Kapitel 9
Es war endlich Freitag, der Tag der Überraschung. Seiya war gestern erst weit nach Mitternacht zurückgekommen und hatte heute frei. Ich neigte mich zu ihm rüber und gab ihm einen leichten Kuss. Ohne seine Augen zu öffnen, breitete sich dennoch ein breites, zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht aus. "Kannst du nicht im Bett bleiben?", murmelte er.
"Leider nicht. Ich habe Termine auf der Arbeit, aber ich versuche, zeitig zurück zu sein. Gibst du mir jetzt wenigstens einen kleinen Tipp wegen der Überraschung?", fragte ich ihn neugierig.
"Vergiss es, Schätzchen. Die paar Stunden wirst du schon noch aushalten", antwortete er grinsend.
Oh, Mann, war der gemein. Nicht mal einen kleinen Tipp wollte er mir geben. Ich schleppte mich ins Badezimmer und machte mich fertig. Sobald ich aus dem Haus war, warf ich einen Blick auf mein Handy. Drei Anrufe von Diamond und eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Nanu? Wer kann das denn sein? Öffnen.
Meine liebste Bunny, das ist jetzt meine neue Nummer. Ich hoffe, du hattest eine erholsame Nacht. Bald haben wir es geschafft, und ich kann dich endlich wieder in meine Arme schließen. Ich liebe dich M.
Mamoru. Mister Perfect. Es würde ihm den Boden unter den Füßen wegreißen, wenn er erfahren würde, was ich hier trieb. Sein Gesicht blitzte vor mir auf, seine so treuen Augen. Wie konnte er damals auch einfach für 18 Monate abhauen und mich hier zurücklassen? Nein, stopp. Ihn traf keine Schuld. Sowohl Seiya als auch Diamond waren meine Entscheidungen gewesen.
Ja, ich hoffe, du auch. Kann es kaum erwarten. Ich dich auch.
Er darf keinen Verdacht schöpfen, bis ich mir darüber im Klaren bin, was ich wirklich will. So weiter im Text, Diamond anrufen.
"Na endlich. Weißt du, wie oft ich angerufen habe?!", raunte er schlecht gelaunt in den Hörer.
"Ich habe auch ein Privatleben. Was gibt's denn so Dringendes?"
"Meide alles, was gefährlich sein könnte. Ich glaube, ich habe herausgefunden, was Saphir plant."
"Diamond, hör endlich auf in Rätseln zu sprechen. Sag endlich, was los ist. Ich bin es leid, hingehalten zu werden."
"Ich erzähle dir morgen in Osaka alles. Soll ich dir den Jet bereitstellen?"
"Ich habe dir doch noch nicht einmal zugesagt! Ganz ehrlich, deine ganze Bevormunderei geht mir ziemlich auf den Keks!"
Ich hörte, wie Diamond scharf die Luft einsog. "Usagi, es ist wichtig, dass ich dir die Wahrheit erzähle. An einem sicheren Ort. Bitte komm morgen nach Osaka, damit ich dir alles sagen kann."
Hatte er gerade tatsächlich "bitte" gesagt? Das waren ja ganz neue Töne. Dann musste ich mir nur noch etwas für Seiya einfallen lassen, er wollte mich ja wahrscheinlich nach Osaka begleiten.
"Ich werde versuchen, es zu schaffen, aber dann keine Geheimnisse mehr", sagte ich. Kaum hatte er die Bestätigung, dass ich tat, was er wollte, hatte er auch schon wieder aufgelegt. Typisch.
Zumindest auf der Arbeit blieb es heute ruhig. Keine Störungen der Familie Prince, keine Katastrophen. Es war fast zu schön, um wahr zu sein.
Die Sonne strahlte mir schon entgegen, als ich das Büro verließ. Seiya stand wie so oft an der Ecke und grinste mir schon entgegen.
"Na Schätzchen, wie war dein Tag?", fragte er und nahm meine Hand. Es fühlte sich ungewohnt an, dass er sich mit mir in der Öffentlichkeit Hand in Hand zeigte. Aber ein wohliges Kribbeln durchflutete mich. Ich verschränkte meine Finger in seinen und hoffte nur, dass ihn keiner erkannte.
"Bisher ganz entspannt. Verrätst du mir jetzt, wo es hingeht?"
Verstohlen warf er einen Blick auf die Uhr. "Noch nicht. Wir gehen erstmal nach Hause. In zwei Stunden fahren wir dann los."
"Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ganz gemein bist? Du könntest mir ja wenigstens einen ganz, ganz kleinen Tipp geben", schmollte ich, woraufhin er mich in seine Arme zog.
"Okay, ein ganz, ganz kleiner Tipp", begann er und neigte seinen Kopf zu meinem Ohr. Endlich!
"Ach, nein. Es ist viel schöner, dich zappeln zu lassen", flüsterte er dann.
Man, war das gemein. Leicht angesäuert stieß ich ihm in die Rippen. "Blödmann."
Als wir zuhause ankamen, traute ich meinen Augen nicht. An der Tür des Badezimmers hing ein dunkelblaues Kleid. Es war etwa knielang und mit einer tollen Spitze verziert. Das Rockteil bestand aus weich fallendem Chiffon. Es sah traumhaft aus. Seiyas Geschmack war um Längen besser als diese knappen Teile, die Diamond mir zukommen ließ. Daneben standen noch ein passendes Paar Schuhe und eine Handtasche. Ungläubig drehte ich mich zu Seiya um.
"Was ist das? Hattest du nicht gesagt, normale Klamotten?"
Seiya lächelte mich schief von der Seite an. "Wenn's dir nicht gefällt, kannst du auch das anbehalten, was du jetzt trägst. Ich wollte mich damit für vorgestern Abend entschuldigen. Das mit dem Kochen war ja eigentlich ganz anders geplant. Du solltest dich eigentlich entspannen und nicht noch hinter mir her räumen." Verlegen kratzte er sich am Kopf.
Ich strahlte bis über beide Ohren. Dieses Kleid war echt der Hammer. "Wenn ich immer so schicke Kleider kriege, wenn du Mist baust, wird der Schrank aber bald zu klein für uns beide", neckte ich ihn etwas, bevor ich ihm um den Hals fiel und ihn leidenschaftlich küsste. Er schlang seine Hände um meine Hüften, und ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Langsam zog ich ihn hinter mir her in Richtung Schlafzimmer, doch dann stoppte er plötzlich.
"Schätzchen, du hast noch eine Stunde, dann müssen wir los. Also, mir ist es egal, wie du aussiehst. Ich nehme dich auch im Schlafanzug mit. Aber wenn du die neuen Sachen anziehen willst, glaube ich, du brauchst die Zeit." Etwas frustriert schnaufte ich aus. Irgendwie hatte er ja recht, aber so ein kleiner Quickie wäre doch wohl drin gewesen. Diamond... nein, halt, ich muss aufhören, die Männer miteinander zu vergleichen. Ich nahm das Kleid ab, klemmte mir die Schuhe unter den Arm und schloss mich im Badezimmer ein. Dann würde ich Seiya eben zeigen, was er verpasst hatte.
Ich stellte mir einen Timer auf eine Stunde und begann mit dem Styling, Musik auf voller Lautstärke. Selbst wenn Seiya etwas gesagt hätte, wäre es nicht zu mir durchgedrungen. Er durfte ruhig etwas merken, dass ich angefressen war.
Als mein Timer klingelte, zog ich noch schnell den Lippenstift nach, schaltete die Musik aus, machte das Handy auf lautlos und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Perfekt.
Mit einem breiten Grinsen öffnete ich die Tür. Doch auch mir verschlug es die Sprache. Seiya stand in einem schicken schwarzen Anzug vor mir, weißes Hemd und eine Krawatte passend zu meinem Kleid. Mein Outfit schien seine Wirkung aber auch nicht zu verfehlen. Seiya starrte mich mit offenem Mund an und sagte nichts.
"Nimmst du mich so mit?", fragte ich und drehte mich einmal im Kreis.
"Wow, Schätzchen. Du siehst umwerfend aus", stammelte er.
"Dankeschön. So und wo geht es jetzt hin?", versuchte ich ihm erneut Antworten zu entlocken.
"Ich brauche deinen Autoschlüssel. Wir fahren ein Stück", sagte er und hielt mir die Hand entgegen.
"Ähm... Seiya... bist du sicher, dass du mit meinem Auto fahren willst?", fragte ich und biss mir auf die Lippen, um nicht zu lachen.
"Wenn es vier Räder und einen Motor hat, kann ich es auch fahren." - typische Männerantwort. Er wusste, dass ich ein Auto besaß, welches in der Tiefgarage stand, aber da wir in einer Großstadt wohnten, benutzte ich es nur selten. Er hatte es auch noch nie gesehen. In der Tiefgarage angekommen drehte er sich einmal im Kreis und ich sah ihm an, dass er überlegte, welches meins sein könnte. Natürlich hatte ich in der letzten Ecke geparkt. Zielstrebig steuerte ich auf meinen kleinen Smart in quietschendem Pink zu. Seiyas Gesichtsausdruck war köstlich, als er realisierte, dass dieser Wagen zu mir gehörte.
"Schätzchen? Was ist das?", fragte er.
"Das ist mein Auto. Ich hab dich extra gefragt. Vier Räder hat es und auch einen Motor", kicherte ich ihm entgegen.
Seiya fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. "Gut, nützt ja nichts. Dann nehmen wir heute diesen Riesenrollschuh und nächstes Mal miete ich uns ein vernünftiges Auto."
"Hey, mach mein Auto nicht runter. Es hat mich bisher immer heil dorthin gebracht, wo ich hin wollte."
Als wir aus der Tiefgarage draußen waren, legte er seine Hand auf meinen Oberschenkel und schenkte mir ein liebevolles Lächeln. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde und kamen an einem Restaurant mitten im Wald zum Stehen. Dafür, dass es so versteckt lag, war es gut besucht. Der kleine Parkplatz war voll.
"Wir gehen essen?", fragte ich ihn etwas verwundert. Doch bevor er antworten konnte, klingelte sein Handy.
"Ja... ja, wir sind da... gerade geparkt... bis gleich."
Am anderen Ende war ebenfalls eine Männerstimme. Wir unternahmen doch sonst immer nur Dinge gemeinsam. Was hatte er vor? Ich hatte ihm doch gesagt, keine öffentlichen Auftritte. Er öffnete mir die Autotür und hielt mir seine Hand entgegen. Zögerlich ergriff ich sie und stieg aus. Mit jedem Schritt, den wir uns der Tür näherten, wurde mir immer mulmiger. Eine junge Frau kam uns sofort an der Tür entgegen.
"Haben Sie reserviert?", trällerte sie freundlich. Ich merkte währenddessen, dass meine Handflächen vor Aufregung schwitzig wurden. Meine linke Hand war fest in Seiyas Griff. Bitte keine Presse.
"Ja, Kou für fünf Personen", antwortete Seiya der Frau.
Was? Hatte ich da gerade richtig gehört, fünf Personen? Panik begann sich in mir auszubreiten. Meine Beine wären am liebsten wieder zurück zum Auto gerannt. Stattdessen stand ich stocksteif neben ihm und wartete, was passieren würde.
Die Frau blätterte in einem kleinen Buch, strich etwas durch und erhob dann ihren Kopf. "Sehr gut, dann folgen Sie mir bitte."
Mit schweren Schritten folgte ich Seiya die Treppe rauf und dann nach links. Vor einem großen runden Tisch am Ende des Raumes blieb die Frau stehen. Da Seiya direkt vor mir stand, konnte ich nicht direkt sehen, wer da auf uns wartete.
"Du warst schon mal pünktlicher. Ich verhungere fast", begrüßte ihn eine männliche Stimme. Seiya lachte kurz auf.
"Hätte ich ein vernünftiges Auto gehabt, wären wir auch pünktlich gewesen." Dann zog er mich an der Hand langsam nach vorne.
"Aber ich freue mich, dass ich euch heute endlich mein Schätzchen vorstellen darf, Usagi." Es war ungewohnt, dass er meinen Vornamen benutzte. Vor uns am Tisch saßen zwei Männer, einer mit weißblonden Haaren, einer mit braunen, beide langhaarig wie Seiya. Ich kannte sie von den Bildern, die Seiya mir geschickt hatte. Das waren seine Brüder. Neben dem Braunhaarigen saß ein blauhaariges Mädchen. Jetzt wandte Seiya sich an mich. "Schätzchen, das sind Yaten und Taiki, meine Brüder, und das ist Amy, die Freundin von Taiki", stellte er uns vor. Es war also ein Familienessen. Er meinte es also wirklich ernst, dass wir aus unserer Blase ausbrechen. Mein Herz schlug immer noch wie wild. Wir setzten uns auf die zwei freien Stühle. Ich merkte, wie seine Brüder mich eingehend musterten.
"So und du bist also das Mädchen, das es endlich geschafft hat, diesen Casanova zu bändigen", grinste Yaten zu mir rüber.
"Yaten, was soll das denn heißen! Sie bekommt ja noch ein falsches Bild von mir."
Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. "Warum? Gibt es da etwas, was ich wissen sollte?"
Seiya schoss eine leichte Röte ins Gesicht.
"Ach, sagen wir es mal so. Es war nicht immer einfach mit ihm, bis er dich getroffen hat", mischte sich jetzt Taiki ins Gespräch.
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Ja, das kann ich mir vorstellen. Bei unserem ersten Treffen haben wir uns fast 9 Stunden durchgehend gestritten."
"Du hast sogar einen Freund erfunden, nur damit ich dich in Ruhe lasse", brummte Seiya etwas ungehalten.
Oh, wenn du wüsstest. Mamoru war nicht erfunden. Er ist real und wird in fünf Wochen wieder hier sein. Verdammter Mist. Ganz ruhig Usagi, dieser Abend gehört Seiya. Schieb die Sorgen einfach etwas nach hinten. Lächeln und Atmen nicht vergessen.
"Dann kannst du dich ja glücklich schätzen, dass sie doch zu eurem Treffen aufgetaucht ist."
Ich muss das Thema wechseln und zwar schnell. Das Mädchen fiel mir ins Auge.
"Und wie lange seid ihr schon zusammen?", wandte ich mich an sie.
Amy überlegte einen Augenblick. "Nächsten Monat sind es zwei Jahre."
Taiki legte seine Hand auf ihre. "Echt Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man glücklich ist."
Yaten verdrehte genervt die Augen. Diese Reaktion entnahm ich, dass er wohl der einzige wirkliche Single war. So langsam schien das Eis gebrochen zu sein. Es wurde tatsächlich ein entspannter und gemütlicher Abend. Taiki und Amy schienen beide sehr ruhig und besonnen zu sein. Yaten und Seiya hingegen waren wie Hund und Katz. Sie zogen sich gegenseitig auf wie kleine Kinder, aber wenn man genauer hinsah, erkannte man ihre tiefe Verbundenheit. Sie waren nicht nur Brüder, sondern auch beste Freunde. Obwohl Amy sehr schüchtern war, begann sie dann auch von sich und Taiki zu erzählen, natürlich nicht ohne dutzendmal von den Männern unterbrochen zu werden. Bisher hatte ich immer Angst bei dem Gedanken, seine Brüder kennenzulernen, aber jetzt war ich froh, dass wir diesen Schritt gegangen waren. Auch Seiya schien erleichtert, dass wir uns gut verstanden. Nach einem wirklich köstlichen Mehr-Gänge-Menü, ganz ehrlich, ich habe nicht mitgezählt, was uns alles vorgesetzt wurde, verabschiedeten wir uns.
Es war mittlerweile schon stockfinster draußen. Auf dem Rückweg wurde mir schlagartig bewusst, dass morgen schon Samstag war. Die Ausstellung in Osaka und Diamond.
"Ähm. Seiya, ich hatte dir doch von dieser Ausstellung in Osaka erzählt. Ich glaube, ich würde doch gerne hin."
"Wann war die noch gleich?"
"Morgen", flüsterte ich kleinlaut. Mit dem Flugzeug war Osaka nur eine Stunde entfernt, aber mit dem Zug oder mit dem Auto war es wesentlich länger.
"Und das fällt dir jetzt ein?", brummte er etwas ungehalten.
"Ich kann auch alleine fliegen, wenn es dir zu stressig ist. Es ist ja nur eine Nacht."
Seiya überlegte, und ich wurde nervös. Natürlich würde es mir in die Karten spielen, wenn ich alleine fliegen würde.
"Weißt du was, Schätzchen? Ich miete uns morgen früh ein richtiges Auto, und dann fahren wir zusammen hin. Wird bestimmt lustig", schlug er vor, und ich schluckte. Verdammt, aus der Nummer kam ich nicht raus.
"Meinst du so lustig wie der neunstündige Flug von Tokio nach Seattle?", bemerkte ich spitz und verkniff mir ein Lachen. Seiyas Mundwinkel zuckten ebenfalls leicht nach oben. Der einzige Hoffnungsschimmer war, dass Seiya nicht auf die Ausstellung durfte. Ich würde also in Ruhe mit Diamond reden können.
