Thorns in my chest
Kapitel 2
Professor McGonagall schüttelte den Kopf. Seit sie aus dem Kamin gestiegen war und die Weasleys mitsamt ihren Gästen draußen auf dem Hof versammelt vorgefunden hatte, tat sie nichts anderes mehr. Neben ihr, über einen Haufen Schutt und Schrott gebeugt, stand Hagrid. Verzweifelt die großen Hände ringend, versuchte er, zu erklären, wie es zu dem Unfall kommen konnte. „... Hätte es besser wissen sollen. Seit der Bruchlandung damals wollte das Motorrad nich mehr richtig funktionieren ..."
„Kein Wunder", murmelte Harry leise zu Ginny und Hermine gewandt, „es war ja auch fast nichts mehr von der Maschine übrig, nachdem wir von den Todessern überrascht wurden."
Mrs. Weasley setzte ein gequältes Lächeln auf. „Ist ja nichts passiert, Hagrid. Da ist nichts drin, was sich nicht wieder reparieren lässt."
Hermine wusste genau, weshalb sie so viel Verständnis für Hagrids Missgeschick aufbringen konnte: Insgeheim war sie froh, den Schuppen und sein Gerümpel loszuhaben. Die Sammelleidenschaft ihres Mannes war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Und Hauptsache war doch, dass niemandem etwas passiert war. Den schlimmsten Schock hatte wohl Mr. Weasley selbst davon getragen, als seine Habe unter dem Riesen und seinem Motorrad begraben worden war. Doch abgesehen von dem Schrecken und einer grauen Staubschicht, die seinen Anzug bedeckte, hatte er keinen weiteren Schaden genommen.
An McGonagalls Seite tauchte die schwarze Gestalt Snapes auf. Seelenruhig, ein Funkeln in den dunklen Augen und die Hände in den Hosentaschen vergraben, betrachtete er die Misere. „Du hättest ihm nicht erlauben sollen, das Motorrad weiterhin zu benutzen, Minerva."
„Wie hätte er denn sonst hierher gelangen sollen? Für den Kamin ist er zu groß."
Snape grinste sichtlich amüsiert. „Wieso halten wir die Versammlung überhaupt hier ab? Man sollte meinen, Hogwarts besitzt genug Räumlichkeiten, um eine ganze Horde Halbriesen damit zu füllen."
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu, das Grauen beim Anblick all der monströsen Kreaturen, die während der Schlacht über das Schloss hergefallen waren, noch vor Augen. „Es tut dir gut, etwas frische Luft abzubekommen, Severus. Du kannst dich nicht ewig vor der Welt verstecken. Jetzt, wo alle wissen, was du für uns getan hast, solltest du mehr unter Leute gehen."
Snape rollte abfällig mit den Augen. „Du klingst schon fast wie Albus. Das ist bedenklich."
McGonagall lächelte verschmitzt zurück. Dann erhob sich Mrs. Weasleys Stimme und forderte zum Aufbruch auf: „Nun kommt erst mal alle ins Haus. Wir werden uns später um das Gerümpel kümmern ..."
Mit einem fragenden Blick an Harry gewandt, der jedoch nur mit den Schultern zuckte, folgte Hermine den anderen ins Innere. Ron war drauf und dran, irgendwas zu ihr zu sagen, Hermine jedoch schenkte ihm keinerlei Beachtung. Sollte er nur warten und schmollen! Verdient hatte er es.
Kaum hatten sich alle in der Küche versammelt, wurden Getränke und Kuchen gereicht. Hermine und Ginny waren froh, sich dabei nützlich machen zu können, so bekamen sie wenigstens die Gelegenheit, hinter vorgehaltener Hand zu spekulieren, was es denn mit diesem eigenartigen Treffen auf sich haben konnte. Ziemlich schnell waren sie sich darin einig, dass es um den Orden gehen musste, wieso sonst sollte Snape eingeladen sein. Ron die kalte Schulter zeigend, knallte Hermine ihm einen Teller hin, ehe sie schwungvoll kehrt machte, um die nächste Ladung von Mrs. Weasleys Köstlichkeiten zu verteilen. Kurz darauf saßen alle mit Ausnahme von Snape, der es vorzog, für sich zu bleiben und scheinbar teilnahmslos aus dem Fenster zu starren, beisammen und ließen sich bei Kaffee und Kuchen von McGonagalls Ansprache berieseln.
xxx
„Wie ihr alle wisst, hat auch das Ministerium ein Wörtchen mitzureden, wenn es um Hogwarts geht. Die Frage, wer fortan die Leitung der Schule übernehmen wird, sollte uns alle beschäftigen, schließlich geht es um die Zukunft der Zaubererschaft. Glücklicherweise wird Kingsley als unser neuer Minister unsere Meinung berücksichtigen. Daher denke ich, ist es am besten, wir stimmen gemeinsam darüber ab."
Harry schwante nichts Gutes. Verhalten räusperte er sich. „Ich dachte, der neue Schulleiter sind Sie, Professor."
„Das ist in Bezug auf die Übergangsregelung richtig, Mr. Potter, doch wollen wir auch allen anderen Lehrkörpern eine faire Chance geben."
„Und wer steht noch zur Wahl?"
„Alle gewichtigen Professoren von Hogwarts, zum Beispiel Professor Slughorn und Professor Snape."
Harry wurde bleich. Der Schock, dass Snape wieder unterrichten würde, war ebenso groß, wie die Vorstellung, ihn erneut als Schulleiter an Dumbledores einstigem Platz zu sehen.
„Was? Sie wollen Snape als Kandidaten aufstellen?"
„Sie haben richtig gehört. Nun, da Severus' Ruf wiederhergestellt ist, hat er ebenso ein Anrecht darauf, Hogwarts zu führen, wie jeder andere."
„Bei allem nötigen Respekt, Professor McGonagall, aber Sie können ihm Hogwarts nicht überlassen. Haben Sie vergessen, was unter seiner Leitung mit der Schule geschehen ist?"
McGonagall schürzte die Lippen. „Ich kann Ihre Vorbehalte verstehen, Potter. Sie sind mehr geblendet als alle anderen, schließlich standen Sie die vergangenen Jahre direkt im Mittelpunkt des Geschehens. Doch wir dürfen nicht vergessen, wem wir es letztendlich zu verdanken haben, dass wir so weit gekommen sind. Ohne die Arbeit in den Reihen Voldemorts hätten wir wohl kaum Informationen über sein Vorgehen erhalten. Die Gefahren, denen Severus dabei ausgeliefert war, waren beachtlich. Außerdem haben Sie sich dazu entschlossen, Hogwarts nicht weiter zu besuchen, womit ich Sie bitten muss, Ihre persönliche Meinung über Severus zurückzuhalten und das Wohl der Schüler in den Vordergrund zu stellen."
Harry schnaubte leise. Mit einem Schlag schien sein ganzer Hass von früher wieder aufzublühen. All die negativen Erfahrungen, die er mit Snape gemacht hatte, wurden wieder lebendig.
Noch während er im Stillen vor sich hin brodelte, löste sich der schwarze Schatten seines einstigen Professors vom Fensterrahmen los und schwebte in den Raum hinein. Sofort wurde es still am Tisch und aller Augen richteten sich auf ihn. „Es war nie meine Absicht, Schulleiter zu werden", sagte er kühl. „Außerdem wissen wir alle nur zu gut, dass ich keine einzige der Stimmen erhalten würde. Um uns die Peinlichkeit zu ersparen, verzichte ich daher auf eine Aufstellung als Kandidaten für den Posten des Schulleiters von Hogwarts und trete bei einer Wahl erst gar nicht an."
McGonagall starrte ihn mit großen Augen an. „Aber Severus ..."
Snape schüttelte erhaben den Kopf. „Lass es, Minerva. Wir wissen beide, dass du die würdigere Besetzung bist. Wozu also das Getue? Du wirst deine Sache hervorragend machen. Ich hingegen", er reckte steif den Kopf in die Höhe, die Muskeln seiner Kiefer sichtlich angespannt, „würde die Erwartungen aller Beteiligen maßlos enttäuschen."
Verwundert blinzelte Hermine zu ihm hinüber. Irgendetwas in ihr begann zu rebellieren. Natürlich konnte sie Harrys Vorbehalte dem Professor gegenüber verstehen, doch McGonagall hatte recht: Wenn er nicht gewesen wäre, wären sie nie so weit gekommen. Er hatte seine Pflicht sowohl Dumbledore als auch Hogwarts gegenüber erfüllt.
„Ist das dein letztes Wort?", fragte McGonagall tief seufzend. Snape nickte knapp, ohne dem Ganzen noch etwas hinzuzufügen. „Gut", murmelte sie bitter. „Dann muss ich darum bitten, die Wahl mit den übrigen Kandidaten zu beginnen."
Am Ende stand klar und deutlich fest, dass sie als eindeutiger Sieger aus der Wahl hervorgehen würde, womit Hogwarts seinen neuen Schulleiter gefunden hatte. Das Ergebnis wurde sofort per Kamin ins Ministerium und an Kingsley gereicht, der postwendend eine Eule schickte und McGonagall gratulierte.
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"Meinen Brief haben Sie gelesen, Miss Granger?"
"Das habe ich, vielen Dank, Professor."
"Fein. Und haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, ob Sie nicht doch nach Hogwarts zurückkommen wollen?" Hermine zuckte unentschlossen mit den Schultern, woraufhin McGonagall ihren Blick intensivierte. "Es wäre ein Jammer, wenn Sie es nicht täten. Eine junge Frau mit Ihren Begabungen - überlegen Sie es sich, aber lassen Sie sich nicht zu lange Zeit ... Nun, wir sollten allmählich zum Aufbruch blasen. Hogwarts wartet und es gibt noch so viel zu tun, ehe die Schule wieder die alte ist. Guten Tag."
Mit diesen Worten wandte sie sich, mindestens ebenso schnell wie sie mit ihrer kleinen Ansprache begonnen hatte, um. Zurück blieb eine verwirrte Hermine im verwaisten Wohnzimmer der Weasleys.
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Gedankenverloren schlenderte sie aus dem Haus und überquerte den Hof. Um die Stelle versammelt, die einst der Schuppen gewesen war, standen Mr. Weasley und seine Söhne (wo Ron steckte, konnte sie nicht ausmachen) und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Allzu hoffnungsvoll sah die Lage jedoch nicht aus und so setzte Hermine ihren Weg fort, über das vertrocknete Gras, den Hügel hinauf. Die schwül-warme Luft brannte auf ihrer blassen Haut und gab ihr das Gefühl, kaum atmen zu können, dennoch hatte sie das Bedürfnis, wenigstens für einen Moment dem Trubel im Fuchsbau entfliehen zu müssen.
Auf der Plattform des Hügels angekommen, suchte sie Schutz vor der sengenden Sonne und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm einer mächtigen alten Eiche. Eigenartigerweise wirkte der Schatten des Baumes und die unverhoffte Stille wie ein friedfertiges Refugium, das sofort zum Nachdenken einlud. Lediglich hin und wieder vernahm sie das Gackern der Hühner oder einen Hauch von Mrs. Weasleys kräftiger Stimme, doch abgesehen davon konnte nichts die Schönheit der Umgebung trüben. Die sanft hügelige Landschaft, die sich nach allen Seiten bis ins fernab gelegene Dorf hinunter erstreckte, erinnerte beinahe an Italien, wo sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hatte, lange bevor der Krieg sie eingeholt hatte. Mit den Gedanken weit weg von Hogwarts, dem Fuchsbau und den Weasleys, entsann sie sich, wie sie alles für die Reise ins Ungewisse vorbereitet und ihren Eltern eine neue Identität verpasst hatte, um sie vor Voldemort und seinem Gefolge in Sicherheit zu bringen. Plötzlich, inmitten ihrer Sorge um den Verbleib von Mutter und Vater, trat eine altbekannte Gestalt hinter dem Baum hervor. Ungläubig betrachtete Hermine das verhärmte Gesicht ihres einstigen Professors. "Wie lange sind Sie schon hier?", fragte sie dann.
Seine Brauen arbeiteten, irgendwo zwischen abschätziger Bewunderung für ihre Direktheit und kühler Berechnung seiner Rückzugsmöglichkeiten. "Eine Weile."
Hermine nickte. In Anbetracht der Umstände, schließlich hätte er sich schon eher bemerkbar machen können, fand sie es durchaus angemessen, ihn auflaufen zu lassen. "Und? Hat es Ihnen gefallen, mich zu beobachten?"
Er schnaubte leise. "Wer sagt, dass ich Sie beobachtet habe? Ich kam alleine wegen der Aussicht hierher. Außerdem nehme ich an, hatten auch Sie den Wunsch nach Ruhe, Miss Granger."
Noch während sie aufmerksam seiner tiefen Stimme lauschte, musste Hermine lächeln. Der Kontrast, den ihr leichtes Sommerkleidchen im Vergleich zu seiner schwarzen Montur darstellte, wirkte wie eine einzige Ironie. Snape jedoch sah nicht so aus, als würde er ihre Gedanken teilen. Schlagartig verhärteten sich seine Kiefer.
"Sie finden das komisch?"
Energisch wehrte sie ab. "Keineswegs. Ich dachte nur - wie halten Sie bloß diese Hitze aus, Professor?"
Der Ausdruck auf seinem Gesicht entspannte sich wieder und machte etwas Neuem platz. Fast schon unsicher, was er darauf antworten sollte, fuhr er sich mit der Hand durch die langen Strähnen. "Sie scheinen sich dennoch gut über mich zu amüsieren, Granger."
"Na ja, zugegeben, etwas komisch ist es schon."
"Finden Sie", stellte er klar.
Hermine nickte wortlos. Was hätte sie auch weiter darauf sagen sollen? Dass es irrsinnig war, sich im Hochsommer so zu kleiden?
„Wissen Sie, für gewöhnlich halte ich mich in kälteren Gefilden auf. So einfach ist das."
Vorsichtig klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne und nutzte die Gesprächspause zum Nachdenken. Schon alleine die Tatsache, dass er sich von selbst vor ihr rechtfertigen wollte, war ungewöhnlich. Noch vor dem Ende des Krieges wäre es undenkbar gewesen, sich auf dieser Ebene mit Snape zu unterhalten. Unabhängig von seiner Zugehörigkeit zu den Todessern hatte er in der Vergangenheit auf sie viel zu sehr wie ein Eigenbrötler gewirkt, jemand, der für sich bleiben und seine Ruhe haben wollte. Doch zu ihrer Überraschung war ihr den ganzen Tag über immer wieder aufgefallen, dass er nun befreiter auftrat als sie je für möglich gehalten hätte. Vielleicht wagte sie es aus diesem Grund, selbst aus sich herauszugehen, um ihn mit dem erstbesten Gedanken zu konfrontieren, der ihr in den Sinn kam: "Warum wollten Sie nicht für den Posten des Schulleiters zur Verfügung stehen? Sie besitzen alle nur erdenklichen Qualifikationen."
Snape stutzte einen Moment, ehe er antwortete, die wachen Augen eindringlich auf ihre gerichtet. "Ich habe vor allen anderen meine Gründe offengelegt. Das sollte Ihnen genügen, Miss Granger."
Der Tonfall in seiner Stimme besagte deutlich, dass es nicht ratsam war, weiter nachzuhaken; die ganze, in Bezug auf ihre Verhältnisse fast schon entspannte Atmosphäre jedoch weckte ihre Neugier und so versuchte sie erneut, ihm vielleicht doch noch eines seiner Geheimnisse zu entlocken, die er in seinem Inneren verbarg. "Mag sein. Aber Sie hätten es versuchen können."
Er kniff wenig begeistert von ihrer Beharrlichkeit die Brauen zusammen. "Gegenfrage, Granger: Warum haben Sie sich noch nicht dazu entschlossen, nach Hogwarts zurückzukehren?"
Sichtlich verwundert blinzelte sie. "Woher wissen Sie davon, dass das überhaupt zur Debatte steht?"
"Gerüchte. Minerva ist sehr erpicht darauf, Sie wieder in Hogwarts zu haben. Ihrer Meinung nach täte es dem Ruf der Schule gut."
„Ha", stieß sie sarkastisch aus. „Das ist mir nicht entgangen."
"In der Tat. Sie wollen doch nicht meinetwegen darauf verzichten, Ihren Abschluss nachzuholen, oder?"
Jetzt war sie endgültig verwirrt. "Sie überraschen mich, Professor. Wie kommen Sie nur darauf? Bis vorhin wusste ich nicht einmal, wie viel Wahrheit hinter Ihrem Überleben steckt, geschweige denn davon, dass Sie nach Hogwarts zurückkehren würden. Außerdem", setzte sie offen nach, "würde ich mich nicht von Ihnen davon abhalten lassen, es zu tun, wenn ich tatsächlich planen würde, wieder nach Hogwarts zu gehen."
"Wer weiß. In den vergangenen Monaten ist viel geschehen. Es gibt jede Menge ehemaliger Schüler, die es abgelehnt haben, weiterhin mit mir zu tun zu haben. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Sicher hat Ihnen Miss Weasley von den Zuständen an Hogwarts berichtet."
Hermine nickte abwesend. "Sie hat mir ein paar Sachen erzählt. So auch, dass Sie versucht haben, die Schüler vor größerem Übel zu bewahren, indem Sie sie von den Carrows ferngehalten haben …"
"Was keineswegs immer gelungen ist."
"Aber Sie waren gewillt, dadurch ein noch größeres Risiko auf sich zu nehmen."
"Ich habe nur mein Versprechen Albus gegenüber eingehalten."
"Sie winden sich, Professor. Können Sie nicht zugeben, dass Sie Ihren Beitrag geleistet haben, um Harry zu unterstützen?"
"Können Sie es denn? Wie man munkelt, haben Sie der Presse erfolgreich eine Abfuhr nach der anderen erteilt. In einem Artikel haben Sie sich schon die Bezeichnung "Die Unnahbare" eingeheimst. Das ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass andere sich in Ihrem Ruhm sonnen."
"Komisch, gerade eben fing ich an, unser Gespräch unterhaltsam zu finden, bis Sie mit dieser Anspielung auf Harry ankamen. Vielleicht war ich zu voreilig, Professor. Sie werden sich nie ändern. Dabei haben wir alle uns jahrelang gefragt, was das zwischen Ihnen und Harry zu bedeuten hatte. All diese Vorwürfe, Anschuldigungen und Vorurteile. Jetzt, wo wir wissen, dass es insgeheim um Lily ging, kommt mir der ganze Streit zwischen Ihnen und ihrem Sohn ziemlich albern vor."
Snapes Nasenflügel bebten. So, wie sich seine Haltung versteifte, hatte er Mühe, ruhig zu bleiben. "Sie irren sich, Miss Granger. Es geht keineswegs darum, sondern vielmehr um einen verzogenen, aufsässigen Jungen, der seine ganze Jugend damit verbracht hat, darüber zu klagen, wie unfair alles ist. Außerdem sollen Sie selbst ziemlich in der Klemme stecken. Bedauerlich, bei Ihrem Potential ausgerechnet an Potter und Weasley zu geraten."
Jetzt war Hermine es, die sich versteifte. "Harry und ich, wir sind nur Freunde. Das Gerücht, dass wir etwas miteinander hätten, ist seit dem Trimagischen Turnier im Umlauf. Es ist verjährt und absolut lächerlich. Und was Ron angeht ... Sie glauben doch nicht etwa diesen Unsinn, den man in den Klatschspalten lesen kann!"
Er zuckte wie beiläufig mit den Schultern. „Warum nicht?"
„Weil Sie klüger als der Durchschnittszauberer sind."
Ein sanftes Lächeln kräuselte seine dünnen Lippen. „Wenn Sie versuchen, bei mir zu punkten, indem Sie mir Honig um den Mund schmieren, muss ich Sie leider enttäuschen, Granger. Das wird bei mir nicht funktionieren."
„Wie Sie meinen. Ich habe ohnehin genug. Wir haben mehr gesagt, als gesagt werden sollte. Mehr habe ich dem nicht mehr hinzuzufügen. Außerdem ist es besser, zu den anderen zurückzugehen, ehe Sie noch einen Suchtrupp nach mir aussenden."
„Ah, verstehe", entgegnete er mit einer abfälligen Geste zum Fuchsbau hinunter, fast so als würde er damit andeuten wollen, dass offensichtlich war, dass sie unter der Fuchtel der Weasleys stand. „Bemühen Sie sich nicht. Ich sollte mich selbst auf den Weg machen. Es ist wichtig, zu wissen, wann es an der Zeit ist, sich zurückzuziehen. Guten Tag, Miss Granger."
