„Haben wir schon ein voraussichtliches Ziel?" fragt jemand.
„Negativ. Rakete ist noch in der Beschleunigungsphase. Dem Kurs nach zu urteilen ist es aber die unterirdische Hauptwohneinheit von Distrikt 13!" antwortet ein anderer. Plötzlich kommen zwei finster dreinschauende Wachen auf mich zu.
„Mitkommen! Sofort!" fordert mich einer der beiden auf.
„Moment mal", entgegne ich, „wohin soll ich mitkommen?"
„Zum Portal. Die anderen sind schon auf dem Weg. Anordnung von Beetee und Coin. Die überlebenden transportfähigen Tribute und Katniss Mutter und Schwester sind augenblicklich zu evakuieren!"
„Was ist mit Katniss?" frage ich.
„Nicht transportfähig. So wie Finch. Sie bleibt hier!" erwidert der Soldat barsch.
„Dann bleibe ich auch hier!"
Der Mann packt mich am Arm.
„Tut mir leid. Direkter Befehl. Und jetzt mitkommen, oder sollen wir dich fesseln?"
Widerwillig folge ich den beiden Wachen auf den Gang.
„Los, schneller! Zum Lift!"
Das Portal liegt im tiefsten Teil der Bunkeranlage. Angeblich, damit die kosmische Strahlung besser abgeschirmt wird, die den Transfer stören könnte. Vom Lift ist es nur noch ein kurzer Weg zur Portalhalle, die wir durch eine seitliche Zugangstür betreten. Auf den ersten Blick kommt man sich vor wie in einem unterirdischen Frachtenbahnhof, mit mehreren Gleisen, darauf abgestellten Güterwaggons und einem Lastenkran, welcher benutzt wird, um Güter von der Rampe des ringförmigen, gut sechs Meter durchmesssenden Portals in die Waggons zu verladen.
Hinter dicken Glasscheiben auf einer Galerie am hinteren Ende des Raumes sitzt eine Handvoll Techniker, deren Gesichter im Licht der Computerbildschirme fahl bläulich beleuchtet werden. Prim, Katniss Mutter und Breck sind bereits eingetroffen und warten vor der Rampe des Portals.
„Peter! Da bist du ja!" ruft mir Prim zu. „Was ist mit Katniss?"
„Sie muss hierbleiben", seufze ich.
„Achtung! Ladephase startet! Portal und Rampe nicht berühren! Rote Markierung am Boden nicht überschreiten!" tönt es blechern aus einem Lautsprecher an der Decke. Ein deutlich hörbares elektrisches Brummen füllt den Raum, gefolgt von einem tiefen Pfeifen, dessen Frequenz sich langsam steigert.
„Zwei Minuten bis zur Aktivierung!"
Das Portal benötigt zur Herstellung der Verbindung dermaßen viel Energie, dass riesige Kondensatoren aufgeladen werden müssen, um die Energiespitze während der Aktivierung abfedern zu können.
„Wie fühlt sich das an, wenn man da durchgeht? Tut es weh?" fragt Breck nervös.
Ich schüttle meinen Kopf und setze ein beruhigendes Lächeln auf.
„Es ist ganz harmlos. Man spürt nur ein leichtes Prickeln, und hat kurz das Gefühl zu schweben. Du gehst einfach durch und kommst auf der anderen Seite raus."
Den Teil mit dem Entmaterialisieren lasse ich besser weg.
„Eine Minute!"
Die Zugangstür öffnet sich. Jemand kommt im Laufschritt auf mich zu. Gale.
„Peter, bevor du weg bist...", keucht er atemlos, „muss ich dir noch etwas sagen. Dass ich dich vorhin so angefahren habe...du weißt schon, dass Katniss wegen dir beinahe gestorben wäre und so weiter...das war nicht so gemeint!"
„Und wie war es dann gemeint?" entgegne ich kühl. Typisch. Zuerst schimpfen, und dann kleinlaut zugeben, dass man falsch lag.
„Ich war einfach etwas..."
„Eifersüchtig?" unterbreche ich ihn.
„Könnte man so sagen. Du musst verstehen, ich kenne Katniss seit Jahren, und für mich hat es sich so angefühlt, als ob du dich da einfach reingedrängt hattest. Aber du musst Katniss etwas bedeuten, sonst hätte sie das nie auf sich genommen", sagt Gale ruhig.
„Ich weiß", seufze ich. „Und glaub mir, ich hasse es, dass Katniss wegen mir jetzt leiden muss!"
„Sie schafft das schon", entgegnet Gale. „Und danke, dass du darauf bestanden hast, die Wiederbelebung zu riskieren. Es war die richtige Entscheidung!"
„Zehn Sekunden!" dröhnt es aus dem Lautsprecher. Der Boden beginnt zu vibrieren. Ein schwaches, bläuliches Glühen erscheint um den Portalring.
„Pass auf sie auf! Bis ich zurück bin!" bitte ich Gale.
Er nickt.
„Mach ich!"
Der Techniker zählt herunter.
„Drei, zwei, eins, jetzt!"
Ein greller Lichtblitz flackert im inneren des Portalkreises auf und taucht die Halle in ein grelles, weißblaues Licht. Prim und Breck wenden sich erschrocken ab. Mrs. Everdeen hält sich schützend die Hand vor die Augen. Das grelle Licht schwindet, und an seine Stelle tritt ein intensives, bläuliches Glühen, welches den gesamten Portalkreis ausfüllt. Das Vibrieren schwindet, lediglich ein leichtes Zittern ist noch zu spüren.
„Verbindung stabil. Timer läuft, noch neunzig Sekunden bis Timeout. Durchgangsfreigabe erteilt, bitte einzeln die Rampe betreten und zügig durch den Ring gehen!"
„Los, nicht trödeln!" mahnt uns einer der beiden Wachsoldaten die mich abgeholt haben. So sehr es mir widerstrebt, Katniss alleine zurückzulassen, ist mir doch klar, dass ich keine Wahl habe. Es geht hier nicht nur um Katniss oder mich. Prim muss überleben, sonst ist Beetees Plan hinfällig. Und in meinem Universum ist sie definitiv sicherer als hier.
„Es ist wirklich nicht schlimm", muntere ich die anderen auf, die zögerlich auf das Portal schauen.
„Gut, dann gehe ich als erster", meint Breck schließlich, und betritt die Metallrampe. Kurz vor dem Portalring hält er inne. Ich kann mir denken, warum. Die Rampe endet direkt hinter der Vorderkante des Ringes im blauen Glühen. Der letzte Schritt führt scheinbar ins Leere, und es kostet anfangs etwas Überwindung, ihn zu tätigen.
„Keine Angst, du fällst nicht runter! Die Rampe geht auf der anderen Seite weiter!" rufe ich ihm zu.
Zögernd macht der Junge einen weiteren Schritt auf das Portal zu. Breck hält kurz inne, holt tief Luft, und schreitet zügig ins das blaue Glühen. Gleißend helles Licht umhüllt seinen Körper, dann ist er weg.
„Los, Prim! Du bist die nächste!" fordere ich Katniss kleine Schwester auf.
„Ich habe Angst!" Die Stimme der Kleinen zittert.
„Die brauchst du nicht zu haben. Ich bin da schon ein Dutzend Mal durch. Wenn du willst, schließ einfach die Augen", beruhige ich Prim, und gebe ihr einen aufmunternden Schulterklaps.
„Na gut", seufzt sie, und betritt mit kleinen Schritten die Rampe.
„Sechzig Sekunden bis zum Timeout", verkündet der Techniker.
„Peter, du bist der nächste!" fordert mich einer der beiden Wachsoldaten, die mich hergebracht haben, auf.
Ohne zu zögern marschiere ich auf das Portal zu. Durch das blaue Glühen ist die Wand des Raumes schemenhaft zu erkennen. Die Metallrampe steigt leicht an und geht kurz vor dem Portal in die Waagrechte über, um im blauen Glühen zu enden. Was, wenn ich mich einfach weigern würde? Würden sie mich durch das Portal schleifen? Warum muss ich unbedingt evakuiert werden? Prim ist die Schlüsselfigur, nicht ich. Oder will Coin sichergehen, dass sie zumindest mich und Breck als Sieger der Hungerspiele präsentieren kann?
„Beeilung!" ruft mir der Soldat zu.
Schweren Herzens mache ich den letzten Schritt. Den Schritt in die scheinbare Leere. Ein angenehmes Prickeln erfüllt sämtliche Fasern meines Körpers. Ein weißes, strukturloses Licht umhüllt mich. Ich fühle mich schwerelos, als würde ich schweben. Direkt vor mir erscheint ein dunkler, kreisrunder Fleck im hellen Licht, der rasch größer wird. Das helle Licht formt eine Art Tunnel, der immer breiter zu werden scheint. Jetzt ist, umringt vom gleißenden Weiß, deutlich der Portalraum auf der anderen Seite zu erkennen. Eigentlich sollte es gar nicht möglich sein, den Übergang bewusst wahrzunehmen. Und doch ist es so. Wahrscheinlich irgendeine Spielart des Bewusstseins, die selbst im 23. Jahrhundert noch unerforschtes Land ist.
Ich bin fast am Ziel. Das weiße Glühen verschwindet hinter mir aus dem Blickfeld. Von der Vorderseite beginnt sich ein intensives Prickeln durch meinen ganzen Körper zu ziehen. Kurz fühlt es sich so an, als würde ich fallen, dann spüre ich wieder festen Boden unter meinen Füßen. Das Prickeln schwindet.
„Rasch weitergehen!" ruft mir jemand zu. Ich bin wieder zu Hause. In meiner Zeit, in meinem Universum.
Mechanisch setze ich ein Bein vor das andere, und verlasse die Rampe. Breck und Prim erwarten mich bereits. Beide starren fasziniert auf das Portal.
„Noch 45 Sekunden! Eine Person ausständig..." verkündet ein Techniker und bricht mitten im Satz ab. Auf der Galerie oberhalb des Portalraumes, der jenem in Distrikt 13 sehr ähnlich sieht, scheint plötzlich Hektik aufzukommen. Der Techniker deutet, soweit ich es von unten erkennen kann, fuchtelnd auf den Bildschirm.
„Wo bleibt Mutter so lange?" fragt Prim nervös.
Ist sie am Ende noch immer nicht durchgegangen? Das Portal verursacht vorübergehende Instabilitäten der lokalen Raumzeit, die erst abklingen müssen, bevor man eine neue Verbindung herstellen kann. Das dauert laut Beetee mehrere Stunden.
„Wir haben sie, Puffer drei. Wiederherstellungsmatrix steht, Rematerialisierung in drei, zwei, eins jetzt!"
Mrs Everdeen tritt aus dem weißblauen Glühen des Portals. Ihre Schritte wirken unsicher und zittrig. Sie versucht sich, am Geländer der Rampe festzuhalten, doch ihre Beine geben nach. Zwei Soldaten eilen ihr entgegen, und helfen ihr auf. Das Glühen des Portals erlischt.
„Transfer komplett", meldet der Techniker. „Portal auf Standby, Minimum-Zeit bis zur nächsten Verbindung acht Stunden und 36 Minuten."
Gestützt von den beiden Soldaten, kommt Mrs. Everdeen auf mich zu.
„Mein Mann! Ich will zu meinem Mann! Er lebt!" schreit sie hysterisch.
Ein älterer Mann mit kurzen, grauen Haaren in einem weißen Arztkittel betritt den Raum und mustert Katniss Mutter. Der Stationsarzt, wenn ich mich recht erinnere.
„Hören Sie! Mein Mann ist am Leben! Ich habe ihn gesehen! Ich will zu ihm!" Ihre Stimme überschlägt sich vor Aufregung.
„Klarer Fall von Puffer-Psychose", bemerkt der Arzt trocken. „Das vergeht wieder."
„Ich bilde mir das nicht ein!" kontert Mrs. Everdeen. „Ich habe mit meinem Mann geredet. Ich muss ihn aus dieser Mine rausholen, bevor sie einstürzt!"
„Ich muss sie enttäuschen", sagt der Arzt ruhig, und greift nach Mrs. Everdeens Hand. „Das sind nur Erinnerungen, die ihr Gehirn zu einer Art Traum verarbeitet hat. Wir hatten bei ihrem Transfer ein leicht instabiles Puffer-Routing und mussten ihr Energiemuster auf einen anderen Puffer umleiten, ehe wir Ihren Körper wiederherstellen konnten. Sie waren etwa fünfzehn Sekunden lang im Pufferspeicher. In diesem Zustand kommt es vor, dass einem das Bewusstsein Streiche spielt", erklärt der Mann.
Mrs. Everdeen schüttelt ihren Kopf. In ihren Augen stehen Tränen.
„Es war so echt. Zuerst war er nur ein Schatten, aber dann stand er vor mir. Er wollte mir etwas sagen, aber dann war ich auf einmal hier!"
„Es tut mir wirklich leid. Aber das ist ein ganz normaler Fall von Puffer-Psychose. Manche Leute bekommen sie, manche nicht. Zum Glück ist das nur vorübergehend. Wir geben ihnen jetzt ein leichtes Beruhigungsmittel, und bis morgen ist die Sache gegessen", versucht der Arzt Katniss Mutter zu beruhigen.
„Die Tablette können Sie vergessen! Ich lasse mich doch nicht ruhigstellen!" entgegnet sie bestimmt. So kenne ich sie gar nicht!
Der Arzt zuckt mit den Schultern.
„Wie Sie meinen. Wir zwingen Sie zur gar nichts. Wenn Sie glauben, so auszukommen, dann soll uns das recht sein. Aber falls es schlimmer wird, kommen Sie bitte umgehend auf die Krankenstation."
„Gut, dann zeigen wir unseren Gästen jetzt am besten ihre Quartiere", höre ich eine vertraute Stimme neben mir. Commander Charles Tucker, der Basisleiter.
„Lange nicht gesehen, Peter!" begrüßt er mich mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Immer gut aufgelegt.
„Ich war leider ziemlich beschäftigt da drüben", entgegne ich.
„Das habe ich gehört. Stimmt das, dass du mit einer DC-8 ein Split-S in 50 000 Fuß Höhe geflogen bist. Und die Schallmauer geknackt hast?"
Tucker war vorher Pilot in der US-Airforce.
„Das stimmt. Mein Machmeter stand bei 0.99 an, aber am Boden haben sie den Überschallknall gehört, und laut Flugdatenschreiber war ich knapp über Mach 1. Aber eines sage ich dir, der Weg durch die Schallmauer war leichter als der zurück. Null Höhenruderwirkung. Ich hab sie nur mit dem Stabilizer Trim aus dem Sturzflug wieder rausgebracht".
Tucker klopft mir anerkennend auf die rechte Schulter.
„Wenn wir mal einen Testpiloten brauchen, melden wir uns bei dir."
Dann deutet er Richtung Tür.
„Komm mal mit in den Kontrollraum. Ich muss mit dir etwas besprechen", sagt er mit einem Hauch von Geheimnistuerei in seiner Stimme. Während Prim, Mrs. Everdeen und Breck von den Soldaten durch den Gang in Richtung ihrer Quartiere eskortiert werden, bedeutet mir Commander Tucker, die Treppe nach oben zur Galerie zu nehmen, wo der Portalkontrollraum untergebracht ist.
„Wenn Sie uns alle kurz alleine lassen würden", weist Tucker die Handvoll verbliebener Techniker an.
„Aber wir sind gerade mitten drin in der Fehleranalyse, warum uns Mrs. Everdeen beinahe in Puffer vier gerutscht wäre, der ja bekanntlich nach wie vor im Diagnosemodus läuft!" entgegnet eine Frau Anfang Dreißig mit rötlichen Haaren aufgebracht. Der berühmte Puffer vier. Er scheint nie zu funktionieren, ganz gleich, wann ich komme. Dauernd im Diagnosemodus.
„Das kann warten", erwidert Tucker bestimmt. „Ich brauche nur zehn Minuten. Wegtreten!"
Missmutig machen sich die Techniker aus dem Staub. Anscheinend will der Commander mir etwas zeigen, was sonst keiner hören darf. Nachdem die Tür ins Schloss gefallen ist, bedeutet er mir, an einer Konsole mit Bildschirm Platz zu nehmen.
„Ich habe gehört, Beetee hat dich aufgeklärt, worum es bei der ganzen Sache geht", beginnt Tuckert.
Ich nicke.
„Ja, diese Prim-Geschichte."
„Gut. Du wirst dich vielleicht gefragt haben, warum du zusammen mit den anderen Distrikt 13 verlassen musstest, obwohl das Risiko eines nuklearen Treffers dank Excalibur ja recht gering ist", setzt Tucker fort.
„Das habe ich mich in der Tat gefragt. Prim darf nichts passieren, das ist klar. Ihre Mutter muss mit, damit sie nicht alleine ist. Ich und Breck, höchstens damit Coin eine schöne Parade machen kann, oder?", entgegne ich.
Commander Tucker wiegt nachdenklich seinen Kopf.
„Bei dem Jungen hast du in etwa Recht. In deinem Fall nur zur Hälfte."
„Nur zur Hälfte? Was sollte es sonst für einen Grund geben, dass ich unbedingt überleben muss, außer damit man mich als Sieger präsentieren kann, worauf ich übrigens nicht wirklich scharf bin?"
Tucker schaltet den Monitor ein und wirft einen Blick nach hinten, anscheinend um sich zu vergewissern, dass keiner zuschaut.
„Was ich dir jetzt zeige, darfst du niemandem erzählen. Offiziell hast du dieses Video nie gesehen. Verstanden?"
Ich nicke.
Der Commander ruft mit seiner Tastatur eine Art Eingabemaske auf, und setzt seinen rechten Daumen auf einen Fingerabdruckscanner. ACCESS GRANTED erscheint in dicken Lettern auf dem Schirm. Seit Windows XP hat sich hier einiges an der Benutzeroberfläche getan, doch im Grunde hat sich an der Bedienung verblüffend wenig geändert.
„Jetzt geht es los", sagt Tucker und klickt auf eine Datei, deren Name zu lang und zu kryptisch ist, um ihm mir merken zu können. Der Bildschirm zeigt nun in gestochen scharfer Qualität eine Frontalansicht von Snows Präsidentenpalast. Direkt davor sind gut zwei Dutzend Kinder in einem Pferch eingeschlossen. Das müssen die Kinder sein, die Coin bombardiert hat!
In diesem Moment schweben von oben herab Kisten an Fallschirmen zu Boden. Neugierig laufen ihnen die Kinder entgegen. Plötzlich erfüllen grelle Lichtblitze das Bild. Es ist nur eine Weitwinkelaufnahme, doch trotzdem sind Blutlachen und verstümmelte Körper genau genug erkennbar, um mir ein flaues Gefühl im Magen zu bescheren. Ich will das nicht sehen.
Commander Tucker deutet auf den unteren rechten Bildrand.
„Da kommt Katniss! Und jetzt sieh hier ganz genau hin!"
Ich starre auf den Punkt, den Tucker mir zeigt, doch ich kann nicht erkennen, worauf er hinaus will.
„Was soll da sein?" frage ich skeptisch.
„Warte, ich schalte auf Standbild und vergrößere den Ausschnitt!"
Der Commander markiert einen Bereich rund um einen Mann am unteren Bildrand. In der Vergrößerung ist zu erkennen, dass er irgendeinen Apparat auf einem Stativ in Richtung des Präsidentenpalastes ausrichtet.
„Ich schalte jetzt Bild für Bild weiter. Pass auf das Gesicht auf, wenn er sich gleich kurz umdreht", sagt Tucker.
Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
„Das bin ja ich!" rufe ich erstaunt. „Wie…wie kann das sein?"
„Gute Frage. Jedenfalls ist dieses Video der Grund, weshalb du evakuiert wurdest. Weil Beetee felsenfest davon überzeugt ist, dass du bei Prims Rettung eine wichtige Rolle spielen wirst!" erklärt Tucker.
„Und deswegen hat Beetee mich nach Panem geholt? Sag jetzt nicht, dass diese ganze DC-8-Geschichte nur ein Lockmittel war, damit ich mitspiele!" entgegne ich mit einem Hauch von Wut in meiner Stimme. Das Gefühl, benutzt und an der Nase herumgeführt worden zu sein, steigt einmal mehr in mir auf.
„So ist es nicht. Dass du auf dem Video drauf bist, hat Beetee erst gemerkt, nachdem du schon lange in Panem warst. Genau genommen war das erst, also du schon auf dem Weg ins Kapitol warst. Beetee hat sich da wieder einmal das Video angesehen, und da ist ihm der Mann mit dem Apparat aufgefallen. Einem Apparat, den Beetee erst kürzlich fertig gebaut hat. Soweit ich weiß, ist das ein Gerät zum Setzen einer Zielmarkierung, um jemanden leichter mit dem Portal erfassen zu können."
Ich lasse Tuckers Worte durch meinen Kopf gehen.
„Das bedeutet also, dass ich damit auf Prim zielen werde, damit Beetee sie rausholen kann?"
„Das sollte wohl der Plan sein, ja."
„Eines verstehe ich dann aber nicht – warum lässt man mich in die Hungerspiele, wo ich doch so wichtig bin? Ich hätte draufgehen können, und das wäre es mit dem tollen Plan gewesen!" entgegne ich.
„Es war zu spät, um dich rauszuholen. Eine Befreiungsmission hätte Coin nicht erlaubt, und ein Rausholen mit dem Portal wäre unmöglich gewesen, weil dein letzter Durchgang zu lange her war", erwidert Tucker, und beugt sich dicht an mein Ohr.
„Peter, was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben", flüstert er.
Ich nicke wortlos.
„Du musst dich vor Coin in Acht nehmen. Du bist ihr ziemlich egal. Sie braucht dich höchstens als Sieger zum Herzeigen. Sie weiß nichts von Beetees Prim-Rettungsplan. Sie darf davon auch nichts wissen. Behalte das immer im Hinterkopf. Wenn es hart auf hart kommt, wird Coin alles tun, um ihre Macht zu wahren. Du ziehst den Kürzeren."
Ich will etwas erwidern, doch Tucker bedeutet mir zu schweigen.
„Keine Silbe verlierst du darüber", mahnt er mich flüsternd. Plötzlich ertönt ein Warnsignal.
„Was war das?" frage ich.
„Die interdimensionale Kommunikationsverbindung ist abgebrochen!", entgegnet Tucker, und stürmt zu der Konsole, aus deren Richtung der Alarm kam. Der Bildschirm zeigt in großen Lettern die letzte Nachricht, die aus Distrikt 13 eingelangt ist:
ZÜNDEN EXCALIBUR 2 – ERWARTEN VERBINDUNGSABRISS DURCH EMP – MOEGLICHERWEISE LÄNGERER BLACKOUT UND NICHTERREICHBARKEIT DES PORTALS. WUENSCHT UNS GLUECK.
ENDE
Anmerkung des Autors:
An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen treuen Lesern bedanken, die mir teilweise über ein Jahr lang Kapitel für Kapitel bei dieser Geschichte gefolgt sind. Wie bereits angekündigt, ist Katniss und Peters Abenteuer noch lange nicht zu Ende. In Kürze geht es mit Teil 2 von Hunger Flight, unter einem Titel, den ich mir erst überlegen muss, nahtlos weiter.
Auf die beiden wartet eine Reihe böser Überraschungen, am Boden und in der Luft. Ich kann schon eines sagen – aus dem ruhigen Flug, den Peter Katniss „schuldet" wird wohl eher nichts werden. Also bleibt dran!
