Angel of Darkness

Der erste Kontakt

Durch ein lautes klopfen an seiner Tür wurde Raymond Kon aus seinem schönen Schlaf der Gerechten geweckt. Gott, er fühlte sich wie erschlagen und er musste sich zwingen seine Augen zu öffnen. Es war als würde er gegen eine fremde Macht ankämpfen müssen nur um so etwas triviales wie die Augen zu öffnen, durchführen zu können. Er hatte das Gefühl als hätte man ihn betäubt. Nach einigen Anstrengungen hatte er es endlich geschafft seine Augen zu öffnen und sah auf die Uhr welche sein Nachttisch zierte. ‚WAAASSSS! Das darf doch wohl nicht wahr sein. 19 Uhr. Oh Gott ich hab den ganzen Tag verpennt.' Langsam streckte Ray seine Glieder als schon wieder dieses nervende Klopfen ertönte.

„Was gibt's", fragte er und bemühte sich seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen.

Er hatte Angst. Eigentlich sollte er das ja gewöhnt sein, aber diesmal war es anders. Es gehörte zu seinem Job, mit Hilfe seiner telepathischen Fähigkeiten Kriminelle, oder besser gesagt Mörder aufzuspüren. Er wurde gerufen wenn die Polizei nicht mehr weiterkam. Meistens war dies im Falle von Massenmörder. In den letzten beiden Jahren hatte er vier dieser Sorte verfolgt und sie konnte dingfest gemacht werden. Jedoch war er jetzt mit seinen 22 Jahren ziemlich fertig. Seine Gabe zu benutzen um der krankhaft bösen Gedankenspur eines Massenmörders zu folgen war wahrlich kein Zuckerschlecken. Er arbeitete bei einer geheimen privaten Organisation, welche das FBI, den CIA sowie andere Geheimdienste der Welt beratend zur Seite stand. Jedoch war er der einzige in der Organisation der nicht als Agent ausgebildet worden war sondern nur aufgrund seiner Fähigkeiten dort schaffte. Der Grund dafür war das er nicht in der Lage war jemanden anzufassen ohne Schmerzen zu haben. Er empfand nicht nur die Gedanken der jeweiligen Person sondern auch deren Gefühle und zwar ziemlich verschärft.

Der Großteil der Menschen war nicht in der Lage seine Gefühle und Gedanken unter Kontrolle zu halten. Meistens konnte Ray sich beherrschen und einen kurzen Händedruck über sich ergehen lassen. Manchmal waren die Gefühle bei einer Berührung so schlimm das ihm übel wurde. Ray hatte Angst, furchtbare Angst. Er war zwar hergekommen, mitten in die Berge fernab der Zivilisation, um sich für ein paar Wochen zu erholen, aber jetzt war er in Gefahr. Es blieb ihm wohl nichts anders übrig als seine sieben Sachen zu packen und von hier zu verschwinden. Obwohl er eigentlich wusste das ihm dies nichts bringen würde. Dieser Mann von heute Nacht verfügte über Fähigkeiten die mehr als das 1000 Fache stärker waren als seine eigenen. Einerseits war Ray fasziniert jemanden zu treffen der über die gleiche Gabe verfügte als er selber. Bisher war ihm noch niemand gleiches begegnet. (Sr sollte darüber froh sein, er hätte es nicht überlebt *fies grins*). Aber andererseits hatte er Angst da dieser Mann seine Macht skrupellos einzusetzen wusste. Und obwohl Ray gern hier bleiben würde um einiges von ihm zu lernen, sagte ihm sein Instinkt er sollte besser so schnell wie möglich verschwinden und sich in Sicherheit bringen.

„Raymond geht es Ihnen gut?" Edgar. Ray hatte das Geschwisterpaar Edgar und Melanie Melchior gestern Abend im Speisesaal kennen gelernt als diese angekommen waren. Die beiden unternahmen mit acht weiteren Touristen eine Rundreise durch die Karpaten. Ray hatte nicht die Absicht sich mit dem Geschwisterpaar oder den anderen näher zu befassen.

„Es geht mit gut Spencer, ich hab mir, glaube ich, nur einen Virus eingefangen. Ein wenig ausruhen wird mir gut tun", erklärte Ray dem vor der Tür stehenden. „Kommen Sie den nicht zum Abendessen?" Ray hörte den enttäuschten Unterton heraus, ignorierte ihn jedoch vollkommen. Er hatte gespürt das Spencer auf ihn stand. Es ärgerte Ray das dieser Typ, obwohl er ihn erst Gestern kennen gelernt hatte, solche Ansprüche stellte als würde Ray ganz selbstverständlich auf ihn abfahren.

„Nein, tut mir leid." Ray würde sich jetzt auf keine Diskussion mit diesem eingebildeten Typen einlassen. ‚Was ist bloß heute Nacht in mich gefahren?' Diese Frage lies Ray nicht los.

Normalerweise vermied er es in näheren oder sogar körperlichen Kontakt mit Fremden zu kommen. Aber dieser Fremde hatte eine solche Traurigkeit und Einsamkeit ausgestrahlt, dass Ray gar nicht anders konnte. Die Isolation des Fremden war viel schlimmer als seine eigene und Ray hatte fühlen können das der Fremde sie nicht mehr lange ertragen konnte. Ray hatte die Gedanken an Selbstmord des Fremden vernommen. Bei einer solchen Verzweiflung konnte er nicht widerstehen. Dieser Fremde hatte ähnliche Fähigkeiten. Was Ray jedoch in Schrecken versetzte war die Tatsache das dieser seinen, Rays, Körper kontrollieren konnte ohne anwesend zu sein. Keiner sollte eine solche Macht über einen anderen Menschen haben. ‚Hätte ich mich bloß nicht eingemischt.' Tja, jetzt war es zu spät. Also stand er auf und begab sich ins Bad um sich bei einer warmen Dusche zu entspannen. Eine halbe Stunde später war er fertig. Jetzt noch abtrocknen und die langen die Haare föhnen. Dies nahm eine weitere halbe Stunde in Anspruch. Als er dann doch endlich fertig war zog er sich ein weises in chinesischem Still geschnittenen Hemd sowie eine schwarze ebenfalls chinesische Hose an. Als er fertig angezogen war begann er seine Sachen in den Koffer zu packen. Er musste hier weg. Als alles aufbruchsbereit war, nahm er den Fahrplan zur Hand und setzte sich auf das Bett. Nach kurzem suchen hatte er auch gefunden was er brauchte. Zum Glück saß er schon, denn was er las hätte ihn bestimmt umgehauen. ‚Teufel auch! Ich hätte nicht so ein abgelegenes Städtchen in den Bergen nehmen sollen.' Zwar gab es hier einen Bahnhof, jedoch fuhr der nächste Zug erst in zwei Tagen. Natürlich konnte er jemanden bitten ihn zur nächsten Stadt zu fahren, aber Ray war nicht wirklich davon angetan eine so lange Zeit mit jemandem in einem Auto auf so engem Raum zu verbringen. Ein Seufzen entrang sich seiner Kehle. Das war's dann wohl. Mit seiner Idee so schnell wie möglich zu verschwinden. In zwei Tagen war es schon zu spät, das wusste er so sicher wie er wusste das er Raymond Kon hieß.

Plötzlich vernahm er ein spöttisches Lachen.

»Willst du wirklich vor mir davon laufen, Chibi?«

Ray Herz begann schneller zu schlagen als er die Stimme vernahm, eine ihm sehr bekannte dunkle und samtige Stimme.

»Bilde dir bloß nicht ein ich hätte Angst, Mr. Macho. Ich bin hier Tourist und bin nur auf der Durchreise«

Ray saß immer noch auf dem Bett und das war im Moment auch gut so. Er wäre bestimmt hingefallen als er eine sanfte Berührung an seiner Wange spürte.

»Und wo soll es als nächstes hingehen«

»Hm. Nach Russland. Ich wollte schon immer Moskau und Sankt Petersburg besichtigen«

»Kleiner Lügner, du wolltest nach China zurückreisen. Sag mal spielst du Schach«

Ray wurde durch diesen abrupten Themenwechsel vollkommen aus dem Konzept gebracht.

»Ähhh...Schach. Ob ich Schach spiele? Ähhhh...ja? Spielst du auch«

»Selbstverständlich. Spiel mit mir« Das war wieder eine Aufforderung und keine Bitte.

»Wie, jetzt«

Ray fand die Stimme der Fremden faszinierend. Einerseits wurde er von ihr hypnotisch angezogen und andererseits zu Tode erschreckt.

»Ich muss mich erst noch Stärken, und du hast bestimmt auch Hunger. Geh runter in den Speisesaal und iss zu Abend. Wir treffen uns dann um elf Uhr«

Schon wieder. Ray war schon etwas genervt. Dieser Typ kannte wohl die Wörter ‚Bitte' und ‚Danke' überhaupt nicht.

»Wie kommst du darauf, dass ich mich mit dir treffen will«

»Nicht? Hast du Angst« Eine provozierende Frage, schließlich wollte Ray nicht als Angsthase dastehen.

»Ich mag zwar leichtsinnige Dinge tun, aber ich bin auf keinen Fall ein Narr«

»Sag mir wie du heißt« Ray spürte wie in ihm der Drang aufkam diesem Befehl zu gehorchen. Er benutzte all seine Kraft um seinen Geist komplett leer zu machen. Er bekam danach zwar fürchterliche Kopfschmerzen aber das war es ihm Wert.

»Warum kämpfst du gegen mich an. Du fügst dir damit nur selber Schmerzen zu. Ich kann fühlen wie diese Art der Kommunikation an deinen Kräften zerrt. Außerdem kann ich deinen Gehorsam auch auf andere Weise herbeiführen«

»Warum erzwingst du etwas. Du könntest es auch locker haben wenn du nur einfach danach fragen würdest« Ray merkte wie der andere mit seiner Verwirrung kämpfen musste.

»Tut mir Leid, Chibi. Ich bin es nur gewohnt zu bekommen was ich will ohne viel Mühe zu haben«

»Du solltest wirklich etwas gegen deine Arroganz unternehmen. Auch wenn du Macht besitzt heißt das noch lange nicht das du diese auch demonstrieren musst« Ray war jetzt ziemlich verärgert. Was dachte sich dieser Typ überhaupt wer er war.

»Du darfst nicht vergessen das die meisten Menschen keine telepathischen Fähigkeiten besitzen. Demnach können sie einen telepathischen Anstoß gar nicht wahrnehmen«

»Wenn es nur bei einem Anstoß bleiben würde. Aber du gibst ihnen Befehle, zwingst ihnen deinen Willen auf. Du machst aus den Menschen Marionetten. Hab ich nicht recht?«

»Du weist mich zurecht« Jetzt klang eindeutig Ärger in den Gedanken des Fremden mit. Noch keiner hatte es gewagt ihn zurecht zu weisen.

»Versuch nie wieder mich zu irgend etwas zu zwingen«

»Glaub mir Chibi, ich brauch es nicht zu versuchen. Es wäre für mich ein Kinderspiel dich gefügig zu machen« Diesmal klang eine leise Drohung in seiner Stimme mit.

»Wie ein kleines Kind das seinen Willen durchsetzten will. Ich geh jetzt runter zum Abendessen. Dir würde ich empfehlen deinen Kopf in einen Kübel kaltem Wasser zu stecken um ihn abzukühlen«

Ray fühlte sich leicht benommen. Eine solche Konversation war schon anstrengend. Bevor er sich erhob um runter zu gehen vernahm er noch mal seine Stimme.

»Verrat mir bitte deinen Namen, Chibi.«

Jetzt war Ray baff. Der große Herr hatte sich tatsächlich heruntergelassen und ihn, Ray, um etwas gebeten. Er hatte nicht befohlen und auch nicht verlangt den Namen zu wissen. Ray musste lachen.

»Raymond Kon«

»Also gut, Raymond Kon, geh essen und ruh dich aus. Ich komme um elf wieder. Wegen unserem Schachspiel« Damit brach er den Kontakt ab.

Ray sollte jetzt eigentlich erleichtert sein. Jedoch das genaue Gegenteil war der Fall. Er fühlte sich plötzlich einsam und verlassen. Diese hypnotische Stimme hatte eine Leer in ihm ausgefüllt. Der Fremde hatte etwas tief in Ray berührt und Gefühle wie Sehnsucht, Verlangen und Leidenschaft geweckt. Und dabei hatte er ihn nur auf telepathischer Ebene berührt. Auch Ray sehnte sich nach jemandem, nach einer Person die ihn verstand, die diese Leere in ihm ausfüllte und die Einsamkeit vertrieb. Er mochte diese hypnotische stimme, ebenso wie den aristokratischen Charme des Fremden. Ja sogar seine Arroganz gefiel ihm, wie er sich mit einem seufzen eingestand. Wie er wohl aussah? Aber das würde er früh genug herausfinden. Jetzt wollte er erst mal essen gehen. Als Ray im Speisesaal ankam musste er zu seinem Leidwesen feststellen, dass alle Tische besetzt waren. Er wäre liebend gern für sich geblieben. Normalerweise vermied er es sich unter so vielen Menschen zu zeigen. Es bedeutete immer einen enormen Kraftaufwand für ihn sich vor den Gedanken und Emotionen der anderen zu schützen. Während Ray sich noch umsah, bemerkte er wie sich Edgar von seinem Tisch erhob und ihn zu sich winkte. Ray wollte keinen Aufstand machen, also setzte er ein falschen Lächeln auf, schirmte seinen Geist ab und bewegte sich auf den Tisch zu.

„Oh Raymond. Schön Sie zu sehen. Kommen Sie, setzten Sie sich. Darf ich Ihnen Mr. Und Mrs. Sunday vorstellen? Sie kommen aus den Vereinigten Staaten." Ray grüßte höflich, vermied jedoch jeglichen Körperkontakt. Er setzte sich hin und wartete dann auf sein Essen, welches auch alsbald kam. Edgar und seine Schwester waren ihm mehr als lästig. Ray hatte schon gestern bemerkt, dass beide auf ihn scharf waren. Seine Kopfschmerzen nahmen aufgrund der Anstrengung stetig zu. Er hatte das Gefühl in seinem Kopf würde Tausende und Abertausende von Minen hochgehen. Völlig überraschend kam für ihn der folgende Körperkontakt. Edgar hatte seinen Arm auf Rays Schulter gelegt und sah ihn lüstern an.

„Ray, was halten Sie von einem kleinen Spaziergang an der frischen Luft?" Ray wurde von einem furchtbaren Schmerz durchzuckt, schüttelte die Hand ab, kam jedoch nicht mehr dazu zu antworten.

Kai hatte sich, nachdem er den Kontakt zu Ray abgebrochen hatte aus dem Haus begeben. Er brauchte Nahrung. Gemächlich ging er durch die Straßen auf der Suche nach jemandem geeigneten. Hier und da grüßte er die Leute. Kai war bekannt in dem kleinen Städtchen und die Menschen respektierten ihn. Nach längerem suchen fand er einen jungen Mann. Er sah kräftig und gesund aus. Eine Weile unterhielt Kai sich mit ihm, dann sprach er den Befehl aus, legte den Arm um den Jungen Mann um ihn zu stützen damit dieser nicht hinfiel. Er führte ihn in eine dunkle Ecke des nahe gelegenen Waldes um sich zu stärken. Kai gab acht seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Er trank nur so viel wie nötig. Er wollte den jungen Mann nicht gefährden, er kannte und mochte ihn. Dieser würde sich wenn er aufwachte ein wenig müde fühlen, würde sich jedoch nur noch an die angeregte Unterhaltung welche er mit Kai geführt hatte erinnern. Nachdem er fertig war verschloss er die Öffnung sorgfältig. Er wollte keine Spuren hinterlassen.

Plötzlich durchfuhr ein Schmerz sein Bewusstsein. Ray! Kai ließ den jungen Mann vorsichtig los und folgte der telepathischen Spur. Er konzentrierte sich auf Ray. Kai hatte diese Fähigkeit schon Ewigkeiten nicht mehr genutzt und sie war ein wenig eingerostet aber er konnte trotzdem noch gut ‚sehen'. Und was er sah gefiel ihm nicht. Ray saß am Tisch im Speisesaal, in Gesellschaft von weiteren vier Personen, Er hatte starke Kopfschmerzen. Plötzlich legte der Mann welcher neben Ray saß seine Hand auf dessen Schulter und fragte nach einem Spaziergang. In Kai explodierte eine solche Wut. Ein Mensch hatte es gewagt Ray, seinem Ray Schmerzen zuzufügen. Ob dies mit oder ohne Absicht erfolgt war spielte für Kai keine Rolle. Wie der Blitz eilte er zum Gasthof.

Ray schlug die Hand von Edgar weg. Sein Kopf drohte zu explodieren. Aber was er am meisten spürte war SEINE Wut. Er kam immer näher. Die Luft im Raum wurde plötzlich unerträglich drückend. Draußen zog ganz plötzlich ein Sturm auf. Äste schlugen gegen die Mauern des Gasthofes; die Fensterläden klapperten. Man konnte einige der Kellner dabei beobachten wie sie sich bekreuzigten und beklommen in die finstere und sternenlose Nacht hinaus schauten. Im Speisesaal war es urplötzlich still geworden, die Gäste hielten den Atem an. Ray konnte beobachten wie Edgar ganz plötzlich nach Luft schnappte, sich an die Kehle griff als wollte er sich aus einem Würgegriff befreien. Einige der Kellner kamen vorbeigelaufen und wollten ihm helfen, die meisten Gäste reckten ihre Hälse um mitzubekommen was da los war. Ray dachte er würde den Verstand verlieren, seine geistige Blockade war so gut wie nicht mehr vorhanden. Er fühlte Schmerzen, Angst, Panik. All diese Emotionen stürzten aus dem Raum auf ihn ein und er hatte nur noch einen Wunsch, endlich raus aus diesem Laden bevor er zusammenbrach.

»Lass ihn frei.« Ray wusste er konnte ihn hören. »Bitte, tu mir den Gefallen und lass ihn frei.«

Edgar sank plötzlich in die Knie und schnappte nach Luft. Er fühlte sich eine Ohnmacht nahe. Einem Reflex zufolge wollte Ray auf ihn zugehen um ihm aufzuhelfen.

»Fass ihn nicht an.« Der Satz war ganz leise gedacht dafür klang er umso bedrohlicher. Ray wollte nur noch weg. Er fühlte wie sein Magen rebellierte.

„Raymond." Eine ruhige, sanfte Stimme. Sie umhüllte Ray wie eine Oase der Ruhe inmitten dieses Chaos. Dunkel, samtig und unendlich beruhigend.

Als Kai den Speisesaal betrat wurde es eigenartig ruhig. Er strahlte Stolz, Arroganz und eine absolute Autorität aus. Er war groß, von athletischer Statur. Jedoch waren es seine graublauen Haare sowie seine dunkel Roten Augen welche die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zogen. Mit diesen Augen konnte er genau wie mit seiner Stimme jeden in seinen Bahn ziehen. Zielstrebig ging er auf den Tisch, wo Ray stand zu, die Angestellten machten respektvoll Platz.

„Oh, Mr. Hiwatari. Es ist uns eine Ehre Sie in unserem Bescheidenen Haus begrüßen zu dürfen." Die Wirtin war vollkommen außer Atem vor Überraschung einen so hochrangigen Gast in ihrer Hütte zu haben. Kai bedachte sie mit einem flüchtigen Blick. „Ich bin hier um Raymond abzuholen. Wir sind verabredet. Er hat mich zu einer Partie Schach herausgefordert." Keiner wagte irgend einen Einwand zu erheben.

„Ich wünsche ihnen viel Vergnügen," wünschte die Wirtin mit einem Lächeln. Langsam ging Kai auf Ray zu und hob ihn auf seine Arme um ihn raus zu tragen. Kai konnte fühlen was in Ray vorging, er merkte das dieser kaum mehr in der Lage war sich auf den Beinen zu halten. Ray hingegen wollte nicht angefasst werden und als der Fremde ihn auf seine Arme hob kniff er die Augen zusammen und erwartete den Schmerz. Jedoch geschah nichts. Kai hatte seinen Geist abgeschirmt. Ray fühlte nichts außer Ruhe. Er konnte weder die Gedanken noch die Emotionen des Fremden wahrnehmen. Das war ihm bis jetzt noch nie passiert.

„Wo bringst du mich hin?" fragte er als er merkte wie sie sich immer mehr von der Stadt entfernten und in den Wald eintraten. Verstohlen musterte Ray den Fremden. Er sah gut aus, sehr gut sogar. Seine silberblauen Haare reichten ihm bis zur Schulter und waren im Nacken zusammengebunden. Die markanten und edlen Gesichtszüge, von denen Ray nicht wusste ob er sie einem Engel oder einem Teufel zuordnen sollte. Die aristokratische Nase und die feingeschwungenen Lippen gaben dem Gesicht einen Touch Erotik.

Am auffälligsten jedoch waren seine Augen. Dunkle Rubinrote Augen. Ray wusste nicht wie er sie am besten beschreiben sollte. Einerseits hatte man das Gefühl in diesen Augen währen die gesamten Feuer der Höhle gefangen. Andererseits konnte man darin einen Stolz erkennen der einem Phönix alle Ehre machen würde.

„In mein Haus. Wir haben schließlich eine Verabredung, oder hast du das schon vergessen", antwortete er auf Rays Frage. „Übrigens, ich bin Kai Alexander Hiwatari."

Ray sah ihn kurz an.

„Sag mal hast du mich jetzt gerettet oder entführt?"

„Ein bisschen von beidem, glaube ich."

„Lass mich runter Hiwatari, ich kann selber gehen." Ray hatte schon gemerkt, dass es rein gar nichts brachte, wenn er wie wild herumzappelte um frei zu kommen. Seine Befreiungsversuche machten seinem Begleiter anscheinend nichts aus. Plötzlich umklammerte Ray seinen Hals, er bekam Angst als er mehrere Schatten bemerkte die ihnen anscheinend folgten.

„Kai", korrigierte er Ray mit einem sanften Lächeln. „Hast du die Wölfe gesehen?" Als Ray zaghaft nickte fuhr Kai mit beruhigender Stimme fort. „Keine Angst, Chibi. Die tun dir nichts. Sie sind genauso wie ich hier zu Hause. Wir leben in Frieden miteinander."

Ray war dann doch etwas erleichtert und beruhigt.

„Wirst du mir weh tun?"

„Keine Angst. Ich gehöre nicht zu denen die sich an unschuldigen Lebewesen vergreifen."

„Aber Edgar hättest du um ein Haar umgebracht."

„Er hat dich angefasst und dir Schmerzen zugefügt."

„Aber das war doch nicht mit Absicht."

„Verteidige ihn nicht, Chibi. Jemand der dir Schmerzen zufügt, ob mit Absicht oder nicht, hat in meinen Augen keinen Existenzgrund mehr." In der Zwischenzeit waren sie am Haus angekommen. Soweit Ray in der Dunkelheit erkennen konnte war es sehr groß und hatte zwei Stockwerke.

„Willkommen in meinem Haus." Gleich darauf, folgte Kais nächster Satz. „Betrittst du mein Haus aus freien Stücken?" Überrascht sah Ray zu Kai. Die Frage hatte feierlich geklungen und Ray konnte so etwas wie Angst in Kais Gesichtszügen bemerken.

Trotzdem traute sich Ray nicht zu antworten. Er hatte das Gefühl mit dieser Antwort einen Teil seines Schicksals zu besiegeln.

„Bringst du mich zum Gasthof zurück, wenn ich mit Nein antworte?" Gespannt wartete er, aber Ray konnte sich die Antwort schon denken. Als Kai den Kopf verneinend schüttelte sah sich Ray in seiner Annahme bestätigt. Also nickte er zustimmend.

„Sag es. Aus freien Stücken", forderte Kai ihn auf.

„Aus freien Stücken", antworte Ray leise. Danach schob Kai die schwere Tür auf, und sie betraten das Haus.