Thorns in my chest

Kapitel 11

Der Blick des Professors war von einer Vielzahl an Emotionen durchzogen, etwas, das sie so noch nie zuvor erlebt hatte. Doch eigenartigerweise steigerte das ihr Unverständnis nur noch mehr.

"Lassen Sie mich Sie berühren", flüsterte sie leise. Seine Hand jedoch, die nach wie vor ihre hielt, drückte sie bestimmt von sich. Dann ließ er von ihr ab.

"Sie können nicht von mir erwarten, dass ich Sie damit fortfahren lasse."

Wie geohrfeigt blinzelte sie ihn an. "Ich weiß es nicht."

"Das sehe ich. Und ich werde Ihnen nicht durchgehen lassen, was auch immer Ihnen in den Sinn kommt. Also, Granger, was soll dieses Spielchen? Wollen Sie mich etwa in Schwierigkeiten bringen? Wollen Sie sich an mir rächen, weil ich Ihnen den Abend ruiniert habe? Oder sind Sie einfach nur noch viel naiver als ich dachte!"

Verunsichert verschränkte sie die Arme vor der Brust. Eben noch war ihr ganz warm gewesen. Jetzt hingegen war ihr ganzer Körper von einer eisigen Kälte erfasst. "Warum fragen Sie mich das?"

"Weil ich wissen möchte, wieso Sie das tun."

"Und was tue ich?"

"Spielen Sie hier nicht die Unschuldige. Sie sind im Begriff, einen riesigen Fehler zu machen, Granger."

"Das ist meine Angelegenheit, Sir."

"Nicht, wenn es dabei auch um mich geht."

"Sie haben doch nicht etwa Angst vor mir", entgegnete sie belustigt, woraufhin sich Snapes Blick schlagartig verfinsterte. Hermine seufzte. "Schön. Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Es war ein Gefühl, ein Drang. Mehr steckt nicht dahinter."

"Und Ihnen ist dabei nicht der Gedanke gekommen, dass es falsch ist, das zu tun?"

"Hören Sie, Professor, ich kann verstehen, dass das eigenartig klingt, aber manchmal lassen Menschen sich einfach zu etwas hinreißen. Es ist doch nichts weiter geschehen ..."

"Das sehe ich anders. Sie sind auf dem besten Wege, vom Regen im die Traufe zu geraten."

"Unsinn!", stieß sie energisch aus. "Ich habe Sie doch lediglich berührt."

"Und was dann?", schnarrte er ungehalten zurück. "Was kommt als Nächstes? Angenommen, ich hätte Sie nicht aufgehalten ..."

"Aber Sie haben es getan. Also gibt es keinen Grund, deswegen so einen Aufstand zu machen. Sie würden nie zulassen, dass etwas geschieht, was ..."

Hermine verstummte. Noch während sie überlegte, was sie sagen wollte, begriff sie endlich, dass sein Einwand nicht ganz unberechtigt war.

"Sie - Sie würden doch nicht ... Ich meine ..."

"Sie haben sich instinktiv darauf verlassen, nicht wahr?"

Mit deutlich geröteten Wangen nickte sie. "Ich schätze schon. Aber das ist absurd! Sie sind nicht Ron."

Snape verzog die Mundwinkel. "Wie ich sehe, kommen Sie langsam auf die Erde zurück, Granger."

Beschämt senkte Hermine den Blick. Auf einmal wirkte alles absolut lächerlich auf sie. Ihre Einwände gegen ihn, die Tatsache, dass sie sich und alles um sich herum vergessen hatte. Vor allem aber, dass sie das wahrhaftig getan hatte.

"Es - es tut mir leid, Professor. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist."

"Dafür ist es jetzt zu spät, finden Sie nicht? Sie haben sich gehen lassen."

"Aber ich habe mich dafür entschuldigt. Und ich meine es so."

"Mag sein", äußerte er hart. "Dennoch muss ich Sie ausdrücklich darauf hinweisen, zukünftig davon Abstand zu nehmen, es noch einmal soweit kommen zu lassen. Auch dann, wenn Sie keine Absichten gehegt haben sollten ..."

„Das habe ich ganz bestimmt nicht", warf sie eilig ein. „Ich meine, das wäre ja auch wirklich fehl am Platz."

Er räusperte sich. "Nun, wie dem auch sei, es muss aufhören, Granger. Bitte respektieren Sie meinen Wunsch."

Sichtlich irritiert versuchte Hermine, aus seinen Worten schlau zu werden. "Was genau meinen Sie? Ich werde ganz bestimmt nicht noch einmal so etwas tun. Sie können mir glauben!"

Zwischen Snapes Brauen tauchte die dunkle Furche auf, die Hermine seit jeher gefürchtet hatte. Diesmal jedoch fand sie sie deutlich weniger bedrohlich als zuvor.

"Dann werden Sie ab sofort einen Bogen um mich machen?", stellte er klar.

Beflissen nickte sie. "Ich werde tun, was immer ich tun muss. Nur verlangen Sie nicht von mir, Hogwarts zu verlassen, Sir. Ich könnte es nicht ertragen, es einfach aufzugeben, schließlich ist es noch immer mein Zuhause. Alleine die Vorstellung, eine andere Schule zu besuchen, war nicht gerade das, was meinen Erwartungen entsprochen hätte."

Snape straffte seine Haltung. "Es steht Ihnen frei, selbst zu entscheiden, welche Schule Sie besuchen möchten, solange Sie sich an die Regeln halten."

Erleichtert huschte Hermine ein Lächeln übers Gesicht. "Danke, Professor."

Er nickte. "Wenn Sie keine weiteren Einwände haben, würde ich Sie nun gerne entlassen. Ich habe noch zu tun. Außerdem werden wir unter den gegebenen Umständen eine andere Lösung finden müssen, wie Sie Ihre Strafe absitzen."

"Dann besteht also nicht die Möglichkeit, Sie gnädig zu stimmen?", fragte Hermine vorsichtig. "Jetzt, wo wir endlich Fortschritte im Umgang miteinander gemacht haben, wäre das eine fabelhafte Gelegenheit für Sie, nachsichtig zu sein."

Seine Augen blitzten auf. "Ich würde nicht darauf zählen, dass die Waffenruhe von Dauer ist, Granger. Genießen Sie den Moment. Doch morgen ist ein neuer Tag. Und mit ihm wird es neue Herausforderungen geben."

"Das klingt ganz danach, als würden Sie mit weiteren Schwierigkeiten rechnen."

"In der Tat. Aber das dürfte für Sie wohl kaum von Belang sein."

"Warum nicht?"

Er hob warnend die Hand. "Nicht. Verderben Sie sich nicht selbst die Illusion eines friedlichen Miteinanders."

"Wollen Sie mich nicht daran teilhaben lassen, was Sie im Schilde führen, weil es gefährlich werden könnte?"

Snape legte den Kopf schief. "Miss Granger, Sie kennen die Gegebenheiten. Es gibt einen Unterschied zwischen Lehrern und Schülern. Ich bin überzeugt davon, dass Sie das eines Tages verstehen werden."

"Eines Tages? Zu sagen, Sie lassen mir keine Wahl, trifft es wohl eher."

"Wer sich den Regeln nicht beugt, hat mit Sanktionen zu rechnen. Abgesehen davon halte ich derlei Ausflüchte für eine Schwäche. Kurz gesagt, ich hoffe, Sie verstehen, dass ich das nicht tun kann, Granger."

"Ich glaube schon. Doch gefallen tut mir der Umstand keineswegs. Sie wissen ja, ich besitze ein übernatürliches Maß an Neugierde."

"Und darüber hinaus die Gabe, sich in Schwierigkeiten zu bringen."

Hermine spürte schon wieder, dass sie rot wurde. "Ähm, wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern selbst in meinen Turm gehen. Nur für den Fall, dass Sie vorhaben, mit mir zu apparieren."

"Machen Sie sich keine Hoffnungen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das riskieren kann. Wer weiß, vielleicht spionieren Sie mir am Ende ja wieder nach."

Hermine biss sich reumütig auf die Lippe. "Nicht heute, Professor. Ich glaube, es täte mir gut, einen klaren Kopf zu bekommen. Ein kleiner Spaziergang durch das Schloss kann Wunder bewirken. Man kann nie wissen, was einen dabei erwartet."

"Wie Sie wünschen. Doch ich rate dringlichst davon ab, Umwege zu nehmen."

"Verstanden, Sir."

Snape fuhr sich angestrengt mit den Fingern durch die Haare. Erst jetzt realisierte Hermine, dass er ziemlich müde wirkte. Vermutlich fiel es ihm genauso schwer, die alten Gewohnheiten abzulegen, wie ihr. Seit sie den Professor damals in ihrem ersten Schuljahr kennengelernt hatte, war sie sich seiner Vorliebe für nächtliche Wanderungen durch das Schloss bewusst. Aber auch sonst war er oft genug im unpassendsten Moment auf der Bildfläche erschienen, wenn sie und die Jungs etwas ausgefressen hatten. Vielleicht war das das Geheimnis für den Zwischenfall, der sich zuvor ereignet hatte. Jeder von ihnen tat, was er für richtig hielt. Und beide mochten sie verschieden sein. Je mehr sie jedoch von ihm erfuhr, umso mehr seiner Gewohnheiten konnte sie entschlüsseln. Sie hatte seine Nähe gespürt und seine Wange berührt. Am Ende hatte sie dabei sogar den Menschen gefunden, der sich für gewöhnlich wie kein anderer hinter seiner Fassade versteckte. Und je mehr sie sich damit befasste, umso mehr fand sie Gefallen daran. Es war weitaus besser, als das bedrückende Gefühl, einen undurchschaubaren Feind vor sich zu haben.