„Noch fünfzehn Minuten bis zur Landung!" verkündet der Pilot über Lautsprecher, und reißt mich aus dem Grübeln. Ich habe zwar nicht auf die Uhr geschaut, aber gefühlsmäßig hätten wir bei normaler Reisegeschwindigkeit schon so gut wie am Ziel sein müssen. Wenn das nicht diese Reaktor-Instabilitäten gewesen wären, die uns zu diesem Schneckentempo gezwungen haben. Manchmal ist technologischer Fortschritt nicht wirklich ein Schritt nach vorne, sondern eher nach hinten.

Boggs hat mir in der vergangenen halben Stunde die Hintergründe des ganzen Angriffsplans zu erklären versucht, nachdem ich ihn mit Fragen gelöchert habe, warum Europa so brav Gewehr bei Fuß steht, und warum die überhaupt mitmachen, wo doch Panem Europa nie bedroht hat. Anscheinend gab es irgendeinen Geheimplan des Kapitols, den Distrikt 13 in die Hände bekommen hat, indem ein Überraschungsangriff auf Europa geplant war, einerseits um eine mögliche Bedrohung von vorherein auszuschließen, und andererseits, um sich die russischen Kohlereserven zu sichern. Woher Distrikt 13 diesen Plan hatte, und wie er im Detail aussah, darüber hatte sich Boggs ausgeschwiegen. Frag Beetee, der kann dir das besser erklären, hatte er gemeint.

Im Wissen um diesen geheimen Angriffsplan habe man, so Boggs, Europa zum Mitmachen überredet. Damit, und mit einem eigenen Dimensionsportal, über das man dringend benötigte Rohstoffe und Waffen importieren konnte – mit einer Einschränkung: Die Steuerungssoftware braucht eine Verbindung zu Distrikt 13 für einige wichtige Berechnungsroutinen, die Distrikt 13 nicht aus der Hand gibt. So nach dem Motto, wenn ihr nicht mitspielt, drehen wir euch das Portal ab. Und tschüss, billiges Erdöl, und auf wiedersehen, russisches Erdgas aus meinem Universum. Und das Helium, welches in der Zukunft durch Erschöpfung der heliumreichen Erdgasvorkommen auf dem Gebiet der ehemaligen USA ebenfalls knapp und in Europa kaum zu bekommen war, aber für diverse technische Anlagen dringend gebraucht wurde, könnte sich Europa dann auch malen. Ade, wirtschaftlicher Aufschwung.

So ähnlich hat mir Boggs die Lage skizziert. Nun dröhnt mir der Schädel. Wenigstens haben die Ausführungen des Commanders meine Sorge um Katniss etwas verdrängen können. Ich versuche, bewusst nicht an die Deadline zu denken, die nun rasch näher rückt. Katniss Kreislauf steht nun bald eine Dreiviertelstunde lang still, und den Gesichtern der Leute im OP nach zu urteilen sieht es so aus, als könnte es knapp werden. Plötzlich höre ich, wie die pneumatisch betätigte Schiebetür zwischen Kommandozentrale und Passagierkabine sich öffnet. Ich drehe mich um. Boggs kommt, mit Breck im Schlepptau, durch die Tür. Der Junge hat einen dicken Verband am rechten Unterarm, wo Johanna ihm den Aufspürer rausgeschnitten hat, und wirkt noch etwas bleich im Gesicht.
„Ich habe ihn von der Krankenstation abgeholt", erklärt Boggs, „damit er nicht alleine dort rumsitzt. Ich dachte, die Kommandozentrale gefällt ihm bestimmt."

„Wie geht es dir?" frage ich Breck.
„Besser. Es tut kaum noch weh, und der Arzt meint, die Wunde wird gut verheilen. Aber eine Narbe wird mir wohl bleiben. Als Andenken", antwortet er.

„Tut mir leid, kleiner", wirft Johanna kühl ein. „Aber ich hatte keine Wahl, ich hoffe, du kannst mir das verzeihen!"
Breck macht eine abwehrende Handbewegung.
„Wenn es Katniss geholfen hat, kann ich damit leben. Die Arme hat viel mehr durchgemacht als ich. Was du gemacht hast, war richtig" sagt der Junge gefasst.

Breck kommt auf mich zu.
„Wie geht es Katniss? Mir wollten sie nichts sagen."
„Ich weiß es selber nicht so genau. Sie haben noch ungefähr 15 Minuten Zeit, um die Wunde an ihrer Leber zu flicken. Die anderen Verletzungen durch die Splitter sind nicht so schlimm, zumindest soweit ich das richtig verstanden habe. Die haben irgendwelche Nanobots darauf angesetzt, um die Wunden nach dem Entfernen der Splitter zu schließen", antworte ich, und werfe einen kurzen Blick auf den Bildschirm. So sehr mich Katniss Anblick quält, will ich doch wissen, wie es um sie bestellt ist. Momentan hängt sie in einer Art Gestell, damit ihr Rücken von unten frei liegt, und ein Roboterarm ist damit beschäftigt, die Bombensplitter einen nach dem anderen zu entfernen. Boggs hatte mir vorhin kurz das Bild der Roboterkamera auf den Monitor geholt, doch ich habe schnell verlangt, dass er es wegschaltet. Arme, arme Katniss.

Auf einmal kommt Bewegung ins Bild. Einer der OP-Gehilfen eilt zur Tür. Zwei Köpfe mit blondem Haar sind am Bildrand zu erkennen. Prim und Mrs. Everdeen! Was machen die im OP? Sie tragen beide sterile OP-Kleidung. Der Gehilfe redet auf sie ein und deutet mehrmals kopfschüttelnd auf den Monitor, der Katniss Vitalparameter überwacht. Das gefällt mir gar nicht! In einer Krankenhausserie wäre das jetzt der Moment, wo der Arzt sagt, dass man nichts mehr für den Patienten tun kann, und dass nun die Entscheidung bei den Angehörigen liegt, ob man die lebenserhaltenden Maschinen abstellen soll oder nicht. Ich springe auf.

„Peter, wo willst du hin?" ruft mir Boggs zu. „Wir landen gleich! Du kannst jetzt nicht rumlaufen!"
„Ist mir egal. Ich muss zu Katniss. Sofort!" entgegne ich, und eile zur Tür. Ein schmerzhafter Stich in meinem rechten Knöchel erinnert mich daran, dass schnelles Laufen momentan nicht drin ist. Verdammter Knöchel! Boggs schreit mir noch etwas nach, doch ich nehme es nicht mehr auf. Endlich erreiche ich den OP. Durch das Bullauge der Tür sehe ich Prim und Katniss Mutter, wie sie mit dem Arzt reden. Warum operiert der nicht? Spinnt der? Ich suche verzweifelt nach einem Türöffner. Ich hätte bei der Hovercraft-Einweisung besser aufpassen sollen! Ein Druckknopf rechts neben der Tür springt mir ins Auge. Ich betätige ihn. Der Knopf leuchtet rot auf, und eine synthetische Computerstimme sagt „Zutritt verweigert!".

„So ein Mist! Aufmachen! Sofort!" schreie ich, und trommle mit den Fäusten gegen die Tür. Der Arzt wirft mir einen kurzen Blick zu und fuchtelt mir dem erhobenen Zeigefinger herum, um mir klarzumachen, dass ich da nicht reinkomme. Was jetzt? Denk nach! Notentriegelung! Irgendwo muss es eine Notentriegelung geben, für den Fall, dass der Türantrieb versagt. Wie in einem Eisenbahnwaggon. Tatsächlich, in einer Nische etwas versteckt befindet sich ein rot markierter Handgriff hinter einer dünnen Glasscheiben. DOOR LOCK EMERGENCY RELEASE steht in Blockbuchstaben über dem Hebel geschrieben. Ich ziehe den Ärmel meines T-Shirts über den Ellbogen und schlage die Scheibe ein. Der Hebel ist schwergängig, und ich muss mich mit meinem vollen Gewicht darauf stützen, um ihn nach unten zu bugsieren. Mit einem lauten Klacken löst sich die Verriegelung, und die Tür springt einen Spalt weit auf. Eine ohrenbetäubende Alarmsirene ertönt. Wahrscheinlich eine Warnung, weil die Tür während einer laufenden Operation unbefugt geöffnet wurde. Mir egal. Ich drücke die beiden Türhälften mit aller Kraft auseinander. Der Arzt stürmt wild fuchtelnd auf mich zu.

„Du spinnst wohl!" schreit er mich an.
„Das gleiche könnte man von Ihnen behaupten!" entgegne ich scharf, und zwänge mich durch die halb geöffnete Tür.
„Stopp! Das ist ein Sterilraum! Wir operieren hier, du Idiot!" schimpft der Arzt.
„So sieht es aber nicht aus!" erwidere ich mit zynischem Tonfall. „Oder warum stehen sie dann hier und tratschen mit den beiden Damen da? Na?"
„Nicht frech werden, Bursche! Erzählt mir nicht, wie ich meine Arbeit machen soll! Mein Assistent kommt ganz gut ein paar Minuten ohne mich klar, weshalb ich Zeit habe, meine leidige Pflicht, welche die Information der näheren Angehörigen über die Risiken einer Fortführung der Behandlung der Patientin ist, zu tun. Außerdem bringt es sowieso nichts, bis wir die Leber soweit geflickt haben, dass wir den Kreislauf wiederherstellen können, ist die Stunde um. Deswegen habe ich Mrs Everdeen und die Kleine holen lassen, damit sie entscheiden, wie es weitergeht!"

„Wie es weitergeht? Sie beeilen sich gefälligst und sehen zu, dass sie es hinbekommen, bevor die Stunde um ist!" entgegne ich.
„Noch einmal – erklär mir nicht meine Arbeit! Wir brauchen mindestens zehn Minuten länger, und das ist eindeutig gegen die Vorschriften, die das Limit bei einer Stunde setzen. Keine Toleranz. Schließlich wollen wir hier keinen Dauerpflegefall fabrizieren", erwidert der Arzt ungehalten. Der wäre wohl am besten Pathologe geworden. Dr. House ist gegen den die Freundlichkeit in Person!
„Ich pfeife auf ihre Vorschriften!" schreie ich den Arzt an. „Es gibt immer eine Toleranz! Logisch betrachtet müsste ihr das ZX-5 mehr Zeit geben, und die können Sie nutzen!"
„Das hast du nicht zu entscheiden, oder bist du mit der Patientin verwandt?" entgegnet der Arzt.
„Verwandt nicht, aber…"
„Dann hast du kein Entscheidungsrecht. Mrs Everdeen, wie sollen wir weiter verfahren? Sollen wir weitermachen und riskieren, dass ihre Tochter mit schweren Hirnschäden aufwacht, oder sollen wir es hier gut sein lassen und abbrechen?"

Katniss Mutter setzt ein nachdenkliches Gesicht auf.
„Mutter, bitte, wir müssen es versuchen!" fleht Prim. „Katniss ist stark, sie schafft das. Und das ZX-5…"
„Machen Sie weiter!" fordert Mrs. Everdeen den Arzt auf. „Ich halte mich an das, was Peter sagt. Es gibt immer einen Spielraum!"
„Wie Sie meinen!", entgegnet der Arzt schnippisch. „Aber lassen Sie es sich gesagt sein – alles, was wir jetzt tun, geschieht auf Ihre Verantwortung! EPR über eine Stunde ist ein klarer Verstoß gegen die medizinische Lehrmeinung, weshalb wir für alle sich ergebenden Folgen in keinster Weise haftbar sind. Haben Sie das verstanden?"
Immer diese Rechtsbelehrungen! Können das die Amis nie ablegen?
„Halten Sie hier keine Volksreden! Sorgen Sie lieber dafür, dass Katniss durchkommt!" fahre ich den Arzt ungehalten an. Diesem Typen muss man mit gleichen Waffen kommen.
„Ich habe verstanden. Und jetzt machen sie bitte weiter!" fügt Mrs. Everdeen hinzu.
„Also gut", willigt der Arzt ein. „Aber jetzt alle unbefugten Personen raus, und bringt mir diesen Schlammassel mit der Notentriegelung in Ordnung!"

Bevor ich mich widerwillig umdrehe, werfe ich einen kurzen Blick auf Katniss Körper, der leblos in dem Gestell hängt. Ich müsste da jetzt drin hängen, nicht du. Jetzt wird mir klar, wie viel ich Katniss wohl bedeuten muss. Sie hätte sich problemlos in Sicherheit bringen können, aber sie war bei mir geblieben und hat ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt. Würde ich für sie das Gleiche tun? Kann ich mich für das, was sie für mich getan hat, überhaupt je revanchieren?

„Raus jetzt, alle!" fordert uns der Arzt mit Nachdruck auf. Ich zwinge mich, meinen Blick von Katniss abzuwenden, und trotte mit schleppenden Schritten zur Tür, nur um direkt Gale in die Arme zu laufen.
„Was war da drin eben los?" fragt er barsch.
„Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit mit dem Arzt", entgegne ich.
„Meinungsverschiedenheit? Was für eine Meinungsverschiedenheit?"
Gale packt mich am Arm.
„Raus damit!"
„Der Arzt hat gemeint, sie überschreiten das Zeitlimit für stillstehenden Kreislauf. Wir haben ihn überzeugt, es trotzdem zu versuchen. Ein klein wenig Toleranz…"
„Spar dir dieses Gerede! Katniss ist keine Maschine, wo man mal schauen kann, was sie so aushält und was nicht! Eines sage ich dir, wenn Katniss mit einem Hirnschaden aufwacht, dann wirst du deines Lebens nicht mehr froh, dafür sorge ich!" schreit Gale mich an.

„Du würdest sie also lieber sterben lassen? Nur weil so ein Paragrafenreiter meint, nach einer Stunde ist es aus? In solchen Angaben sind immer Sicherheitsspielräume!" entgegne ich.
„Katniss würde es nicht wollen, dass sie für den Rest ihres Lebens dahinvegetiert! Sie gehört in den Wald, in die Natur. Nicht in irgendein Krankenzimmer, wo sie dauernd an Maschinen hängt, oder in ein Irrenhaus. Sie würde lieber sterben, als so ein Leben zu führen!" erwidert Gale.
„Und du weißt natürlich ganz genau, was Katniss will. Hat sie dir etwa eine Patientenverfügung hinterlassen?"
Gale wirft mir einen hasserfüllten Blick zu.
„So etwas weiß man, wenn man jahrelang mit einem Menschen befreundet ist. Aber du kennst ja Katniss erst seit, lass mich raten, einen halben Jahr? Hast sie vielleicht eine Handvoll Mal gesehen? Nur weil sie dich in den Hungerspielen mal geküsst hat, weil du sie mit deinen Piloten-Nummern beeindruckt hast, brauchst du dir nicht einzubilden, sie zu kennen!" fährt er mich an.

„Schluss jetzt! Alle beide! Das bringt doch nichts!" unterbricht uns Katniss Mutter. So kenne ich sie gar nicht. Meistens sitzt sie nur still herum, und redet kaum.
„Keine Angst! Ich muss Peter nur auf den Boden der Realität zurückholen", entgegne Gale zynisch.
„Danke, aber ich denke, ich bin auf dem Boden der Realität! Wer schreit den hier herum?" erwidere ich.
„Das denke ich nicht! Du hast dich an meinen Platz neben Katniss gedrängt. Dich mit deinen Nahrungslieferungen bei ihr eingeschleimt. Und jetzt glaubst du, sie gehört dir!"
Daher weht der Wind also. Gale ist eifersüchtig auf mich.
„Dir gehört sie jedenfalls nicht! Oder warum hast du was mit Johanna angefangen?" ätzte ich.
„Spar dir deine blöden Kommentare! Von mir aus, werde glücklich mit Katniss! Aber pass auf, was du tust! Wenn du sie unglücklich machst, bereust du das, darauf kannst du Gift nehmen!"
Gale lässt meinem Arm los und verlässt wortlos den Raum.

„Normalerweise ist er nicht so", sagt Prim leise zu mir. „Er ist manchmal etwas launisch, aber dass er jemanden so anschreit…"
„Ist schon gut. Er ist nur eifersüchtig", entgegne ich.
„Nimm das nicht ernst, was er dir sagt. Katniss mag dich, das weiß ich. Sie hat den ganzen Herbst immer nur von dir geredet, wann du endlich wieder zu uns kommst. Darum ist sie auch bei dir geblieben und hat dich beschützt", sagt Prim sanft. Für ihr Alter wirkt sie auf einmal recht erwachsen.
„Wirklich? Sie hat von mir geredet?"
„Ja. Sie hat gemeint, sie würde gerne mit dir mitfliegen. Sie hat sich nur nicht getraut, dich zu fragen."
„Jetzt ist sie ja mit mir geflogen. Zwar nicht so, wie sie sich das vorgestellt hat, aber dafür mit jeder Menge Action. Und mit einem kurzen Überschallflug als Draufgabe", entgegne ich lächelnd. „Jetzt schulde ich Katniss wohl noch einen normalen Flug".

Wenn es je dazu kommt.

„Achtung! Wir sind im Landeanflug. Landung in wenigen Minuten. Alle Passagiere werden gebeten, ihre Plätze einzunehmen und sich anzuschnallen!" verkündet der Pilot über Lautsprecher. Ich will mich schon auf den Weg machen, als plötzlich ein Monitor neben einer Tür an der Seite des Raumes aufflackert. Neugierig gehe ich auf ihn zu.
„Hier spricht Dr. Barker. Ich habe eine kurze Information betreffend den Gesundheitszustand der Tributin mit der Kopfverletzung!"
„Fahren Sie fort, ich höre", fordere ich den Arzt, dessen Gesicht in Nahaufnahme auf dem Bildschirm zu sehen ist, auf.
„Du musst den Sprechknopf da drücken!" belehrt mich Gale trocken. „Sonst hört er dich nicht!"
Ich drücke den Knopf.
„Fahren Sie fort."
„Wir konnten die Blutung, welche den erhöhten Hirndruck verursachte lokalisieren und stillen. Aktuell versorgen wir die Wunde. Das Mädchen wird voraussichtlich keine bleibenden Schäden davontragen. Sagen Sie dem Sanitäter, seine Entscheidung zur medikamentösen Hirndrucksenkung war richtig. Sonst hätte sie es wohl kaum geschafft. Barker Ende."
„Mach ich", antworte ich.

Der Bildschirm wird dunkel.
„Ihr habt den Piloten gehört!" ruft Gale. „Wir müssen auf unsere Plätze. Das gilt auch für dich, Peter!"
Seufzend trotte ich in Richtung der Tür zur Passagierkabine. Ein leichter Ruck geht durch das Hovercraft. Vermutlich eine Turbulenz. Die automatische Stabilitätskontrolle steuert rasch und präzise dagegen, sodass sich die Fluglage sofort von selbst stabilisiert. Verwöhnt, diese Piloten, denke ich. In meiner DC-8 gibt es solchen Schnickschnack nicht. Anders als diese fliegende aerodynamische Katastrophe braucht sie auch keine automatische Stabilitätskontrolle. Beetee hat mir einmal erklärt, dass ein Hovercraft bei einem Totalausfall aller Steuerungscomputer so gut wie unkontrollierbar wäre, weil es keine natürliche, positive Flugstabilität hat. Wie ein Kampfjet in meinem Universum, der auch nur dank Computern steuerbar ist.

„Da seid ihr ja endlich!" ruft uns Boggs zu, als Gale und ich die Kommandozentrale betreten. Mrs Everdeen und Finch haben, so wie inzwischen auch Breck, in der Passagierkabine Platz genommen.
„Was war da hinten los?" hackt Boggs nach.
„Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit mit Dr. House und einem Patientenanwalt namens Gale", sage ich mit einem Hauch Sarkasmus.
„Dr. House? Ich dachte, der Arzt, der Katniss operiert, heißt Turner?" fragt Boggs skeptisch. Er kann natürlich nicht wissen, wer Dr. House ist!
„Ich hätte schwören können, er heißt House. Aber egal", entgegne ich, bemüht, meine Referenz auf eine TV-Serie des 21. Jahrhunderts unentdeckt entkommen zu lassen.
„Kleine Meinungsverschiedenheit ist gut", murmelt Gale, und nimmt auf seinem Sessel Platz.

„Landung in einer Minute, leiten Bremsmanöver ein!" verkündet der Pilot. Das ging ja schnell. Boggs schaltet die Außenkamera und die Einblendung der Flugdaten auf meinen Monitor. Die Fahrt ist auf 200 Knoten gefallen, und nimmt nun rasch ab, als der Pilot die Marschtriebwerke auf Leerlauf drosselt und die Nase des Hovercrafts nach oben nimmt. AUX AIR INTAKES OPENING erscheint am Bildschirm, und die Schubanzeigen der Schwebetriebwerke klettern langsam nach oben. Die Bremswirkung nimmt zu, das Hovercraft rüttelt leicht, wie eine DC-8 mit im Flug ausgefahrener Schubumkehr. Der Landeplatz liegt weniger als eine Meile vor uns. Es ist nicht die Airbase von Distrikt 13, von der aus auch die DC-8s starten. Stattdessen fliegen wir auf ein großes, dunkles Loch im Boden zu. Natürlich! Die unterirdische Landezone der ehemaligen Bunkeranlage, in der tief unter der Erde das Dimensionsportal installiert ist. Einmal geschlossen, ist der Eingang weder vom Boden noch von der Luft aus zu entdecken. Eine unterirdische Eisenbahn transportiert Güter, welche durch das Portal importiert werden, nach Distrikt 13, vorbei an den Augen potentieller Spione des Kapitols.

„Wir dachten, es ist sicherer, hierher zu fliegen, für den Fall, dass das Kapitol Distrikt 13 angreifen sollte. Falls nötig, können wir euch von hier durch das Portal evakuieren", merkt Boggs auf meinen fragenden Blick an. Das dunkle Loch befindet sich nun fast unter uns, die Vorwärtsgeschwindigkeit des Hovercrafts hat sich auf Schritttempo verlangsamt. Gefühlvoll senkt der Pilot das Fluggerät in das Loch hinab.
„Tarnung deaktiviert", verkündet er, und setzt den Sinkflug fort. Kaum haben wir den Rand des Loches passiert, beginnt sich die riesige Abdeckung bereits zu schließen. Der Radarhöhenmesser zeigt 30 Fuß an, dann 20, dann 10. Ein paar kleine Korrekturen später setzt das Hovercraft sanft auf. Die Triebwerke verstummen.

„Alle Motoren aus, Reaktor auf Standby, erwarten Umschaltung auf externe Energieversorgung", meldet der Pilot. Die Kabinenbeleuchtung flackert kurz.
„Umschaltung auf externe Energieversorgung abgeschlossen, Reaktorabschaltung und Nachkühlung des Wärmeüberträgers eingeleitet. Freigabe zum Türöffnen und Aussteigen in Kürze!"

„Wie geht es jetzt weiter?" frage ich Boggs.
„Sie werden die Passagiere aussteigen lassen und in den Gästequartieren unterbringen. Katniss wird vermutlich an Bord im OP bleiben, ich denke, eine Verlegung in die Krankenstation der Basis ist erst möglich, wenn ihr Kreislauf stabil ist. Und das kann dauern."
„Dann bleibe ich hier an Bord. Ich muss aufpassen, dass Dr. House, oder Dr. Turner, wie er auch immer heißt, nicht vorschnell den Stecker zieht", entgegne ich.
„Wie du willst", meint Boggs. „Soll ich dir was zu essen und zu trinken bringen lassen? Du musst hungrig sein!"
„Meinetwegen. Ich warte im Vorraum des OPs", antworte ich, und erhebe mich aus meinem Sitz.

„Maschine gesichert, Freigabe zum Türöffnen und Aussteigen erteilt. OP-Betrieb bleibt bis auf weiteres aufrecht, Backup-Stromversorgung ist angeschlossen!" verkündet der Pilot. Eines muss man den Leuten von Distrikt 13 lassen – diese Durchsagen sind um ein Vielfaches informativer als jene, die sonst in Passagiermaschinen üblich sind. Nur dass das hier keine Passagiermaschine, sondern ein fliegendes Militärspital ist.

„Wo gehst du hin?" fragt mich Prim, als ich durch die Kabine nach hinten humple.
„Zum OP. Ich muss aufpassen, dass der Arzt keinen Unfug macht!"
„Dann komme ich mit", antwortet Prim bestimmt, und folgt mir zusammen mit ihrer Mutter. Als wir den OP erreichen, werfe ich sofort einen Blick durch das Bullauge. Eine orange blinkende Countdown-Anzeige auf einem Bildschirm springt mit ins Auge. Noch 6 Minuten und 23 Sekunden bis zum Ablauf der Stundenfrist. Ich spüre, wie mein Herz schneller zu schlagen beginnt, und meine Handflächen feucht werden.