Angel of Darkness

Feuer

Langsam aber sicher gewöhnte sich Ray an die neuen Fähigkeiten. Dies verdankte er aber Kai. Ihm zuliebe gab er sich Mühe und nicht in den Wahnsinn abzutreiben. Kai war immer bei ihm, sowohl geistig als auch körperlich. Er erfuhr eine Menge über die Rasse zu welcher er jetzt auch gehörte. Kai verband seinen Geist mit Rays und erlaubte diesem somit einen Einblick in sein Leben, seine Erinnerungen und Erfahrungen. Ray zog sich aus Kais Geist zurück, sein Herz klopfte ihm bis zum Hals.

„Jetzt hast du gesehen an was für ein Ungeheuer du dich gebunden hast Ray", erklärte Kai geknickt.

„Kai, ich will so etwas aus deinem Mund nie wieder hören. Du bist ein wunderbarer Mann. Du bist stark, pflichtbewusst und dein Volk vertraut dir", erklärte Ray sanft. „Du betrachtest diese dunkle Seite deiner Seele als böse. Ich sehe das etwas anders. Sie gehört zu dir, sie ist ein Teil deiner Persönlichkeit. Du brauchst diese Dämonen in deinem Innern. Sie geben dir die Kraft und Stärke, die du brauchst um deine Pflicht zu erfüllen."

Diese Worte aus Rays Mund zu hören bedeuteten Kai eine ganze Menge. Er hatte Ray gar nicht verdient. Er hatte Ray dazu gezwungen dieses Leben mit ihm zu führen.

„Kai", begann Ray sanft. „Bevor du in mein Leben getreten bist, war ich immer allein und einsam. Du hast mir gezeigt was es heißt zu leben und geliebt zu werden. Du hast mir ermöglicht ein Leben zu führen ohne Angst vor jeder Berührung zu haben. Ich akzeptiere dich so wie du bist. Kai ich liebe dich und zwar ohne Vorbehalte."

Gerührt sah Kai ihn an.

„Ray, ich habe Angst. Ich weiß nicht ob ich meine Gefühle für dich unter Kontrolle habe. Ich weiß, dass tief in mir ein Monster schlummert und ich habe Angst dich zu verlieren. Es war schrecklich ein Leben in Dunkelheit zu führen, kein Licht, keine Farben, keine Gefühle. So geht es jedem von uns. Am meisten Sorgen mache ich mir um Yury. Er ist nur 25 Jahre jünger als ich. Seit vielen Jahrhunderten trägt er die Bürde der Jagd nach Untoten. Er sondert sich von unserem Volk ab und manchmal sehen wir ihn ein halbes Jahrhundert nicht. Seine Kräfte sind immens und ich kann fühlen wie er sich langsam der Finsternis nähert. Für jeden von uns ist es ein hartes Leben. Wir müssen gegen die Dämonen in unserem Innern ankämpfen. Du bist meine Rettung. Yury leidet darunter, dass karpatianische Frauen eine Seltenheit sind. Wir haben zwar noch eine andere Rasse gefunden die mit uns mehr oder weniger Kompatibel sind. Aber auch sie werden von Menschen verfolgt und sterben langsam aus. Yury zieht durch die Welt, führt Experimente durch, erforscht die Natur. Keiner weiß genaueres darüber. Ich habe es bis jetzt noch nie jemandem erzählt, aber Yurys Wissen und seine Fähigkeiten sind um einiges stärker als meine. Wir hatten noch niemals einen Konflikt miteinander. Aber er zieht sich immer mehr zurück, das spüre ich. Früher oder später wird er sich entscheiden und dann werden wir ihn auf jeden Fall verlieren, fürchte ich."

„Ich verstehe nicht, was meinst du damit Kai?"

„Weißt du Ray es liegt ein sehr großes Gefühl der Macht darin die Menschen von denen wir Blut trinken zu töten. Wir müssen jedes Mal dagegen ankämpfen. Wir haben keine Schwierigkeiten unsere Opfer anzulocken. Yury hat schon die ersten Kreuzzüge miterlebt. Unsere einzige Hoffnung besteht darin unseren Gefährten zu finden. Sollte dies nicht bald der Fall bei Yury sein wird er entweder in die
Sonne treten oder sich umwandeln."

„Was bedeutet das?"

„Das heißt er würde aus reiner Mordlust töten. Er würde Frauen zu seinen Sklavinnen machen und sie foltern, bevor er sie tötet" Kais Stimme war rau. Er hatte zusammen mit Yury schon oft solche Szenarien erlebt. Er wusste wie grausam ein umgewandelter Karpatianer sein konnte.

„Er würde zu einem Vampir werden wie ihn die Menschen in ihren Legenden beschreiben", fuhr Kai fort. Langsam, bekam Ray einen Eindruck wie schwer Kais Leben tatsächlich war.

„Wäre es dann deine Aufgabe ihn dann aufzuhalten?"

„Ich fürchte ja."

„Aber du hast gesagt er ist viel stärker als du."

„Ja. Wir haben noch nie gegeneinander gekämpft. Sollte dies der Fall sein, weiß ich nicht wer von uns beiden siegreich sein wird."

„Und was ist mit Andrej", fragte Ray ernst.

„Er ist 200 Jahre jünger als ich. Das Blut unserer Ahnen fließt durch seine Adern und er wird ein guter Anführer sein, wenn ich nicht mehr sein werde. Aber es ist nicht das Gleiche wie mit Yury. Wir haben unsere jungen Jahre zusammen verbracht, haben Seite an Seite gekämpft und uns gegenseitig beschützt und geheilt. Yury ist mein Blutsbruder, mein Kumpel und mein bester Freund", fuhr Kai mit seiner Erzählung fort. „Aber wie gesagt egal was wir tun, wir sind und bleiben eine aussterbende Rasse. Und jetzt wird es noch gefährlicher. Im Gasthaus sind noch zwei Typen, Platon Febreez und Florian Popovic, abgestiegen. Einer davon hat vor ein paar Jahren eine gut organisierte Gruppe von Vampirjägern gegründet. Sollten Boronsky und von Dalien zu ihnen stoßen und ihren Verdacht kund geben, dann stecken wir in großen Schwierigkeiten."

„Wir werden das gemeinsam durchstehen, Kai", flüsterte Ray und umarmte seinen Liebsten. Kai ließ sich gern von der Schönheit und Wärme von Rays Seele einhüllen.

„Du bist mein Leben, Chibi. Wir werden Robert bitten uns in der Kirche trauen zu lassen.", erklärte Kai mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck auf dem Gesicht. Er sah aus als hätte er gerade eine grandiose Idee gehabt.

„Ich werde das Sakrament der Ehe als bindend akzeptieren und du wirst das Wort `Scheidung` nie mehr erwähnen."

„Wie schaffst du es immer wieder, alles so hinzustellen wie es dir passt."

„Na ja, ich denke das es ein Talent von mir ist", erklärte er schelmisch.

Wie ausgestorben lag das Haus da. Im unterirdischen Schlafgemach lagen Kai und Ray eng aneinender gekuschelt. Kai hatte ein Bein über Ray geschoben und hielt ihn beschützend in den Armen. Er würde ihn auch im Schlaf noch beschützen. Im Raum war alles still, nicht mal einen Atemzug war zu hören. Auch die restlichen Räume waren still. Es hatte den Anschein als wären auch die restlichen Lebewesen in der Umgebung in einen tiefen Schlaf gefallen. Plötzlich zuckten Kais Augenbrauen. Murrend begann er zu knurren. Sein Körper war noch viel zu schwach, seine Muskeln waren steif. Jedoch waren seine geistige Fähigkeiten sowie seine Instinkte voll funktionsfähig. Er brauchte seinen tiefen Schlaf um bei Nacht seine ganze Kraft entfalten zu können. Also, was zum Henker hatte ihn geweckt?

Zuerst noch zögernd baute er eine telepathische Verbindung auf, erkundete die Umgebung des Hauses. Das Haus an sich hatte den Anschein erstarrt zu sein, als würden die Wände die nahende Gefahr spüren. Es müsste um die Mittagszeit sein. Kai war mit dem Tag und Nacht Rhythmus verbunden so dass er bestimmen konnte welche Uhrzeit gerade war. Die Sonne dürfte an ihrem höchsten Punkt stehen, also war sie im Moment für Kai am gefä ündlich durchsuchte er die Umgebung und fand auch denjenigen der seine Ruhe störte. Es war der Sohn der Gabors, Nicolae Gabor. Dieser ging vor dem Haus auf und ab. Rein konnte er ja nicht, erstens wurde das Grundstück durch einen Zaun gesichert und zweitens wirkte der Zauber den Kai zum Schutz ausgesprochen hatte. Kai konnte ganz deutlich die Wut und den Hass in Nicolae wahrnehmen. In der Hand hielt dieser eine Eisenstange, womit er immer gegen die Metallstäbe des Zaunes schlug und ein echt ekelhaftes Geräusch verursachte. Dazwischen schrie er immer wieder Worte wie `Teufel` und `Untote`. Bei jeder dieser Anschuldigungen zuckte Kai zusammen und begann zu knurren.

„Sie sind ein Teufel Hiwatari! Sie sind der Anführer dieser ganzen Sippschaft von Teufeln und Monstern. Ich habe die Beweise gefunden die mein Vater gesammelt hat. Sie haben den armen Mr. Kon zu Ihrem Sklaven gemacht um ihre teuflische Armee zu vergrößern."

Kai konnte in seinem Geist lesen, dass er die Tagebücher seines Vaters und Großvaters gelesen hatte. Jetzt wurde er getrieben von Wut, Verzweiflung und dem unbändigen Wunsch nach Rache. Auf einmal durchzuckte es Kai eiskalt. Ray! Er war in größter Gefahr. Er musste in beschützen, aber zuerst musste er ihn aus seinem Tiefschlaf wecken.

»Ray, Schatz wach auf. Wir sind in Gefahr«

Er konnte spüren wie Rays Atmung einsetze zuerst langsam aber dann immer gleichmäßiger. Durch Kais Warnung aufmerksam geworden begann Ray automatisch das Schlafzimmer nach Eindringlingen zu untersuchen. Jedoch konnte er nichts feststellen. Seine Glieder waren auch noch so schwer.

»Es ist Gabor«

»Aber Ion Gabor ist doch tot«

»Der schon, aber sein Sohn nicht. Er steht draußen vor dem Eingang und randaliert«

»Aber gestern als wir ihn trafen hat er aber noch getrauert und zwar um seine Mutter die von seinem Wahnsinnigen Vater erdrosselt wurde«

»Ja, aber zwischen gestern und jetzt ist etwas passiert das seine Meinung geändert hat. Er ist voller Hass. Leider können wir nichts tun. Er kommt zwar nicht ins Haus rein, aber wir kommen auch nicht raus. Bis zum Sonnenuntergang dauert es noch ein paar Stunden«

»Ich kann ja mal vor die Tür gehen und ihm sagen, du wärst nicht da, sondern zur Arbeit gegangen«

Ach Ray, dachte Kai. Er hing immer noch an der menschlichen Lebensweise fest. Ray bedachte gar nicht, dass er erstens gar nicht die Kraft besaß um bis vor die Tür zu gelangen, schließlich brauchte er den erholsamen Schlaf genauso wie auch Kai und zweitens würde ihn die Sonne töten.

Ray konzentrierte sich und nahm jetzt Nicolae auch war, ebenso dessen Gefühle und Gedanken.

»Kai, er ist wahnsinnig geworden. Was ist bloß passiert?«

»Er hat die Tagebücher seines fanatischen Vaters gefunden und gelesen. Er glaubt wir wären Vampire«

Zitternd kuschelte sich Ray an Kai. Er konnte es nur schwer verstehen wie in so kurzer Zeit aus einem so netten jungen Mann ein voll Rache und Hass sprühender Fanatiker werden konnte.

Plötzlich zitterten die Wände des Hauses und es war ein Klirren zu vernehmen. Eines der Fenster im oberen Stockwerk ging zu Bruch. Eine Weile hörte man nichts mehr, dann ein weiteres klirren. Ein anderes Fenster musste daran glauben. Plötzlich konnten sie im unterirdischen Schlafzimmer Rauch und Qualm vernehmen welcher durch die Dielen im Boden durchsickerte. Anscheinend hatte es Nicolae darauf angelegt alles zu zerstören was Kai besaß. Die ganzen antiken Möbel, die Bücher und Kunstwerke welche Kai Zeit seines Lebens gesammelt hatte gingen in Flammen auf. Natürlich konnte der arme Kerl nicht wissen, dass Kai mehrere Häuser voller Schätze hatte. Dann ging die Nordwand des Hauses in Flammen auf.

»Ray wir müssen hier weg, wir müssen nach unten.«

Ray war unsicher. Nach draußen konnten sie nicht und wenn sie in den Keller gingen würden sie gefangen sein zwischen den Flammen und der Erde.

»Ray wir müssen in die Erde, sie wird uns schützen.«

Jedoch wusste Ray, dass er das nicht konnte. Er würde es nie schaffen sich in die Erde begraben zu lassen. Er würde in Panik ausbrechen und ersticken. Jedoch musste er Kai davon überzeugen zu gehen. Sein Volk brauchte ihn, Kai war wichtiger als er selbst.

»Ray, wir werden gemeinsam gehen«

Kai versuchte seine Stimme fest und stark klingen zu lassen. Jedoch fühlte er sich alles andere als stark.

»Komm Ray, gemeinsam schaffen wir das«

Die Decke färbte sich schon schwarz, der Rauch trieb beiden die Tränen in die Augen. Kai robbte zum Ausgang und merkte, dass Ray nicht hinter ihm war.

»Ray«

Durch den Ruf aus seiner Starre gerissen, beeilte sich Ray zu Kai zu gelangen. Er hatte Angst, wahnsinnige Angst. Beide waren sie noch schwach. Keiner der beiden hatte die Kraft sich auf Händen und Knien fort zu bewegen, also robbten sie auf dem Bauch den Ausgang entgegen. Sie mussten es schaffen in den Keller zu gelangen. Gott sei Dank hatten sie die Falltür welche vom Schlafzimmer direkt in den Keller führte schnell erreicht. Jedoch hatten sie keine Kraft mehr diese zu öffnen. Die Rauchwolken waren immer dichter, beide begannen zu husten.

»Ray konzentriere dich. Gemeinsam schaffen wir es«

Ray versuchte daraufhin alle Gedanken und Gefühle, seine Furcht, Angst, Panik, das Feuer, den Rauch zu verdrängen. Er konzentrierte sich nur auf die Tür welche Kai in Sicherheit bringen konnte. Auch Kai konzentrierte sich und nach mehreren Versuchen konnten sie die Falltür öffnen. Erschöpft vielen sie sich in die Armen, stützten sich gegenseitig. Die Rauchwolken umwirbelten sie immer mehr, ein lautes Krachen wies darauf hin, dass das Dach eingestürzt war. Die Wut und Trauer welche Kai beim Verlust seines Heimes fühlte war groß.

»Das war das Dach. Die restlichen Wände werden dem Feuer auch nicht mehr lange standhalten können«, hörte Ray Kais traurige Stimme in seinen Gedanken.

»Geh hinunter, Kai. Ich werde hier oben warten, solange es möglich ist«

»Nein, Ray. Wir gehen zusammen hinunter« Sein Wort war Gesetz und Ray fühlte, dass er sich nicht widersetzen konnte. Er fühlte wie Kai sich veränderte.

Zu ihm war er immer sanft und zärtlich gewesen, jedoch erlebte er ihn jetzt in seiner ursprünglichen Form. Er konnte seine Stärke fühlen. Er war nicht mehr länger Rays Geliebter, sondern der Prinz der Karpatianer. Ein Feind hatte sein Besitz, sein Haus zerstört und das Leben seines Gefährten in Gefahr gebracht. Ein tiefes Knurren welches Rache verhieß verließ seine Kehle.

»Du schaffst es Liebster. Denke daran, du bist stark und leicht wie eine Feder, du kannst fast fliegen« Kai baute das Gefühl in Ray aus. Dieser schloss die Augen und lies sich führen. Er hatte tatsächlich das Gefühl als würde sein Körper schwerelos sein, nach einer Weile fühlte er sogar einen kühlen Lufthauch welcher über seine Haut strich. Dann fühlte er die kühle Erde unter sich. Erstaunt öffnete Ray die Augen und sah, dass er tatsächlich im Keller war. Das Gefühl war berauschend gewesen. Es hatte sogar die Angst vor dem Feuer für einen Moment vergessen. Zuerst hatte er nur einen Gegenstand bewegen können und jetzt waren sie geschwebt.

»Kai wir sind geschwebt. Ich kann gar nicht glauben, dass wir das gerade getan haben«

Die Freude über dieses Wunder ließ Ray die Gefahr welche immer noch durch das Feuer drohte vergessen. Kai nahm ihn einfach nur in den Arm und da war Rays Freude auch dahin. Er durchdrang Kais Geist wie auch umgekehrt. Worauf er traf lies in erschauern. Die Kälte und tödliche Entschlossenheit in Kais Innern lies Ray erschauern. Er hatte schon immer ein hitziges Temperament doch das was jetzt in Kai vorging war tausendmal schlimmer. Kai, der Fürst der Karpatianer, war ein genauso gefährlicher Gegner wie die Vampire die in den Legenden beschrieben werden. Kais völlige Gefühllosigkeit, seine eiskalte Entschlossenheit sowie sein eiserner Wille waren für Ray beängstigend. Er konnte in Kais Geist lesen, Kai würde für diesen Affront und die Zerstörung seines Heimes Rache nehmen. Er würde schnell und ohne Gnade zuschlagen, auch würde er keine Kompromisse eingehen. Nicolae Gabor hatte sich Kai zum Feind gemacht. Für Ray empfand Kai Liebe und er würde alles für ihn tun. Bei allen anderen lebte Kai nach einem ganz einfachen Prinzip: töten oder getötet werden. Ray gab sich alle Mühe Kais Geist mit Wärme und Mitgefühl zu füllen, jedoch musste er sich eingestehen nicht bis zu dem dunkelsten Winkel durchdringen zu können. Ein Teil der Eiseskälte blieb und ließ sich nicht vertreiben und Ray musste dies akzeptieren.

»Kai, sein Heim auf diese Art und Weise zu verlieren ist schrecklich. Du hast die Gegenstände dein Leben lang gesammelt und angeschafft. Aber, wir werden uns ein neues Heim aufbauen, wir beide zusammen. Diese Tragödie wird uns nur stärker machen«

Sanft nahm Kai Ray in seine Arme.

»Kai hier unten sind wir in Sicherheit. Wir können die Leute glauben lassen wir wären im Haus verbrannt. Leichen werden sie keine finden. Wir können weg gehen, uns anderswo ein neues Heim bauen«

Ray verstand es nicht. Sie waren nicht in Sicherheit. Das Haus würde über kurz oder lang einstürzen. Um sicher zu sein mussten sie in die Erde. Etwas, wovon Kai befürchtete, dass Ray nicht machen würde. Das war das eine Problem, das andere war, dass Kai sich nicht sicher war ob es ihnen gelingen würde sogar mit vereinten Kräften das Erdreich zu öffnen. Sie waren beide viel zu schwach. Sollte es ihnen nicht gelingen gäbe es sie beide bald nur noch am gegrillt oder geschmort. Sollten sie es doch wieder erwarten schaffen, hätte Kai keine Kraft mehr Ray in Tiefschlaf zu versetzten. Ray würde es ertragen müssen in der Erde begraben, lebendig begraben zu sein und zwar bis Sonnenuntergang.

Sie würden auf jeden Fall gemeinsam sterben oder gemeinsam überleben. Was eintreffen würde konnte Kai jedoch nicht voraussagen. In diesem Fall war Ray unberechenbar. Seine Furcht und Panik davor in der Erde zu ersticken hatte sich nicht gelegt und Kai wusste das nur zu genau. Viel Zeit um sich ein wenig auszuruhen hatten sie nicht. Die Balken der oberen Stockwerke sowie die Mauren des Hauses stürzten ein. Auf dem Dachboden des Kellers gab es ein Lautes `rumms`. Der Rauch und die Funken des Feuers kamen durch die Falltür nach unten.

»Wir haben keine Zeit mehr, Ray. Du musst mir helfen. Nimm all deine Kraft zusammen und übertrage sie auf mich um meinen Spruch zu unterstützen«

Ray hätte alles getan um Kai in Sicherheit zu wissen und wenn es hieß ihm seine letzten Kraftreserven zu geben dann würde er es tun. Hauptsache Kai war in Sicherheit. Rückhaltlos und mit all seiner Liebe zu Kai unterstütze er dessen Befehl. Das erstaunliche traf ein, das Erdreich öffnete sich.

»Kai, geh du zuerst« Ray wusste, er würde Kai nicht folgen, aber es war wichtig, dass Kai das dachte. Nur so konnte er Kais Leben retten. Kai schien das zu ahnen. Er hatte Ray immer noch im Arm und so lies er sich mit einer Drehung blitzschnell in die erschaffene Grube fallen und schloss sie mit letzter Kraft. Sofort stieg Panik in Ray hoch. Seine Seele begann zu schreien. Sie schrie und schrie und schrie. All diese schreie verhalten in Kais Geist. Er konnte fühlen wie sich Chaos und Panik in Ray ausbreiteten und dieser für nichts mehr zugänglich war. Er öffnete immer wieder den Mund um Sauerstoff zu bekommen, es kam jedoch nichts.

»Ray, hör mir zu. Komm zu mir. Beruhige dich. Es wird dir nichts geschehen«

Kais Worte verhalten ohne von Ray wahrgenommen zu werden.

»Kai, lass mich raus. Ich schaffe das nicht. Auch nicht für dich«

In den ganzen Jahrhunderten seines Lebens hatte Kai nie gelernt, was es hieß zu Hassen. Dafür lernte es dieses Gefühl, in diesem Moment, wo sein Heim abgefackelt wurde und sein Gefährte drohte dem Wahnsinn zu verfallen, in all seinen Facetten kennen. Er kam nicht zu Ray durch, egal was er versuchte. Langsam schwanden seine Kräfte und es war schon anstrengend für ihn die geistige Verbindung zu Ray aufrecht zu erhalten.

»Ray, schraube deine Atmung runter. Lass dein Herz im Takt mit meinem schlagen. Ray du brauchst keine Luft«

Die Panik und Angst in Ray wurden immer größer, jetzt drohte er zu ersticken, aus seinem Mund kamen nur noch gurgelnde Geräusche. Es ging nicht, nicht zu atmen. Er musste atmen. Irgendwann war Ray zu erschöpft um sich noch zu wehren. Kai ließ den Geist seines Liebsten für einen kleinen Moment los, ließ sich zurückfallen und erlaubte der Erde ihm die nötige Kraft zu spenden die er benötigte um Ray zu halten.

»Ray komm zu mir. Ich bin hier bei dir, in dir und um dich herum. Du brauchst keine Angst zu haben«

Er ließ Ray die Kraft spüren welche er von der Mutter Erde erhielt, jedoch vermied er es ihm zu zeigen woher diese Kraft und Geborgenheit kam. Rays Geist war nur noch ein kleines flackerndes Irrlicht in der Dunkelheit und Kai wusste nicht ob Ray in diesem Zustand das ganze bis Sonnenuntergang durchstehen konnte. Plötzlich fühlte Kai, dass sie nicht allein waren.

»Dir geht es gut mein Freund«

Das war keine Frage, sondern ein Befehl. Wie war das möglich? Normalerweise waren um diese Uhrzeit alle Karpatianer hilflos und ruhten in der Erde. Woher nahm Yury die Kraft um diese Zeit, auf eine solch große Entfernung noch solch eine Präsenz aufzubauen. Es fühlte sich an als würde er hier im Raum sein. Nicht einmal in den Legenden seiner Vorväter war so einer Leistung die Rede.

»Kai, dein Gefährte ist in Gefahr. Er braucht Ruhe. Gestatte mir ihn in Tiefschlaf zu versetzten«

Kai zögerte. Wenn er Yury erlaubte Ray in den Schlaf zu versetzen erlangte er Macht über seinen Liebsten. Kai konnte spüren, dass die Macht und Kraft seines Freundes unermesslich war. Die Frage war jetzt: Vertraute er Yury ausreichend?

»Kai, er wird diesen Tag nicht überleben, wenn er nicht schläft. Selbst wenn er mit dir Verbunden ist, seine menschlichen Grenzen werden die Oberhand gewinnen«

»Kannst du das tun auch aus der Entfernung? Kannst du ihn sicher in den Schlaf versetzten und ihm die Seelenqualen nehmen«

Kai hoffte es von ganzem Herzen. Yury war der Heiler seines Volkes und seine Einschätzung Ray würde den Tag nicht überleben bestätigte Kais Befürchtungen.

»Ja, für dich kann ich es schaffen. Kai du bist das einzige Wesen auf diesem Planeten dem ich die Treue geschworen habe. Meine Loyalität gehört dir allein. Du bist meine Familie und mein einziger Freund. Das wirst du auch bleiben bis dein Gefährte meiner Gefährtin das Leben schenkt. Bis dahin bist du das einzige Bollwerk zwischen mir und der Finsternis«

Kai stellte keine weiteren Fragen, Yury würde ihm das ganze irgendwann, wenn es an der Zeit war erklären.

»Danke Yury, ich stehe in deiner Schuld mein Freund«

»Nun du wirst eines Tages der Vater meiner Gefährtin sein. Ich muss doch sicherstellen, dass diese auch geboren wird«

Ein Unterton in Yurys Stimme lies Kai vermuten dieser hätte schon auf irgendeine Art und Weise dafür gesorgt, dass seine Prophezeiung auch in Erfüllung ging.

»Yury, ich hoffe, du weißt worauf du dich da eingelassen hast. Rays Tochter würde eine kleine Furie werden« Kai musste bei dem Gedanken schmunzeln. Er wusste nicht wie das möglich sein sollte, mit Ray Kinder in die Welt zu setzen, aber bestimmt hatte Yury eine Lösung dafür, sonst würde er keine solche Behauptungen aufstellen.

»Keine Sorge mein Freund, der Herausforderung fühle ich mich schon gewachsen und ich freue mich schon darauf. Ich werde ihn jetzt in Tiefschlaf versetzen«

Ein klarer und unmissverständlicher Befehl der so mächtig war, dass keiner sich hätte widersetzen können. Auch Ray nicht und so glitt er in einen tiefen und erholsamen Schlaf.

»Jetzt bist du dran mein Freund. Keine Sorge ich werde aufpassen und sollte sich euch jemand nähern werde ich es merken«

»Danke Yury«

Endlich erlaubte es sich auch Kai in den dringend benötigten und erholsamen Schlaf zu fallen. Bevor er seinen letzten Atemzug machte zog er Ray in seine Arme und umschloss ihn beschützend.

Es dauerte an diesem Tag viel Länger bis die Sonne unterging. Man hatte das Gefühl als würde sie über das Himmelszelt schleichen. Dann war es endlich soweit und die Sonne übergab ihren Platz den Sternen und dem Mond.

Von dem Haus war nur noch eine Ruine übrig. Die Feuerwehr, welche auch schon angerückt war konnte nichts mehr retten. Also, versuchte sie das Feuer zu löschen sie das Feuer und zogen wieder ab. Die Schaulustigen, welche sich hier versammelt hatten waren auch schon abgezogen. Jetzt lag die Ruine abgestorben in der Nacht. Kais Wölfe hatten natürlich auch von dem ganzen Geschehen mitbekommen und so machten sich zwei davon auf zum Haus um die Lage auszukundschaften. Schnüffelnd zogen sie ihre Runden um auf dem Grundstück bis sie zum Toreingang kamen. Dort spürten sie zwei mächtige Kräfte und verließen sofort den Ort.

Von all dem bekamen die, zwei hilflosen in der Erde schlafenden Lebewesen nichts mit. Es war schon fast Mitternacht als Kai aus dem Schlaf erwachte und langsam die Gegend telepathisch absuchte. Er konnte spüren, dass Yury und Andrej draußen waren und Wache hielten. Auf seinen Bruder und besten Freund war Verlass. Kurz sah er zu Ray herüber, er schlief immer noch. Er würde erst aufwachen, wenn Yury es erlaubte. Aber bevor ihn Yury ihn wieder weckte war es besser Ray aus der Erde zu holen. Wenn er in der aufwachen würde, bekam er nur wieder Panik.

Einen kurzen Moment noch hielt er Ray beschützend in den Armen, dann öffnete er das Erdreich und stieg an die Oberfläche. Es war ungewohnt nach dem Aufwachen sofort in der freien Natur zu erscheinen. Sofort stieg er in die Lüfte um Ray besser beschützen zu können. Aber es war keiner da. In Gestallt einer großen Eule drehte er ein paar Runden. Dann kam er wieder auf den Boden auf und verwandelte sich in einen großen Wolf. Als Wolf lief er durch den Wald, versuchte sich abzureagieren. Die Tiere des Waldes konnten seinen Zorn und seinen Hass spüren. Auch Yury und Andrej die beim Haus geblieben waren wussten, der Feind würde nicht entkommen.

Eine ganze Weile später kam Kai bei seien Haus, oder de was noch davon übrig war, an. Er nahm seine menschliche Gestalt wieder an und schritt auf seinen kleinen Bruder zu. Dieser erhob sich langsam von seinem Platz und massierte sich den Nacken. Er erweckte den Anschein schon eine ganze Weile in sitzender Position gewartet zu haben.

„Es freut mich, dass ihr beide da seid", begrüßte Kai die beiden. Yury lag unbeweglich auf dem Boden. Seine Gestalt war von der Dunkelheit umhüllt, nur seine eisblauen Augen glitzerten silbern im Mondlicht. Keine Reaktion war von ihm zu vernehmen. Die beiden Brüder sahen sich mit traurigen Augen an. Der Kummer in ihnen war nicht zu übersehen.

„Den Bewohnern habe ich erzählt, du und Ray währt auf einen kurzen Besuch zu Verwandten unterwegs. Du bist hier anscheinend sehr beliebt großer Bruder. Sie haben meine Erzählungen einfach so hingenommen."

„Können wir die Gefahr, welche unserem Volk droht, abwenden", fragte Kai.

„Abwenden nicht, aber wir können sie eingrenzen", erklärte Yury.

„Nicolae Gabor wurde in eine Klinik für Geisteskranke eingewiesen. Leider hatte er schon seine so genannten Beweise an verschiedene Kontaktpersonen geschickt."

„Was für Beweise denn", fragte Kai erstaunt.

„Fingerabdrücke, Fotos. Genaueres weiß ich noch nicht. Er stand schon unter dem Einfluss von Medikamenten als ich ihn erreichte. Seine Erinnerungen waren ziemlich verworren. Seine tote Mutter die auf dem Bett lag, das Haus, seine Schuld es zerstört zu haben."

Yury hob seinen Kopf und sah zum Himmel hoch. Obwohl sein Gesicht keine einzige Regung zeigte, spürte Kai seine Kraft. Yury strahlte eine solche Macht aus, dass es schon unheimlich war. Kai konnte ganz deutlich Yurys dunkle Seite spüren. Das Raubtier in seinem Innern, welches sich nicht mehr lange unterdrücken ließ. Es drängte an die Oberfläche. Diese Seite lebte Yury momentan während der Vampirjagd voll und ganz aus. Er war der gefürchtetste Vampirjäger, den das karpatianische Volk aufweisen konnte. Sogar die Vampire an sich fürchteten sich vor ihm. Also, mussten sie schon wieder in die Schlacht ziehen. Hoffnungslosigkeit und Ratlosigkeit machte sich in ihnen breit. Wieder wurden sie gezwungen Leben auszulöschen. Je öfter ein Karpatianer tötete, desto näher kam er der Finsternis. Das Töten war das einzige wo ein Karpatianer etwas fühlte. Dies bedeute eine große Versuchung für jeden der Männer, deren Leben sonst so leer und trostlos war.

„Wir müssen seine Beweise auf jeden Fall entkräften." Damit drehte sich Yury um, er wollte das Mitgefühl in Kais Augen nicht länger sehen müssen.

„Zuerst müssen wir Ray in Sicherheit bringen, das ist im Moment wichtiger", erklärte Kai.

„Dein Gefährte ist ziemlich schwach, mein Freund", erklärte Yury sanft. „Befreie ihn aus der Erde und zieh im was an, danach wecke ich ihn auf."

Das ließ sich Kai nicht zwei Mal sagen. Er ging zu Ray und holte ihn aus der Erde. Dann überlegte er was er ihm am besten anziehen sollte. Eine der Fähigkeiten eines Karpatianers bestand darin aus Naturmaterialien Klamotten zu erzeugen. Kai entschied sich für eine Jeans und einen dicken Pulli. Gute Wanderschuhe durften natürlich nicht fehlen. Danach gab Yury den Befehl.

Hustend und nach Luft schnappend erwachte Ray. Er konzentrierte sich einzig und allein aufs Atmen. Kai nahm ihn in die Arme strich ihm beruhigend über den Rücken.

„Ganz ruhig Ray, ich bin da. Ich bin bei dir. Spüre die Frische Luft."

Nur ganz langsam beruhigte sich Ray, konzentrierte sich jedoch weiterhin auf die Bewegung seines Brustkorbes, der die begehrliche Luft einzog. Andrej setzte sich neben ihn und sprach ihn an.

„Hörst du die Stille, Brüderchen? Die Wölfe haben heute noch nicht gesungen. Sie trauern um Kai und sein verlorenes Heim."

Langsam begann Ray zu blinzeln. Anscheinend erwachte er aus seiner Trance.

»Kai, soll ich ihm nicht die Erinnerung nehmen«

»Nein, er möchte sicher selber damit fertig werden«

»Bist du dir sicher, mein Freund. Ray ist sehr wichtig für unser Volk«

»Ganz sicher. Ray ist stark, er wird es schaffen«

Kai wusste, Ray würde es überhaupt nicht begrüßen, sollte er ihm die Erinnerung an das Geschehen nehmen. Als Gefährten waren sie verbunden, Kai würde es Ray nicht verheimlichen können, sollte er zulassen, dass Yury Ray die Erinnerung nahm.

Er bemerkte, dass Ray soweit wieder seine Umgebung wahrnehmen konnte.

„Ich bin kein würdiger Gefährte für einen Karpatianer", flüsterte Ray leise