Thorns in my chest

Kapitel 7

Snape horchte auf, als er im Gebüsch hinter sich etwas rascheln hörte. Ihm behagte der Wald nicht sonderlich.

Lucius jedoch schien andere Sorgen zu haben. Er wirkte keinesfalls so, als würde er Snapes Befürchtungen, entdeckt zu werden, teilen. „Wie immer auf der Hut, mein Freund, nicht wahr?"

Ein gefährliches Funkeln durchzog Snapes Augen. „Du solltest gehen. Richte Narcissa meine Grüße aus."

Energisch machte der Blonde einen Schritt auf den Professor zu und packte ihn am Ärmel seiner nachtschwarzen Robe. "Sag mir noch eins! Wie war es, Severus? Als du wusstest, dass du sterben würdest?"

Der Professor zögerte einen Moment, ehe er antwortete. Warum machte er sich überhaupt noch die Mühe, sich mit den Malfoys abzugeben? Verbittert und vereinsamt wie er war, konnte er gut auf ihre Gesellschaft verzichten. Dennoch spürte er, dass sie mehr miteinander verband, als ihm lieb war. Lucius hatte Recht: Er war eine Art Freund für ihn gewesen; vielleicht war er es noch, denn viel Auswahl hatte er diesbezüglich nie gehabt.

„Es kam plötzlich, Lucius. Aber dann, als Sekunde um Sekunde verstrich, zog das Leben an mir vorüber und mir war sonnenklar, dass es bald vorbei sein würde. Im Grunde genommen hat er mir damit sogar einen Gefallen getan."

„Und trotzdem bist du immer noch hier", murmelte Malfoy hochnäsig.

„Jeder von uns hat sich auf seine Weise seine Freiheit erkauft. Auch du, Narcissa und Draco."

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"Wir hätten das nicht tun sollen, Gin. Ich habe genug davon, über irgendetwas Bescheid zu wissen, was mich früher oder später in Schwierigkeiten bringen könnte."

"Is ja gut! Reg dich ab, so schlimm war es doch gar nicht."

"Ach nein? Hast du Malfoys Arm gesehen? Und dann noch Snapes Kommentar dazu! Das besagt doch eindeutig, dass da etwas faul an der Sache ist."

"Du interpretierst wie immer zu viel hinein, das ist alles."

„Glaube ich nicht. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass noch immer Todesser frei herumlaufen, die eigentlich längst in Askaban sitzen sollten. Gut. Dass Lucius es geschafft hat, auf freiem Fuß zu bleiben, ist nicht weiter verwunderlich. Er besitzt Geld wie Heu und hat es immer verstanden, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen ..."

„Nicht ganz. Er war bereits in Askaban, wenn du dich erinnerst."

„Schon. Aber jetzt ist er frei. Und was ist mit all den anderen? Wie viele von denen gibt es überhaupt noch?"

Ginny zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Aber wenn du mich fragst, ist das eine Angelegenheit für die Auroren. Die wissen, was sie tun. Und jetzt beruhig dich erst mal. Wenn du so nervös bist, merkt doch gleich jeder, dass wir was ausgefressen haben."

Nur widerwillig sah Hermine ein, dass Ginny recht hatte. Die Frage, die sich ihr jedoch unweigerlich stellte, war, wie sie es anstellen sollte, das, was sie gesehen und gehört hatte, zu verdrängen. Als dann auch noch Hagrid im hell erleuchteten Türrahmen seiner Hütte auftauchte, war Hermine sich fast sicher, dass ihre kleine Exkursion in den Wald kein gutes Ende nehmen würde. In Gedanken sah sie sich schon in Snapes Büro sitzen, wo er ihr mit einem hämischen Grinsen auf dem Gesicht Nachhilfestunden aufbrummte.

„Was sollen wir denn jetzt machen?", fragte Hermine gereizt. „Wenn wir uns nicht beeilen, holt Snape uns bestimmt noch ein."

„Wir hätten einfach den Umhang aufbehalten sollen."

„Das sagst du so leicht! Es ist eben nicht mehr so einfach wie früher, zu zweit darunter vorwärtszukommen. Außerdem ist es dafür zu spät. Er hat uns längst gesehen."

„Dann tun wir eben so, als ob nichts weiter geschehen wäre. Hagrid wird uns schon nicht auffliegen lassen."

„Das werden wir noch sehen", knurrte Hermine wenig überzeugt zurück.

Schnell zwang sie sich zu einem Lächeln und begrüßte den Halbriesen, der alles andere als freudig wirkte, die beiden zu so später Stunde aus dem Wald kommen zu sehen. Doch damit nicht genug. Vor allem, als er hörte, dass Snape im Spiel war, kochten die Emotionen hoch.

"Verdamm mich! Da seit ihr gerade mal n' paar Tage hier und habt schon wieder Ärger mit Snape am Hals."

Hermine biss sich schmerzhaft auf die Lippe. Eine Standpauke hatte ihr zu ihrem schlechten Gewissen gerade noch gefehlt. Hilfesuchend wandte sie sich an Ginny, doch auch die wirkte ratlos. Und so versuchte sie es kurzerhand mit der Wahrheit.

"Hagrid, das tut mir alles sehr leid, aber wir sollten so schnell wie möglich gehen, bevor alles noch schlimmer wird ..."

„Das könnte euch so passen! Ihr könnt nicht einfach wieder nach Hogwarts gehen und Unsinn machen ... Wie is das überhaupt passiert?"

Hermine stutzte. „Dasselbe könnten wir dich fragen. Auf dem Weg in den Wald war alles noch stockdunkel hier. Was machst du nur um diese Zeit?"

"Was wohl! Wache halten natürlich. Der Alarm am großen Tor wurde ausgelöst."

"Alarm?", fragten die beiden Freundinnen wie aus einem Munde.

Hagrid beäugte sie prüfend. "Ja. Oder dachtet ihr vielleicht, jetzt, wo Du-weißt-schon-wer nicht mehr lebt, gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen mehr?"

Hermine war aus verschiedenen Gründen nicht so überzeugt davon, ob Hagrid geeignet dafür war, das Schloss zu bewachen. Andererseits war ihr aber auch bewusst, dass sie und Ginny großes Glück gehabt hatten, dass niemand sonst sie heute Nacht erwischt hatte.

"Na, jetzt weiß ich ja, dass ihr den Alarm ausgelöst habt ..."

Hermine und Ginny sahen sich an. "Wo sagtest du nochmal, ging der los?"

"Am Tor, Richtung Hogsmeade."

Schnell schüttelte Hermine den Kopf. "Wir waren nicht in Hogsmeade, Hagrid. Wir waren im Verbotenen Wald, weil ich zuvor von einem der Fenster aus Lichtblitze gesehen habe und wir gerätselt haben, was es damit auf sich hat. Im Wald stellte sich dann heraus, dass Malfoy unbedingt mit Snape reden wollte. Bestimmt war es Dracos Vater, der versucht hat, ins Schloss zu kommen."

Als Hagrid sich endlich halbwegs wieder beruhigt hatte, eilten Hermine und Ginny davon, ehe er auf die Idee kommen konnte, sie noch länger aufzuhalten. Atemlos erreichten sie den Gemeinschaftsraum und kletterten durch das Portraitloch der Fetten Dame. Erst als sie dann in ihren Betten lagen, war Hermine sich sicher, Snape für dieses Mal entkommen zu sein. Das unangenehme Gefühl jedoch, wieder einmal etwas Geheimnisvollem auf die Spur gekommen zu sein, wollte nicht weichen. Und so fiel sie in einen unruhigen Schlaf, stets daran erinnert, wie es sich früher mit Harry zugetragen hatte.

Auch am nächsten Morgen war es nicht viel besser. Verbissen bemühte sie sich, nicht zum Lehrertisch hochzuschauen, an dem sie Snape ausgemacht hatte. Wie sie es schaffen sollte, ihn im Unterricht zu ertragen, ohne sich dabei zu verraten, blieb dahingestellt. Fest stand, je auffälliger sie sich verhielt, umso größer war die Gefahr, aufzufliegen. Der Professor war schließlich bekannt dafür, den richtigen Riecher zu haben, wenn es darum ging, Ärger aufzuspüren. Wild entschlossen, dem entgegenzuwirken, verwendete Hermine all ihre Energie darauf, im Unterricht ihr Bestes zu geben. Und so war die nächtliche Wanderung durch den Verbotenen Wald bald in den Hintergrund gerückt. Selbst die Gespräche zwischen Snape und Malfoy verloren an Bedeutung, bis Hermine völlig überraschend von Harry besucht wurde, mit dem sie sich in enger Vertrautheit in die Bibliothek zurückzog, um die neuesten Vorkommnisse auszutauschen.

„Ginny hat mir alles über euren kleinen Ausflug erzählt", gestand er besorgt.

Hermines Reaktion darauf war eher verhalten. Seit den Erlebnissen in jener Nacht war sie nicht ganz so gut auf Ginny zu sprechen. "Verstehe."

Harry runzelte die Stirn, ohne weiter darauf einzugehen. Im Laufe der Jahre hatte er sich daran gewöhnt, Hermine nicht zu sehr unter Druck zu setzen, wenn sie persönliche Dinge nicht vertiefen wollte. „Und, wie machen sich die Neuzugänge in deiner Klasse so?", fragte er stattdessen.

"Ach, weißt du, die meisten sind ganz okay. Am Anfang hatte ich natürlich Bedenken, dass sie nur nach Hogwarts gekommen sind, weil wir wegen dir und deinem Sieg über Voldemort berühmt geworden sind. Mittlerweile aber glaube ich, dass sie einfach nur, wie ich auch, den Abschluss machen wollen."

"Das klingt doch schon mal sehr vielversprechend."

"Ja, tut es."

"Mehr hast du nicht dazu zu sagen?"

Hermine seufzte. Auch dann, wenn sie am Anfang alles getan hatte, um es zu ignorieren, so konnte sie jetzt nicht länger darüber hinwegsehen, dass ihre Freunde sich aufrichtig um sie sorgten.

"Hör zu, Harry, ich finde es wirklich lieb von dir und Ginny, dass ihr euch so ins Zeug legt, um mir über die Enttäuschung mit Ron hinwegzuhelfen, aber das ist nicht nötig. Wenn du vorhast, zu fragen, ob ich an irgendeinem von meinen Klassenkameraden interessiert bin, muss ich dich leider enttäuschen. Ich glaube nicht, dass ich viel mit denen anfangen könnte. Weder auf freundschaftlicher Basis, noch in Bezug auf Gefühle. Du kennst mich. Ich will nichts überstürzen, was das angeht. Außerdem ist es ja auch nicht gerade so, dass ich unbedingt auf der Suche nach einem Partner bin. Ich bin zufrieden, wenn ich mich vorerst mal nur auf die Schule konzentrieren kann. Das mit Ron ist zwar traurig, aber was soll's! Das Leben geht weiter. Und alles andere kann warten."

Harry zuckte mit den Schultern. "Schon klar, Mione. Es ist ja auch nicht so, dass wir dich unbedingt verkuppeln wollen ..."

"Nein. Ihr wollt mich nur beschäftigen, damit ich nicht dazu komme, an Ron zu denken."

Entschuldigend grinste er sie an. "Ist das so offensichtlich?"

Hermine nickte kommentarlos.

"Na, wie es aussieht, hatten wir Erfolg damit. Du klingst wesentlich gelassener als bei meinem letzten Besuch."

„Kann sein", entgegnete sie passiv. „Ich weiß nicht, wie das weitergeht. Aber erst mal ist Ron mir egal. Er hat sich schließlich auch nicht darum gekümmert, was aus uns wird."

Nachdem Harry gegangen war, kam es ihr eigenartig vor, dass sie so etwas gesagt hatte. Ganz der Wahrheit entsprach es wohl nicht. Vielmehr bemerkte sie, dass in ihrer Reaktion auf Ron der Trotz zum Vorschein kam. Vorerst jedoch wollte sie nicht dagegen ankämpfen. Die angestaute Wut auf ihren Freund zum Ausdruck zu bringen, war genau das, was sie brauchte, um wieder klar denken zu können, denn nichts war schlimmer als dieser ewige Kummer.

Am Ende der Woche zeigte sich dann, dass ihre Bemühungen Erfolg gehabt hatten. Zufrieden mit sich selbst und ihren Leistungen, war Hermine die erste Schülerin, die den Aufsatz zum theoretischen Teil in Zaubertränke fertiggestellt hatte, den Snape ihnen aufgegeben hatte.

Beschwingt verließ sie den Gemeinschaftsraum und machte sich auf den Weg in die Kerker, um ihn dort wie gefordert abzugeben. Erst als sie dabei auf Snape traf, dämmerte ihr, dass es keinesfalls so leicht war, mit dem umzugehen, was sie gemeinsam mit Ginny in Erfahrung gebracht hatte. Schnell hatte er einen Grund gefunden, sie wie üblich in eine Falle laufen zu lassen, wobei Hermine sich mehr und mehr in Ausreden verstrickte, um von ihrem heimlichen Trip in den Verbotenen Wald abzulenken. Am Ende hatte er sie sprichwörtlich soweit in die Ecke gedrängt, dass sie alles gestehen musste.

"Ich weiß, dass es falsch war, Sir. Das müssen Sie mir glauben! Die ganze Zeit über hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei."

"Trotzdem haben Sie es getan", stellte Snape eisig klar.

"Ja."

„Setzen, Granger."

Hermine gehorchte mit einem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend. Jetzt, da war sie sich sicher, würde er sie nicht mehr so ohne Weiteres ziehen lassen.

Abschätzig blickte der Professor zwischen seinen langen Strähnen hindurch auf die junge Frau hinab und schien auf eine Erklärung von ihr zu warten, ganz so, wie es früher der Fall gewesen war, wenn sie versucht hatte, sich, Harry und Ron herauszureden. Hermine jedoch wusste nicht, was sie weiter sagen sollte. Eine Erklärung hatte sie nicht; jedenfalls keine, die in seinen Augen einen Sinn ergeben hätte. Wie sollte sie das auch rechtfertigen? Seit jeher war es den Schülern verboten, den Wald unerlaubt aufzusuchen. Sie war auch kein kleines, neugieriges Mädchen mehr, das sich und der Welt etwas beweisen musste. Sie war erwachsen. Und das setzte doch voraus, sich nicht von anderen zu einer Dummheit hinreißen zu lassen. Oder etwa nicht?

Snape atmete tief und langanhaltend aus. "Schön. Wie ich sehe, kommen wir so nicht weiter, Granger. Dass der Vorfall eine Bestrafung nach sich ziehen wird, dürfte wohl klar sein. Am besten, Sie kommen gleich mit mir mit."

Hermine traute ihren Ohren kaum. "Was?"

"Sie haben richtig gehört. Ihr Verhalten war alles andere als das, was man als harmlos bezeichnen könnte. In diesem Wald lauern unermessliche Gefahren, wie Sie wissen."

"Ja, es tut mir auch leid. Aber können Sie nicht einmal eine Ausnahme machen und es dabei belassen? Ich verspreche Ihnen, niemandem davon zu erzählen, was ich gesehen oder gehört habe. Sie haben mein Wort."

Die Frage, so dreist sie auch klingen mochte, hing einen Moment lang in der Luft, fast so, als hätte seit geraumer Zeit niemand mehr gewagt, Snape mit so etwas zu konfrontieren.

"Wieso sollte ich das tun? Etwa, weil Sie in der Vergangenheit aufgrund von Potter besondere Vorzüge genossen haben?"

"Nein. Ich bin nicht so einfältig, dass ich glaube, Sie würden mich anders als alle anderen behandeln."

"Gut. Dann hören Sie auf, mich für dumm verkaufen zu wollen. Rein zufällig habe ich eine Aufgabe zu erledigen. Und Sie werden mir dabei helfen."

Hermine schluckte mit trockener Kehle. "Ich?" Was auch immer das zu bedeuten hatte, war ihr nicht geheuer.

"Ihr Hunger nach Abenteuern kommt mir sehr gelegen. Er bietet sich quasi an. Außerdem wäre das eine hervorragende Idee, zu zeigen, was in Ihnen steckt. Also, worauf warten wir noch?"

Mit einem auffordernden Blick deutete er in die Richtung der Tür, die auf den Gang hinausführte.

Ungläubig starrte Hermine ihn an. "Das ist doch wohl ein Scherz! Jetzt gleich?"

Snape nickte knapp. „Nach Ihnen, Granger. Und bemühen Sie sich nicht, zu trödeln. Es könnte ohnehin spät werden ..."

Hermine fehlten die Worte. „Wo wollen Sie mit mir hin?", brachte sie gequält hervor.

„Das hängt ganz davon ab."

Ein Anflug von Angst machte sich in ihr breit. Was, wenn er mit ihr gemeinsam die schützenden Mauern von Hogwarts verlassen würde? Woher sollte sie wissen, was in ihm vorging? Oder was er vorhatte? Was, wenn er die Situation, mit ihr allein zu sein, schamlos zu etwas ausnutzen würde, was sie nicht wollen würde? Nur mühsam konnte sie sich beherrschen, nicht in Panik zu verfallen, als sie antwortete. „Hören Sie, ich weiß, dass Ihnen das vermutlich total egal ist, aber ich bitte Sie inständig, es sich noch einmal zu überlegen. Im Gegenzug wäre ich bereit, etwaige angefallene Arbeiten im Labor für Sie zu übernehmen. Tun Sie sich keinen Zwang an, mich mit Aufgaben zu überhäufen, Professor. Ich weiß, dass ich es nicht anders verdient habe. Und ich weiß auch, dass es hier unten immer Arbeit gibt …"

Snape kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Ihr Angebot klingt verlockend, Granger. Ganz besonders, da Sie neulich ein derartiges Unheil über diese Räumlichkeiten gebracht haben. Doch leider muss ich ablehnen. Bedaure."

Angespannt wartete Hermine auf eine weitere Reaktion seinerseits, die ihr zeigen konnte, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum war. Um nichts auf der Welt wollte sie mit Snape eine seiner krummen Dinger erledigen - schon gar nicht mit ihm alleine. Doch wieder einmal sollte es dauern, bis er sich dazu herabließ, eine Erklärung für alles abzuliefern.

"Spüre ich da etwa Zweifel an der Lust auf eine kleine Herausforderung?", fragte er kühl. "Sie sind doch sonst nicht so zurückhaltend, wenn es darum geht, ein Abenteuer zu suchen."

Entgeistert blinzelte sie ihn an. "Da täuschen Sie sich. Ich habe wirklich genug von Abenteuern."

Snape zog gelassen die Brauen in die Höhe. "Wirklich? Warum haben Sie mir dann hinterher spioniert?"

"Ich ..." Hermine stockte. Obwohl sie immer noch eine gewisse Wut auf Ginny verspürte, weil sie sie dazu angestiftet hatte, brachte sie es nicht übers Herz, sie bei Snape anzukreiden. "Sie haben Recht mit dem, was Sie neulich gesagt haben, Sir. Es fällt mir schwer, meine alten Gewohnheiten abzulegen. Die Zeit, die ich mit Harry an Hogwarts verbracht habe, war etwas Besonderes. Wir haben viel zusammen durchgemacht. Das fehlt mir jetzt."

Auf Snapes Gesicht tauchte ein schiefes Lächeln auf. "Wie rührend. Nur leider nicht von Belang."

Hermine biss sich auf die Lippe. Es war zwecklos, so etwas wie Verständnis von ihm zu erwarten.

"Und jetzt, Sir? Wie stellen Sie sich das vor? Ich muss noch meine anderen Hausaufgaben machen ..."

"Das können Sie auch später tun. Sie haben die ganze Nacht dafür, vorausgesetzt, wir werden Erfolg haben. Vor allem aber kann ich so sicher gehen, dass Sie mir nicht wieder hinterher spionieren."

Verunsichert überlegte Hermine, ob sie ihm trauen konnte. Früher hätte sie das unter diesen Umständen nicht für möglich gehalten, doch jetzt war sie sich sicher, dass Snape wusste, was er tat. Auch dann, wenn ihr der Sinn hinter seinem Vorhaben verborgen blieb.

„Darf ich wenigstens erfahren, worum es bei dieser Aufgabe geht? Wenn ich schon mit Ihnen komme, habe ich doch ein Recht, zu wissen, worauf ich mich einlasse."

Wie zu erwarten gewesen war, reagierte Snape zurückhaltend auf ihre Forderung. „Es gibt noch mehr als das, was Sie belauscht haben, Miss Granger. Mehr, das Sie nicht wissen."

„Ach ja? Das ist wirklich sehr beruhigend", gab sie mit deutlichem Sarkasmus zurück. Endlich regte sich so etwas wie Kampfgeist in ihr. Wenn sie schon gezwungen wurde, sich auf ihn einzulassen, dann wollte sie nicht widerstandslos dabei untergehen. „Und weiter?"

„Ich wüsste nicht, wieso ich Ihnen das sagen sollte", kommentierte er ungerührt.

Hermine überlegte. Sich auf eine Abmachung mit Snape einzulassen, konnte gefährlich sein. In Anbetracht der Umstände jedoch sah sie es als durchaus angemessen an, ihr Glück zu versuchen.

„Einverstanden. Ich bin bereit, mit Ihnen zu kommen, wenn Sie mir versichern, dass Sie nichts Unerlaubtes im Sinn haben."

Ein kaum merkliches Lächeln zierte plötzlich seine Mundwinkel. „Das ist unmöglich, Granger. Sie kennen meinen Beruf."

„Das bleibt dahingestellt. Ihre Arbeitsweise ist mir nach wie vor schleierhaft. Es dürfte also nicht zu viel verlangt sein, Sie zu bitten, mir zu sagen, was Sie vorhaben."

Fast schon flehentlich blickte sie ihn an, da wippte er auf einmal mit dem Kopf.

„Also gut, Granger. Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Sie haben nichts vor mir zu befürchten. Doch das heißt noch lange nicht, dass dies ein Freifahrtschein für Ihr Verhalten ist. Haben wir uns da verstanden?"

Hermine nickte abwesend. Mehr konnte sie von ihm wohl kaum erwarten. Snape zögerte auch nicht lange und erhob sich aus seinem Stuhl. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, beobachtete sie, wie er seinen Umhang von einem Haken an der Tür nahm und sich hinein schälte. Dann stand er vor ihr.

„Nun, wie Sie wissen, existieren Gerüchte über eine Vielzahl an Anhängern, die sich im Laufe der Jahre auf die Seite des Dunklen Lords gestellt haben. Während der Schlacht konnten Sie neben den bereits bekannten Todessern auch andere seiner Anhänger kennenlernen. Und wie Sie auch wissen, sollen nach wie vor etliche dieser Gestalten auf freiem Fuß sein."

„Sie meinen, so wie die Riesen und die Spinnen, die uns in den Rücken gefallen sind?"

Snape spannte seine Kiefer an. „Exakt. Doch nicht nur. Es gibt auch Inferi und Dementoren, von denen sich einige tief in den Verbotenen Wald zurückgezogen haben. Albus hatte bereits befürchtet, dass es den zur Verfügung stehenden Auroren im Getümmel und während der Aufregung am Ende der Schlacht nicht gelungen ist, alle von ihnen einzufangen und nach Askaban zu bringen."

„Stehen Sie noch in Kontakt mit ihm? Mit Dumbledore?"

Ein süffisantes Lächeln kräuselte seine dünnen Lippen. „Sonst wäre ich wohl kaum länger hier, nicht wahr?"

Interessiert horchte Hermine auf. „Wie meinen Sie das?"

„Dass er sich meiner Loyalität offenbar bewusst ist."

Etwas überfordert mit den spärlichen Informationen schüttelte sie den Kopf. „Ich verstehe die Zusammenhänge nicht, Sir. Warum wollen Sie mich dabeihaben, wo Sie doch sonst um jeden Preis vermeiden wollten, dass andere etwas über Ihre Arbeit in Erfahrung bringen?"

„Die Zeiten ändern sich, Granger. Ich nehme an, Sie kannten Bellatrix Lestrange."

Über Hermines Körper legte sich eine frostige Gänsehaut. Natürlich kannte sie Bellatrix Lestrange. Zum einen, weil sie es gewesen war, die Sirius Black getötet hatte. Zum anderen, weil sie für die Narben auf Hermines Armen verantwortlich war, als sie ihr mit einem Messer das Wort 'Schlammblut' in die Haut geritzt hatte, um sie zum Aufgeben zu zwingen.

„Sie weiß nichts von den Dingen, die nach ihrem Tod geschehen sind. Sie ahnt auch nichts von den Ereignissen in der Heulenden Hütte, geschweige denn davon, wie der Krieg ausgegangen ist. Und das ist unser großer Vorteil. Wenn wir etwas über die Vorgänge erfahren wollen, die sich in den Reihen der Anhänger des Dunklen Lords abspielen, dann wird sie es sein, die davon weiß. Alles, was wir tun müssen, ist, sie auszuhorchen."

„Natürlich! Nichts leichter als das!"

„Warum so gehässig, Granger?"

„Weil sie, wie Sie bereits erwähnten, tot ist. Und selbst dann, wenn sie es nicht wäre, würde sie wohl kaum so einfältig sein, sich etwas aus der Nase ziehen zu lassen."

„Exakt. Weshalb ich ins Spiel komme. Meine Methoden unterscheiden sich deutlich von den üblichen. Das sollten Sie doch wissen, Granger."

Fragend blinzelte Hermine ihn an. „Natürlich. Aber das – das verstehe ich nicht! Wie können Sie dabei nur so siegessicher klingen?"

„Dass Sie es verstehen, hatte ich auch gar nicht erwartet."

„Professor, mal ehrlich, finden Sie das denn nicht beunruhigend, was Sie da eben gesagt haben?"

„Wenn Sie die Vorstellung davon meinen, dass wir noch immer von Gestalten umgeben sind, die sich seine Herrschaft herbeisehnen, sind wir einer Meinung, Granger. Andernfalls muss ich Sie enttäuschen. Und genau deshalb sollten wir uns dieser Angelegenheit annehmen."

„Wir?", hauchte sie ungläubig.

„Allerdings."

„Aber sollten das nicht besser die Auroren tun?"

Snape schnaubte belustigt. „Wenn Sie darauf warten wollen, bitte. Allerdings hat es sich bereits in der Vergangenheit als nützlich erwiesen, nicht nur auf das Ministerium und deren Vorschriften angewiesen zu sein. Und wozu, denken Sie, wurde der Orden des Phönix gegründet?"

Noch immer auf der Suche nach des Rätsels Lösung betrachtete Hermine sein Gesicht. Es wirkte wie immer: Markant und zugleich zurückweisend. Allem Anschein nach hatte er es erfolgreich geschafft, jegliches Sympathieempfinden in Bezug auf seine Person abzuweisen. Ganz wie beabsichtigt. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sich – auf eine sehr verklärte Art - ernsthaft bemühte, einen Zugang zu ihr zu finden.

So plötzlich, wie Hermine der Gedanke gekommen war, schien ihr ein Licht aufzugehen. Entweder hatte er es satt, von allen als der Böse betrachtet zu werden. Oder er hatte ganz einfach Gefallen an den kleinen Sticheleien gefunden, die sie sich seit der Begegnung im Fuchsbau immer wieder lieferten.

„Sie haben doch nicht etwa vor, diese furchtbare Hexe wieder zum Leben zu erwecken, so wie es bei Ihnen geschehen ist?"

Snape rollte abwertend mit den Augen. „Werden Sie nicht lächerlich!"

„Ha! Das ist ja ein starkes Stück! Sie füttern mich mit diesen spärlichen Informationen und machen sich dann auch noch über mich lustig. Vielen Dank, Professor!"

Als sie ausgeredet hatte, legte er den Kopf schief. „Sind Sie dann fertig? Miss Granger, nicht ich stecke hier in Schwierigkeiten, sondern Sie. Und es wird endlich Zeit, dass Sie begreifen, dass es so nicht weitergehen kann."

„Dass was nicht weitergehen kann?"

Er baute sich zu seiner vollen Größe vor ihr auf und faltete gemächlich die Finger vor dem Körper ineinander. „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn Sie schon so dreist sind, mich auszuspionieren, dann sollten Sie auch alles daran setzen, sich nicht dabei erwischen zu lassen. Andernfalls passiert das." Mit scharfem Blick deutete er erneut zur Tür hinüber. „Vorwärts, Granger. Und nicht trödeln."

xxx

Was er gesagt hatte, ließ ihr auch dann noch längst keine Ruhe, als sie angestrengt seinen langen Schritten durch den verlassenen Korridor in den Kerkern hinterherjagte. Unendlich viele Fragen schienen sich in ihr aufzutun. Eine kurioser als die andere.

"Sollten Sie tatsächlich mit dem, was auch immer Sie vorhaben, Erfolg haben, Denken Sie denn, dass Sie Ihnen überhaupt zuhören würde?"

"Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden."

"Das dachte ich mir fast. Und wie sieht der aus?"

"Zauberer besitzen verschiedene Möglichkeiten, mit den Toten zu kommunizieren, Miss Granger."

"Das klingt ganz schön verrückt, Professor", entgegnete sie mit einem vorsichtigen Lächeln auf den Lippen. So sehr sie sich auch beherrschen wollte, ernst zu bleiben, es war fast unmöglich.

"Wirklich?", fragte er herausfordernd. "Passen Sie auf, was Sie in meiner Gegenwart sagen."

Hermine schauderte. Ebenso schnell, wie seine spielerische Ader aufgetaucht war, verschwand sie wieder.

"Ich denke, Mr. Potter hat Ihnen von seinen Erfahrungen mit dem Stein der Auferstehung berichtet. Verrückt ist also in diesem Fall weit untertrieben, denn rein logisch betrachtet, ist es unmöglich."

Verbissen bemühte Hermine sich, dem Blick seiner Augen standzuhalten, die er, immer noch im Laufschritt, auf ihre richtete. Schon alleine das Funkeln darin war beunruhigend.

"Sir, wenn Sie glauben, dass das möglich ist, besteht dann immer noch eine Chance, mit Voldemort in Kontakt zu treten? Wie Sie wissen, war Ginny damals in der Lage, über seine Seele mit ihm zu kommunizieren."

Snape zog die Brauen in die Höhe. "Sollte das eine ernst gemeinte Frage gewesen sein, Granger?"

"Wieso wollen Sie das wissen? Ich bin lediglich in Sorge darüber, ob seine Anhänger einen Weg finden könnten, ihn zu kontaktieren ..."

Snape hielt ruckartig inne und Hermine kam atemlos neben ihm zum Stillstand.

"Er hat keine Seele mehr. Genügt Ihnen das?"

"Oh."

"In der Tat. Nun, Miss Granger. Es wäre an der Zeit, dass wir unsere Pflicht tun. Nehmen Sie meine Hand."

„Wozu?"

„Es gibt eine kleine Planänderung. Wenn wir weiter in dem Tempo vorankommen, fürchte ich, verliere ich die Geduld mit Ihnen."

Hermine beäugte kritisch seine hellhäutige Handfläche, ehe sie es wagte, sie zu ergreifen. Sehr zu ihrer Erleichterung jedoch geschah erst einmal gar nichts, als sie sie berührte und Snape mit festem, fast schon krampfhaftem Griff, seine Finger um ihre legte. Irritiert räusperte sie sich. Was hatte sie erwartet?

"Wo gehen wir hin?"

Snape reckte gelassen den Kopf in die Höhe. Allem Anschein nach schien er ihre Nervosität nicht zu teilen. Vielmehr vermittelte er ihr jetzt überdeutlich den Eindruck, dass er es genoss, sie hinzuhalten.

„Geduld, Miss Granger. Das werden Sie sehen, wenn es soweit ist."