Thorns in my chest

Kapitel 9

Es war verrückt! Die ganze Situation, in die sie da hineingeraten war, wirkte zu unwirklich, um real zu sein. Am liebsten wäre Hermine einfach davongelaufen. Das Problem war nur, dass sie sich dadurch noch größere Schwierigkeiten eingefangen hätte, womit sie sich damit begnügte, ihn mit finsteren Blicken zu strafen.

Snape glitt unbeeindruckt davon mit wehendem Umhang zum Regal hinüber und stellte das Buch zurück an seinen Platz. Dann kam er auf Hermine zu und hielt ihr seine ausgestreckte Hand entgegen.

"Oh nein!", stieß sie abwehrend aus. "Nein, nein! Auf keinen Fall werde ich noch einmal mit Ihnen apparieren."

Er zog die Brauen in die Höhe. "Hat es Ihnen etwa nicht gefallen?"

Der Ausdruck auf seinem Gesicht veranlasste sie dazu, ungeniert mit den Augen zu rollen. "Ich mag es nicht, wenn ich nicht weiß, was mich erwartet."

"Also eine von der zimperlichen Sorte", bemerkte er trocken.

Entgeistert starrte sie ihn an. "Was bilden Sie sich eigentlich ein? Weiß McGonagall, was Sie hier im Schilde führen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dieses Gerede gutheißen würde."

"Warum nicht, Miss Granger?"

"Ha! Ist das zu fassen? Weil Sie mein Professor sind und sich das nicht gehört!"

"Waren Sie auf der Flucht auch so wählerisch? Das glaube ich kaum. Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie nichts vor mir zu befürchten haben. Das sollte Ihnen genügen."

Hermine seufzte angestrengt. "Tut es aber nicht." Und es entsprach der Wahrheit. Snape hatte noch nie zu den Menschen gehört, die sie als besonders vertrauenswürdig empfunden hatte, was aufgrund seiner Erscheinung und seines Gehabes nicht weiter verwunderlich war. Selbst jetzt, wo sie wusste, was es damit auf sich hatte, fiel es ihr beizeiten immer noch schwer, seine Gegenwart zu ertragen.

Aus ihr nicht ganz erklärlichen Gründen ließ er seine Hand sinken und baute sich mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihr auf. "Wie Sie wollen, Miss. Vielleicht überrascht es Sie, zu hören, dass es keinesfalls meiner Gewohnheit entspricht, mir bei der Arbeit über die Schulter schauen zu lassen. Da Sie jedoch ein so großes Interesse daran haben, sich ins Zentrum des Geschehens zu rücken, sehe ich mich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen."

"Das ist nicht wahr!", protestierte Hermine sogleich.

Snape verzog das Gesicht. "Nein? Miss Granger, Sie müssen endlich begreifen, dass es Dinge gibt, aus denen Sie sich heraushalten sollten. Mir nachzuspionieren kann Sie unerwartet in Bedrängnis bringen. Angenommen, Lucius hätte Sie entdeckt, was dann? Sie haben ihn erlebt. Er ist unberechenbar."

"Ich bin durchaus in der Lage, selbst auf mich aufzupassen, Professor."

"Das mag sein. Aber hier an der Schule herrscht ein anderer Wind. Viele der Schüler blicken zu Ihnen auf."

"Zu - zu mir?", fragte sie verwundert.

"Keine Sorge, wieso auch immer, es ist mir schleierhaft. Doch junge Menschen sind leicht beeinflussbar. Das bedeutet, sie suchen nach Vorbildern, denen sie nacheifern können. Und Ihr Verhalten war bis jetzt alles andere als lobenswert. Doch das nur am Rande. Vielmehr geht es darum, dass Sie lernen, zu verstehen, dass Sie sich nicht für den Rest Ihres Lebens hinter der Freundschaft zu Potter verstecken können. Entweder beugen Sie sich den Regeln oder Sie müssen Hogwarts verlassen."

Ungläubig schüttelte Hermine den Kopf. "Fangen Sie jetzt etwa wieder damit an?"

"Es war nicht meine Idee, dass Sie zurückkehren."

"Nein. Aber jeder scheint zu verstehen, dass ich meinen Abschluss machen will, nur Sie nicht."

"Auch das ist nicht mein Problem."

Hermine stemmte energisch die Hände in die Hüften. "Was haben Sie nur gegen mich, dass Sie so kaltschnäuzig reagieren? Habe ich Ihnen vielleicht irgendetwas getan? Oder ist es meine bloße Existenz, durch die Sie sich belästigt fühlen? Sollte dem tatsächlich so sein, biete ich Ihnen an, mich auf mein Zimmer zu schicken, dann haben Sie mich los."

Erwartungsvoll hielt sie seinem Blick stand und harrte dem aus, was er zu sagen hatte. Snape jedoch ließ gemächlich die Mundwinkel spielen. "Glauben Sie etwa, Sie könnten so Ihrer Bestrafung entgehen?"

"Nein, das tue ich ganz und gar nicht."

"Gut. Denn sollten Sie es darauf anlegen, mich mit einem weiteren Ihrer brillanten Vorschläge dazu bringen zu wollen, Sie davonkommen zu lassen, muss ich Ihnen sagen, dass Sie damit keinen Erfolg haben werden."

"Keine Sorge. Das ist mir durchaus bewusst, Professor. Dennoch müssen Sie zugeben, dass es wenig Sinn macht, wenn Sie mich auf diese Weise meine Strafe abbüßen lassen. Wir werden es schwer haben, miteinander auszukommen."

Snapes Augen blitzten auf. "Wer hat gesagt, dass es leicht werden würde? Im Gegensatz zu Ihnen jedoch bin ich es gewohnt, von Menschen umgeben zu sein, die ich nicht leiden kann. Ich habe die unterschiedlichsten Schichten unserer Gesellschaft lange genug studiert und kann mich in all ihren Kreisen bewegen. Sie, Miss Granger, würden gar nicht merken, dass Sie manipuliert werden, ehe es geschehen ist. Wie steht es dabei mit Ihnen?"

So sehr Hermine auch widersprechen wollte, in diesem Punkt musste sie ihm Recht geben. Snape hatte seine eigenen Methoden entwickelt, die er anwenden konnte, wenn er jemanden fertigmachen wollte.

Verbissen reckte sie das Kinn in die Höhe. "Glauben Sie ja nicht, dass ich so schnell aufgeben werde. Ich kann ziemlich ausdauernd sein, wenn ich mir etwas holen möchte, das ich haben will."

Wieder einmal legte er den Kopf schief und sah sie eindringlich mit seinen schwarzen Augen an. "Und was sollte das sein?", fragte er sodann in süffisantem Ton.

„Meine Freiheit. Und meine Unabhängigkeit, die ich mir so mühsam erkämpft habe. Ich lasse mich nicht gern herumkommandieren, aus dem Alter bin ich raus."

„Hmm, das klingt interessant."

Beherzt machte Hermine einen Schritt auf ihn zu, ohne dass der Blickkontakt zwischen ihnen unterbrochen wurde. „Ich werde Ihnen so lange zur Last fallen, bis Sie sich unweigerlich wünschen, mich loszuhaben."

Snape wippte matt mit dem Kopf. „Wir werden sehen, Granger. Bisher saß ich immer am längeren Hebel."

„Ja, das war, als Voldemort Sie noch gebraucht hat. Aber jetzt, wo er fort ist, sieht es anders aus. Ich habe nicht vergessen, was Lucius gesagt hat. Er hatte Angst. Und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Ihnen geht es ebenso. Nicht wahr? Sie sind hier, weil Dumbledore Ihnen das Gefühl gibt, von Bedeutung zu sein. Er hat Ihnen etwas gegeben, einen Sinn in Ihrem Leben. Denn ohne den wären Sie verloren. Ist es nicht so?"

Der Professor taxierte sie von oben herab, ehe ein dünnes Lächeln auf seinen Lippen erschien. „Sie wissen gar nichts darüber. Niemand kennt den wahren Albus Dumbledore. Die Enthüllungen über ihn waren nur die Spitze des Eisbergs, Granger. Bilden Sie sich also nicht zu viel ein. Sie haben keine Ahnung, wie es ist, von ihm ausgebeutet zu werden. Die ganze Welt sah lediglich seine Verdienste, nicht aber das Leid, das damit einherging."

Hermine fröstelte. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, die Situation in seinem Beisein nicht noch einmal eskalieren zu lassen, fühlte sie, dass sie Snape in eine Ecke gedrängt hatte, die ihm nicht sonderlich zusagte. „Das mag sein. Niemand ist vollkommen. Dennoch müssen Sie zugeben, dass wir ohne ihn verloren gewesen wären. Und zwar wir alle."

Snape schnaubte abfällig. „Denken Sie, das interessiert mich?"

Einen Moment lang war sie sich nicht sicher, was sie darauf antworten sollte. Der hasserfüllte Ausdruck auf seinem Gesicht war eindeutig. Enttäuscht schüttelte sie den Kopf. „Sie können einem wirklich leidtun, wissen Sie das? Wenn Sie nur einmal zugeben würden, dass Ihnen die Menschen etwas bedeuten! Stattdessen tun Sie alles, um sie davon zu überzeugen, dass Sie ein griesgrämiger Eigenbrötler sind ..."

„Halten Sie den Mund, Granger!", unterbrach er sie barsch. „Sie haben kein Recht dazu, so zu reden!"

Hermine hatte alle Mühe, sich zu beherrschen. Der Drang, ihn einfach stehenzulassen, war beinahe unerträglich. „Nicht ich bin es, der sich hinter jemandem versteckt, Professor, sondern Sie. Sie trauern um Lily. Doch haben Sie vielleicht einmal den Gedanken daran verschwendet, dass das egoistisch von Ihnen ist? Was, wenn sie das nicht will? Was, wenn sie endlich ihren Frieden vor Ihnen möchte, anstatt ständig wieder daran erinnert zu werden, was früher war?"

Snape ballte die Hände an seinen Seiten zu Fäusten und herrschte sie an: „Ich sagte, Sie sollen den Mund halten!"

Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. Es war zu spät, um jetzt damit aufzuhören. Die Verachtung auf beiden Seiten war zu groß. Vor allem aber hatte sie es satt, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Nicht nach allem, was sie mit Harry durchgestanden hatte.

„Sie haben damit angefangen, nicht ich. Sie haben behauptet, es gäbe Methoden, mit denen man Verstorbene kontaktieren kann. Also, Professor, was ist? Wie lange wollen Sie noch hier stehen und sich hinter Ihren Erinnerungen verstecken? Wenn Dumbledore noch immer Verwendung für Sie hat, muss es einen Grund für Ihr Dasein geben. Wollen Sie den denn nicht herausfinden?"