
Und dann sehe ich. Die Blutlache unter Madges Bein auf dem Beton, die von Sekunde zu Sekunde größer wird.