Ein grelles, rotes Warnlicht auf der Oberseite des Monitors mit Katniss Vitalparametern leuchtet auf. Die Zeitanzeige zeigt 00:00 und blinkt rot. Die 60-Minuten-Frist ist um. Der Arzt würde, wenn er streng nach Dienstvorschrift handeln würde, an dieser Stelle abbrechen. Deutlich ist der Widerwillen in seiner Miene zu erkennen. Typisch Distrikt 13. Die Vorschriften sind heilig, ganz gleich, wie bescheuert sie auch sein mögen! Für mich ist es ein ständiger Krampf gewesen, mich dem streng reglementierten Tagesablauf zu unterwerfen. Ich habe nichts gegen eine vernünftige Zeiteinteilung, aber welchen Sinn macht es, an einem freien Tag um sieben Uhr morgens aufzustehen und sich um Punkt acht zum Frühstück einzufinden, bei dessen Anblick jeder Anflug von guter Laune sowieso dahin ist?

Ein leichtes Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich mich erinnere, wie ich mit dem einen oder anderen Verstoß ganz gut davongekommen bin. Weil sie mich brauchten. Sonst hätte ich spätestens nach der Aktion mit dem Antibiotikum für Prim ein paar Peitschenhiebe kassiert. Boggs hat damals interveniert und darauf verwiesen, dass es unklug wäre, den besten Piloten des ganzen DC-8 Programms wochenlang außer Gefecht zu setzen. Zum Glück war Coin darauf eingegangen!

Die Anzeige zeigt minus fünf Minuten an, und das Blinken des roten Warnlichts holt mich aus meinen Gedanken unsanft heraus. Es gibt einen Spielraum. Das ZX-5 gibt Katniss mehr Zeit, versuche ich mich zu beruhigen. Aber was, wenn Gale Recht hat? Wenn Katniss Gehirn unheilbar geschädigt wurde? Kann ich damit leben, sie zu so einem Leben verdammt zu haben? Hoffentlich werde ich mich der Antwort auf diese Frage nie stellen müssen.

„Sie schafft das schon", spricht Prim mit sanfter Stimme, und drückt meine Hand.
„Katniss muss es schaffen! Sonst…"
„Mach dir keine Vorwürfe, Peter!" entgegnet die Kleine. „Du hast getan, was du nur tun konntest. Ohne dich wäre Katniss längst tot!"
„Vielleicht hast du Recht", erwidere ich kraftlos.

Acht Minuten über der Frist. Plötzlich kommt Bewegung in den OP. Der Techniker hantiert hektisch an seiner Konsole herum. Einer der Schläuche, der zu Katniss Oberschenkel führt, füllt sich mit dunkelrotem Blut. Anscheinend sind sie jetzt dabei, ihrem normalen Blutkreislauf wiederherzustellen. Nach einer Weile färbt sich auch der zweite Schlauch rot. Die Uhr stopp bei minus neun Minuten und zwölf Sekunden. Der Arzt atmet sichtlich erleichtert auf, und bedeutetem dem Techniker neben dem Monitor, auf irgendetwas acht zu geben. Sein Assistent ist noch immer an Katniss Körper beschäftigt. Dem Blick nach zu urteilen, scheint seine Tätigkeit nur noch Routine zu sein.

Dr. Turner, oder wie er heißt, verschwindet in einem kleinen Nebenraum. Plötzlich öffnet sich die zweite Tür im Warteraum. Es ist Turner.
„Wir haben ihren Blutkreislauf soeben wiederhergestellt. Neun Minuten über der Zeit", verkündet er emotionslos, wie ein Kassierer im Supermarkt, der einem sagt, wie viel man zu bezahlen hat.
„Und? Wird sie es schaffen?" fragt Prim aufgeregt.
„Dafür ist es noch zu früh. Jetzt wärmen wir die Patientin mal auf, das dauert ein paar Stunden. Wir müssen langsam vorgehen, sonst riskieren wir Zellschäden", erklärt der Arzt. „Wenn wir sie nicht schon produziert haben", fügt er trocken hinzu, und marschiert schnellen Schrittes wieder Richtung Tür, ohne irgendwelche Höflichkeitsfloskeln oder Vergleichbares über die Lippen zu bringen. Ein guter Pathologe wäre der, eindeutig!

Ich setzte mich auf eine der Sitze im Warteraum. In den vergangenen Minuten habe ich meinen schmerzenden Knöchel fast vergessen, doch jetzt meldet er sich wieder zurück. Dazu kommt ein Brennen auf meiner Stirn und den Unterarmen, die deutlich gerötet sind. Das Feuer, erinnere ich mich, und muss sofort an Katniss denken, die es mit dem Lötbrenner viel schlimmer erwischt hat, und trotzdem nicht gejammert hat. Ich muss ihr wirklich viel bedeuten, sonst hätte sie mich wohl im Wald zurückgelassen, und wäre allein zum sicheren Bunker gelaufen. Dann würde sie jetzt nicht leblos in diesem OP liegen.

Ich spüre, wie mir die Tränen kommen, und schließe kurz meine Augen. Die Erschöpfung der vergangenen Stunden macht sich allmählich bemerkbar. Wenn ich jetzt ein wenig schlafen könnte…einfach, um von all dem nichts mehr mitzubekommen und ein paar Tage später aufzuwachen, wenn alles wieder in Ordnung ist.

Ein lautes Zischen reißt mich wieder hoch. Die Tür mit der Aufschrift OR-2 öffnet sich. Fast erwarte ich wieder diesen Dr. House – Abklatsch, doch stattdessen betritt ein junger Mann den Raum. Er sieht eher wie ein Pfleger, nicht wie ein Arzt aus.
„Peter?" ruft er fragend.
„Ja?"
„Ich soll dich in die Ambulanz bringen, wegen deinem Knöchel. Dr. Bradley will einen Blick darauf werfen!"
Wer zum Teufel ist Dr. Bradley?
„Ich würde lieber noch eine Weile hier bleiben, auf Katniss aufpassen, wenn Sie verstehen", entgegne ich müde.
„Du kannst hier nichts für sie tun. Die Ambulanz ist gleich nebenan, und wenn du möchtest, schalte ich dir die Videoübertragung aus dem OP auf den Bildschirm", erwidert der Mann.
„Geh nur", meint Prim. „Meine Mutter und ich können gut allein aufpassen, dass dieser unfreundliche Arzt keinen Unsinn macht!"

„Dr. Turner?" fragt der Mann und setzt ein wissendes Lächeln auf. „Der ist immer so. Guter Arzt, aber mit einer ausgeprägten Angst vor Vorschriftsmissachtungen und Klagen. Leider eine absolute Null im Umgang mit Patienten. Wir scherzen immer, er soll auf die Pathologie wechseln, da muss er mit keinem reden."
„Na gut, wenn es sein muss", seufze ich und erhebe mich aus dem Sitz. Ein Stich fährt durch meinen Knöchel.
„Siehst du, es wird Zeit, dass das ordnungsgemäß versorgt wird", meint der Pfleger.

Ich folge ihm durch die Tür. Anstelle eines Operationssaals, wie ich ihn aufgrund der Aufschrift vermutet hätte, befindet sich dahinter eine Art Flur mit zwei Türen. Auf einer steht noch einmal OR-2, auf der anderen AMB.
„Die Beschriftungen sind noch nicht ganz up to date. Wir haben kürzlich eine neue Tür bekommen, und der Techniker hatte keine passenden Schablonen für AMB", erklärt der junge Mann auf meinen fragenden Blick.
„So, jetzt geht es runter ins Unterdeck!"
Hinter der offenen Tür befindet sich eine Metalltreppe, die etwa zwei Meter in die Tiefe führt.
„Unterdeck?" frage ich erstaunt.
„Natürlich! Das hier ist ein fliegendes Krankenhaus, und mit dem ganzen Platz, den die beiden OPs wegnehmen, und dem Passagierraum brauchen wir natürlich auch Raum für eine Ambulanz, wo wir leichter verletzte Patienten versorgen können. Dieses Hovercraft Modell ist von Haus aus mit zwei Ebenen ausgestattet, also lag es nahe, das Unterdeck für die Ambulanz und für die bildgebende Diagnostik zu verwenden!"
„Und wie bringt ihr die Leute aus dem OP da runter, wenn ihr ein Röntgen braucht? Das ist doch unpraktisch!" entgegne ich.
„Keineswegs! In den OPs gibt es einen Bettenlift, da fährt man ganz bequem einfach runter. Aber nachdem wir da nicht einfach reinspazieren können, müssen wir die Treppe nehmen", meint der Pfleger.

Vorsichtig setzte ich mein rechtes Bein auf die erste Stufe, und klammere mich an Handlauf fest. Das letzte, was ich jetzt brauchen kann, ist ein Sturz über die Treppe. Stufe für Stufe arbeite ich mich nach unten vor. Wenn die nicht so mit der Beleuchtung sparen würden! Haben einen Fusionsreaktor, und sparen dann beim Licht. Unglaublich!
Die Treppe führt in einen weiteren kleinen Vorraum. Der Mann deutet auf eine Tür mit der Aufschrift AMBULANCE ENTRY.
„Hier gehören wir rein", sagt er, und öffnet die Tür. Grelles Licht blendet meine Augen. Da haben sie also die ganzen hellen Lampen. Hat wohl für eine ordentliche Flurbeleuchtung nicht mehr gereicht.
Ein groß gewachsener, hagerer Mann mittleren Alters mit schwarzen, kurz geschnittenen Haaren kommt mir entgegen.
„Ich bin Dr. Bradley", stellt er sich vor.
„Peter", erwidere ich, und reiche ihm meine Hand.
„Dann wollen wir uns deinen Knöchel mal ansehen", meint Dr. Bradley, und führt mich zu einem Apparat, der wie ein Röntgengerät aussieht.

Der Pfleger reicht mir eine Bleischürze.
„Leg die hier an. Wegen der Strahlung! Dann leg dich auf den Tisch hier", weist mich der Pfleger an.
Der Arzt richtet das Röntgengerät auf mein Bein aus, und verschwindet dann mit dem Pfleger in einer kleinen Kabine am Rand des Raumes.
„Jetzt nicht bewegen!" ruft er mir über Lautsprecher zu. „Danke, das war es, du kannst wieder aufstehen."

Langsam humple ich in Richtung der Kabine.
„Ist nicht gebrochen", meint Dr. Bradley. „Nur ordentlich verstaucht. Du bekommst jetzt eine Injektion, dann hast du die Sache in spätestens zwei Tagen hinter dir."
Das scheint ja hier schnell zu gehen. Bei allen Bekannten, denen beim Sport so etwas passiert ist, hat sich das tage- und wochenlang hingezogen.
Dr. Bradley bedeutet mir, ihm zu einer Krankenliege zu folgen. Dann beginnt er, eine beängstigend große Spritze mit einer gelblichen Lösung aufzuziehen.
„Das Mittel, was ich dir gleich rund um den Knöchel spritzen werde, reduziert die Schwellung und beschleunigt die Heilung. Es kann ein wenig brennen, aber das geht vorbei", sagt der Arzt mit ruhiger Stimme.
Dann kann es ja nicht so schlimm sein.
Der Stich ist noch erträglich. Es folgt ein leichtes Brennen, unangenehm, aber noch auszuhalten. Doch kaum hat der Arzt die Spritze herausgezogen, beginnt mein Knöchel wie Feuer zu brennen.
„Ein wenig brennen? Das brennt wie die Hölle!" fluche ich.
„Kein Angst, das ist in einer oder zwei Stunden vorbei", versucht mich Dr. Bradley zu beruhigen.
„Eine oder zwei Stunden! Das hätten Sie mir aber schon vorher sagen können!"
„Dann hättest du sicher nein gesagt."

„Und ob ich das hätte! Zumindest hätte ich darauf bestanden, dass Sie mir vorher ein Schmerzmittel geben und nachher dieses Teufelszeug!" entgegne ich mit schmerzverzerrtem Gesicht.
„Tut mir Leid, Anordnung von Präsidentin Coin höchstpersönlich. Du sollst in der minimal möglichen Zeit flugtauglich gemacht werden, und das geht nur auf diese Weise. Ohne Heilungsbeschleunigung würde es zu lange dauern. Sei froh, dass wir mittlerweile ein besseres Verfahren haben als vor ein paar Jahren. Da hätte es tagelang wehgetan. Leider ist auch das neue Verfahren wegen möglicher Wechselwirkungen nicht mit Schmerzmitteln kombinierbar", erwidert der Arzt.
„Schön langsam gehen mir diese dauernden Anweisungen von Präsidentin Coin auf den Sack! Die soll mal die Leute zur Abwechslung vorher fragen, was sie davon halten, nicht einfach drüberfahren. Ich komme mir vor wie in Russland, unter Stalin!" fluche ich lautstark. Wenn ich Schmerzen habe, bin ich leicht reizbar. Oder unleidlich, wie manche Kollegen bei Fedex gemeint haben.

„Russland? Ich dachte, dort gibt es nur noch ein paar Bauern, nach diesem Meteoriteneinschlag vor gut 100 Jahren?" fragt der Arzt erstaunt.
„Das war nur eine historische Anmerkung, wie es vor ein paar hundert Jahren ins Russland gewesen sein soll. Habe ich mal wo gelesen", antworte ich schnell, um mir unangenehme Nachfragen über etwas, worüber ich nicht sprechen darf, zu ersparen.
„Ach so! Ich wusste nicht, dass wir hier einen Nachwuchs-Historiker haben!" scherzt Dr. Bradley. Situation entschärft.
„Ich lege dir noch schnell einen Stützverband an. Du musst dann noch die nächstens zwei Stunden zur Beobachtung hierbleiben, dann kannst du gehen", fügt er hinzu.
„Ich muss hierbleiben? Aber Katniss!" entgegne ich aufgebracht.
„Keine Sorge! Du kannst sie auf dem Monitor beobachten. Warte!"
Dr. Bradley zieht einen Bildschirm auf einem Schwenkarm direkt über meine Liege. Das Bild der OP-Kamera erscheint.
„Hier, bitte. Mit dieser Fernbedienung kannst du die einzelnen Kameras durchschalten", erklärt der Arzt und reicht mir ein kompaktes, flaches rechteckiges Ding, das ein wenig wie ein großer PDA aussieht und mit einem Touchscreen ausgestattet ist.
Ich bedanke mich und nehme die Fernbedienung in die Hand.

An Katniss Situation scheint sich wenig geändert zu haben. Der Dateneinblendung zur Folge ist ihre Körpertemperatur auf 14 Grad angestiegen, doch ihr Herz steht weiterhin still.
„Vor 20 Grad tut sich meistens nichts. Manchmal dauert es bis 30", erklärt Dr. Bradley. „Ich habe gehört, dass Katniss ZX-5 bekommen hat. Das wird den ganzen Ablauf etwas verzögern. Zumindest in dem Tierversuch, den wir mal damit gemacht haben, war das so. Aber ihre Chancen, das unbeschadet zu überstehen, sind durch das Mittel wesentlich größer. Auch wenn unser netter Dr. Turner das nicht so sieht."
„Ja, ja, der gute Dr. Turner. Ich hatte schon das Vergnügen", entgegne ich sarkastisch.
„Dann muss ich ja dazu nicht mehr viel sagen", meint Dr. Bradley mit einem wissenden Lächeln.

Plötzlich öffnet sich die Zugangstür zur Ambulanz. Johanna kommt mit keuchendem Atem hereingestürmt.
„Ich habe dich überall gesucht, Peter!" ruft sie atemlos. „Du bist im Fernsehen, und wir haben uns gedacht, du möchtest das vielleicht sehen!"
„Und deswegen rennst du wie eine Verrückte durch das ganze Hovercraft?" frage ich.
„Nicht nur durch das Hovercraft! Ich bin von der Kommandozentrale hierher gelaufen. Eigentlich hätten sie Gale schicken wollen, aber nachdem ihr beide euch ja nicht so besonders miteinander vertragt..."
„Schon gut!" wehre ich ab. „Wo kann ich umschalten?"
So sehr es mir eigentlich widerstrebt, mir meine Hungerspiele im Fernsehen anzusehen, will ich irgendwie doch wissen, was die Leute in Distrikt 13 aus dem Material zusammengebastelt haben.

„Hier! Drück einfach auf TV, dann kommt der landesweite Kanal", sagt Dr. Bradley. Schon erscheint ein Bild des Cockpits auf dem Monitor. Ich ziehe gerade die Schubumkehrhebel zurück, und trage eine Sauerstoffmaske, also muss es kurz nach dem Beginn sein, wo Katniss und ich uns im Cockpit verschanzt haben. Katniss Sauerstoffmaskenprobleme haben sie dezent weggelassen, das Gerede nach dem Abfangen aus dem Sinkflug ist ebenfalls stark gekürzt. Eine mir unbekannte männliche Stimme kommentiert das Geschehen.

Katniss quicklebendig zu sehen, fühlt sich in diesem Moment etwas unwirklich an. Plötzlich kommt Bewegung ins Bild. Es ist Clove, die mir einen ordentlichen Schlag auf den Kopf versetzt, und danach blitzartig alle vier Feuerhebel zieht. Als die Kamera in Großaufnahme zeigt, wie Clove Katniss Arm mit dem Lötbrenner malträtiert, krampft sich mein Magen zusammen. Warum musste die arme Katniss seit Beginn der Spiele alles einstecken? Es ist, als hätte sie das Pech gepachtet gehabt! Cloves Überwältigung haben sie, wie nichts anders zu erwarten, ordentlich ausgeschlachtet, und sie aus allen möglichen Blickwinkeln gezeigt. Wohl um klarzustellen, dass auch jemand aus Distrikt 12 einen Karriero überwältigen kann. Der Kommentator erwähnt mit vor Pathos triefender Stimme die moralisch hoch lobenswerte Entscheidung, Clove eine Chance zu geben, auf die richtige Seite zu wechseln, und sie nicht einfach kaltblütig zu töten.

Mein Wutausbruch und das Aussperren aus dem Cockpit wird hingegen nur kurz angeschnitten, die Szene, wo ich mich vor lauter Verzweiflung betrinke, ist gottseidank der Filmschere zum Opfer gefallen. Da habe ich echt die Kontrolle verloren, worauf ich nichts stolz bin. Dafür bekommt der Sturm von Breck, Finch und mir aufs Cockpit wieder jede Menge Raum. Anhand der Aufnahmen der außen am Flugzeug angebrachten Kameras kann ich erkennen, wie schlecht das Wetter wirklich war, und wie sehr sich die Tragflächen in den Turbulenzen auf und ab gebogen haben. Als die Szene mit dem Durchstarten kommt, halte ich den Atem an. Puh, das war echt knapp!

Weiter geht es mit dem Nachtriegel-Spiel. Katniss wirkt in der gekonnt geschnittenen Fassung beinahe noch tapferer und selbstloser, als es mir an Bord vorgekommen ist, als sie die Beeren an Brecks Stelle schlucken wollte. Da ich weiß, was als nächstes kommt, verengt sich mein Hals. In Großaufnahme ist Marina zu sehen, wie sie von der Mikrowellen-Höllenmaschine bei lebendigem Leib gekocht wird. Mit Grauen wende ich meinen Blick ab, und halte mir die Ohren zu, um ihre Schreie nicht hören zu müssen. Ich hoffe, Breck muss sich das nicht ansehen! Schließlich endet die grausige Szene, und ich bin wieder im Bild zu sehen, wie sich den AC TIE BUS abschalte. Leider zu spät. Die Kamera wechselt auf Breck, der neben seiner toten Partnerin kniet. Schluchzend schluckt er die Beeren.

Anscheinend wollen die Macher des Zusammenschnitts ordentlich auf die Tränendrüse drücken, denn die Szene mit meinen Wiederbelebungsversuchen haben sie fast in voller Länge drin gelassen. Dann der Wendepunkt, als Finch allein mit Breck zurückbleibt und ihm das Gegenmittel verabreicht. Der Kommentator erklärt in einfachen Worten, was es damit auf sich hat. Als der Drohnenangriff kommt, spüre ich fast ein wenig Vorfreude. Du kannst ruhig stolz auf deine akrobatische Einlage sein! So was traut sich keiner so schnell mit einer DC-8!

In einer Außenansicht ist zu sehen, wie das erste Flare abgeschossen wird. Die Rakete, erkennbar an ihrem Abgasstrahl, macht einen Bogen auf die Leuchtkugel zu, und detoniert mit einem grellen Lichtblitz hinter der Maschine. Die Perspektive wechselt ins Cockpit, am unteren Bildschirmrand werden Machzahl, Höhe und G-Belastung angezeigt. Der Kommentator erklärt, dass die DC-8 kurz Überschallgeschwindigkeit erreicht hat, und erwähnt kurz die Probleme mit der Steuerung, lässt aber die eigentliche Erklärung dafür außen vor. Kein Wunder, wer weiß unter den Zuschauern schon etwas Aerodynamik! Cloves Überraschungsangriff wird eher kurz zusammengefasst, Brecks Gegenschlag dafür wieder richtig ausgeschlachtet, und es ist auch Katniss eine Weile zu sehen, wie sie die Maschine nach meinen Anweisungen fliegt. So wie sie sich anstellt, hat sie wirklich Gefühl fürs Fliegen. Ein paar Stunden im Simulator, und ich traue ihr bei gutem Wetter zu, eine DC-8 zu landen, wenn jemand sie „herunterbetet". Aber damit es dazu kommen kann, muss sie erst einmal wieder aufwachen. Meine Augen werden feucht. Katniss muss überleben!

Der Zusammenschnitt endet mit der Landung in Distrikt 12. Danach waren die Kameras abgeschaltet, also gibt es kein weiteres Material mehr. Es folgt eine Ansicht von Distrikt 12, aufgenommen aus mehreren tausend Fuß Höhe. Plötzlich schießen, am einen Ende des Tales beginnend, Feuerbälle in die Höhe. Brandbomben. Eine Spur der Verwüstung legt sich über das gesamte Tal.
Wann ist das passiert? Haben die inzwischen den leeren Distrikt bombardiert?
„Diese Aufnahmen kennen sie wohl alle schon. Sie wurden vor kurzem vom Kapitol gesendet, mit einer Botschaft von Präsident Snow!" spricht der Kommentator. Das Bild wechselt auf Snow.
„Bürger von Panem! Ein Sprichwort sagt, wer mit dem Feuer spielt, wird sich verbrennen! Zwei Tribute aus Distrikt 12 haben das versucht. Sie haben es gewagt, sich dem Willen des Kapitols, meinem Willen, der in den vergangenen Jahren stets ein Garant für den Frieden in unserem Land war, zu widersetzen! Doch ein solcher Versuch kann nur scheitern! Für alle, die glauben, es diesen beiden Tributen gleich tun zu wollen, habe ich nur eine kurze Botschaft. Wer Wind säht, wird Sturm ernten, und darin umkommen. Ich werde dafür sorgen, dass jegliche Unruhestifter, die den Frieden in Panem durch ihre unüberlegten Handlungen gefährden, im Feuer schmoren, so wie die Bewohner von Distrikt 12, die nun die Strafe für das Verhalten ihrer Tribute tragen müssen. Bürger von Panem, seid gewarnt vor diesen Verrätern! Sie bringen euch nicht die Freiheit, die sie euch vollmundig versprechen, sondern nur den Tod!"

Das Bild wechselt wieder nach Distrikt 12. Es sind Leute zu sehen, die scheinbar panisch durch die Straßen laufen. Was soll das? Wann wurde das aufgenommen? Im Hintergrund sind die ersten Explosionen zu sehen. Das kann doch gar nicht sein! Distrikt 12 wurde evakuiert! Der alles vernichtende Feuersturm kommt näher, und hüllt die fliehenden Leute ein. Dann wird das Bild schwarz.
„Bürger Panems!" spricht der Kommentator. „Seht selbst, was Präsident Snow getan hat. Er hat diese arme Leute getötet, nur um seine Macht zu demonstrieren! Präsident Snow, wir haben eine Antwort für Sie! Hören Sie Katniss Everdeen!

„Was?" sage ich halblaut. „Das geht doch gar nicht!" Ich muss mich verhört haben. Einen Augenblick später wird Katniss in Nahaufnahme eingeblendet. Sie trägt eine schwarze Uniform, eine Art Overall mit einem Brustpanzer, und einem runden, goldenen Abzeichen über der linken Brust. Es scheint so etwas wie ein Vogel in einem Kreis mit einem Pfeil in seinen Krallen zu sein. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.
„Wie machen die das?" höre ich Dr. Bradley fragen.
Johanna zuckt nur mit den Schultern.
„Kein Ahnung".

„Euch allen möchte ich sagen: Solltet ihr auch nur eine Sekunde lang glauben, dass das Kapitol uns fair behandeln würde, dann macht ihr euch etwas vor. Ihr wisst, wer sie sind und was sie tun!" beginnt Katniss, wobei das Bild während sie spricht kurz auf eine völlig verbrannte Hütte wechselt. Das muss ein Trick sein! Eine Art Computeranimation.
Katniss hebt ihre Hände und deutet auf qualmende Trümmer hinter ihr. Irgendeine innere Stimme sagt mir, dass der Ort, wo sie steht, anders aussieht, als ich es von Distrikt 12 gewohnt bin.
„Das tun sie!" schreit Katniss. „Und wir müssen zurückschlagen!"
Sie geht auf die Kamera zu.
„Präsident Snow sendet uns eine Botschaft? Hier habe ich eine für ihn. Sie können uns quälen und bombardieren und unsere Distrikte niederbrennen, aber das Feuer breitet sich aus! Und wenn wir brennen, brennen Sie mit!"
Es folgt eine Überblendung zu einer computergenerierten Flagge Panems, die mit einem Schlag in Flammen aufgeht. Die Fahne verkohlt, und aus dem Feuer steigt das Symbol, welches auf Katniss Uniform zu sehen gewesen ist, in leuchtendem gelb-rotem Farbton auf. Dann wird das Bild schlagartig schwarz.

„Was war das gerade eben?" ruft Johanna mit offenem Mund. „Ich wusste ja, das Beetee etwas mit einem Video herumgebastelt hat, aber das?"
Ich versuche, das Gesehene zu verarbeiten. Was hat es mit diesem Symbol auf sich? Wie haben es die Leute aus Distrikt 13 fertig gebracht, eine Art Propaganda-Spot mit Katniss zu basteln, wo sie doch klinisch tot im OP liegt. Irgendetwas ist das faul.
„Ich will mit Beetee sprechen! Sofort!" fordere ich.
„Da wirst du dich gedulden müssen! Der steckt gerade mitten in den Vorbereitungen für den Blackout!" entgegnet Johanna. „Und ich muss jetzt wieder in die Kommandozentrale!"
„Aber sobald er kann, soll er herkommen! Ich muss mit ihm über dieses Video sprechen! Und sag ihm, keine schönen Geschichten mehr! Die Wahrheit, oder er kann in Zukunft schauen, wer seine DC-8s fliegt! Ist das klar?"
„Na, du kannst ja richtig fordernd sein! Hätte ich dir gar nicht zugetraut!", sagt Johanna mit zynischem Tonfall. Wie eine Schmalspur-Clove!
„Ich meine es ernst! Sag ihm das genau so, dann werden wir sehen, wie lange es dauert, bis er seinen Arsch hierher bewegt!" erwidere ich. „Und sag ihm, meine Geduld ist enden wollend!"

„Wie du meinst! Aber beschwer dich nachher nicht, wenn Coin dich wieder in den Kerker steckt", ätzt Johanna, und verschwindet durch die Tür.
„Also für mich sah das recht echt aus", beginnt Dr. Bradley.
„Aber es kann nicht echt sein! Wann sollen die das gedreht haben? Es muss eine Computeranimation sein!" entgegne ich.
„Ich weiß nicht", schüttelt der Arzt seinen Kopf. „Irgendetwas an diesem Video war nicht ganz rund. Wie soll ich sagen, es wirkte an einer oder zwei Stellen etwas zusammengestoppelt. Und immer dort, wo es etwas holprig wirkte, wurde kurz von Katniss weg geblendet, und dann gleich wieder zurück."
Jetzt wo er es sagt…
„Stimmt! Einmal ziemlich am Anfang, bei der Stelle mit dem fair behandeln, und dann einmal zum Ende hin, beim Distrikte niederbrennen oder so, wo sie ein brennendes Haus gezeigt haben", antworte ich.
„Als ob sie da etwas geschnitten haben! Als hätte sie sich versprochen, oder blöd dreingeschaut, und wie wenn man das dann aus verschiedenen Aufnahmen zusammengesetzt hätte."
„Warum sollte man das bei einer Computeranimation tun?" werfe ich ein.
„Das ist genau mein Punkt!", entgegnet Dr. Bradley. „Es macht absolut keinen Sinn, eine Computeranimation so zu verhunzen, und echt das das Video auch nicht sein, außer…außer, sie haben irgendein Double benutzt, jemand, der Katniss ähnlich sieht."

Ich lasse die Worte des Arztes auf mich wirken. Ein Double. Das könnte es sein. Die Stimme kann man sicher digital irgendwie hinbiegen, dass es wie Katniss klingt. Ja, sie hatte irgend so einen komischen Unterton, wie ich ihn von ihr nicht kenne. Irgendwie verbittert und zornig. Ich weiß, dass Katniss im Schauspielen schlecht ist. Sie wäre genau der Typ Mensch, der vor einer Kamera nicht einfach auf Befehl eine gewünschte Stimmung aufsetzen kann. Vermutlich würde sie nicht mal einen vorgegebenen Text herausbringen. Von ihr könnte man nur dann brauchbare Aufnahmen bekommen, wenn man sie heimlich filmt. Wie meine Mutter, die immer total gekünstelt tut, wenn eine Videokamera in ihrer Nähe ist, nur dass sie dann zu viel redet.

Ihr Gesicht sah auch eine Spur anders aus. Älter. Mitgenommener. Abgestumpft.
„Das muss es sein!" erwidere ich. „Sie müssen eine Schauspielerin benutzt haben! Damit die Leute denken, Katniss geht es gut….".
Ich halte im Satz inne, und suche nach dem Knopf zum Kanalwechsel auf der Fernbedienung. Der OP erscheint am Bildschirm. Die Einblendung von Katniss Körpertemperatur zeigt 23,5 Grad.
„Gib mir mal die Fernbedienung!" fordert mich Dr. Bradley auf. „Ich blende mal das EKG und das EEG ein."
Eine Reihe mehr oder weniger flacher Linien erscheinen auf dem Bildschirm.
„Es gibt keine klare Regel, was zuerst kommt. Das Gehirn oder das Herz", erklärt der Arzt ruhig.
Plötzlich meine ich, in der EKG-Linie einen leichten Ausschlag gesehen zu haben.

„Da war etwas!" rufe ich.
Dr. Bradley schüttelt seinen Kopf.
„Hab ich nicht gesehen!"
Die Sekunden verstreichen. Aus Sekunden werden Minuten.
Plötzlich erscheint das Gesicht von Präsidentin Coin auf dem Bildschirm.
„Achtung! Dies ist eine Aussendung an alle Bewohner und Militärkräfte von Distrikt 13. Hiermit erkläre ich den Kriegszustand. Sämtliches Militärpersonal, so es noch nicht im Einsatz befindlich ist und anderslautende Befehle zu befolgen hat, hat sich an den vorgesehenen Sammelpunkten binnen fünfzehn Minuten einzufinden. Zivilisten bleiben in ihren Wohneinheiten und halten sich dort für weitere Anweisungen bereit!"
Das Bild flackert kurz.
„Diese Mitteilung gilt allen mit Projekt Blackout betreuten Militärangehörigen. Ab sofort herrscht die höchste Alarmstufe! Ich erteile hiermit die Freigabe zur Einleitung von Projekt Blackout. Auslösung des Befehls in T minus 60 Sekunden!" verkündet Coin, und auf dem Bildschirm erscheint eine Countdown-Uhr, die von 60 herunterzählt. Wie vor den Hungerspielen!

Dr. Bradley versucht, wieder auf den OP zurück zu schalten, doch es gelingt ihm nicht.
„Die müssen die Kanalumschaltung blockiert haben!" flucht er. „Wozu soll ich mir diesen blöden Countdown anschauen? Ich bin Arzt, kein Soldat!"
Noch 30 Sekunden. Wenn alles nach Plan verläuft, sollten dann im Kapitol sprichwörtlich die Lichter ausgehen. Das perfekte Computervirus, zumindest laut Beetee. Er greift an der größten Schwachstelle des Kapitols an, seinen vernetzten, einheitlichen Systemen, und legt sie lahm, vom Kraftwerk über die Kläranlage bis zum Hovercraft. Der Wunsch des Kapitols, alles zu kontrollieren, wird zugleich sein Untergang sein. Wenn alles nach Plan läuft…

Noch zehn Sekunden.
Was, wenn es nicht funktioniert? Wenn das Kapitol Raketen mit nuklearen Sprengköpfen schickt? Dann bleiben uns nur wenige Minuten für eine Flucht durch das Portal. Und selbst wenn ich es rechtzeitig durch schaffen würde, was wäre mit Katniss. Sie würde die Reise in ihrem Zustand wohl kaum überleben. Und eines ist mir jetzt klar. Ohne Katniss gehe ich nirgendwohin.

Der Countdown erreicht die Nullmarke. Eine Karte Panems wird eingeblendet, mit Symbolen für wichtige Einrichtungen wie Kraftwerke, Industrieanlagen und Stützpunkte. Deutlich ist auch eine Formation von Hovercrafts zu erkennen, die ungemütlich nahe an Distrikt 13 dran sind. Dann geschieht es. Dis Symbole verfärben sich eines nach dem anderen rot. Auch die Hovercrafts, auf die das Bild nun zoomt. Die Formation zerfällt. Dann verschwinden die Maschinen vom Schirm. Wahrscheinlich abgestürzt, weil sich die Steuerungscomputer aufgehängt haben. Eine Meldung in roten Blockbuchstaben erscheint auf dem Bildschirm. BLACKOUT SEQUENCE COMPLETE – ALL SYSTEMS OFFLINE. Das Kapitol ist lahmgelegt.

Dr. Bradley drückt auf der Fernbedienung herum.
„Jetzt scheint sie wieder zu funktionieren!"
Der Bildschirm zeigt wieder Katniss, wie sie in ihrem Gestell im OP hängt. Der Arzt blendet das EKG wieder ein. Noch immer Nulllinie, Körpertemperatur 24 Grad.
„Schön langsam sollte sich etwas tun", meint er mit besorgter Miene. „Wenigstens dürfte der Blackout funktioniert haben", fügt er hinzu. „Obwohl ich immer noch davor Angst habe, was passiert, wenn das Kapitol es schaffen sollte, den Virus zu entfernen. Dann hätten wir ein Problem!"

Der Virus kann nicht entfernt werden, hatte Beetee mir versichert. Er hat im Vorfeld alle Datenbanken infiziert. Selbst wenn das Kapitol seine Computer neu aufsetzt, ist der Wurm von Anfang an wieder drin.

Plötzlich sehe ich wieder einen Ausschlag im EKG.
„Aber jetzt war da definitiv etwas!" rufe ich.
Noch ein Ausschlag. Kräftiger als der letzte. Ich weiß zwar nicht, wie ein normales EKG auszusehen hat, aber es hatte eine Ähnlichkeit mit dem, wie es im Fernsehen immer aussieht.
„Ja! Ich habe es gesehen!" erwidert Dr. Bradley. „Da, noch einer! Sieht so aus, als würde ihr Herz anspringen!"
Nun geht es schnell. Was mit ein paar unkoordinierten Schlägen begonnen hat, wird zu einem regelmäßigen Rhythmus, steigert sich von 20 über 30 auf gute 40 Schläge pro Minute.
„Noch etwas bradykard, aber das legt sich bald. Muss das ZX-5 sein, was die Herzaktivität noch ein wenig bremst", merkt Dr. Bradley an.
„Brady…was?"
„Bradykard. Auch so, du bist ja nicht vom Fach! Das heißt, Katniss Herz schlägt noch langsamer als normal üblich. Unter 60 Schläge pro Minute. Aber das macht nichts, momentan pumpt ja die Herz-Lungen-Maschinen ihr Blut, das Herz läuft praktisch nur im Leerlauf", erklärt der Arzt.

Und kaum hat er zu Ende gesprochen, macht auch das EEG erste Zuckungen.
„Ich denke, deine Freundin könnte es schaffen!" sagt Dr. Bradley aufmunternd. „Das Glas ist jetzt sozusagen halb voll, nicht halb leer. Noch ein paar Stunden, dann wissen wir mehr!"