03 - Ein ernüchterndes Ende für einen Höhenflug

Harry stand auf einem Hügel, dessen dunkle Wiese nass schimmerte und erholte sich gerade vom Apparieren, einer nach wie vor verhassten Art, zu verreisen. Klar und schmerzhaft strömte die kalte Herbstluft durch seine Lungen, doch nicht einmal sie konnte ihn vollends abkühlen. Er wusste mehr als dass er spürte, dass er wieder für Ginny und ihr gemeinsames Leben brannte. Die Hoffnung, die ihm leise auf trippelnden Schritten gefolgt war, hatte sich durch keine deprimierende Erfahrung abschrecken lassen und ihn entflammt.

Vor ihm, von Bäumen halb verdeckt, konnte er die heimeligen Lichter des Fuchsbaus in die Nacht strahlen sehen und es reizte ihn, einfach loszurennen wie ein Kind im Geschwindigkeitsrausch und Ginny um den Hals zu fallen. Seine Finger gruben sich vor mühseliger Beherrschung beinahe in den tiefen Ast eines Baumes, doch blieb er standhaft. Falls es ihm nicht gelingen sollte, einen gesetzten Eindruck zu erwecken, würde sie ihn wieder abweisen.

So setzte er langsam einen Fuß vor dem anderen auf dem rutschigen Gras ab und konzentrierte sich mit geballten Fäusten auf das windschiefe Haus, dem er sich stetig näherte. Aber als mit dem Kichern der Gartengnomen die gewohnte Geräuschkulisse wieder auflebte, begann sein Herz unruhig zu pochen und das Blut durch seine Ohren zu rauschen. Er betrat den matschigen Weg und konnte bereits die ersten Gummistiefel vor der Haustür liegen sehen, als ihn ein Knacken im Gebüsch zusammenfahren ließ. Hastig ließ er seine geübte Hand zum Gürtelbund schnellen und zog den Zauberstab daraus hervor.

Mit gezückter Waffe und dem aurorentypischen grimmigen Gesichtsausdruck fuhr er herum, um sich notfalls zu verteidigen, doch im Licht, das aus dem Fenster der Wohnküche schien und den überwucherten Garten spärlich beleuchtete, fand er nichts Bedrohlicheres als den abweisenden Blick seines ältesten Kindes, James. Er kauerte hinter dem morschen Zaun und spähte durch eine Lücke, die großen braunen Augen weit aufgerissen angesichts des Zauberstabes, der direkt auf seine kleine Nase gerichtet war.

Erschrocken riss Harry seinen Arm zurück und trat stattdessen einen Schritt auf James zu, der jede seiner zögerlichen Bewegungen misstrauisch beäugte. Die Zurückhaltung seines Sohnes, der ihn vor der Trennung voller Elan begrüßte, wenn er von der Arbeit kam nach Hause kam, verletzte ihn und ließ ihn an seinem Vorhaben zweifeln. Mit bebenden Händen ließ er seinen Zauberstab in die Umhangtasche sinken und als er sprach, klang seine Stimme alt und müde.

"James - wie geht es dir?"

Der Junge sprang auf wie ein aufgescheuchtes Reh, doch die geröteten Wangen, die zitternden Lippen und die zusammengezogenen Augenbrauen des Kindes ließen den Zorn nach außen dringen. "Mom hat uns verboten, mit dir zu reden!" Unbeherrscht brachen die Worte aus ihm hervor. "Aber wenn ich nicht mit dir rede, kann ich dir gar nicht sagen, dass du ein schlechter und mieser und total gemeiner Vater bist!"

Ungläubig lauschte Harry seinem Kind und registrierte mit einem Mal, wie die Kälte des Abends durch seine nassen Schuhe und in seine Kopfhaut kroch und dass jedes Wort ihn traf wie damals, als er Severus Snape über seinen Vater sprechen hörte. Er biss mit größter Kraft die Zähne zusammen, sodass seine Wangen zu beben schienen, damit er hier, vor dem Fuchsbau und seinem Sohn, nicht anfing zu weinen. Ein Quietschen war zu hören und ein Lichtschein kroch bis zu seinen Füßen, doch er konnte nicht nachsehen, wer die Tür geöffnet hatte. Sein Körper war erstarrt.

Krampfhaft versuchte er, sich einen weisen, gönnerhaften Spruch einfallen zu lassen, damit James ihn nicht auch noch für einen Volltrottel hielt, aber so sehr er sich auch mühte, hörte er nur die Worte seines Kindes in seinem leeren Schädel nachhallen. Die sich leise nähernden Schritte taten ihr Übriges, ihn unter Druck zu setzen. Er schluckte trocken.

"Ich habe dir doch ausdrücklich verboten, mit ihm zu sprechen, James!" Der Junge zuckte wegen der Rüge zusammen und schaute erschrocken zum Haus. "Komm' sofort hier rein!"

Auch wenn Ginnys Tonfall ihn und seine Anwesenheit mit einer rigorosen Kälte quittierte, schien es ihm, als würde sein Herz plötzlich, angetrieben durch die Verzweiflung, umso schneller und kräftiger schlagen. Er sah, wie James davonrannte und wandte nun endlich den Kopf zu seiner Exfrau. Sie musterte ihn mit vor Zorn blitzenden Augen und mahlendem Kiefer, das Gesicht im Lichtschein so blass, dass ihre Sommersprossen klar und deutlich zu sehen war, trotz der Entfernung von mehr als drei Schritten, die sie zu ihm einhielt. Harry atmete tief und schnell ein, denn sie war schöner als jemals zuvor.

"Ginny - du hast dein Haar geschnitten. Es... Es... Ich arbeite nicht mehr als Auror." Er lächelte unsicher, doch ihr Mund verzog sich bloß zu einem schmalen Strich. "Hörst du nicht? Ich arbeite nicht mehr, weißt du? Jetzt kann alles wieder normal werden, wie du es dir gewünscht hast!" Harry spürte, dass es aus dem Ruder lief. Spätestens jetzt hätte sie seine Hand nehmen sollen.

Sie strich sich ihr kinnlanges Haar hinter ein Ohr. "Nein. Kann es nicht."

Er konnte es sehen, an ihren klaren braunen Augen, die ihn regungslos musterten, seine schlammigen Schuhe, mit denen er gerade durch den Wald gegangen war, die fleckige Hose, von der er nicht mehr wusste, wie lange er sie schon trug und den Bartschatten, den er sich noch nicht abrasiert hatte. Er wusste, dass sie ihn abweisen würde.

"Wieso? Wieso tust du mir das an? Du lässt mich nicht einmal mehr mit den Kindern sprechen!" Der verzweifelte Aufschrei, der aus ihm herausplatzte, klang nicht nach ihm, nach dem Harry, den er kannte und kaschierte seine wunde Seele bei Weitem nicht so gekonnt, wie er es sich gewünscht hätte. Das Bewusstsein über all das, was er verloren hatte, was er in diesem Moment verlor, ließ die Welt vor seinen Augen in Tränen verschwimmen.

Ginny sah in immer noch fest an, doch sie nahm eine rote Haarsträhne mit der manikürten Hand auf und begann, darauf herumzukauen. Ein Schluchzen entfuhr Harry, denn diese vertraute Geste schnitt noch tiefer in seine vor Kummer geplagte Seele.

"Hast du schon einmal überlegt, wie ich den Kindern denn deine Depressionen erklären soll? Vor allen Dingen, soviel, wie du trinkst, Harry! Glaubst du, du könntest sie beaufsichtigen? Ich kann sie dir nicht anvertrauen!", schrie sie plötzlich. Die nassgelutschte Haarsträhne glitt aus ihrem Mund und Harry konnte an der Falte zwischen ihren Augenbrauen sehen, dass auch sie litt. "Du hast jahrelang mir und den Kindern die Arbeit vorgezogen. Das ist es, was ich dir nicht verzeihen kann! Ich war es, die den Kindern erklären musste, warum der Urlaub in Amerika ausfällt, warum du nicht mehr mit ihnen spielst!" Nun glitt auch aus ihren Augenwinkeln eine Träne, doch sie wischte sie zornig fort. Die Makeupschlieren auf ihrer Nase bemerkte sie nicht.

"Aber ich arbeite jetzt nicht mehr - du würdest das nie wieder tun müssen. Bitte, gib mir noch eine Chance, Ginny!" Er machte einen Schritt auf sie zu, aber sie wich zurück, näher an die Tür heran, die sie wieder trennen würde. Er blieb stehen und rang die Hände. "Außerdem, wenn du mich nicht verlassen hättest, hätte ich gar keine Depressionen und zu viel trinken würde ich auch nicht!"

Als sie ihren Kopf schüttelte, fielen Harry die Ohrringe auf, die er sie noch nie zuvor hatte tragen sehen. "Lüg' mich nicht an. Du warst schon lange, bevor wir geheiratet haben, depressiv. Du gibst mir nur neuerdings die Schuld dafür, das ist alles!"

"Wieso lässt du mich nicht beweisen, dass ich mich ändern kann und will?", entgegnete Harry, zum ersten Mal ärgerlich auf sie, die erbarmungslos über ihn richtete. Er ballte seine Fäuste und starrte auf die Schminke, die inzwischen unter den Tränen verlaufen war.

"Weil du schon eintausend Chancen hattest - und weit mehr. Weil du mich schon so oft vertröstet hast, dass ich die Nase voll von dir habe. Ich hasse deine selbstgerechte Art, ich hasse es, wie du durch das Leben gehst und alle Anderen für deine Fehler verantwortlich machst. Und ich hasse es, dass du dich an die ständige Aufmerksamkeit der Welt gewöhnt hast - früher warst du anders. Früher hast du dich noch unwohl gefühlt, wenn man dich beachtet hat und jetzt jammerst du bloß, wenn man es nicht tut!" Ihr Wutausbruch hatte ein tiefes Rosa ihre Wangen herauf kriechen lassen.

Harry versuchte, den Schmerz hinunterzuschlucken, an dem dicken Kloß in seinem Hals vorbei, doch er spürte, wie sich sein Gesicht verzerrte. Es war zu spät. "Dann... Dann werde ich wieder wie früher! Aber du musst mir dabei helfen -"

"Nein, auf keinen Fall werde ich dir helfen!", unterbrach sie ihn entschieden. "Der alte Harry Potter hat sich immer selbst geholfen. Schon allein das zeigt mir, dass du nur wieder lügst. Ich lasse nicht zu, dass du die Kinder wieder belügst, mich und dann auch noch dich! Wir sind allein besser dran!"

Harrys trockene Lippen verzogen sich zu einem bitteren Lächeln. "Allein! Ginny, ich glaube, diesmal bist du diejenige, die lügt!"

Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und starrte ihn an, die Augen zu Schlitzen verengt. "Was soll bitte diese Unterstellung? Willst du mich jetzt auch noch für deine restlichen Fehler verantwortlich machen?"

Die Gewissheit, die seine Glieder lähmte, während seine Galle voll brodelndem Hass heiß zu blubbern begann, drängte heraus und Harry, der wusste, dass er verloren hatte, hielt sie nicht mehr zurück.

"Du hast einen neuen Freund. Soll ich dir gratulieren? Nicht einmal einen Monat hast du gebraucht - das ist ja wirklich ein Notfall gewesen, nicht wahr?" Erst, als die Worte heraus waren, bemerkte er, dass sie vor Sarkasmus trieften.

"Das stimmt nicht. Wie - Wie kommst du darauf?" Sie sah ihn abwartend an, nach Außen hin scheinbar im Einklang mit sich selbst, doch Harry, der sie schon so lange kannte, wusste, dass er Recht hatte. Die Anspannung ihrer Wangen und das leichte Runzeln ihrer Nase verrieten ihre Nervosität.

Er wartete einen Augenblick ab, bis er sicher war, dass seine Stimme nicht zitterte. "Du hast dich geschminkt. Normalerweise tust du das nur an deinem Geburtstag - oder wenn wir ausgehen." Ginny schnaubte und er musste nicht nachfragen, um zu wissen, welcher Teil seiner Aussage sie empörte. Bevor sie ihn unterbrechen konnte, um ihm Vorwürfe bezüglich der Frequenz ihrer gemeinsamen abendlichen Vergnügungen auswärts zu machen, sprach er schnell weiter. "Und du hast eine neue Frisur. Zum ersten Mal seit Jahren. Wann du zuletzt Schmuck getragen hast, weiß ich schon gar nicht mehr."

Sie schaute zu Boden und kaute auf ihrer Unterlippe, doch sie antwortete nicht. Während sich seine Fingernägel in die Handflächen gruben, als wollten sie ihn für sein Nachbohren strafen, fuhr er beinahe einfühlsam fort. "Wer ist es, der dich tröstet?" Hastig befeuchtete er seine rissigen trockenen Lippen mit der Zungenspitze und spürte das Brennen an den aufgeplatzten Stellen bewusst, als er auf ihre Antwort wartete. Mit Sicherheit würde es wehtun, vielleicht mehr als das gesamte bisherige Gespräch, in dem er mehr hatte einstecken müssen als in seiner bisherigen Ehe, aber das änderte nichts daran, dass er es wissen musste.

Langsam wanderte ihr Blick in sein Gesicht, doch die Entschiedenheit, die darin lag, war mitteilsamer als ihre Worte. "Das werde ich dir nie erzählen! Geh' jetzt - bitte, geh'."

"Nein, du musst es mir sagen!"

Aber sie schob ihre Hand unter den Ärmel ihres geblümten Kleides, das zu eng um ihren noch immer schlanken Körper lag, um für eine Mutter praktisch zu sein. "Sofort, Harry."

Bevor sie ihren Zauberstab ziehen konnte, hatte er sich um seine eigene Achse gedreht und war disappariert.

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Der Briefkasten hing genau zwischen dem Fenster, dessen Rollo Tag und Nacht zugezogen war und dem weitläufigen Balkon im ersten Stock des eleganten Hauses und reizte so manchen vorbeigehenden Muggel dazu, sich voller Verwunderung umzudrehen und genau hinzusehen. Meistens rieben sie sich bloß perplex die Schläfen oder blinzelten ein Paar mal, bevor sie weitergingen, doch heute Abend stießen sie ihre Partner und Freunde an, um dann in lautes Lachen auszubrechen.

Ein schmaler Brief ragte nun halb daraus hervor und flatterte in einem plötzlichen Windstoß, doch er steckte fest in der metallenen Klappe und wartete darauf, von seinem Empfänger entdeckt und geöffnet zu werden. Schlampig waren verschmierte Buchstaben darauf gekritzelt, die keinen Zweifel daran erkennen ließen, dass der Absender die frohe Botschaft von Harry Potters Kündigung noch nicht vernommen hatte.

Harry Potter,

Aurorenzentrale

To be continued.