Harry stand vor der Eingangstür zu Cormacs Haus und rieb sich unbehaglich über die Bartstoppeln, während er auf das Klingelschild starrte und versuchte, ein wenig verbleibenden Gryffindormut zusammenzukratzen. Das tote Laub knisterte unter seinen löchrigen Schuhen, als er nervös ein paar Schritte im Kreis ging und er war sich sicher, würde ihn Cormac von dem kleinen Toilettenfenster aus beobachten, hätte er wahrscheinlich riesigen Spaß an seiner idiotischen Zurschaustellung.
Die zart geschwungenen Lettern des Nachnamens verschwammen in seinem Blick ineinander und er war sich nicht sicher, ob es an dem gerade einsetzenden Platzregen lag, daran, dass er sich hier seit Stunden, wie es ihm schien, die Beine vertrat oder an seiner Panik, die in siedenden Wellen durch seine Beine schwappte. Schnaufend hauchte er das Eis aus seiner Handfläche und das Gewicht des Päckchens, das er an seine Hüfte presste, schien ihn zu Boden zu reißen.
Er hätte es einfach vor der Tür ablegen und dann aus Cormacs Leben verschwinden können und obwohl der Gedanke einen verdammten Felsen in seine Brust trieb, an dem er nicht vorbeiatmen konnte, wäre es durchaus eine weniger schmerzende Möglichkeit gewesen als jene, zu der er sich entschlossen hatte und es kam ihm vor wie die Prüfung seines Lebens oder eine Hinrichtung, als ob er das genau auseinanderhalten könnte, und wenn er nicht bald klingelte, würde er sich im Regen auflösen.
Mit hängenden Mundwinkeln und wild flatterndem Magen drückte er endlich seinen bebenden Finger auf die Klingel und jetzt konnte er ganz bestimmt nicht mehr still stehen und die kleinen Atemwölkchen stiegen immer schneller in die Luft und gerade, als Harry an dem Gummiband herumpulte, das sein wildes Haar in einem Zopf hielt, der einzigen Ordnung, zu der er fähig gewesen war, wurde die Tür aufgerissen und vor Schreck zupfte er sich ein paar Haare aus, denn vor ihm stand weder Cormac noch irgendwer, den er kannte.
"Ich dachte mir schon, dass du kommen würdest, Harry Potter. Und ich wollte die eine Chance nutzen, die ich hatte, um vor dir hier zu sein und alles aufzuklären und nachdem ich deinen Brief bekam, habe ich mich beeilt -" Mit einem Mal brodelte etwas in ihm, bitter-süßliche Eifersucht, die ihm heiß in den Kopf kroch und ein Dröhnen erzeugte, das das Rauschen des Regens übertönte.
Harrys freie Hand krallte sich in seine ausgebleichte Jeanshose und kurz sann er darüber nach, ob er nicht doch lieber nach diesem Kerl schlagen sollte, der ihn arglos anlächelte und seinen Hass damit bloß noch anstachelte. Aber als er ohne erkennbares Zögern zur Seite trat, um Harry einzulassen, war der Moment vorbei und nichts hätte es mehr rechtfertigen können und er trat ein.
Im Flur rann seine Wut in seinen Hals und hinterließ eine buttrige Schicht darin, die ihn würgte und die Schatten wurden lebendig und verdichteten sich an jener Stelle, an der sie sich zum ersten Mal nahe gewesen waren, zu einer Erinnerung, die er wütend wegblinzelte und weil ihm der Falsche die Tür geöffnet hatte, war er nicht auf Cormac vorbereitet, der am Küchentisch saß und lustlos an einem Brötchen knabberte, sein Gesicht so bleich wie der Wasserdampf, der aus einem Kessel auf dem Herd waberte. In Harry sackte irgendetwas zu Boden und es dauerte mehrere Sekunden, bis er merkte, dass dieses Irgendetwas einmal sein Magen gewesen war.
Plötzlich traute er seinen Beinen nicht mehr, aber bis zu dem Tisch war es nicht weit und er watschelte ein paar unsichere Schritte vorwärts und knallte das Päckchen plump auf die Wachstischdecke, wo es eine kleine Delle hinterließ und Cormac fuhr aus seinen Gedanken und hustete fürchterlich. Er klopfte sich auf die Brust, ächzte und sah Harry an, als wäre ihm der blutige Baron erschienen und angesichts der schlaflosen Nächte, die hinter ihm lagen, fragte sich Harry, was er wohl in ihm sehen mochte.
"Ich dachte, ich schulde dir etwas. Und weil du die Unterlagen deines Vaters bei mir vergessen hast, habe ich mich drangesetzt und sie gesichtet und was ich dabei entdeckt habe, hat er -", Harry nickte in die ungefähre Richtung des anderen Mannes, "- dir sicher schon erzählt. In dem Paket sind die Papiere und - und ein Brief von mir. Lies ihn allein, bitte." Zittrig holte er Luft, die sich brennend einen Weg durch seinen Körper bahnte und biss sich auf die Lippe, als Cormac sich nicht regte.
"Keine Antwort - das habe ich sicher verdient." Die Lippe zwischen seinen Zähnen war längst taub geworden und er war zu spät und jetzt war es ohnehin egal, also drehte er sich um und stürzte aus der Küche und Cormac rief etwas hinter ihm her, aber er wollte es nicht hören und knallte die Tür hinter sich zu, um all den Schmerz dort einzuschließen.
Als er wieder vor dem Haus stand und der Regen durch die Löcher in seinen Turnschuhen sickerte, floss die Taubheit durch seinen Mund und er schluckte sie hinunter. Fahrig tastete er in seiner Jacke nach der kleinen Schachtel, die er dort schon seit Ewigkeiten aufbewahrt hatte, eine drängende Erinnerung an das brennen in der Kehle ließ ihn angespannt ausatmen und dann fand er sie endlich und zündete sich eine der Zigaretten an und noch während des ersten Zuges, feucht und kratzig und begierig, träufelte der Regen das Papier grauweiß und Harry lief los.
Er rannte, bis der Qualm in seiner Lunge zu schmerzen begann, rannte und rauchte und irgendwann wusste er nicht mehr, wo er war und es war ihm egal und als er stehenblieb, hielt er den Atem an, bis er das Gefühl hatte, in sich selbst zu verschwinden.
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(Ich weiß einfach nicht, wie ich dir sagen kann, dass ich nichts bereue -)
Cormacs Hände verfingen sich in seinem verknoteten Haar, als er versuchte, sich irgendwo festzukrallen und die Stimme, die ihm fremd geworden war, ließ Worte über ihn hinwegschwappen, die er nicht begreifen konnte und nicht begreifen wollte. Nichts hatte sich verändert und trotzdem gab es keine Einzelheit, die sich nahtlos in seine Erinnerungen einfügen konnte.
( - außer, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, außer meinem verdammten Misstrauen und das habe ich erst gemerkt, als du alles mit dir fortgenommen hast und es tut mir so unendlich -)
Eine Hand wedelte vor seinem Sichtfeld herum, die Fingernägel glänzten im Licht und hinterließen Schlieren in der Luft und er wollte sie wegschlagen und weiter versinken, aber er konnte nicht verhindern, dass sein Blick kurz nach oben flackerte und Edgars Wangen wirkten ohne das Lächeln, das er üblicherweise wie eine Maske trug, seltsam schlaff und kraftlos.
"Endlich, ich hatte schon befürchtet, ich müsse den Notarzt rufen. Du hast kein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe, oder?" Cormac hob die Schultern und ließ sie dann wieder sinken und versuchte, sein Gehirn im Nebel der durcheinanderwehenden Gedanken hervorzukramen, aber nichts machte einen Sinn.
(Vielleicht klingt es unglaubwürdig, wenn man bedenkt, was ich dir an den Kopf geknallt habe, aber -)
"Ich sagte, dass du diesen Brief wohl kaum ernst nehmen kannst. Es ist ja wohl deutlich, dass er lügt und dir Honig um den Mund schmiert, weil er sich irgendwas davon erhofft." Mit verächtlich gekräuselter Nase, ein Ausdruck, der in dem freundlichen Gesicht seltsam deplaziert anmutete, ließ er das blütenweiße Papier in Cormacs Schoß flattern und die verschmierte Tinte, zu schludrigen Buchstaben geritzt, riss ihn unsanft hinaus aus der Watte, die ihn seit Harrys Besuch umschlossen hatte und auf einmal waren die Worte da, dumpf zwar, aber sie ließen sich nicht aufhalten.
"Und wieso kannst du das beurteilen, wieso glaubst du - Du warst nicht dabei!" Seine Beine federten ihn in einen unsicheren Stand und er schwankte, während er versuchte, den Blick des Anderen aufzufangen.
Edgar riss die Arme vor die Brust wie einen Schild. "Hey, beruhige dich mal. Nach den paar Treffen kannst du ihn ja wohl auch nicht kennen, nicht so, wie ich dich kenne und ich glaube nicht, dass ich jetzt gehen sollte." Ein zerknittertes Lächeln zupfte seine Mundwinkel nach oben, aber es wirkte nicht echt und Cormac spürte eine rasende Wut durch seine Adern rauschen. "Immerhin bin ich jetzt hier und das ist eine großartige Sache, wenn du bedenkst, was dein Vater -"
"Oh, soll ich dir etwa gratulieren? Möchtest du hören, wie unglaublich mutig ich es finde, dass du mit ihm Geschäfte gemacht und dich jetzt dazu entschlossen hast, sein Schweigegeld doch nicht anzunehmen?" Bittere Galle strömte seine Kehle hinauf und in seiner Schläfe brandete ein unangenehmes Hämmern auf.
"Ganz ehrlich: Ja. Ja, das war mutig und habe eine wahnsinnige Angst, dass er mich umlegt, weil ich zu dir gekommen bin." Obwohl sein Gesicht ernst wirkte, glaubte ihm Cormac kein Wort und die Hitze seiner Wut flirrte unangenehm in seiner Nase.
"Nein, Edgar. Es wäre mutig gewesen, mir zu antworten und es wäre mutig gewesen, das Geld nicht anzunehmen und du bist ein verdammter Feigling, weil du niemals das tust, was richtig ist!" Die Fingernägel gruben sich in der bebenden Kraft seiner Faust tief in sein Fleisch und er wusste, die Wahrheit würde sich erbarmungslos durch seinen Mund bahnen und alles zerbrechen und es war gerecht und verdient.
Edgar schnaubte aufgebracht. "Ja klar, meine Familie hatte einen riesigen Schuldenberg angehäuft und ich hätte ihnen sagen sollen, dass ich das Geld nicht nehmen kann, weil - weil ich meinen Exfreund nicht enttäuschen kann. Sag, Cormac, wann hast du jemals das Richtige getan?" Sein Gesicht leuchtete beinahe vor Wut und die feinen schwarzen Haare auf seinem Kopf, die Cormac damals so gern berührt hatte, standen zu Berge.
Es überraschte ihn, dass die gewohnte Unsicherheit ausblieb und das Bewusstsein in ihn sickerte, wie sehr die vergangenen Wochen ihn verändert hatten. "Ich tue es jetzt." Obwohl sich Cormac nichts anmerken ließ und seine Züge hart waren, als hätte er sie in Stein gemeißelt, blubberte wohlig aufkeimender Stolz in seinem Bauch auf. "Erst hast du behauptet, dich neu verliebt zu haben, dann hast du mir wieder Hoffnungen gemacht und bist dann einfach untergetaucht - Es gibt nichts zwischen uns, das es wert wäre, durch eine derartige Farce zu gehen und weil du niemals den Mut hattest, es wirklich zu beenden, war es das, denn ich habe ihn."
"Du machst Witze, Cormac. Jeder hätte das Geld genommen und ich lasse mir das nicht vorwerfen, nicht von dir - auf keinen Fall von dir und ich frage mich langsam, was ich hier mache, wenn du so undankbar bist -" Seine Arme fuchtelten im Takt seiner Worte umher, fuchtelten Edgars Gelassenheit davon.
"Der einzige Mensch, dem ich dankbar sein muss, ist Harry, denn ohne ihn wärest du nie aus deinem Loch hervorgekrochen. Was hast du dir bloß davon versprochen? Glaubst du, ich falle triefend vor Schnulz in deine Arme und alles ist wieder wie vorher - Als würde die ganze Zeit, in der ich nichts von dir gehört habe und die, in der ich dich für tot gehalten habe, nichts verändert haben. Das kann nicht dein Ernst sein." Eine kleine Nadel stach in sein Herz, als ihm klar wurde, wie verletzt er war und wie leicht er sich hatte täuschen lassen, aber die Wut füllte das winzige Loch und passte sich an, makellos.
Er atmete tief ein und bückte sich nach dem Brief, strich ihn behutsam glatt und sah Edgar an, sah in die blauen Augen, die er einst geliebt hatte und fühlte nichts. "Ich will, dass du verschwindest. Wenn ich wiederkomme, bist du weg oder ich sprenge das Haus in die Luft."
Sein Herz puckerte wild und trieb ihn an, während er in seine Schuhe schlüpfte und aus dem Haus stürmte, es trieb eine Sehnsucht durch ihn hindurch und er war bereit, alles zu verzeihen, einfach alles. Seine Hoffnung nahm der Nacht die Finsternis und dem Apparieren den Schwindel.
( - aber der Moment, in dem wir zusammen waren und in dem ich dich küssen konnte und mehr - er war der ehrlichste Moment meines Lebens und ich glaube, ich war glücklich, Cormac -)
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Er war weg.
Ohne, dass Cormac durch die offenstehende Tür des Grimmauldplatzes treten musste, wusste er es. Der Kronleuchter hing repariert über dem Entrée und jedes Buch war aus der Halle verschwunden, jede verdammte Scherbe aufgelesen worden und nichts deutete daraufhin, dass Harry je hier gelebt hatte und Cormacs vertrocknetes Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein Vogel, der gegen einen Käfig ankämpft.
Er war weg und mit ihm jede Möglichkeit, Leben in die Leere zu hauchen.
