„Hier, trink das!" fordert mich Dr. Bradley auf, nachdem er mich ein paar Minuten lang alleine gelassen hatte.
Misstrauisch beäuge ich das trübe, hellgelbe Gebräu, das wie einer dieser Sportdrinks aussieht, die ich nicht ausstehen kann. Erinnerungen an Wanderausflüge mit einen Eltern und ihren ach so sportlichen Bekannten kommen bei Anblick der Flüssigkeit hervor, von Blasen an den Füßen, schmerzenden Beinen und dem Wunsch, es möge doch endliche vorbei sein.
„Na los, das ist nur ein Elektrolytgetränkt mit ein paar Zusätzen und Orangengeschmack", versucht mit der Arzt das Gebräu schmackhaft zu machen.
„Na gut", seufze ich, und nehme ihm das Glas aus der Hand.
Tatsächlich, es schmeckt wie eines dieser Sportgetränke. Wenigstens ist es nicht so geschmacklos wie der übrige Fraß, den sie einem in Distrikt 13 zu essen vorsetzen. Dagegen ist eines von Katniss gebratenen Eichhörnchen ein wahrer Leckerbissen. Schluck um Schluck leere ich das Glas.
„Und jetzt ruh dich ein wenig aus", meint Dr. Bradley. „Die Heilungsbeschleunigung kostet den Körper viel Kraft, darum brauchst du jetzt Ruhe. Ich werde das Licht ein wenig dimmen, und bin dann mal kurz weg. Wenn du etwas brauchst, drück einfach den großen roten Knopf auf der Fernbedienung über deinem Bett!"
Ich blicke nach oben. Auf einem Bügel hängt, wie im Krankenhaus, eine klobige Fernbedienung, die man von der Größe her beinahe mit einer Mehrfach-Steckerleiste verwechseln könnte. Der rote Rufknopf ist unverkennbar.
„Alles klar", entgegne ich müde, und stelle das leere Glas auf ein Kästchen neben meinem Bett.
Dr. Bradley nickt mir aufmunternd zu und verschwindet Richtung Tür. Schweigend starre ich auf den Monitor. An Katniss Zustand hat sich wenig verändert, ihr Puls schwankt jetzt um die 50 Schläge pro Minute, die Körpertemperatur liegt bei 26 Grad. Allmählich überfällt mich eine bleierne Müdigkeit. Meine Augenlider werden schwer. Nur ein paar Minuten kurz die Augen zumachen, das wäre jetzt schön. Das Brennen in meinem Knöchel scheint nachzulassen. Katniss schafft es. Du kannst dich ausruhen. Ohne Gegenwehr lasse ich meine schweren Augenlider zufallen. Zwei oder drei Mal zwinge ich mich, die Augen nochmal kurz zu öffnen, dann gleite ich scheinbar schwerelos, umhüllt von einer wohligen Wärme, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Plötzlich dringt das monotone Dröhnen von Turbofan-Triebwerke in mein Ohr. Ich bin wieder im Cockpit. Katniss sitzt neben mir. Ohne Vorwarnung stürmt Clove von hinten heran, und beginnt mit einem Messer auf Katniss einzustechen. Ich will ihr helfen, doch mein Körper ist wie gelähmt. Meine Arme scheinen mit dem Steuerhorn fest verschweißt zu sein. Katniss schreit vor Schmerzen, und Clove wirft mir ein sadistisches Lächeln zu.
„Keine Angst, du bist der nächste! Den Jungen habe ich schon erledigt, und diesen Rotschopf auch!" höre ich Clove sagen.
Ich versuche, das Steuerhorn zu bewegen, doch es klemmt.
Das leise Zischen eines Pfeils lässt mich zusammenzucken. Clove stöhnt auf, aus ihrem Mund quillt ein Schwall Blut. Grinsend versetzt sie Katniss den Todesstoß, und drückt das Steuerhorn auf der Copilotenseite nach vorne. Die Maschine sackt durch, ich schwebe schwerelos in den Gurten. Das Rauschen der Luftströmung nimmt zu, die Overspeed-Warnung ertönt. Und ich kann nichts dagegen tun. Die DC-8 rast beinahe senkrecht auf den Boden zu, stößt durch eine dünne Wolkenschicht. Zerklüftete Berge füllen die Windschutzscheibe aus. Alle Muskeln meines Körpers spannen sich an. Kurz vor dem Aufprall schließe ich meine Augen, und stoße einen letzten, lauten Schrei aus.
Als die die Augen erschrocken aufreiße, befinde ich mich wieder in der Ambulanz. Nur ein Albtraum! Ich atme erleichtert ein paar Mal tief durch. Die Müdigkeit von vorhin ist komplett verschwunden. Mein Knöchel brennt auch nicht mehr. Ich muss geschlafen haben, aber ich habe keine Ahnung, wie lange.
Katniss!
Ich starre auf den Monitor. Körpertemperatur 36 Grad, Puls 65 Schläge pro Minute. Alles scheint stabil zu sein. Ich muss ein paar Stunden lang geschlafen haben! Wie konnte ich mich so gehen lassen!
Das Licht in der Ambulanz ist gedämpft, und ich bin allein. Vorsichtig steige ich aus dem Bett. Mein Knöchel fühlt sich schon viel besser an, aber ich mahne mich, ihn nicht gleich zu sehr zu belasten. Jetzt werde ich Beetee zur Rede stellen. Keine Lügen mehr! Aber wo ist er überhaupt?
Ganz sicher nicht im Hovercraft, eher in der Kommandozentrale. Um dorthin zu gelangen, muss ich erst aufs Oberdeck und dann nach vorne zur normalen Passagiertreppe. Zielstrebig marschiere ich auf die Tür zu, und drücke den Öffnungsknopf. Weiter über die spärlich beleuchtete Treppe aufs Oberdeck. Hier sollte mal ein Arbeitssicherheits-Beauftragter vorbeischauen. So eine miese Beleuchtung ist ja ein Unfallrisiko. Keine Menschenseele zu sehen. Als ich an der Tür zum OP 1 vorbeikomme, werfe ich einen Blick durch das Bullauge. Bis auf einen jüngeren Mann, der gelangweilt neben Katniss an einer Konsole sitzt und einen Bildschirm anstarrt, ist niemand im Raum. Ich zwinge mich, weiterzugehen.
In der Passagierkabine brennt nur die Notbeleuchtung. Vorsichtig setzte ich ein Bein vor das andere, um ja nicht über irgendetwas zu stolpern. Endlich, der Ausgang. Die Tür ist geöffnet, und die horizontal verlaufende Eingangsbrücke in Position. Sie führt direkt in den Korridor, von dem aus man alle Einrichtungen des Bunkers erreichen kann. Der Weg zur Kommandozentrale ist mit einem roten Leuchtstreifen am Boden markiert. Selbstleuchtend, damit man auch bei einem Stromausfall den Weg findet. Nachdem ich schon ein paar Mal hier war, würde ich den Weg aber auch so finden.
Wie erwartet ist die Tür zur Kommandozentrale verriegelt. Ich drücke auf eine Art Klingelknopf. Keine Reaktion.
„Ich weiß, dass ihr mich hört! Aufmachen!" schreie ich so laut ich kann, und trommle mit den Fäusten gegen die Tür.
Unerwarteter Weise öffnet sie sich plötzlich mit einem lauten Zischen.
„Na, schlecht geschlafen?" fragt Boggs lächelnd.
„Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!" entgegne ich barsch. „Wo ist Beetee?"
„An seinem Computer da hinten", sagt Boggs scheinbar unbeeindruckt. „Falls du ihm etwas willst, ist das jetzt aber nicht besonders…"
„Günstig?" unterbreche ich ihn. „Wann ist es dann günstig? Morgen? Übermorgen? Im Sommer?"
Ich lege eine rhetorische Pause ein und hole tief Luft.
„Peter…"
„Schluss mit den ewigen Vertröstungen!" fahre ich Boggs ins Wort. „Ich habe nur drei einfache Fragen an Beetee. Nummer eins, wie kann es sein, dass ein Video mit Katniss gesendete wird, wo sie doch im OP liegt, und in dem komischerweise Distrikt 12 voller Leute ist, als die Bomben fallen? Nummer zwei, warum mussten Katniss und ich so ganz zufällig in die Hungerspiele, wo unser schlauer Beetee doch sonst ganz genau weiß, was das Kapitol so plant. Und Nummer drei, warum fliegt man Katniss und mich nicht aus Distrikt 12 aus, wie geplant, sondern wartet, bis die Ernte stattfindet?"
Boggs und ich starren uns schweigend an.
„Na gut. Irgendwann musst du es sowieso erfahren. Ich frage Beetee kurz, ob er einen Moment Zeit hat" seufzt Boggs.
Ich stemme demonstrativ meine Hände in die Hüften und verfolge mit strengem Blick, wie der Commander ein paar Worte mit Beetee wechselt. Dann bedeutet er mir herzukommen.
„Aber nur ein paar Minuten", mahnt mich Boggs, und deutet auf einen leeren Stuhl neben Beetee. „Nimm besser Platz!"
Wortlos setze ich mich nieder.
„Also dann", beginne ich, „meine erste Frage lautet – wie ist es möglich, dass Katniss quicklebendig vom Bildschirm lächelt und Propagandasprüche runterleiert, während sie klinisch tot im OP liegt? Das scheint mir irgendwie unvereinbar zu sein, oder?"
Beetee blickt mir in die Augen. Im fahlen, bläulichen Licht des Monitors vor ihm wirkt er noch älter als sonst. Seine kurzen, spärlichen Haare glänzen silbrig. Er muss wohl an die 70 sein.
„Peter, was ich dir über das Dimensionsportal bisher erzählt habe, war nicht ganz richtig", legt Beetee mit ruhiger Stimme los. „Wie du weißt, habe ich dir erklärt, dass Panem in einem Universum mit einem minimal schnelleren Zeitablauf liegt, weshalb wir hier von deinem Universum aus betrachtet quasi in der Zukunft sind. Richtig?"
Ich nicke.
„So in etwa habe ich das verstanden."
„Gut. Die Wahrheit ist, dass die Zeit in deinem Universum und in Panem gleich schnell läuft. Wir sind hier in der Zukunft, weil wir in der Zukunft sind", setzt Beetee fort.
„Willst du damit sagen, das hier ist unsere Zukunft? Das wird aus meiner Welt in ein paar hundert Jahren?"
„Nicht notwendigerweise! Was wir hier sehen, ist eine mögliche Variante der Zukunft, neben den unzähligen anderen Varianten, die sich aus deinem Universum heraus ergeben", erklärt Beetee.
Ich versuche zu begreifen, was Beetees Worte bedeuten. Nachdem das Portal in beide Richtungen funktioniert, gelangt man damit zwangsläufig auch in die Vergangenheit. Was wiederrum bedeutet…
„Heißt das, das Portal ist eine Zeitmaschine?"
„Ja und nein. Das kommt darauf an, wie du Zeitmaschine definierst. Im Grunde macht das Portal nichts anderes, als eine Verbindung zwischen zwei Universen herzustellen, oder, um es genauer auszudrücken, zwischen zwei parallel existierenden Universen-Strängen", entgegnet Beetee.
„Universen-Stränge? Was ist das?" frage ich skeptisch. Allmählich beginnt mein Hirn zu rauchen.
„Ein Universum – Strang ist das, was man laienhaft ausgedrückt eine Zeitlinie nennen kann. Es ist eine in sich konsistente Folge von Verzweigungen, eine Art roter Faden durch ein Gewirr unzähliger Straßen, wie eine eingezeichnete Route auf einer Straßenkarte", führt Beetee aus. „Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Du willst dir ein neues Auto kaufen. Die Wahl steht zwischen einem roten und einem blauen. Du triffst eine Entscheidung, und nimmst das rote. Du bezahlst, fährst damit vom Hof, fährst in den Urlaub, was auch immer. Nach ein paar Jahren verkaufst du es. Das wäre ein Strang, eine Zeitlinie. In dem Moment, wo du dich für das rote Auto entschieden hast, hat sich das Universum verzweigt. Du bist der Straße gefolgt, wo du das rote Auto kaufst. Im anderen Zweig kaufst du das blaue Auto, das wäre dann ein anderer Strang", setzt Beetee fort, und macht eine kurze Pause, um mir Zeit zum Begreifen zu geben.
„Das heißt, wenn ich ein Portal habe, könnte ich in den anderen Strang wechseln und mir dabei zuschauen, wie ich mit dem blauen Auto fahre", fasse ich zusammen. „Was hat das mit einer Zeitmaschine zu tun?"
„Spielen wir unser Gedankenexperiment weiter", entgegnet Beetee. „Das Portal kann eine Verbindung zwischen zwei Strängen herstellen. Was es noch kann ist, den Einstiegspunkt zu wählen. Er kann zeitparallel sein, oder auch in einer relativen Vergangenheit oder Zukunft liegen, wobei es da gewisse Einschränkungen gibt. Nehmen wir an, du stellst fest, dass dir das rote Auto nicht gefällt. Also gehst du durch das Portal in eine relative Vergangenheit, vor dem Autokauf, um dich selbst dazu zu bringen, das blaue Auto zu nehmen. Das ist kein Problem. Doch wenn du zurückkehrst, wirst du feststellen, dass immer noch das rote Auto in deiner Garage steht."
„Warum? Wenn ich mich selber dazu bringe, das blaue Auto zu nehmen, warum steht dann immer noch ein rotes in meiner Garage? Ich habe die Vergangenheit doch verändert?" frage ich mit skeptischen Blick.
„Hast du nicht", erwidert Beetee. „Die Vergangenheit kann man nicht ändern. Zumindest nicht so, wie du das vielleicht aus dem Fernsehen kennst. Jede Änderung, welche eine Kausalitätsverletzung verursachen würde, ist ausgeschlossen. Schon alleine deine Ankunft in der Vergangenheit hat dazu geführt, dass eine neue Variante, ein neuer Strang, eine neue Zeitlinie geschaffen wurde. Deine Zeitlinie bleibt, wie sie ist. Das ist, als würdest du ein Buch schreiben, und hinterher feststellen, dass dir ein paar Dinge nicht passen. Auf unser Beispiel übertragen, könntest du zwar das Buch neu schreiben, so wie du willst, aber du kannst nicht einzelne Passagen bearbeiten."
„Und was hat das alles mit mir, mit Katniss, mit dem ganzen Portal hin oder her zu tun?" frage ich gereizt. Ich will eine einfache Erklärung, keinen wissenschaftlichen Vortrag über Dinge, die ich sowieso nicht verstehe.
Beetee macht eine kreisende Bewegung mit seinem Armen.
„Das alles, was du hier siehst und bist jetzt erlebt hast, ist nichts anderes, als eine neue Variante der Revolution, die in meiner Vergangenheit Präsident Snow zu Fall gebracht hatte, und die Hungerspiele beendete. Aus diesem Universum kommt auch das Video von Katniss, das wir vor gut zwölf Stunden gesendet haben."
Zwölf Stunden? So lange habe ich geschlafen?
„Das heißt, du kommst von hier aus gesehen aus einer alternativen Zukunft, und bist zurückgereist, um hier eine neue Variante der Revolution zu schaffen? Warum? Und wozu brauchst du dazu das Portal in meinem Universum? Was soll dieser Umweg?" löchere ich Beetee mit Fragen.
„Ich komme aus einem Panem, das von hier aus betrachtet etwa fünfzehn Jahre in der Zukunft liegt. Es gab dort eine Rebellion, die von Distrikt 13 angeführt und unterstützt wurde. Katniss war so etwas wie eine Gallionsfigur, welche die Rebellen motivieren sollte. Das Video, das wir gezeigt haben, wurde ursprünglich in Distrikt 8 aufgenommen, nach einem Angriff des Kapitols auf ein Lazarett. Wir haben es ein wenig geschnitten, damit es in unser Konzept für hier passt", antwortete Beetee.
Eine Meldung auf seinem Computerbildschirm lässt ihn kurz innehalten.
„Da hat gerade jemand versucht, in einem Kraftwerk die Computersteuerung neu zu initialisieren. Vergebene Liebesmüh", merkt Beetee auf meinen fragenden Blick an.
„Aber wenn es ein erfolgreiche Revolution gab, warum dann überhaupt ein neuer Versuch?" frage ich.
„Unser Sieg hatte einen hohen Preis. Es gab mehr Tote und Verwundete, als uns lieb war. Distrikt 12 wurde vom Kapitol vernichtet, zusammen mit einer großen Zahl seiner Einwohner. Und die Revolution hatte für Katniss einen hohen, persönlichen Preis. Prim starb bei einem von Coin befohlenen Bombenangriff auf Kinder, die Snow vor seinem Palast als menschlichen Schutzschild eingepfercht hatte. Prim war bei einem Sanitätstrupp aus Distrikt 13 dabei. Die Bomben waren so ausgelegt, das einige mit Zeitverzögerung explodieren, damit sie die Helfer treffen."
„Das ist ja furchtbar!" entgegne ich. „Ich wusste ja, dass Coin nicht ganz sauber ist, aber dass sie so ein…"
„Nicht hier, Peter! Du weißt nicht, wer mithört!" unterbricht mich Beetee. In seinem Gesicht ist ein Hauch von Angst zu erkennen. Angst vor Coin. Und das nicht ganz unberechtigt.
„Aber wenn ich dich richtig verstanden habe, dann kann man Prim auch mit einer Reise in der Vergangenheit nicht mehr lebendig machen. Eine andere Prim kann überleben, aber die originale aus deinem Universum bleibt tot!"
„Nun ja, normalerweise wäre das so", antwortet Beetee. „Aber es gibt da ein paar Faktoren, die darauf hindeuten, dass es unter Umständen möglich sein könnte, die ‚originale' Prim, wenn du sie so nennen willst, doch zu retten, ohne die Novikov-Selbst-Konsistenz-Regel zu verletzen. Vereinfacht gesagt besagt diese Regel, dass ein Eingriff in die Vergangenheit nur dann möglich ist, wenn er von vornherein stattgefunden hat, oder, und hier sind wir im Spekulativen, wenn er so angelegt wird, dass für einen Beobachter kein Unterschied feststellbar ist. Du musst wissen, dass von unserer Prim nie auch nur ein winziger Teil ihrer Leiche gefunden wurde. Die Brandbomben hätten nie ausreichend hohe Temperaturen entwickelt, um einen Körper spurlos verdampfen zu lassen. Und dann ist da noch das Video einer Überwachungskamera…"
Beetee hält kurz inne, als überlege er, wie er mir das nun Kommende am besten erklären soll.
„Welches Video?" hake ich nach.
„Peter, es gibt rund um den Präsidentenpalast eine Vielzahl von Kameras. Wir konnten uns von einer die Aufzeichnung sichern, und darauf ist zu sehen, wie Prim von den Flammen eingehüllt wird. Dann gibt es eine kurze Bildstörung, und danach ist sie weg. Einfach weg. Ich habe das Bild durch den Computer gejagt, und mit den Aufzeichnungen anderer Kameras verglichen, darunter auch jene der Helmkameras unserer Sanitäter, und es ist immer das Gleiche. Eine kurze Bildstörung, und dann ist Prim weg. Und dann habe ich durch das Verrechnen mehrerer Perspektiven eine unerklärliche Turbulenz in den Flammen an jener Stelle, wo Prim stand, gefunden. Ich habe unzählige Computersimulationen des Bombenangriffs durchlaufen lassen, und keine Kombination von Explosionspunkten und Abfolgen finden können, welche unter den vorherrschenden Wind- und Temperaturverhältnissen so eine Turbulenz hätten erzeugen können. Außer…außer wenn der Raum an jener Stelle durch das Herstellen einer interdimensionalen Brücke kurz verzerrt worden wäre…"
Ich lasse Beetees Worte auf mich wirken.
„Du willst damit also sagen, dass Prim mit dem Dimensionsportal aus dem Flammenmeer rausgeholt wurde, und dass das immer schon Bestandteil deiner Zeitlinie war?"
„Die Indizien deuten darauf hin", entgegnet Beetee. „Natürlich bin ich nicht gleich darauf gekommen, dass es die Verzerrungen einer interdimensionalen Brücke sind, zu dem Zeitpunkt gab es das Portal noch gar nicht. Aber ich habe erkannt, dass die Voraussetzungen für eine Rettung gegeben sein könnten. Also habe ich die Pläne für ein Dimensionsportal, die in unserer Datenbank schlummerten, aufgegriffen und zehn Jahre lang daran gearbeitet, eines zu bauen."
„Das ist ja schön und gut, aber soweit ich weiß, kann man nicht einfach eine Person direkt aus einem Universum in ein anderes holen, ohne dass sie vorher schon einmal durch das Portal gegangen ist. Das Portal muss die Informationen zur Wiederherstellung des Körpers gespeichert haben, und sie darf nicht älter als ein paar Wochen sein".
Ich erhebe meine Stimme.
„Oder war das auch so ein Bullshit, den man mir warum auch immer erzählt hat?"
Beetee schüttelt seinen Kopf.
„Nein, das stimmt schon so. Du musst zuerst durch das Portal gehen, dann kannst du aus einem anderen Universum ohne Portal zurück, solange du nicht länger als zwei Wochen dort warst. Bei der Rückkehr wird dein Körper in eine übertragbare Energiesignatur umgewandelt, die dann im Puffer zwischengespeichert wird, bis der Computer ausgehend von den gespeicherten Informationen die Wiederherstellungsmatrix angepasst hat. Die Energiesignatur hat die Eigenschaft, eine Überlagerung aller möglichen Zustände der Atome deines Körpers zu sein, und es braucht einen Filter, der daraus den gültigen Zustand herausfiltert. Solange die Abweichung klein ist, schafft das unser Computer. Ohne irgendwelche Vorinformationen würde es tausende Jahre dauern, bis wir durch Ausprobieren die richtigen Einstellungen hätten. Aber bis dahin wäre das Energiemuster im Puffer längst durch Dekohärenzeffekte so stark zerfallen, dass eine Wiederherstellung unmöglich wäre", erklärt Beetee.
„Du willst mir doch nicht weißmachen, dass du den ganzen Aufwand getrieben hast, obwohl du weißt, dass du Prim zwar vielleicht da rausholen kannst, sie aber nie mehr rematerialisieren kannst!" entgegne ich.
„Da kommt das parallele Panem, in dem wir uns jetzt befinden, ins Spiel. Hier haben wir eine lebende Prim. In etwa einem Jahr wird sie genau gleich alt sein wie die Prim in meinem Universum. Ihr Körper ist bis auf zu vernachlässigende Unterschiede identisch, ihre Erinnerungen sind es bis zu dem Zeitpunkt, wo du ins Spiel gekommen bist, auch gleich. Theoretisch müsste es möglich sein, unsere Prim hier durch das Portal in dein Universum zu schicken, dabei die Wiederherstellungsinformationen zu speichern, anschließend die Prim in meinem Ursprungsuniversum zu erfassen, sie nach hier zu transportieren und mit ein paar Modifikationen am Pufferspeicher, um die sichere Speicherdauer zu verlängern, im Zeitraum einiger Wochen rematerialisieren zu können."
Jetzt wir mir die ganze Geschichte allmählich klar.
„Darum der Umweg über ein paralleles Panem! Und wenn man schon mal hier ist, kann man auch versuchen, die Revolution besser zu machen, anstatt nur zuzusehen!" stelle ich fest.
„So könnte man es sagen! Weißt du, Peter…ich…ich fühle mich irgendwie mitschuldig an dem, was in meinem Universum passiert ist. Diese Bomben habe ich zusammen mit Gale erfunden. Ich war damals so darauf fokussiert, das Kapitol zu besiegen, dass mir jedes Mittel recht war. Als ich erkannte, welche abscheulichen Waffen ich konstruiert hatte…da war es leider zu spät…."seufzt Beetee.
„Ich verstehe", sage ich und nicke. „Aber eines ist mir noch unklar. Warum bist du in meine Zeit, in mein Universum gekommen?"
„Weil es nicht möglich ist, innerhalb eines Stranges direkt zu einem anderen Zeitpunkt innerhalb des gleichen Stranges zu reisen. Das wäre so, als würdest du versuchen, dich selber anzurufen. Deswegen der Umweg über einen Strang, der mit meinem Universum nichts zu tun hat. Es dauerte noch mal zwei Jahre, in deinem Universum alles vorzubereiten, damit ich die Verbindung von hier in mein Panem zu einem Zeitpunkt etwa viereinhalb Jahre vor den 74. Hungerspielen herstellen konnte. Dabei entstand ein neuer Strang, den ich von nun an dahingehend gestalten konnte, dass Prim am Leben bleibt und dass die Revolution zu einem geringeren Preis klappt", erklärt Beetee.
„Und warum hast du, wo doch anscheinend freie Wahl hattest, gerade ein Universum zum Zeitpunkt des 21. Jahrhunderts gewählt? Wäre es nicht leichter gewesen, eines zu nehmen, wo die Technik schon weiter ist?" frage ich.
„Weil ich dort Zugriff auf einige Ressourcen habe, die zu einem späteren Zeitpunkt schwer verfügbar wären. Erdöl zum Beispiel. Oder Flugzeuge mit konventionellem Antrieb, die nicht unter das Verbot im Friedensvertrag mit dem Kapitol fallen, mit nuklear angetriebenen Fluggeräten außerhalb des Luftraums von Distrikt 13 zu operieren. Wir brauchten eine zuverlässige Verbindung nach Europa, und nachdem man uns auch keinen Hafen erlaubt, mussten wir das Verbot kreativ umgehen. Darum die alten Flugzeuge."
„Und dafür brauchtest du einen Piloten wie mich! Jemanden, der bereit ist, sein Zuhause monatelang hinter sich zu lassen!" ergänze ich.
Ich will gerade zu einer neuen Frage ansetzen, als plötzlich Boggs herangestürmt kommt.
„Katniss ist gerade aufgewacht!" verkündet er freudig. „Ich dachte, du willst zu ihr, bevor die Ärzte ihr wieder Ruhe verordnen und keinen mehr reinlassen."
„Und ob ich das will!" entgegne ich und springe wie von der Tarantel gestochen auf. Wenn Katniss nach so kurzer Zeit aufgewacht ist, muss das doch etwas Gutes bedeuten. Während ich zur Tür gehe, lasse ich meinen Blick noch einmal durch die Kommandozentrale schweifen. Keine Spur von Gale oder Johanna. Vielleicht schlafen sie ja. Da ich nicht will, dass Gale am Ende vor mir bei Katniss ist, lege ich einen Zahn zu. Am Gang vor der Brücke zum Hovercraft treffe ich auf Mrs. Everdeen und Prim.
„Katniss ist aufgewacht!" ruft mir die Kleine freudenstrahlend zu.
Ich bedeute den beiden, mir zu folgen. Die Passagierkabine ist nun hell erleuchtet. Da hat endlich mal jemand mitgedacht. Vor dem OP erwartet mich ein Pfleger. Er deutet auf die Tür, die auf den Gang zum zweiten OP führt.
„Wir müssen zuerst in den Nebenraum, damit ihr sterile Kleidung anlegen könnt. Katniss Körper ist noch sehr geschwächt, und es besteht Infektionsgefahr. Sie hat großflächige Verbrennungen am Rücken, und bis wir ihren Hautersatz im Labor gezüchtet und transplantiert haben, müssen wir vorsichtig sein!"
Wir folgen ihm auf den Gang durch eine Tür mit der Beschriftung „OR 1 – PREP ROOM". Der Raum ist durch eine transparente Glaswand in zwei Teile geteilt. Der Pfleger weißt uns an, und bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Mrs Everdeen zögert.
„Kein Angst, ich schaue nicht!", beruhige ich sie, und drehe mich demonstrativ von ihr weg. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um sich zu schämen.
„Jetzt kommt ihr einer nach dem anderen zu dem Waschbecken hier, eure Hände desinfizieren. Anschließend geht ihr durch die Schleuse in den reinen Bereich. Dort findet ihr sterile Kleidung, Pantoffel, Handschuhe und einen Mundschutz", gibt uns der Pfleger Anweisungen. Ein paar Minuten später stehen wir, fertig eingekleidet, vor der Eingangstür zum OP.
„Ihr dürft jetzt zu Katniss. Aber strapaziert sie nicht zu sehr, sie ist noch recht schwach, und hat Schmerzen", mahnt uns der Mann, ehe er die Tür öffnet.
Katniss liegt inzwischen in Bauchlage auf einem normalen Bett. Infusionsschläuche hängen an beiden Armen, dazu kommen unzählige Kabel für die Überwachungsgeräte. Als sie mich erkennt, dreht sie langsam ihren Kopf in meine Richtung, und stöhnt leise auf.
„Katniss!" rufe ich laut, und stürme zu ihr.
„Wie geht es dir, Peter?" fragt sie müde. Auf ihrer Stirn unterhalb des Verbandes ihrer Schnittwunde stehen dicke Schweißperlen, und ich sehe, dass sie sich alle Mühe gibt, um ihre Schmerzen vor mir zu verbergen.
„Das müsste ich eher dich fragen", entgegne ich lächelnd. „Ist es sehr schlimm?"
„Es geht schon", erwidert Katniss. „Du weißt ja, ich kann zäh sein."
„Ja. So wie dein letzter Eichhörnchenbraten", necke ich sie.
„Da musst du dich bei meiner Mutter beschweren. Ich bin nur fürs Jagen zuständig. Abgesehen davon hast du aber trotzdem ordentlich zugelangt!"
Katniss zuckt vor Schmerz kurz zusammen.
„Streng dich nicht so an", mahnt Prim sie, und streichelt vorsichtig über Katniss Wange.
„Na, meine Kleine? Alles in Ordnung mit dir?"
„Ja. Jetzt schon. Weißt du, welche Sorgen ich mir über dich gemacht habe?"
„Ich kann es mir denken", entgegnet Katniss.
„Gut, dass du alles verschlafen hast", werfe ich ein, und blicke kurz über meine Schulter nach hinten, um mich zu vergewissern, dass der Dr. House-Abklatsch namens Dr. Turner nicht in Hörweite steht. „Dadurch hast du dir wenigstens Dr. Turner erspart", sage ich leise.
„Dr. Turner?" fragt Katniss.
„Ja. Der Arzt, der dich behandelt hat", antworte ich.
„Er war recht unfreundlich", sagt Prim.
„Ich würde eher sagen, ein echtes Ekel", ergänze ich. „Pass auf, was er zu dir sagt. Und gibt ihm ruhige Contra, wenn dir etwas nicht passt."
„Keine Angst, wenn mich die Bomben nicht kleingekriegt haben, dann schafft es dieser Dr. Turner auch nicht!" entgegnet Katniss bestimmt.
„Prim, lässt du mich mal eine Minute allein mit deiner Schwester?" frage ich.
„Na gut", meint sie und tritt ein paar Schritte zurück.
Ich streichle sanft mit der Hand über Katniss Wange und beuge mich dicht über sie. Am liebsten würde ich mir den Mundschutz vom Gesicht reißen und sie küssen, als Dr. Turner seinen Schatten von hinten auf mich wirft.
„Nicht so nahe!" fährt er mich barsch an. „Oder willst du, dass sie eine Infektion bekommt?"
Na toll. Unser Preisträger mit dem Titel „Unfreundlichster Arzt des Jahres" ist wieder da.
„Dr. Turner?" fragt Katniss. „Sind Sie Dr. Turner?"
„Ja, das bin ich", erwidert der Arzt ungehalten.
„Schreien sie Peter gefälligst nicht so an! Ohne ihn wäre ich nicht hier. Klar?"
Katniss verzieht ihr Gesicht. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Ich weiß, wie sie es gemeint hat, aber ironischerweise wäre sie sicher nicht hier auf der Krankenstation, wenn sie mich im Wald zurückgelassen hätte.
„Peter, du musst dich nicht schuldig fühlen für das, was ich jetzt durchmache" sagt Katniss ruhig, meine Gedanken erratend. „Ich habe dich beschützt, weil du mir etwas bedeutest. Wenn das der Preis dafür ist, dann zahle ich ihn gerne."
Sie schluckt und atmet durch.
„Du wirst sehen, es geht mir bald besser."
„Hoffentlich. Ich schulde dir jetzt nämlich wohl einen ganz normalen Routineflug mit der DC-8. Und ein paar Stunden im Simulator. Ich wüsste nämlich gerne, ob du die Kiste im Notfall runterbringen könntest!" entgegne ich.
„Das klingt gut. Denkst du, ich könnte das lernen? Das Fliegen?" fragt Katniss."
„Wieso nicht? Du hast dich ganz geschickt angestellt!"
„Vielleicht kann ich dir dafür das Bogenschießen beibringen. Ich möchte nämlich nicht dauernd allein auf die Jagd gehen", meint Katniss.
„So, und an der Stelle ist jetzt Schluss!" höre ich Dr. Turner von hinten sagen. „Die Patientin braucht Ruhe. Nächste Besuchszeit in acht Stunden, dann auf der Krankenstation der Basis!"
„Geht es noch freundlicher?" entgegne ich mit zynischem Tonfall. „Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem ‚Bitte'? Oder haben Ihnen das Ihre Eltern nicht beigebracht?"
„Nicht in diesem Ton!" erwidert Dr. Turner. „Und jetzt alles nichtmedizinische Personal raus hier!"
Zähneknirschend richte ich mich auf.
„Ich komm schon klar", sagt Katniss sanft. Ich streiche ihr zum Abschied noch einmal über die Wange. An der Tür drehe ich mich kurz zu ihr um, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie sie ihr schmerzverzerrtes Gesicht in ihr Kissen drückt.
Plötzlich schrillt eine laute Alarmsirene los. Eine rote Warnlampe über der Tür blinkt hektisch.
„Katniss!" rufe ich laut. „Stimmt etwas nicht mit ihr?"
„Das ist der Nuklearalarm!" schreit der Pfleger, um die Sirene zu übertönen. „Entweder wir werden angegriffen, oder wir sind im Begriff, einen Nuklearangriff zu starten! Wir müssen zum Sammelpunkt! Mir nach!"
Das war es also mit Beetees tollem Plan. Was immer er tun wollte, um die Revolution mit geringeren Verlusten durchzusetzen, scheint nun völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein. Während wir ohne uns umzuziehen vom Hovercraft in die Basis laufen, fasse ich einen Entschluss. Ich werde mich sicher nicht in irgendeinen Bunker setzen und darauf warten, bis mir jemand sagt, was los ist. Wir passieren gerade die Kommandozentrale. Die Tür steht offen, weil gerade jemand durchgegangen ist. Das ist meine Chance. Ohne zu zögern eile ich, so schnell ich kann, auf die Tür zu. Mein Knöchel meldet sich mit schmerzhaften Stichen. Egal. Die Tür beginnt sich zu schließen. Im letzten Moment zwänge ich mich durch.
Was sich vor meinen Augen abspielt, ist das reinste Chaos.
„Wir haben einen bestätigten Raketenstart! Ein Silo im Süden von Distrikt 2. Vermutlich manuell überbrückt und per Notstart gestartet!" ruft jemand.
„Ist der Sprengkopf scharf?" fragt ein anderer.
„Kann ich nicht sagen. Die Rakete fliegt unter autonomer Kontrolle, nach einem fix gespeicherten Notprogramm, ohne Computerkontrolle vom Boden. Der Sprengkopf sollte ohne Autorisierungscode nicht funktionieren, aber wir wissen nicht, was die da am Ende gebastelt haben. Besser, wir machen Excalibur scharf!"
Eine starke, innere Stimme rät mir, die Beine in die Hand zu nehmen und zum Portal zu rennen. Wie lange braucht eine Rakete von Distrikt 2 nach Distrikt 13? Zehn Minuten? Fünfzehn? Die Zeit reicht wohl kaum, um alles hochzufahren. Und ich habe noch nicht mal eine Ahnung, wie das geht. Als ich das Portal benutzt habe, war immer eine ganze Schar von Technikern anwesend, die jetzt sicher anderweitig gebraucht werden. Und Katniss würde in ihrem Zustand die Reise wohl kaum überstehen. Ich verwerfe den Gedanken wieder. Ich bin hier wie alle andere gefangen. Ich kann nur hoffen, dass die Röntgenlaser-Satelliten funktionieren, und dass es das dann war. Bei einem Nuklearkrieg gäbe es nur Verlierer. Bitte, Beetee, mach keinen Fehler…
