Mit einer schnellen Handbewegung schiebe ich die Schubumkehrhebel nach vorne in die Leerlaufposition. Mit zitternden Fingern greife ich nach den Treibstoffhebeln der Triebwerke zwei, drei und vier und lege sie in rascher Folge auf FUEL OFF.
„Los, Boggs, Triebwerke sind aus, Evakuierung einleiten!" schreie ich, und ziehe die Feuerhebel am Überkopf-Panel, und löse vorsichtshalber die Feuerlöscher der verbliebenen Triebwerke aus. Ich höre, wie Boggs den Evakuierungsbefehl gibt. Sicher ist sicher, auch wenn Sergeant Miller eigentlich von selbst die Räumung der Maschine einleiten sollte.
„Katniss, schnall dich los, wir müssen hier raus", rufe ich. „Boggs, Tankwahlhebel auf aus, und Hauptschalter aus!"
Die größte Gefahr, die uns momentan droht, ist zwar eher ein Brechen der Eisdecke, als ein Feuer, aber besser, wir schalten alle unnötigen Risiken aus. Ohne Strom und mit abgesperrtem Treibstoffzufluss zu den Triebwerken ist die Wahrscheinlichkeit eines Brandes gering. Schnell löse ich meine Gurte und schiebe den Sitz nach hinten. Katniss tut das Gleiche. Im Cockpit erlöschen die letzten Kontrolllichter.
„Hauptschalter ist aus!" meldet Boggs, und springt auf, um Breck beim Losschnallen zu helfen.
„Wir haben hier ein Problem!" krächzt es plötzlich aus dem Funkgerät. „Das Heck steht recht hoch, die hinteren Rutschen sind verdammt steil. Sollen wir nicht besser vorne evakuieren?" fragt Sergeant Miller.
Durch den Verlust des Bugfahrwerks liegt die DC-8 buchstäblich auf der Schnauze, und streckt das Heck in die Höhe. Dadurch hängen die Notrutschen steiler als normal üblich nach unten.
„Evakuieren sie vorne!" entgegnet Boggs knapp. „Aber machen Sie schnell!"
Er packt Breck an der Hand.
„Mir nach!"
So schnell es geht, folge ich mit Katniss im Schlepptau. Das Bremsen hat meinem rechten Knöchel gar nicht gut getan, er schmerzt jetzt mehr als vorher, und ich habe Mühe, auf dem geneigten Kabinenboden mit Boggs und Breck mitzuhalten. Als wir die vorderen Türen erreichen, kommen uns bereits von hinten Soldaten und Flüchtlinge entgegen. Boggs öffnet die linke Tür und löst die Notrutsche aus. Sie kommt fast flach auf dem Eis zu liegen.
„Peter, öffne die andere Tür!" weist mich Boggs an.
Als ich nach dem Öffnungshebel greife, dringt ein scharfer Knall von draußen herein.
„Was war das?" fragt Breck alarmiert.
„Das Eis knackt!" entgegnet Boggs. „Jetzt müssen wir sofort hier raus!"
Schnell öffne ich die Tür. Die Notrutsche bläst sich auf. Da die Maschine leicht nach rechts geneigt ist, kommt sie noch flacher zum Liegen als die Linke.
Ich packe Katniss am Arm und bedeute ihr, die Maschine zu verlassen.
„Raus mit dir!"
Sie schüttelt ihren Kopf.
„Nicht, bevor Prim draußen ist. Und nicht, solange du hier drin bis!"
„Zur Seite!" fährt mich einer der Soldaten barsch an. Er nimmt neben der Tür Stellung, und gibt den herbeilaufenden Leuten Anweisungen, wie die Rutsche zu benutzen ist. Das sie fast waagerecht liegt, ist es sinnlos, auf ihr hinunterzurutschen zu versuchen. Stattdessen sollen die Leute einfach über die Rutsche wie über eine flache Rampe gehen. Doch dies ist leichter gesagt als getan. Auf einer Notrutsche zu laufen, ist ähnlich wie auf einer Hüpfburg zu rennen. Der erste Flüchtling, ein älterer Mann aus Distrikt 12, hat sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Kurz vor dem Ende der Rutsche verliert er den Kampf gegen die Schwerkraft, und stürzt mit rudernden Armen nach vorne über den Rand der Notrutsche auf die schneebedeckte Eisfläche.
Der nächste Flüchtling schafft es bis zum Ende. Er versucht, dem alten Mann aufzuhelfen, als der Nächste mit Anlauf auf die Rutsche stürmt.
„Nicht laufen!" mahnt ihn der Soldat, doch es ist zu spät. Der Mann mittleren Alters, legt eine veritable Bauchklatsche hin, und landet direkt neben den beiden anderen unsanft auf dem Eis. Ein lauter Schmerzensschrei hallt durch die Luft, und ich kann sehen, wie er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an das rechte Handgelenk fasst. Wahrscheinlich gebrochen.
„Zum Teufel noch mal! Nicht laufen habe ich gesagt!" schreit der Soldat.
Wieder knackt das Eis bedrohlich. Es könnte jeden Augenblick brechen, doch die Evakuierung scheint im Zeitlupentempo abzulaufen. Es fühlt sich an, als würde man in der Warteschlange vor einem Fahrtkartenautomaten stehen, der Zug in wenigen Minuten abfahren, und vor einem eine Gruppe unfähiger Leute sein, die zu blöd sind, den Automaten zu bedienen. Nur dass dieser Zug hier, wenn er abfährt, ganz andere Konsequenzen hat.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Boggs ein flaches, rechteckiges Ding aus seiner Brusttasche zieht. Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu.
„Das sind die Aufzeichnungen. Warte, ich hole noch schnell die Speicherkarte aus dem QAR!"
Der QAR, oder Quick Access Recorder, ist ein Flugdatenschreiber im Electronic Compartment, der zu Wartungszwecken rasch ausgelesen werden kann. Er hat eine Aufzeichnungskapazität von mehreren Stunden, und müsste Daten unseres gesamten Fluges beinhalten. Vielleicht können wir damit ja unseren Überschallflug offiziell als Rekord einreichen.
„Prim!" ruft Katniss. „Beeile dich!"
Ich drehe mich um. Gefolgt von ihrer Mutter, taucht die Kleine mit ihren unverkennbaren beiden blonden Zöpfen und den leuchtend blauen Augen am Ende der Reihe der Flüchtlinge auf. Quälend langsam kommt sie näher. Katniss würde Prim wohl am liebsten zurufen, sich vorzudrängen, doch im engen Gang wäre dafür kein Platz.
„Wo ist Madge?", höre ich Katniss fragen, als Prim an ihr vorbei Richtung Ausgang läuft.
„Sie kommt hinter uns. Sie haben gesagt, sie wollen vorher die anderen Leute rauslassen!" entgegnet Prim.
Der Soldat am Ausgang bedeutet ihr, die rechte Rutsche zu benutzen.
„Einfach zügig gehen, nicht laufen!"
Mrs Everdeen folgt gleich dahinter.
„So, Katniss, und jetzt bist du dran!" sage ich bestimmt.
„Noch nicht. Ich warte noch auf Madge!"
Verdammt! Jetzt sei nicht so stur!
„Katniss, das Eis kann jeden Augenblick brechen", mahne ich sie. „Wir müssen hier raus!"
„Nicht ohne Madge!" erwidert Katniss trotzig.
Endlich kommen zwei Sanitäter mit Madge auf einer leichten Not-Trage nach vorne. Soweit ich erkennen kann, ist sie bewusstlos, oder sie schläft. Ihre Mutter folgt mit sorgenvollem Blick, ihr Mann, der Bürgermeister, hält ihre Hand.
„Was ist mit ihr? Kommt sie durch?" fragt Katniss die Sanitäter.
„Hoffen wir mal das Beste", entgegnet einer der beiden knapp.
Hinter dem Bürgermeister folgt ein weiterer Sanitäter mit Finch in seinen Armen. Es ist Jack.
„Wie geht es ihr?", frage ich ihn im Vorbeigehen.
„Ihr Zustand ist kritisch", erwidert Jack. „Mehr kann ich nicht sagen."
Vorsichtig hieven die beiden Sanitäter Madge samt Trage auf die Rutsche. Der Vordere nimmt am Ende Stellung, während sein Kollege die Trage langsam über die Rutsche schiebt.
„Pass auf, dass sie nicht über den Rand rutscht!" ruft er dem wartenden Kollegen zu.
„Hab sie!" entgegnet er.
Ich wende mich an Katniss.
„So, und jetzt sind wir dran!"
Normalerweise würde zwar der Kapitän als letzter das „sinkende Schiff" verlassen, doch in diesem Fall sehe ich meine Pflicht, nachdem die Tribute und Katniss Mutter und Schwester in Sicherheit sind, als erfüllt.
„Du zuerst", sage ich zu Katniss, die sich wortlos hinter dem Bürgermeister einreiht. Sie meistert die Rutsche ohne Probleme. Was man von mir nicht behaupten kann. Mein verletztes Bein macht es mir schwer, das Gleichgewicht zu halten, da ich kaum auftreten kann. Ich rudere mit den Armen, doch es nützt nichts, und ich falle der Länge nach hin.
„Peter, mach schon!" ruft mir Katniss zu.
Ich versuche aufzustehen, doch kaum als ich mit den rechten Bein auftrete und vor Schmerz zurückzucke, falle ich ein zweites Mal hin.
Katniss klettert über den gut kniehohen Rand der Rutsche und packt mich an den Armen. Sie zieht mich nach unten. Am Ende der Rutsche rolle ich mich zur Seite, um mit den Füßen voran anzukommen. Katniss greift mir unter die Arme, um mich zu stützen, doch mit ihren leichten Turnschuhen, wie sie zum Outfit der Tribute gehören, rutscht sie auf dem glatten Schnee aus und reißt mich mit auf den Boden.
„Jetzt sag nicht, dass ich dich auch noch tragen muss!" sagt sie neckisch zu mir.
„Wenn du so freundlich bist, mir aufzuhelfen, dann werde ich versuchen, selber zu gehen", entgegne ich geschwollen.
Lächelnd reicht mir Katniss ihre Hand.
„Ich warne dich. Wenn ich dich tragen muss, dann kostet dich das etwas!"
Ich greife nach ihrer Hand.
„Als ob du das könntest! Ich bin sicher fast doppelt so schwer wie du!"
Als müsste sie mir beweisen, wie kräftig sie ist, zieht Katniss kräftig an meinem Arm, und hilft mir auf die Beine.
„Unterschätze mich nicht!"
„Das würde ich doch nie tun", entgegne ich lächelnd.
„Na ihr beiden, seht zu, dass ihr von der Maschine wegkommt", höre ich Boggs mahnende Stimme hinter mir. „Wenn das Eis bricht, gibt das ein Riesenloch. Ich will euch ungern rausfischen müssen!"
Er hat Recht. Gerade verlassen die letzten Leute, Soldaten aus Distrikt 13, die Maschine. Ich sehe Johanna und Sergeant Miller, wie sie von der linken der Seite der Maschine kommend Richtung Ufer eilen.
„Alle draußen!" tönt es aus Boggs Funkgerät.
Jetzt ist es amtlich. Wir haben in der Nähe der DC-8 nichts mehr verloren. Trotzdem bleibt mein Blick für einen Augenblick an der geschundenen Maschine hängen. Sie macht auf mich einen traurigen Eindruck, wie sie ohne Bugfahrwerk und mit weggebrochenem rechtem Fahrwerksbein schräg auf dem Eis liegt. Das rechte äußere Triebwerk ist abgerissen, die Flächenspitze beschädigt. Die linke Seite habe ich noch nicht gesehen, doch ich rechne damit, dass sie ähnlich schlimm aussieht.
Diese Maschine fliegt nirgendwo mehr hin. Ende eines langen Flugzeuglebens, auf einem zugefrorenen See im Nirgendwo. Ein tragischer Tod eines treuen Begleiters, doch immer noch besser als auf einem Flugzeugfriedhof in der Wüste zu landen, ausgeschlachtet und letzten Endes dazu verdonnert, ein zweites Leben als Bierdose zu führen.
Mit feuchten Augen wende ich mich von der DC-8 ab. Mir ist klar, dass es nur eine leblose Maschine ist, doch wie sie hier hilflos auf dem Eis liegt, bricht mir trotzdem fast das Herz. So sehr ich manchmal über die Eigenheiten dieses alten Flugzeuges geschimpft habe, mich über die schwergängige Steuerung geärgert habe, so hatte es doch immerhin einen ganz eigenen Charakter gehabt. Etwas Persönliches, was den neueren Maschinen irgendwie zu fehlen scheint. Du wirst mir abgehen. Mach es gut, altes Mädchen, denke ich leise.
„Jetzt komm schon!" holt mich Katniss in die Wirklichkeit zurück. Fast widerwillig folge ich ihr.
„Soll ich dich stützen?" fragt sie mich mit mitleidigem Blick, als ich ihr hinterherhumple.
„Wenn es dir nichts ausmacht."
„Wenigstens sind wir dann etwas schneller", meint Katniss.
Als wir das Ufer erreichen, halte ich noch einmal inne. Zum ersten Mal sehe ich den Schaden an der linken Tragfläche.
„Kein Wunder, dass wir sie kaum gerade halten konnten! Da fehlt ja die ganze äußere Fläche!" stelle ich erstaunt fest. Ich habe zwar geahnt, dass wir schwer getroffen waren, doch so wie die linke Tragfläche aussieht, grenzt es an ein Wunder, dass wir es so weit geschafft haben. Ein oder zwei Meter mehr, und es hätte den linken Haupttank und das Innenquerruder erwischt. Das hätten wir vermutlich nicht überlebt.
„Peter, komm jetzt!" fordert mich Katniss mit Nachdruck auf. „Oder willst du hier Wurzeln schlagen?"
„Natürlich nicht!"
„Na also, dann komm weiter. Vom Rumstehen wird mir kalt!"
Zum Glück ist die Uferböschung flach. Irgendwelche Klettereinlagen macht mein Bein definitiv nicht mit. Plötzlich hält die Gruppe an. Das macht Sinn, schließlich bringt es wenig, immer weiter in den Wald, der das Ufer säumt, hineinzulaufen. Dort kann kein Hovercraft landen. Boggs tippt auf seinem Holo herum und spricht etwas, was ich aus der Entfernung nicht verstehen kann.
„Was ist da jetzt schon wieder los?" höre ich Bürgermeister Undersee laut rufen. „Wo bleibt denn dieses Hovercraft so lange? Sollte es nicht bald hier sein?"
„Peter, was geht da vor?" fragt Katniss beunruhigt.
„Das hören wir uns besser aus der Nähe an", entgegne ich, und humple auf Boggs zu. Er hat den Bürgermeister einfach ignoriert und tippt weiter auf seinem Holo herum. Im hellen Tageslicht und gegen den weißen Schnee ist die Projektion etwas schlecht zu erkennen, doch ich kann so etwas wie eine Kartendarstellung mit zwei roten Punkten erkennen.
„Das darf doch nicht wahr sein!" flucht Boggs und stampft wütend auf den schneebedeckten Boden. „Warum haben Sie die nicht kommen gesehen?"
Offensichtlich spricht er mit irgendjemandem über den Holo.
„Die beiden Hovercrafts sind getarnt. Wir konnten ihre Position und Flugrichtung nur über die verschlüsselten Statusmeldungen herausbekommen, die sie regelmäßig ans Kapitol senden", tönt eine weibliche Stimme aus dem Holo.
Mein Magen krampft sich zusammen. Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller, unser Taxi ist weiß Gott wie weit weg, und zwei Hovercrafts des Kapitols sind allem Anschein nach direkt auf dem Weg zu uns.
„Wir müssen Operation Blackout vorziehen! Es gibt hier keine Deckung! Die bomben uns zu Staub und Asche!" schreit Boggs in den Holo.
„Ausgeschlossen", entgegnet die weibliche Stimme, die, wenn ich mich nicht täusche, jene von Präsidentin Coin ist. „Wir können Blackout nicht vorziehen. Nicht bevor wir die Aufnahmen gesendet haben!"
„Wenn die ihre Bomben loslassen, können sie sich die Aufzeichnungen in die Haare schmieren!"
„Nicht in diesem Ton, Commander!", weist Coin Boggs zurecht. „Sie werden sich mit den Aufnahmen umgehend zu Punkt Bravo 2 begeben. Nehmen sie die Tribute und jeden, der laufen kann, mit. Es ist Ihre einzige Chance. Die Hovercrafts des Kapitols sind vor MEDEVAC 1 da, abgesehen davon habe ich soeben befohlen, das MEDEVAC 1 einen sicheren Abstand einhält, bis die Hovercrafts weg sind."
„Aber wir haben Verwundete! Die sind nicht schnell genug! Die schaffen es nie bis Bravo 2!" entgegnet Boggs aufgebracht.
„Tut mir leid, Commander. Retten Sie, wen sie können. Und sorgen sie dafür, dass die Aufzeichnungen intakt bleiben. Das wäre alles. Coin Ende!"
Boggs stampft wütend auf den Boden.
„Diese arrogante Zicke! Soll sie sich ihre Aufzeichnungen in den Arsch schieben!"
„Was ist Punkt Bravo 2?" fragt Bürgermeister Undersee.
„Eine alte Bunkeranlage, etwa eine knappe halbe Meile von hier im Wald. Dort sollten wir vor den Bomben in Sicherheit sein", entgegnet Boggs.
„Bomben? Randolph, habe ich das richtig verstanden?" fragt die Frau des Bürgermeisters.
„Ja, hast du."
Boggs klatscht seine Hände zusammen.
„Leute, alle mir nach! Wir verlegen nach Punkt Bravo 2, das ist eine alte Bunkeranlage. Los, wir haben nicht viel Zeit, zehn Minuten wenn es hoch kommt!" schreit Boggs in die Runde.
Die Soldaten nehmen die Neuigkeiten scheinbar mit stoischer Gelassenheit entgegen. Doch beim näheren Hinsehen ist ihnen die Furcht ebenso ins Gesicht geschrieben wie den Flüchtlingen.
Boggs tippt auf seinem Holo herum, und deutet nach rechts hinten.
„In diese Richtung! Abmarsch!"
Während Prim uns Katniss Mutter im vorderen Drittel des Zuges unterwegs sind, fallen Katniss und ich gleich wieder zurück. Mein Bein schmerzt mehr als je zuvor, und ich habe das Gefühl, überhaupt nicht vom Fleck zu kommen. Selbst die Sanitäter, die Madge tragen, überholen uns nach kurzer Strecke.
„Peter, wir sind zu langsam!" mahnt mich Katniss.
„Ich weiß", entgegne ich.
„Du musst die Zähne zusammenbeißen! Denk nicht an dein Bein, denk an den Bunker! Ein halbe Meile, mehr nicht! Bitte, Peter, tu es für mich!"
„Ich versuche es ja", keuche ich.
Doch wir fallen immer weiter zurück. Mit aller Kraft verdränge ich jeden Gedanken an meinen schmerzenden Knöchel, doch es hilft nichts. Ich bin einfach zu langsam. Toll, jetzt hast du die Hungerspiele überlebt, und stirbst wegen einem blöden verletzten Knöchel. Katniss tut ihr Bestes, um mich zu stützen, aber mir ist klar, dass ich sie nur aufhalte. Es reicht, wenn ich sterben muss. Katniss muss nicht auch noch mit draufgehen.
„Du musst alleine weitergehen. Ich halte dich nur auf!" sage ich schweren Herzens.
„Kommt gar nicht in Frage!" entgegne Katniss. „Ich habe dir doch gesagt. Ohne dich gehe nicht nirgendwo hin!"
„Aber dann werden wir beide sterben! Wir schaffen es nie rechtzeitig!" flehe ich sie an. „Denk an deine Schwester. Willst du sie alleine lassen?"
„Will ich nicht. Aber dich kann ich auch nicht einfach zurücklassen. Ich kann es einfach nicht!"
„Jetzt sieh es doch ein! Wir haben keine Chance. Wenn du alleine läufst, schaffst du es. Ich will nicht, dass du wegen mir stirbst!" erwidere ich.
„Dann ist es besser, du beeilst dich!" entgegnet Katniss bestimmt. „Ich bin dir noch was schuldig, und wenn ich dich mit Gewalt zu diesem Bunker treiben muss. Also leg einen Zahn zu!"
Ich beiße die Zähne zusammen. Jetzt, nachdem mir klar ist, dass Katniss sich nicht alleine retten wird, liegt es nur an mir, ob sie überleben wird oder nicht. Schweigend werfe ich ihr einen Blick zu. Selbst mit ihren Wunden sieht sie immer noch stark und keineswegs verletzlich aus. Eine echte Kämpferin. Und wie wir so miteinander durch den Wald humpeln, habe ich das Gefühl, dass etwas von Katniss Feuer auf mich übergeht. Eine halbe Meile. Jetzt wohl eher nur noch eine Viertelmeile. Ein kurzer Sprint in die Sicherheit, und in eine bessere, gemeinsame Zukunft. Unser Tempo verbessert sich. In der Ferne kann ich zwischen den Büschen eine verwachsene Tür erkennen. Vielleicht noch hundert Meter. Die ersten Leute betreten den Bunker.
„Peter, nur noch ein kurzes Stück!" muntert mich Katniss auf.
Ich sehe, wie Boggs Richtung Himmel zeigt und uns bedeutet, uns zu beeilen. Die Hovercrafts. Sie haben ihre Tarnung abgeschaltet und halten in einer Zweier-Formation direkt auf uns zu.
„Beeilt euch!" ruft Boggs. Wir sind die beiden letzten. Alle anderen Personen sind bereits im Bunker.
Noch zwanzig Meter.
Ein helles Pfeifen wie aus einem alten Kriegsfilm erfüllt die Luft.
„Die bombardieren!" schreie ich entsetzt. Auf einen Schlag ist mein schmerzender Knöchel aus meinem Gedächtnis verbannt. Mein Blick verengt sich zu einem Tunnel. Der Eingang ist zu Greifen nah. Hinter uns sind die ersten Detonationen zu hören. Jeder Knall ist lauter als der vorhergehende. Ich wage es nicht, mich umzudrehen. Weitere Detonationen erschüttern den Wald, dazu mischt sich das ohrenbetäubende Pfeifen der fallenden Bomben. Wahrscheinlich haben die extra irgendwelche Orgelpfeifen drauf gemacht, wie die Deutschen im zweiten Weltkrieg, damit es den Psychoterror verstärkt.
Wir passieren das Eingangstor, und befinden uns am Beginn eines mehrere Meter langen Tunnels, an dessen Ende eine weitere Tür angebracht ist. Plötzlich passierten mehrere Dinge auf einmal. Boggs ruft uns etwas zu und springt durch die Tür. Katniss gibt mir einen kräftigen Stoß und stürzt sich mit mir auf den Boden. Ein ohrenbetäubender Knall füllt den Tunnel aus. Meine Ohren klingeln. Eine Hitzewelle fegt über uns hinweg, und alles wird in ein grelles, orangenes Licht getaucht. Erdbrocken prasseln auf Katniss und mich herab. Die Luft ist erfüllt von Staub und sengender Hitze. Wir waren zu langsam. Jetzt verbrennen wir. Katniss schreit laut auf. Sie rollt sich zur Seite. Ohne die schützende Wirkung ihres Körpers bekomme ich die volle Hitze der Flammen, die über die Decke schießen, zu spüren. Doch dann wird es plötzlich dunkel. Kein Feuerschein mehr. Die Hitze schwindet. Ich versuche, mich zu orientieren. Katniss schreit noch immer, doch ich habe Mühe, sie auszumachen.
Moment, da ist etwas neben mir. Es ist ein verkohlter Ast, auf dem kleine Flammen müde vor sich hin flackern. Dann sehe ich sie. Katniss, wie sie im fahlen Licht mit schmerzverzerrtem Gesicht mit angezogenen Beinen in Seitenlage auf dem staubigen Boden liegt und ihr bestes tut, um ihre Schreie zu unterdrücken.
„Katniss, was ist mit dir?" schreie ich entsetzt. Sie so leiden zu sehen, versetzt mir einen Stich in mein Herz.
„Peter, bist du in Ordnung?" fragt Katniss stöhnend.
„Ich glaube schon", entgegne ich. „Aber was ist mit dir?"
„Mein Rücken…er brennt wie Feuer. Die Flammen müssen mich erwischt haben."
Tränen steigen in meine Augen. Ich wage es nicht, Katniss Rücken zu berühren, aus Angst, ihr noch mehr Schmerzen zuzufügen.
Plötzlich fällt der grelle Strahl einer Taschenlampe auf mich.
„Peter, Katniss, seid ihr in Ordnung?", fragt Boggs in der Tür stehend.
Er muss sie vor unserer Nase zugeschlagen haben, um die Leute im Bunker vor der Explosion zu schützen. Dort, wo vorher der überwucherte Tunneleingang war, ist nur noch eine dunkle Masse von Geröll und Erde zu erkennen. Der Lichtkegel der Taschenlampe streicht über Katniss. Was ich jetzt sehe, erschreckt mich noch mehr als der eingestürzte Tunneleingang. Es ist ein Blutfleck auf Katniss rechter Seite, der rasch größer wird.
