Thorns in my chest
Kapitel 12
Der Weg durch die verlassenen Korridore führte Snape ohne Umschweife zurück in die Kerker. Seit er sich von Naginis Bissen erholt hatte, war er nicht mehr derselbe. Er hatte das gleißende Licht am Ende des Tunnels gesehen und war sich sicher gewesen, dass er schon auf der anderen Seite angelangt war – was auch immer das zu bedeuten hatte.
Eine schiefe Grimasse tauchte auf seinem ausgemergelten Gesicht auf. Was auch immer über seine Auferstehung gemunkelt wurde, hatte nichts mit der Wahrheit zu tun. Er selbst konnte es kaum glauben. Aber hier war er. Und das nur zu dem Zweck, Dumbledores Aufträge auszuführen.
Nachdem am Ende des Chaos, das die Schlacht hinterlassen hatte, Diebesgut und Besitz der Todesser beschlagnahmt worden war, hatte man auch die Umstände seiner Rolle ins Visier genommen und bei der erstbesten Gelegenheit alle ins Verhör miteinbezogen, die etwas darüber wussten. Freilich waren das nicht viele gewesen. Dumbledores Portrait hatte sich den Mund fransig geredet, ebenso wie McGonagall, nachdem sie die Wahrheit erfahren hatte. Am schlimmsten aber war, dass Potter für ihn gesprochen hatte. Ausgerechnet! Und so hatte er es geschafft, wieder in Hogwarts unterrichten zu dürfen. Genau deshalb aber wusste er, dass die Arbeit noch lange nicht vorbei war. Dumbledore hatte keine Zeit verschwendet, ihn mit harten Fakten zu füttern, die er aus dem Grimmauldplatz und dem Ministerium bezogen hatte. Das Versteckspiel im Dunkeln ging somit weiter. Tag für Tag verbrachte er damit, Informationen zusammenzutragen, Bücher zu wälzen, nach außen hin den Schein zu wahren, und obendrein noch zu unterrichten.
Zwar hatte er inoffiziell die Unterstützung Kingsleys auf seiner Seite, doch sollte er sich unvorhergesehen dabei erwischen lassen, wie er im Ministerium ein- und ausging, würde auch der ihm nicht weiterhelfen können; ganz abgesehen davon, dass es nicht seiner Art entsprach, andere um Hilfe zu bitten.
Unzufrieden schnaubend brauste er in sein Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Wenn Granger nur nicht so viele Fragen gestellt hätte! Ihre Neugierde erschreckte ihn. Und nicht nur das. Seitdem er in der Heulenden Hütte in ihrem Beisein sein Leben ausgehaucht hatte, fühlte er sich schwach in ihrer Gegenwart. Potter und Weasley waren eine Sache gewesen, sie jedoch eine andere. Ihr mitleidiger Blick hatte ihm gezeigt, dass niemand auf diese Weise sterben sollte.
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Unruhig wanderte Hermine im verlassenen Gemeinschaftsraum umher und überlegte, was sie tun sollte. Um jetzt ins Bett zu gehen, war sie zu aufgewühlt. Die Erleichterung, die sie anfangs verspürt hatte, war längst verflogen. Stattdessen hatte sich eine gehörige Portion Unverständnis über ihr eigenes Handeln breitgemacht. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich Snape auf diese Weise zu nähern! Und wie hatte es überhaupt soweit kommen können?
"Ich muss total verrückt sein", sagte sie zu sich selbst. "Von allen Menschen auf der Welt musste ich ausgerechnet an den geraten, den ich am wenigsten leiden kann."
Natürlich war ihr bewusst, dass sie pures Glück gehabt hatte, so glimpflich davongekommen zu sein. Doch auf Dauer konnte es so nicht weitergehen. Der Professor würde früher oder später die Gelegenheit ergreifen und sie dafür büßen lassen. Umso wichtiger war es, seinem Hunger nach Rache keine Nahrung zu geben. Und das nahm sie sich fest vor.
Vollkommen gerädert erwachte sie früh am Morgen auf der Couch, wo sie von Ginnys aufgeregtem Geschnatter begrüßt wurde.
"Wo hast du nur gesteckt? Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht!"
"Das errätst du nie", stöhnte Hermine angestrengt.
Ihr schlechtes Gewissen nagte so sehr an ihr, dass sie Ginny in Windeseile alle wichtigen Vorkommnisse herunter ratterte. Selbst den Zwischenfall mit Snape konnte sie ihr nicht vorenthalten, wenn sie sich moralische Unterstützung von ihrer Freundin erhoffte. Doch auch Ginny reagierte alles andere als verständnisvoll auf die Beichte.
"Ich würde sagen, du steckst ganz schön in Schwierigkeiten, Hermine. Er ist nicht nur dein Lehrer, sondern obendrein auch noch ein ehemaliger Todesser und die rechte Hand von Dumbledore."
Hermine lachte bitter auf. "Das weiß ich selbst, Gin. Ich hab es ja auch nicht mit Absicht getan."
"Weiß er das?"
"Natürlich! Ich habe mich natürlich gleich dafür entschuldigt. Außerdem weiß ich selbst nicht, wie das geschehen konnte."
"Sieht aus, als wäre es mit dir durchgegangen. Dabei ist er noch nicht mal besonders attraktiv."
"Gin! Das steht hier auch gar nicht zur Debatte. Sein Aussehen ist jetzt das Letzte, das mich interessiert."
"Bist du sicher? Mal ehrlich, wenn ich mit jemandem rummache, will ich doch wenigstens sichergehen, dass er irgendwas an sich hat, das nicht gleich dazu führt, dass mir übel wird."
Entgeistert tippte Hermine sich an die Stirn. "Ich habe nicht mit ihm rumgemacht! Schon vergessen?"
"Aber irgendwas musst du doch gespürt haben, sonst hättest du das wohl kaum getan."
"Ich sagte dir bereits, dass nichts dahintersteckt. Wahrscheinlich war ich mit meinen Gedanken bei jemand anderem. Könntest du jetzt bitte wieder zum Thema zurückkehren?"
Ginny seufzte. "Also gut. Wenn du wissen willst, wie gut ich die Gelegenheit für dich einschätze, nach diesem Zwischenfall als Jahrgangsbeste abzuschließen, dann muss ich dich leider enttäuschen. Ich glaube nicht, dass er dir das so einfach verzeihen wird."
"Ehrlich gesagt habe ich das auch gar nicht erwartet. Mich wundert nur, wieso er nicht gleich zum Gegenschlag ausgeholt hat."
"Freu dich nicht zu früh, der Vorteil ist klar auf seiner Seite."
"Scheint so."
"Und sonst? Meinst du, es ist was dran an der Sache mit Bellatrix?"
"Es wäre möglich. Snape hat sehr überzeugend geklungen."
"Ja, das kann er wirklich", sagte Ginny mit nachdenklicher Miene.
Hermine stutzte. "Du hörst dich so an, als würdest du daran zweifeln."
"Nein. Nicht wirklich jedenfalls. Wenn jemand das nachvollziehen kann, dann ich. Weißt du, nach der Sache mit Riddles Tagebuch damals, ist mit klar geworden, dass vielleicht noch ganz andere Dinge möglich sind. Wir müssen sie nur erst entschlüsseln."
"Genau das ist das, was ich nicht verstehe, Gin. Wieso um alles in der Welt hat er darauf bestanden, dass ich mitkomme?"
"Hast du ihn das nicht gefragt? Ich meine, wo ihr doch so aneinandergeraten seid, wäre das die Gelegenheit gewesen."
„Natürlich hab ich das. Aber seine Antwort war nicht das, was ich erwartet hatte ... Vielleicht ja doch. Ich weiß auch nicht. Ich glaube, ich bin verwirrt."
Ginny runzelte die Stirn. „Was glaubst du, wie hoch die Chancen stehen, dass er wirklich deine Hilfe wollte?"
Hermine zuckte mit den Schultern. „Das kann ich dir nicht sagen. Aber wenn es so wäre, hätte ich es ziemlich vermasselt. Ein Wunder, dass Snape mich nicht auf dem schnellsten Weg zu McGonagall gebracht hat. Er hätte mich ohne Weiteres von der Schule werfen lassen können."
„Ja, das hätte er. Aber er hat es nicht getan. Und wenn du mich fragst, solltest du herausfinden, was dahintersteckt."
