Thorns in my chest
Kapitel 16
Der erste Gedanke, der Hermine ereilte, als sie ins Büro der Schulleiterin bestellt wurde, war der, dass Snape sie für ihr Fehlverhalten bei Professor McGonagall angezeigt hatte. Es wäre verständlich gewesen, schließlich war sie eindeutig zu weit gegangen. Im Nachhinein erschien es einfach nur absurd. Snape war ihr in der Vergangenheit weder liebenswert noch sonst irgendetwas erschienen, das ein solches Verhalten gerechtfertigt hätte. Andererseits musste sie sich aber auch eingestehen, dass der Moment, in dem sie mit ihm alleine gewesen war, durchaus das Bedürfnis in ihr ausgelöst hatte, sich ihm zu nähern. Schon alleine die Berührung seiner Hand war befremdlich und auch irgendwie erotisch gewesen.
Sehr zu ihrer Verwunderung war es nicht McGonagall, die sie empfing, sondern das Portrait ihres verstorbenen Schulleiters Albus Dumbledore. Gefangen zwischen Erwartung und Unwohlsein nahm sie am Tisch Platz und blickte dem entgegen, was er zu erzählen hatte. Dumbledore wirkte dabei ausgelassen und freundlich, ganz so, wie sie es von früher gewohnt war. Nichts an ihm deutete darauf hin, dass er sie nur sprechen wollte, um ihr mitzuteilen, dass sie für ihr Vergehen zur Rechenschaft gezogen werden sollte.
Als sie dann die üblichen Höflichkeitsfloskeln über sich hatte ergehen lassen, wagte sie es endlich, ihn nach dem Grund ihres eigentlichen Besuchs zu fragen. Entspannt lächelte ihr das Portrait entgegen.
„Miss Granger, sehen Sie, in den vergangenen Jahren hatten Sie enorme Hürden zu bewältigen. Glauben Sie bitte nicht, mir sei entgangen, wie sehr Sie sich für Harry eingesetzt haben."
"Danke, Professor."
Dumbledore nickte. "Nun, da Sie zurückgefunden haben, sieht es so aus, als hätte Hogwarts eine weitere Aufgabe für Sie."
Fragend runzelte Hermine die Stirn. "Ich glaube nicht, dass ich Ihnen folgen kann."
"Dann lassen Sie mich versuchen, es zu erklären. Entspannen Sie sich und gönnen Sie einem alten Mann das Vergnügen einer ordentlichen Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht. In meiner Lage ist das keine Selbstverständlichkeit. Und zu besprechen gibt es nun wirklich genug. Um ehrlich zu sein, fürchte ich sogar, dass dieses Gespräch schon lange überfällig ist."
Hermine lehnte sich zurück und klemmte ihre Lippe zwischen die Zähne. Von Entspannung konnte keine Rede sein. Vielmehr davon, dass sie sich fühlte, als würde ein ganzer Staat Ameisen durch ihre Gedärme krabbeln. Vermutlich war es Harry damals genauso gegangen, wenn er auf Drängen Dumbledores seine Zeit im Büro des Schulleiters verbracht hatte, ohne so richtig zu wissen, was ihn erwarten würde.
"Wissen Sie", begann Dumbledore ruhig, "wenn man bedenkt, dass uns zum Ende hin die Zeit im Nacken saß, haben Sie wirklich erstaunliches geleistet."
Sichtlich nervös begann Hermine mit den Füßen zu wippen. Solange er nicht vorhatte, sie hinauszuwerfen, war es ihr recht, ihm Rede und Antwort zu stehen. Noch lieber aber wäre ihr gewesen, wenn er sie ganz in Ruhe gelassen hätte.
"Haben Sie Harry deshalb nur so spärliche Informationen hinterlassen, weil alles viel zu schnell ging?"
"Unter anderem. Ich war körperlich geschwächt, wodurch wir einige Rückschläge hinnehmen mussten, die Tom einen deutlichen Vorteil verschafft haben."
"Wieso haben Sie Professor Snape dann nicht mehr erzählt? Es wäre bestimmt hilfreich für ihn gewesen, wo er doch so oder so schon involviert war."
"Wie ich sehe, haben Sie sich erfolgreich mit Harry ausgetauscht."
"Ich weiß von den Dingen, die er aus dem Denkarium erfahren hat."
„Das war zu erwarten, Miss Granger. Dennoch hatten auch Sie Zweifel bezüglich der Loyalität von Professor Snape."
„Natürlich hatte ich die. Und damit war ich nicht allein. Immerhin hat er Sie ermordet."
„Ja, das hat er. Sogar überaus überzeugend, wie ich gestehen muss."
„Dann haben Sie also wirklich keinen anderen Weg gesehen? Für uns alle war es eine Zeit der Ungewissheit. Keiner wusste mehr, wem er trauen konnte. Voldemort war einfach überall."
„Vielleicht verstehen Sie dann meine Zurückhaltung Severus gegenüber. Es wäre riskant gewesen, ihm in seiner Position gewisse Dinge anzuvertrauen. Immerhin musste er sich Tom ausliefern. Außerdem ist er nicht gerade sehr umgänglich. Das macht es manchmal schwierig, mit ihm zu reden."
"Das ist mir nicht entgangen", murmelte Hermine bitter. "Aus diesem Grund hätte er auch bestimmt etwas dagegen einzuwenden, dass wir so ungeniert über ihn sprechen."
"Das ist richtig. Aber nachdem Sie in letzter Zeit so weit zu ihm durchgedrungen sind wie niemand sonst, sehe ich mich dazu veranlasst, ihm etwas unter die Arme zu greifen. Mit Ihrer Hilfe, versteht sich."
"Was? Ich hatte eigentlich gehofft, dass er es für sich behalten hat ..."
Dumbledore intensivierte seinen Blick, was Hermine gar nicht behagte. "Ich weiß nicht, wie Ihnen das gelungen ist, Miss Granger, aber Sie haben geschafft, was ich nicht für möglich gehalten hätte."
Hermine sah ihn entgeistert an. "Moment mal. Wovon reden Sie Überhaupt? Ich bin mir nicht sicher, ob wir hier auf einer Wellenlänge liegen, Professor, denn Professor Snape und ich, wir - wir geraten ständig aneinander. Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, endet das in einem totalen Chaos."
Sanftmütig legte das Portrait den Kopf schief. "Finden Sie das wirklich? Meiner Erfahrung nach ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich jemand so beharrlich um ihn bemüht. Die meisten Menschen meiden ihn von vornherein."
Hermine schnaubte leise. "Das ist mir auch schon aufgefallen. Es war auch sehr merkwürdig, dass er mich nicht umgehend dafür bestraft hat. Glauben Sie mir, was ich getan habe, tut mir aufrichtig leid."
"Und das haben Sie ihm auch zu verstehen gegeben, nicht wahr?"
"Ja, habe ich."
"Sehen Sie? Trotzdem hat er die Nerven behalten und Sie nicht der Schule verwiesen. Das ist ein großer Fortschritt für ihn."
Hermine zuckte verunsichert mit den Schultern. "Ich bin immer noch hier. Also ... Es sei denn …"
"Sie haben ihn überrascht. Das ist etwas, was nicht jeder von sich behaupten kann."
Hermine spürte förmlich, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. "Glauben Sie mir, Professor, niemand war mehr überrascht als ich."
"Ah. Ein Grund, sich zu fragen, wie das passieren konnte."
"Auch das habe ich getan. Aber so leid es mir tut, ich kann es mir nicht erklären. Wenn Sie also auf krank oder unzurechnungsfähig tippen, kann ich nur zustimmen."
Das Gesicht des ehemaligen Schulleiters entspannte sich zusehends. "Keine Sorge, Miss Granger. Soweit wird es nicht kommen. Sie sind vollkommen gesund."
Hermine wirkte nicht gerade besänftigt durch sein Urteil und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl umher. "Ich bin sicher, Professor Snape wäre da anderer Ansicht."
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein."
"Dann verstehen Sie also, dass ich einfach nur ein normales Leben führen möchte? Die vergangenen Monate waren hart. Keiner wusste, ob er diesen Krieg überleben würde. Aus diesem Grund möchte ich einfach nur, dass es vorbei ist."
"Und denken Sie, dass es das sein wird, wenn Sie sich vor der Wahrheit verschließen?"
Hermine blinzelte. "Wie meinen Sie das?"
"Indem Sie Severus in den Verbotenen Wald gefolgt sind, haben Sie sich eingemischt. Sie wissen, was Lucius gesagt hat und stecken wieder einmal mittendrin."
"Aber ... Ich glaube nicht, dass das eine Rolle spielt. Da war nichts weiter."
"Nichts? Sind Sie sicher?"
Verwirrt stockte sie. Wie viel wusste er wirklich von dem, was passiert war? Oder von dem, was in ihr vorging? Konnte sie es sich überhaupt leisten, vorzugeben, dass die Begegnung zwischen Snape und Lucius Malfoy keine Spuren in ihrer Gedankenwelt hinterlassen hatte?
"Wir wissen beide, dass Sie in der Lage sind, weit vorauszudenken, Miss Granger. Jede Information, die wir erhalten, kann wichtig sein. Ich bestreite nicht, dass das, was Sie gesehen haben, verwirrend sein mag. Im Grunde genommen aber ist es logisch. Sie müssen sich nur noch entscheiden, was Sie jetzt daraus machen wollen."
Da war es wieder, dieses ungute Gefühl, das ihr so vorkam, als würde er ihr das Messer auf die Brust setzen. Genau wie damals bei Harry auch hatte er es geschafft, die Entscheidung auf sie abzuwälzen.
"Das klingt ganz so, als würden Sie es begrüßen, wenn ich – wenn ich da mitmache. Kann das sein?"
„Es liegt bei Ihnen."
Hermine traute ihren Ohren kaum. „Natürlich! Aber wenn ich es nicht tue, was dann? Weder die eine, noch die andere Entscheidung sagt mir zu. Ich möchte nicht schon wieder an etwas beteiligt sein, dass größer und bedeutender werden könnte, als ich es mir vorstellen kann."
„Ist das wirklich so? Sie haben Ihre Sache gut gemacht."
„Mag sein. Wir hatten eben Glück."
Dumbledore lächelte milde. „Wie auch immer Sie sich entscheiden, ich bin mir sicher, dass es da draußen jemanden gibt, der Ihre Hilfe brauchen kann. Vielleicht liegt es nur nicht in seiner Natur, danach zu fragen."
„Ihnen ist doch wohl klar, dass ich dabei nur den Kürzeren ziehen kann."
„Meines Erachtens nach haben Sie durchaus das Potential, sich durchzuboxen, wie man so schön sagt. Sie müssen nur erst über Ihren Schatten springen. Und noch etwas: Sie haben die bewundernswerte Eigenschaft, immer noch bescheiden zu sein, obwohl Sie bereits so viel erreicht haben. Wieso wären Sie sonst nach Hogwarts zurückgekehrt?"
Hermine senkte peinlich berührt den Blick auf die Tischplatte. Langsam aber sicher hatte sie genug von dem Gerede.
„Ich schätze, um meinen Abschluss zu machen", sagte sie leise. „Ich wusste nicht, was ich sonst tun soll."
„Sehen Sie? Selbst jetzt sind Sie verunsichert. Aber das wird sich legen. Sie werden schon wissen, was zu tun ist."
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Frustriert eilte Hermine in die Kerker, klopfte an die Tür von Snapes Büro und hoffte darauf, dass er öffnen würde. Bereits damals, als sie die Wahrheit über alles erfahren hatte, was der Professor und Dumbledore im Schilde geführt hatten, waren ihr gehörige Zweifel an den Methoden gekommen, mit denen ihr ehemaliger Schulleiter seine Ziele verfolgt hatte. Sogar Harry hatte irgendwann infrage gestellt, ob es richtig gewesen war, wie Dumbledore ihn dazu gebracht hatte, sich darauf einzulassen.
Nach einer deprimierenden Minute des Wartens hatte sie es schließlich satt und pochte erneut immer fester an die Tür. Endlich wurde geöffnet und Snape erschien im Türrahmen. Schon legte Hermine los.
"Wieso haben Sie ihm davon erzählt?"
Snape zog die Brauen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich habe wem was erzählt?"
"Dumbledore. Davon, was in der Bibliothek passiert ist."
"Ah, das. Kommen Sie rein, Granger. Ich glaube nicht, dass es klug wäre, so etwas auf dem Gang zu besprechen."
"Ich möchte aber nicht rein kommen", erwiderte sie energisch.
"Möchten Sie nicht? Hmm, das hätten Sie sich eher überlegen sollen."
Ohne Vorwarnung packte er sie am Arm und schob sie ins Innere seines Büros. Dort angekommen knallte er die Tür zu und verschränkte wieder die Arme vor der Brust.
"Also, was wollten Sie sagen?"
Hermine war sprachlos. Mit so einer Reaktion seinerseits hatte sie nicht gerechnet. "Was sollte das eben, Professor? Ich glaube nicht, dass ich das gutheißen kann ..."
"Ach ja? Dann geht es Ihnen wie mir. Ich habe nicht darum gebeten, von Ihnen gestört zu werden. Und trotzdem tauchen Sie unangemeldet hier auf und hämmern wie eine Verrückte an die Tür. Angenommen, ich hätte nicht geöffnet, weil ich verhindert gewesen wäre, hätten Sie sie dann eingetreten?"
"Das ist eindeutig übertrieben. Ich wollte nur von Ihnen wissen, wieso Sie das nicht für sich behalten haben. Dumbledore hat ziemlich merkwürdige Sachen gesagt."
„Überrascht Sie das etwa?"
„Nein. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass er nicht alles wissen muss. Schließlich ist er kein Schulleiter mehr. Es gibt durchaus Dinge, die ihn nichts angehen. Persönliches zum Beispiel. Oder eben das, was in der Bibliothek passiert ist ..."
Wie wahr! Auch er hatte genug davon, sich ständig von Dumbledore dazwischenreden zu lassen. Sein Vorschlag jedoch, jemanden um Hilfe zu bitten, kam nicht von ungefähr. Snape wusste selbst nur zu gut, dass er nicht mehr so belastbar war wie einst. Die Jahre nagten langsam und qualvoll an ihm. Außerdem war es nicht alltäglich, von einer Schlange wie Nagini gebissen zu werden.
Energisch machte der Professor einen Schritt auf Hermine zu, die sofort alarmiert die Hände von sich reckte, um ihn zum Stehen zu bringen. Dass sie keine Lust hatte, ein weiteres Mal mit ihm aneinanderzugeraten, verstand sich schließlich von selbst.
"Das ist nah genug! Finden Sie nicht?"
Er legte den Kopf schief. "Mag sein, Granger. Aber in mir regt sich das Bedürfnis, Sie zum Schweigen zu bringen. Immerzu haben Sie den Mund offen und ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Außerdem haben Sie Ihre Chance gehabt. Es wäre an der Zeit, Ihren Redefluss zu unterbrechen, damit ich zum Zug komme."
Ungläubig betrachtete Hermine Snapes Gesicht und blieb dann auf seinen Augen haften, die sie eindringlich ins Visier gefasst hatten. Nur langsam dämmerte ihr, dass er nicht mehr derselbe Mensch zu sein schien wie in all den Jahren zuvor, obwohl es natürlich lächerlich war, so zu denken.
Mit jeder verstreichenden Sekunde fühlte sie förmlich, wie ihr Herz zu rasen begann. Alles an ihm wirkte faszinierend und anziehend, genauso wie zuletzt auch, als sie die Kontrolle über sich verloren hatte. Verbissen bemühte sie sich, aus seinem Verhalten schlau zu werde, bis sie einsehen musste, dass es sinnlos war. Niemand würde je aus ihm schlau werden. Und so gab sie den Widerstand auf und ließ die Arme sinken.
"Wie soll das jetzt weitergehen, Professor. Ich glaube nicht, dass uns damit geholfen wäre, wenn ich einfach meinen Mund halte. Dafür gibt es zu viel, das ich Sie fragen möchte. Und wenn ich mich nicht täusche, ist es andersherum genauso."
Er antwortete nicht. Doch je länger er sie ansah, desto mehr bildete sie sich ein, die zwischen ihnen aufkommende Spannung knistern zu hören. Noch dazu kam, dass er einen unerwartet angenehmen Duft verströmte, der es ihr schwer machte, nicht erneut einen Fehler zu begehen.
Snape nickte. "In Ordnung. Sie haben Recht. Ich dachte, da Sie schon einmal hier sind, wäre das die Gelegenheit, Ihnen auch eine Frage zu stellen."
„Und was?", sagte sie leise. „Was wollten Sie mich fragen?"
Er wirkte verunsichert und senkte den Blick. Hermine fühlte einen kleinen Triumph in sich aufsteigen, dass sie es tatsächlich schaffen sollte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
"Ich wollte Sie um einen Gefallen bitten."
"Oh. Aber wieso sollte ich Ihnen den tun?"
"Ich habe etwas gut bei Ihnen. Meinen Sie nicht?"
"Das kommt ganz darauf an."
"Ich könnte die Angelegenheit auch auf eine andere Weise regeln. Ganz wie Sie wollen."
Hermine blinzelte. "Nur weil ich einen Fehler gemacht habe, heißt das noch lange nicht, dass Sie fortan über mich verfügen können, Professor."
"Sieh einer an. Haben Sie am Ende vielleicht doch Angst vor mir, Granger?"
"Warum sagen Sie mir nicht einfach, was Sie wollen. Das könnte mir helfen, eine Meinung zu bilden."
„Das wäre zu einfach, nicht wahr", sagte er mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme.
„Schön. Wenn Sie es mir nicht sagen wollen, bitte. Eigentlich kann ich mir schon denken, worum es sich handelt."
Interessiert horchte er auf. "Können Sie das?"
"Ja. Ich weiß mehr über Sie, als mir lieb ist. Und daher kann ich verstehen, dass es Ihnen nicht leicht fällt, mich das zu fragen. Doch nachdem Dumbledore mich zu sich gerufen hat und mich auf sehr kuriose Weise gebeten hat, Ihnen zu helfen, liegt die Sache auf der Hand."
Snape versteifte seine Haltung wie üblich, wenn er sich unwohl zu fühlen schien. "Dann haben Sie sich also Gedanken darüber gemacht?"
"Ja, habe ich."
Er schüttelte den Kopf, als würde er ihre Erklärung bereits kennen. "Sie haben keine Ahnung, worauf Sie sich einlassen, sollten Sie tatsächlich zustimmen."
"Das wäre ja auch ganz was Neues, finden Sie nicht? Seit ich Harry kenne, bin ich von einem Abenteuer ins nächste geschlittert. Ich sage nicht, dass mir die Vorstellung gefällt, jetzt genau da weiterzumachen, wo es aufgehört hat. Aber in einem Punkt muss ich Dumbledore Recht geben. Ich könnte es mir nie verzeihen, hinterher festzustellen, dass ich untätig war. So viele von uns sind gestorben ..."
"Da ist es überaus lobenswert von Ihnen, sich nun ebenfalls für die Allgemeinheit aufzuopfern."
"Das wollte ich damit nicht sagen."
"Nein?" Er nahm die Hände hoch und fuhr sich mit seinen langen Fingern durch die Strähnen, die sein Gesicht säumten.
"Es geht um viel mehr, Professor!"
"Ganz recht. Wenn Sie auf der Suche nach einem Abenteuer sind, sind Sie hier an der falschen Adresse. Außerdem haben Sie sich geirrt."
Verdutzt sah Hermine zu ihm hoch. Sein Gesicht wirkte harsch, seine Haltung angespannt. Doch das war nicht alles. Im Gegensatz zu früher hatte er aufgehört, sie mit wenigen Worten fertig zu machen. Stattdessen waren sie irgendwann dazu übergegangen, sich in komplizierten Diskussionen miteinander zu verstricken.
"Wie meinen Sie das?"
Snape atmete tief ein und schüttelte dann den Kopf. "Das ist unwichtig."
Noch immer standen sie auf für ihn untypische Weise nah beieinander, wodurch Hermine sich darin bestätigt fühlte, dass sie sich auf einer anderen Ebene zueinander bewegten als früher.
"Wie meinen Sie das?", fragte sie noch einmal. "Und erzählen Sie mir nicht, es sei etwas Persönliches."
Er verzog die Mundwinkel. "Wie auch immer. Ich kann jedenfalls nicht unter diesen Umständen mit Ihnen zusammenarbeiten. Deshalb wollte ich Sie bitten, meinem Unterricht künftig fernzubleiben. Wir befinden uns mitten im Schuljahr. Aber ich bin sicher, die Schulleitung wäre bereit, in Ihrem Fall eine Ausnahme zu machen, um es Ihnen zu ermöglichen, das Fach abzuwählen."
Wie geohrfeigt machte Hermine einen Satz zurück, der Professor jedoch nahm sie bei den Schultern und hielt Sie fest, um sie daran zu hindern, einfach davonzulaufen.
"Warten Sie, Granger. Wir müssen das klären."
Verärgert schnaubte sie ihn an: "Lassen Sie mich los!"
Der Ausdruck in seinen Augen verhärtete sich schlagartig. "In Ordnung. Aber Sie müssen sich anhören, was ich zu sagen habe."
Hermine machte sich mit einem Ruck von ihm los. Snape ließ sie gewähren und baute sich vor ihr auf.
"Besser so?"
Sie zuckte mit den Achseln. "Keine Ahnung! Ich verstehe das nicht. Was für Umstände denn? Wollen Sie damit andeuten, dass es meine Schuld ist? Bin ich tatsächlich zu weit gegangen?"
Er kniff die Brauen zusammen. "Was wollen Sie von mir hören, Granger?"
"Ich - ich weiß es nicht! Aber jedenfalls nicht das. Ich bin nach Hogwarts gekommen, um von vorne anzufangen. Ich hatte nicht vor, Schwierigkeiten zu machen. Jetzt, in eben diesem Moment, geben Sie mir unweigerlich das Gefühl, dass ich gescheitert bin."
Snape setzte ein dünnes Lächeln auf. "Sie wissen, dass es ein Fehler war, mir aus dem Schloss zu folgen. Und Sie hätten auch wissen müssen, dass es Sie unweigerlich dahin führen würde, wo Sie früher auch gestanden haben. Nun sind Sie erneut im Zentrum des Geschehens angekommen, was bedeutet, dass Sie mit jedem weiteren Schritt nur noch tiefer hineingezogen werden."
"So etwas in der Art hat Dumbledore auch gesagt."
"Und er hat recht. Obwohl ich es nur ungern zugebe."
Hermine biss sich auf die Lippe. Das Gefühl, sich die Wahrheit einzugestehen, war alles andere als gut. Doch jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie einsehen musste, dass sie nicht grundlos so gehandelt hatte. Snape konnte etwas in ihr auslösen, das noch nie zuvor jemand in diesem Maße vermocht hatte. Er brachte ohne Mühe ihr Herz dazu, ungewöhnlich schnell zu schlagen. Und wie es aussah, war es ihm nicht entgangen.
Sanft senkte er den Kopf und einige seiner Strähnen fielen ihm vor die Augen. "Verstehen Sie jetzt, warum es nicht ratsam ist, Dumbledores Vorschlag anzunehmen?"
"Ich glaube, Sie sind es, der Angst vor mir hat, Professor. Sie fürchten doch nicht etwa, dass es erneut zu so einem Zwischenfall kommen könnte?"
„Das wäre zugegebenermaßen sehr absurd."
Hermine fühlte einen Stich in ihrer Seite. Dass es so schmerzen würde, etwas Derartiges von ihm zu hören, hätte sie nicht gedacht.
„Ja, vermutlich wäre es das", sagte sie schnippisch.
„Jedenfalls können wir es nicht riskieren, es noch einmal so weit kommen zu lassen."
Leise schnaubend nickte sie. „Dann ist es wohl besser, wenn ich Dumbledore sage, dass es nicht länger meine Angelegenheit ist, mich irgendwo einzumischen. Er wird zwar nicht gerade begeistert sein, aber für Sie ist es bestimmt eine Erleichterung, nicht mehr von mir bedrängt zu werden."
„Nicht nur das", sagte er überzogen. „Am Ende profitieren wir alle davon. Ich nehme stark an, Weasley wird erfreut sein, wenn er davon erfährt, dass Sie es aufgegeben haben, mir nachzuspionieren. So haben Sie die Möglichkeit, wieder mehr Zeit mit ihm zu verbringen."
Verblüfft blinzelte sie zu ihm hoch. „Geht es hier etwa um Ron? Das ist nicht Ihr Ernst! Ich habe ihm schon seit einer Weile nichts mehr zu sagen. Er hat schließlich damit angefangen, als er mich einfach aus seinem Leben ausgeschlossen hat. Aber wissen Sie was? Im Grunde genommen hat er mir damit sogar einen Gefallen getan. Ich bin gerne frei und unabhängig. Bevor ich ihn zurücknehme, warte ich lieber auf jemanden, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann."
Snape presste seine Kiefer aufeinander. „Dann haben wir das ja geklärt, Granger."
Hermine sah ganz und gar nicht so aus, als wäre alles in Ordnung. Wütend über den Verlauf der Auseinandersetzung mit ihm stemmte sie die Hände in die Hüften. „Sie verstehen wirklich überhaupt nichts, oder?"
„Das muss ich auch gar nicht. Es reicht, wenn ich meinen Job mache. Und dabei darf ich mich nicht ablenken lassen. Von niemandem."
„Ich hatte auch nichts anderes erwartet, Professor. Aber wenn das nicht wäre, was dann? Angenommen, Sie wären nur ein ganz normaler Mann. Würden Sie es dann immer noch so absurd finden, wenn ich Ihnen gestehe, dass es mir vielleicht gar nicht leid getan hat, was dort in der Bibliothek passiert ist?"
„Wie gesagt, es ist und bleibt absurd", äußerte er hart. „Und es darf sich nicht wiederholen."
Abgeschlagen nickte sie. „Verstehe. Es hätte mich ja auch gewundert, wenn Sie anders reagiert hätten, als man es von Ihnen erwartet."
Snapes schwarze Augen blitzten mahnend auf. „Was soll das hier werden, Granger? Machen Sie mir jetzt bloß keine Vorwürfe!"
„Das wollte ich auch gar nicht. Ich hatte nur gehofft, Sie würden mich verstehen. Sie sind ein vielschichtiger Mensch, Professor. Es ist interessant, sich mit Ihnen zu unterhalten, obwohl wir so verschieden sind und unsere Ansichten voneinander abweichen. Vielleicht – vielleicht könnten wir ja darauf aufbauen und sehen, wohin es uns führt."
Er schnaubte. „Und weiter? Was schlagen Sie als Nächstes vor? Soll ich mich etwa auf Sie zubewegen und Ihnen entgegenkommen?"
Wieder einmal spürte Hermine, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Verunsichert schob sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich wollte damit nur sagen, dass es gut tut, in Ihrer Nähe zu sein. Weitaus besser als erwartet."
„Genau darin liegt das Problem, Granger", sagte er süffisant. „Sie lehnen sich zu weit aus dem Fenster."
„Vielleicht. Jedenfalls möchte ich von nun an ehrlich zu Ihnen sein. Wir haben ja gesehen, dass es keinen Sinn hat, wenn ich mir etwas vormache."
„Das mag auf gewisse Dinge zutreffen. Dennoch ist es das Beste, Abstand voneinander zu nehmen."
Hermine fröstelte bei dem abfälligen Tonfall in seiner Stimme und schlang die Arme um den Oberkörper. Sie wusste, dass es sinnlos war, weiter darauf herumzureiten. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, einfach so zu gehen. Es würde unweigerlich bedeuten, ihren Traum von einem makellosen Abschluss aufzugeben. Noch dazu kam, dass sie sich den Kopf darüber zerbrochen hatte, wie es soweit kommen konnte.
„Ist das Ihr letztes Wort, Sir?"
„Es wurde alles gesagt, Granger."
„Gut", murmelte sie leise. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und näherte sich ihm, bis sie unmittelbar vor ihm stand.
Snape versteifte sich und blickte abschätzig an ihr hinab. „Ich glaube, es wäre das Beste, wenn Sie jetzt gehen."
„Ja. Ich möchte nur sichergehen, dass ich mich nicht geirrt habe, denn als ich mit Ihnen in der Bibliothek war, hatte ich für einen Augenblick lang das Gefühl, dass Sie genauso wie ich wollten, dass so etwas passiert. Jedenfalls haben Sie mich nicht zurückgehalten."
Seine Nasenflügel erzitterten. „Was wollen Sie mir hiermit unterstellen?"
„Ich möchte lediglich eine ehrliche Antwort von Ihnen. Wenn ich Ihr Fach abwähle, dann denke ich, habe ich ein Recht darauf, zu erfahren, ob es hierbei um Sie oder um mich geht. Wenn Sie also ein Problem mit meinem Verhalten haben, ist das eine Sache. Wenn Sie das jedoch nur wollen, weil Sie sich davor fürchten, jemanden an sich heranzulassen, sind Sie ein Feigling."
Für den Bruchteil einer Sekunde sah es ganz so aus, als hätte sie seinen unbändigen Zorn, den er auf die gesamte Welt zu haben schien, auf sich gezogen. Das unruhige Heben und Senken seines vor ihr aufragenden Brustkorbs machte deutlich klar, dass sie zu weit gegangen war. Und nicht nur das. Snapes Augen bohrten sich tief in ihre, die Falte zwischen seinen Brauen pochte. Langsam nahm er die Hände hoch und umfing damit ihr Gesicht - eine Berührung, die so zart und widersprüchlich zu allem war, dass Hermine vor Erstaunen kaum noch atmen konnte.
„Sie wissen nicht, was Sie hier sagen, Granger. Es steht Ihnen nicht zu, über mich zu urteilen. Selbst wenn Sie sich eine Meinung über mich oder meine Person bilden, liegen Sie sehr wahrscheinlich falsch. Ich bin nicht dazu imstande, Ihnen das zu geben, was Sie sich ersehnen. Ich kann und will nicht die Verantwortung für das übernehmen, was Sie sehen, wenn Sie mir gegenübertreten. Es geht nicht. Denn manche Türen bleiben für immer verschlossen. Was auch immer Sie also gefühlt oder gespürt haben mögen, ist nicht richtig."
Hermine blinzelte. Seine warmen Finger auf ihrer Haut versetzten ihr ein eisiges Kribbeln.
„Nur weil es vielleicht nicht unbedingt richtig ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht real ist", sagte sie leise. „Wenn wir also vor einer verschlossenen Tür stehen, liegt es dann nicht an uns, sie zu öffnen?"
Snape zog erneut die Brauen zusammen. „Das ist wahr. Aber es ist nicht an mir, die Gegebenheiten zu ändern. Nicht als Ihr Lehrer. Und auch nicht als sonst jemand."
Ohne Vorwarnung ließ er seine Hände sinken und drehte sich von ihr weg.
„Bitte gehen Sie jetzt."
Enttäuscht schüttelte Hermine den Kopf. In ihr drehte sich alles, denn tief in ihrem Inneren hatte sie sich eine andere Antwort erhofft.
