Kapitel 8
Verschlafen drehte ich meinen Kopf zur Seite. Seiya lag noch friedlich schlafend neben mir. Die Sonnenstrahlen fielen bereits durch das Fenster, und ich blinzelte auf den Wecker. Verdammt. Ich habe den Wecker nicht gehört. Minako würde schon in einer halben Stunde hier sein, und Seiya hätte schon vor einer Stunde im Studio sein müssen.
"Seiya, los steh auf! Wir haben verschlafen!", rüttelte ich sanft an seiner Schulter.
"Warum? Wie spät ist es denn?", nuschelte er.
"Es ist schon 9 Uhr."
Er sprang aus dem Bett und zog sich während des Laufens schon seine Kleidung an. Wahnsinn, wie schnell er fertig war und ins Badezimmer lief. Ich begann auch mich fertig zu machen. Ich schlüpfte zu ihm ins Bad, Seiya drückte mir noch einen Kuss auf und wollte sich auf den Weg machen. Ich begann gerade, meine Haare zu kämmen, als ich hörte, dass er mit jemandem sprach.
"Schätzchen? Dein Besuch ist da.", rief er dann etwas lauter.
Oh nein. Ich steckte meinen Kopf aus der Tür und sah noch, wie Seiya diese hinter sich schloss. Im Flur stand eine kreidebleiche Minako mit weit aufgerissenen Augen.
Ups. Dann war es jetzt wohl raus. Nach einem Moment der Schockstarre kam Minako sofort zu mir ins Bad gestürmt.
"War das eben Seiya Kou? Der Seiya Kou von Three Lights? Was macht der in deiner Wohnung? Was ist mit Mamoru?"
"Scheiße, jetzt bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als Minako alles zu erzählen - oder zumindest den Teil mit Seiya. Wenn ich Diamond auch noch ins Spiel bringe, würde sie bestimmt den Verstand verlieren. Das sollte ich definitiv erstmal für mich behalten", dachte ich.
Minako saß auf dem Rand der Badewanne und hatte die Arme vor der Brust verschränkt, während sie mich neugierig ansah. Ich ließ mich auf den geschlossenen Toilettendeckel fallen und versuchte, ihrem Blick standzuhalten. Ich versuchte, ihre Mimik zu deuten, aber das war heute gar nicht so einfach. Ich atmete tief aus und überlegte, wo ich anfangen sollte.
"Ja, das gerade war Seiya Kou", sagte ich schließlich. Minakos Miene verzog sich keinen Millimeter. Konnte sie nicht wenigstens etwas von ihrem Pokerface fallen lassen? Das war echt gemein.
"Erinnerst du dich noch an den Blumenstrauß, den ich vor circa 9 Monaten bekommen habe? Dieses riesige Ungetüm", fuhr ich langsam fort.
Minako nickte. "Ja, von dem nervigen jungen Mann aus dem Flugzeug, der dich dann zum Essen eingeladen hatte." Endlich eine Regung - ihre Augen weiteten sich und es schien, als würde der Groschen bei ihr fallen. "Das war er?"
"Ja, genau. Komm, ich mache uns erstmal einen Kaffee und dann erzähle ich dir alles." Zu meinem Glück erhob sie keine Einwände, und ich konnte noch etwas Zeit schinden. Ich hatte mir noch nie so viel Zeit gelassen beim Tischdecken und Kaffee kochen. Minako sagte nichts, sie setzte sich nur an den Tisch und beobachtete mich bei meinem Tun.
Nervös setzte ich mich zu ihr. Wie würde sie reagieren, wenn sie alles erfährt? Das würde ich aber zeitnah herausfinden, um genau zu sein, in den nächsten Minuten. Sie sagte immer noch kein Wort, aber ihr vorwurfsvoller Blick drang immer weiter zu mir durch.
"Also... ja, der Mann aus dem Flugzeug war tatsächlich Seiya. Ich wusste genau genommen gar nicht, wer er war, während wir uns gestritten hatten. Das erfuhr ich erst später am Flughafen in Seattle. Im Flugzeug hatte ich ihm ja erzählt, dass ich einen Freund habe. Nachdem ich zum Essen erschienen bin, ging er allerdings davon aus, dass Mamoru nur erfunden war, um ihn abzuwimmeln. Mein Fehler war es damals, ihm nicht zu widersprechen. Ich habe seine Annahme einfach im Raum stehen lassen. Dieser Abend war unser Beginn. Seiya meldete sich von da an regelmäßig, und unsere Treffen wurden auch immer häufiger und intimer. Ich glaube, du weißt, was ich meine...", begann ich und sah dabei in meine Kaffeetasse, in der ich nervös rührte. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen.
"Geht das schon die ganzen neun Monate mit euch?", fragte Minako nach einer kurzen Phase der Stille. Ich zwang mich zu einem erneuten Nicken.
"Liebst du ihn?"
"Ich .. ich denke schon. Wenn er hier ist, ist alles so leicht. Ich fühle mich einfach komplett, wenn er da ist."
Mina schlürfte an ihrem Kaffee, bevor sie weiterbohrte. "Und was ist mit Mamoru? Liebst du ihn auch noch?"
Genau da war ja das Problem, welches mir in den vergangenen Tagen erst wieder vor Augen geführt wurde. In den Tagen, als ich ihn nicht erreichen konnte, hatte ich panische Angst um ihn. Ich spürte immer noch die Erleichterung, die mich durchflutete, als ich endlich seine Stimme hörte und das wohlige Kribbeln, als er mir sagte, dass er mich liebt.
"Ja, ich liebe beide", sagte ich kleinlaut und fügte in Gedanken noch Diamond als dritten hinzu. Wobei hier die Gefühle eine deutlich andere Rolle spielten. Natürlich war starkes Verlangen auch ein Gefühl, aber es war eindeutig nicht so tiefgehend.
Minako ließ endlich ihr Pokerface fallen und offenbarte mir ein besorgtes Gesicht.
"Und wie stellst du dir das jetzt vor? Du kannst doch nicht mit beiden zusammen bleiben. Das wäre gegenüber keinem der Beiden fair."
Ach, Mina, wenn du wüsstest. Zwei Männer zu koordinieren, mache ich schon seit einigen Monaten. Das konnte ich ihr nicht sagen. Aber sie hatte recht.
"Ich weiß, dass es nicht fair ist, aber ich kann mich nicht entscheiden. Mamoru begleitet mich schon mein halbes Leben. Er ist seit über vier Jahren mein fester Partner, mein Fels in der Brandung. Wir haben schon so viel zusammen durchgemacht... Aber Seiya... Allein bei dem Gedanken, ihn nie wieder zu sehen, raubt es mir den Atem. Er war für mich da die komplette Zeit, selbst als er in Europa war, hat er sich täglich nach meinem Wohlergehen erkundigt. Mina, er wohnt sogar hier."
"Das habe ich mir schon fast gedacht. Wann kommt Mamoru zurück?", fragte sie sanft.
Ich bemühte mich, ein Lächeln aufzusetzen. "Eigentlich in 12 Wochen, aber er hat mir heute Nacht gesagt, dass er wahrscheinlich verkürzen kann und schon in 5 Wochen zurück ist."
Minako kratzte sich grübelnd am Kopf. "Gut, dann haben wir noch 5 Wochen, um herauszufinden, für wen du dich entscheidest."
Ungläubig starrte ich sie an. Hatte sie gerade "wir" gesagt? Wie soll sie mir denn bei dieser Entscheidung helfen? Sie kennt doch gerade einmal die Spitze vom Eisberg.
"Mach mal die Augen zu." Verwundert schloss ich meine Augen und wartete darauf, was sie vorhatte.
"So, und jetzt stell dir vor, auf der einen Seite steht Seiya, auf der anderen Mamoru. Zu wem gehst du?" Ich blinzelte zu ihr rüber.
"Ganz ehrlich, Mina, ich habe absolut keine Ahnung. Darüber zerbreche ich mir schon eine ganze Weile den Kopf. Mamoru und mich verbindet so viel. Aber Seiya hat mein Leben verändert."
Minako pustete aus und schlürfte erneut an ihrem Kaffee. "Hast du es schon mal mit einer Pro- und Kontraliste versucht?"
"Nein, noch nicht. Ich habe nicht gedacht, dass es mir so schwer fallen würde. Am Anfang war das mit Seiya für mich ja auch nur freundschaftlich, wie du damals meintest, einfach um mal wieder rauszukommen... und jetzt wohnt er schon seit einem halben Jahr bei mir. Diesen Schritt habe ich mit Mamoru noch nie geschafft."
Minako runzelte die Stirn. "Du sagst, er wohnt seit einem halben Jahr schon hier? Warum habe ich davon nie etwas mitbekommen? Ich meine, das hätte mir doch auffallen müssen oder der Zustand deines Badezimmers", dabei deutete sie auf ein Bild von uns, das auf dem Sideboard stand.
"Seiyas Manager war beziehungsweise ist der Meinung, dass er in der Öffentlichkeit single bleiben soll, um die weiblichen Fans nicht zu vergraulen. Ich musste ihm versprechen, dass es keiner erfährt, also habe ich jedes Mal, wenn er wieder unterwegs war, seine Sachen in eine Kiste gepackt und unters Bett geschoben. Deswegen ist dir nie etwas aufgefallen."
"Deswegen hattest du auch unseren Filmeabend vor einigen Wochen abgesagt, stimmt's?"
"Ja, er hatte den Tag vorher Bescheid bekommen, dass sie erst zwei Tage später wieder aufbrechen."
Minako bedachte mich mit einem leicht vorwurfsvollen Blick. "Aber ich dachte, ich bin deine beste Freundin. Du hättest mir wirklich früher davon erzählen können. Was mich jetzt noch interessiert: Warum hast du es heute drauf angelegt? Das Bild steht da, in deinem Bad ist eine riesige Menge an Pflegeprodukten für Männer und er hat mir sogar die Tür geöffnet." Rückblickend betrachtet war ich auf heute wirklich schlecht vorbereitet. Wahrscheinlich hing es mit Seiya zusammen und seiner Bitte, aus unserer Blase auszubrechen. War ich unbewusst bereit gewesen für diesen Schritt, ohne es zu merken? Andererseits hatten wir gestern mehr als genug mit unserer Reiskatastrophe zu tun gehabt und dann hatten wir auch noch verschlafen.
"Ja, das war so nicht geplant gewesen", murmelte ich verlegen.
"Also hättest du mir heute immer noch nichts von ihm erzählt, wenn er mir nicht die Tür geöffnet hätte?", fragte sie mit einem deutlichen Unterton.
"Ich... ich weiß es nicht. Er hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass er sich nicht mehr verstecken will. Er möchte, dass wir uns jetzt auch draußen in der Öffentlichkeit als Paar zeigen. Das macht mir etwas Angst."
"Schöne Scheiße, in die du dich da manövriert hast. Lass mich das jetzt bitte einmal zusammenfassen. Du liebst Mamoru immer noch, er kommt in 5 Wochen aus Amerika zurück und er weiß auch von nichts. Er denkt, du warst die ganze Zeit das wartende Frauchen. Aber dann hast du zufällig diesen internationalen verdammt heißen Star kennengelernt, hast dich ebenfalls in ihn verliebt und er ist schon nach wenigen Wochen hier eingezogen... Dir ist aber schon bewusst, wenn ihr auf der Straße als Paar abgelichtet werdet, wird das große Wellen auch in den Medien von Amerika schlagen."
Ich vergrub mein Gesicht hinter meinen Händen. Natürlich war mir das bewusst. Sie erzählte mir nichts Neues. Welcome to my life.
"Natürlich weiß ich das. Deswegen habe ich Seiya auch gesagt, dass ich das mit der Öffentlichkeit nicht so gut finde. Er hat es verstanden und gesagt, dass ich das Tempo bestimmen darf. Mina, können wir uns jetzt vielleicht auf etwas Schönes konzentrieren? Über die Männer zerbreche ich mir schon jede freie Minute den Kopf. Ich brauche etwas, um auf andere Gedanken zu kommen. Damit hilfst du mir im Moment am meisten."
Minako hatte natürlich sofort mehrere Ablenkungspläne parat, wofür ich ihr sehr dankbar war. Den Rest des Tages fiel kein Wort über Seiya oder Mamoru. Ich war aber sehr erleichtert, dass sie endlich Bescheid wusste und ich jemanden zum Reden hatte. Es war echt erholsam, einen Tag ohne den Männerstress zu verbringen. Nach einer erfolgreichen Shoppingtour gönnten wir uns noch etwas Wellness, bevor wir uns auf mein Sofa kuschelten und den Filmabend nachholten. Das war genau das, was ich gerade gebraucht hatte.
