Thorns in my chest

Kapitel 6

„Nein, Gin! Nie mehr wollte ich dieses Ding anziehen. Du weißt gar nicht, was ich dadurch alles mitgemacht habe! Außerdem kann ich es mir nicht erlauben, die Regeln zu brechen. Und wenn wir Snape tatsächlich folgen würden ..."

Herausfordernd legte Ginny den Kopf schief. "Seit wann hast du Angst davor, die Regeln zu brechen?"

„Hab ich nicht", schnappte sie zurück. „Ich kann nur keinen Ärger mehr gebrauchen, ganz besonders dann nicht, wenn es um Snape geht. Davon hatte ich bereits genug."

"Heißt das also, du kommst nicht mit?"

Hermine stutzte. "Denkst du nicht, Harry würde sich wünschen, dass wir nach all der Aufregung in den letzten Jahren dem Ärger und dem Abenteuer aus dem Weg gehen?"

"Vielleicht. Andererseits würde er nicht zögern, etwas herauszufinden, gerade weil es sich dabei um Snape handelt. Was meinst du, wieso er mir den Tarnumhang gegeben hat? Außerdem wäre es ziemlich aufregend, das zu tun. Weißt du, als Snape noch Schulleiter war, hat er uns immer wieder zur Strafe mit Hagrid in den Wald geschickt. Das war seine Taktik, uns von den Carrows fernzuhalten. Ich bin gespannt, wie es jetzt dort aussieht."

Händeringend, vor allem aber auch, um nicht länger Ginnys Geplapper über ihre Abenteuerlust ertragen zu müssen, stimmte Hermine am Ende zu. Kurz darauf waren beide unter dem Umhang verschwunden und bahnten sich dicht aneinander gedrängt einen Weg durch die verlassenen Gänge des Schlosses. Dass Hermine dabei ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte, hielt Ginny offensichtlich nicht davon ab, wilde Spekulationen über das geheimnisvolle Licht anzustellen, das sie über dem Verbotenen Wald ausgemacht hatte. Jedenfalls scheute sie nicht davor zurück, ihrer Freundin davon zu erzählen. Als sie dann das Eingangsportal passierten, drückten sie sich im Schatten der Dunkelheit an die Mauer des Schlosses und nahmen den Tarnumhang ab. Hermine war inzwischen fix und fertig mit ihren Nerven.

„Hör zu, Gin, wenn du willst, dass ich weiterhin mit dir komme, musst du aufhören, so viel zu reden. Ich kann ja verstehen, dass du aufgeregt bist. Mir ging es schließlich nicht anders, als ich früher mit Harry und Ron losgezogen bin, um Geheimnisse zu lüften, doch jetzt ist nicht der geeignete Zeitpunkt dafür, erwischt zu werden."

Ginny seufzte theatralisch. „Meinetwegen. Wenn du darauf bestehst, werde ich die Klappe halten."

„Danke." Erleichtert holte sie Luft und spähte in die Dunkelheit. „Wenn wir Snape folgen wollen, sollten wir einen Aufspürzauber verwenden, was meinst du?"

Ginny zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, du hast mir ja verboten, was zu sagen."

Ohne weiter darauf einzugehen, machte Hermine sich ans Werk, sodass sie nahezu mühelos den Weg durch den Wald finden konnten, den der Professor zweifelsohne gewählt haben musste.

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„Warum hier, Lucius? Du weißt, dass der Wald nicht sicher ist. Außerdem haben zwei der Schülerinnen mitbekommen, dass du dort draußen ein kleines Feuerwerk veranstaltet hast. Das war nicht sonderlich geschickt von dir."

„Vielleicht hast du deine Leute nicht mehr so im Griff wie früher", bemerkte der Blonde süffisant. „Mir scheint überhaupt, dass du etwas außer Form bist, Severus."

Mit klopfendem Herzen kauerten die beiden Freundinnen im Schutz eines Baumes und belauschten das Gespräch zwischen den Männern, die es allem Anschein nach gewohnt waren, in einem rauen Ton miteinander zu sprechen. Ein Grund mehr, vorsichtig zu sein. Während Malfoy herablassend lächelte, studierte Snape genau jede seiner Regungen, fast so, als würde er sich bereit machen, jeden Moment seinen Zauberstab zum Einsatz kommen zu lassen. Schon nach kurzer Zeit hatte Hermine das ungute Gefühl, dass sie besser nicht hierher hätten kommen sollen. Und das, obwohl sie wieder unter dem Tarnumhang verborgen und nicht zu sehen waren.

Lucius' Kommentar war nicht spurlos an Snape vorübergegangen, denn schon zog dieser die Brauen zusammen. „Was willst du, Lucius? Mach schnell, ich habe nicht die ganze Nacht Zeit, mir dein Gejammer anzuhören."

Abwehrend hob Malfoy die Hände. „Schön. Es gibt für alles eine Erklärung. Ich hasse die Natur. Denkst du etwa, ich bin freiwillig hierher gekommen? McGonagall würde mich in der Schule niemals empfangen. Sie hat alles nur Erdenkliche getan, um mir den Zutritt zu verweigern."

„Erspar mir das. Was willst du?"

„Wir müssen reden. Ist das so ungewöhnlich?"

„Gut, dann tu es jetzt. Obwohl ich nicht wüsste, was wir zu bereden haben."

„Bitte! Mir kannst du nichts vormachen. Wir wissen beide, dass das nur ein Vorwand ist."

Langsam, mit einem schmerzvollen Ausdruck auf dem Gesicht, rollte er seinen linken Ärmel zurück. Hermine hielt den Atem an, als ihr bewusst wurde, worum es ging. Ebenso gebannt wie Ginny versuchte sie, einen Blick auf das zu erhaschen, was der Blonde ihrem Professor zu zeigen hatte.

„Und? Siehst du jetzt, was ich meine, Severus?", fragte Malfoy gehässig.

Snape blickte gefühlskalt auf die Stelle, an der üblicherweise das Dunkle Mal der Todesser zu sehen gewesen war. Doch was auf Lucius's Arm zum Vorschein kam, wirkte mehr als eigenartig: Es war ein verblasster Totenschädel, um den sich die schemenhaften Überreste einer Schlange rankten.

„Ich würde sagen, im Gegensatz zu deinem hier, sieht meines sehr versöhnlich aus", sagte er mit nahezu unbeweglichen Lippen.

Malfoy knurrt unliebsam. „Das dachte ich mir. Wie hast du es nur geschafft, deinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und dich dabei derart ins Rampenlicht zu setzen?"

„Das war keinesfalls meine Absicht", antwortete Snape abwertend. „Aber wie üblich hat Potter es auch diesmal geschafft, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken."

„Womit er dir den Weg in dein altes Leben freigehalten hat, während die übrigen von uns noch immer mit den Folgen seines Dahinscheidens zu kämpfen haben."

Snape funkelte ihn an. Ihm schien gar nicht zu gefallen, was Malfoy gesagt hatte. „Ich bin seinetwegen gestorben, Lucius. Sag also nicht, ich hätte leichtes Spiel gehabt."

„Genau das ist ja das, was ich nicht verstehe! Du bist gestorben und lebst immer noch. Du hast nicht nur das Mal verloren, sondern auch seinen Ruf. Nicht wahr? Ich hingegen spüre noch immer deutlich seine Gegenwart. Es ist wie ein Fluch. Er scheint nach mir zu rufen, mit mir zu reden, obwohl es unmöglich ist. Ich spüre es im Schlaf, es nimmt mir die Luft ..."

Selbst der Professor wirkte einen Moment lang verunsichert, ehe er seine altgewohnte Form zurückerlangte und mit herablassender Miene antwortete: „Das ist bestimmt nur eine vorübergehende Erscheinung. Mit Sicherheit wird sich das legen."

Lucius funkelte ihn an. „Das glaubst du doch selbst nicht! Und jetzt sag mir endlich, was das zu bedeuten hat!"

Auf Snapes Gesicht tauchte ein süffisantes Grinsen auf. „Wieso kommst du damit ausgerechnet zu mir? Hast du unter den anderen niemanden gefunden, der dir weiterhelfen konnte?"

Malfoy schluckte und bedeckte schnell wieder seinen Arm. „Du weißt genau, dass fast alle in Askaban einsitzen. Also, wie hast du es angestellt, Severus? Sag schon! Wie bist du ihn losgeworden? Und wie hast du es überlebt? Oder hast du deinen Tod am Ende nur vorgetäuscht?"

„Wenn ich das hätte, würde mein Arm sich genauso anfühlen wie deiner", antwortete Snape kühl.

„Dann sag mir, was ich tun muss! Ich bin es leid, von einem Geist heimgesucht zu werden, der wie ein tonnenschwerer Stein auf meiner Brust sitzt und mich zu erdrücken droht."

Snape schnaubte abfällig. „Deshalb bist du hergekommen, nicht wahr? Weil du wusstest, dass ich der Einzige bin, der dir helfen kann. Der Einzige, der mehr über die Dunklen Künste weiß, als alle anderen zusammen."

Es wurde still. Keiner der Männer sagte mehr ein Wort. Abgeschlagen senkte Malfoy den Kopf, während Snape sich mit einem Ausdruck der Gelassenheit auf dem Gesicht gegen einen Baum lehnte.

„Ich bin gestorben, Lucius. Deshalb steht es um mich anders. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Malfoy blinzelte verunsichert. „Du lügst! Genauso, wie du es immer getan hast. Waren wir nicht Freunde, Severus? Haben wir nicht zusammen gestanden und Seite an Seite gekämpft?"

„Das ist lange her."

„Das glaubst du doch selbst nicht!"

„Nein?", fragte Snape und klang mit einem Mal sehr amüsiert dabei. „Es ist genau das, was du in den Zeitungen lesen kannst."

Der Blonde schüttelte den Kopf. „Lass den Unsinn. Wir wissen beide, dass du die Gunst der Stunde nutzen musstest, genauso wie wir alle es getan hätten, wenn wir die Gelegenheit gehabt hätten."

Snape antwortete nicht, doch Hermine war sich fast sicher, dass er am liebsten etwas dagegen eingewendet hätte.

„Also", fuhr Malfoy fast schon gekränkt fort. „Wenn du mir nicht helfen willst, wird es dich vielleicht interessieren, zu hören, dass Draco ungemein froh war, es loszuhaben."

Der Professor schnaubte mit einem Ausdruck purer Belustigung in den funkelnden Augen. "Das wundert mich nicht. Er wäre niemals in der Lage gewesen, die Aufgaben zu erfüllen, die der Dunkle Lord ihm aufgetragen hätte."

"Das sagst du doch bloß, weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass du ihm seinen Einstand ruiniert hast."

"Glaubst du?"

"Ja, das tue ich. Ich kenne dich, Severus. Du magst die anderen täuschen können, mich jedoch nicht. Deine drollige Liebesgeschichte hat Potter berührt. Mich hingegen kannst du damit nicht um den Finger wickeln. Du warst einer von uns und hast es genossen, dazuzugehören."

Snape verzog die Mundwinkel. "Vorsicht, Lucius. Du hast mich hierher bestellt. Also, da bin ich. Wenn du es jedoch darauf anlegen solltest, mich zu verärgern, wirst du mich so schnell nicht wiedersehen."

Sichtlich angespannt wehrte Malfoy ab. "Schön, schön. Ich wollte dich eigentlich nur bitten, mit dem Jungen zu reden. Seit geraumer Zeit schon geht er mir aus dem Weg. Es ist, als hätte ich jeglichen Zugang zu ihm verloren."

"Das hast du bereits, seit du angefangen hast, ihn da mit hineinzuziehen", kommentierte Snape ungerührt.

"Weshalb du ins Spiel kommst."

"Ah, lass mich raten, Lucius", sagte Snape zähneknirschend. "Geht es darum, dass ich wieder einmal meinen Kopf hinhalten soll, weil du unfähig bist, dich um ihn zu kümmern?"

"Du warst sein Lehrer, nicht ich."

Snapes Haltung versteifte sich schlagartig. "Worauf willst du hinaus?"

"Darauf, dass er jahrelang unter deiner Obhut stand, während ich ihn bestenfalls an den Feiertagen und in den Sommerferien zu Gesicht bekommen habe."

"Fang nicht wieder damit an. Du hast ihm vorgeschwärmt, wie auserwählt wir waren, weil wir das Mal hatten. Du hast ihn zu stark unter Druck gesetzt. Einen Druck, dem er nicht standhalten konnte ..."

"Hättest du dich nur nicht eingemischt und ihm noch etwas mehr Zeit gegeben, dann wäre alles so gekommen, wie beabsichtigt."

"Zeit, die ich nicht hatte", murmelte Snape abwesend. Dann schüttelte er den Kopf. "Er hatte seine Chance. Dumbledore wusste, dass er nicht dazu in der Lage war, die Aufgabe zu erfüllen."

"Er war dazu bestimmt ..."

"Wir waren nur wertlose Laufburschen, die seine Drecksarbeit machen durften. Wann begreifst du es endlich?"

"Wir waren seine Elite, Severus."

Snape starrte ihn einen Moment lang abschätzig an. Dann schüttelte er erneut den Kopf, wobei er mit einem Mal sehr resigniert wirkte. "Ich geb's auf. Du wirst dich nie ändern. Kein Wunder, dass er dir aus dem Weg geht."

In diesem Augenblick wurde Hermine klar, dass es an der Zeit war, den Rückweg ins Schloss anzutreten, wenn sie noch vor Snape dort ankommen wollten. Außerdem hatte sie genug gesehen und gehört, das ihr Kopfzerbrechen bereitete. Noch länger zu bleiben, wäre ein unnötiges Risiko gewesen, das sie auf keinen Fall eingehen wollte. Sie wusste, dass die beiden Männer als Todesser gelernt hatten, auf ihre ganz eigene Art zu reisen. Jede Minute, die sie mit Ginny hier vergeudete, würde Snape einen Vorsprung verschaffen. Und so, wie der dreinblickte, würde es nicht mehr lange dauern, bis er genug von Dracos Vater hatte.

Fest entschlossen, sich nicht noch einmal von ihm auf dem falschen Fuß erwischen und fertigmachen zu lassen, zupfte sie Ginny am Ärmel ihres Sweaters und gab ihr zu verstehen, dass sie endlich verschwinden sollten.