Thorns in my chest

Kapitel 19

„Du wirst dich ihr erneut stellen müssen."

„Und wenn ich es nicht tue?"

Snape schüttelte sich über seine eigene Naivität. Hatte er wirklich geglaubt, die Sache umgehen zu können? Je länger er zögerte, umso schwieriger würde es für ihn werden, sich dazu zu überwinden.

So weit war er gegangen. So qualvoll nagte die traurige Gewissheit an ihm, dass Dumbledores Worte in seinem Kopf nachhallten wie eine finstere Drohung, vor der es kein Entrinnen gab. Wenn er wissen wollte, was Bella vor ihm zu verbergen hatte, war eine baldige Begegnung mit ihr unausweichlich. Doch die Vorstellung davon behagte ihm keineswegs. Vor allem nicht, da der Tag so vielversprechend begonnen hatte.

Geradezu euphorisch war er gemeinsam mit Miss Granger aus dem vereinsamten Klassenzimmer gekommen und zu einem Gespräch mit seinem ehemaligen Schulleiter aufgebrochen, das alles wieder zunichte gemacht hatte. Seither regte sich der verzweifelte Widerstand in ihm, der ihn davor warnte, erneut mit Bella Kontakt aufzunehmen.

Snape ging müde zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Nach allem, was er heute erlebt hatte, war er wirklich nicht in Stimmung, Dumbledore oder sonst jemandem einen derartigen Gefallen zu tun. Er hatte schließlich lange genug mit Körper und Geist herhalten müssen, damit andere ihre Informationen erhalten konnten. Kein Wunder also, dass er die kostbaren Momente, in denen er etwas für sich haben konnte, festhalten wollte. Momente, die sein ganzes bisheriges Dasein auf den Kopf (und alles Dazugehörige infrage) stellten.

Von einem tiefen Seufzer begleitet, fischte er eine staubige Flasche aus der untersten Schublade seines Tischs hervor und stellte sie neben einem Stapel Pergament ab. Im Grunde genommen hatte er noch nie etwas für Geschenke dieser Art übrig gehabt. Noch dazu nicht, wenn sie von Lucius stammten. An diesem Tag aber war alles anders. Er wollte begreifen, was mit ihm geschah, wenn Miss Granger in seiner Nähe war, obwohl es ihm andererseits auch Angst einjagte.

Ohne es zu beabsichtigen, schweiften seine Gedanken zu den Zügen ihres jungen Gesichts, die tief in sein Bewusstsein eingedrungen waren. Dort hatten sie Gefühle ausgelöst, die er längst tot geglaubt hatte - war es da so verwunderlich, dass es über ihn gekommen war und er sie geküsst hatte? Nach all der Zeit, in der er sich verschlossen und zurückgezogen hatte, war schlagartig das Verlangen in ihm gewachsen, sie besitzen zu wollen. Und das zu einem Maße, dem er sich kaum entziehen konnte.

Nachdenklich schob er seine Hände durch die langen Strähnen. Noch nie zuvor war er wegen einer Schülerin derart in Bedrängnis geraten. Nun gut, Miss Granger war keine gewöhnliche Schülerin, soviel stand fest. Ihre Beharrlichkeit hatte ihn tief getroffen. Sie wusste, was sie tun musste, um ihn schwach werden zu lassen und das erschreckte ihn. Es fiel ihm nicht leicht, es sich einzugestehen, doch Tatsache war, dass er nicht wusste, was er tun sollte. Sein Leben lang hatte er in Einsamkeit etwas wie das gesucht. Etwas, das ihn von Lily abgelenkt hätte. Etwas, das er für sich hätte haben können. Doch unter den Frauen, die er kennengelernt hatte, war keine so gewesen wie sie, einmal abgesehen von unbedeutenden, überwiegend sexuellen Begegnungen. Nicht einmal im Ansatz war er einer anderen Frau als Lily erlegen gewesen, bis plötzlich Miss Granger es gewagt hatte, sich ihm in der Bibliothek zu nähern. Seither hatte sich einiges verändert. Er hatte lange mit sich gerungen und dabei festgestellt, dass es vielleicht seine einzige Chance bleiben würde, das aufzuholen, was er in den vergangenen Jahren versäumt hatte.

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Aufgewühlt verbrachte Hermine den restlichen Vormittag in der Bibliothek, um in Ruhe über das nachzudenken, was geschehen war. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass es sich so gut anfühlen würde, von Snape geküsst zu werden. Schon nach der ersten Berührung seiner Lippen auf ihren, hatte sie Lust gehabt, den Kuss zu intensivieren; und das, obwohl er sich ihrer mehr oder weniger bemächtigt hatte. Doch das spielte keine Rolle. Tief in ihrem Inneren wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit über darauf hingearbeitet hatte, ihn zu verstehen. Nun, da sie diese berauschende Erfahrung gemacht hatte, war sie absolut sicher, dass sie das vertiefen wollte. Der Rest würde sich zeigen.

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Snapes Kopf dröhnte erbarmungslos, als das Klopfen an der Tür ertönte, das ihn aus dem Schlaf riss. Wer auch immer jetzt etwas von ihm wollte, konnte sicher sein, gehörigen Anschiss zu kassieren.

Wankend kam er auf die Beine und fasste nach dem Tisch, um Halt zu finden. Ein kurzer Blick auf die Flasche besagte deutlich, warum er sich so elend fühlte. Verdammt. Hätte er doch bloß die Finger davon gelassen.

Erneut hörte er das Klopfen und fluchte leise vor sich hin.

„Ja!"

Dann setzte er sich in Bewegung und stolperte zur Tür, um zu öffnen, wobei ihn fast der Schlag traf.

„Miss Granger! Was zur …" Unbeholfen räusperte er sich und versuchte es erneut. „Kann ich Ihnen helfen?"

Hermine setzte ein Lächeln auf, als wäre es ihre größte Freude, ihn zu sehen.

„Vielleicht können Sie das wirklich. Ich wollte mit Ihnen besprechen, was ich in der Bibliothek gefunden habe. Sie wissen schon, in der Sache mit Bellatrix Lestrange, die Sie in Angriff nehmen wollten."

Snape zog fragend die Brauen zusammen. Dass er sie da mit hineingezogen hatte, hatte er inzwischen ganz vergessen. Weniger erstaunlich fand er, dass sie sich damit befasst hatte. Es sah ihr ähnlich, der Sache auf den Grund gehen zu wollen.

„Dafür ist es reichlich spät, finden Sie nicht?"

„Wie Sie meinen", entgegnete sie matt. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Dann komme ich eben morgen wieder."

Er überlegte eine Weile. Morgen wäre es ebenso ungünstig wie jetzt, schließlich erwartete Dumbledore von ihm, dass er heute Nacht die Session mit Bella abhalten würde. Der Nachteil an einer Angelegenheit, die so kräftezehrend war, war schlicht und ergreifend der, dass er nicht wusste, in welcher Verfassung er morgen sein würde. Der Vorteil, den er sich ausgerechnet hatte, bestand hingegen darin, dass er durch den Rausch nicht ganz bei sich war, wenn er mit ihr alleine sein musste.

„Hören Sie, es macht mir wirklich nichts aus, Professor. Wie ich sehe, haben Sie zu tun ..."

Snape wankte verunsichert von einem Bein aufs andere und Hermine rümpfte die Nase. Selbst das diffuse Licht in seinem Büro konnte die Tatsachen nicht länger vor ihr verbergen. Seine Kleidung war nicht so penibel wie üblich, seine Haltung ziemlich schräg.

„Haben Sie etwa getrunken?"

Wie von Schmerz durchzogen zuckte der Professor zusammen. Dass es ihm unangenehm war, so darauf angesprochen zu werden, war nicht zu übersehen. Noch dazu von ihr.

„Ein Geschenk von Lucius", murmelte er knapp, während seine Finger durch die unordentlichen Strähnen fuhren, als würde er sie glätten wollen.

Hermine nickte. „Verstehe."

Ihm entging nicht die Schwankung in ihrer Stimme. Allem Anschein nach hatte es sie getroffen.

„Das tut mir jetzt aufrichtig leid, Miss Granger. Aber es ist in der Tat sehr ungünstig. Ich stecke mitten in den Vorbereitungen zur Kontaktaufnahme."

„Dann haben Sie ohne mich angefangen?"

Überrascht von ihrem Geistesblitz suchte er nach Worten. Obwohl er nicht gerade in bester Verfassung war, war er sich doch ziemlich sicher gewesen, dass sich das erübrigt hätte.

„Ich ging davon aus, wir hätten eine Vereinbarung getroffen, Miss Granger."

„Sie meinen, dass wir voneinander Abstand nehmen sollen? War das nicht, bevor Sie mich geküsst haben?" Energisch schüttelte sie ihre Locken. „Kommen Sie schon! Ich würde Ihnen wirklich gerne behilflich sein."

Snape räusperte sich. „Das ist sehr umsichtig von Ihnen. Aber nein, es geht nicht."

Hermine stutzte. „Warum nicht?"

Er verzog leidig das Gesicht. „Weil Sie das nicht sehen wollen. Glauben Sie mir."

„Hängt das nicht vielleicht doch damit zusammen, dass Sie getrunken haben? Sie können ruhig ehrlich zu mir sein. Ich werde McGonagall nichts davon erzählen ..."

„Das ist auch gar nicht nötig", wehrte er eifrig ab. Ärger mit Minerva war so ziemlich das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. „Glauben Sie mir, auch das hat seine Gründe. Manchmal ist es durchaus von Vorteil, nicht ganz da zu sein."

Enttäuscht senkte Hermine den Blick. „Ich hatte gehofft, wir könnten das zusammen tun. Ich habe nämlich noch ein Hühnchen mit Bella zu rupfen, seit sie mich damals gefoltert hat."

„Das halte ich für keine gute Idee."

„Aber ich dachte, seit Sie mit mir in der Bibliothek waren, hätte sich etwas zwischen uns geändert."

Das Flehen in ihren braunen Augen war beinahe unerträglich für ihn. Seufzend machte er einen Schritt auf sie zu, legte seine Hände auf ihre Schultern und sah sie an, so eindringlich es ihm möglich war.

„Das ist richtig, Granger. Aber heute geht es nicht. Es ist dringend erforderlich, dass ich dabei mit Bella alleine bin."

Er verstummte und hatte das unbändige Bedürfnis, sich die Zunge abbeißen zu wollen. Warum hatte er das gesagt? Warum musste er sie überhaupt fortschicken, obwohl er es im Grunde genommen gar nicht wollte? Vielleicht würde es sogar ganz interessant werden, sie dabei zu haben. Natürlich nur, um Bella zur Weißglut zur treiben...

Angestrengt blinzelte er und suchte daraufhin wieder ihren Blick. Ein Stelldichein mit diesen beiden Frauen zusammen würde sogar gegen seine moralischen Prinzipien verstoßen.

„Es tut mir leid."

Hermine nickte. „Gute Nacht, Professor. Und viel Erfolg mit Bella."

Es war nicht schwer, zu hören, dass ihr sein Vorhaben missfiel. Die Ironie in ihrer Stimme hing geradezu drückend in der Luft, als sie sich von ihm loslöste und kehrtmachte.

Verdammt! Wäre er nicht so dicht gewesen, hätte er bestimmt eine Erklärung für alles gefunden. Doch in diesem Zustand blieb ihm nichts anderes übrig, als sie ziehen zu lassen.