02 - Das letzte Röcheln der Unschuld
Er saß bereits seit einer halben Stunde auf der kalten Fensterbank, hielt die von kurzen braunen Locken gesäumte Stirn gegen das kristalline Glas der Fensterscheibe gepresst, das einzig wahrnehmbare Geräusch das Prasseln des Regens. Das Arbeitszimmer seines Vaters roch nach kaltem Tabak und Kaffee, eine an sich harmonische Mischung, aber für Cormac McLaggen waren sie Boten der schrecklichsten Katastrophen, die sich in seinem Leben jemals zugetragen hatten.
Mit seinem sorgsam manikürten Finger fuhr er die kleinen Rinnsale, die sich die schwersten und vollsten Regentropfen hinunter gebahnt hatten, nach und wartete mit einem wachsenden Unbehagen in seinem ruckelnden Bauch. Anspannung zeichnete seinen in betont lässiger Position sitzenden Körper und schuf ein disharmonisches Bild. Während die Scheibe in immer schnelleren Intervallen von der pudrig weißen Schicht seines Atems beschlug, zog sich die Zeit auf eine dem aktuellen Anlass entsprechend makabren Art.
Gedämpfte Schritte drangen durch die Vertäfelung der Tür und Cormacs Hand krallte sich in seinen schwarzen Umhang. Kurze Zeit später wurde die Tür auf eine so nachlässige Art aufgestoßen, als sei sie nicht aus massivem Mahagoni und ein imposanter Mann mit grauem Haarkranz marschierte mit dem stechenden Schritt eines ehemaligen Soldaten über den dicken Teppich. Er verschränkte die Arme mit nahezu sakralem Ernst vor der breiten Brust und musterte Cormac, der einige Male schmerzhaft schlucken musste, aus stechenden blauen Augen. Er ließ die Tür mit dem Selbstbewusstsein alter, prominenter Menschen offen stehen, als habe er nichts zu verbergen und obwohl Cormac sie selbst gern geschlossen hätte, wagte er nicht einmal mit dem Finger in ihre Richtung zu zucken.
"Du kannst dir sicherlich selbst denken, warum ich dich hier herbestellt habe, Sohn." Sein arroganter, gespielt höflicher Tonfall war eine einzige Provokation, die für Cormac allein bestimmt war und einzig seine noch immer verkrampfte Hand, die zitternd auf seinem Oberschenkel ruhte, zeugte von ihrem Erfolg.
Um mir Angst zu machen, während du mich hier warten lässt, knurrte eine aufsässige Stimme in seinem Inneren, die echte Cormac-Stimme, die einzig durch tiefe Seufzer kaschiert die Ohren seines Vaters erreichte. "Nein, Vater, das weiß ich nicht. Gibt es einen Grund zur Klage?"
Das Kinn des Herrn sackte ein wenig ab, was seinen Blick noch intensiver werden ließ. Innerhalb von wenigen Sekunden breitete sich ein tiefes Rot auf den Wangen und der Stirn des Mannes aus, welches die blauen Adern auf der Nase auf gespenstische Weise akzentuierte.
Dieses Bild, so wusste Cormac, war der Startschuss der von ihm stets erwarteten Auseinandersetzung. Mit zusammengepressten Lippen rutschte er von der Fensterbank und stellte sich auf eine gänzlich respektable Weise vor den ausgeschalteten Muggel-Heizkörper.
"Ich werde dir sagen, welchen Grund ich habe!" Wie die Hiebe einer Peitsche schnellten die Worte seines Vaters vor und Cormac zuckte vor Schreck zusammen. "Neulich noch hast du mir zugestimmt, wie überaus wichtig ein positives Bild von dir in der Öffentlichkeit ist! Und jetzt wagst du dich ohne Frau hierher und... weinst herum! Der Minister hat es gesehen!" Die Wut des Mannes troff unbeherrscht zusammen mit den Speicheltropfen aus ihm hervor, als sei er ein Gartenschlauch, der von einem schweren Fuß daran gehindert wurde, den Garten zu bewässern.
Cormac biss sich auf die Innenseite seiner Wange, um sich zu beherrschen, doch ausgerechnet in diesem Moment wollte es ihm nicht mehr gelingen, nachdem er seinen Gefühlen den ganzen Morgen schon nachgegeben hatte. Mit einer tiefen Falte zwischen den zusammengezogenen Augenbrauen entgegnete er: "Was denn, hast du noch nie jemanden auf einer Beerdigung weinen sehen?"
"Das ist nicht der Punkt, Junge und das weißt du genau! Wir sind von einer alten bekannten Zaubererfamilie aufgestiegen zu den engsten Vetrauten des Ministers - und als solche haben wir einen Ruf zu wahren! Du kannst nicht einfach tun, was du willst und der Gesellschaft deine Weichheit präsentieren!" Er löste seine Arme von seiner Brust und stach mit dem Zeigefinger im Takt seiner Worte in Cormacs Richtung.
"Tun, was ich will? Vater, du solltest dich mal reden hören! Onkel Tiberius ist tot und alles, woran du denkst, ist dein Ruf!" Tränen brannten in seinen Augenwinkeln und die Trauer drückte ihm die Luft ab, schnürte ihre Eisenketten um seinen Brustkorb, sodass er unwillkürlich seine Krawatte mit der Hand lockerte.
"Oh, es ist dein Lieblingsvorwurf. Du bist so egoistisch, Vater! Wenn du endlich erwachsen werden würdest, dann könntest du erkennen, dass ich dies alles für die Familie mache! Damit du und deine Schwester etwas erben könnt, deine Mutter sich in kultivierten Kreisen, die ihr zustehen, bewegen darf, ohne schief angesehen zu werden - du bist drauf und dran, alles in den Sand zu setzen!" Die zornige Stimme seines Vaters erfüllte mit ihrem Dröhnen den gesamten Raum. Cormac fragte sich, ob sie wohl auch hinaus drang, ihren Weg zu den Ohren der Reporter bahnte, die hergekommen waren wie Geier, die einen Leichnam umkreisten, um zu beweisen, dass er selbst es war, der die Familie ruinierte.
"Ein Teil der Familie wurde soeben beerdigt, Vater, und du zeigst dich wieder von deiner besten Seite. Dein Bruder ist tot und du tust so, als wäre das völlig nebensächlich!" Cormacs Hand fuhr durch seinen Lockenschopf und brachte die Ordnung seiner teuer bezahlten Frisur durcheinander, ohne dass er selbst es registrierte, doch die Augen des anderen Mannes folgten jeder seiner Bewegungen.
"Er ist tot, aber wir Anderen leben noch. Und genau das ist der Grund, warum du jetzt dort hinausgehen und einige Interviews führen wirst, um deutlich zu machen, dass Onkel Tiberius nichts war als ein schwarzes Schaf, das schwächste Glied unserer Familie, die durch den heutigen Tag nur stärker wird!"
Cormac riss in ungläubigem Erstaunen die Augen auf. "Was? Aber das kannst du nicht von mir verlangen!" Es klang nicht annähernd so überzeugend, wie er sich gewünscht hatte. Sein Ausruf trat als verletztes Wimmern aus seinem Mund und wurden mit einer wegwerfenden Geste fort gewischt, als hätte es sie nie gegeben.
"Vergiss niemals, Cormac, dass ich ganz genau weiß, was du im Ausland getrieben hast. Dass ich dafür gesorgt habe, dass Niemand außer mir davon erzählen kann." Nun sprach sein Vater leise, kaum hörbar, mit vorgebeugtem Oberkörper. Sein alkoholisierter Atem streifte Cormacs Wange und ihm wurde übel, provoziert von einer lähmenden Furcht und einer entsetzlichen Erkenntnis.
"Du hast -", begann er, doch sein Vater unterbrach ihn, indem er mit plötzlich leutseliger Miene, die auf seinem Gesicht seltsam unwirklich erschien, auf die Schulter schlug.
"Und nun gehen wir hinaus und vergessen dieses bekümmernde Gespräch. Du weißt jetzt, worauf es ankommt. Du wirst deine Freundin das nächste Mal mitbringen und jetzt, hinaus in die Welt und zu den Reportern!"
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Auf dem Brennholzstapel neben einem Kamingeschirr aus Messing lag eine zusammengeknüllte Zeitung, die auf Seite 14 aufgeschlagen war und das Foto eines Mannes zeigte, der verhalten lächelte und den Kameras mit dem Blick auswich.
Würde man die Zeitung aus ihrem Grab hinausnehmen und glattstreichen, so könnte man verwundert feststellen, wieviel der Tagesprophet von dem feinen Herrn hielt, seinen Charme und sein großes Herz anpries, als würden sie etwas verkaufen wollen.
"Obwohl Onkel Tiberius das schwarze Schaf unserer ansonsten respektablen Familie war, wird er mir fehlen." An dieser Stelle dokumentierte ein halbmondförmiges Loch die Enttäuschung und den Zorn desjenigen, der diese Zeitung auf eine so zerstörerische Art entsorgen wollte, als habe sie ihn persönlich beleidigt.
Beinahe zur Unkenntlichkeit zerfetzt hob sich eine Textstelle von dem nahezu unversehrten Rest der Zeitung ab, die einige von Tiberius skandalösesten Geheimnisse auf Seite 30 versprach.
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Einige Tage später saß Cormac an seinem Frühstückstisch und wollte gerade den Bodensatz aus der Kaffeekanne in seine leere Tasse kippen, als die erste Erinnerung seine Verteidigung durchbrach. Kraftlos ließ er sie mit einem dumpfen Klonk auf der Wachstischdecke aufkommen und legte die Hand auf seine Schläfe.
"Das machst du nicht wirklich, oder? Es ist komplett widerlich!" Die Hand des jungen Mannes zögerte trotz seiner harschen Worte keineswegs. Mit dem Esslöffel fischte er den Kaffeesatz aus der Kanne und klatschte sie auf das trockene Brötchen, während ein fröhliches Lächeln sein Gesicht erhellte und die kleinen Lachfältchen, die seine Augen säumten, vertieften. "Ich finde es weit widerlicher, nicht wach zu werden!" Und dann das Lachen. Es klang so unbekümmert, als wäre all dies nur ein Spiel.
Ein Schluchzen entwich seiner Kehle und noch ehe er auf seine Faust beißen konnte, begann er zu weinen, wie er noch niemals geweint hatte, während er die umgestürzte Kaffeekanne anstarrte und die kleinen dunklen Körnchen, die alles lebendig werden ließen, das sein Vater getötet hatte. Das er getötet hatte.
Sein Oberkörper kippte vornüber, bis er die synthetische Kälte der Tischdecke an seinen Lippen fühlen konnte und rollte den Kopf auf die Seite, um auch seine Wange zu kühlen. Den Teller stieß er achtlos von sich. Jetzt erst wusste er zu deuten, warum er auf die Briefe, die er so sorgsam beschriftet hatte, mit einer Schrift wie ein Gemälde, nie eine Antwort erhalten hatte. Die Erkenntnis brach sich in seinen kraftlosen Gliedern schneller Bahn, als er jemals vermutet hätte.
Fast war ihm, als würde ihm das süße Parfüm, in das er das Briefpapier in einem Anflug von Albernheit getaucht hatte, umgeben. Eine Wolke aus vergangenen Träumen, die unausgesprochen in seinem Herzen wohnten und die nun ein bitteres Ende fanden und an einer Klippe aus Selbstvorwürfen, banalen Ängsten und zerstörerischen Anforderungen zerschellten.
Tränen verdunkelten die feine Seide seines hellbraunen Morgenrocks, als er sich mit dem Ärmel das Gesicht abwischte, aber er sah es nicht, denn der Entschluss, der wie ein Blitz durch seinen Körper schoss und ihn dazu brachte, sich aufzurichten, trübte alles Andere.
Er sprang auf. Mit einem durchdringenden Knirschen kratzte der unscheinbare Holzstuhl über die hellen Bodenfliesen und hinterließ dunkle Schlieren. Seine Beine spürte er nicht beben, doch der Boden neigte sich ihm schnell entgegen, nur um sich dann doch wieder abzustoßen. Kurz hielt sich seine bebende Hand an dem geschliffenen Türrahmen fest. Cormac schloss die Augen, doch als sich das Gesicht mit dem sonnigen Grinsen aus der Dunkelheit seines Blickfeldes abzeichnete, öffnete er sie schnell wieder.
Die nackten Füße tapsten leise und zögerlich über das kalte Holzparkett, das im grauen Licht des anbrechenden Tages matschig-trüb schimmerte und fanden ihren Weg in den spartanisch eingerichteten Salon. Obwohl er noch immer höchst unsicher auf den Beinen war, nutzte er das viktorianische Kanapee, das in der Mitte des länglichen Raumes stand wie ein Thron für vergangene Könige nur, um sich einen Moment daran festzuhalten. Dann stieß er sich erneut ab und wankte, als wäre er betrunken, bis an das Ende des Zimmers zu einem Sekretär und brach schluchzend darauf zusammen.
Ein weiteres Mal musste er versuchen, sich zusammenzureißen, um seine Tränen nicht auf höchst klischeehafte Art und Weise auf den Briefbogen tropfen zu lassen. Es gab wichtigere Dinge, die er erledigen musste. Nach einem letzten bebenden Seufzen biss er sich auf die Lippen, strich sich die Nässe von den geröteten Wangen und rollte den rechten Ärmel seines Morgenmantels hoch. Er hob die Feder, setzte sie an und begann mit wütenden Strichen zu schreiben, bis sein Gesicht blass wurde.
Als er ihn zur Kontrolle durchlas, kaute er auf seinem kleinen Finger herum, eine Angewohnheit, die ihn in Zeiten größter Anspannung überfiel und runzelte die Stirn, als er einen schwarzen Fingerabdruck auf dem Blatt bemerkte. Doch das Zittern seiner Hände verdeutlichte ihm die Zeit, die er bereits vergeudet hatte und ohne den Abdruck weiter zu beachten, signierte er den Bogen, steckte ihn in ein Kuvert und adressierte ihn an die Aurorenzentrale.
Ein zweites Blatt kritzelte er mit weit weniger Mühe um formschöne Buchstaben voll als zuvor. Selbst als seine Feder das Pergament durchstach und einen tiefen Riss durchzog, reagierte er nicht darauf. Dies war der Brief, den er vorher immer hatte schreiben wollen, ohne je den Mut zu finden. Eine grimmige Zufriedenheit lag auf seinem Gesicht, als er die anklagenden Worte an seinen Vater adressierte und beide Umschläge aufnahm.
Die Stimme zu einem zittrigen Bündel negativer Emotionen verschnürt, rief er nach seiner Eule und wartete darauf, ihre weit gespannten Flügel den Raum teilen zu sehen. In Wirklichkeit dauerte es keine zwei Minuten, bis der Waldkauz sich mit leise klickenden Krallen auf dem dunklen Marmor des Fenstersims niederließ, doch es erschien Cormac wie eine stundenlange Geduldsprobe.
Erst als er das drängende Gewicht der Briefe losgeworden war und er beobachtete, wie Meryl in der Ferne immer kleiner wurde, konnte er sich auf die Konsequenzen seines Tuns einlassen. Es würde ihn um Kopf und Kragen bringen, doch zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Richtige getan.
Man kann einen Mörder nicht davonkommen lassen. Du kannst stolz auf dich sein. Der echte Cormac erwachte in seinem Inneren, doch der Knoten aus Unbehaglichkeit, der die Krämpfe in seinen Gedärmen zu verschulden hatte, löste sich nicht. Jetzt gab es kein Zurück mehr und als er sich seinen Vater vorstellte, dessen rotes Gesicht ihn zwischen den blitzenden Kameras, die seinen Fall dokumentierten, ausmachte, presste er sich die Hand auf den Mund und eilte in den angrenzenden Raum.
Er schaffte es nicht bis zur Toilette und erbrach sich in der Badewanne, bis sein Magen nur noch Luft auswürgte und seine Hände sich auf dem kalten Porzellan entspannten. Trotz seines rasenden Herzens und der Schwäche, die seine Knochen vibrieren ließ, kämpfte er sich auf die Beine, um sich im Spiegel zu betrachten, das Gesicht eines Mannes zu sehen, der stolz auf sich sein konnte. Es war kalkweiß und von Bartstoppeln gesäumt, die auf der blassen Haut fast schwarz wirkten. Er sah aus wie ein Penner.
Cormac lächelte ein Lächeln, das sich von dem, das ihn heute heimgesucht hatte, nicht markanter hätte unterscheiden können. Eine schmerzliche, unechte Grimasse.
Mit einer unsicheren Hand beobachtete er in dem Glas des Spiegels, wie seine Hand sich unsicher vorwärts tastete, bis sie auf dem kalten Glas aufkam. Sie wanderte an den Rand des Spiegels, hakte sich in die erste Rille auf der Seite ein und öffnete den Schrank dahinter.
Den Atem angehalten, holte er eine in neuem Glanz erstrahlende Rasierklinge daraus hervor und versuchte, den Mut zu sammeln, den er brauchte, um das ständige Lügen im Dienste der Öffentlichkeit zu beenden. Den Mut oder die Feigheit.
Er führte die Klinge an den Hals.
To be continued.
