Es war also wirklich wahr. Gale ist am Leben und steht in Fleisch und Blut vor mir. Ein Erlebnis, auf das ich liebend gerne verzichtet hätte.
„Sieh sie dir an! Weil du so langsam warst, liegt Katniss jetzt hier am OP-Tisch, mit tausend Schläuchen und Kanülen in ihrem Körper! Praktisch tot!" schreit Gale mich an.
„Jetzt lass Peter in Ruhe!" fährt Johanna dazwischen. „Katniss hat sich aus freien Stücken dafür entschieden, bei ihm zu bleiben. Außerdem wäre sie ohne ihn schon lange tot!"
„Und jetzt? Jetzt ist sie vielleicht nicht tot, aber dafür hirngeschädigt. Ein Pflegefall! Glaubst du, das ist besser?" entgegnet Gale.
„Das ZX-5 sollte das verhindern", kontert Johanna.
„Sollte, sollte…wer weiß das schon?"
„Eben", meint Johanna.

Jemand tippt an meine Schulter. Es ist ein OP-Gehilfe.
„Ihr müsst jetzt alle hier raus! Wir operieren!" weist er uns barsch an.
„Wir sind ja schon weg!" entgegnet Gale schnippisch, und wendet sich ab. „Paragraphenreiter!"
Mit einem lauten Zischen schließt sich die Tür. Durch das Bullauge in der Mitte kann ich sehen, wie eine Reihe Leute in OP-Kleidung hektisch mit einer Reihe von Schläuchen an Katniss Körper hantiert. Mein Blick fällt auf einen großen Überwachungsmonitor. Sieht wie ein EKG aus. Der Schirm zeigt eine flache Linie, ein rotes Warnlicht blinkt grell im Sekundentakt. Einer der OP-Gehilfen hebt seinen Daumen. Ein weitere Gehilfe drückt ein paar Knöpfe auf einem Bedienpanel. Einer der Schläuche, der mit einer Kanüle in Katniss Bein verbunden ist, füllt sich mit dunkelrotem Blut.
„Jetzt spülen sie ihre Blutgefäße mit einer kalten, mit Sauerstoff angereicherten Lösung durch, um die Körpertemperatur rasch auf zehn Grad Celsius abzusenken", höre ich Boggs Stimme hinter mir. „Dann haben sie ungefähr eine Stunde Zeit zum operieren."

Ich drehe mich um.
Bis jetzt hatte ich noch keine Mühe verschwendet, mich in dem Raum näher umzusehen. Wir stehen in einer Art Vorraum zum OP, ohne Sicht nach außen. Beiderseits der Tür sind zwei Klappsitze angebracht, die ein wenig an die Sitze für die Flugbegleiter erinnern.
„Wir sollten jetzt alle nach vorne in den Passagierraum gehen", meint Boggs.
„Ich will aber lieber bei Katniss bleiben", entgegne ich.
„Du kannst jetzt nichts für sie tun. Wenn du willst, kannst du mit in den Kommandoraum gleich hintern Cockpit kommen. Dort kannst du die Operation per Video verfolgen, in einem ordentlichen Sitz."
„Na gut", willige ich ein, und werfe einen letzten Blick durch das Bullauge. Mittlerweile wurde ein ganzes Gewirr an Kabeln an Katniss Kopf angebracht. Vermutlich zur Hirnstrommessung. Ich versuche, Details am Überwachungsmonitor zu erspähen, doch Boggs packt mich unvermittelt am Kragen.
„Wir heben jeden Moment ab. Du musst dich jetzt hinsetzen und anschnallen!"

Widerwillig wende ich mich vom Bullauge ab. So sehr es mich innerlich schmerzt, Katniss in diesem Zustand zu sehen, fühle ich mich dabei immer noch besser, als sie einfach alleine zu lassen. Am liebsten würde ich neben ihr sitzen und ihre Hand halten, obwohl ich weiß, dass es am besten ist, die Ärzte ihre Arbeit machen zu lassen. Boggs Angebot mit dem Video klingt gut, dann sehe ich wenigstens genau, was passiert. Ich folge ihm durch die nächste Tür in den Passagierraum. Die Flüchtlinge und Soldaten haben bereits Platz genommen. Prim zupft mich im Vorbeigehen am Shirt.
„Wie geht es Katniss?"
„Sie hängt an der Maschine. Mehr weiß ich auch nicht!" entgegne ich rasch, ehe mich Boggs zum Weitergehen drängt. Der Passagierbereich wirkt wie eine Kreuzung aus einer Jumbojet-Kabine und dem Interieur eines klingonischen Bird of Prey. Viel Metall, winzige Fenster, und spärliche Beleuchtung. Einen Designpreis gibt es dafür nicht.

Wir passieren eine weitere Tür zu einem ebenfalls spärlich beleuchteten Raum. An beiden Seitenwänden sind große Konsolen mit Flachbildschirmen angebracht. Es erinnert mich ein wenig an die Kommandozentrale an Bord der Air Force One, nur eben um Lichtjahre moderner. Boggs deutet auf einen freien Platz auf der linken Seite des Raumes.
„Hier, setzt dich hin!"
Johanna und Gale nehmen auf der anderen Seite des Raumes Platz. Boggs setzt sich neben mich.
„Boarding abgeschlossen. Klar zum Abheben" tönt es aus einem Lautsprecher an der Decke.
Boggs setzt sich ein Headset auf und betätigt einen Knopf an der Konsole.
„Hier Commander Boggs. Von meiner Seite aus klar zum Start!"
„Roger. Start wird eingeleitet!" antwortet die Stimme aus dem Lautsprecher.

Ein leichtes Vibrieren geht durch das Hovercraft. Die Turbinen heulen kaum hörbar auf. Kein Wunder, bei dem Aufwand für die Gegenschall-Tarnanlage. Boggs schaltet seinen Bildschirm auf eine Außenkamera an der Rumpfspitze. Ein weiterer Tastendruck blendet eine Reihe von Flugdaten als Overlay ein. Vier Balkenanzeigen im unteren rechten Bildschirmbereich klettern rasch nach oben.
„Das ist die Schubanzeige der Schwebetriebwerke", erklärt Boggs.
Das Vibrieren wird stärker. Ich werde leicht in meinen Sitz gedrückt. Der Höhenmesser klettert nach oben. Wir schweben und gewinnen an Höhe. Mit einem leichten Rumpeln fahren die Landestützen ein. Vier weitere Balkenanzeigen klettern nach oben.
„Jetzt kommen die Haupttriebwerke ins Spiel", merkt Boggs an. Das Hovercraft nimmt Fahrt auf, und nimmt den Bug leicht nach oben. Die Beschleunigung drückt mich, weil ich quer zur Flugrichtung sitze, unbequem zur Seite. Als der Fahrtmesser 160 Knoten passiert, beginnt die Leistung der Schwebetriebwerke rasch zu fallen.

AUX AIR INTAKES CLOSING erscheint auf dem Display.
„Jetzt werden die Ansaugschächte der Schwebetriebwerke geschlossen", sagt Boggs. Der Fahrtmesser passiert 200 Knoten. Das Hovercraft geht in einen steileren Steigflug über, und dreht leicht nach rechts ab.
„Startphase abgeschlossen, Flugzeit bis Distrikt 13 beträgt 38 Minuten. Aktiviere Tarnmodus", verkündet der Pilot über Lautsprecher.

Jetzt sind wir so gut wie unsichtbar, sowohl optisch als auch für das Radar. Nur die Hitzefahne der Triebwerke könnte uns verraten – die einzige Schwachstelle der Tarnung. Bei aller Fortschrittlichkeit sind mir diese Hovercrafts immer noch ein wenig suspekt. Wahrscheinlich, weil es nur einen Reaktor als Energiequelle gibt, der alle Triebwerke mit Hitze versorgt. Fällt er aus, geht es nach unten, und das aufgrund der suboptimalen Aerodynamik recht schnell. Das ist auch der wahre Grund, weshalb die Reichweite der Hovercrafts offiziell nicht für Transatlantikflüge reicht. Können würden sie es schon, doch die Reaktoren sind alt, und machen im Dauerbetrieb gerne Probleme. Anscheinend fehlen Ersatzteile und Baupläne für manche Subsysteme, weshalb man sich bisweilen mit Bastellösungen behelfen muss, welche an der Zuverlässigkeit nagen. In Distrikt 13 werden die Hovercraft-Flüge auf ein Minimum beschränkt, die Piloten üben zum Großteil am Simulator.

Für einen Moment kann ich meine Sorge um Katniss verdrängen. Es ist wie bei Kate. Das einzige, was mir damals geholfen hatte, war Fliegen. Kaum waren die Räder wieder am Boden, kam die Verzweiflung zurück. Boggs Stimme holt mich aus meinem kurzen Tagtraum.

„Wenn du willst, schalte ich dir die Übertragung ein. Willst du den Ton auch haben?"
Ich nicke.
„Dann setzt dieses Headset auf", sagt Boggs und reicht mir die kombinierte Hör- und Sprechgarnitur. Auf dem Bildschirm erscheint eine Übersichtsaufnahme des OPs, mit Blick von der Decke direkt auf Katniss.
„Warte, ich zoom dir das ein wenig ran", meint Boggs, und betätigt einen kleinen Drehregler an der Konsole. Nun ist Katniss formatfüllend zu sehen. Aus den Ohrstöpseln sind leise die Stimmen der Ärzte und OP-Gehilfen zu hören. Am unteren Bildschirmrand erscheinen ein paar medizinische Daten. Herzfrequenz null, Körpertemperatur 20°C, irgendeine Durchflussrate oder so etwas Ähnliches, und zwei Timer. Einer zählt nach oben, und steht bei sechs Minuten und 22 Sekunden. Der andere ist auf 60 Minuten eingestellt, und steht noch still.

„Eine Stunde", sagt Boggs. „So lange haben sie nach dem Erreichen der Zieltemperatur Zeit, um bei still stehendem Blutkreislauf zu operieren. Während des Herunterkühlens wird dem Körper Sauerstoff zugeführt, was die Zeit praktisch zurücksetzt."
„Das ZX-5 müsste ihr doch eigentlich eher noch mehr Zeit geben", werfe ich ein.
„Schwer zu sagen. Die eine Stunde ist erprobt, und ich denke, das wird reichen." Boggs dreht sich zu Gale und Johanna um.
„So, jetzt senden wir mal die Aufnahmen an die Zentrale!"
Er holt den Datenträger aus seiner Brusttasche, schnallt sich los und reicht ihn Gale.
„Die Schnittliste müsste im Computer sein. Wir brauchen nur das Material nach dem Abschalten des AC TIE BUS, und nur die Kameras, wo was zu sehen ist. Also die ersten Minuten nach dem Abschalten das Cockpit und die Passagierkabine mit Breck, Finch und Peter, danach nur noch das Cockpit bis zum Drohnenangriff, während des Angriffs auch die Außenkamera, und dann das Cockpit bis zur Landung. Vergiss nicht, Breck kurz einzublenden, wie er nach vorne geht", weist Boggs Gale an.

Ich höre nur noch mit halbem Ohr hin. Der Arzt, der uns draußen empfangen hat und offenbar der Chef ist, hat gerade eben sorgenvoll seinen Kopf geschüttelt, nachdem ihm der für die Überwachung der Vitalfunktionen zuständige Kollege aufgeregt ein paar Messwerte am Bildschirm gezeigt hat.
„…noch nie gesehen…so eine niedrige metabolische Rate…muss das ZX-5 sein…hoffentlich springt sie uns überhaupt wieder an…15 Grad….Instrumente bereithalten…." schnappe ich einige Wortfetzen auf, unsicher, was sie für Katniss zu bedeuten haben. Doch der Gesichtsausdruck des Arztes sagt im Grunde alles. Hoffnungslos. Tränen steigen in meine Augen. Ist es das? Katniss Tod, auf einem OP-Tisch in einem Hovercraft? Allein, während ich das Ganze auf einem Bildschirm verfolge?

„Das ist doch alles eine Riesen-Scheiße!" fluche ich und schlage mit der Faust gegen die Konsole. „Ich sollte bei ihr sein, nicht hier in dieser blöden Kommandozentrale!"
„Ja, jetzt willst du ihre Hand halten!" entgegnet Gale schnippisch. „Vorher lässt du dich von ihr durch den halben Wald schleppen, dann muss sie als Schutzschild herhalten, und jetzt machst du dir Sorgen um sie? Etwas spät, meinst du nicht?"
„Da redet gerade der Richtige!" erwidere ich mit wütender Stimme. „Wer ist denn einfach so von heute auf morgen verschwunden? Du oder ich?"
Gale schnallt sich los und springt auf.
„Was weißt du schon? Glaubst du ernsthaft, ich wäre einfach so ab gehaut? Nein, es war ganz anders!"
„Ich höre", sage ich mit zynischem Tonfall.
„Boggs?" fragt Gale. Der Commander nickt. „Er darf es wissen."
„Ich war beim Jagen ziemlich weit draußen. Auf einmal standen ein paar Friedenswächter vor mir, das heißt, eigentlich waren es Rebellen, die sich als Friedenswächter verkleidet haben. Die standen bei so einem komischen Metallschrank mit vielen Kabeln drin rum. Sie haben gedroht, mich zu verpfeifen, wenn ich nicht mitkomme. Dann haben sie mich mit ihrem Gerede vom Umsturz eingelullt, und jetzt bin ich hier", erklärt Gale.

Stück für Stück setzt sich das Bild in meinem Kopf zusammen. Natürlich! Sie haben Gale aus dem Weg geräumt, damit ich bei Katniss freie Bahn habe. Mir die falsche Identität organisiert und dafür gesorgt, dass ich mich in Katniss verliebe. Aber wozu? Wohl kaum, weil sie Angst hatten, ich könnte in Distrikt 13 vereinsamen. Nein. Es musste einen anderen Grund geben. Der einzige, der mir spontan einfällt, wirft kein gutes Licht auf die Rebellen. Sie müssen von langer Hand geplant haben, dass Katniss und ich in den Hungerspielen dem Kapitol zeigen, wie man den Spielmachern die Kontrolle entreißt. Zwei arme Tribute aus Distrikt 12 übernehmen die Kontrolle. Ein ultimativer Akt der Rebellion. Und ich habe geglaubt, dass alles nur eine Reihe von Zufällen war! Sie haben dich benutzt. Sie haben alle benutzt, dich, Katniss und auch Gale. Wie Spielfiguren.

„Ihr verdammten Arschlöcher!" schreie ich Boggs an. „Ihr haltet euch wohl für besonders intelligent! Erzählt mir eine nette Geschichte nach der anderen, damit ich euch den Trottel spiele!"
„Peter…"beginnt Boggs. Ich unterbreche ihn.
„Ihr habt mich benutzt! Diese ganze DC-8 Geschichte! Versorgungsflüge! Pah! Dass ich nicht lache! Nur ein Köder, damit ich mitspiele. Wahrscheinlich hat Beetee die Maschinen nur deswegen besorgt, damit ich durch das Portal hierher komme! Ist es so?"
„Peter, das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt", versucht mich Boggs zu beschwichtigen.
„Nicht der richtige Zeitpunkt?" entgegne ich scharf. „Wann ist er dann? Morgen? Übermorgen? Am Sankt-Nimmerleins-Tag?"
„Also gut", sagt Boggs, und holt tief Luft. „Wir haben dir vielleicht nicht immer die ganze Wahrheit gesagt, aber so, wie du glaubst, war es nicht. Wir haben Gale nicht für dich aus dem Weg geschafft. Er ist im Wald auf eines unserer Teams gestoßen, das sich gerade Zugang zu einem Kabelverteiler für die Daten-Fernleitung zum Kapitol Zugang verschafft hat. Für Projekt Blackout. Wir konnten ihn mit dem Wissen nicht gehen lassen, also musste er mit. Sonst hätte er einen bedauerlichen Jagdunfall erleiden müssen, wenn du verstehst, was ich meine."

Ich wiege nachdenklich meinen Kopf. Was Boggs macht, ergibt Sinn. Ja, es ist genau genommen logischer, als mein Hirngespinst, dass die Rebellen Katniss und mich verkuppeln wollten und dafür alle Register gezogen haben.

„Dass du dich in Katniss verliebst, haben wir weder geplant noch in irgendeiner Form gefördert. Wir wollten nur, dass du ihr Vertrauen gewinnst, damit sie der Evakuierung zustimmt. Wir wussten von den Spielen, aber unsere Quellen haben sich beim Erntetermin vertan. Er wäre nach unseren Infos erst eine Woche später gewesen, und bis dahin wäre Projekt Blackout fertig auf Schiene gewesen. Die Spiele hätten nie stattgefunden. Aber Plutarch hat in weiser Voraussicht dafür gesorgt, dass die Arena so präpariert wurde, dass du und Katniss gewinnen können, und es für jede böse Überraschung der Spielmacher eine Lösung gibt", setzt Boggs fort.

„Plutarch? Der Spielmacher ist auf eurer Seite?" frage ich mit aufgerissenen Augen.
„Schon seit ein paar Jahren. Es war seine Idee, die ursprüngliche Arena zu zerstören, damit Seneca Crane den Hut nehmen muss. Als uns dann das Kapitol die DC-8 nach der Notlandung gekapert hat, hat Plutarch Präsident Snow so lange bearbeitet, bis er zugestimmt hat, daraus eine Arena zu machen. Sonst wäre es ein Fleck Wüste ohne Versteckmöglichkeiten geworden", antwortet Boggs.
„Und Projekt Blackout vorziehen war wohl keine Option, was?" entgegne ich mit zynischem Tonfall. „Da bauen wir lieber eine fliegenden Arena, als einfach ein paar Wochen früher ein Knöpfchen zu drücken!"
„Peter, so einfach ist es nicht. Damit der Blackout funktioniert, muss die gesamte Infrastruktur des Kapitols mit unserem Virus infiziert sein. Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, ist zu warten, bis alle Systeme das nächste routinemäßige Softwareupdate erhalten. Und das dauert, wenn nicht zufällig irgendein Sicherheitsproblem besteht. Außerdem musste wir warten, bis die Europäer mit ihrem Teil des Plans soweit sind."

Jetzt fügt sich alles schön langsam zusammen.
„Was für ein europäischer Teil des Plans?" frage ich rasch.
„Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen darf…aber gut, es geht dabei um unsere Rückversicherung für den Fall, dass das Kapitol das Virus findet und seine Systeme wieder in Gang bringt, bevor es kapituliert hat. Es handelt sich um drei Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, die so konstruiert sind, dass sie bei einer Detonation in der Ionosphäre einen maximalen elektromagnetischen Impuls erzeugen, der jegliche Elektronik des Kapitols verschmoren sollte. Dann sind die mit einem Schlag technologisch im Mittelalter", erklärt Boggs.
„Nukleare Sprengköpfe? Seid ihr verrückt?" entgegne ich aufgebracht. „Was ist, wenn das Kapitol die Raketen kommen sieht und seine eigenen Raketen startet? Wollt ihr einen Atomkrieg heraufbeschwören?"
„So weit kommt es nicht!", erwidert Boggs. „Wir haben eine Reihe von Antiraketen-Satelliten in verschiedenen Umlaufbahnen, die so platziert sind, dass zu jeder Zeit wenigstens drei Satelliten über Panem stehen. Peter, hast du schon mal was von Project Excalibur gehört?"
„Die Röntgenlaser-Satelliten von Ronald Reagan? Die mit einer Atombombe als Energiequelle?"
„Genau. Die haben das Projekt damals eingemottet, aber wir haben es mit unserer Technologie verfeinert und zur Einsatzreife gebracht. Ein Satellit kann bis zu fünfzig Sprengköpfe zerstören. Das Kapitol hat, wenn es hoch kommt, dreißig bis vierzig einsatzfähige Raketen", antwortet Boggs.

Ein paar Sekunden lang sitze ich schweigend mit offenem Mund da. Diese Rebellen haben viel mehr in der Hinterhand, als ich dachte. Das ist ein groß angelegter Umsturz. Das Kapitol wird gar nicht wissen, wie ihm geschieht. Und doch ist mir bei dem Gedanken an den Einsatz nuklearer Waffen, auch wenn sie im Weltraum detonieren, mehr als unwohl. Wenn daraus ein Krieg wird, dann möchte ich besser ganz weit weg sein. Ein diffuser Plan nimmt in meinem Kopf Gestalt an. Ich bleibe nicht in diesem Universum. Sobald Katniss auch nur einigermaßen laufen kann, hauen wir durch das Portal ab. Diese Leute sind doch verrückt! Nuklearwaffen!

„Zieltemperatur erreicht, zehn Grad", höre ich die Stimme des Arztes in meinem Headset. Auf dem Bildschirm sehe ich, wie er zum Skalpell greift. Aus Katniss Wunde an der rechten Seite quillt beständig die kalte Spülflüssigkeit.
„Auf mein Zeichen – Zirkulation stoppen!" befiehlt der Arzt. Dann beginnt er von drei rückwärts zu zählen.
„Zirkulation ist gestoppt, Timer läuft, ab jetzt sechzig Minuten!" verkündet der Techniker, der die Apparate bedient. Eine Stunde. Dann weiß ich, ob ich Katniss jemals lebend wiedersehe. Ich wende meinen Blick vom Bildschirm ab, weil ich den Anblick des leblosen, geschundenen Körpers nicht länger ertragen kann. Szenen der vergangenen halben Stunde geistern durch meinen Kopf. Der lange Weg zum Bunker. Mein verletztes Bein. Die Explosion. Katniss schmerzverzerrtes Gesicht. Die Bilder lassen meinen Tränen erneut fließen.
„Was habe ich dir nur angetan?" murmle ich halblaut.

Schweigend beobachte ich Gale und Johanna, wie sie mit dem Übertragen der Aufzeichnungen beginnen. Gale spricht kein Wort, ihm scheint die Sache mit Katniss auch nahe zu gehen, er zeigt es nur nicht so offen. Johanna legt ihren Arm um seine Schulter.
„Katniss wird es schon schaffen. Und wenn nicht, hast du immer noch mich", sagt Johanna.
„Spar dir deine Scherze!" entgegnet Gale gereizt.
Hast du immer noch mich? Was läuft da?
Ich bedeute Boggs herzukommen.
„Was ist da zwischen Johanna und Gale?" frage ich ihn leise.
„Die sind seit gut drei Monaten zusammen. Muss wohl ordentlich zwischen den beiden gefunkt haben", flüstert Boggs. „Die sind unser Dreamteam – Gale als angehender Hovercraft-Pilot, und Johanna als Waffenexpertin."

Dann ist Gale also aus dem Weg. Keine komplizierte Dreiecksgeschichte. Ich atme erleichtert auf, bis mir bewusst wird, wie absurd diese Gedanken momentan sind. Meine Katniss liegt klinisch tot im OP, und ich freue mich, dass ich freie Bahn bei ihr habe? Peter, du wirst langsam verrückt.

Plötzlich ändert sich das Triebwerksgeräusch leicht. Ich spüre, dass wir an Fahrt verlieren. Sind wir etwa schon da? Ein Gong hallt durch die Kabine.
„Wir haben leichte Instabilitäten im Reaktor. Wir mussten die Leistungsanforderung reduzieren. Die Flugzeit verlängert sich um etwa zehn bis fünfzehn Minuten", meldet der Pilot über Lautsprecher. Reaktor? Instabilitäten? Sitzen wir hier in einem fliegenden Tschernobyl? Als Pilot bin ich zwar in der Regel lieber in der Luft als am Boden, doch jetzt in diesem Moment würde ich alles dafür geben, um feste Erde unter meinen Füßen zu haben.

Als wäre das noch nicht genug, ertönt plötzlich eine Art Anrufsignal.
„Das kommt vom Oberkommando!" ruft Boggs erstaunt. „Von Coin persönlich!" Er drückt einen Knopf auf seiner Konsole. Am Bildschirm erscheint das Gesicht der Präsidentin.
„Schlechte Neuigkeiten, Commander", beginnt sie ohne Umschweife. „Das Kapitol hat eine massive Flotte von Hovercrafts in unsere Richtung gestartet. Sie befinden sich im Augenblick über Distrikt 10. Nach unseren Berechnungen erreichen sie uns in spätestens zweieinhalb Stunden, wahrscheinlich etwas früher. Wir erhalten gerade das Videomaterial und bringen es sofort auf Sendung!"
„Wir müssen Projekt Blackout starten!" entgegnet Boggs aufgebracht. „Wir können nicht länger warten!"
„Wir müssen das Material senden! Die Distrikte müssen die Botschaft mitbekommen!" erwidert Coin.
„Wie lange noch, bis wir alles übertragen haben?" fragt Boggs Gale.
„Etwa fünfzehn Minuten."
„Und wie viele Minuten umfasst das unbedingt nötige Material für einen brauchbaren Propo?"
„Ich sage mal, es müssten so an die zwanzig Minuten sein. Den Beginn der Spiele, die Rückeroberung des Cockpits, das Nachtriegel-Spiel, Brecks Erwachen, Cloves Tod und die Landung…ja, das kommt in etwa hin!"
„Präsidentin Coin, sie haben das gesamte Material in fünfzehn Minuten. Gale meint, man müsste in zwanzig Minuten alles Wesentliche unterbringen können. Ihr Schnitt-Team soll sofort beginnen!" spricht Boggs in sein Headset.

Coin überlegt kurz.
„Dann könnten wir wohl in einer guten Stunde auf Sendung sein. Plus zwanzig Minuten für die Übertragung, macht vierzig Minuten Reserve bis zum Eintreffen der Bomberflotte. Wir bringen Projekt Blackout in alarmbereiten Status, dann können wir den Befehl innerhalb weniger Sekunden senden. Und wir alarmieren die Europäer, damit sie ihre Raketen bereithalten. Coin Ende!

Der Krieg hat begonnen.