Thorns in my chest

Kapitel 3

„Was bildet dieser Lackaffe sich eigentlich ein? Glaubt er wirklich, wir würden uns von ihm Vorschreiben lassen, was wir zu tun haben? Wenn ich nach Hogwarts gehe, dann tue ich es, ganz gleich, was irgendjemand anders davon hält!"

„Ich kann ohnehin nicht verstehen, wieso du dich mit dem unterhalten hast, Hermine."

„Was hätte ich denn sonst tun sollen?", schnaubte sie zurück.

Harry zuckte mit den Schultern. „Die Beine in die Hand nehmen und davonlaufen."

Mit gerunzelter Stirn sah sie ihn an. „Das ist sehr hilfreich, wirklich."

„Was erwartest du denn von mir? Ich hab nicht gesagt, Hermine, geh da raus und leg dich mit Snape an. Überhaupt ist das Ganze etwas merkwürdig, wenn du mich fragst. Es erinnert mich fast an seine Erinnerung, die ich im Denkarium gesehen habe, als er meiner Mutter nachgestellt hat."

Verwundert ließ Hermine sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen. „Mach darüber keine Witze, Harry. Aber du hast recht, er ist und bleibt sonderbar."

Er nickte matt. „Oh ja."

Hermine stützte den Kopf auf die Hände und dachte nach. Wenn sie wirklich nach Hogwarts zurückkehren würde, würde sie sich wohl oder übel damit arrangieren müssen, Snape wiederzusehen, ob sie das nun wollte oder nicht. Abgesehen davon, dass der Unterricht bei ihm immer die Hölle gewesen war, hatte er durchaus Ahnung von dem, was er tat, wenn man die Vergleiche mit anderen Lehrern in Betracht zog. Seine unangenehme Art jedoch fand sie eindeutig zuwider.

Tief in ihre Gedanken versunken seufzte sie. „Was soll ich nur tun?"

Harry zerwuschelte sich mit der Hand die Haare. „Du musst nicht dorthin zurück. Du kannst dir erst mal eine Auszeit nehmen."

„Ja, schon. Aber ist das das, was ich will? Ich kann mir nicht vorstellen, einfach nur herumzulungern und nichts zu tun, so wie Ron es zur Zeit macht. Das macht mich wahnsinnig. Außerdem fällt mir hier langsam die Decke auf den Kopf, mal abgesehen davon, dass ich irgendwann eine Ausbildung machen und Geld verdienen sollte."

„Mach dir darüber keine Sorgen, Mione, meine Eltern haben mir genug hinterlassen. Nach allem, was du für mich getan hast, wäre es das Mindeste ..."

„Lass das, Harry. Ich weiß, du meinst es gut, aber ich bin keine Söldnerin, die sich von dir bezahlen lassen möchte. Ich habe es getan, weil du mein Freund bist und weil es richtig war, sich Voldemort entgegenzustellen."

„Das weiß ich."

„Gut. Dann hilf mir lieber, meine Entscheidung zu fällen. McGonagall wird langsam ungeduldig. Sie meinte, recht viel länger kann sie das Ministerium nicht mehr hinhalten. Die Frist zur Einschreibung für das neue Schuljahr ist längst verstrichen. Ich verdanke es alleine ihr, dass ich überhaupt noch die Möglichkeit habe, wieder Teil der Schule zu werden – wenn ich nur wüsste, was ich will!" Harry schmunzelte, woraufhin sie den Kopf schief legte. „Was, Harry?"

„Na ja, so wie ich das sehe, weißt du genau, was du willst. Du liebst Hogwarts. Warum wartest du dann noch?"

Sie schnaubte. „Das kann ich dir sagen! Weil Ron mich bitter enttäuscht hat. Und weil ich mir nicht sicher bin, ob ich das nochmal kann, dieses leidige von-vorne-Anfangen. Wir waren ein gutes Jahr lang auf der Flucht und alles hat sich verändert. Alles ..." Sie stockte. „Weißt du, ich bewundere dich, Harry – das tue ich wirklich. Du weißt genau, dass du Auror werden willst. Außerdem finde ich es gut, dass du Ron mitziehst, sonst würde er vermutlich total verkommen. Wenn er nicht so furchtbar faul wäre, dann könnte er so viel mehr aus sich machen. Er ist nicht blöd, sondern nur einfach ein Idiot."

Harry lachte auf. „Hast du ihm das mal gesagt?"

Abwesend schüttelte sie den Kopf. „Nicht in letzter Zeit. Aber irgendwann werde ich es bestimmt tun."

Natürlich war Hermine bewusst, dass niemand ihr die Entscheidung, was sie denn nun aus ihrem Leben machen sollte, abnehmen konnte. Insgeheim sehnte sie sich sogar danach, wieder in Hogwarts zu sein, um endlich einen geregelten Tagesablauf in ihr Dasein zu bringen. Seit Beginn des Krieges hatten sich gehörige Veränderungen eingestellt, die auch jetzt noch deutlich zu spüren waren. Immer wieder durchlebte sie in Albträumen, wie sie von den Greifern gefangen genommen und nach Malfoy Manor gebracht worden war, wo Bellatrix Lestrange sich einen Spaß daraus gemacht hatte, sie zu foltern. Vergessen würde sie diese einschneidenden Erlebnisse wohl nie, doch um nicht verrückt zu werden, musste sie lernen, damit umzugehen. Es musste weitergehen; und da kam die Gelegenheit, Hogwarts am Tag der offenen Tür einen Besuch abzustatten, gerade recht. Vielleicht wäre im Anschluss alles viel klarer und ihr Weg vorbestimmt, wie es auch früher der Fall gewesen war.

Die Reise im eigens für alle Interessierten bereitgestellten Hogwarts-Express war ein Erlebnis für sich. Angehende Erstklässler schnatterten aufgeregt durcheinander, zur Feier der Wiedereröffnung begleitet von ihren Eltern. Hermine erkannte sofort die Muggel unter ihnen und wünschte insgeheim, ihre Eltern hätten die Vorfreude ihrer Tochter und den damit verbundenen Zauber erleben können, der einen mit jedem Kilometer, dem man sich dem Ziel näherte, stärker in den Bann zog. Wie gewohnt kam auch diesmal der Wagen mit den Süßigkeiten an ihrem Abteil vorbei und Hermine, die von Ginny begleitet wurde, bestellte für beide ein kühles Eis. Wehmütig fühlten sich die Mädchen daran erinnert, wie sie damals erste Bekanntschaften mit Gleichgesinnten gemacht hatten. Doch als dann das Schloss in der Ferne auftauchte, war es endgültig um sie geschehen. Hogwarts erstrahlte in neuem Glanz, fast so, als hätte es die große Schlacht, bei der so viel zerstört worden war, nie gegeben. Überdeutlich war die Magie zu spüren, mit der es errichtet und renoviert worden war, ohne dabei der Nostalgie in die Quere zu kommen, die in den ehrwürdigen Mauern steckte.

Der Zug rollte gemächlich und wie zur Erleichterung schnaubend in den Bahnhof von Hogsmeade und kam quietschend zum Stehen - Hermine war zuhause.

xxx

Die Zahl derer, die an diesem Tag durch das Schlossportal strömten, war gewaltig. Vor allem, wenn man bedachte, wie es vor wenigen Monaten zum Ende der Schlacht um Hogwarts bestellt gewesen war. Eine Zeitlang waren sogar ernsthafte Zweifel lautgeworden, ob die Schule wie einst auch diesmal mit Beginn des Septembers wie geplant ihre Pforten öffnen würde.

Im Gegensatz zu den meisten anderen hielt Hermine gemeinsam mit Ginny einen andächtigen Moment lang inne, ehe sie es wagte, ins Innere zu treten. Noch immer hatte sie das berauschende Gefühl im Hinterkopf, das sich eingestellt hatte, als ihr bewusst geworden war, dass der Kampf vorbei und Voldemort besiegt war. Mittlerweile kam es ihr wie ein Wunder vor, dass sie, Harry und Ron unbeschadet aus der Schlacht hervorgegangen waren. Vielleicht war das ein Grund mehr, warum sie das drängende Bedürfnis hatte, endlich die Chance zu ergreifen, ein normales Leben zu führen wie alle anderen in ihrem Alter auch. Ein Leben abseits des berühmten Harry Potter, ein Leben ohne Ron.

Zum ersten Mal überhaupt schien ihr zu dämmern, dass die Zeiten von früher, in denen sie des Nachts heimlich aus den Betten gekrochen und durch das Schloss gewandert waren, für immer hinter ihnen lagen. Mit Beginn der Flucht waren ganz andere Probleme auf sie zugekommen, als dass sie sich damit auseinander gesetzt hätte. Doch nun war das berühmte Trio unweigerlich dabei, sich aufzuspalten, jeder von ihnen musste seinen eigenen Weg finden.

Auf der Exkursion durch die verschiedenen Klassenzimmer fiel Hermine auf, dass auch hier alles so aussah wie früher. Allem Anschein nach hatten sich die am Aufbau beteiligten bemüht, den ursprünglichen Zustand und die jeweils zum Fach passende Atmosphäre in den Unterrichtsräumen wiederherzustellen, die durch den Einzug der Todesser in Hogwarts verlorengegangen waren. Laut schwatzend bogen sie dann auf den Weg zum Labor in den Kerkern ab. Schon aus der Ferne war durch die geöffnete Tür das Blubbern großer Kessel zu hören, die verschiedene Zaubertränke enthielten. Auf den Arbeitstischen waren zur Veranschaulichung Versuchsreihen aufgebaut, bei deren Anblick Hermines Herz umgehend schneller schlug. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit sie sich zuletzt derart lebendig gefühlt hatte. All die Gerüche und Gerätschaften warteten nur darauf, von ihr erforscht zu werden. Und auch sonst war der Andrang der Besucher hier unten beachtlich. Das Rätselraten und die Spekulationen, welcher der Professoren Slughorn und Snape denn nun zukünftig welches Fach unterrichten würde, waren ungebrochen. Vielleicht wollten es sich einige auch einfach nicht nehmen lassen, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass der Mann, der Albus Dumbledore ermordet hatte, noch immer unter den Lebenden war.

Snape selbst war zum Glück nicht zu sehen, dafür ein überaus eifriger Professor Slughorn, der mit vollem Einsatz einen der aufgebauten Versuche erklärte. Als er Hermine und Ginny erblickte, begann er eine seiner üblichen Reden, bei denen natürlich nicht die außerordentlichen Erfolge fehlen durften, die Harry während seines letzten Jahres in Zaubertränke erzielt hatte. Dass er dabei Snapes einstiges Zaubertränkebuch zu Hilfe genommen hatte, wusste von den Anwesenden niemand, abgesehen von den beiden Freundinnen.

Mit einem verstohlenen Blick in den Augen schlichen sie sich davon und suchten in den kühlen Gängen der Kerker das Weite.

"Was glaubst du, ist mit dem Buch im Raum der Wünsche geschehen, nachdem das Feuer in ihm ausgebrochen ist?"

Hermine schüttelte den Kopf. "Ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt noch existiert, Gin."

Etwas Rebellisches legte sich in Ginnys Ausdruck. "Wenn du mit mir gemeinsam nach Hogwarts zurückkehrst, könnten wir es herausfinden, Mione."

"Das ist ein Scherz, oder?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Es wäre total aufregend, das festzustellen."

"Schon möglich, Gin. Aber eigentlich habe ich genug von Abenteuern. Wenn ich zurückkomme, dann nur, um meinen Abschluss zu machen."

Ginny legte kritisch die Stirn in Falten. "Das glaubst du doch selbst nicht! Meinst du, mir ist entgangen, dass dir zuhause bei uns langsam die Decke auf den Kopf fällt?"

Verblüfft blieb Hermine stehen. "Das ist doch gar nicht wahr!"

"So? Da bin ich anderer Meinung: Du langweilst dich."

"Tue ich nicht!", wehrte Hermine vehement ab.

"Und wieso hast du dann einen ganzen Stapel mit Informationsmaterial über Schulen für Hexerei und Zauberei neben deinem Bett liegen? Mir brauchst du jedenfalls nichts vorzumachen."

Seufzend lehnte Hermine sich mit dem Rücken gegen die karge Mauer. "Ist das so offensichtlich?"

Ginny nickte. "Du brauchst wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben, Mione. Es ist verständlich, dass du zweifelst, ob es richtig ist, ausgerechnet Hogwarts auszuwählen, wo mittlerweile jedes Kind deinen Namen kennt. Niemand macht dir Vorwürfe deswegen."

"Niemand außer Ron", berichtigte Hermine schnell. "Mit seiner abweisenden Haltung in den letzten Wochen hat er mir eindeutig zu verstehen gegeben, dass es zwischen uns vorbei ist, bevor es überhaupt erst richtig angefangen hat."

"Ach komm schon! Von dem Griesgram solltest du dir nichts verderben lassen. Er weiß nicht, was er mit sich anfangen soll und das macht ihm schwerer zu schaffen, als er sich eingestehen würde."

"Vermutlich hast du recht. Hoffentlich zieht er wenigstens das Trainingsprogramm durch. Wenn nicht, befürchte ich, steht es schlecht um ihn."

"Harry wird ihm schon zeigen, wo es langgeht."

"Das hoffe ich. Das hoffe ich wirklich."

xxx

Es war nicht leicht, den Weasleys ihre endgültige Entscheidung mitzuteilen, ganz besonders, da alles so kurzfristig ausgefallen war. Doch der Tag der offenen Tür und das Gespräch mit Ginny hatten ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt. Vergessen war die aufwühlende Unterhaltung mit Snape unter der alten Eiche und der Gedanke daran, ihm als Lehrer wieder zu begegnen. Hermine war jung, talentiert und begierig darauf, etwas aus ihren Gaben zu machen. Warum also sollte sie noch länger herumsitzen und darauf warten, dass das Glück sie heimsuchte? Jemand, der so viel durchgestanden hatte und innerlich so gewachsen war, würde auch ohne Ron klarkommen. Außerdem hatte er seine Chance gehabt und sie war es leid, länger von ihm hingehalten zu werden.

Obwohl es im Fuchsbau hin und wieder eng wurde, wusste Hermine sehr wohl, dass sie immer dort willkommen war. Gemeinsam mit Harry war sie von Molly und Arthur mit offenen Armen empfangen worden, als sie nach der Schlacht ein Dach über dem Kopf gesucht hatten. Von Beginn an hatte sie sich davor gescheut, das Haus ihrer Eltern aufzusuchen, ebenso wie Harry es abgelehnt hatte, zu den Dursleys zurückzukehren. Die Wunden, die sie ihm über die Jahre hinweg zugefügt hatten, saßen noch immer tief. Wehmütig nahm sie dann am Tag der Abreise von ihren Freunden Abschied. Der einzige, der sich nicht blicken ließ, war Ron, doch davon wollte sie sich nicht die Vorfreude auf das Schloss nehmen lassen. Ein neues Leben lag vor ihr. Fest davon überzeugt, dass nun alles anders werden würde, entschloss sie sich dazu, sich ihren Tatendrang durch nichts und niemanden trüben zu lassen.

xxx

"Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass du dich mit Snape angelegt hast." Allen guten Vorsätzen und den Festlichkeiten in der Großen Halle zum Trotz konnte Ginny sich nicht länger zurückhalten. Seit sie erfahren hatten, wer sie zukünftig in Zaubertränke unterrichten würde, war ihre gute Laune erheblich gesunken.

"So war das auch gar nicht, Gin. Wenn überhaupt, dann hat er angefangen."

"Das dachte ich mir fast. Trotzdem würde ich gern erfahren, was passiert ist."

Hermine senkte die Stimme, als sie zu erzählen begann, während McGonagall zur Einstimmung auf das neue Schuljahr eine kleine Rede hielt.

Ungläubig schüttelte Ginny den Kopf. "Ist das zu fassen?"

"Dasselbe hab ich mir auch gedacht! Er kann es einfach nicht lassen, Harry aufzuziehen, dabei hasst er es, im Mittelpunkt zu stehen."

"Allerdings. Snape ist immer noch der gleiche, arrogante Sack von früher. Wie kann er nur glauben, Harry würde sich diesen Ruhm wünschen?"

Hermine stöhnte auf. "Warte, es kommt noch besser! Du kennst doch den Artikel, den der Tagesprophet neulich veröffentlicht hat."

"Ja, leider. Obwohl ich mir nicht sicher bin, worauf du hinauswillst. Was hat das mit deiner Auseinandersetzung mit Snape zu tun?"

"Snape hat doch tatsächlich geglaubt, die Gerüchte, die sich um diese vermeintliche Dreiecksbeziehung zwischen Harry, Ron und mir ranken, seien wahr!"

Entsetzt kreischte Ginny mit schriller Stimme auf, sodass sich alle am Tisch zu ihr umdrehten. Schnell setzte sie ein unschuldiges Gesicht auf und räusperte sich. "Das glaub ich nicht!"

"Doch. Genau deswegen finde ich es doppelt übel, dass wir nun ausgerechnet wieder an ihn geraten sind. Bis zuletzt hatte ich gehofft, Slughorn würde Zaubertränke unterrichten."

"Das habe ich auch. Aber leider hatten wir kein Glück ..."

Sie verstummte und Hermine schielte mit finsterem Blick an McGonagall vorbei zu Snape, der stocksteif auf seinem Platz am Lehrertisch hockte und vermutlich ausheckte, wie er seinen Schülern morgen schon das Leben zur Hölle machen konnte. Schnell wurde ihr eines klar: wenn sie geglaubt hatte, dass fortan alles anders werden würde, hatte sie sich gewaltig getäuscht: Es war genauso wie immer.