Thorns in my chest

Kapitel 18

Seit ihrer Unterhaltung mit McGonagall war Hermine sich sicher, dass es ein Fehler gewesen war, auf Snapes Vorschlag einzugehen. Immer wieder hatte sie darüber nachgedacht und war dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass sie tatsächlich angefangen hatte, etwas für ihren Professor zu empfinden. Die Frage war nun, ob es da die richtige Lösung war, ihm aus dem Weg zu gehen, denn für gewöhnlich bevorzugte sie eine Konfrontation mit ihren Problemen, um sie zu beseitigen, ganz gleich, was Snape davon halten mochte.

Umso mehr überraschte es sie, als sie am Samstagmorgen nach dem Frühstück auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum war und von Snape aufgehalten wurde, der sie energisch in das nächstgelegene leere Klassenzimmer scheuchte. Kaum dort angelangt, drückte er die Tür hinter sich zu und stellte sich mit vor der Brust verschränken Armen davor.

"Was haben Sie Minerva gesagt?"

Ahnungslos wehrte Hermine ab. "Nichts weiter. Ich habe ihr nur gesagt, was sie wissen muss, um mich vom Unterricht mit Ihnen zu befreien."

Er funkelte sie an. "Wie es aussieht, haben Sie es geschafft, ziemliches Aufsehen zu erregen."

"Wie bitte? Es war nicht meine Idee, Zaubertränke sausen zu lassen. Sie haben mich dazu gebracht, das zu tun. Und jetzt gehen Sie zur Seite und lassen mich hinaus."

Snape zog seine Brauen zusammen, sodass eine tiefe Furche in ihrer Mitte hervortrat. Es war unschwer zu erkennen, dass er etwas anderes im Sinn hatte.

"Alles, was ich wollte, war ein Gefallen von Ihnen. Und den waren Sie mir schuldig", sagte er bitter.

"Ach ja? Das sehe ich anders. Ich wollte einfach nur meinen Abschluss machen. Sie hatten kein Recht, sich in die Planung meiner Zukunft einzumischen. Außerdem haben Sie bekommen, was Sie wollten, oder etwa nicht? Das dürfte Sie doch freuen."

Er senkte bedrohlich nah den Kopf zu ihr hinab und sah ihr direkt in die Augen. "Im Gegenteil Miss Granger. Minerva und Albus waren der Ansicht, Ihr Gesuch abzulehnen. Wenn hier also jemand bekommen hat, was er wollte, dann sind Sie es."

Irritiert starrte Hermine an seinen Strähnen vorbei in sein Gesicht. "Das wusste ich nicht. Wieso – wieso denken Sie, hat sie das getan?"

Ein hämisches Grinsen zierte mit einem Mal seine Mundwinkel, das Hermine frösteln ließ. Die Entscheidung, die McGonagall gefällt hatte, bedeutete einen herben Rückschlag für ihn.

"Fänden Sie es so unvorstellbar, dass sie Spaß daran hat, mich zu demütigen? Dabei hat Albus mir geraten, mich zu öffnen. Was für eine Ironie! Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass mir das ganz und gar nicht zusagt. Genau genommen kann ich es Minerva nicht einmal verübeln, schließlich habe ich jahrelang Verstecken gespielt und alle an der Nase herumgeführt."

Er lachte auf, nahm die Hände hoch und strich seine Strähnen zurück, wodurch Hermine einen genauen Blick auf seinen desolaten Ausdruck bekam. Es war beunruhigend, ihn so zu erleben.

„Sie müssen sich irren!"

Seine Augen wurden zu Schlitzen. „Tatsächlich? Ich kenne Minerva lange genug, um zu wissen, dass sie sich nicht umstimmen lassen wird. Wie es aussieht, haben Sie Ihr Ziel erreicht. Glückwunsch, Granger. Sie haben erfolgreich einen Narren aus mir gemacht."

Hermine biss sich auf die Lippe. Das schlechte Gewissen, mit allem begonnen zu haben, war kaum noch zu unterdrücken. Es kam ihr vor, als hätte sie eine Lawine ausgelöst, die nicht aufzuhalten war.

"Das reden Sie sich nur ein, Professor. Ich glaube nicht, dass sie damit beabsichtigt hat, Sie zu verletzen."

Snape blinzelte, entgegnete aber nichts dazu und Hermine fühlte sich dazu veranlasst, irgendetwas zu tun. Seine niedergeschlagene Gestalt hatte etwas Unwirkliches und zugleich Verletzliches an sich.

Langsam streckte sie die Hand nach ihm aus und zog sie dann wieder zurück.

„Darf ich, Professor?"

Er sah sie abschätzig an. „Was auch immer Sie vorhaben, ich bin sicher, es ist nichts Gutes."

Hermine lächelte zaghaft. „Werden Sie mir vertrauen, wenn ich Ihnen verspreche, dass ich nichts tue, was Sie nicht möchten?"

„Woher wollen Sie das wissen?"

„Machen Sie sich nichts vor. Ich war dabei, als Sie gestorben sind. Im Vergleich dazu wird das hier ein geradezu lächerlicher Spaziergang."

Ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, legte sie ihre Hand auf seine Brust.

Snape versteifte sich umgehend und Hermine konnte anhand seines unruhigen Herzschlags spüren, dass ihm diese Situation gar nicht behagte. Auch für sie war es ungewöhnlich. Doch eigentlich war es genau das, was sie sich herbeigesehnt hatte, seit er mit ihr zusammen in der Bibliothek gewesen war. Es hatte eben gedauert, bis ihr das klar geworden war.

Unschuldig blinzelte sie zu ihm hinauf. „Ich habe lange gebraucht, um mir einzugestehen, dass Menschen auch etwas füreinander empfinden können, wenn die Gesellschaft es ihnen verbietet. Wenn ich Sie also frage, was Sie fühlen, erwarte ich von Ihnen einfach nur die Wahrheit."

„Die Wahrheit? Ich denke nicht, dass Sie die ertragen würden."

„Ich bin zäher als ich aussehe."

Er schnaubte abfällig. Hermine ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken.

„Sie werden es vermutlich nicht verstehen, aber Dumbledore hatte Recht. Es täte Ihnen gut, sich zu öffnen, denn irgendwann wird es einfacher werden. Vermutlich nicht gleich. Aber ich versprechen Ihnen, dass Sie eines Tages aufwachen und feststellen, dass sich dadurch etwas geändert hat."

Vollkommen unerwartet griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Vielleicht ist das so, Granger. Aber vielleicht möchte ich auch genau das vermeiden."

Während Hermine versuchte, seine Worte zu verstehen, schob er ihre Hand beiseite und ließ von ihr ab.

„Wieso sollten Sie das wollen, Professor?", wollte sie wissen. Der Drang, den unleserlichen Blick auf seinem zerfurchten Gesicht zu entziffern, war so groß, dass es schon fast schmerzte.

„Das hat verschiedene Gründe", sagte er knapp. „Sie würden es ohnehin nicht verstehen."

Hermine schüttelte den Kopf. „Nicht, wenn Sie mir nicht dabei helfen."

Er schlug hart die Kiefer aufeinander, was deutlich werden ließ, was er davon hielt.

„Ich will Ihre Hilfe nicht."

Auf der Suche nach einer Erklärung sah sie ihn an. „Das glaube ich nicht. Sie haben nur Angst davor, weil Lily Sie abgewiesen hat. Ich weiß, dass Sie etwas gespürt haben. Aber wenn Sie es nicht zugeben wollen, werden Sie nie diese verschlossene Tür zu ihrem Herzen öffnen können, Snape."

Ein wütendes Blitzen legte sich über seine schwarzen Augen und Hermine bemerkte erst zu spät, dass sie ihn eiskalt erwischt hatte.

„Es – es tut mir leid. Ich hatte kein Recht, so respektlos zu sein."

Snape schnaubte. „Treiben Sie es nicht zu weit. Mir ist egal, wie sehr Sie sich ins Zeug legen, mich umzustimmen. Wenn Sie mich jedoch beleidigen wollen, rate ich Ihnen zur Vorsicht. Sie sind mir nicht gewachsen, Granger."

Hermine nahm ihren ganzen Mut zusammen und erwiderte seinen Blick. „Wollen Sie mir drohen?"

„Vielleicht. Wer weiß das schon so genau."

Mit einer energischen Bewegung wirbelte er herum und fasste nach der Türklinke. Im selben Moment griff Hermine nach seinem Arm.

„Warten Sie! Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu kränken. Es ist nur so, dass es mich wahnsinnig macht, wenn Sie so abweisend sind."

Seine Augen bohrten sich abermals tief in ihre, dann wanderten sie zu ihrer Hand. „Dafür ist es zu spät. Und noch etwas. Sie haben sich geirrt. In Ihrer Nähe zu sein, ist viel schmerzhafter als der tödliche Biss einer giftigen Schlange."

Enttäuscht klappte Hermine die Kinnlade runter. „Sie können einem wirklich nur leidtun, wissen Sie das? Im Grunde genommen sind Sie nichts weiter als ein grausamer Lügner."

Snape ließ die Klinke los und umfasste stattdessen mit hartem Griff ihr Handgelenk. Für einen Augenblick war Hermine sich nicht sicher, was er vorhatte, doch dann zerrte er an ihrem Arm und sie prallte unsanft gegen seine Brust. Ihre Gesichter waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt und erneut nahm sie seinen Geruch wahr, der ihr, wie zuletzt auch, fast den Verstand raubte.

„Was ist es, das Sie von mir wollen, Granger?", fragte er in einem leisen Knurren.

„Ich glaube, das wissen Sie nur zu gut. Sie müssen es sich nur selbst eingestehen."

Seine Nasenflügel bebten angespannt. „Denken Sie, ich hätte Skrupel, ein Tabu zu brechen?"

„Warum zögern Sie dann?"

Hermine spürte, wie sehr sein Herz pochte, während die Welt um sie herum zum Stillstand kam.

Im nächsten Moment senkte er seinen Mund auf ihren nieder und küsste sie ungezügelt, sodass ihr fast die Luft wegblieb.

Ebenso schnell hielt er wieder inne. „Ist es das?"

Ein weiterer harter Kuss folgte und doch fühlte sie, dass seine Lippen weich waren und förmlich nach ihren lechzten.

Sogleich erwachte eine ungeahnte Leidenschaft in Hermine. Alleine die Vorstellung von dem, was hier geschah, war so wundersam, dass sie kaum begreifen konnte, dass es real war.

Sehnsüchtig lehnte sie sich an ihn und gab seinem Drängen nach, den Kuss zu vollenden. Binnen Sekunden glich ihr ganzer Körper einer lodernden Flamme, die ihn in sich aufnehmen wollte, um ihn zu verzehren.

Dann wich er zurück. Seine wilden schwarzen Augen suchten ihre.

„Warum hören Sie nicht endlich auf, sich in Schwierigkeiten zu bringen?"

Überwältigt von seiner Tat rang sie nach Atem. „Das wissen Sie genau."

Seine Brauen sausten in die Höhe. „Tue ich das?", fragte er süffisant. „Wollen Sie mir wirklich einreden, Sie hätten sich in mich verliebt?"

Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Selbstverständlich war das, was sie in Bezug auf ihn fühlte, anders als das, was sie mit Ron geteilt hatte. Doch irgendwie lag genau darin der Reiz. Snape nahe zu sein, war aufregend, vielleicht sogar gefährlich. Sein Anblick ließ ihre Knie weich werden. Trotzdem vertraute sie darauf, dass er ihr nichts antun würde, obwohl er sie nach wie vor fest in seinem Griff hatte.

„Ich weiß nicht, was es ist, das mich dazu bringt, mich auf Sie zuzubewegen", sagte sie offen heraus. „Ebenso wenig weiß ich, warum Sie so schreckliche Angst vor mir haben. Um mich an jemanden zu binden, bin ich zu jung. Jedenfalls glaube ich, dass es nur einen Weg gibt, herauszufinden, was es damit auf sich hat, dass wir ständig aufeinanderprallen. Und der kann unmöglich gefunden werden, wenn Sie mich von sich fernhalten."

Snape sah sie an und schluckte, sodass sein ganzer Kehlkopf vibrierte. „Warum sagen Sie das, Miss Granger? Ist Ihnen noch nie in den Sinn gekommen, dass es große Probleme mit sich bringen könnte, wenn Sie das tatsächlich wollen? Nehmen wir einmal an, ich wäre bereit, mich dazu zu überwinden, Ihrem Drängen nachzugeben, was dann? Wie stellen Sie sich das vor?"

Zum ersten Mal, seit er sie in das Klassenzimmer gezerrt hatte, glaubte Hermine, so etwas wie Unsicherheit aus seiner Stimme herauszufiltern. Sofort machte sich ein Gefühl der Sehnsucht in ihr breit, das mit dem Wunsch einherging, ihn verstehen zu wollen.

Sanft umfasste sie die Knöpfe auf seiner Brust, streckte sich zu ihm empor und blickte ihm ins Gesicht. „Ich kann Ihnen nicht sagen, was in mir vorgeht, wenn ich bei Ihnen bin. Es ist unbeschreiblich. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal das Bedürfnis verspüren würde, mit Ihnen alleine zu sein. Aber es ist da. Und ich möchte herausfinden, was es noch geben kann."

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist kein Experiment, Granger."

„Warum nicht? Wieso können Sie sich nicht einfach darauf einlassen?"

Seine Mimik verzerrte sich unliebsam, kaum dass sie ausgesprochen hatte. „Ist das nicht offensichtlich?"

„Nicht für mich."

Snape seufzte tief und langanhaltend, ehe er antwortete. „Es geht nicht, Granger. Abgesehen von den moralischen Aspekten gibt es noch viele andere Gründe."

„Welche?"

Er blinzelte. „Ich bin nicht dafür geschaffen, mich mehr mit Menschen abzugeben als nötig. Außerdem würde es Ihnen nicht guttun, sich in meiner Gegenwart aufzuhalten."

„Das sollte ich selbst entscheiden, finden Sie nicht?"

Noch ehe er etwas erwidern konnte, nutzte sie die Gelegenheit und legte ihren Zeigefinger auf seine feuchten Lippen.

„Hören Sie, Professor. Es mag ja sein, dass mein Urteilsvermögen getrübt ist. Dennoch weiß ich, dass ich es bereuen werde, wenn ich nicht alles versuche."

„Und wenn Sie eines Tages feststellen, dass es ein Fehler war?"

Ein befreiendes Lächeln huschte über Hermines gerötete Wangen. Die Erinnerung an eben jagte einen wohligen Schauder durch ihren ganzen Körper.

„Alleine dieser Kuss war es wert, Professor."