Thorns in my chest
Kapitel 14
Seit Anbeginn ihrer ungewöhnlichen Partnerschaft verfluchte Snape sich dafür, in dieser Abhängigkeit mit Dumbledore festzustecken. Andererseits wusste er aber auch, dass genau das ihm immer einen Vorteil verschafft hatte, denn nur so hatte er sein Vertrauen gewonnen. Jetzt, wo der Krieg vorbei und Voldemort tot war, hätte er sich streng genommen davon verabschieden können. Genau darin aber lag das Problem: Der Professor wusste nicht, wo er hin sollte. Hogwarts war der einzige Ort, zu dem er eine Bindung hatte. Sein Leben lang hatte er damit zugebracht, anderer Leute Befehle auszuführen. Er war den Bitten seines Schulleiters und Mentors nachgekommen, bis es zu spät war, auszusteigen. Immer tiefer hatte er sich in seine Intrigen verstrickt, immer mehr seine eigenen Belange in den Hintergrund gestellt. Auf dem gemeinsamen Weg, den sie so bestritten hatten, war es unvermeidlich gewesen, aufeinander zuzugehen. Somit hatte jeder auf seine Weise dazu beigetragen, Harry auf seine Aufgabe vorzubereiten.
Das war das Ziel aller Bemühungen gewesen. Und auch jetzt spürte er, dass es noch nicht vorbei war. Vermutlich würde er erst dann Frieden finden, wenn der letzte der Anhänger Voldemorts in Askaban saß. Davon jedoch waren sie weit entfernt, genau wie Dumbledore geahnt hatte.
Unzufrieden schälte er sich aus seinem Umhang und legte ihn beiseite. Wenn er nicht noch mehr Zeit vergeuden wollte, musste er handeln. Die Zeichen, die Lucius ihm genannt hatte, waren eindeutig. Doch Bellatrix auszuhorchen würde kein Vergnügen werden. Im Gegenteil. Nicht umsonst hatte er die Begegnung mit ihr hinausgezögert.
Nachdem er sich ausgezogen hatte, kniete er sich splitterfasernackt auf den Boden in seinem Schlafgemach. Daneben legte er zwei Zauberstäbe: seinen eigenen und den, den sie im Ministerium als den von Bellatrix Lestrange gekennzeichnet hatten.
Bei dem Gedanken an die bevorstehende Aktion kehrte wieder einmal die bei seinen Schülern und Kollegen verwunschene Grimasse auf sein Gesicht zurück. Wenn Minerva ihn so sehen würde, würde sie ihn ohne Umschweife hinauswerfen. Einzig und allein Dumbledore wusste, was ihm blühte. Doch das war nur ein schwacher Trost. Am Ende war er auf sich allein gestellt, wie es immer der Fall gewesen war.
Angespannt reckte er die Arme in die Luft und schloss die Augen. Mit kaum beweglichen Lippen fing er zu Summen an, ein verwunschenes Ritual, das, wenn auch etwas abgewandelt, von verschiedenen Kulturen auf dem ganzen Erdball vollführt wurde. Als er kurz darauf die Augen wieder öffnete, entzündeten sich wie von Geisterhand die Kerzen in den Leuchtern, die an bestimmten Positionen die Wände säumten.
Snape fröstelte. Die Stille hatte etwas Befremdliches an sich, obwohl er daran gewöhnt war. Auch das gehörte mit dazu, so ein Leben zu führen - hatte Dumbledore nicht von ihm verlangt, sich zu öffnen? Was für eine Ironie! Die Gerüchte, dass er mehr als jeder andere über die Dunklen Künste wusste, waren wahr. Vielleicht war er deshalb so in Verruf geraten; ein Umstand, der Dumbledore gerade recht kommen musste.
Wieder fing er zu Summen an, bis bald seine Stimme den ganzen Raum erfüllte. Er musste seinen Kopf klären, den Schmerz und den Kummer verbergen. Selbst jetzt durfte er es sich nicht erlauben, sich gehen zu lassen. Es konnte gefährlich sein, Bella zu unterschätzen.
Die Kälte, die wie bei vielen Zeremonien dieser Art durch seinen Körper kroch, lähmte beinahe den Schmerz, der mit dem Gedanken an seinen eigenen Tod einherging. Doch um sich jetzt damit auseinanderzusetzen, war nicht der geeignete Zeitpunkt. Zuerst musste er eine Verbindung zu Bella herstellen.
Snape war bereit. Er nahm den fremden Zauberstab und richtete ihn auf sich selbst.
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Der Arm, der die verblassten Konturen des Dunklen Mals trug, füllte sich übernatürlich stark mit Blut. Eine Eigenschaft, die nur die Zauberkraft eines dunklen Zaubers hervorrufen konnte. Obwohl Voldemort nicht mehr am Leben war, würde sein Zeichen doch bis in alle Ewigkeit für ein und dieselbe Sache stehen.
Snape presste die dünnen Lippen aufeinander und konzentrierte sich nur auf seine Aufgabe. Bellas Zauberstab tat genau das, was er von ihm erwartet hatte: er suchte nach seiner Herrin. In dem Gewirr aus Hautzellen und Narben erkannte er, wozu das Mal geschaffen wurde. Mühelos bahnte er sich seinen Weg um die Schlange und den Schädel, bis er sich jede noch so kleine Faser einverleibt hatte. Auf die Schmerzen, die der Besitzer des Arms zu ertragen hatte, nahm er dabei keine Rücksicht.
Erst als Snape am Rande der Besinnung war, erschien das herbeigerufene Abbild der schönen Bellatrix in seinen Visionen – nackt, wie die Natur sie erschaffen hatte. Ihre vollen Lippen, die zornigen Augen, ihre Kurven...
„Sieh an. Dass du mich besuchen kommst!"
Sogar ihre Stimme hatte gewisse Reize, wenn sie es beabsichtigte, diese zum Ausdruck kommen zu lassen. So wie jetzt.
Snape ließ scheinbar unbeeindruckt davon die Mundwinkel spielen. „Das war unvermeidlich, Bellatrix."
Herausfordernd leckte sie sich mit der Zunge über die Zähne. Dann beugte sie sich zu ihm hinab, ging in die Hocke und legte ihre Hände auf seine nackten Schultern.
„War es das wirklich?"
Der Kontakt zwischen ihnen fühlte sich täuschend echt an, ebenso wie in einem Traum. Er konnte alles spüren, alles hören, alles sehen. Sogar ihr Geruch war ihm vertraut, er raubte ihm die Sinne. Genau davor aber hatte Dumbledore ihn gewarnt. Das Dunkle Mal auf der Haut zu haben, war wie ein Fluch. Selbst nachdem es erloschen war, trug es Magie in sich, die es einem ermöglichen konnte, über den Zauberstab eines verstorbenen Todessers eine Verbindung mit ihm herzustellen. In Bellas Fall bedeutete das, dass sie zweifelsohne eine Gegenleistung verlangen würde, wenn sie bereit war, auf ihn einzugehen.
„Severus Snape. Hier, bei mir. Wo ist der Haken? Du wirst wohl kaum freiwillig zu mir gekommen sein, nicht wahr?"
Er schüttelte sanft den Kopf. „Du siehst gut aus, Bella."
Fast schon belustigt verdrehte sie die Augen. „Lass die Spielchen. Wir wissen beide, dass es dir widerstrebt, einer Frau Komplimente zu machen." Lasziv setzte sie sich neben ihn auf den Boden und hauchte ihm ins Ohr: „Also. Wärst du so freundlich, mir meinen Zauberstab auszuhändigen?"
Es war keine weitere Aufforderung nötig, um die Erregung seines Unterleibs anzufachen. Nahezu schmerzhaft stach sie hervor; sein letzter Akt lag schon zu lange zurück, als dass es ihm leicht gefallen wäre, ihr zu widerstehen.
„Du weißt ebenso gut wie ich, dass ich ihn dir nicht einfach so überlassen kann. Selbst dann, wenn ich es wollte, wirst du ihn nicht gebrauchen können."
Sie lachte auf. „Was willst du dann von mir?"
„Ich bin gekommen, um dir ein Geschäft vorzuschlagen."
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„Du mir?"
Er nickte.
„Und wieso sollte ich mich darauf einlassen? Wer sagt, dass ich dir traue?"
„Ich wusste immer, dass du mir nicht vertraut hast, Bellatrix."
„Dann solltest du auch jetzt wissen, dass ich es nicht tue."
Ein süffisantes Lächeln umspielte Snapes dünne Lippen. „Ich denke, damit kann ich leben."
Zum ersten Mal im Laufe dieser Begegnung wirkte sie verunsichert. Es war ein kleiner Schritt auf dem beschwerlichen Weg, sie dahin zu befördern, wo er sie haben wollte.
„Der Dunkle Lord, Severus. Ist er … Ist er noch da? Gib mir einen Beweis!"
Er rollte mit gespielter Unschuld mit den Augen. „Jeder will in letzter Zeit einen Beweis von mir. Wo sind nur die guten alten Zeiten hin?"
Sie wich zurück und strafte ihn mit einem Blick, der aussah, als würde sie ihm am liebsten eine Ohrfeige verpassen wollen.
Snape seufzte gelangweilt. Die Hexe jedoch hatte schon seine Hand ergriffen und sie an sich gerissen. Mit prüfendem Blick ließ sie ihre Augen über die Innenseite seines Arms gleiten.
„Es sieht so echt aus … Täuschend echt."
„Weil es echt ist", murmelte er abwesend.
Es war nicht weiter nötig, ihr etwas vorzuspielen. Der Anblick des Dunklen Mals, das durch die Zeremonie mit dem Zauberstab erweckt worden war, war gespenstisch.
„Bist du jetzt bereit, mich anzuhören?"
Bellatrix zerrte an seinem Arm und hob ihn vor ihr Gesicht. Zuerst senkte sie ihre Nase auf das Mal, dann schnellte ihre Zunge hervor und leckte daran.
Am liebsten hätte er sich spätestens jetzt zurückgezogen. Dumbledores Antwort darauf kannte er, womit ihm nichts anderes übrig blieb, als sie gewähren zu lassen.
„Und", fragte er abwertend, „bist du jetzt zufrieden?"
Sie ließ seufzend seinen Arm fallen. „Kannst du ihn kontaktieren?"
Der kritische Moment war erreicht. Er wusste, dass er vorsichtig sein musste, wenn er sich nicht verraten wollte.
„Du weißt ebenso gut wie ich, dass ich das nicht kann. Er ist untergetaucht. Niemand weiß, wo er steckt."
Offenbar unzufrieden mit seiner Antwort stieß sie ein Knurren aus. „Du glaubst also, dass er wie beim letzten Mal seine Kräfte verloren hat?"
Er nickte ernst.
„Und was, wenn nicht? Es wäre unverzeihlich, die Suche nach ihm aufzugeben."
Snape sah sie eindringlich an. „Genau deshalb bin ich hier, Bella. Es ist unsere Aufgabe, alle Kräfte zu mobilisieren. Jeder, der etwas über seinen Aufenthaltsort weiß, hat die Pflicht, die anderen zu informieren. Nur so können wir dafür sorgen, dass er sich zur Gänze von den Wunden erholt, die Potter ihm während der Schlacht zugefügt hat."
Ungläubig schüttelte sie sich. „Er kann jeden Körper haben, den er will! Wozu also warten?"
„Das weiß er. Und wenn du ehrlich bist, hätte er nicht gezögert, zuzugreifen, wenn ihm danach gewesen wäre."
„Du erwartest doch nicht etwa von mir, dass ich dir glaube, so ganz ohne einen Beweis."
Postwendend straffte er seine Haltung. „Das wirst du müssen. Du bist tot. Und hier, zwischen den Welten, kannst du ihm wohl kaum von Nutzen sein."
Als er ausgesprochen hatte, wusste er, dass er sie getroffen hatte. Beleidigt zischte sie ihn an.
„Du wagst es, meinen Nutzen für unseren Herrn anzuzweifeln? Ausgerechnet du?"
„Wieso sollte ich es nicht tun? Ich lebe noch. Du hingegen ..."
Sie kreischte auf. „Dann hol mich zurück! Ich muss ihn sehen!"
„Das kann ich nicht. Dafür ist es zu spät. Dein Körper hat diese Welt verlassen, Bella. Alles, was du bist und tust, beruht auf den Schatten deiner Erinnerungen. Du zehrst aus deiner Vergangenheit."
Vollkommen unerwartet warf sie den Oberkörper nach vorn und packte ihn an den Schultern. Dann setzte sie sich schwungvoll auf seinen nackten Unterleib und begrub den erschlafften Penis unter sich.
„Und was ist hiermit? Kannst du das fühlen?"
Zielgerichtet bewegte sie ihr Becken vor und zurück. Auch ihre Fingerspitzen waren genau da, wo er sie bis ins Mark hinein spüren konnte.
Er nickte mit trockener Kehle. Doch im Grunde seines Herzens hasste er es, sich einzugestehen, dass sie sich ihrer Reize voll bewusst war.
Der Verzweiflung nahe rieb sie ihre Brüste an seinem Körper. Sogar nach dem Tod war sie bereit, alles für ihren Herrn zu tun.
„Und das hier? Ist das auch nur ein Schatten von mir? Eine Erinnerung?"
Wieder nickte er. Obwohl er sich selbst kaum im Klaren darüber war, was mit ihnen geschah. Denn in eben diesem Moment hätte er schwören können, dass sie genauso lebendig war wie einst, als er mit ihr geschlafen hatte.
