Ein zweiter Sani eilt mit einer Ausrüstungstasche heran.
„Ich kann nicht sehen, wo die Blutung herkommt! Mist!" flucht der andere, der Madge aus dem Hovercraft geborgen hat.
„Das Rohr muss sich verschoben haben! Sieht so aus, als hätte es einer Arterie erwischt!" meint sein Kollege.
Madge ist kaum bei Bewusstsein, wahrscheinlich stark mit Morfix sediert, aber ich höre sie trotzdem vor Schmerzen wimmern. Die Sanitäter hantieren an ihrem Bein herum, doch egal was sie tun, die Blutung scheint sich nicht stoppen zu lassen.
„Wir müssen das Bein abbinden!" ruft der Sanitäter aus dem Hovercraft seinem Kollegen zu.
„Aber dann riskieren wir ihr Bein!"
„Jack, wir verlieren sie! Wir haben keine Wahl!"
„Also gut", meint Jack, und kramt in seiner Tasche. Er holt ein Stofftuch und einen Knebel hervor, und beginnt, Madges Bein oberhalb des Knies abzubinden. Sie zuckt zusammen, als der Sanitäter den Knebel fest zudreht.

„Müssen Sie so grob sein?" fährt Katniss ihn an. „Geben Sie ihr doch wenigstens was gegen die Schmerzen!"
Ein großer, glatzköpfiger Mann tritt an ihn heran. Der Bürgermeister.
„Sie hat Recht! Sehen sie nicht, wie unsere Tochter leidet?"
„Mister Undersee, wir können ihr nicht noch mehr Morfix geben", entgegnet der Sanitäter aus dem Hovercraft ruhig. „Wir sind eigentlich schon über der zulässigen Dosis, die wir ohne richtiges Monitoring geben können. Noch mehr, und wir riskieren, dass sie eine Atemdepression oder einen lebensgefährlichen Blutdruckabfall bekommt!"
„Eine Atem-was?" fragt der Bürgermeister barsch.
„Eine Atemdepression. Sie könnte dann aus eigenem Antrieb zu wenig und zu flach atmen. Wie eine teilweise Atemlähmung. Wir haben hier keine Beatmungsmaschine, und der Beatmungsbeutel ist leider im Hovercraft verbrannt", erwidert der Sanitäter ruhig.
„Die Abbindung steht", ruft sein Kollege dazwischen. „Jetzt noch schnell fixieren, und dann nichts wie weg hier!"

„Randolf, jetzt lass den Sanitäter in Ruhe! Er tut doch, was er kann!", pfeift Mrs. Undersee, die mit verweinten Augen etwas abseits steht, ihren Mann zurück.

„So, das wärs! Jack, haben wir noch Blutkonserven A positiv, oder Volumenersatz?"
„Nur noch eine Konserve, und zwei Beutel Volumenersatz", entgegnet Jack.
„Dann bereite die Konserve vor. Aber wir geben sie erst im Flugzeug, klar?"

Das Funkgerät eines in der Nähe stehenden Soldaten erwacht zum Leben.
„Boggs an alle. Sofort mit dem Einsteigen der Passagiere beginnen! Ich wiederhole, sofort mit dem Einsteigen beginnen!"
„Verstanden!" antwortet der Soldat, und dreht sich in Richtung der versammelten Leute. „Alles einsteigen! Sofort!"
Im Hintergrund sehe ich, wie Sergeant Miller und Johanna die Schläuche vom Tankwagen an die Druckbetankungsanschlüsse unterhalb der linken Tragfläche anschließen. Hoffentlich kriegen wir wenigstens ein paar tausend Pfund rein.

„Ich gehe mal besser ins Cockpit, das Tanken überwachen", sage ich zu Katniss. „Du kommst dann bitte so bald als möglich nach, ich muss dir für den Start noch ein paar Dinge erklären."
„Geh nur", entgegnet Katniss.
„Was ist mit deinem Ellbogen?" fragt Prim. „Soll ich mir den anschauen?"
„Keine Zeit. Ist nur eine Schürfwunde, darum kümmern wir uns später, wenn wir diese Kiste in der Luft haben. Ok?"
„Wenn du meinst."

So schnell es geht, humple ich die Treppe nach oben. Drei Leute, ein Mann und zwei Frauen aus Distrikt 12 sind vor mir. Zögernd betreten Sie die Maschine. Eine der beiden Frauen würgt hörbar, als ihr der Blutgeruch in die Nase steigt. Ich zwänge mich vorbei und eile ins Cockpit.

„Alles bereit zum Auftanken?" frage ich Boggs.
„Ja. Die Füllmengen-Bugs sind gesetzt, die Füllventile der Haupttanks eins bis vier sind offen."
„Gut. Die da unten müssten gleich soweit sein."
Das Funkgerät erwacht zum Leben.
„Miller an Boggs. Wir sind bereit zum tanken, wenn ihr es seid!"
„Starten sie die Betankung!" befiehlt Boggs.
Sekunden später beginnen sich die Füllstandsanzeigen zu bewegen. Pro Minute können ungefähr 2 000 Pfund Treibstoff an Bord gepumpt werden, das Tanken wird also nur wenige Minuten dauern.

„Soll ich die APU-Bleed Air einschalten, damit wir die Kabine ein wenig durchlüften können?", fragt mich Boggs. „Da hinten soll es nicht besonders gut riechen."
„Von mir aus. Aber nur zwei Turbokompressoren, und vielleicht einen Freon-Kompressor zu Kühlung. Wir wollen die APU nicht zu sehr belasten!"
Boggs führt die nötigen Handgriffe aus.
„Wenigstens einer, bei dem die Schulungen gefruchtet haben", murmle ich halblaut. Dann fällt mein Blick auf Finch. Sie sieht müde und etwas abwesend aus.
„Was ist mit dir?" frage ich sie.
„Mir geht es nicht besonders. Kopfschmerzen, und mir ist schwindelig. Ich glaube, es ist besser, wenn Boggs weiter den Ingenieur macht. Ich würde mich gerne hinlegen, wenn das geht", antwortet Finch kraftlos.
„Wie du meinst. Ich werde dann den Sanitäter holen, der soll besser noch mal einen Blick auf dich werfen.

Müdigkeit und Schwindel nach einem Schlag auf den Kopf klingen nicht gut. Ist das nicht ein Symptom für erhöhten Hirndruck? Mein Biologielehrer hat mal im Unterricht eine Geschichte von einem Jungen erzählt, dem beim Spielen ein Holzbrett auf den Kopf gefallen ist. Am Abend legte er sich mit Kopfschmerzen total müde ins Bett, und wachte nie mehr auf.

Boggs spielt inzwischen an seinem Holo herum. Er runzelt seine Stirn.
„Der Baumstamm ist aus dem Weg. Die Truppen bewegen sich wieder. Jetzt haben wir maximal noch 15 Minuten!"
„Wir viel Treibstoff haben wir?" frage ich.
„Knapp 17 000 Pfund."
„Gut. Ich beginne sofort mit der Startcheckliste. Boggs, ruf deine Leute, sie sollen Katniss sagen, dass sie herkommen soll. Sobald wir zum Anlassen bereit sind, unterbrechen wir den Tankvorgang. Wenn wir die 22 000 Pfund schaffen, ist es gut, wenn es weniger sind, ist es auch egal", weise ich Boggs an.
„Einverstanden."
Er greift nach seinem Funkgerät.
„Boggs an alle. Katniss Everdeen soll sofort ins Cockpit kommen, ich wiederhole, Katniss Everdeen sofort ins Cockpit!"
Nach einigen Sekunden folgt eine Antwort.
„Verstanden. Katniss Everdeen ist auf dem Weg. Ich schicke den Jungen auch gleich mit, wie heißt der noch mal?"
„Breck", spricht Boggs in sein Funkgerät. „Ja, er soll mitkommen. Und sagen Sie Bescheid, wenn alle Personen an Bord sind!"
„Verstanden."

Ich beuge mich über den Copilotensitz und hole die Checkliste aus dem Staufach. Gerade als ich meinen Sitz zurückschiebe, um bequem Platz nehmen zu können, stechen mir die zahlreichen verkohlten Trümmer am Vorfeld ins Auge. So wie es aussieht, müssten wir, wenn wir zur Startbahn 25 rollen wollen, direkt durch dieses Trümmerfeld durch.
„Boggs, wir haben ein Problem. Das Vorfeld und der Taxiway sind voller Trümmer, da können wir unmöglich durch. Das machen die Reifen nicht mit, und die Triebwerke auch nicht!" rufe ich nach hinten. FOD nennt man das, foreign object damage. Eine herumliegende Schraube kann ein ganzes Triebwerk ruinieren, wenn sie angesaugt wird.
„Das habe ich schon befürchtet", entgegnet Boggs. „Können wir umdrehen und auf der 07 starten?"
Ich versuche, die verbleibende Distanz nach vorne bis zu den ersten Trümmern und den nötigen Platzbedarf zum umdrehen einzuschätzen.
„Es könnte sich ausgehen. Das Wenden, meine ich. Der Start…nun, er wird gehen müssen. Blöd, dass wir das EFB nicht dabei haben, dann könnten wir das ausrechnen".

Das EFB ist der electronic flight bag, ein handlicher, hauchdünner Computer, der praktisch nichts anderes als ein großer Touchscreen ist, und neben Flugkarten eine ausgefeilte Software zur Flugplanung und zur Berechnung von Starts und Landungen beinhaltet. Nicht zu vergleichen mit dem, was sie zu Hause als Tablet-PC verkaufen, diese Mischung aus Laptop und Touchscreen. Im Scherz hatte ich mal vorgeschlagen, eines dieser Dinger durch das Portal mit nach Hause zu schmuggeln, und es für eine entsprechende Summe an Apple zu verkaufen. Der Vorschlag hatte leider den Verantwortlichen nicht besonders gefallen.

„Ich kann das auch mit meinem Holo. Da ist die EFB-Software drauf", antwortet Boggs gelassen. Natürlich. Irgendwer musste uns ja die Landestreckenberechnung durchgegeben haben.
„Sag mal, Boggs, hast du uns über Funk die Landeanweisungen gegeben?"
Er wirft mir ein vielsagendes Lächeln zu.
„Könnte sein."
„Und was war mit den Textnachrichten? Was war mit Gale?" hake ich nach.
„Nicht meine Baustelle. Gale ist in Distrikt 13, so viel kann ich dir sagen. Und jetzt kümmern wir uns lieber um die Checkliste, klar?"
Was es da wohl mit Gale auf sich hat? Fragen über Fragen. Das wird eine lange Sitzung werden, um die alle aufzuklären.

Seufzend nehme ich die Liste zur Hand.
„Gut. Vor dem Anlassen….Logbuch…vergessen wir…Gear Pins?
„Haben wir keine eingesetzt, also entfernt", antwortet Boggs.
„Feuerwarnung?"
Boggs drückt einen Testknopf an seinem Panel. Die Warnglocke schrillt, das rote MASTER FIRE Warnlicht am Instrumentenbrett und die roten Lichter in den Griffen der Feuerhebel der Triebwerke leuchten auf.
„Feuerwarnung ok. Sauerstoffmasken?"
Ich hole meine Maske aus der Halterung, überprüfe, ob der Regler ein ist und auf 100% steht, und drücke den Testknopf.
„Meine ist ok", rufe ich Boggs zu.
„Meine auch!"
„Dann weiter – AUX HYDRAULIC PUMP on."
„Moment…ist an, Druck steigt, über 2 600 psi. Füllstandsanzeige zeigt voll."

Ich höre Schritte. Katniss kommt, mit Prim und Breck im Schlepptau, ins Cockpit.
„Wow, das sieht das wahnsinnig kompliziert aus!" staunt Prim. „Und Peter weiß wirklich, wofür die ganzen Skalen und Schalter gut sind?"
„Ich hoffe es", entgegnet Katniss trocken. Schön langsam lernt sie das mit dem britischen Humor. „Willst du uns zuschauen?"
„Ich glaube, ich schaue besser nach Madge", meint Prim. „Ihr kommt hier schon klar."
„Prim", rufe ich ihr zu, „kannst du vielleicht einen Sani zu uns schicken? Finch geht es nicht besonders mit ihrer Kopfverletzung, vielleicht kann da noch mal einer einen Blick drauf werfen!"
„Mir ist einfach nur ein wenig schwindelig", fügt Finch hinzu.
„Mach ich", verspricht Prim, und verschwindet nach hinten.

Sie kommt mit dem, was sie dort sehen wird, ganz sicher klar, wenn ich Katniss Erzählungen glauben darf. Prim wird nie schlecht, wenn sie Blut oder die grausigsten Wunden sieht, die man sich vorstellen kann. Ihr fehlen vielleicht Katniss Kampfgeist und Mut, aber das macht sie mit ihrer stoischen Ruhe wett.

Ich wende mich an Katniss.
„Los, setzt dich neben mich. Breck, du nimmst am freien Sitz vor Finch Platz. Und schnall dich an, es geht gleich los!"
Wortlos gehorcht der Junge. Katniss klettert behände in den Copilotensitz, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Kommt wahrscheinlich vom vielen Baumklettern. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheint es ihr deutlich besser zu gehen. Sie hatte zwar versucht, ihre Schmerzen vor mir so gut es geht zu verbergen, doch ihre erleichterten Gesichtszüge sprechen Bände. Vermutlich haben ihr die Sanis etwas gegeben, was wirkungsvoller ist als meine beiden Tabletten. Hoffentlich ist sie dafür nicht total benebelt.

„Peter, wir sollten weitermachen!" mahnt mich Boggs.
„Schon gut. Windschutzscheibenheizung ein". Ich betätige den entsprechenden Schalter am Überkopf-Panel.
„Notausgangs-Beleuchtung scharf, Anschnallzeichen ein".
„Fluginstrumente...", ich lasse meinen Blick über das Instrumentenbrett schweifen", „gecheckt. Standby für RVSM/DADC Check!"
Hier geht es um die Prüfung der elektronischen Fahrt- und Höhenmesser. Ich schalte beide Instrumente von NORM auf STBY und zurück. Dann betätige ich DADC Testschalter, um den digitalen air data computer zu testen.
Der Fahrtmesser springt auf 260 Knoten, die Anzeige für die wahre Luftgeschwindigkeit auf 300 Knoten, der „barber pole", die Markierung für die höchstzulässige Geschwindigkeit auf 330 Knoten, die Anzeige der statischen Lufttemperatur auf -10°C, und die Mach-Anzeige auf 0.429. Die Höhenmesser zeigen 5 000 Fuß an.
„RVSM/DADC Check ok", stelle ich fest, und lasse den Schalter los.

Als nächstes kommen die Kompasse dran. Ich vergleiche die Anzeige des Navigationsdisplays mit dem Notkompass. Alles in Ordnung. Der Standby-Horizont funktioniert auch. Parkbremse ist gesetzt.
„Boggs, Hydraulikdruck und Füllmenge?"
„Füllmenge normal, Druck 3000 psi."
„Ok, AUX HYDRAULIC PUMP off!"
„Ist aus."
„Hydrauliksystem-Wahlhebel auf normal?"
„Ist auf normal."
„Kabinendruck-Kontrollhebel auf Automatik, Kabinendruck-Sollwert Flugplatzhöhe plus 1 000 Fuß?"
Sicherheitshalber werfe ich einen Blick seitlich nach hinten. Die Kabinendruck-Regelung gehört nicht zum Standardumfang der Bodencrew-Schulung. Doch Boggs hat sich offenbar mit der Materie wirklich auseinandergesetzt.
„Hebel ist auf Automatik, Sollwert ist korrigiert auf Platzhöhe plus 1 000, also 2 800 Fuß. Anzeige für Differentialdruck auf null, Kabinenvariometer auf null, Kabinenhöhenmesser zeigt Druckhöhe des Flugplatzes an", antwortet Boggs in einer Leier, wie ein richtiger Flugingenieur.

„Gut. Treibstoff?"
„Wir sind bei 20 000 Pfund. Noch ca. eine Minute bis Betankungsende."
„Ölmenge der Triebwerke?"
„Geprüft und ok laut Anzeige".
„Abflugbriefing – Boggs, wie sieht es mit der Startberechnung aus?"
„Ach ja, die brauchen wir ja noch. Moment!"

Boggs hantiert mit seinem Holo. Die Projektion der bekannten EFB-Software erscheint. Mit Fingergesten stellt er die nötigen Werte ein.
„Ich gehe jetzt mal von 177 000 Pfund Abfluggewicht aus, basierend auf 20 Soldaten, zehn Erwachsenen aus Distrikt 12 und sieben Kindern, plus den vier überlebenden Tributen. Lufttemperatur -3°C, QNH 1022, Platzhöhe 1 820 Fuß, Rückenwindkomponente zwei Knoten, Klappen 25 Grad, das macht...ups!"
Eine fette rote Warnmeldung erscheint.
„Mist, der Computer sagt, Startberechnung nicht möglich. Unzureichende Bahnlänge für Startabbruch bei V1!" flucht Boggs.
„Vergiss den Startabbruch! Ich habe sowieso nicht vor, hierzubleiben. Kannst du mir einen Wert für den ground run geben?"
„Warte...ground run ist 4 200 Fuß. Aber vergiss nicht, die letzten paar hundert Fuß sind vermutlich mit Trümmern vom Hovercraft übersät, so Pi mal Daumen die letzten 500. Das macht 5 000 Fuß nutzbare Bahnlänge, und 800 Fuß Reserve!"
Nicht viel Luft. 800 Fuß, das sind gute drei Sekunden bei Abhebegeschwindigkeit.

„Was spuckt der Computer für V1, VR und V2 aus?" frage ich Boggs.
„Gar nichts. Start ist ungültig wegen ungenügender Bahnlänge für Startabbruch bei V1. V1, das ist die Entscheidungsgeschwindigkeit, bei der man ein Flugzeug gerade noch auf der Bahn anhalten kann. Ist man drüber, muss der Start in jedem Fall weitergehen.
„Geh in die Optionen, und ruf die Startdaten-Tabelle für 25 Grad Klappenstellung auf!" weise ich Boggs an.
„Was bedeutet das mit diesen V1 und VR, und mit dem ground run?" fragt Katniss besorgt. „Können wir nicht starten, oder was?"
„Starten können wir schon", entgegne ich, „aber wir können den Start nicht abbrechen, falls es ein Problem gibt. Wir würden die Maschine nicht auf der verbleibenden Pistenlänge zum Stehen bekommen."
„So wie ich das sehe, können wir sowieso nicht hierbleiben. Wir starten, oder die Soldaten des Kapitols töten uns. Was kümmert uns da, ob wir den Start abbrechen können?" erwidert Katniss gefasst.
„So sehe ich das auch. Selbst wenn wir den Start abbrechen könnten, bis wir zurückgerollt sind, um es nochmal versuchen zu können, sind die Truppen wahrscheinlich in Schussreichweite. Dann ist es sowieso aus", pflichte ich ihr bei.

Boggs räuspert sich.
„Peter, ich hab hier deine Zahlen. Ich muss die von 180 000 Pfund nehmen, weiter geht die Tabelle nicht runter. V1 ist 108 Knoten, VR 120 Knoten, V2 138 Knoten. Manövergeschwindigkeit mit eingefahrenen Klappen 188 Knoten.
Ich stelle die verschiebbaren Markierungen auf meinem Fahrtmesser entsprechend ein. Dann beuge ich mich hinüber zu Katniss Fahrtmesser, und setze dort ebenfalls die Speed-Bugs.
Der Lautsprecher von Boggs Funkgerät knackst.
„Tankvorgang abgeschlossen. Wir räumen die Schläuche und den Wagen zur Seite. Anlassen von Nummer drei und vier von uns aus möglich!"
„Verstanden. Füllventile geschlossen. Melden sie, wenn Sie an Bord sind!"
Boggs wendet sich an mich.
„Können wir schon anlassen?"
„Noch nicht ganz. Ich muss noch schnell das FMC programmieren!" entgegne ich.
„Beeile dich, wir haben nicht mehr viel Zeit".

So schnell es geht, führe ich die nötigen Schritte aus.
„Boggs, kannst du mir ein ungefähres Gewicht für das zero fuel weight geben?"
„Meine Schätzung hier sagt 155 200 Pfund, Schwerpunkt 30% MAC."
„Danke. 155 200 Pfund, 30% MAC."
Ich füttere den Computer mit den erforderlichen Daten. Dann gebe ich die Flugstrecke ein, und aktiviere die Route. Distanz 283 NM.
Jetzt noch den Schubwert für den Start einstellen – der Rechner sagt 1.96 EPR. Bugs gesetzt.
Ich rufe die TAKEOFF-REFERENCE Seite im FMC auf. Klappen 25 Grad, Temperatur -3°C. Die V-Speeds erscheinen. Verdammt, wie konnte ich das vergessen? Boggs hätte sich das Berechnen sparen können! Das FMC spuckt einen Wert für die Höhenflossen-Trimmung von -0.4 Grad aus. Verdammt hecklastig.
Boggs, gibt mir noch mal die AUX HYDRAULIC PUMP. Ich muss den Stabilizer Trim einstellen!"
„Pumpe läuft...Druck steht!"

Ich betätige den Trimmschalter am Steuerhorn.
„Trimmung gesetzt für Start, Querruder- und Seitenrudertrimmung auf neutral! Pumpe aus!"
Weiter mit der Checkliste. Parkbremse gesetzt, START ARM Schalter am Überkopf-Panel auf ARMED, Antikollisionslichter ein, wobei...man muss uns nicht zu genau sehen, also lassen wir die aus.
„Boggs, Galley Power aus!" rufe ich nach hinten.
„Galley Power ist aus."
„Freon-Kompressoren und Turbokompressoren aus!"
„Freons und Turbokompressoren sind aus!"
„Cockpitheizung und Klimaanlage?"
„Alles aus."
„Anlassfreigabe?"

Boggs greift nach seinem Funkgerät.
„Wie weit seid ihr mit dem Tankwagen?"
„Ist sicher abgestellt, sind auf dem Weg zur Maschine. Triebwerksbereich ist frei von Fremdkörpern. Anlassen drei und vier jederzeit möglich."
„Sind alle Personen an Bord?"
„Positiv", antwortet eine andere Stimme. „Alle Personen an Bord. Warten auf Miller und Johanna, dann schließen wir die Tür!"
„Verstanden. Beginnen mit Triebwerksanlassen. Boggs out."

Ich überprüfe die Stellung der Gashebel. Alle vier in Leerlaufposition, Schubumkehrhebel vorne, Treibstoffhebel aus.
„Boggs, Tankwahlhebel alle auf MAIN, Crossfeeds aus, Haupttank-Pumpe Nummer drei BOOST and FEED."
„Tankwahlhebel MAIN, Crossfeeds aus, Pumpe Haupttank drei BOOST & FEED, Treibstoffdruck gut, Pneumatik-Druck bei 32 psi. Klar zum Anlassen!" antwortet Boggs.
„Ok. Start Nummer drei!", rufe ich laut, und drücke den Druckknopf des Starters Nummer drei am Überkopf-Panel.
„Startventil offen", meldet Boggs.
Die N2-Drehzahlanzeige erwacht zum Leben.
„N2-Rotation", rufe ich aus.
„Öldruck steigt" verkündet Boggs. „N1-Rotation."
Die N2-Drehzahl erreicht 15%. Genug, um die Verbrennung zu starten. Treibstoffhebel ein. Die Treibstoffdurchfluss-Anzeige klettert ein Stück nach oben.
„Fuel flow".
Mit einem dumpfen Dröhnen zündet der Treibstoff in den Brennkammern von Triebwerk Nummer drei.
„Light off number three, EGT steigt", rufe ich aus. Mit Argusaugen beobachte ich Drehzahl und Abgastemperatur. 35% N2. Der Startknopf springt heraus.
„Startventil geschlossen", meldet Boggs.

Das Triebwerk läuft nun aus eigener Kraft bis zur Leerlaufdrehzahl hoch. Ich drücke den Startknopf für Nummer vier.
„Katniss, behalte die Werte für Nummer drei im Auge. Falls die Abgastemperatur über 450 Grad zu steigen droht, schreist du!"
„Öldruck Nummer vier steigt, N1 Rotation vier", verkündet Boggs.
15% N2. Treibstoff ein. Nummer vier zündet und läuft sauber hoch. Ich werfe einen kurzen Blick auf die Werte von Nummer drei. Die Drehzahl hat sich fast auf den Leerlaufwert stabilisiert, die Abgastemperatur hat ihren Maximalwert bei ca. 400 Grad erreicht und fällt leicht.
„Nummer drei ist stabil, Katniss, pass jetzt auf Nummer vier auf!"
Der Startknopf springt heraus.
„Startventil Nummer vier geschlossen", meldet Boggs.

Weiter mit Nummer zwei.
„Alle Mann an Bord, fahren die Treppe ein und schließen die Tür", höre ich Millers Stimme aus Boggs Funkgerät. Triebwerk zwei zündet und beschleunigt einwandfrei.
„Nummer vier sieht gut aus", verkündet Katniss.
Ich prüfe die Werte.
„Stimmt. Langsam bekommst du den Dreh wirklich raus. Einfacher als Bogenschießen, was?"
„Startventil Nummer zwei geschlossen!" ruft Boggs.
„Starte Nummer eins!"
„Treppe eingefahren, Tür geschlossen und verriegelt. Bereit zum Rollen!" meldet Sergeant Miller.
Zündung Nummer eins.
Ein schriller Alarm ertönt. Katniss zuckt zusammen. Es ist ein Ton, den ich im Cockpit einer DC-8 noch nie gehört habe.
„Was ist das?" fragt Finch erschrocken.
„Mist, die Truppen haben die zehn Minuten-Grenze überschritten. Wir müssen schnellstens weg!" In Boggs Stimme ist deutlich ein drängender Unterton zu erkennen.

So wie er es sagt, duldet sie Sache keinen weiteren Aufschub. Keine Zeit für die Taxi-Checklist. Ich löse die Parkbremse. Der Startschalter von Nummer eins springt heraus.
„Startventil eins geschlossen."
„Boggs, haben wir Druck von den Triebwerkshydraulikpumpen?" frage ich schnell, ehe ich die Gashebel der Triebwerke zwei, drei und vier ein Stück nach vorne schiebe.
„Positiv, 3000 psi!"
„Dann rollen wir mal los. Katniss, behalte Nummer eins im Auge!"
Ich gebe noch etwas mehr Schub. Die DC-8 setzt sich in Bewegung. Sofort drehe ich das Steuerrad für die Bugradlenkung bis zum Anschlag nach rechts.
„Nummer eins sieht stabil aus!" ruft mir Katniss zu.
Ein kurzer Kontrollblick auf die Anzeigen – sieht gut aus.
Ich verzichte darauf, auch auf Triebwerk eins etwas mehr Schub zu geben, weil es während der Wende den Trümmern am nächsten kommen wird.
„Boggs, sind die blowaway jets ein?" rufe ich, ohne mich umzudrehen.
„Knopf ist draußen, also ein."

Der blowaway jet ist ein Strahl komprimierter Luft, der dazu da ist, die Bildung eines tornadoartigen Luftwirbels vor dem Triebwerkseinlass zu verhindern. Das reduziert das Risiko, Fremdkörper anzusaugen. Zufrieden stelle ich fest, dass der Platz zum Umdrehen reicht. Wenigstens bei der Parkposition hat jemand mitgedacht. Ich beende die Wende und rolle Richtung Taxiway. Kurz streift mein Blick über die mit schwarzen Planen bedeckten, rechts von uns am Vorfeld liegenden Leichen der Tribute. Nicht einmal ein anständiges Begräbnis werden die Armen bekommen. Ende der Reise auf einem desolaten Flugfeld in Distrikt 12, vergessen von der Welt. Ich wende mich ab. Weiter mit den Vorbereitungen für den Start. Zeit, die Stromversorgung auf die Generatoren umzuschalten.

„Boggs, Generatorspannung und Frequenz prüfen!"
„Moment!"
Ich höre, wie er den Anzeige-Wahlschalter durchschaltet.
„Alle vier sind ok, 115 Volt, 400 Hertz."
„Gut, dann schalte den Hauptschalter von EXTERNAL POWER auf BATTERY."
„Ist umgeschaltet. Generator zwei hat AC TIE BUS übernommen, APU Generator ist aus, Lastanzeigen ok.
„Ok, dann drück den generator parallel Knopf und sag mir Bescheid, wenn die Lichter aus sind. Und schalt die APU Bleed Air aus, die brauchen wir nicht mehr!" rufe ich Boggs zu.
„Ist erledigt. APU Bleed ist aus, Generatoren eins, zwei und vier sind parallel geschaltet, drei will noch nicht."
„Schalt kurz die Treibstoffpumpe drei aus und wieder ein, das sollte den Generator parallel kriegen", rate ich Boggs.
„Jawohl, hat funktioniert."

Ich steuere die Maschine auf den Taxiway. Noch zwei oder drei Minuten, dann rollen wir auf die Piste. Mir ist klar, dass wir die Prozeduren abkürzen müssen, also lassen wir einen genaueren Test der Generatoren weg. Sie haben bis jetzt funktioniert, warum sollten sie dann genau jetzt aufgeben.

Ich reiche Katniss die Checkliste.
„Hier, lies mal weiter, bei After Start Check."
„Gut. Start Arm Switch?"
„Off", antworte ich, und drehe den Schalter in die entsprechende Position.
„Gust Lock?"
„Off".
„Rain Removal Lever?"
„Pfeif drauf, die Sonne scheint."
„Elektrik?"
„Ist geprüft", antwortet Boggs.
„Hydraulik?"
„Ebenfalls geprüft".
„Mast Heat?"
„Ein."
„Aileron and Rudder Power?"

Boggs greift nach den beiden gelben Hydraulik-Absperrhebeln und hält inne.
„Ist die Steuerung frei? Keine Hände im Weg?"
„Bei mir ist alles frei", antworte ich.
„Bei mir auch", verkündet Katniss, und hält ihre Hände demonstrativ zur Seite.
„Ok, aileron and rudder power on, reversion lights sind aus."
Ich bedeute Katniss, mit der Checkliste weiterzumachen.
„Tür-Warnlampen und Frachtraum-Tür?"
„Lichter sind aus", bestätigt Boggs.
„Turbokompressor-Overspeed-Check?"
Ich drehe mich kurz um und werfe Boggs einen fragenden Blick zu. Er schüttelt den Kopf und deutet auf seinen Holo.
„Keine Zeit!"
„Dann schalte nur die Pneumatik-Schalter auf HIGH, und schalte zwei Kompressoren ein. Wenn die laufen, bin ich zufrieden."

Gut, dass hier kein FAA-Inspektor auf uns lauern kann. Sonst würde der bei derart nachlässigen Betriebspraktiken sofort meine Pilotenlizenz kassieren. Ganz wohl ist mir selber bei der Sache nicht. Hastiges und unvollständiges Abarbeiten von Checklisten hat immer wieder zu Unfällen geführt. Die Turbokompressoren sitzen direkt unter dem Cockpit. Wenn einer überdrehen sollte, könnte er wie eine Granate hochgehen und seine Einzelteile mit hoher Geschwindigkeit wie Granatsplitter durch die Gegend verteilen. Aber mit einen Konvoi Soldaten im Anmarsch habe ich keine Wahl.

„Kompressoren laufen, sieht gut aus", meldet Boggs.
„Druckbelüftung?"
Boggs greift nach dem Kontrollhebel für den Kabinendruck, schaltet ihn auf manuell und bewegt ihn Richtung INCREASE. Jetzt müsste das Kabinendruckvariometer in Richtung Sinken ausschlagen.
„Druckbelüftung funktioniert!", ruft Boggs.
„Cockpitheizung und Klimaanlage?" fragt Katniss.
„Ist ok", antworte ich. „Weiter".
„Boden-Ausrüstung?"
„Ist aus dem Weg, sonst würden wir nicht rollen!"
„Gut. Die After Start Checklist ist durch!" entgegnet Katniss.

Mehr als die Hälfte der Rollstrecke liegt hinter uns. Plötzlich höre ich jemanden ins Cockpit kommen.
„Ich soll nach diesem Mädchen sehen. Finch, richtig?" Es ist der Sanitäter, der vorher bei Madge war. Dieser Jack.
„Nicht jetzt!" fährt ihn Boggs rüde an. „Wir sind mitten in den Startvorbereitungen. Kommen sie nach dem Abheben wieder!"
„Ist schon in Ordnung", meint Finch. „Die paar Minuten kann ich noch warten!"
Wortlos verschwindet der Sanitäter nach hinten. Ein wenig freundlicher hätte man das schon sagen können. Aber Boggs ist vermutlich mit seinen Nerven genauso am Limit wie alle anderen, oder sogar noch mehr, weil er die Hauptverantwortung dafür trägt, dass wir rechtzeitig von hier wegkommen.

„Katniss, weiter mit der Taxi Checklist!"
Sie nickt mir zu und beginnt zu lesen.
„Flugsteuerung?"
Der Flight Control Check. Zuerst die müssen die Klappen auf Startposition gefahren werden.
„Setzt die Klappen auf 25 Grad", weise ich Katniss an. „Boggs, Spoiler-Hydraulikpumpe einschalten!"
„Klappen 25", bestätigt Katniss, und zieht den Klappenhebel in die richtige Stellung. Aus dem Augenwinkel beobachte ich die Klappenpositionsanzeige. Die Landeklappen fahren schön gleichmäßig und symmetrisch aus.
Wieder ertönt ein schriller Alarmton von Boggs Holo.
„Noch fünf Minuten, dann sind die Soldaten in Feuerreichweite!" ruft Boggs in alarmiertem Tonfall. „Peter, Rollen beschleunigen!"

Ich schiebe die Gashebel ein Stück nach vorne. Bis zur Abzweigung auf die Piste haben wir noch geschätzt 1 000 Fuß Rollstrecke. Die DC-8 beschleunigt. Klappen sind auf 25 Grad.

„Ok, Querrudercheck", rufe ich laut. „Boggs, behalte die Druckanzeigen für Haupt-Hydraulik und Spoilerhydraulik im Auge. Sie müssten beide kurz abfallen, wenn ich die Querruder ausschlage!"
Ich drehe das Steuerhorn bis zum Anschlag nach rechts.
„Kurzer Druckabfall in beiden Systemen!" meldet Boggs.
Querruder neutral, dann voll links.
„Druckabfall beide Systeme!"
„Jetzt das Seitenruder!" rufe ich.
Rechts-Neutral-Links.
„Druckabfall beide Systeme, Seitenrudercheck ok!"
Fehlt nur noch das Höhenruder. Hier gibt es bei der DC-8 keine Hydraulikunterstützung.
„Katniss, siehst du die kleine Skala links neben deinem Fahrtmesser?"
„Ja. Die mit UP und DOWN, wo die Nadel kurz vor UP steht?"
„Genau. Das ist die Höhenruder-Positionsanzeige. Wenn ich das Steuerhorn nach vorne drücke, muss sie Richtung DOWN gehen", erkläre ich.

Dann drücke ich die Steuersäule mit beiden Armen kräftig nach vorne. Ich muss dazu das Bugradsteuer loslassen, und lenke nur mit den Ruderpedalen. Die Steuerung geht streng, ich habe am Boden keinerlei Unterstützung von den aerodynamischen servo tabs.
„Die Anzeige ist bei DOWN", meldet Katniss.
„Gut. Jetzt ziehe ich. Sie muss auf UP gehen!"
„Ist auf UP", bestätigt Katniss.
Ich lasse das Steuerhorn los, und greife wieder nach der Bugradsteuerung. Die Abzweigung liegt direkt voraus. Gashebel auf Leerlauf. Vorsichtig bremsen. Der Schmerz zuckt wieder durch meinen rechten Knöchel. Es geht gerade so, ohne Katniss um Hilfe beim Bremsen bitten zu müssen.
„Überprüfe jetzt deine Steuerung. Zuerst die Querruder, dann das Höhenruder. Bevor du das Seitenruder testest, sag mir Bescheid!" weise ich sie an.
„Mach ich".

Während ich die DC-8 auf die Startbahn steuere, dreht Katniss ihr Steuerhorn bis zum Anschlag nach links und nach rechts. Dann wiederholt sie den Höhenruder-Test.
„Scheint alles zu funktionieren. Soll ich das Seitenruder auch testen?"
„Ja. Ich halte das Bugradsteuer fest!"
Würde ich das nicht tun, würde Katniss das Bugrad zusammen mit dem Seitenruder ausschlagen, was sie nicht tun soll.
„Seitenruder funktioniert", verkündet Katniss.
Langsam bringe ich die Maschine in die Startposition, richte sie genau an der Bahnmittellinie aus. Bugrad neutral. Ich tippe die Bremsen an, und die DC-8 kommt zum Stehen. Parkbremse gesetzt.

„Wir sind in Position. Weiter mit der Checkliste!", rufe ich Katniss zu.
„Enteisung?"
Ich lasse meinen Blick über die Piste schweifen. Die Schneereste sind noch vorhanden, aber die Enteisung kostet auch Leistung, die wir dringend brauchen. Wenn ich sie einschalte, muss ich den EPR-Wert von 1.96 auf 1.95 reduzieren. Ich entschließe mich zu einem Kompromiss – Enteisung ein, aber Leistung nicht reduzieren. Die Triebwerke werden es überleben.
„Enteisung ist ein!"
„Pitot-Heizung?"
„Ist ein."
„Startdaten und EPR?"
„Geprüft und eingestellt, 1.96, Bugs gesetzt."
„Gierdämpfer?"
„Ein."
„Stabilizer und Trim Tabs?"
„Gesetzt für Start, Querruder- und Seitenrudertrimmung auf null."
„Klappen und Slots?"
„Gesetzt auf 25 Grad, Slot-Licht ist aus."
„Fluginstrumente und Navigation?"
Ich werfe einen kurzen Blick auf das INS. Keine Fehlermeldung.
„Gecheckt."
„Treibstoffsystem?"
„Eingestellt. Haupttankpumpen auf BOOST and FEED", Tankwahlhebel auf MAIN meldet Boggs.
„Flugrekorder?"
„Vergiss ihn!" sage ich. „Weiter!"
„Crew-Briefing?"
„Gleich. Zuerst weiter mit der Liste!"
„APU?"

Ich drehe mich zu Boggs um.
„Schalt die APU aus. Wenn die Drehzahl abgefallen ist, APU-Door schließen. Die Batterie bleibt ein!"
Boggs greift nach dem APU-Schalter.
„APU aus, läuft herunter."
Ein schriller Alarm ertönt.
„Die Truppen sind…verdammt, keine Kommunikation zur Drohne mehr!" flucht Boggs.

Ich reiße Katniss die Checkliste aus der Hand. Wir haben keine Zeit mehr. Im Wald nördlich des Flugplatzes sind jetzt deutlich aufsteigende Staubwolken zu erkennen. Der Konvoi ist so gut wie da. Mein Magen krampft sich zusammen.
„Peter, sie sind gleich da!" ruft Breck nervös, der bis jetzt die ganze Zeit still auf seinem Sitz hinter mir gesessen ist.
Die Verlockung, einfach die Gashebel nach vorne zu schieben und zu starten, ist groß. Doch mein jahreslanges Training als Pilot mahnt mich zur Vorsicht. Die letzten Checks brauchen vielleicht 30 Sekunden, und sie können Leben retten. Wir müssen diese 30 Sekunden haben. Ich hole tief Luft. Dann überfliege ich die letzten offenen Punkte im Stillen. Zündung ein, Transponder nicht nötig, Anti-Skid armed, Spoilerpumpe sollte ein sein.
„Boggs, Standby Rudder Power ein, Freon-Kompressoren prüfen ob aus, Turbokompressoren aus. Ölkühlerklappen auf TAKEOFF/CLIMB, bereithalten für blowaway jets off!"
Rasch bestätigt Boggs meine Anweisungen.

„Katniss, ich werde die Triebwerke im Stand auf Maximalleistung hochlaufen lassen. Du musst mit aller Kraft die Bremse treten. Wenn ich es dir sage, lässt du sie los. Aber lass deine Beine in der Nähe der Pedale, falls ich Hilfe mit dem Seitenruder brauche. Du weißt ja, mein Bein!"
„Ok. Ich bin soweit", bestätigt Katniss.
Die Staubwolken sind gefährlich nahe. Es sieht so aus, als ob jeden Augenblick die ersten Fahrzeuge aus dem Gebüsch kommen würden.
„Leute, wir müssen jetzt los!" mahnt mich Boggs nachdrücklich.

Keine Zeit mehr. Ich löse die Parkbremse.
„Katniss, tritt die Bremsen! So fest du kannst!"
Ich sehe, wie sie sich mit ihrem vollen Körpergewicht gegen die Pedale stemmt.
„Ok, wir starten!" rufe ich laut, und schiebe die Gashebel nach vorne, bis sie ungefähr senkrecht stehen. Langsam kommen die vier Pratt&Whitneys auf Touren. Die Zeit scheint still zu stehen. Macht schon, wir haben es eilig! Warum müssen diese JT3Ds auch so lahmarschig hochlaufen! Ein Königreich für ein modernes FADEC-Triebwerk!
Endlich. N2-Drehzahl auf allen Triebwerken bei ungefähr 80%, EPR stabil. Ich schiebe die Gashebel zügig weiter nach vorne. Die EPR-Anzeigen nähern sich dem Startwert. Nur nicht zu schnell hochfahren, sonst kriegst du einen compressor stall. 1.92, 1.94, 1.95, 1.96. Die Maschine rüttelt unter der ungezähmten Schubkraft der vier Triebwerke, nur festgehalten von der Bremse, während ich die Gashebel ein letztes Mal justiere.
„Wie lange dauert das noch?" fragt Finch mit nervösem Tonfall.

„Bremsen los!" rufe ich Katniss zu. Mit einem Ruck setzt sich die DC-8 in Bewegung. Wie von einer Riesenfaust werde ich in meinen Sitz gepresst. Besser als jeder Fast&Furious-mäßige Ampelstart.
„Blowaway jet off!"
„Ist aus", bestätigt Boggs.

Mit Blick auf die vier EPR Anzeigen justiere ich die Triebwerksleistung nach. Power set. Der Fahrtmesser beginnt nach oben zu klettern. Airspeed alive. Die Nadel rast auf die 80 Knoten-Markierung zu. 80 knots. Katniss Fahrtmesser zeigt den gleichen Wert. Wir rasen über den mit Schneeresten bedeckten Teil der Bahn. Es sind nur feine Reste, welche unsere Beschleunigung nicht beeinträchtigen.
100 Knoten. Das Bahnende rückt bedrohlich von Sekunde zu Sekunde näher.
„Da liegen Trümmer!" ruft Katniss entsetzt, und deutet nach vorne. Die letzten paar hundert Fuß der Piste sind mit Resten des explodierten Hovercrafts übersät. Instinktiv schiebe ich die Gashebel ein kleines Stück nach vorne, und greife nach oben, um die Triebwerksenteisung auszuschalten. Kein Standardverfahren, das an diesem Punkt zu tun, doch ich brauche jedes Pfund Schubkraft, das ich mobilisieren kann, ohne die Limits der Triebwerke zu sehr zu überschreiten.

Die EPR-Zeiger klettern auf 2.00. Overboost. Egal, die Drehzahlen und die Abgastemperaturen sind noch im Limit.
110 Knoten. V1 passiert, jetzt gibt es unter keinen Umständen ein Zurück mehr.
„Peter, pass auf!" schreit Katniss, und deutet auf ein längliches Metallteil, welche gefährlich nahe auf der linken Seite der Piste liegt. Ich muss es irgendwie übersehen haben. Es ist verdammt nahe. Zu nahe.
Ohne zu zögern, schiebe ich die Gashebel bis zum Anschlag nach vorne, und ziehe das Steuerhorn zu mir heran. Die Fahrt ist noch knapp unterhalb der vorgeschriebenen 120 Knoten, doch wenn ich die DC-8 nicht vor dem Trümmerteil in die Luft bekomme, war es das vermutlich für uns. So wie es liegt, würde es entweder in Triebwerk zwei gesaugt werden, oder das linke Fahrwerk erwischen.

Der zusätzliche Schub drückt mich in den Sitz. Die Nase kommt willig nach oben, der hinteren Schwerpunktlage sei Dank. Jetzt nur nicht überrotieren, sonst schlägt das Heck auf dem Boden auf. Tailstrike. 130 Knoten. Komm schon, heb ab! Hoch mit dir!
Das Metallteil schwindet aus meiner Sicht. Noch 100 oder 200 Fuß. Ich spüre, wie sich die Räder des Hauptfahrwerks vom Boden lösen. Das Rumpeln der holprigen Betonpiste schwindet. Wir fliegen! Ich halte die Luft an. Wenn es jetzt keinen großen Knall gibt, haben wir es geschafft.

Die Nadel des Höhenmessers bewegt sich. Positive Steigrate. Fahrt 140 Knoten und steigend.
„Katniss, Fahrwerk einfahren!" befehle ich, und greife nach den Schubhebeln, um sie langsam wieder auf die höchstzulässige Leistung zurückzunehmen. Diesmal dürften wir die zulässige Abgastemperatur nur leicht überschritten haben, weil es wesentlich kälter war als in Distrikt 4. Trotzdem, so ein Overboost ist eine grobe Misshandlung der Triebwerke. Hoffentlich verzeihen sie mir das!
„Fahrwerk fährt ein!" ruft Katniss. Mit einem Rumpeln verschwinden die Fahrwerksbeine in ihren Schächten, und die Abdecklappen schließen sich.
Ich riskiere einen Blick durch das Seitenfenster, und meine, einen Militär-Jeep auf einem freien Feld an der Waldkante erkennen zu können. Zu spät, Freunde, zu spät.

Mit ihrer leichten Beladung steigt die DC-8 wie ein Engel mit Heimweh. 400 Fuß über Grund.
„Boggs, Pneumatik-Schalter auf low, dann einen Turbokompressor ein!"
„Pneumatikschalter low, Turbokompressor kommt!"
Geschwindigkeit 160 Knoten. Das Beste wird es sein, möglichst schnell außer Schussweite zu kommen. Falls wir je in Schussweite waren.
„Katniss, Klappen auf 10 Grad!"
„Klappen 10", bestätigt Katniss, und schiebt den Klappenhebel zwei Rasten nach vorne.
800 Fuß über Grund.
„Boggs, einen zweiten Kompressor einschalten! Kabinen-Druckaufbau beobachten!"
„Zweiter Kompressor kommt."
Ich höre, wie der zweite Turbokompressor unter uns anläuft.
1 000 Fuß über Grund.
Zeit, die DC-8 beschleunigen zu lassen. Ich reduziere den Steigwinkel etwas.
„Kabinendruck-Regelventil schließt sich, die Differentialdruck-Anzeige schlägt aus!", meldet Boggs.
180 Knoten. Gleich können wir die Klappen einfahren. Ich schalte den Flight-Director ein und stelle ihn so ein, dass er mir den Kurs nach Distrikt 13 anzeigt.
190 Knoten.
„Klappen einfahren!" weise ich Katniss an.
„Klappen fahren ein!", bestätigt sie.

Ich drehe sanft nach rechts ab. Der Flughafen von Distrikt 13 liegt fast genau auf Ostkurs, und der Start von der 07 hat uns ein paar Minuten Umweg gespart. Vor allem mussten wir nicht direkt über die Soldaten fliegen.
1 500 Fuß über Grund und steigend. Fahrt 220 Knoten. Ich lese den richtigen Wert für die Steigleistung vom Schubrechner ab, und ziehe die Gashebel ein Stück zurück, bis auf 1.83 EPR.
Dann reiche ich Katniss die Checkliste.
„Mach weiter mit dem Climb Check!"
„Ok. Gear up latch check?"
Ich greife nach dem Fahrwerkshebel, und ziehe ihn ein Stück nach unten in die Uplatch-Check-Position. Die roten Fahrwerkswarnlampen bleiben dunkel.
„Uplatch-Check ok", verkünde ich, und schiebe den Hebel zurück in die UP-Position.
„Klappen und Slot?" fragt Katniss.
„Eingefahren, Licht aus."
„PTC?"
„Nor…".

In diesem Moment erschüttert ein ohrenbetäubender Knall die Maschine, und die DC-8 kippt scharf nach links ab.