Thorns in my chest

Kapitel 13

Das Büro der Schulleiterin war wie erwartet leer. Erleichtert ließ Snape sich auf den Stuhl seines ehemaligen Vorgesetzten fallen und stützte den Kopf auf die Hände. Es war zermürbend gewesen, mit Granger zu diskutieren. Was ihm jedoch jetzt bevorstand, würde nicht gerade einfacher werden.

„Indem du mich ignorierst, wirst du kaum Fortschritte machen", begann Dumbledore vorwurfsvoll.

Snape drehte den Kopf in die Richtung des Portraits und sah ihn an. "Wenn Sie wüssten ..."

Dumbledores Augen begannen zu leuchten. "Sag mir nicht, dieser Blick hat schon wieder mit einer gewissen Schülerin zu tun."

Der Professor lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. "Was wäre, wenn doch? Was würden Sie tun, Albus, wenn ich Ihnen sage, dass sie mich verfolgt, seit sie damals neben Potter in der Heulenden Hütte aufgetaucht ist und mich im Sterben liegend gesehen hat?"

"Nun", sagte Dumbledore ruhig. "Immerhin habt ihr etwas, das euch verbindet."

"Wie wahr", witzelte Snape überzogen. "Wir treffen so oft aufeinander, dass es sich schon fast anfühlt, als würden wir nicht voneinander loskommen."

"Lass die Ironie. Sag mir lieber, was geschehen ist."

Der strenge Ton in Dumbledores Stimme ließ keinen weiteren Raum zur Diskussion übrig, womit Snape sich damit begnügte, ihm die Kurzfassung zu beichten.

Nachdem Dumbledore sich alles genügsam angehört hatte, rückte er seine Brille zurecht. "Das erklärt so einiges", murmelte er nachdenklich.

Snape zog die Brauen in die Höhe. "Wie soll ich das verstehen? Dass es meine Schuld war?"

Das Portrait gab einen tiefen Seufzer von sich. "Du hast sie dazu aufgefordert, mit dir zu kommen. Hast du da etwa erwartet, dass sie stillschweigend alles über sich ergehen lässt? Sie ist kein Kind mehr. Harry verdankt es größtenteils ihr, dass er so weit gekommen ist."

Snape hob die Hand. "Genug damit. Ich kann es nicht mehr hören! Egal, was auch immer sie getan haben mag, das ist jetzt und hier nebensächlich. Sie muss lernen, sich den Regeln zu beugen, Albus. Andernfalls sehe ich mich gezwungen, ihr eine Lektion zu erteilen."

Dumbledore schmunzelte vergnüglich. "So wie du dich aufregst, ist wohl sie es, die dir eine Lektion erteilt hat."

"Es ist eben anders ausgegangen als erwartet."

"Und was hast du dir davon erwartet, indem du sie zu deinen Recherchen mitnimmst?"

"Das weiß ich selbst nicht mehr", stieß Snape abfällig aus. "Vielleicht hatte ich gehofft, dass sie endlich aufhört, sich ständig in Dinge einzumischen, die sie nichts angehen."

Kaum merklich schüttelte Dumbledore den Kopf. "Lüg mich nicht an. Du wolltest dich vor ihr beweisen. Was sie erlebt hat, gefällt dir nicht, richtig? Du brauchtest das Gefühl, die Oberhand über eine Situation zu haben. Aber Tom hat dir das genommen. Sie hätte dich nie so sehen sollen. Ist das nicht so?"

Snape senkte den Blick auf den Rahmen des Bildes. Seinem ehemaligen Schulleiter länger in die Augen zu sehen, war beinahe unerträglich geworden.

"Manchmal ist es gut, wenn wir Schwäche zeigen, Severus. Es ist menschlich. Wir brauchen das, um nicht von unserem Weg abzukommen."

"Das rechtfertigt noch lange nicht ihre Neugier. Wie sie mich angesehen hat! Als wäre ich jemand anders gewesen ..."

"Vielleicht warst du das in diesem Moment sogar. Als du Harry deine Erinnerungen gegeben hast, hast du deinen schützenden Umhang abgelegt und dein früheres Selbst offenbart. Es hat dich verletzlich und angreifbar gemacht."

"Und das gefällt mir ganz und gar nicht."

"Nein, das sehe ich. Aber hättest du es nicht getan, wärst du heute nicht hier. Fawkes ist zu dir gekommen, um dich zu retten. Also muss er einen Grund gesehen haben, dir noch einmal eine Chance zu geben. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Doch er war zur Stelle, als du ihn am meisten gebraucht hast."

Snape rollte mit den Augen. "Um mich nach Gryffindor zu stecken, ist es zu spät. Der Hut hat entschieden."

"Es ist nie zu spät. Du bist das beste Beispiel dafür. Und was Miss Granger angeht, solltest du ihr dankbar sein."

"Wofür?"

"Für ihre Unvoreingenommenheit. Indem sie dir ihr Mitgefühl entgegengebracht hat, hat sie bewiesen, dass selbst in den dunkelsten Stunden Vergebung herrschen kann. Auch das war keine Selbstverständlichkeit. Sie alle haben dich für meinen Tod verurteilt."

Snape presste die Kiefer aufeinander. "Sind Sie jetzt fertig? Dann habe ich auch etwas zu sagen. Was geschehen ist, beruhte auf Ihren Plänen, Albus. Sie alle hatten Grund genug, mich zu verurteilen. Und wenn es nach mir gegangen wäre, wäre es dabei geblieben. Ich habe keinen Wert darauf gelegt, als Märtyrer aus der Sache hervorzugehen."

"Dann wäre es dir lieber gewesen, wenn dein Andenken besudelt geblieben wäre? Das glaube ich kaum. Andernfalls hättest du dafür gesorgt, dass Harry nur die für ihn bestimmte Botschaft erhält."

"Die Gedanken waren in diesem Moment nur schwer zu kontrollieren", fuhr Snape energisch dazwischen.

"Sicher doch ..."

"Das ist die Wahrheit! Ich lag im Sterben. Was haben Sie da erwartet?"

"Ja, im Sterben. Wobei du dein wahres Ich enttarnt hast, sonst hättest du deine letzten Momente wohl kaum Lily gewidmet."

Snape sprang mit einem Satz vom Stuhl auf. Der Zorn auf seinem Gesicht war überdeutlich zu erkennen. "Ich bin nicht gewillt, das weiter mit Ihnen zu diskutieren, Albus."

"Das wirst du müssen. Hast du vergessen, dass wir eine Vereinbarung getroffen haben? Du darfst solange in Hogwarts bleiben, wie du mir von Nutzen bist."

Der Professor ballte seine Hände zu Fäusten. "Es ist also alles beim Alten, nicht wahr? Nichts geschieht ohne Ihr Einverständnis."

"Ganz recht."

"Und was dann?", höhnte Snape bitter. "Wenn es eines Tages nichts mehr für mich zu tun gibt, werde ich dann entsorgt? Selbst Granger hat gespürt, dass ich nur Ihretwegen hier bin."

"Das wird sich zeigen, Severus. Auch dann, wenn du mir vermutlich widersprechen wirst, wünsche ich dir, dass du eines Tages deinen Frieden findest."

"Und wie soll ich das anstellen?"

"Indem du dich den Menschen öffnest. Dadurch, dass du dich auf diese Diskussionen mit Miss Granger eingelassen hast, hast du dich unfreiwillig auf sie zubewegt. Das ist ein Anfang."

"Aber wir können einander nicht ausstehen. Sie macht mich wahnsinnig!"

"Glaubst du wirklich, du wärst der erste Mann, der dem Wahnsinn einer Frau verfällt?"

"Nein. Aber bestimmt der letzte."

Dumbledore lächelte amüsiert. "Wie ich sehe, hast du dir Gedanken darüber gemacht."

Snape stockte der Atem. Er konnte nicht glauben, was er da gehört hatte. "Worüber, Albus?", hakte er vorsichtig nach.

"Ich rede immer noch von Miss Granger."

Entgeistert starrte der Professor sein Gegenüber an. Dumbledore hatte schon immer einen Hang dazu gehabt, im unpassendsten Moment einen Scherz auf seine Kosten abzugeben. Doch das war weitaus beunruhigender als erwartet.

"Werden Sie nicht lächerlich. Das ist doch vollkommen absurd!"

"Keineswegs. Sie ist hübsch und weiß sich zu behaupten. Obendrein ist sie ein überaus intelligentes Mädchen, was durchaus dein Interesse wecken dürfte."

"Sie ist zu jung, Albus", entgegnete er schlicht. "Mal abgesehen von all den anderen Hürden, die Sie außer Acht gelassen haben."

"Das Alter ist zu vernachlässigen. In unserer Welt ist das ohnehin kaum von Bedeutung."

„Das mag vielleicht zu Ihrer Zeit so gewesen sein", entgegnete Snape schnippisch. „Heute hat sich das geändert. Die Zaubererschaft ist kritischer geworden. Moderner. Vor allem, wer sagt, dass ich bereit wäre, mich auf sie einzulassen?"

"Wenn es nicht so sein sollte, hast du immer noch die Möglichkeit, deine Fühler nach einer Alternative auszustrecken."

"Das werde ich nicht tun."

"Dann gefällt sie dir?"

"Das habe ich nicht gesagt."

"Wo liegt dann das Problem?"

"Das Problem ist, dass sie eine Schülerin ist. Es steht mir nicht zu, derartige Gedanken zu hegen."

"Sie ist nicht gewöhnlich. Außerdem ist sie längst erwachsen. Wenn sie erst einmal ihren Abschluss gemacht hat, steht dir nichts mehr im Wege."

"Ja. Sie scheinen dabei nur einige Kleinigkeiten zu vergessen: Abgesehen davon, dass sie diesem Weasley nachtrauert, würde sie sich nicht für mich interessieren. Und andersherum genauso."

"Was dich angeht, so wissen wir beide, dass du schwierig bist. Aber nachdem du mir von eurem Aufeinandertreffen erzählt hast, halte ich es für möglich, dass sie bereit wäre, Weasley früher oder später zu vergessen. Es liegt an dir, was du daraus machst. Selbstverständlich nicht, während du sie unterrichtest. Aber eines Tages wäre es an der Zeit für euch beide, in die Zukunft zu blicken. Ob das gemeinsam sein sollte, wird sich zeigen."

Snape spannte seine Haltung unmissverständlich an. "Ich glaube, ich sollte jetzt besser gehen, bevor Ihnen noch weitere ach so umwerfende Vorschläge in den Sinn kommen."

Er entfernte sich mit langen Schritten vom Tisch. Erst bei der Tür angelangt hielt er inne und drehte sich um, sodass sein Umhang nur so rauschte.

"Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, wie erniedrigend es für den Betroffenen sein muss, in Ihre Intrigen eingebunden zu werden? Wenn Sie sich einen Spaß daraus machen, mich aufs Korn zu nehmen, ist das eine Sache. Ich bin es gewohnt. Aber ich bezweifle, dass Miss Granger das gutheißen würde. Ihr Ansehen wäre nicht länger unbescholten, sollte sie jemals mit mir in Verbindung gebracht werden. Ganz zu Schweigen davon, dass ich nicht dazu geeignet bin, mich mit ihr abzugeben."

"Du machst mich neugierig. Das solltest du mir näher erklären, Severus."

Snape schüttelte verständnislos den Kopf. "Sie können nicht aufhören, nicht wahr? Nein, schlimmer noch! Ihre Spielchen haben im Laufe der Jahre sogar noch an Dreistigkeit gewonnen."

"Ich kann mich nicht erinnern, dass du dir früher Gedanken darüber gemacht hättest, was andere fühlen."

"Früher war ich auch noch jünger. Heute bin ich ausgelaugt. Ich bin es leid, ständig jemandem zu Diensten zu sein, dem nach geschmackloser Unterhaltung zumute ist."

Erfüllt von Wut wartete er auf eine Antwort. Dumbledore jedoch ging nicht darauf ein. "Fahr fort, Severus. Was wolltest du sagen?"

Einen Moment lang sahen sie sich eindringlich in die Augen, ehe Snape zu sprechen ansetzte. "Angenommen, was Sie vorgeschlagen haben, würde Früchte tragen - was natürlich undenkbar wäre - wie sollte das funktionieren? Niemand würde eine solche Verbindung billigen."

"Sie ist schon mit ganz anderen Dingen fertig geworden, Severus. Das Urteil der Leute hat sie nicht davon abgehalten, mit Harry durch das Feuer zu gehen."

Snape kniff ungeduldig die Brauen zusammen. "Das war nicht meine Frage."

"Es ist auch nicht meine Aufgabe, dir unter die Arme zu greifen. Du bist erwachsen und musst selbst wissen, was du tust. Doch lass dir sagen, dass es mir leid täte, wenn du die Chance, die dir gegeben wurde, vergeudest. Du bist zornig auf mich, Severus. Aber du solltest es nicht auf andere sein. Denk daran, wenn ihr euch das nächste Mal gegenübersteht. Miss Granger trifft keine Schuld daran, dass dein Leben so verlaufen ist. Die trägst du ganz allein."