Zart und fragil waren die Äderchen unter Cormacs geschlossenen Augen, rot verästelt bis hin zu seiner Wange, eine perfekte Imitation der Blitze, die sich in der letzten Gewitternacht in den düsteren Himmel gemalt hatten. Ihr Kontrast auf dem bleichen Gesicht ließ ein mulmiges Gefühl in Harrys Eingeweide kriechen wie eine fette Made, langsam und und eine ätzende Schicht Ungewissheit zurücklassend, die ihn innerlich auflösen würde.

Die brennende Hitze, die von Cormacs Hand ausging, nur Zentimeter von der Harrys entfernt, glitt seinen Arm hinauf und hinterließ eine flirrende Spur aus Nervosität auf seinem Schlüsselbein bis hoch zu seinen Wangen. Sie schlängelte sich langsam durch seine Poren in die Stirn hinein und vereinigte sich mit dem rasenden Kopfschmerz und seine Gedanken wirbelten unfokussiert umher wie einzelne Flocken in einem Schneesturm und doch kehrten sie immer wieder zurück zu Cormacs Krähenfüßen, zu der kleinen Kuhle unter seinem Hals und noch weiter herunter. Er war noch immer betrunken und wieso schlief dieser Mistkerl einfach und brachte seinen verrutschten Bademantel nicht in Ordnung, wie konnte er erwarten -

Die Türglocke läutete, laut, so laut, dass Harry ertappt zusammenfuhr und das Puckern in seinem Schädel schmerzhaft anschwoll. Mit zitternden Händen rückte er seine Brille gerade und stemmte sich an dem kalten Heizkörper hoch, ganz langsam, aber trotzdem wurde ihm übel und die Säure kroch brennend in seinen Hals hinauf. Unsicher auf den zitternden Beinen tapste er vorwärts, tastete sich in dem düsteren Raum an Sesseln und Schränken vorbei zum Flur, wo eisige Luft seine Lungen füllte, unangenehm brennend.

Beinahe fiel er gegen die Haustür und als er sein Auge an den Türspion presste, griff die Kälte auch auf seine fiebrigen Wangen über. Die roten Locken der Frau, das einzige, das er in der begrenzten Sicht nach draußen erkennen konnte, ließen seinen Puls reißende Panik durch seine Adern schnellen, obwohl ihm klar war, dass es nicht Ginny sein konnte. Fahrig griff er in sein Haar, versuchte, es in Ordnung zu bringen, bevor er nach der Klinke griff und die Tür öffnete und einen weiteren Schwall kühle Luft, geschwängert von dem Duft des Regens, hereinließ.

Die braunen Augen der Frau weiteten sich überrascht, doch sie fasste sich schnell wieder und streckte ihm eine Hand entgegen, jeder Finger bestückt mit einem glänzenden Goldring. Zögernd ergriff er sie und die klauenartigen Fingernägel zwickten in sein Fleisch, aber er stand still, als wäre er festgewachsen und ehe er seine verknoteten Gedanken entwirren konnte, begann sie zu sprechen.

"Harry Potter, es ist mir eine Ehre - ich bin Abigail, Cormacs Schwester und es würde mich sehr wundern, wenn er mich erwähnt hätte." Sie kicherte wenig damenhaft und verdrehte die Augen und Harry konnte sich gerade zurückhalten, es ihr gleichzutun. "Ich nehme an, dass du hier bist, um Vater zu Fall zu bringen, aber ich kann dir versichern, die Möglichkeiten sind begrenzt." Ihr Mund zog sich zu einem schmalen Strich zusammen und der Druck ihrer Hand erhöhte sich und Harry wollte nichts mehr als schnell zu verschwinden, tausende von Meilen zwischen sich und dieses falsche Gör zu bringen, deren schrille Stimme sich tief in seinen Gehörgang grub, gewaltsam, und sein Hirn mit ihrem Nachhall zum bersten brachte.

Sie drängte sich an ihm vorbei in den Flur und ihre Nasenflügel blähten sich auf, bevor sich ihr Gesicht verzog und sich tiefe Krater in ihrer Stirn auftaten. "Ihr könntet hier ruhig mal lüften! Normale Menschen brauchen saubere Luft zum atmen und hier stinkt es dermaßen nach Alkohol, dass ich mich wundern muss, es nicht schon vor der Tür gerochen zu haben", rief sie und wischte sich ein paar Make-Up-Brocken von der Nase.

Während sie sprach, kämpfte Harry gegen eine Welle der Übelkeit an, die durch ihn hindurchgluckerte und fest entschlossen presste er seinen Kiefer aufeinander und versuchte, an dieser Frau vorbeizusehen und sich vorzustellen, wie er ihr mit dem Schuhlöffel, der sich schmerzhaft in seine Ferse bohrte, die Augen ausstach. Sein Augenlid zuckte unkontrolliert im Takt seines grummelnden Magens und er stand kurz davor, sie zu unterbrechen und sie zu fragen, was sie sich einbildet, hier hereinzuplatzen und von ihrem Mördervater zu sprechen, als wäre es nichts und er krallte beide Hände in seine Oberschenkel, aber der Drang war stärker und beinahe -

"Was soll dieser Radau?", fluchte Cormac und Harry schreckte zusammen. Er hatte ihn nicht bemerkt. Nicht bemerkt, wie die Hitze zu ihm hingetragen wurde, auf Cormacs schwachen Beinen in den Flur schlurfend, aber jetzt war sie da und er schluckte trocken und trat einen Schritt nach hinten, um ihr zu entgehen, doch sie war überall und legte sich wie ein feuerroter Schutzschild auf seine herumwirbelnden Gedanken.

Abigail verschränkte ihre Arme vor der Brust und ließ ihren Blick wie ein geübter Auror an Cormacs Körper hinabhuschen, prüfend, und blieb an dem entblößten Bauchnabel hängen, unter dem die lockeren Schlingen des Gürtels wie hellbraune Lianen hinabbaumelten.

"Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich deinen Vater bequatscht habe, dir noch eine Chance zu geben - und er wird dir verzeihen." Plötzlich klang ihre Stimme messerscharf und klar und die angespannte Furcht kroch Harry kalt den Rücken hinab. Obwohl er jedes Wort verstand, konnte sein vernebelter Verstand nicht folgen und er versuchte, die Enge in seiner Brust wegzuatmen, erfolglos, und unvermittelt nahm ihr Blick ihn gefangen, taxierte sein erhitztes Gesicht und folgte einer Schweißperle seine Schläfe hinab.

"Schick' ihn nach Hause", ihr Kinn ruckte nach vorn in Harrys Richtung, "und mach' dich ein bisschen präsentabel. Vater erwartet dich, um bei der Eröffnung einer karitativen Stiftung ein blasiertes Gesicht vor dir herzutragen und von der Ehre zu salbadern, mit Hilfe deiner Familie Gutes tun zu können." Nur eine Sekunde lang kräuselten sich ihre Mundwinkel süffisant, doch sofort entspannte sich ihre Miene erneut wie eine Tagesdecke, die hastig glattgestrichen wurde.

Bebend grub sich Cormacs Hand in seinen Unterarm, klammernd. "Verschwinde!", zischte er ihr entgegen und feine Spucketröpfchen nieselten zu Boden und als sie sich höhnisch schnaubend umdrehte und klackernd davonstöckelte, nahm sie die Anspannung mit sich fort.

Keiner von ihnen sagte ein Wort und die Zeit dehnte sich aus wie ein Gummiband, das leise bröckelnd einriss, als Cormac sich umwandte und Harry mit herunterhängenden Mundwinkeln ansah. "Sie tut offensichtlich so, als könnte ich einfach aus meinem Gedächtnis löschen, was dieser Widerling getan hat. Als könnte ich irgendwie -" Müde rieb er über seine bleichen Wangen und starrte in die Leere.

"Und wenn -" Harrys Stimme versagte knisternd an der Nähe, die zwischen ihnen vorherrschte, die wie versengender Rauch alles in ihm lahmlegte und elektrisch zwickende Schauer zwischen seinen Rippen hindurchschwappen ließ. Nichts deutete darauf hin, dass Cormac ihn gehört hatte, er sah nicht auf und zwirbelte verdrossen eine Locke um seinen Finger und noch bevor Harry auch nur die Hand heben konnte, um ihn anzutippen oder eine reinzuhauen oder irgendetwas in der Art, torkelte Cormac auf ihn zu und lehnte sich gegen die Wand, so nah, plötzlich so nah, dass kaum mehr ein Blatt Papier zwischen sie gepasst hätte. Harry schluckte trocken, spröde das Scherbenmeer in seinem Hals herunter, während der fremde Atem seine Nackenhärchen teilte und die Welt einen wilden Tanz begann, in dem er keinen Halt finden konnte, auch nicht, als er die Augen schloss und das Blut durch seine Lider hindurchrauschen sah.

Erhitzt von dem Atem, der eine Gänsehaut auf seine Wange hauchte, sah er nicht, wie sich der Boden ihm entgegenwölbte und dann waren da Hände, die sich in seine Schultern krallten und ihn gegen die Wand drückten und seinen Pullover hochschoben und flammende Spuren hinterließen und als das Zerren an seiner Hose ihn fast zu Boden riss, brodelte es wütend in seinem Magen. "Cormac - nicht -", keuchte Harry unter einer Welle der Übelkeit hinweg und ließ sich langsam die Wand hinabsinken, bis sein Hintern das kühle Parkett berührte.

"Ist es wegen mir?" Cormacs Stimme wehte über ihn hinweg und Harry wünschte sich, dass er kurz den Mund halten würde. Nichts in ihm war dort, wo es hingehörte, als wäre er zerschnitten und von einem Blinden wieder zusammengeklebt worden und er konnte nicht denken, da war kein -

"Ich dachte wirklich, da wäre etwas zwischen -" Harrys Hände rissen an seinem Haar und kratzten über seine Kopfhaut, bis weiße Flöckchen auf den Boden und auf die smaragdgrüne Wolle seines Pullovers rieselten und plötzlich war da ein Funke irgendwo in ihm, der ihn trug.

"Nein, McLaggen, hier geht es nicht um dich!", kreischte es aus Harrys Mund heraus, in den Ohren ein beständiges Klirren. "Das überrascht dich jetzt aber - ich habe auch schon gelebt, bevor du mir geschrieben hast und ich habe meine Frau und meine Kinder und meinen Verstand verloren!" Die Hände zu Fäusten geballt, spürte er mit Befriedigung, wie seine Fingernägel tief in sein Fleisch bohrten, eine sengende Leitlinie für seine verdammte Wut und alles an Cormac war ihm verhasst, von seiner Stirnfalte bis hin zu diesen unsäglichen durchsichtigen Strümpfen und der Hand, ihm entgegengestreckt, die er am liebsten abschlagen und darauf herumtrampeln würde.

"Das erscheint mir auch so!" Der Schrei, lauter als erwartet, brandete als Kopfschmerz hinter Harrys Schläfe auf und er wollte nur schnell weg hier und seine Beinmuskeln spannten sich bereits an, um energisch aus dem Leben von Cormac zu verschwinden und nie wieder über ihn nachdenken oder seine gerümpfte Nase sehen oder seine warmen Hände fühlen zu müssen. "Statt mir zu helfen, weswegen du schließlich hergekommen bist, schreist du hier herum und -"

"Natürlich! Und ich kann dir nur helfen, wenn ich mit dir rummache?", höhnte Harry und weil Cormac daraufhin den Mund aufriss und ihn wieder schloss und keine Worte fand, blubberte ein klägliches Lachen aus seinem Magen auf, das sich auf halben Wege über seine Lippen im Nichts verlor.

Fahrig rieben Cormacs lange Finger über seine Stirn und nach einen tiefen Atemzug, der wie ein Pfeifen an Harrys Ohr drang, legte er sie auf die Augen. "Sag' mir einfach nur, was ich tun soll. Ich weiß nicht - Ich weiß nichts mehr."

Es klang müde und tonlos und mit einem Mal wich der Zorn aus Harry wie die Luft aus einem angestochenen Luftballon und ließ nichts als Erschöpfung zurück, die Gedanken eine träge Masse wie ein Meer aus Karamell. "Du hast keine Beweise. Alles, was wir wissen, ist, dass die Akte deines Vaters in einem Kamin liegt, vielleicht wegen diesem Fall und vielleicht wegen irgendetwas Anderem."

Cormac befeuchtete seine trockenen Lippen mit der Zunge und rieb an seinen Bartstoppeln herum. "Aber wenn ich vielleicht irgendwie in das Arbeitszimmer meines Vaters komme - es müsste Kontakte geben."

"Geh zu dieser blöden Feier und stell dich gut mit ihm, wenn du kannst. Wenn du irgendwas hast, kann Ron dir helfen", nuschelte Harry und richtete schwerfällig seine Brille. Seine verfluchten Arme fühlten sich an, als hätte jemand Blei in seine Muskeln gegossen.

Kraftlos ließ Cormac die Schultern nach unten sacken. "Das kann ich nicht, ich kann nicht einfach so tun -" Trübselig starrte er auf seine Füße. "Bitte komm mit - ich glaube, sonst könnte ich mich nicht beherrschen, ihn einfach mit seinen Kristallschüsseln zu erschlagen."

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Als Harry unter dem schützenden Vordach hervortrat, glaubte er, im strömenden Regen zu ersaufen. Jeder Atemzug trieb das Wasser in seine Nase hinein und nach wenigen Schritten war sein Festumhang durchnässt und er völlig verfroren und während er dem Sitz der Stiftung entgegeneilte, stellte er sich vor, wie es wäre, sich kopfüber ins Meer zu stürzen.

Die menschenleeren Straßen reflektierten das Licht der Laternen und während Harry durch die Pfützen hastete und sein Atem in ätherischen Wölkchen entwich, klammerte er sich an den Gedanken, dass da jemand war, der seine Hilfe brauchte und ihm zumindest einen kleinen Teil von sich selbst zurückgegeben hatte, eine Art von Sinn zwischen den leeren Seiten in seiner Biografie und - sein Herz begann zu stolpern - möglicherweise würde er wieder der Alte werden, wenn er nur diese Allee hinter sich brachte und dabei half, einen Verbrecher zu stellen. Wenn er nur -

Das Gebäude, das sich langsam näherkommend von dem wolkenverhangenen Nachthimmel abzeichnete, war nicht, was er erwartet hatte, ein großer Betonklotz, der drohend über den sorgsam geschnittenen Hecken trohnte wie ein fauler Zahn, beleuchtet von im Regen zischenden Fackeln.

Zögernd trat er auf die Auffahrt und der Kies knirschte in dem Takt, in dem das Unbehagen in seinem Inneren anschwoll und alles aus ihm herausdrängte, an dem er sich auf dem Weg hierher festgehalten hatte. Obwohl das Geplauder der Gäste aus dem geöffneten Tor schrill an sein Ohr drang, schien über dem Ort eine Stille zu liegen, die nur für ihn bestimmt war.

Bevor er eintrat, versuchte er nervös sein Haar zu glätten, ein zweckloser Versuch, nicht aufzufallen. Die Eingangshalle war von Stimmengewirr erfüllt und ein wildes Gemisch aus Parfüms verklebte seine Nase, brannte in seinen Augen und dann ging er hinein, in die Wärme vieler Leiber, die in seinen Raum eindrangen und gegen ihn stießen. Die Einsamkeit war so lange Teil seines Lebens gewesen, dass der Lärm heiß durch seinen Kopf kroch und ihn fiebern ließ und beinahe wäre er hinausgestümt, wenn der Bauch eines beleibten Mannes ihn nicht in einen Flur gedrängt hätte, an dessen Ende nur ein Pärchen stand, umarmend und Nichtigkeiten hauchend.

Tief durchatmend lehnte er seine Stirn an die Wand, Scham brodelte in seinem Bauch, als leises Geflüster hin und wieder zum ihm getragen wurde. "Gehen wir wieder unter die Leute - sonst fällt es auf -" Kichern antwortete der tiefen Stimme und aus dem Augenwinkel sah Harry, wie sich ein feingliedriger Arm einhakte, sommersprossig und fast durchscheinend und als Harry den Blick hob, kroch die Kälte in seine Knochen und fror ihn auf dem Steinboden fest, leblos lag sein Blick auf ihren schockierten Gesichtern, zum Hohn seines fortgalloppierenden Herzens.

Als Cormac auf seine Lippen biss und Ginnys Arm losließ, war es zu spät und Harry hatte den Zauberstab gezogen, ohne, dass er sich bewusst war, was er vorhatte und eine Explosion aus Feuer und Rauch fegte jede Vernunft beiseite, während die Mauern und die Fenster aufrissen.