Angel of Darkness
Rays beginnende Verwandlung
Der Weg bis nach Hause war für Kai äußerst schmerzhaft. Wegen dem erlittenen Blutverlust brauchte er dringend Blut. Eigentlich wäre das ganze für Kai kein Problem. Er hätte seine Atmung eingestellt um den Blutverlust zu reduzieren. Jedoch seit er Ray kannte hatte sich für ihn einiges geändert. Durch Ray und die Tatsache, dass jemand da draußen war und jeden ihrer Schritte beobachtete. Er konnte es nicht genau bestimmen, aber sein Instinkt riet ihm zur Vorsicht. Ray erwartete sie schon an der Tür. Schweigend machte er Platz als die Männer Kai ins Haus trugen. Er war verletzt. Es verletzte Ray, dass Kai seine Hilfe abgewiesen hatte. So wie es aussah mochte Kai die Anwesenheit seiner eigenen Leute lieber als Rays. Aber er würde sich nicht anmerken lassen wie er sich fühlte und presste die Lippen zusammen. Er sah sich Kai genauer an. Dieser lag jetzt in seinem Bett. Er musste sich vergewissern, dass es Kai gut ging.
„Soll ich einen Arzt rufen", fragte er zögernd. Jedoch hatte er das Gefühl nur im Weg zu sein. Instinktiv spürte er, dass sie Kai nicht behandeln würden, nicht solange er im Raum war. Kai streckte seine Hand nach Ray aus.
„Nein, Chibi", flüsterte er.
„Kai, du brauchst Hilfe. Sag mir was ich tun kann um dir zu helfen." Ray hatte Mühe nicht in Tränen auszubrechen. Mit einem warmen Ausdruck in den Augen sah Kai ihn an.
„Ray, mach dir keine Sorgen. Die wissen was sie tun müssen. Dies ist weder meine erste noch meine schlimmste Verletzung." Ein bitteres Lächeln schlich sich auf Rays Lippen.
„So sahen also deine dringenden Geschäfte aus?"
„Ray, du weißt, dass ich nach den Mördern meiner Schwester suchen muss", entgegnete Kai leise und erschöpft.
„Du sagtest mir es wäre nicht gefährlich. Kai du hättest mich nicht anlügen müssen."
Kai wusste, dass er Ray verletzt hatte.
„Ich wollte eigentlich nur Nachforschung anstellen. Ich habe nicht absichtlich gelogen. Ray es war ein Unfall. Ich hatte nicht vor mich anschießen zu lassen."
„Wie schlimm ist die Verletzung?"
„Es ist nur ein Kratzer, Ray. Mach dir keine Sorgen." Kais Unbehagen wuchs. Ray hatte wieder diesen grüblerischen Gesichtsausdruck. Kai wollte sich nicht mit ihm streiten. Er wusste zwar, dass Ray ihn nicht verlassen konnte. Aber er wollte nicht, dass Ray sich wünschte ihn zu verlassen.
„Bist du verärgert?"
„Nein, Kai, bin ich nicht", sagte Ray leise. „Ich bin enttäuscht." Traurig sah er Kai an. "Du hattest mir versichert, dass es keine Unaufrichtigkeit zwischen uns geben könnte. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit hast du mich aber angelogen. Kai du verlangst so viel vertrauen von mir. Wie wäre es, wenn du auch mir vertrauen würdest? Weißt du ich muss ehrlich sagen, dass einige Angehörige deines Volkes echt nachlässig sind. Sie bemühen sich nicht einmal ihre Gedanken abzuschirmen. Da draußen läuft ein Mensch herum mit den gleichen Fähigkeiten wie ich. Er sucht mit Hilfe von Telepathie seine Opfer aus. Auch wenn euch meine Meinung nicht viel bedeutet, rate ich euch vorsichtiger zu sein."
Ray zog sich von Kai zurück. Er bemühte sich nicht zu weinen. Er fühlte jetzt schon den Schmerz des Verlustes. Er würde für niemanden mehr so empfinden können, wie für Kai. Jedoch wusste er, dass er so nicht leben konnte. „Und noch was Kai, bemüh dich nicht etwas zu sagen. Weißt du ich habe deinen ‚kleinen Kratzer' gesehen. Und du hattest Recht. Außer euch war noch jemand da draußen. Ich habe euch beobachtet. Weißt du Kai, ich komme aus einer Welt, wo Aufrichtigkeit bedeutet, dass man einander die Wahrheit sagt."
Langsam zog Ray den Ring von seinem Finger und lies ihn auf das Nachschränkchen neben dem Bett fallen.
„Vielleicht enttäusche ich dich jetzt Kai. Es tut mir leid, wenn das der Fall sein sollte. Aber, so wie es aussieht passe ich nicht in deine Welt. Ich habe nur eine Bitte: Halte dich fern von mir. Ich will keinen Kontakt zu dir. Ich werde jetzt zum Gasthof zurückkehren. Mit dem nächsten Zug werde ich abreisen." Ray drehte sich um.
„Leb wohl Kai." Damit wollte er das Zimmer verlassen, als ihm die Tür vor der Nase zugeknallt wurde. „Kai, gib die Tür wieder frei. Du brauchst medizinische Versorgung und anscheinend bekommst du sie nicht, solange ich noch im Zimmer bin."
„Lasst uns allein!", herrschte Kai die anderen an. Diese ließen sich das nicht zweimal sagen und verließen das Zimmer.
„Ray, komm zu mir. Bitte", bat Kai sanft aber auch verzweifelt. Es schnitt Ray ins Herz, aber er musste hart bleiben.
„Kai, bitte. Mach es nicht schwerer als es schon ist."
„Ray, wenn du nicht kommst dann komme ich zu dir."
„Kai, lass es sein. Du bist verletzt und zu schwach dazu. Gib die Tür wieder frei!"
Ray blieb stur mit dem Gesicht zur Tür stehen. Da er auf stur schaltete machte Kai Anstalten das Bett zu verlassen. Sofort war Ray bei ihm und drückte ihn in die Kissen zurück.
„Kai, bist du wahnsinnig? Du bist verletzt."
„Ray, du darfst nicht gehen. Du bist der Grund wieso ich noch am Leben bin. Ich bin nicht Fehlerfrei. Ich habe gesagt, dass ich Fehler mache. Aber ich bitte dich, gib uns nicht so einfach auf. Du weißt alles wichtige über mich. Du kennst meine Gefühle, kannst meine Gedanken lesen. Bitte Ray, ich brauche dich. Ich könnte dir nie weh tun."
„Das hast du aber schon Kai", entgegnete Ray leise.
„Die ganze Situation verletzt mich, Kai. Da draußen ist deine Familie. Ich gehöre nicht hierher, komme aus einem anderen Land, gehöre sogar einer anderen Rasse an."
„Du hast Recht Ray. Ich hatte dir versprochen, dass es keine Lügen zwischen uns geben würde. Ich habe trotzdem das Bedürfnis dich vor allem was dich erschrecken und dir schaden könnte zu beschützen. Bitte Ray, geh nicht. Es würde mich umbringen, wenn du mich verlässt."
Kai sah dabei Ray in die Augen. Es lag eine solche Verletzlichkeit darin, dass Ray schwer schluckte. Er konnte den Wahrheitsgehalt von Kais Worten in seinen Augen lesen.
„Bitte Ray. Gib unsere Beziehung nicht auf, bitte", flehte Kai und zog Ray dabei in seine Arme, küsste ihn verzweifelt. Ray durfte nicht gehen. Der Verlust würde ihn umbringen, würde sie beide umbringen.
„Kai, du hast mich verletzt", gestand Ray leise.
„Ich weiß, Chibi und es tut mir auch sehr leid. Bitte verzeih mir."
„Ist es denn so einfach, Kai", fragte Ray und der Anflug eines Lächelns breitet sich auf seinem Gesicht aus.
„Nein, Chibi ist es nicht. Aber mehr kann ich dir momentan nicht geben", erklärte Kai leise.
„Ich werde jetzt gehen. Du brauchst Hilfe. Ruf mich, wenn es dir wieder besser geht. Und ich verspreche dir nicht abzureisen, bis du wieder gesund bist."
„Ray, trag den Ring wieder."
„Nein Kai", sagte Ray kopfschüttelnd. „Lass das Ganze eine Weile ruhen. Ich muss über alles nachdenken."
„Bitte Ray, er wird dir Sicherheit geben. Ich werde Morgen den ganzen Tag sehr tief schlafen müssen. Ich werde nicht erreichbar sein und das Gasthaus ist zu einem Nest voller Mörder geworden." Kai wusste, Ray würde jetzt annehmen er würde irgendein Schlafmittel bekommen.
„Kai, ich kann auf mich selbst aufpassen. Und ich werde mich von diesen Leuten fernhalten."
„Bitte Ray nimm den Ring wieder. Es ist mir sehr wichtig, dass du ihn trägst."
„In Ordnung, Kai. Ich werde jetzt zum Gasthof gehen."
„Andrej wird dich begleiten. Und ruh dich aus Ray, ich hole dich dann morgen Abend ab."
„Du bist aber sehr optimistisch."
„Wir Karpatianer heilen sehr schnell."
Bevor Ray entlassen war, wurde er von Kai noch mal dazu gedrängt ein Glas Saft zu trinken. Endlich kamen die drei anderen Männer wieder ins Zimmer herein. Einer jedoch blieb an der Tür stehen. Er sah aus wie eine sanfte Ausgabe von Kai.
„Du must Andrej sein."
„Und du bist Ray." Er sah kurz auf den Ring und begann vor sich hin zu grinsen.
„Es war der einfachste Weg, damit er sich behandeln lässt", erklärte Ray mit hochgezogenen Augenbrauen. Durch Andrejs Augen zu ‚sehen' war Ray nicht möglich gewesen. Er hatte seine Gedanken sehr gut abgeschirmt. [Ist ja auch ein Hiwatari, ne]. Bei Bryan war es kein Problem gewesen in seine Gedanken einzudringen ohne das dieser es mitbekam. Ray wollte gerade zur Haustür als Andrej den Kopf schüttelte und ihn mit dem Finger zu sich rief.
„Er will, dass du ein Glas Saft trinkst."
„Ich habe aber nicht gesagt, dass ich es auch tun würde", erklärte Ray stur.
„Na, na. Ich habe Zeit. Wir können die ganze Nacht hier stehen. Kais Haus ist sehr gemütlich", grinste Andrej. Ray hätte ihn liebend gern angefaucht.
„Du bist genau wie Kai. Und das war nicht als Kompliment gedacht", fügte Ray hinzu als sich ein hocherfreuter Ausdruck auf Andrejs Gesicht breit machte. Sein ganzer jugendlicher Charme steckte in dem Lächeln welches er Ray schenkte. Er würde bestimmt viele Frauenherzen brechen, da war sich Ray sicher.
„Du bist bestimmt mit ihm verwandt", mutmaßte Ray weiter. Irgendwie war er sogar davon überzeugt. Er besaß den gleichen Charme, das gleiche Aussehen wie Kai.
„Ja, Kai erinnert mich gelegentlich daran", stimmte Andrej zu und goss Apfelsaft in ein Glas welches er Ray reichte. Als der Geruch des Getränkes Ray in die Nase stieg musste er sofort gegen die aufkommende Übelkeit ankämpfen.
„Lass dir doch von Kai helfen."
„Er ist verletzt. Ich möchte ihn nicht auch noch damit belasten."
„Tja, aber du weißt, dass er sich weigern wird zu schlafen und sich behandeln zu lassen", erwiderte Andrej ernst. „Also, ich würde vorschlagen du bittest ihn um Hilfe oder wir stehen bis in alle Ewigkeit hier."
„Ja, ja jetzt redest du auch schon wie er, grrr."
»Kai, ich brauche deine Hilfe« Die bekam er dann auch umgehend, und in Null Komma nichts war das Glass gelehrt.
„Du hattest Recht, er hat sich tatsächlich geweigert sich behandeln zu lassen."
„Unsere Gefährten stehen bei uns an erster Stelle, sind wichtiger als unser eigenes Leben."
Die Fahrt im Auto zum Gasthof verlief ruhig und dauerte nicht lange.
„Sei vorsichtig, Ray", riet ihm Andrej beim Aussteigen.
„Ich pass schon auf mich auf, keine Sorge", beruhigte Ray seinen Begleiter und betrat das Gebäude.
Andrej machte sich sofort auf den Weg nach Hause. Obwohl er selber nicht hier geboren war fühlte er sich schon sehr einheimisch. Ursprünglich kam das Volk der Karpatianer aus der Gegend, aus den Karpaten, jedoch verstreuten sie sich relativ schnell auf der ganzen Welt. Seine Uhruhrgroßeltern zogen nach Russland. Zu der Zeit war am Zarenhof recht viel los. St. Petersburg war die Gesellschaft Stadt schlechthin. Der Adel und jeder der was auf sich hielt war dort versammelt. Seine Uhruhrgroßmutter war immer schon recht gesellig gewesen und zu der damaligen Zeit fanden die ganzen Gesellschaften und Bälle eh nur Abend statt. Tagsüber schlief die gute Gesellschaft. Seine Großmutter heiratete dann einen französischen, in Russland lebenden, Karpatianer. Seinen Großvater Voltaire.
Er war von vielen in der Geschäftswelt gefürchtet, jedoch war er ein einigermaßen guter Anführer. Leider hatte er nur eine Tochter, ihre Mutter. So ging das Amt des Anführers auf ihren Ehemann, Roman Hiwatari, über. Er war ebenfalls ein ,in Russland lebender ,Karpatianer. Mann könnte jetzt davon ausgehen, dass Kai und er ja eigentlich Russen waren. Jedoch viel das keinem auf. Sie sprachen mehrere Sprachen, flüssig. Seine Eltern und Großeltern vielen dem Verfolgungswahn der Fanatiker zum Opfer. Jetzt hatte er auch seine kleine Schwester an die verloren. Er wollte nicht auch noch seinen Bruder verlieren. Sie hatte sich in die Karpaten zurückgezogen um in Sicherheit vor den westlichen Fanatikern zu sein.
Die Menschen hier waren abergläubisch, das war wahr. Jedoch würden sie nie hergehen und ein Mietglied ihrer Gemeinde lynchen, nur weil irgendjemand fand der oder die währen Hexen, oder so was. Die Menschen lebten mit ihren Legenden und dem Aberglauben. Er war ein Teil ihres Lebens. Jedoch nach dem Fall der kommunistischen Regierung, kam der westliche Einfluss. Die Fanatiker, die sich aufmachten ins Land der Vampire. Einige um sie auszulöschen, andere um welche zu finden und auch so zu werden. Es war ekelhaft. Sie hatten keinem aus den westlichen Ländern etwas getan und trotzdem kamen diese hierher in ihr Land mit dem Vorsatz sie zu töten.
Andrej zwang sich nicht mehr an die Vergangenheit zu denken. Sein Bruder brauchte seine Hilfe. Zu Hause angekommen, ging er sofort in Kais Zimmer und erfasste mit einem Blick die Situation. Er trat ans Bett und packte seinen Bruder an den Schultern.
„Kai, trink", befahl er. Sein Gesicht war wutverzerrt als er sich an Max wandte.
„Wie konntest du ihn so lange leiden lassen?"
„Er hat nur an Ray gedacht", verteidigte sich dieser.
„Kai, er ist in Sicherheit. Wenn du nicht um deinetwillen trinken willst, dann tu es für ihn. Keiner von euch kann ohne den anderen überleben. Also, wenn du jetzt draufgehst ist das Rays Todesurteil." Andrej bemühte sich seine Wut unter Kontrolle zu bekommen.
„Nimm mein Blut, ich gebe es dir freiwillig." Er würde sein Leben für Kais geben. Auch die anderen begannen mit dem Heilungsritual. Sie verstreuten Kräuter auf dem Bett wo Kai lag und murmelten Zauberwörter. Die heilende Erde, hatten sie mit Kräutern und dem karpatianischen Speichel gemischt. Die daraus entstandene Paste, verteilten sie auf die Wunde. Andrej hielt Kai sein Handgelenk hin, um ihm von seinem Blut Lebenskraft zu spenden. Kai konnte fühlen wie dir Kraft in seine geschwächten Körperteile zurückkehrte. Andrej begann zu zittern aber er hielt Kai weiterhin fest, bis sich dieser widersetzte.
»Nein! Es reicht! Ich gefährde dich«
„Nein, es ist noch nicht genug mein Bruder." Andrej redete sanft auf Kai ein bis sich dieser wieder beruhigt hatte und sich überreden ließ. Nach einer Weile war Andrej dann doch zu schwach und er winkte Max zu sich heran. Dieser bot Kai nun seinerseits sein Handgelenk an. Als Kais Gesicht wieder etwas Farbe hatte beendeten sie das Ritual. Bryan legte den Arm um Andrej und stützte ihn.
„Geht es ihm gut", fragte Kai besorgt. Voller Zuneigung sah er seinen Bruder an. Dieser hob den Kopf und lächelte ihn aufmunternd an.
„Also, ich hatte Mühe dir aus der Klemme zu helfen, großer Bruder. Man könnte meinen ein Mann der 200 Jahre älter ist als ich, könnte besser auf sich aufpassen."
„Du wirst frech Kleiner, wenn ich auf der Nase liege", lächelte Kai müde.
„Kai, Max und ich müssen uns stärken. Du solltest dich auch in die Erde schlafen legen. Du wirst bald anfangen unter der Trennung zu Ray zu leiden, da brauchst du alle Energie die du hast", erklärte Bryan.
„Ich werde das Haus sichern, über dir schlafen und für deine Sicherheit sorgen", bestimmte Andrej. Er brauchte ebenfalls den tiefen Schlaf und er würde da bleiben. In diesem Zustand würde er Kai nicht allein lassen. Er wollte verhindern, dass Kai das Gleiche Schicksal widerfuhr wie seiner einzigen Schwester.
„Nur fünf Minuten in Rays Gesellschaft und schon zettelst du eine Meuterei an", lächelte Kai. Schon wieder überkamen ihn Schuldgefühle Ray gegenüber.
»Chibi«, rief er ihn.
»Kai, geht es dir besser« Ray war erleichtert. »Ich habe dich schon früher gehört. Wie geht es Andrej? Ich habe deine Sorge gespürt«
»Er ist müde. Er hat mir Blut gespendet« Der Kontakt machte Kai müde, aber er konnte ihn noch nicht abbrechen.
»Schlaf jetzt Kai, ich kann spüren wie müde du bist«
„Kai, sprichst du etwa mit ihm", fragte Max empört. Aber Andrej bedeute ihm es sein zu lassen.
„Max, du hättest wissen müssen, dass er es trotzdem tut."
»Ray, der morgige Tag wird sehr schwer für dich werden. Du wirst dich nach mir sehnen, ohne mich erreichen zu können. Du wirst Schwierigkeiten mit Essen und Trinken haben«
»Kai, ich werde es überleben. Mir wird nichts passieren. Versprochen«
»Ray, ich liebe dich. So heißt es doch in der Sprache deines Volkes, oder«
»Kai, du bist mein Gefährte, wie man in der Sprache deines Volkes sagt«
Danach beendete Ray den Kontakt. Er konnte fühlen wie schwach und müde Kai war.
Nach der Beendung der Verbindung, lag Ray noch eine ganze Weile auf seinem Bett und starrte die Decke an. Er fühlte sich einsam und allein. Eigentlich war das lächerlich. Er war schon immer allein gewesen, sein ganzes Leben lang. Jetzt war Kai in sein Leben getreten und alles hatte sich innerhalb weniger Tage grundlegend geändert. Ray wollte jetzt allerdings nicht darüber nachdenken. Er würde es sich mit einem Buch gemütlich machen und entspannen. Gedacht getan. Er stand auf und holte eines seiner Taschenbücher aus seinem Koffer. In dem Buch ging es ebenfalls um die Verfolgung von Mördern jedoch gewürzt mit sehr viel Leidenschaft, Intrigen und Verrat.
Nach etwa zwei Stunden in denen Ray die Zeilen und Absätze zwei bis dreimal durchlesen musste und trotzdem nicht ganz richtig die Handlung mitbekam, warf er das Buch frustriert in die Ecke des Zimmers. Er konnte sich beim besten Willen nicht konzertieren. Er musste immerzu an Kai denken. Was empfand er für ihn? Ray kannte einige Paare die Liebe füreinander empfanden, glaubten sie. Aber waren die Gefühle welche er Kai entgegenbrachte Liebe? Eher nicht.
Für Ray sah sehen diese Gefühle eher aus wie Besessenheit. Natürlich kannte er Kais Gefühle. Sie waren wild, leidenschaftlich, einnehmend und besitzergreifend. Ray wusste, dass Kai die Wahrheit gesagt hatte. Es würde für Kai nur ihn, Ray, geben. Aber wollte er denn hier bleiben? Die Art und Weise wie er auf Kai reagierte machte ihm Angst. Aufgeregt lief er im Zimmer hin und her, während er versuchte sich Klarheit zu verschaffen. In China wartete niemand auf ihn. Es würde ihn keiner vermissen, wenn er einfach hier blieb. In seinen Job wollte er auch nicht mehr zurück. Er brauchte nur an Kai zu denken und sein Körper stand in Flammen, sein Herz begann zu rasen als wolle es aus seinem Körper heraus auf Kai hüpfen, um für immer da zu bleiben.
Kai war eigentlich ein harter Mann, der Anführer eines ganzen Volkes, ein Mann der es gewohnt war zu befehlen und dass man diese Befehle auch ohne Wiederworte befolgte. Seine Augen blickten kühl und abschätzend. Nur wenn er ihn ansah waren sie voller Wärme und Zuneigung, Leidenschaft und Verlangen. Auf dem sonst so ausdruckslosen Gesicht bildete sich, für Ray, ein sanftes Lächeln. Ray musste sich eingestehen, dass er sich nach Kai sehnte. Er war für Ray wie eine Droge. Ohne Kai fühlte er sich einsam aber vor allem leer. Er versuchte einen telepathischen Kontakt zu Kai herzustellen, jedoch alles was er fand war Leere. Verzweifelt lief er im Zimmer auf und ab, versuchte die aufkommende Leere und Einsamkeit in sich zu unterdrücken. Bestimmt schlief Kai. Es ging ihm bestimmt wieder besser. Aber er konnte die Argumente seines Verstandes nicht lange aufrecht halten. Er versuchte erneut Kai zu kontaktieren aber er konnte ihn nicht erreichen...
Seine Gefühle übernahmen die Kontrolle. Verzweiflung überrannte ihn. Er war allein und einsam. Er fühlte sich leer. Kai war weg. Er hatte ihn verlassen. Er war einfach weg. Verzweifelt raufte Ray sich die Haare. Schmerz und Verzweiflung überfluteten ihn. Ohne Kai machte sein Leben keinen Sinn. Zufällig fiel sein Blick auf das Fenster. Ja, das war es. Vielleicht sollte er sich vom Balkon stürzen. Dann würden die Schmerzen, Leere und Verzweiflung verschwinden. Zielsicher ging er auf die Balkontür zu, öffnete sie und trat an das Geländer, krallte seine Hände an dem Holz des Geländers fest. Es war einen schöne klare Nacht. Vom Balkon hatte Ray einen guten Blick auf die atemberaubend schöne Landschaft, die Wälder, die Berge im Hintergrund. Die Sonne würde bald aufgehen und das ganze in ein goldenes Licht tauchen. All das interessierte Ray nicht, er sah die Schönheit der Natur nicht. Mit leerem Blick sah er vor sich hin, Tränen liefen unaufhörlich seine zarten Wangen entlang. Mit den Fingern berührte er zwei Einkerbungen im Holzgeländer. Zärtlich strich er darüber als würde er dadurch Trost erhalten.
„Herr Kon"
Erschrocken fuhr Ray herum. Er war so sehr mit seinem Kummer beschäftigt gewesen, dass er niemanden bemerkt hatte.
„Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken", sagte Pater Jürgens ruhig und erhob sich aus dem Stuhl, welcher in einer Ecke des Balkons stand. Er hatte sich zwar eine Decke um die Schultern gelegt aber Ray konnte sehen, dass er fröstelte.
„Ray, Sie sind hier draußen nicht sicher", bemerkte er leise aber eindringlich und schob Ray langsam wieder ins Zimmer hinein. Dann schloss er sorgfältig die Tür.
„Was um alles in der Welt habe Sie da draußen gemacht? Und wie kommen Sie auf meinen Balkon", fragte Ray.
„Oh, das war gar nicht schwer", erklärte Robert verschmitzt.
„Die Wirtin Mrs. Hategan ist ein Mitglied der Gemeinde und sie ist mit Kai befreundet. Ich habe ihr erzählt Sie seien ein sehr enger Freund von Kai und dass er mich darum gebeten hat Ihnen etwas auszurichten. Na ja da hatte sie nichts dagegen, dass ich auf dem Balkon auf Sie warte. Außerdem lässt die Wirtin keine Gelegenheit aus um etwas für Kai zu tun."
Ray war nicht in der Lage seine Tränen zurück zu halten und drehte dem Priester den Rücken zu. Er wollte nicht, dass ihn jemand so sah.
„Es tut mir leid Pater Robert, aber ich bin momentan nicht in der Lage für ein Gespräch. Irgendwie bin ich voll neben der Rolle. Keine Ahnung was mit mir los ist."
„Kai sagte, es würde Ihnen diese Nacht und den Tag drauf schlecht gehen, deswegen bin ich hier."
„Oh Gott, ich habe solche Angst", rief Ray. „Dabei ist das doch absurd. Ich habe gar keinen Grund Angst zu haben."
„Kai geht es gut, Ray. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kenne ihn jetzt schon seit Jahren. Er lässt sich nicht so leicht umbringen."
Ray jedoch hörte gar nicht hin. Er hörte zwar die Worte des Priesters, jedoch erreichten diese ihn nicht. Sie rauschten an ihm vorbei. Sein ganzer Körper war durchtränkt von Kummer, Schmerz und Verzweiflung. Der einzige Gedanke der sich in seiner Seele festgefressen hatte, war, dass er Kai verloren hatte. Er wurde von Trauer durchflutet, welche so schwer auf seiner Seele lastete, dass sie ihm die Luft zum Atmen abschnürte. Verzweifelt schüttelte er den Kopf.
„Ray", rief Robert, faste Ray am Arm und drückte ihn auf die Bettkante.
„Hören Sie auf damit!" Er setzte sich zu Ray aufs Bett.
„Kai geht es gut. Er wird Sie heute Abend bei Sonnenuntergang abholen!"
„Sie wissen ja gar nicht..." Weiter kam er nicht da er unterbrochen wurde.
„Ray hören Sie mir zu. Warum hätte er mich sonst mitten in der Nacht aus dem Bett geholt? Sie müssen sich beruhigen und nachdenken."
„Aber es ist so wahnsinnig schwer. Es ist als wäre er tot und für mich verloren."
„Ray, aber Sie wissen, dass er lebt und nicht tot ist. Er hat Sie erwählt, nach Brauch seines Volkes. Karpatianische Gefährten verbinden ihre Körper und ihren Geist miteinander. Sie brauchen einander so sehr, dass sie den Verlust des jeweiligen Gefährten nicht überleben." Während er sprach sah Robert Rays tränennasses Gesicht ganz genau an. Er schien sich jedoch nur sehr leicht beruhigt zu haben.
„Ray, hören Sie mir überhaupt zu?" Ray nickte. Er bemühte sich die Worte welche den Mund des Priesters verließen zu verstehen und zu begreifen, jedoch war es in seinem Zustand ein sehr schwieriges Unterfangen.
„Ray, denken Sie nach. Kai braucht Sie. Er ist nicht tot. Sie müssen ihre Trauer überwinden. Tun Sie es für Kai. Er hat mich zu Ihnen geschickt, weil er befürchtete Sie würden sich etwas antun." Ray gab sich wirklich die allergrößte Mühe zu verstehen was der Priester zu ihm sagte. Er fühlte sich als wäre er in ein tiefes Loch gefallen aus dem er, egal wie sehr er sich anstrengte, sich nicht befreien konnte. Konzentriert dachte er an Robert Jürgens Worte. Was hatte er gerade gesagt? Kai hatte ihn geschickt? War es wirklich möglich? Hatte Kai gewusst wie es ihm gehen würde? Verdammt! Verdammt! Verdammt! Entschlossen verdrängte er seine Trauer und wischte sich die Tränen weg. Dann sah er den Priester genau an. Er hatte gesagt er würde Kai schon sehr lange kennen. Vielleicht konnte er ihm einige Fragen beantworten.
„Sie haben gesagt sie kennen Kai schon lange. Dann können Sie mir vielleicht ein paar Fragen beantworten. Warum kann ich außer Wasser nichts essen und trinken", fragte Ray überraschend. Erschrocken sah Robert ihn an.
„Seit wann ist das denn so?" Jedoch bevor Ray antworten konnte fuhr er fort. „Kommen Sie Ray, die Sonne geht gleich auf. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie den Tag mit mir verbringen würden."
„Er wusste wie es mir gehen würde, nicht wahr", bohrte Ray weiter. „Deshalb hat er Sie zu mir geschickt."
„Nun ja. Die Karpatianer sind uns in manchen Dingen überlegen", antwortete Robert leise.
„Aber ich gehöre nicht dazu. Ich bin keiner von Ihnen."
„Aber Sie haben das Ritual mit Kai vollzogen. Jetzt gehören Sie zu ihm. Kommen Sie, ich werde Ihnen von Kai erzählen, bis er Sie abholt."
Die Aussicht mehr über Kai zu erfahren war sehr verlockend. Ray wollte schon absagen, er versuchte mit aller macht Kai zu schützen. Dann wurde ihm etwas klar. Hier im Gasthof befanden sich die fanatischen Mörder. Ray konnte seine Gedanken gut abschirmen, aber Robert Jürgens nicht. Ray konnte Roberts Besorgnis spüren und Margaret Sunday würde es ebenfalls können.
Also, griff er kurzentschlossen zu seiner Jacke und verlies gefolgt von Robert sein Zimmer. Die Straßen waren ruhig, jedoch wusste Ray wie trügerisch diese Ruhe war. Unter die friedlichen Bewohner hatten sich Fanatiker gemischt welche Jagd auf Menschen machten von denen sie dachten es seien Vampire.
„Sind Sie ganz sicher, dass Kai noch lebt?" Diese Frage konnte Ray sich nicht verkneifen.
„Ganz sicher. Ich kenne Kai schon sehr lange und er deutete an, dass die Nacht und der drauf folgende Tag schwer für Sie werden würde, da er nicht erreichbar ist." Ray war nahe dran Wut in sich aufkommen zu lassen, welche die Trauer verdrängte. Kai wusste was mit ihm passieren würde. Er hätte ihn besser darauf vorbereiten sollen.
„Wie lange kennen Sie Kai eigentlich schon", fragte Ray neugierig. Wenn er Kai telepathisch nicht erreichen konnte, vielleicht half es ihm, wenn er über ihn sprechen konnte.
Robert Jürgens dachte zurück. Er wusste nicht recht was er Ray darauf antworten sollte, ohne Preis zu geben wer oder was Kai war.
„Ich möchte Sie nicht in die Verlegenheit bringen, lügen zu müssen", sagte Ray leise.
„Ray ich würde Sie nie anlügen."
„Irgendwas passiert mit mir, ich verstehe es nicht und es macht mir Angst."
„Ray, lieben Sie ihn?"
Ray nahm die hallenden Schritte auf den Straßen war, er konnte jedes noch so kleine knacken und rauschen der Bäume im Wind hören. Sogar jedes einzelne Schnarchen aus den Häusern an denen sie vorbeiliefen konnte er hören. Unwillkürlich griff er zu Kais Ring welcher an seinem Ringfinger steckte. Aber um auf Roberts Frage zurückzukommen. Liebte er Kai? Er war ohne Zweifel von Kai fasziniert und es herrschte zweifellos eine sehr starke sexuelle Anziehung zwischen Ihnen.
„Sagen sie Robert, wie kann man jemanden lieben, den man kaum kennt und der voller Rätsel ist", fragte er nun seinerseits.
„Ray Sie kennen Kai sehr genau. Sie können sein Mitgefühl und seine Güte spüren?"
„Ja. Aber er ist auch sehr eifersüchtig und mehr als besitzergreifend", erwiderte Ray. Oh ja. Er kannte Kais gute Seiten aber auch seine schlechten waren ihm nicht unbekannt.
„Vergessen Sie nicht sein Pflichtbewusstsein", fuhr Robert mit der Aufzählung von Kais Eigenschaften fort. „Aber Sie wissen auch, dass Kai sein Leben für Sie geben würde?!"
„Ich weiß er würde mir nie etwas antun. Aber was ist mit anderen Menschen? Er besitzt so große Fähigkeiten. Die Versuchung, seine Macht zu missbrauchen muss unendlich groß sein." Sie kamen an Roberts Haus an und dieser ließ Ray eintreten.
„Ray glauben sie wirklich, dass er zu so etwas fähig wäre? Er ist der Anführer seines Volkes. Sie nennen ihn ihren Prinzen. Dieser Titel wurde seit Generationen in der Familie weitergegeben." Ray war überrascht.
„Ist er wirklich ein Prinz", fragte er, woraufhin Robert nickte.
„Ja, ist er."
Na großartig. Die Beziehung zu Kai war schon schwer und kompliziert genug. Beziehungen zwischen Aristokraten und Bürgerlichen waren noch nie gut gegangen.
„Ray, würden Sie denn dieses Leben einer Beziehung mit Kai vorziehen?"
„Sie stellen aber schwierige Fragen Pater Robert", sagte Ray leise.
„Nun ja wie soll ich sagen. Diese Gefühle kamen so plötzlich. Ich hatte gar keine Zeit mich daran zu gewöhnen. Und jetzt ist Kai weg. Die Einsamkeit ist so groß. Ich weiß sie kannten mich vorher nicht, aber ich bin es gewöhnt allein zu sein. Meinen sie Kai könnte etwas getan haben, dass ich mich so fühle?"
„Ich glaube nicht, dass Kai ihre Liebe erzwingen würde und ich bezweifle, dass er es kann."
„Das ist mir klar. Aber etwas passiert mit mir und ich verstehe es nicht. Ich war immer allein und jetzt ist es nicht mehr möglich. Ich bin nur ein paar stunden von Kai getrennt und ich drehe durch. Dieses Gefühl ist wirklich demütigend."
„Wissen Sie Ray, Kai hat mir mal erzählt es gibt ein Ritual bei Karpatianer. Damit werden die Gefährten untrennbar miteinander verbunden. Wenn es nicht wahre Gefährten sind werden sie von dem Ritual nicht beeinflusst. Doch wenn es wahre Gefährten sind, dann können sie sich nicht mehr voneinander trennen."
Ray legte sich unwillkürlich die Hand auf seine Kehle.
„Sind diese Worte erst mal ausgesprochen können die Gefährten ihrem Schicksal nicht mehr entrinnen. Das Ritual ist in etwa gleich zu setzten mit dem Sakrament der Ehe. Aber die Karpatianer leben in einer anderen Welt. Scheidung gibt es bei ihnen nicht. Ich glaube in ihrer Sprache gibt es nicht mal ein Wort dafür."
„Was passiert, wenn einer von beiden nicht glücklich ist", fragte Ray aufgeregt.
„Also, Kai hat mir erzählt diese Bindung sei so stark, dass der Karpatianer gar nicht anders kann als seinen Partner glücklich zu machen."
Ray erinnerte sich dunkel, dass Kai mal ungewöhnliche Worte zu ihm gesagt hatte. Jedoch konnte er sich an den genauen Wortlaut nicht erinnern.
„Nun, dann scheint dieses Ritual gerade seine volle Wirkung zu entfalten. Ich gehöre nämlich nicht zu den Menschen die sich vom Balkon stürzen nur weil sie ein paar Stunden von ihrem Partner getrennt sind."
„Na dann wollen wir mal hoffen, dass es Kai nicht besser geht als Ihnen", lächelte Robert schelmisch. „Ray, machen Sie sich keine Sorgen. Ich weiß, dass Sie es schaffen", bekräftigte Robert, dem Rays Zustand nicht entgangen war.
„Genug Ray! Kommen Sie. Wir werden jetzt in meinen Garten gehen. Wenn Sie erst mal die Erde unter Ihren Händen fühlen und frische Luft geschnappt haben wird es Ihnen gleich viel besser gehen."
Munter und voller Tatendrang traten beide in die Morgensonne raus. Sofort musste Ray blinzeln und Tränen bildeten sich in seinen Augen. Ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Kopf und er schlug die Hände vors Gesicht.
„Die Sonne ist so grell. Stört es Sie den nicht", wandte sich Ray an Robert. Dieser war jedoch schon umgekehrt und kam mit einer Sonnenbrille in der Hand wieder aus dem Haus.
„Die hat Kai mal bei mir vergessen. Ist eine Spezialanfertigung von einem seiner Freunde."
Der Vormittag verging relativ schnell. Ray war damit beschäftigt im Garten in der Erde rumzubuddeln. Zu seinem erstaunen machte es ihm sogar Spaß. Am liebsten hätte er sich auf den Boden gelegt und sich in der Gartenerde gewälzt wie ein Schweinchen. Er war selber schockiert über seine Wünsche und Gedanken. So etwas war ihm noch nie passiert. Aber, nach allem was in den letzten zwei bis drei Tagen geschehen war, brauchte er sich über nichts mehr wundern.
Zu Mittag aßen sie eine Kleinigkeit und danach ging Ray wieder in den Garten. Er legte sich in den Schatten und hielt ein Nickerchen. Er war schon recht Müde, da er ja vor lauter Sorge um Kai die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte. Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang verabschiedete er sich und machte sich auf den Weg zum Gasthof.
Hier konnte er unbemerkt in sein Zimmer. Er zog sofort seine Klamotten aus und nahm eine heiße Dusche. Danach trocknete er sich ab und legte sich nackt auf das frisch bezogene Bett. Er liebte es wie die kühle Luft über seinen Körper zog. Als er so da lag, dachte er sich es könnte ja nicht schaden seine neuen Fähigkeiten ein wenig zu testen. Also, streckte er seine Füller aus und machte sich über die Geschehnisse im Gasthof schlau. So hörte er auch eine Unterhaltung, die wohl nicht für Fremde Ohren bestimmt war.
„Wieso glaubt ihr mir nicht. Wenn ich sage es stimmt nicht, dann stimmt es nicht." Das war die Stimme von Margaret.
„Kai Hiwatari und Ray gehören auf keinen Fall zu ihnen."
„Haben Sie es nicht auch bemerkt. Ray ist ihm doch schon verfallen. Ich kann mir das nur so erklären, dass Hiwatari ihn in seinen Bann gezogen hat", stieß Edgar verächtlich aus. Ray hätte sich denken können, dass dieser Perverse eifersüchtig auf Kai war. Schließlich hatte er, Ray, ihm eine abfuhr erteilt und Kai nicht.
„Wir sollten auf die anderen warten", sagte jemand der sich wie Harry Sunday anhörte.
„Nein", schrie jemand den Ray nicht kannte dazwischen. Der Stimme nach zu urteilen war es kein Gast des Gasthofs. Ein Einheimischer also.
„Wir müssen jetzt zuschlagen, wo sie in der Erde sind und hilflos."
„Es kann sein, dass Kai Hiwatari einige von ihnen kennt, aber ich wiederhole es noch mal: Er ist kein Vampir", beharrte Margaret weiter auf ihre Meinung. Ray wurde übel. Die hatten doch tatsächlich vor wieder jemanden umzubringen. Das war jetzt echt nicht wahr. Diese Leute waren doch nur noch als wahnsinnig zu bezeichnen.
„Anscheinend sind sie auch seinem Charme verfallen, Mrs. Sunday", entgegnete Edgar voller Hass und Abscheu und brachte Margaret zum schweigen. Ray horchte weiter, zog sich aber auch schnell an. Er versuchte Kai zu erreichen, jedoch erfolglos. Zur Polizei konnte er nicht. Wer würde ihm schon glauben, wenn er da angelaufen kam und etwas von Vampirjägern faseln würde? Also, verfolgte er die Gruppe bestehend aus Edgar, Ion Gabor und Margaret und Harry Sunday. Diese hatten sich entschieden zu Fuß zu laufen. Mit Schrecken stellte Ray fest, dass sie genau den Pfad durch den Wald nahmen welcher zu Kais Haus führte.
Aber sie würden Kai nicht kriegen. Er, Ray, würde ihn beschützen. Und wenn es sein müsste, würde er sein Leben für Kais geben. Doch erleichtert sah er, dass die Gruppe abbog. Sie nahmen einen Pfad der in die Berge führte. Leichtfüßig schlich Ray ihnen hinterher. Er war selbst erstaunt darüber wie leicht er auftrat. Wie Kais Wölfe. Die Gruppe kam durch den fast 70 Jährigen Harry Sunday nur langsam voran. Sie brauchten eine stunde bis sie an einer Lichtung ankamen. Hier befand sich ein Haus. Die Gruppe ging auf das Haus zu und begannen den Boden abzusuchen. Sie waren ausgestattet mit Spitzhacken, Schaufeln und Holzpflöcken.
Plötzlich durchzuckte Ray ein wahnsinniger Schmerz. Er zog sich über seinen Rücken bis hin zu seinem Becken. Schnell stellte er fest, dass dieser nicht von ihm kam. Eine Frau! Sie lag in einem der Mienenschächte unter der Erde und sie hatte Schmerzen. Sie lag in den Wehen und hatte Angst um ihr Baby.
„Es ist die Hure des Satans", hörte Ray Margaret wie eine Durchgeknallte schreien.
„Sie liegt in den Wehen. Ich kann ihre Angst fühlen."
Auf diese Ansage von Margaret hin begannen die Männer weiter wie verrückt zu graben und zu buddeln. Die Werkzeuge prallten immer öfters auf Metal oder Steinen des Mienenschachtes. Die Geräusche die entstanden sandten Ray kalte Schauer über den Rücken. Es war als würde die Erde unter dieser brutalen Behandlung aufschreien.
Ray war klar, er musste was unternehmen. Er würde nicht zulassen, dass jemand ermordet wurde. Er musste Zeit gewinnen bis Kai aufwachte und dann zu Hilfe kommen konnte.
»Schirme deine Gedanken ab! Die Frau die bei ihnen ist kann deine Gedanken lesen«, forderte er die Frau auf.
»Ich habe Angst um mein Baby. Ich will nicht, dass es stirbt«
»Keine Angst ich werde dir helfen«, versprach Ray.
»Wer bist du«
»Mein Name ist Raymond Kon. Ich bin Kais Gefährte« Ray konnte die Erleichterung der Frau bei diesen Worten spüren.
„Beeilt Euch ein wenig, Sie versucht Hilfe zu holen."
»Kai! Hilf mir Kai« Es hörte sich eher wie ein Befehl an, aber Ray hoffte dadurch seinen Schlaf durchdringen zu können. Er sah sich um. Noch ca. eine halbe Stunde bis Sonnenuntergang. Dann würde Kai kommen. Er hatte es versprochen und Ray glaubte ihm. Also hieß es die Mörder so lange hinzuhalten. Er trat aus dem Wald und tat so als würde er von einer Wanderung kommen und erst jetzt die anderen bemerkt hatte.
Harry Sunday sah ihn anscheinend als erster und machte den Rest der Gruppe auf ihn aufmerksam. Unter leisem Fluchen stellten diese ihre Arbeit an den Grabungen ein und beobachteten Ray.
Ray viel auf das dieser Einheimische mit Namen Ion besorgt zum Himmel sah, als erwarte er, dass die Sonne jeden Moment verschwinden könnte.
„Oh, hallo zusammen", tat Ray überrascht. „Die Landschaft hier ist herrlich, finden sie nicht auch? Diese zauberhafte Schönheit", schwärmte er weiter. „Und ich Depp habe gerade heute meinen Fotoapparat vergessen."
Nervös und schuldbewusst sahen sich die Männer der Gruppe an. Nur Margarat erholte sich sehr schnell von der Überraschung und ging auf Ray zu.
„Ray, mein Lieber, was machen Sie denn hier?"
„Oh, ich habe einen Spaziergang gemacht. Ich liebe die Berge und ich brauchte ein wenig frische Luft", entgegnete Ray mit einer Fröhlichkeit, die schon fast abnormal war, betrachtete man die momentanen Ereignisse. Aber er wusste er musste diese Fanatiker noch eine Weile hinhalten.
„Als ich sie sah, war ich gerade auf dem Rückweg. Es wird ganz schön frisch. Sagen Sie, machen Sie auch eine Wanderung um diese schöne Berglandschaft besser kennen zu lernen", fragte er völlig arglos und ganz unschuldig. Ohne eine Antwort abzuwarten wandte er sich an den einheimischen Ion.
„Sie haben ein sehr schönes Haus. Diese Landschaft und die schöne Natur. Es muss herrlich für sie sein hier zu wohnen."
Mit seinem Auftauchen und seinen Worten hatte Ray die Gruppe in Verwirrung gebracht. Denn was sollten Sie ihm sagen, dass sie eine Wanderung machten? Mit Schaufeln, Spitzhacken und Pflöcken? Das sie zur Ertüchtigung des Geistes Ion halfen seinen Garten um zu graben? Als erstes erholte sich Edgar. Er ließ seine Spitzhacke fallen und ging auf Ray zu. Diesem viel das natürlich auf und dieser wusste jetzt nicht was genau er tun sollte. Das Bedürfnis zu fliehen stellte sich bei ihm ein. Da er sich aber dadurch verraten hätte, konnte er das nicht tun. Also, entschied er sich einen Bogen um Edgar zu machen. Er schlich am Rande des Waldes in Richtung Haus. Plötzlich durchfuhr ihn ein Schmerz und er bemerkte, dass Margaret ihn lauernd ansah. Sie wusste von seinen Fähigkeiten und wartete jetzt ab, wie er reagieren würde.
Schließlich hatte sie es ja auch gespürt.
„Oh mein Gott. Margaret haben Sie das eben auch gespürt? Da unten ist eine Frau und sie braucht Hilfe. Sind Sie deswegen hier?" Ray reagierte sofort in der erwarteten Form, jedoch tat er immer noch unschuldig und arglos. Er durfte sich nicht verraten und abwerten. Schließlich musste er Zeit schinden bis Kai da war.
„Ray, das ist kein Mensch. Das ist eine Untote", begann Margaret auch schon ihn zu belehren.
„Aber Margaret, wie können Sie so etwas glauben. Die Frau hat schmerzen und sie bekommt ein Baby. Untote bekommen keine Kinder so viel ich weiß", bekräftigte Ray.
»Ray, hilf mir bitte. Ruf nach Kai. Bitte«
»Kai! Andrej! Ich brauche eure Hilfe«
„Ray, die Frau ist ein Vampir. Sie will sie doch nur einwickeln, damit sie ihr helfen. Rufen sie nicht nach Hiwatari", beschwor Margaret ihn.
„Aber wie können Sie an so etwas glauben? Vampire gibt es nur in Legenden. Die Frau da unten hat Schmerzen und bekommt ein Baby! Edgar, bitte Sie glauben das doch nicht auch, oder", versuchte Ray es auf eine andere Weise die benötigte Zeit zu bekommen.
„Sie ist ein Vampir und wir werden Sie töten!"
Als Ray sie alle ansah, konnte er nur den wahnsinnigen Fanatismus in ihren Gesichtern erkennen. Er fuhr herum und lief weg Richtung Wald. Gerade erreichte er den Waldrand und wäre somit aus der Gefahrenzone, als Edgar, der ihn verfolgt hatte, erreichte und zu Boden warf.
Als dieser Ray dann auf den Rücken drehte, sah Ray ihn benommen an. Der Sturz war nicht ohne gewesen. Ohne ihm Zeit zu lassen sich davon zu erholen, setzte sich Edgar auf Rays Beine und drückte seine Hände mit den Knien zu Boden. Ray war jetzt wehrlos und das hatte Edgar auch beabsichtigt. Er konnte sich jetzt holen was er immer begehrt hatte und was Ray ihm immer wieder verwehrt hatte.
»Kai, hilf mir. Bitte Kai«
Jedoch blieb auch dieser Ruf ungehört und Ray musste zusehen wie dieser kranke Perversling sich an seinem Oberkörper zu schaffen machte. Er riss Rays Pulli auf und entblößte seine Brust.
»Bitte hilf mir Kai«
Edgars Gesicht verdüsterte sich und er begann Ray zu betatschen. Dieser fühlte sich alles andere als Wohl. Schließlich bekam er Edgars Gefühle und Gedanken hautnah mit. Diese zusammen mit den Geschehnissen verursachten ihm Übelkeit.
„Ich wusste es. Sie tun immer so unschuldig und verkaufen sich danach an den Meistbietenden", entgegnete Edgar hasserfüllt. Mit seinen Händen fuhr er Rays Oberkörper entlang. Dabei war ihm egal ob Rays zarte Haut durch seine grobe Behandlung Verletzungen davon trug. Der wahnsinnige Blick mit dem er plötzlich auf Ray herunter sah, machte diesem Angst und verleitete ihn dazu noch mal um Hilfe zu rufen.
»Kai, du musst mir helfen. Bitte ich brauche dich! Lieber Gott, hilf mir und auch dieser armen Frau«
Kaum hatte Ray zu Ende gedacht, kam auch der erste Schlag ins Gesicht und er musste es hinnehmen. Er konnte sich nicht währen.
„Du Bastard, trägst das Mal. Gott steh uns bei, du bist auch einer von ihnen", schrie er Ray an. Mit diesen Worten schloss Edgar seine Hand ums Rays Hals als würde er ihn erwürgen wollen.
„Also hatte ich doch Recht. Hiwatari ist auch einer von ihnen."
Er hob seine Hand über seinen Kopf und Ray konnte etwas blitzen sehen. Er konnte nicht erkennen was es ist, bis er einen unglaublichen Schmerz in seiner Körpermitte spürte. Blut rann seine Hüften entlang als er sah wie Edgar das Ding, welches sich als Dolch entpuppte, aus ihm herauszog und es wieder anhob. Es war ganz blutverschmiert aber keinen kümmerte es. Keiner gebot ihm Einhalt. Alle sahen sie nur zu. Ein Beben ging durch die Erde als das Messer ein zweites Mal sein Ziel erreichte und die Wunde in Rays Körper vergrößerte. Es schien jedoch nicht so als hätte Edgar genug. Er war wie wahnsinnig. Ein tosender Wind kam auf und fegte durch die Berge als Edgar ein drittes Mal auf Ray einstach. Dieser stöhnte auf vor Schmerzen. Es war ein Wunder, dass er sie noch fühlen konnte und nicht schon längst abgedriftet war. Blitze schlugen auf die Erde ein, ein enormes Donnergetöse begann und Regen strömte auf die Erde zu als Edgars Dolch ein viertes Mal sein Ziel in Rays Körper erreichte. Es war als würde der Himmel und die Erde um diese Ungerechte Behandlung eines ihrer Kinder weinen.
Über und über mit Rays Blut verschmiert sah Edgar zum Himmel auf. Er ignorierte die Angst welche die anderen Gruppenmietglieder befallen hatte. Die Sonne war längst nicht mehr zu sehen. Sie befanden sich in einem Fremden Revier. Aber das kümmerte Edgar nicht. Der fanatische Wahnsinn welchen er hatte als es mit der Gruppe her gekommen war hatte sich mit Rache für Rays Verschmähung gemischt.
„Fahr zur Hölle", schrie er Ray zu als er ein fünftes Mal zustechen wollte. Kurz vor dem Ziel wurde seine Hand durch eine unsichtbare Kraft aufgehalten. Ein unsichtbarer Schraubstockgriff legte sich um Edgars Handgelenk und bewegte das Messer unaufhörlich auf diesen selbst zu. Mit Entsetzen musste Edgar dies registrieren und er hatte keine Chance sich dagegen zu wehren. Ohne Mitleid rammte diese unsichtbare Kraft das Messer in Edgars Hals, bis nur noch der Griff zu sehen war.
Aus dem Wald stürzte ein Rudel Wölfe und umzingelte die Gruppe. Aus Angst versuchten diese zu fliehen, jedoch kamen sie nicht weit. Einschlagende Blitze und Aufrisse in der Erde verhinderten eine Flucht. Angst und Panik kroch in ihnen hoch. Jedoch so wie sie selbst ihren armen Opfern kein Mitleid entgegen brachten, so bekamen auch sie keines. Und sie konnten auch keines erwarten. Keiner der Karpatianer würde Gnade oder sogar Mitleid walten lassen. Nicht, nachdem sie als erstes die Schwester ihres Anführers brutal umgebracht hatten und jetzt auch noch seinen Gefährten auf dem Gewissen hatten.
„Ray!"
Von Angst völlig zerfressen kniete sich Kai neben ihn. Er riss Rays Hose und auf um sich alle Wunden näher ansehen zu können. Um die Blutung zu stoppen legte er seine Hände auf Rays wunden.
Mit einem Beben in der Erde wurden die restlichen Karpatianer angekündigt. Eilig erschienen Andrej, Max, Bryan, Spencer und Ian auf der Lichtung. Andrej und Bryan gingen sofort zu Kai. Sie hatten Heilkräuter mitgebracht. Der Rest begab sich zu der Gruppe um die Wölfe zu erlösen. Jedoch kamen sie nicht dazu etwas mit diesen anzufangen. Das hatte ein anderer für sich verbucht und keiner stellte sich ihm in den Weg. Yury schoss wie ein Blitz vom Himmel und verwandelte sich auf der Wiese in einen riesigen Wolf. In seine Augen konnte man Rachedurst und den Wunsch nach Vergeltung aufblitzen sehen.
Jeder der anderen Karpatianer wusste, dass in diesem Moment mit Yury nicht gut Kirschen essen war. Während sich dieser der Gruppe annahm und Max, Spencer und Ian zusammen mit den Wölfen nur dafür sorgten, dass keiner entkam, halfen die anderen beiden Kai. Andrej kniete sich neben seinen Bruder um sich Ray ansehen zu können.
„Oh mein Gott!" Das war alles was er herausbrachte. Er war zu schockiert über die Ausmaße von Rays Verletzungen. Jedoch hatte er keine Zeit um sich dem Schock hinzugeben. Es musste gehandelt werden. Jede Sekunde zählte.
„Bryan, schnell hol die Kräuter!"
Sie begannen die Kräuter mit Speichel und Erde zu einer Paste zu vermischen, mit der sie Rays Wunden notdürftig versorgten. Von all dem bekam Kai nichts mit. Er war wie in einer Art Trance. Beschützend hielt er Ray in seinen Armen und konzentrierte sich ganz darauf das dieser atmete.
»Du wirst mich nicht verlassen, Ray. Ich werde dich nicht verlieren«
Als Ian zu Andrej kam um ihm zu berichten, dass Tasha ihr Baby bekam musste dieser seine Aufmerksamkeit kurz von Ray nehmen. Er war Kais Bruder und da dieser im Moment nicht ansprechbar war, musste er für die anderen da sein.
„Bring sie ins Haus und ruf Emily und Denise."
Danach drehte er sich wieder um, stieß angewidert Edgars Leiche zur Seite und beugte sich zu Kai.
„Kai, hörst du mich? Er ist nicht tot", flüsterte er als er den Blick seines Bruders bemerkte. Eine unglaubliche Qual stieg in ihm hoch.
„Kai, er liegt im Sterben", flüsterte er seinem Bruder zu. Er wusste nicht was genau er machen sollte. Jedoch kam eine Ahnung in ihm hoch. Sollte Ray es nicht schaffen würde er, Andrej, auch seinen Bruder verlieren.
Kai hingegen achtete gar nicht auf ihn, er beugte sich zu Ray und öffnete die Ader an seinem Handgelenk.
»Ray, ich weiß du kannst mich hören. Du musst trinken. Du hast zu viel Blut verloren«
Er spürte ein kurzes aufflackern in Rays Geist. Wärme und unsäglicher Schmerz durchfluteten Ray.
»Kai, bitte lass mich gehen«
»Nein. Ich kann dich nicht gehen lassen. Ray du musst trinken. Bitte für unsere Zukunft, für unsere Liebe. Tu es bitte für mich«
Das Handgelenk an Rays Lippen haltend gab er ihm von seinem Blut. Jedoch war Ray viel zu schwach um selber zu trinken. Er schluckte zwar die Tropfen, die von selbst aus dem Handgelenk in seine Mund flossen, aber zu mehr hatte er nicht die Kraft. Um seinen enormen Blutverlust jedoch auszugleichen, reichte dies nicht.
Plötzlich erschienen auch die anderen zusammen mit Yury an Rays Seite. Yury war der dunkelste und geheimnisvollste aller Karpatianer. In seinen hellen, blauen aber eiskalten Augen schimmerte immer noch das Versprechen nach Vergeltung für das was Ray angetan worden war. Wie ein kaltes Feuer loderte dieser Wunsch in seine Augen.
„Die Wölfe haben den Rest getan", bemerkte Max. Die Gruppe war tot, verkohlt und lagen an Bäume angelehnt welche von Blitzschlägen getroffen worden waren. Jedoch wurde Max gar nicht beachtet. Andrej nahm gerade Kais Hand von Rays Mund weg.
„Es reicht, Kai. Du bist selber noch zu schwach. Ray hat zu viel Blut verloren. Seine inneren Verletzungen sind viel zu groß."
„Nein. Er wird leben. Mein Blut fließt durch seine Adern. Wenn er mehr davon bekommt kann er wieder gesund werden."
„Nein verdammt!", schrie Andrej mit vor Angst durchtränkten Stimme. Er wollte nicht auch noch seinen Bruder verlieren. Obwohl sich seine Ahnung bestärkte, dass dies der Fall sein könnte.
Yury hatte sich das Ganze bis jetzt still schweigend angesehen. Er legte seine Hand auf Kais Schulter.
„Wenn du sterben solltest, mein Freund, haben wir keine Chance mehr Ray zu retten. Wir müssen jetzt alle zusammenhalten, dann können wir es schaffen."
