Thorns in my chest

Kapitel 10

Einen Augenblick lang wurde es still. Dann presste er die Kiefer aufeinander. "Die Unterhaltung ist hiermit beendet. Gehen Sie zurück auf Ihr Zimmer, Granger. Ich bin fertig mit Ihnen."

Hermine konnte nicht fassen, was sie soeben gehört hatte. Siegessicher stand sie vor ihm und besah sich seine Gestalt, die seit jeher überlegen und einschüchternd auf sie gewirkt hatte. Doch nichts dergleichen war nunmehr davon zu sehen.

„Sie geben also auf?", fragte sie gebannt. Der Wunsch nach einer Bestätigung aus seinem Munde war verlockend.

Snape aber antwortete nicht. Und so fuhr sie fort. "Niemand hat Sie gezwungen, mich mitzunehmen. Das war ganz alleine Ihre Entscheidung."

Vorsichtig kam sie näher. Dann stand sie unmittelbar vor ihm und sah ihm fest in die Augen. Die Anspannung zwischen ihnen war so gewaltig, dass Hermine seinen unruhigen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte.

„Wieso wollten Sie mich überhaupt dabeihaben, Sir?"

Seine Nasenflügel bebten. „Sie können gehen. Das ist das, was Sie wollten. Machen Sie es also nicht noch schlimmer, Granger."

„Was wäre, wenn ich es doch tue? Wollen Sie mich dann etwa nachsitzen lassen? Kommen Sie, Professor! Ich habe von vornherein nicht darum gebeten, mit Ihnen zu gehen."

Er schnaubte bedrohlich. „Sie begreifen es nicht, oder?"

„Was? Was begreife ich nicht? Kommen Sie schon! Wenn Sie sich weigern, mir zu antworten, werden wir nie weiterkommen."

Snape nickte zornig mit dem Kopf. „Also gut. Vielleicht erinnern Sie sich an unser Gespräch auf dem Hügel vor dem Fuchsbau."

"Was hat das hiermit zu tun?"

"Alles. Ihre Anwesenheit macht mich krank. Sie sollten nicht hier sein. SIE GEHÖREN NICHT HIER HER!"

Seine Stimme dröhnte in ihren Ohren. Damit hatte Hermine nun nicht gerechnet. Entsetzt über seinen Ausbruch wich sie einen Schritt zurück. "Wieso sagen Sie das?"

"Waren Sie nicht auf der Suche nach der Wahrheit? Hier ist Sie. Ich wollte von Anfang an vermeiden, dass Sie zurückkommen."

"Aber das ... Das ergibt doch keinen Sinn!"

"Nein? Wieso nicht, Miss Granger?"

"Weil die Menschen Ihnen gleichgültig sind. Sie selbst haben mir das bestätigt!"

"Und so ist es auch."

Ungläubig schlug sie sich mit der Hand auf die Stirn. "So langsam begreife ich es! Sie haben die ganze Schikane seit meiner Rückkehr nur veranstaltet, um mich loszuwerden. Und das alles, weil Sie mich nicht leiden können!"

Er versteifte sich. "Das war nicht weiter schwer. Sie waren schon immer unkonzentriert, wenn etwas Sie aus der Ruhe gebracht hat."

"Oh, sicher doch! Mein Ärger mit Ron muss Ihnen da sehr gelegen gekommen sein." Kaum merklich blitzten seine Augen auf, doch Hermine beachtete es nicht weiter. "Und wie stellen Sie sich das jetzt vor? Soll ich vielleicht Ihretwegen Hogwarts verlassen?"

"Ich hatte nicht erwartet, dass Sie das tun würden."

"Was dann?", fragte sie gereizt.

Snape sah sie an. „Es behagt mir nicht, von Menschen umgeben zu sein, die zu viel über mich wissen. Folglich möchte ich, dass Sie mir fernbleiben."

„Und wie soll ich das anstellen? Sie haben mich quasi gezwungen, mit Ihnen zu kommen."

„Das war ein Fehler. Ich dachte, es würde Ihnen Ihre Grenzen aufzeigen. Doch wie es aussieht, habe ich mich getäuscht. Sie kennen keine Grenzen. Egal, was ich auch sage, Sie haben immer eine Ausrede."

„Das ist nicht wahr!"

Er rollte mit den Augen. „Ach nein?"

„Nein! Ich versuche nur, Ihnen klar zu machen, dass Sie ebenso gut im Unrecht sein können, wie jeder andere Mensch auch."

„Das ist nicht nötig, Granger. Ich bin Ihr Professor, nicht umgekehrt. Alleine diese Tatsache setzt einen gewissen Respekt in Bezug auf meine Person voraus. Doch leider mangelt es Ihnen daran."

„Das wird doch total überbewertet!"

„Finden Sie?"

„Ja. Ich bin nicht wie die anderen. Ich bin erwachsen. Und ich habe es satt, ständig wie ein Kind behandelt zu werden."

„Dann sollten Sie aufhören, sich wie eines zu benehmen. Wenn Sie erwachsen sein wollen, müssen Sie sich wie ein Erwachsener verhalten."

„Das möchte ich. Aber Sie lassen mir keine Wahl!"

„Wirklich?", knurrte er abschätzig.

„Sie machen es mir verdammt schwer, Ihnen gegenüber nicht die Beherrschung zu verlieren. Ständig beschwören Sie Unfrieden herauf."

„Das kann passieren. Deshalb ist es wichtig, zu lernen, wie man sich kontrolliert."

„Komisch, dass das ausgerechnet von Ihnen kommt, wo Sie doch selbst Schwierigkeiten zu haben scheinen, Ihre Gefühle im Zaum zu halten."

„Ich musste mich lange genug beweisen, Granger."

„Und jetzt ist damit Schluss?"

Snape kniff finster die Brauen zusammen. „Wieso sind Sie nach Hogwarts zurückgekommen, wenn Sie wussten, dass Sie dort wie alle anderen behandelt werden?"

„Was hat das jetzt damit zu tun? Ich habe auch abseits von Hogwarts mein Leben gemeistert."

„Exakt. Aber jetzt sind Sie wieder hier. Und wenn Sie zur Schule gehen, werden Sie auch eine Schülerin sein, Miss Granger. Es gibt keine Ausnahmen. Ich kann es mir nicht leisten, Ihnen eine Sonderbehandlung zukommen zu lassen, nur weil Sie vielleicht mehr als die anderen erlebt haben."

„Dann geht es also darum? Haben Sie Angst, dass ich Ihren Stolz verletze, weil ich Dinge gesehen und erlebt habe, von denen andere nur eine Vorstellung haben? Wie nahe doch alles beisammen liegt! Schmerz und Tod ..."

„Sie haben kein Recht, davon zu reden. Das betrifft alleine mich."

„Das mag sein, Sir. Aber ich war dabei. Ich habe gesehen, wie Sie gestorben sind."

„Dann sollten Sie es vergessen", zischte er scharf.

Hermine stutzte. „Das kann ich nicht! Es waren diese Momente, die mir gezeigt haben, dass Sie ein Mensch sind. Und nicht das Monster, das wir immer in Ihnen sahen."

Kaum hatte sie ausgesprochen, streckte sie die Hand nach seiner Wange aus, um sie zu berühren.

Snape zuckte zusammen. „Was tun Sie da?"

Verwundert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber in eben diesem Moment kam mir der Gedanke, Sie berühren zu wollen."

Langsam ließ sie ihre Fingerspitzen über seine Haut gleiten. Das Gefühl, ihm so nahe zu sein, war das Aufregendste, was sie seit geraumer Zeit erlebt hatte. Es war verbunden mit Neugierde und einer gehörigen Portion Mut.

Als sie dann sein raues Kinn erreicht hatte, spürte sie seine Hand, die nach ihrer griff und sie festhielt. „Ich denke, das reicht jetzt, Miss Granger."

Hermine schluckte mit trockener Kehle. Wieso nur musste er diesen Augenblick, in dem sie zum ersten Mal überhaupt das Gefühl gehabt hatte, etwas anderes als ihren verhassten Professor vor sich stehen zu haben, kaputt machen?

Planlos sah sie ihn an; sah seine schwarzen Augen, die sich eindringlich in ihre bohrten, sowie die Schatten der tiefen Furche zwischen seinen Brauen. Snape. Dunkel und warm ragte seine Gestalt vor ihr auf. Sie konnte es spüren, das Leben, das in ihm steckte, obwohl er eigentlich tot sein sollte. Warum in aller Welt hatte sie das getan? Warum konnte sie nicht aufhören, ihn anzusehen?

„Ich bin mir nicht sicher, Sir. Warum möchten Sie, dass ich aufhöre?"

Diesmal war er es, der schluckte. Unterschwellig realisierte Hermine, dass sie sich mit ihren Gesichtern so nahe waren, wie noch nie zuvor.

„Weil Sie es müssen."

Hermine schauderte. Der Druck seiner Finger, die sich um ihre Hand geschlossen hatten, wurde stärker.

„Weil Sie es bereuen würden, wenn Sie es nicht tun."

Fast wollte sie darüber lachen. Wie konnte er so etwas nur sagen? Angespannt hielt sie seinem Blick stand, bis sie es nicht mehr ertrug. Ihre Augen glitten über die Poren seiner Haut, bis hinab zu seinem Mund. Was auch immer sie von ihm erwartet hatte, es war nicht das, was sie von früher her kannte. Der Professor schien eine ungeahnte Anziehungskraft auf sie auszuüben. Etwas, das ihre Knie weich werden ließ. Sogar seine dünnen Lippen, die ihr sonst wie zwei unbewegliche Striche erschienen waren, hatten die Macht, sie an ihn zu fesseln.

In diesem Moment war ihr alles gleich. Nur enden durfte er nie. Der Gedanke daran war zu schmerzhaft. Hermine war im Begriff, sich zu verlieren.