Harry stand in dem kargen Flur, in dem nicht ein Bild die Wand bedeckte und der akute Mangel an Farbe für eine anhaltende Gänsehaut auf seinem Rücken sorgte. Cormac lehnte in seinem zerknitterten Bademantel an dem Türrahmen der Küche, durch den Harry verchromte Oberflächen vor Sauberkeit blitzen sah. Die Arme hingen schlaff an seiner hageren Gestalt hinab und seine Augen waren geschlossen, als würde ihn die Müdigkeit bald übermannen.
Verlegen massierte Harry seinen Nacken, der reinste Hitze ausstrahlte und trat von einem Bein auf das Andere, während er sich einen Grund überlegte, nicht gehen zu müssen. Die Aussicht auf Rons stummes Mitleid und Hermines Sorge um ihn lähmte seine Füße ebenso sehr wie die Einsamkeit, die ihn in seinem Haus erwartete. Die Abwesenheit jeglichen Lebens hatte ihn in seinen Nächten wachliegen lassen, mit aufgerissenen Augen gen Zimmerdecke starrend. Um seinen Alptraum zu leben musste er nicht schlafen gehen, seitdem er die Hoffnung auf seine Kinder verloren hatte, längst nicht mehr.
Er nahm seine Brille von der inzwischen rutschigen Nase und schrubbte mit dem Ärmel seines Pullovers die quadratischen Gläser ab, darauf hoffend, ihm möge etwas einfallen, das nicht so kindlich und peinlich klang wie: "Bitte, ich will nicht allein nach Hause!", doch alles, was er erreichte, war, dass Cormac durch die quietschenden Geräusche auf ihn aufmerksam wurde.
"Was soll das werden, wenn es fertig ist?" Seine Stimme war träge und rau und seine braunen Augen glitten unfokussiert über Harry hinweg, bevor sie ein weiteres Mal zufielen.
Ich fürchte mich vor der Einsamkeit meines Hauses und will nicht, dass du mich rauswirfst, hallte es durch Harrys Kopf, doch er konnte gerade noch verhindern, etwas in dieser Art auszusprechen. Seine Zähne kauten auf seiner Wange, als er die Brille wieder auf die Nase schob und noch ehe er die Hände ringen und die Haare raufen konnte, sprach McLaggen weiter.
„Wie kam es zu deiner Suspendierung?" Eine leicht wahrnehmbare Anspannung in seiner Stimme verriet dem aufmerksamen Beobachter, dass echtes Interesse mitschwang und seiner vermeintlich völlig unbetroffenen Haltung widersprach. Harrys Augenbraue wölbte sich in die Höhe und warf zierliche Falten auf seine Stirn, doch McLaggen hielt die Augen geschlossen, als würde ihn das alles nichts angehen - was es auch nicht tat.
„Private Angelegenheiten", antwortete Harry knapp und ballte die Fäuste. Er hatte lange durchgehalten, war die meiste Zeit über höflich geblieben und hatte nichts persönlich genommen, doch seine Professionalität bröckelte sichtlich. Er presste seine Lippen zusammen, fest entschlossen, seine Schwierigkeiten mit Ginny und den Kindern auf keinen Fall hier in diesem Flur, dem jede persönliche Note abging, zu erläutern. Nicht in diesem Leben.
McLaggen schwieg und strafte Harry mit Nichtachtung. Eine seiner Hände begann, die Wand hinter sich zu streicheln, eine entnervende Bewegung, die tief in Harrys Glieder kroch und sich wie eine schwere Decke auf seinen Brustkorb legte. Die Kreise, die die Hand zog, wurden weiter und Harrys Zähne begannen zu Knirschen unter dem Hochdruck, mit dem sein Kiefer sie zusammenpresste. Die Beherrschung kostete ihn alles, was noch übrig war und Schweißperlen sammelten sich in seinen Schläfen, es konnte nicht mehr lange dauern, bis -
Noch bevor Harry ihn anfahren konnte, schoben sich McLaggens Wangen für ein süffisantes Lächeln nach oben. „Private Angelegenheiten, soso. Ich gehe davon aus, die haben etwas mit deiner Scheidung zu tun, über die der Tagesprophet lang und breit berichtet hat - vor nicht ganz zwei Monaten. Hast deiner Frau - pardon, Exfrau - ein bisschen zu selten den Hintern getätschelt und jetzt ist der Held gefallen, nicht wahr?"
Als er die Respektlosigkeit wahrnahm, mit denen seine eigenen Schwierigkeiten vor ihm ausgebreitet wurden, den ätzenden Tonfall und den herausfordernden Blick von McLaggen, mit dem er jede der von ihm ausgelösten Regungen verfolgte, ohne zu blinzeln, stockte Harry der Atem. Er wollte ihn richtigstellen („Es war nicht nur das, bei Weitem nicht -") oder ihm gleich mit seinen Fäusten dieses selbstsichere Lächeln aus dem Gesicht prügeln und ihm seine gerade formschöne Nase brechen, aber die gemeine, grausame Art, auf die Schwachstellen des Anderen einzuschlagen, war wie ein Samen, der in seinem Magen Wurzeln schlug und die Überzeugung in seine Organe pflanzte, niemals wieder jemanden zu treffen, der so - so abscheulich und -
„Wahrscheinlich ähnlich privat wie diese Wunde an deinem Hals. Beim Rasieren geschnitten, was?" McLaggens Grinsen verblasste und wie in Zeitlupe nahm Harry wahr, wie ein glänzender Schneidezahn sich in die Unterlippe presste, sich der Kiefer anspannte und die Augen sich zu Schlitzen verengten. „Noch offensichtlicher kann man es nicht darstellen."
„Du schmieriger, windiger Flubberwurm! Du -" Die Wangen färbten sich vor Empörung scharlachrot und jetzt, zum ersten Mal, seit Harry ihm an diesem Tag gegenübergestanden hatte, wirkte er einigermaßen echt, unverfälscht und lebendig, als hätte es von Anfang an nur jemanden gebraucht, der ihn herausfordert und ihn, seine selbstgerechte Art und seine Angst vor dem eigenen Vater nicht verkannte und an den Pranger stellte.
„Willst du deine Wut über diese korrupte, geschmierte Welt jetzt an mir auslassen - dem Einzigen, dem es ähnlich ergeht wie dir?" Grimmig dreinschauend verschränkte Harry die Arme vor der Brust. Er hatte sich gehen und von seinen Gefühlen überwältigen lassen, und das bei einem nahezu völlig Fremden, was jedem nur möglichen eingeübten Fall seiner Ausbildung widersprach. Er nahm seufzend die moderne Brille ab und legte seine kühlen Finger über seine Augenlider, musste sich daran erinnern, dass er derzeit weder Verbrecher verhaftete, noch schattenhafte Verdächtige vernahm - und dass er es allem Anschein nach auch nie wieder tun würde.
Nachdem er eine längere Zeit auf eine Antwort warten musste, linste er an seinen Fingern vorbei und fand Cormac höchst angespannt vor, den Körper gegen die Wand gepresst, während er mit gerunzelter Stirn auf den Boden starrte, beinahe so, als habe er auf dem Parkett etwas verloren, das er jetzt nicht mehr finden konnte. Dann schüttelte er kurz den Kopf, fuhr sich mit den Händen durch die Locken und ging, ohne noch einmal aufzublicken, an Harry vorbei in das Wohnzimmer, wo er schlurfenden Schrittes herumtrottete.
Harry trat unsicher von einem Bein auf das Andere, traute sich weder, ihm zu folgen, noch endlich zu verschwinden, aus der Haustür hinaus in den Regen zu tauchen, den er gegen die Fenster prasseln hörte und diese Höllenwoche hinter sich zu lassen.
Ein langgezogenes Knarren drang aus dem angrenzenden Raum, dann das Schlagen einer Schranktür und Harry fragte sich unwillkürlich, ob McLaggen jetzt vollkommen den Verstand verloren hatte und ihn mit einer Vase, einem Pokal oder was auch immer er in einem Schrank aufbewahrte, erschlagen würde - und ob es ihn stören würde, wenn das der Fall sein sollte.
Noch ehe er eine Antwort fand, streckte McLaggen seinen Kopf in den Flur und schwang eine Flasche Feuerwhiskey vor Harrys Nase hin und her. Verblüfft starrte Harry auf das braune Glas, lauschte dem Gluckern und dem Schnauben seines Gastgebers und fragte sich, was das nun wieder sollte.
„Bist immer noch nicht der Schnellste, was, Potter?" In McLaggens Blick lagen Zweifel, aber seine Stimme verriet die Belustigung, die ihm Harrys Begriffsstutzigkeit bereitete. „Komm' schon, ich habe eine Heizung, Gläser und genug von diesen Flaschen, die sie auf den Galaabenden an Gäste verschenken."
Harry rümpfte die Nase und murrte. „Von deinen Stimmungsumschwüngen bekommt man ja ein Schleudertrauma." Fast wie von selbst richteten seine Hände die Brille. Er deutete auf die Flasche und dann auf sich. „Bist du sicher?"
McLaggen verdrehte die Augen und schlurfte wortlos wieder in das Wohnzimmer und Harry hielt kurz den Atem an, um sich bewusst zu machen, dass er es tatsächlich geschafft hatte, seinem Alptraum für eine Weile zu entgehen und seine Bedenken bezüglich McLaggens Einladung herunterzuschlucken. Welche Motive er dafür auch haben mochte, er würde sie ignorieren, bis sie ihm ins Gesicht sprangen.
Zögernd folgte er ihm in den trotz des Tageslichts, das durch die großen Fenster fiel, düsteren Raum und als er McLaggen fand, lachte er überrascht auf, denn er hatte nicht gelogen. Er saß im Schneidersitz auf dem Boden, vor einem weiß gestrichenen Heizkörper, den er mit dem Zauberstab antippte, neben sich die Flasche und zwei Sektgläser.
Auf dem Weg zu der Heizung erhaschte er einen Blick nach draußen auf die unwirtliche Herbstlandschaft und fröstelte unwillkürlich. Die pudrigen grauen Wolken trieben rasch zusammen und verdunkelten den kalten Schein der Nachmittagssonne. Erleichtert, nicht unterwegs sein zu müssen, ließ er sich am anderen Ende der Heizung nieder, neben der fest verschlossenen Balkontür und in dem Moment begann es hinter Harry zu rauschen.
„Nicht mehr lange und dieses verdammte Ding wird richtig warm", versprach McLaggen und schraubte den Verschluss der Flasche mit einem sandigen Knirschen auf, füllte die feinen Gläser bis zum Rand mit Whiskey, der honiggolden im Schatten zwischen den Beiden schimmerte.
„Nun bleibt nur noch die Frage, warum ein Zauberer auf Muggelheizkörper setzt", murmelte Harry leise, nahm behutsam eines der Gläser auf und trank einen kleinen Schluck ab, um nichts zu verschütten. Der samtige Geschmack explodierte mit einer Schärfe in seinem Mund, dass er ihn schnell herunterschlucken musste, um ihn beim Husten nicht auszuspucken.
McLaggen beobachtete Harrys Hustenanfall mit einem diebischen Grinsen. „Und ferner stellt sich die Frage, warum ein Zauberer, der vom Schicksal so derbe verprügelt wurde wie du - einen guten Feuerwhiskey nicht zu schätzen weiß." Mit einer blasierten Miene, die ihm gut stand und durchaus glaubhaft wirkte, nahm er selbst einen Schluck, gurgelte ohne jeden Anstand und grinste erneut.
„Arsch!", entfuhr es Harry, der zwischen zwei tiefen Atemzügen keuchend Luft holte und dann, als sich die Wärme in seinem Magen ausbreitete, unvermittelt lachen musste. Es war ein Lachen, das aus ihm herausbrach, haltlos, nur, um sich in der Realtität schnell wieder zu verlieren.
McLaggen räusperte sich umständlich. „Du musst im Leben wirklich schlechte Karten gehabt haben, wenn du so wenig davon hälst, eine gewisse Höflichkeit beizubehalten. ‚Arsch' ist doch wirklich kein adäquater Kosename für jemanden, der einem Wärme und Alkohol spendiert." In einem Anflug situativer Dramatik griff er sich an sein Herz und schloss die Augen.
Harry kratzte sich an der Wange, ratlos, wie er reagieren sollte, aber weil McLaggen ihm die Schulter boxte (zweifellos ein wenig kräftiger, als Ron es getan hätte), überwand er die oberflächliche Mauer, die zu errichten ihn sein Beruf gelehrt hatte und lächelte ebenfalls. „Sir von Arsch, wie du meinst."
Eine interessante Röte breitete sich auf den Wangenknochen seines Gastgebers aus, als er sich ein kleines Stück vorlehnte und ihm die Hand reichte. „Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Herr Narbengesicht." Erheitert von dem Alkohol und der albernen Stimmung ergriff Harry die ihm dargebotene Hand und schüttelte sie schwungvoll. „Ihre Gesellschaft ist durchaus angenehm - mehr als erwartet", setzte Cormac noch eins drauf und brachte Harry mit dem geschwollenen Tonfall zum Lachen.
Er nahm einen weiteren Schluck und spürte nun nur noch die Wärme, die seine Speiseröhre nach unten quoll und lehnte sich dankbar nach hinten, gegen die Heizung, die wie ein erhitzter Fels in der Brandung gegen seinen Rücken bollerte. Obwohl ihm leicht schwindelig wurde, lächelte er weiterhin, die Gedanken überlagert von dem Sturm, der durch die Ritzen der Fenster und Türen pfiff, und der seichten, neckenden Unterhaltung mit Cormac McLaggen, dem er viel zu schnell verziehen hatte.
Der Alkohol hatte sich so klebrig und sämig in den Ritzen seines Verstandes breit gemacht, dass er den Stimmungswechsel, der von seinem Gastgeber ausging, zunächst kaum wahrnahm, doch als er zu sprechen begann, war es, als wäre Harry kopfüber in Eiswasser getaucht.
„Meine Schwester war heute hier - um mir zu sagen, dass sie das, was ich mit dem Brief an meinen Vater und der Aussage an dich angerichtet habe, wieder geradebiegen wird. Sie möchte meinen Vater, diesen verfluchten Mörder, dazu bringen, mir zu verzeihen, dass ich seine Verbrechen öffentlich gemacht habe!" Er stockte kurz und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Harry saß überrumpelt, in der gleichen bequemen Position gegen die Heizung gelehnt und starrte zu der zusammengekrümmten Gestalt neben sich herüber.
„Ich wollte meinem Leben zwar auch aus Angst ein Ende setzen, aber… Aber ich weiß, dass ich mich nie werde befreien können aus dieser Familie! Jahrelang habe ich für ihn gearbeitet, ich war auf Reisen und habe Projekte aus dem Boden gestampft, Spenden hier und da organisiert, damit diese Familie mal ein Wappen bekommt - und Edgar - er war der Einzige, der mir so etwas wie Hoffnung gegeben hat, einmal selbst zu leben." Er schniefte und nahm die Hände vom Gesicht, sah sich blinzelnd in dem unpersönlichen Salon um und schüttelte den Kopf.
„Du hast in deinem Brief gesagt, derjenige, den dein Vater ermordet hat, war dein Freund -" begann Harry mit rauer Stimme. Es war, als wäre eine Theaterkulisse in sich zusammengefallen und sie beide, Hauptdarsteller, müssten nun vor der Realtität improvisieren, mit allem, was sie hatten.
Cormac wandte ihm den Kopf zu und Harry hatte fast erwartet, Tränen vorzufinden, nach unten gezogene Mundwinkel oder kummervoll gerunzelte Augenbrauen, deswegen traf ihn die Leere, die ihm entgegenschlug, umso mehr.
„Das mit Edgar und mir ist lange vorbei - ich habe ihn als Menschen geschätzt, er hat die Illusion von Liebe, die ich mir gemacht habe, bestätigt, aber er hat sich neu verliebt. Das war vor über vier Jahren." Harry strich sich unwillkürlich über die ihm fröstelnden Arme. „Ich wusste, dass mein Vater nicht immer sauber arbeitet, aber dass er derart skrupellos ist - eine beendete Beziehung, die ihn nicht einmal persönlich betrifft - ich kann kaum atmen, wenn ich daran denke.
Bitte, hilf mir!"
