„Ich brauche hier einen Sanitäter!" schreie ich so laut ich kann in Boggs Richtung. „Katniss ist schwer verletzt!" Meine Stimme klingt für mich selbst dumpf und fern, als würde ich flüstern. Meine Ohren klingeln wie nach einem Rockkonzert, nur stärker. Katniss windet sich vor Schmerzen am Boden. Ich streichle ihr sanft über die Wange.
„Bitte, halt durch!"
Wo bleibt dieser verdammte Sani so lange?
„Jetzt macht schon! Einen Sanitäter! Schnell!" rufe ich voller Verzweiflung. Vorsichtig taste ich entlang Katniss rechter Seite. Überall ist Blut, doch ich kann in der Dunkelheit nicht erkennen, wo es herkommt. Endlich nähert sich jemand. Es ist Jack, der Sanitäter, mit seinem Kollegen. Er leuchtet Katniss Körper mit einer Taschenlampe an.
„Das sieht nicht gut aus!" seufzt Jack, als er den Blutfleck sieht. „Schere!"
Sein Kollege reicht ihm eine Kleiderschere, mit der Katniss Shirt an der Seite entlang aufschneidet.

Als ich die Wunde sehe, wird mir schlecht. Meine Beine beginnen zu zittern.
„Sieht so aus, als ob sich ein Bombensplitter in ihre Seite gebohrt hat. Könnte die Leber erwischt haben. Mist, ich kann nicht sehen, woher das ganze Blut kommt!" flucht Jack.
„Bist du dir sicher? Wenn es ihre Leber erwischt hat…". Sein Kollege hält mitten im Satz inne. Der kalte Schweiß bricht mir aus.
„Ich weiß, was das bedeutet. Sie muss sofort in den OP, sonst…".
„Sonst was?" frage ich barsch.
„Sonst…fürchte ich…wird sie es nicht schaffen", sagt Jack niedergeschlagen.
„Aber Sie müssen doch irgendwas tun können!" schreie ich ihn an. „Geben Sie ihr Blutkonserven, oder was weiß ich!"
„Wir haben keine mehr. Madge hat die letzte bekommen", entgegnet Jack ruhig.
„Dann müssen wir rausbringen, zum Hovercraft! Sofort!"
„Das braucht noch mindestens fünfzehn Minuten", höre ich Boggs Stimme neben mir. „Und außerdem, wie stellst du dir das vor? Der Eingang ist eingestürzt, schon vergessen?"

Ich werfe einen verstohlenen Blick auf den Geröllhaufen, der sich dort befindet, wo bis vor einer Minute noch der Zugangstunnel war.
„So eine verfluchte Scheiße! Schrottbunker, verdammter!" fluche ich. „Dann müssen wir eben graben!"
„Nicht so schnell, Peter", entgegnet Boggs. „Es gibt einen zweiten Ausgang, allerdings müssen wird da etwa dreihundert Meter durch einen Tunnel laufen, und dann noch mal ein Stück durch den Wald, bis zu einer Lichtung, wo unser Hovercraft landen kann. Sergeant Miller ist schon unterwegs, um eine Meldung abzusetzen. Wir haben hier drin nämlich keinen Funkkontakt."

Der Sanitäter schüttelt den Kopf.
„So lange hat sie nicht. Das dauert doch alles sicher…so zwanzig Minuten, eher dreißig. Ich gebe ihr fünfzehn, wenn es hoch kommt!"
Diese Aussage trifft mich wie ein Schlag in der Magengrube. Katniss wird sterben, und bin ich daran schuld. Weil ich zu langsam war, und sie aufgehalten habe. Warum musste sie dann auch noch menschliches Schutzschild für mich spielen! Sie hat mir vermutlich damit das Leben gerettet, aber es wird sie ihr eigenes kosten. Katniss starrt mich mit müdem Blick an.
„Peter…wenn ich sterbe…versprich mir, dass du dich um Prim kümmerst, ja?"
Tränen rollen über meine Wangen.
„Katniss, du wirst nicht sterben! Wir lassen uns etwas einfallen!"
„Du hast den Sanitäter doch gehört…ich schaffe es nicht."
„So darfst du nicht denken!" entgegne ich mit tränenerstickter Stimme.
„Peter, es ist in Ordnung. Du bist ok, Prim ist ok. Das ist es, was für mich zählt", erwidert Katniss.
„Warum musstest du auch so stur sein! Wenn du alleine weitergelaufen wärst...". Ich fahre mit der Hand über meine tränenden Augen.
„Das hätte ich mir nie verziehen. Peter, ich…du weißt, ich bin nicht gut in solchen Sachen…aber…aber ich mag dich. Ich mag dich wirklich sehr. Ich wusste gar nicht, wie sehr", seufzt Katniss und schließt kurz ihre Augen. „Peter, bitte, küss mich noch einmal. Ein letztes Mal, bevor ich sterbe. Und lass Prim und meine Mutter holen, damit ich mich verabschieden kann."

Katniss Worte treiben eine neue Flut von Tränen in meine Augen. Es ist wie damals bei Kate. Wieder muss ich zusehen, und kann nichts tun. Nein, es ist schlimmer. Diesmal bin ich Schuld, dass ein geliebter Mensch stirbt. Wir wären so nah dran gewesen. Zwei oder drei verdammte Meter. Wie erstarrt hocke ich vor Katniss. Ein letzter Kuss. Langsam beuge ich mich über Katniss Gesicht, das von Schmerzen gezeichnet ist. Vorsichtig lege ich meine Lippen auf die ihren, aus Angst, ihr noch mehr weh zu tun. Dann scheint die Zeit für einen Moment still zu stehen, wie vor ein paar Stunden im Cockpit. Die Bomben, der eingestürzte Eingang, all das zählt nicht mehr. Alles, was ich spüre, ist Katniss Nähe. Ich versuche, so viele Sinneseindrücke von ihr wie möglich aufzunehmen. Wie sich ihre Haut anfühlt. Ihre Gesichtszüge. Ihren Geruch. Ihr Haar. Als könnte ich mir dadurch in meinem Gedächtnis ein Abbild für die Ewigkeit schaffen, das doch nur ein müder Abklatsch der echten Katniss sein wird.

Ich weiß nicht, wie lange wir uns geküsst haben, als mich Prims Stimme aus diesem letzten heilen Moment reißt.
„Katniss!" höre ich sie schreien, während sie mit eiligen Schritten auf uns zu läuft. „Was ist mit dir?"
Widerwillig richte ich mich auf.
„Prim! Da bist du ja", sagt Katniss mit schwacher, zittriger Stimme.
„Du darfst nicht sterben! Bitte!" fleht ihre kleine Schwester.
„Es tut mir leid, Kleine. Es tut mir wirklich leid, aber Peter…er wird auf dich aufpassen", entgegnet Katniss.
„Aber ich brauche dich doch!"
„Das weiß ich doch. Aber du musst jetzt stark sein, ja? Weine nicht um mich. Du hast noch so viel vor dir. Und du bist in Sicherheit. Nur das zählt!"
„Ich werde dich so vermissen!" schluchzt Prim, und vergräbt ihr Gesicht in Katniss Körper.

Meine Gedanken kreisen. Es muss doch irgendetwas geben, was wir tun können. Irgendeinen Trick, der Katniss ein wenig mehr Zeit gibt. Bilder der beschädigten DC-8 geistern durch meinen Kopf. Eine geplatzte Hydraulikleitung. Rotes Öl spritzt heraus. Was machst du dagegen? Den Druck reduzieren. Die Pumpe abstellen, bis du die Hydraulik wieder brauchst.
„Können wir nicht vielleicht ihren Blutdruck reduzieren?", frage ich den Sanitäter. „Das müssten den Blutverlust doch verlangsamen?"
„Vergiss es. Der ist ohnehin schon kritisch niedrig", entgegnet Jack.
Wäre auch zu schön gewesen.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Breck sich ebenfalls zu uns gesellt. Katniss Mutter hockt neben Prim auf dem Boden, und streichelt Katniss Stirn.

Meine Augen fixieren Breck.
„Die Beeren! Wir brauchen die Beeren, die Breck geschluckt hat!" rufe ich laut. Das wäre die Lösung. Wir könnten Katniss Kreislauf auf ein Minimum herunterfahren, und der Wirkstoff würde die Zellen in eine Art Winterschlaf versetzen, in dem sie weniger Sauerstoff als normal brauchen.
„Habt ihr sowas dabei? Zum Spritzen?" frage ich Jack.
„Leider nein. Und es wäre auch zu wenig."
„Was ist das für ein Hobby-Rettungsverein? Warum habt ihr das nicht dabei?" fluche ich mit tränenüberströmtem Gesicht.

„Mutter, erinnerst du dich noch an das Mädchen, das im Winter im Eis eingebrochen ist?" fragt Prim unvermittelt. „Meinst du…".
Mrs. Everdeen schüttelt ihren Kopf.
„Ich weiß, worauf du hinauswillst. Das kalte Wasser hat ihr damals das Leben gerettet. Sie war ja eine gute Viertelstunde unter Wasser. Aber hier…wie soll das gehen?"
„Habt ihr in dem Hovercraft so ein Gerät zur künstlichen Unterkühlung?" frage ich Boggs.
„Du meinst für das EPR-Verfahren? Ja, das haben wir, aber ich fürchte, es kommt zu spät", entgegnet Boggs. EPR – Emergency Preservation and Resuscitation. Genau!
„Die Unterkühlung muss binnen fünf Minuten nach Kreislaufstillstand eingeleitet werden, sonst ist das Risiko bleibender Hirnschäden zu groß", ergänzt Jack. Er schluckt. „Es tut mir leid, Peter. Wir können nichts mehr für Katniss tun. Außer Morfix spritzen, damit sie nicht unnötig leiden muss!" Der Sanitäter greif in seine Tasche, und holt eine Impfpistole heraus.
„Ich könnte ihr eine Dosis geben…"
„Auf keinen Fall! Ihr werdet sie nicht wie einen Hund einschläfern!" unterbreche ich ihn.

Jack legt seine Hand auf meine Schulter.
„Siehst du nicht, wie sie leidet? Willst du ihr das noch länger antun? Sie stirbt so oder so, und wenn wir ihr den Abschied angenehmer machen können, warum sollen wir das dann nicht tun?"
„Aber vielleicht schafft es ja doch! Es gibt immer Ausnahmen!" erwidere ich.
„Peter, sieh es doch ein. Diesen Blutverlust kann sie nicht überleben. Sie hat keine Chance!"

„Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit!", ruft jemand aus Richtung der Tür. Es ist Johanna.
„Und die wäre?" fragt Jack.
„Der Aufspürer. Der Failsafe-Mechanismus!"
„Johanna, falls du das ZX-5 meinst…", beginnt Boggs. Ich unterbreche ihn.
„Was ist ZX-5?"
„Ein Zellstoffwechsel-Inhibitor mit neuroprotektiven Eigenschaften. Chemisch mit Nachtriegel-Gift verwandt. Das Kapitol baut in jeden Aufspürer eine kleine Ampulle davon ein. Ursprünglich war es als eine Art Not-Aus für einen außer Kontrolle geratenen Tribut gedacht, aber auch als Rückversicherung, falls die beiden letzten Tribute sich im Endkampf tödlich verletzen. Das ZX-5 versetzt alle Körperzellen in einen tiefen Schlaf", erklärt Boggs.
„Und warum kommt ihr erst jetzt damit? Das ist doch genau die Lösung!" fahre ich Boggs an.
„Es ist sehr riskant. Wir wissen nicht genau, wie dieses ZX-5 funktioniert. Vor allem sind wir uns nicht sicher, wie wir es wieder aus dem Körper bekommen, damit die Zellen ihren Stoffwechsel wieder hochfahren."
„Aber ist das nicht so etwas Ähnliches wie euer Pseudo-Nachtriegelgift?"

Boggs schüttelt seinen Kopf.
„Unser Wirkstoff reduziert den Zellstoffwechsel auf ungefähr ein Viertel. Das Herz schlägt langsam weiter, und es gibt ein Antidot, welches die Wirkung zuverlässig beendet. ZX-5 schaltet die Zellen praktisch komplett ab. Das Herz bleibt stehen. Es gibt keine messbaren Hirnströme mehr. Wer ZX-5 bekommt, ist praktisch zu 99 Prozent tot."
„Was haben wir schon zu verlieren?" entgegne ich. „99 Prozent tot ist besser als 100 Prozent tot! Wir müssen es versuchen!" flehe ich Boggs an.
„Peter, so einfach ist das nicht. Selbst wenn wir die Wirkung umkehren können, ist das keine Garantie, dass Katniss wieder zurückkommt. Sie könnte für den Rest ihres Lebens an Maschinen gefesselt dahinvegetieren, wenn ihr Gehirn doch Schaden erleidet. Willst du das?"
„Das können wir nicht wissen!" entgegne ich. „Ich will, nein, ich fordere, dass Katniss das ZX-5 bekommt!"

„Dazu müssten wir aber erst an einen Aufspürer ran. Und der ist normalerweise im rechten Arm unter der Haut. Wir müssten ihn herausoperieren, und bei all dem Dreck hier…" wirft Jack ein.
„Nehmt meinen!" unterbreche ich ihn. Wenn ich Katniss damit retten kann, ist eine Wundinfektion ein kleiner Preis, den ich gerne zahle.
„Nein, du nicht!" erwidert Jack. „Du hast da eine Splitterwunde am Arm, die dringend versorgt gehört!"
Das muss wohl der Stich gewesen sein, den ich bei der Explosion gespürt habe. Die Angst um Katniss muss den Schmerz völlig verdrängt haben!
„Und von wem dann? Von Katniss wohl kaum, und von Finch auch nicht! Bleibt nur noch Breck!" entgegne ich.
Der Junge starrt mich mit großen Augen an.
„Wenn es ihr hilft…".
„Das kommt nicht in Frage!" sagt Jack bestimmt. „Ich werde hier sicher keinem kleinen Jungen den Arm aufschneiden, ohne vernünftige Ausrüstung. Ich darf das noch nicht mal!"

Johanna tritt an Jack heran.
„Pfeif doch auf diese bescheuerten Vorschriften! Wir sind hier im Krieg, schon vergessen?"
„Ich mache das nicht! Das ist Wahnsinn!"
„Gut. Wenn du den Mumm dazu nicht hast, dann mache ich es!" erwidert Johanna bestimmt, und reißt dem Sanitäter die Impfpistole mit dem Morfix aus der Hand.
„Spinnst du? Was soll das werden?" entgegnet Jack wütend.
„Ich rette Katniss das Leben!"

Mit schnellen Schritten eilt Johanna zu Breck, und setzt die Impfpistole an einer Armvene an.
„Dir wird jetzt wahrscheinlich ein wenig schwindelig werden", sagt sie mit ruhiger Stimme zu dem Jungen.
„Wir es wehtun?"
„Nur ein wenig", beruhigt ihn Johanna, und zückt ein Messer.
„Aufhören!" schreit Jack. „Boggs, sagen Sie doch was!"
„Johanna ist für das Freilegen und Entfernen eines Aufspürers ausgebildet. In Anbetracht der Umstände…"
„Verrückt ist das! Ein Wahnsinn! Ich werde offiziellen Protest gegen diese Aktion einlegen, wenn wir zurück sind!" schreit Jack.
„Tun Sie, was sie nicht lassen können!"

Johanna beginnt zu schneiden. Breck verzieht sein Gesicht und stöhnt leise. Boggs wendet seinen Blick ab. Wahrscheinlich ist ihm auch nicht ganz wohl dabei, was Johanna dem armen Jungen, der schon so viel durchgemacht hat, gerade antut.
„Eine Spritze, schnell!" ruft Johanna. Jack kramt in seiner Tasche. Ich trete näher an Breck heran. Er nickt mir verhalten zu, als wollte er mir damit sagen, dass alles in Ordnung ist. Auf seinem rechten Unterarm klafft auf der Innenseite eine große, hässliche Wunde. Blut tropft auf den staubigen Boden. Der Aufspürer, ein längliches, zylinderförmiges Objekt mit einem kleinen, durchsichtigen Behälter mit einer bläulichen Flüssigkeit an einem Ende, liegt frei.

„Hier", sagt Jack und reicht Johanna die verlangte Spritze. Ohne zu zögern zieht sie die Schutzkappe von der Nadel ab und sticht sie in den Behälter mit der Flüssigkeit.
„So, jetzt holen wir den guten Saft mal raus", sagt sie trocken, und zieht den Spritzenkolben langsam heraus. Die Kanüle füllt sich mit der bläulichen Flüssigkeit. Breck ist etwas bleich im Gesicht, und atmet schnell. Auf seiner Stirn stehen dicke Schweißperlen.
„Der arme Junge! Wie können Sie so etwas zulassen?" beschwert sich Jack bei Boggs. Dieser winkt ab.
„Weil wir keine andere Wahl haben. Das sind wir Katniss schuldig."

Johanna zieht die Nadel heraus.
„Das hätten wir."
„Setzen Sie einen Venenzugang!" befiehlt Boggs dem Sanitäter.
Jack nickt.
„Wie Sie meinen".
Ich beäuge die blaue Flüssigkeit in der Spritze skeptisch. Ist das wirklich das Wundermittel, das Katniss retten kann? Oder bringen wir sie damit vielleicht noch schneller um?
Sie ist kaum noch bei Bewusstsein.
„Peter? Was passiert da gerade?" fragt sie kraftlos und von ihren Schmerzen gezeichnet.
„Du bekommst gleich ein Medikament. Dann wirst du einschlafen", sage ich ruhig, und knie mich neben sie.
„Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen. Ich weiß, dass ich sterbe. Ich spüre es", entgegnet Katniss müde.
„Also gut", sage ich und hole tief Luft. „Das Mittel, was wir dir spritzen, wird deinen Körper praktisch fast komplett abschalten. Wie bei einem Tier im Winterschlaf, nur viel tiefer. Du wirst praktisch tot sein, aber nur vorübergehend. Wir bringen dich zum Hovercraft, und dort werden wir dich wieder zurückholen."

Katniss seufzt.
„Was ist, wenn etwas schiefgeht? Ich will nicht irgendwie im Halbschlaf dahinvegetieren! Dann sterbe ich lieber!"
„Das wird nicht passieren", versuche ich sie zu beruhigen, während Jack an ihrem Arm herumfummelt, um den Venenzugang zu setzen.
„Ihre Venen sind verdammt schlecht", merkt er skeptisch an.
„Bemühen Sie sich!" fordere ich ihn auf.

Endlich sitzt der Zugang.
„Die Spritze, bitte!" sagt Jack zu Johanna.
„Es ist soweit. Katniss, wir schicken dich jetzt in den Winterschlaf. Ist das für dich in Ordnung?" frage ich, ehe der Sanitäter die Kanüle ansetzt.
„Ich habe Angst, Peter", stöhnt Katniss. „Kannst du meine Hand halten?"
„Natürlich!" entgegne ich, und umschließe ihre linke Hand mit beiden Händen.
„Prim, komm her. Ich will dich sehen. Und du auch, Mutter!"
Für ein paar Sekunden starren wir uns alle schweigend an. Dann nickt Katniss kraftlos.
„Ich bin soweit. Tut es."
Seufzend drückt Jack den Spritzenkolben nach unten, und injiziert die blaue Flüssigkeit in Katniss Blutkreislauf. Zuerst scheint gar nichts zu passieren. Dann schließt Katniss plötzlich ihre Augen, und ihr Kopf kippt zur Seite.
„Puls fällt schnell ab, 40 Schläge pro Minute und fallend!" ruft Jack mit Blick auf ein Fingerclip-Pulsmessgerät, dass er an Katniss linkem Zeigefinger angebracht hat. Katniss Atmung wird flacher und flacher, und es fühlt sich an, als würde ihre Haut kalt werden.
„Puls ist kaum noch fühlbar!" meldet Jack.
Ich beuge mich über Katniss Kopf und küsse sie sanft auf den Mund und die Wange.
„Mach es gut. Und gib nicht auf", sage ich leise in ihr Ohr.
„Kein Puls mehr. Herzstillstand!" ruft der Sanitäter alarmiert. „Soll ich eine Herzdruckmassage und Beatmung einleiten?"

Das Wort „Herzstillstand" trifft mich wie ein Schlag. Mir ist klar, dass dieser Zustand beabsichtigt und hoffentlich reversibel ist, aber es klingt, als wäre Katniss gerade gestorben. Sie ist auch gestorben. Klinisch tot.

Boggs wiegt nachdenklich seinen Kopf.
„Es gibt da bei ZX-5 keine uns bekannten Erfahrungswerte. Aber nachdem es als Failsafe konzipiert wurde für den Fall, dass der Siegertribut tödlich verletzt wird und er aus irgendeinem Grund nicht sofort geborgen werden kann, müsste es das Beste sein, sie einfach in Ruhe zu lassen. Außerdem hat sie innere Verletzungen, die sich verschlimmern könnten."
„Gut, dann mache ich nichts. Wie lange können wir sie…in dem Zustand lassen?"
„Zwanzig bis dreißig Minuten. Zumindest sagen das die wenigen Testunterlagen, die wir dem Kapitol geklaut haben."
„Das wird knapp", meint Jack.
„Ich weiß. Aber jetzt hat sie wenigstens eine Chance."

Nach wie vor halte ich Katniss Hand. Ich bringe es nicht über mich, sie loszulassen. Als könnte ich sie sonst endgültig verlieren. Jack tritt an mich heran. „Jetzt kümmern wir und mal um deine Wunde."
„Machen Sie nur", entgegne ich. Zwischen den Tränenschleiern sehe ich, wie sich ein anderer Sanitäter um Breck kümmert. Wie Prim und Mrs Everdeen sich schluchzend umarmen. All das sehe ich zwar, doch es scheint irgendwie fern und unbedeutend. Selbst der verschüttete Eingang ist mir egal. Boggs hat ja gesagt, dass es einen zweiten gibt.

Ein Funkspruch dröhnt aus Boggs Holo. Ich kann ihn mit meinem angegriffenen Gehör kaum verstehen.
„Also gut. Tür ist offen. Fordern Sie das Hovercraft an! Wir kommen!" antwortet Boggs. „Und sagen sie Bescheid, sie sollen alles für eine EPR-Notoperation bereithalten!" Endlich ein Lichtblick, etwas, das gut geht.
Jack hebt Katniss vorsichtig vom Boden auf. Ihre Arme und Beine hängen schlaff und leblos herunter – ein Anblick, den ich kaum ertragen kann. Mechanisch setze ich einen Schritt vor den nächsten. Im Bunker kauern Soldaten und Flüchtlinge im spärlichen Licht von Taschenlampen auf dem Boden.
„Was ist jetzt? Wann können wir hier raus?" fragt Bürgermeister Undersee. „Meine Frau bekommt gleich eine Panikattacke! Sie verträgt keine abgeschlossenen, engen Räume!"
„Beruhigen Sie sich, entgegnet Boggs. „Wir begeben uns umgehend in Richtung Ausgang!"
„Aber der ist doch verschüttet!"
„Es gibt einen zweiten. Wir müssen nur ungefähr dreihundert Meter durch einen Tunnel marschieren", erwidert Boggs.

Er klatscht in seine Hände.
„Alle mal herhören! Wir begeben uns jetzt zum zweiten Ausgang. Folgen Sie mir, und passen Sie auf, wo sie hin steigen! Nicht laufen!"
Ich mustere kurz die Einrichtung des Bunkers. An einer Wand steht eine Reihe verstaubter Monitore und Tastaturen. An einer anderen sind Regale mit allerlei Zeug aufgestellt. Wahrscheinlich Ausrüstung aller Art. Egal. Ich folge Boggs und Jack. Johanna trägt Breck, der einen recht schwachen Eindruck macht. Die Operation und das Morfix waren wohl zu viel für ihn.

Boggs öffnet eine schmale Metalltür.
„Hier rein. Ist etwas eng, aber man kann aufrecht gehen."
Der Tunnel ist gerade mal etwa einen Meter breit, und ohne richtige Beleuchtung wirkt er eher wie ein dunkler Schlund, der uns alle zu verschlucken droht.
„Martha, jetzt beruhige dich doch!" höre ich die Stimme des Bürgermeisters ein paar Meter hinter mir.
„Randolph, ich bekomme keine Luft! Hol einen Sanitäter!"
„Das ist nur dein Kopf! Du hast eine Panikattacke, mehr nicht! Versuch einfach, ruhig zu atmen!"
„Jetzt gehen Sie schon weiter!", mischt sich eine unbekannte Stimme ein.
„Martha, bitte, reiß dich zusammen!" fordert der Bürgermeister seine Frau auf.
„Ich versuche es ja!", schluchzt sie hysterisch. „Aber ich…ich bekommen keine Luft! Hilfe! So helft mir doch!"
„Weitergehen habe ich gesagt!"
„Hier Martha, deine Tropfen! Vielleicht geht es ja damit!" höre ich Mr. Undersee sagen.

Warum hat er ihr die Tropfen nicht gleich gegeben? Idiot!
„Na endlich!" seufzt der Unbekannte, der nun deutlich entfernter klingt, da ich einfach mit den anderen weitergegangen bin. Die Frau des Bürgermeisters und ihre Neigung zu Panikattacken sind momentan meine geringste Sorge. Als mein Blick wieder einmal auf Katniss leblosem Körper hängen bleibt, frage ich mich, wie es ihr wohl gehen wird. Logisch betrachtet dürfte sie momentan gar nichts fühlen, aber vielleicht ist da noch ein letzter Rest von Gehirnaktivität. Oder irgendeine Art von Bewusstsein, die sich auch im 23. Jahrhundert noch immer der Wissenschaft verschließt.

Schweigend folgend wir dem Tunnel. In dem dunklen Schlund erscheint plötzlich hinter einer leichten Biegung ein helles Licht. Der Ausgang.
„Martha, siehst du, wir sind gleich im Freien!" höre ich den Bürgermeister rufen. Das grelle Licht schmerzt in meinen Augen, und ich kneife die Lider zusammen, um vor lauter Blendung überhaupt etwas sehen zu können. Frische, kalte Luft strömt in mein Gesicht, und ich trete hinaus ins Sonnenlicht.
„Seht ihr die Lichtung da vorne?" fragt Boggs und deutet mit seiner Hand schräg nach links. „Da müssen wir hin. Sind vielleicht zweihundert Meter."
Er wendet sich an Sergeant Miller.
„Wie lange, bis das Hovercraft kommt?"
„Etwas fünf Minuten. Die beiden Maschinen des Kapitols sind weg, das heißt, unsere Leute haben ihnen ein paar Raketen in den Arsch gefeuert, mit denen sie nicht gerechnet haben. Gute alte Technik aus Europa, habe ich mir sagen lassen."

Boggs nickt freudig.
„Dann haben sie also doch die Raketenabschussvorrichtungen an MEDEVAC 1 angebracht, um die Beetee immer so geheimnisvoll getan hat!"
„Ja, und die Besatzung hat sich wohl auch Coins Befehlen widersetzt, und die Hovercrafts angegriffen!", fügt Miller hinzu.
„Das wird eine interessante Nachbesprechung werden", merkt Boggs trocken an und deutet in Richtung der Lichtung. „Und jetzt weiter!"
Ein Piepton aus Jacks und Katniss Richtung lässt mich zusammenzucken.
„Das war nur ein Timer auf meiner Uhr. Wir sind jetzt bei 15 Minuten seit Verabreichung das ZX-5", sagt der Sanitäter ruhig.

Ich spüre, wie mir der kalte Schweiß ausbricht. Katniss Uhr läuft allmählich ab. 20 bis 30 Minuten soll sie laut Boggs haben. Jetzt darf nichts mehr schiefgehen. Mein verletztes Bein scheint vergessen. Zwar fährt bei jedem Schritt ein Stich durch meinen Knöchel, aber ich nehme ihn gar nicht richtig wahr. So wie das rote Öldruck-Warnlicht bei der Landung. Ich kann ohnehin nichts dagegen tun, also hat es gar keinen Sicht, sich damit auseinanderzusetzen. Katniss hat es mir ihren Verbrennungen wohl auch so ähnlich gemacht.
„Du färbst langsam auf mich ab", sage ich halblaut, und berühre kurz Katniss leblosen Arm. „Gleich haben wir es geschafft!"

Wir erreichen den Rand der Lichtung. Ein leises Summen liegt in der Luft. Es scheint direkt von vorne zu kommen, und sich zu nähern. Plötzlich setzt wie aus dem Nichts ein scharfer Wind ein, und wirbelt den Schnee auf. Das Summen steigert sich zu einem lauten Rauschen. In der Luft über der Lichtung ist ein merkwürdiges Flimmern zu erkennen. Plötzlich, ohne jede Vorwarnung, taucht ein mittelgroßes Hovercraft aus dem Flimmern auf. Auf der Seite ist deutlich der Schriftzug MEDEVAC 1 zu erkennen. Das ist also die berühmte Tarnvorrichtung, die ein Hovercraft so gut wie unsichtbar und fast unhörbar macht!

„Zurückbleiben!" warnt Boggs die Leute. Der Schub der Schwebetriebwerke bläst mir eine ordentliche Ladung Schnee ins Gesicht. Mit vorsichtigen Steuerbewegungen manövriert der Pilot das Hovercraft in die flache Mitte der Lichtung, und lässt es langsam bis knapp über den Boden absinken. Noch ein paar leichte Korrekturen, dann berühren die Landestützen den Boden. Das Fauchen der Schwebetriebwerke, die im Prinzip nicht anderes sind als Jettriebwerke, deren Hitzequelle ein Fusionsreaktor anstelle einer Brennkammer mit Kerosinfeuerung ist, schwindet. Die Heckluke öffnet sich.

„Triebwerke abgestellt, Einsteigen möglich", tönt es aus Boggs Holo.
„Ihr habt es gehört! Alle Mann einsteigen!"
Ich folge Jack, der Katniss mit schnellen Schritten Richtung Hovercraft trägt. Ein junger Mann in der Uniform eines Arztes eilt uns entgegen.
„Wir haben ihr ZX-5 gespritzt. Vor etwas mehr als fünfzehn Minuten. Verdacht auf Leberpunktion. Starker Blutverlust. Sie muss sofort an die Maschine!" leiert Jack herunter.
„ZX-5?" fragt der Arzt. „Seid ihr verrückt?"
„Was habe ich gesagt?" murmelt Jack leise. „Wir hatten keine andere Wahl!"
„Dann hoffe ich mal für Sie, dass alles gut geht. ZX-5! Das ist Wahnsinn!"

Wir betreten das Hovercraft. Der Arzt deutet auf einen großen Operationstisch im hinteren Bereich des Fluggeräts.
„Hier hinlegen!"
Eine Schar von Leuten in OP-Kleidung eilt heran.
„Setzen sie schon mal die Zugänge, und starten sie die Kühlprozedur. Ich ziehe mich einstweilen um!"

Ein Soldat packt mich an der Schulter.
„Du musst jetzt hier raus. Keine fremden Personen im OP. Geh einfach durch die Tür da vorne, dort ist die Mannschaftskabine!"
Widerwillig löse ich meinen Blick von Katniss.
„Halte durch!" rufe ich ihr zu, wohl wissend, dass sie mich nicht hören kann. Dann humple ich mit schweren Schritten nach vorne. In der Tür zur Mannschaftskabine steht jemand. Er kommt mir entgegen. Groß, dunkle Haare, muskulöser Körperbau, schmales Gesicht. Jung, höchstens zwanzig, eher jünger. Er packt mich an den Schultern und schlägt mir mit der flachen Hand kräftig auf die Wange.
„Du verdammter Idiot! Was hast du Katniss da nur angetan!" schreit er mich an. Als ich in seine wuterfüllten Augen blicke, erkenne ich ihn. Es ist Gale Hawthorne.