Der Regen hatte nachgelassen, ein beständiges leises Platschen, das von überallher zu kommen schien, begleitete den neuen Tag mit Vogelgezwitscher und Harry erschien angesichts dieses Neubeginns die vergangene Nacht wie ein böser Traum. Obwohl seine Finger den Zauberstab noch immer zitternd umkrallten und der Schmerz durch sie hindurchzog wie ein weit verästelter Blitz und der silberfeine Staub bei jeder Bewegung aus dem Haar, der Kleidung rieselte, würde er sich am liebsten vormachen, nichts sei geschehen.

Während er auf die Auffahrt starrte, hinter der das kleine Häuschen von Ron und Hermine eingebettet in einen wilden Garten lag, pulsierte das Blut heiße Schuld durch seinen Körper und Ginny hatte recht und alle hatten recht, er hatte sich verloren und nie wieder würde es wie damals sein - die Unbeschwertheit war aus seinem Leben gewichen wie eine unscharfe, sämige Erinnerung und alles, was er jetzt atmen konnte, war Asche, die ihr Gift unaufhaltsam in seinen Kopf trieb und sich auf jedes Organ legte, eine erstickende Decke aus unerfüllbaren Wünschen und Bitterkeit.

Ehe er auch nur einen zögernden Schritt nach vorn setzen konnte, riss die Haustür auf und Rons wütendes Geschrei drang an seine Ohren und da war er, rot wie ein ausbrechender Vulkan und ohne dem Fluchtimpuls stattzugeben stand Harry dort und sah zu, wie Ron einer Naturgewalt gleich auf ihn zurannte, ein unangenehmes silbernes Kreischen in den Ohren.

Er hätte es nicht sagen müssen, gar nichts hätte er sagen müssen, der Blick in seinen Augen war mitteilsam genug und ebenso verletzend wie die Worte, die durch seinen Mund auf Harry zuschossen und blutende Wunden dort schlugen, wo er längst kein Leben mehr vermutet hätte.

Große Hände packten seinen Kragen und rissen ihn beinahe in die Höhe - "Ginny ist im Krankenhaus, du widerlicher kleiner -" Rons Atem nahe an seinem Gesicht roch nach Angst und Wut, schal und bitter - "Ich hätte wissen müssen, dass du nicht in der Lage wärest, sie gehen zu lassen -" Harry wurde nach hinten geschleudert und fiel, doch nicht einen Augenblick lang konnte er wegsehen, die unwiderstehliche Kraft echten Zorns hatte sein Denken eingefangen in einem kalten Glasgefängnis - "Ich kann und will nicht verstehen, was mit dir nicht stimmt -" Der Aufprall trieb die Luft aus Harrys Lungen schmerzhaft durch den weit geöffneten Mund, ein kurzes Ächzen von irgendwoher ließ Ron zurückweichen.

"Lass' dich nicht bei ihr blicken, lass' dich nicht mehr bei uns blicken - ich kann dich nicht mehr sehen - du bist sowas von tot für mich und -" Harry starrte wie durch Nebel in Rons zornverzerrtes Gesicht, der Mund wie eine rote, klaffende Wunde und so endete alles. Er hatte nichts anderes erwartet, würde niemals -

Bleiche, zitternde Hände zogen Ron endgültig von ihm fort und als Harry sich taub und unendlich langsam aufrichtete, sah er in Hermines Augen die kraftlose Frage, die er sich selbst stellte.

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Cormacs verschwitzte Handflächen malten dunkle Tintenkreise auf die Dokumente, die er nur kurz überflog und dann achtlos fortwarf. Seine Füße waren in dem Durcheinander aus Papier und Federkielen, Notizbüchern und Ordnern nicht mehr zu sehen und in seiner Wut riss er große Schnipsel aus den Seiten heraus und er schwitzte Tinte und die Unterlippe, längst durchgebissen, taufte jede der enthaltenen Informationen tropfend nutzlos.

Es wäre wirklich dumm von Vater - aber er musste es finden, er musste - Mit bebenden Schultern riss er eine Schublade aus dem Mahagonischreibtisch und Holzsplitter trieben in sein Fleisch, blutige Dornen aus Verzweiflung und noch bevor er sie ausleerte, wusste er, dass es zwecklos war und tausende Büroklammern klirrten auf die blanke Tischplatte. Langsamer, wie abfallendes Herbstlaub, trudelte ein Foto seiner Mutter auf den Boden zu seinen Füßen.

Plötzlich entmutigt, bückte er sich danach, die Beine vor Schwäche zitternd, im Kopf ein rasender Tornado aus Schmerz, der seine Sicht trübte und stieß mit der Stirn gegen das Holz, dass es ihm schwindelte. Fluchend griff er sich an die Stirn, verschmierte den Dreck, der die Hände umfing wie Baumrinde einer Kriegsbemalung gleich auf die Wangen und sank auf seinen Hintern, inmitten eines Teppiches aus Papier.

Und als das Hämmern in seinem Schädel ohrenbetäubend laut wurde und er sich nichts mehr wünschte, als nach Hause zu gehen und Schmerzmittel zu trinken, nein, zu saufen, sich in Schmerzmitteln zu ersaufen, sah er den Umschlag.

Unschuldig weiß klebte er unter der Tischplatte direkt neben den Schubladen, seine Ränder gelb umrahmt von einem Klebezauber, als wäre es nie anders gewesen, nie offensichtlicher und Cormac löste ihn, mit vor Aufregung fiebrig glasigen Augen und er schob ihn unter sein verschwitztes Hemd, von einer bis zur anderen Achsel reichend und schwer von Schuld.

Während der pochende Kopfschmerz den Höhepunkt erreichte und seine Sicht in Scherben verschwamm, stemmte er sich hoch, den Atem zischend durch die Zähne stoßend, das getrocknete Blut um seinen verzerrten Mund herum abbröckelnd und so voller düsterer Befriedigung, dass er nicht wahrnahm, wie die Tür polternd aufgerissen wurde, bis sich der massive Leib seines Vaters vor ihn schob und der eisige Blick prickelnd auf seinem Gesicht zur Ruhe kam.

Cormac zuckte zusammen und seine Fingernägel gruben sich in das Holz, kleine blasse Halbmonde freilegend und kein Ton drang über seine Lippen, obwohl sein Mund fast überlief vor Erklärungen, unzulänglich, gewiss - Hallo, Vater, ich wollte bloß mal sehen, was du hier so herumliegen hast -

"So. Was glaubst du, was du hier tust?" Eine kräftige Hand umschloss sein Kinn und zwang seinen Blick nach oben, wo nebelverhangen das feiste, zornesrote Gesicht seines Vaters schwebte.

Die verrosteten Räder in seinem Gehirn begannen gemächlich, sich zu drehen - ist es nicht völlig egal - und ungeschickt purzelten die Worte aus seinem Mund und die Hitze, fast schon greifbar, tastete nach seinen Knochen.

"Ich - ich dachte bloß, wenn ich die Anklageschrift gegen Harry Potter -" Der eiserne Griff um sein Kinn lockerte sich etwas und erleichtert schluckte Cormac trocken. "Wenn ich sie vernichte, dann geschieht ihm nichts und..."

Ein Schnauben brandete gegen seine fiebernden Wangen und er konnte den angewiderten Blick spüren und obwohl er nicht in der Lage war, irgendetwas zu erkennen, tat es weh. Es tat immer weh.

"Reiß' dich zusammen, Cormac, oder du wirst etwas erleben, das deine schlimmsten Alpträume übertrifft!", zischte Earnest McLaggen und Cormac kniff die Augen zusammen und biss sich auf die Lippe, damit er nicht -

"Du bist so naiv, dass es ein leichtes Spiel ist, dir zuvorzukommen! Als würde es etwas ändern, wenn du die eine Kopie, die ich schon längst vorgelegt habe, vernichtest, als würdest du deinen kleinen Freund retten können!" Er schrie nicht, doch in Cormacs Ohren machte es keinen Unterschied, es war zu laut, zu viel.

"Er hat nicht nur meinen Sohn angegriffen, sondern auch mein neuestes Projekt explodieren lassen und viele weitere produktive Mitglieder der magischen Gesellschaft gefährdet." Cormac erahnte das breite Lächeln, das das Gesicht seines Vaters teilte, die glänzenden Zähne enthüllte, er brauchte nicht hinzusehen.

"Du gehst nach Hause und lässt mich das in die Hand nehmen. Potter wird das bekommen, was er verdient und weil ich genau weiß, dass du nicht den Kopf für ihn hinhalten wirst, hörst du sofort auf, so zu tun als ob."

Und als Cormac fortging, schlang er die Arme um seine Brust, um den Umschlag, für den er seinen ganzen Mut zusammengenommen hatte und betete bei jedem Schritt, der ihn aus dem Elternhaus heraustrug, dass es das wert war.

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Er stand allein in dem Sonnenschein, den wahrscheinlich letzten wärmenden Strahlen diesen Jahres auf dem Bordstein und starrte zu den schwarzen Fenstern empor, leere Quader wie die Augenhöhlen einer Leiche. Cormacs Finger wickelten die braunen Locken unaufhörlich um sich selbst und obwohl das Haus abweisend wirkte und eine eiskalte Gänsehaut über seine Arme jagte, musste er weitergehen, die Stufen hinauf und seine Zähne waren so fest zusammengepresst, dass sie bei jedem Schritt, den er tat, knirschten.

Auf der letzten Stufe stieß er gegen eine halbausgetrunkene Kaffeetasse, deren Inhalt sich schwappend gegen einen hohen Stapel Zeitungen ergoss. Fluchend strich er über das lindgrüne Leder seines Schuhs, um den kleinen dunklen Fleck abzuwischen, doch als sein Blick auf die einen Spalt offenstehende Tür fiel, flutete leise Furcht einen bitteren Geschmack in seinen Mund.

In der Stille seines rasenden Pulses klang das Knarren der Tür unnatürlich laut und als er das Haus betrat, weiteten sich seine Augen vor Schreck, denn die hohe Eingangshalle war völliger Verwüstung anheimgefallen. Während er über einen zu Boden gestürzten Kronleuchter stieg, versuchte er, gegen den Kloß anzuschlucken, der seinen Hals blockierte und als die Scherben unter seinen Schuhen knirschten, schien es ihm, als würde das Haus aus seiner Asche wiederauferstehen und beginnen, zu atmen.

Zögernd ging er an Portraits vorbei, die Leinwand lose aus den zerschrammten Rahmen hängend und stolperte fast über ein umgestürztes Regal, aus dem Schuhe und Hüte herausgequollen waren und sich wie Gedärm über dem Boden verteilt hatten und gleichzeitig blubberte seine Magensäure wie kochender Teer träge seine Speiseröhre hoch und Gedankenfetzen wirbelten wild umher. Ich bin nicht zu spät, ich kann nicht zu spät sein, was in Merlins Namen ist hier -

Als er den Absatz einer Treppe erreichte und seinen Blick auf die Brandlöcher im Holz richtete, zweifelnd, ob sie ihn tragen würde und der Puls unangenehm gegen seinen Adamsapfel hüpfend, flog ihm etwas entgegen, etwas Schweres, Hartes und ehe er sich ducken konnte oder abhauen oder irgendetwas traf es ihn schneidend, gewaltsam an der Stirn und ein dunkles Glucksen wehte vom oberen Teil der Treppe zu ihm herab.

"Sollte mich ans Ministerium wenden, wenn Verräter versuchen, bei mir einzubrechen, wirklich. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass die Auroren sich überschlagen würden, mir zu helfen." Harrys Stimme war dunkel und knisternd wie jahrhundertealtes Pergament und klang müde und merkwürdig trüb, beschlagen, ein Fenster im Nebel.

Mit klammen Händen rieb Cormac die schmerzende Stelle direkt über seiner Nase und der Anblick von Harry, die Beine mit den Armen umklammernd, wie er vor und zurückwippte, unaufhörlich, riss seine Hoffnung ein und klirrte direkt in seinem Herzen auf, als hätte er einen Eisblock an seine Stelle implantiert. Die schwarzen Ränder ließen die grünen Augen wie im Fieber erstrahlen.

"Was ist hier passiert, was -", begann Cormac hastig und stotternd und als Harry sich langsam erhob, erstarb sein kläglicher Versuch einer normalen Konversation rasch an dem Zauberstab, der sich träge auf ihn richtete. Nachlässig strich Harry über das Holz, dessen Farbe schon etwas abgesplittert war und seine Lippen zogen auseinander, einer Art von Lächeln entgegen, übelwollend und bösartig.

"Nun, ich muss gestehen, dass ich ein wenig wütend war." Die unterschwellige Aggression war jetzt auch für Cormac offensichtlich und ließ seine Lippen zittern, die Zunge über den ausgetrockneten Gaumen streichen, klebend und spröde und Harry kam einen kleinen Schritt näher. "Ein kleines bisschen wütend darüber, dass du Ginny -", er unterbrach sich, als ein unwillkürliches Zucken durch sein Gesicht fuhr, "und mich nur benutzt hast - jetzt frage ich mich, für was." Der letzte Satz war nur ein Zischen.

Als hätte jemand einen Klebezauber auf den Boden zu seinen Füßen gesprochen, konnte Cormac sich nicht rühren, keinen Schritt nach hinten gehen, obwohl er es versuchte. Auch blieb es bei einem Versuch, selbst den Zauberstab zu ziehen und sich wenigstens zu wehren - oder seine Faust in das bleiche Gesicht von Potter zu schlagen, der inzwischen nur noch einen Meter entfernt war, herangeschlichen wie eine Schlange, der fesselnden Wirkung seiner Worte wohlbewusst. Er wollte etwas - irgendetwas - sagen oder tun, um die Situation aufzulösen und eine zu schaffen, mit der er umgehen konnte.

Harry lehnte seinen Oberkörper leicht nach vorn. "Was hast du davon gehabt?" Die kühle Gelassenheit fiel von ihm ab, als hätte ein Regenschauer sie fortgewaschen und an ihre Stelle kroch nun Zorn in seinen Blick.

"Ich habe Ginny schon getroffen, bevor ich versucht habe, mit dir - zu arbeiten. Mein Vater hatte verlangt, dass ich mir eine Freundin suche, die ich präsentieren kann - Es war nichts Ernstes, das musst du mir glauben!" Zitternd spürte Cormac, wie seine Hände sich verkrampften.

Hohl lachte Harry, die Nase verächtlich gekräuselt. "Und weil es nichts Ernstes war, ziehst du sie auf der Feier in einen dunklen Gang und - Auf der Feier, zu der du mich auch eingeladen hast, weil ich dir helfen sollte, weil ich für dich da sein sollte und du - Du bist einfach nur ein verdammtes Arschloch, McLaggen!" Inzwischen kochte die blanke Wut in Harrys Stimme und Cormac zuckte unter seinen Worten zusammen, als wären es Schläge und es stimmte, natürlich stimmte, was er sagte und es gab keine Entschuldigung, aber -

"Ich habe sie nicht einmal eingeladen", erwiderte Cormac tonlos, die Worte hinterließen ein schwaches Kribbeln in seinem Hals. "Abby hat ihr geschrieben, dass sie gebraucht werde oder so etwas - und dann habe ich versucht, meine Rolle zu spielen, damit ich es nie wieder tun muss - ich schwöre dir das, Harry."

Harrys Hand ließ den Zauberstab sinken und als ihr Griff kraftlos wurde, fiel er klappernd zu Boden und rollte die Treppe hinab. "Was soll das noch ändern? Ich habe alle verletzt und bekomme bald eine Vorladung und -"

"Aber - Harry - nicht, wenn wir ihn vorher nach Askaban befördern." Er zog den Umschlag aus seinem leichten Sommerumhang und genoss das Gefühl, hier zu sein und Beweise zu haben und dass Potter sämtlichen Ausdruck in seinem Gesicht verlor, als ihm bewusst zu werden schien, was er in den Händen hielt.