Thorns in my chest
Kapitel 20
Mit Tränen in den Augen lief Hermine geradewegs zurück zum Turm der Gryffindors. Allem Anschein nach hatte sie sich gewaltig in Snape getäuscht. Wie konnte sie nur so blöd sein, zu glauben, dass er anders wäre als Ron? Niemand, der ihr ebenfalls etwas bedeutete, schien es ernst mit ihr zu meinen. Das Verhalten des Professors hatte ihr deutlich gezeigt, dass es irrsinnig war, es überhaupt mit jemandem wie ihm zu versuchen.
Vor dem Portrait der Fetten Dame wischte sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht, um die Tränen zu trocknen, da kam vollkommen unerwartet Professor McGonagall aus dem Loch geklettert.
„Hier sind Sie, Miss Granger. Ich habe bereits nach Ihnen gesucht."
„Tatsächlich?"
Hermine zog die Nase hoch und wurde skeptisch von McGonagall beäugt.
„Alles in Ordnung mit Ihnen? Sie wirken etwas zerstreut."
Zaghaft zuckte sie mit den Schultern. „Ich bin mir nicht sicher."
„Wollen Sie darüber reden?"
„Es würde vermutlich nichts bringen."
„Sie könnten es ja einmal versuchen."
Bedrückt seufzte sie. Warum eigentlich nicht? McGonagall war zwar immer streng gewesen, dafür aber auch aufrichtig. Vielleicht würde es ihr helfen, ihr von ihren Sorgen zu erzählen. Schlimmer konnte es ja kaum noch kommen.
„Ich denke, dass es ein Fehler war, nach Hogwarts zurückzukehren. Seit ich hier bin, geht alles drunter und drüber. Gut, teilweise war es meine Schuld. Aber trotzdem würde ich gern wissen, wieso es mir so schwer fällt, mich wieder hier einzuleben. Die meisten Schüler und Lehrer respektieren mich zwar, aber eben nicht alle. Ich fürchte, wenn das so weiter geht, werde ich nicht bis zum Ende des Schuljahres bleiben."
Überrascht horchte McGonagall auf. „Es wäre ein Jammer, wenn Sie die Chance nicht nutzen würden."
Hermine schüttelte den Kopf und ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen.
„Seien wir doch mal ehrlich, Professor. Sie sagen das nur, um mich bei Laune zu halten. Aber seit ich hier bin, habe ich Schwierigkeiten, mich zurechtzufinden. Ich bin nicht mehr wie früher. So viel hat sich geändert. Ich habe mich verändert."
McGonagall runzelte die Stirn. „Dann wollen Sie also aufgeben?"
„Vielleicht. Ich glaube, es wäre das Beste, wenn ich erst mal für eine Weile in das Haus meiner Eltern ziehe und sehe, was dort noch zu retten ist. Ich habe die Tatsache, dass noch jede Menge Arbeit auf mich wartet, zu lange verdrängt. Sie fehlen mir und es wäre an der Zeit, sie zurückzuholen. Jedenfalls sollte ich es versuchen."
Verständnisvoll nickte die Schulleiterin. „Ich hatte befürchtet, dass das der Grund für Ihre Zerrissenheit sein könnte. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher."
„Wie – wie meinen Sie das?"
„Nun ja, nachdem Sie mich neulich gebeten haben, Sie vom Unterricht mit Professor Snape freizustellen, blieb mir nichts anderes übrig, als der Sache auf den Grund zu gehen. Sie haben getan, was Sie konnten, um Ihre Eltern zu beschützen. Daher wissen Sie tief in Ihrem Inneren, dass es ihnen gut geht. Wenn Sie also nach der Ursache für Ihre Unruhe suchen, sollten Sie das hier tun. Ich fürchte, zwischen Ihnen und Professor Snape ist das letzte Wort noch nicht gesprochen."
"Was ... verzeihen Sie, was genau hat das zu bedeuten?"
"Sie haben auf mich nie den Eindruck gemacht, die Dinge einfach auf sich beruhen lassen zu wollen. Wenn Sie also jetzt aufgeben, werden Sie nicht damit zufrieden sein. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich kann und werde es nicht tolerieren, wenn Sie und Professor Snape sich an Hogwarts unangemessen verhalten. Diese Schule ist eine wichtige Institution für alle zukünftigen Generationen an Hexen und Zauberern, was bedeutet, dass die Regeln und alle vorherrschenden moralischen Prinzipien strengstens eingehalten werden müssen. Aber darüber hinaus gibt es kein Gesetz, dass Ihnen einen Umgang miteinander verbietet."
Hermine schluckte. "Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass Sie es befürworten, wenn wir uns näher kommen?"
"Sagen wir es so: Ich werde Ihrem Glück nicht im Weg stehen, wenn Sie mir versichern, die Situation nicht auszunutzen. Wir haben Ihnen und Professor Snape viel zu verdanken. Deshalb ist es nur fair, Ihnen beiden die Gelegenheit zu geben, sich im Umgang miteinander zu arrangieren."
Hermine war baff. Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. "Haben Sie deshalb mein Gesuch abgelehnt?"
"Unter anderem. Ich stehe nach wie vor dazu, dass es bei Ihrem Intellekt eine Verschwendung wäre, wenn Sie es versäumen, Ihren Abschluss nachzuholen."
Hermine nickte nachdenklich. Wenn das stimmte, was McGonagall gesagt hatte, würde sie nicht weiterkommen, indem sie einfach aufgab. Trotzdem wusste sie nicht, was sie anstellen sollte, um mit Snape klar zu kommen.
"Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"
Verunsichert klemmte Hermine ihre Lippe zwischen die Zähne. "Darf ich Sie was fragen?"
"Nur zu."
"Auch dann, wenn es etwas heikel ist?"
McGonagall schürzte die Lippen, während Hermine die Farbe ins Gesicht stieg.
"Geht es etwa um Severus?"
"Ich fürchte ja."
"Das dachte ich mir. Ich kenne ihn, seit er hier zur Schule gegangen ist. Deshalb bin ich sicher, dass ich damit umgehen kann. Ich hätte mir nur hin und wieder gewünscht, dass er sich mir mehr anvertraut."
Hermine musste unweigerlich lächeln. Wie es aussah, war sie doch nicht die Einzige, die sich Gedanken um den Professor gemacht hatte.
"Was ist, wenn ich mich geirrt habe? Professor Snape war heute Abend sehr merkwürdig mir gegenüber."
"Überrascht Sie das etwa? Miss Granger, nach all den Jahren hier bei uns, sollten Sie sich an die Gegebenheiten gewöhnt haben. Severus war noch nie ein einfacher Zeitgenosse. Und das wird er auch nie sein."
Abgeschlagen nickte sie. "Ich weiß. Es fällt mir nur schwer, damit umzugehen, seit ich weiß, dass ich etwas anderes in ihm sehe als früher."
"Daran werden Sie sich gewöhnen müssen. Er wird sich noch schwerer tun als Sie, sich auf jemanden einzulassen. Erwarten Sie also nicht zu viel von ihm. Trotzdem bin ich sicher, dass er sich nicht so verhalten hätte, wenn das, was zwischen Ihnen vorgefallen ist, bedeutungslos für ihn gewesen wäre. Er wollte Sie schützten, als er sich dazu entschieden hat, Sie nicht mehr unterrichten zu wollen. Das sollten wir auf keinen Fall vergessen."
"Mich schützen?"
"Wie würden Sie es bezeichnen?"
"Ehrlich gesagt dachte ich, er hatte vor, sich an mir zu rächen."
"Wofür?"
"Dafür, dass ich ihm hinterher spioniert habe."
McGonagall verdrehte überzogen die Augen. "Wie es aussieht, haben Sie noch viel Arbeit vor sich, wenn Sie das durchziehen wollen, was Sie sich da angefangen haben. Ich nehme an, er hat es nicht gerade geschickt angestellt, Ihnen sein Verhalten zu erklären."
Mit einem Schlag war Hermine wie verwandelt. Neue Hoffnung keimte in ihr auf, denn wenn sogar McGonagall bereit war, ihr unter die Arme zu greifen, konnte es noch nicht zu spät sein, ihren Weg zu finden.
"Jetzt, wo Sie es sagen, klingt alles so logisch. Bestimmt hatte er seine Gründe, so zu reagieren, nicht wahr?"
"Sie sollten ihn bei Gelegenheit einfach danach fragen. Und lassen Sie ihm Zeit. Sie wissen ja, dass er es nicht leicht hatte."
"Vielleicht lag der Fehler auch bei mir. Ich sollte langsam wissen, mit wem ich es zu tun habe."
"Gut, dass Sie das so sehen. Dann wissen Sie ja auch, was Sie zukünftig erwartet. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss weiter. Alles Gute, Miss Granger."
Hermine spürte ein Kribbeln in ihrer Nase. Zutiefst gerührt fiel sie ihrer Professorin um den Hals.
"Sie wissen gar nicht, wie sehr Sie mir damit geholfen haben. Die ganze Zeit über dachte ich, dass ich verrückt sein muss, dass mir so etwas passiert."
McGonagall brachte sie schmunzelnd auf Abstand zu sich und sah sie an.
"Ich denke nicht, dass Sie verrückt sind. Sie sind nur durcheinander, schließlich ist diese Situation alles andere als einfach."
"Wem sagen Sie das! Ich hätte selbst nie gedacht, dass Professor Snape je so ein Chaos in meinem Leben auslösen würde."
"Das glaube ich Ihnen gern. Aber wenn es Sie beruhigt, werde ich Ihnen sagen, dass Sie damit nicht alleine sind. Sie beide haben trotz aller Differenzen ähnliche Interessen - da fällt mir ein, Mr. Potter war im Schloss, um Sie zu besuchen. Ich dachte, das sollten Sie wissen."
Erleichtert über den Verlauf ihres Gesprächs atmete Hermine auf. "Danke, dass Sie so offen waren. Ich weiß das zu schätzen, Professor."
xxx
Die Aufregung vom Samstag war durch die Unterhaltung mit Professor McGonagall fast gänzlich verflogen und Hermine nahm sich vor, zuerst mit Harry zu reden, um den Grund seines Besuchs herauszufinden, bevor sie weitere Schritte in Sachen Snape unternehmen wollte. Es war nicht leicht, ihre Gefühle für den Professor hintenan zu stellen, wo sie doch endlich erkannt hatte, was dahinter steckte. Trotzdem redete Hermine sich ein, ein Zeichen ihres guten Willens zu setzen, indem sie ihm die Gelegenheit gab, sich selbst zu erklären.
Nachdem sie zeitig am Sonntagmorgen ihre Eule an Harry verschickt hatte, ging sie innig in ein Buch vertieft zum Frühstück in die Große Halle und setzte sich an den Tisch der Gryffindors. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie merkte, wie ruhig es hier war. Nur wenige Schüler waren schon auf den Beinen. Die meisten (Ginny eingeschlossen) hatten wohl in der Nacht zu lange wach gelegen und Unfug getrieben. Vorsichtig blickte sie sich um und erkannte sofort den Vorteil, der sich ergab, so ungestört zu sein: Niemand konnte ihr die Sicht auf den Lehrertisch versperren, an dem Snape saß.
Sofort fing Hermines Herz wie wild zu schlagen an. Es war nicht das erste Mal, dass ihr das in seiner Gegenwart passierte, doch erst seitdem sie sich eingestanden hatte, was mit ihr los war, war es so richtig schlimm geworden.
Nachdem sie sich halbwegs wieder gefasst hatte, riskierte sie einen zweiten Blick und bemerkte, dass er sie zwischen seinen Strähnen hindurch die ganze Zeit über beobachtet haben musste. Irritiert stürzte sie sich aufs Frühstück und fragte sich, was wohl in ihm vorgehen mochte. Erst nachdem sie fertig war, wagte sie noch einen Blick in seine Richtung. Snape jedoch war längst verschwunden, wodurch die Unsicherheit in Hermine zurückkehrte, die sie jedes Mal aufs Neue verspürte, wenn er ihr die kalte Schulter zeigte. Und dieses Gefühl war alles andere als gut. In seinen Augen, die so viel gesehen und erlebt hatten, musste sie unerfahren und unbedeutend wirken.
Nervös schob sie ihren Teller beiseite. Was wäre, wenn McGonagall sich irrte? Vielleicht hatte er in Wahrheit gar kein Interesse an einer jungen Frau wie ihr. Immerhin hatte er sein ganzes Leben Harrys Mutter nachgetrauert, ohne dass jemand davon wusste.
Hermine verdrängte die Gedanken schnell, schnappte sich ihr Buch und stürmte aus der Großen Halle. Es gab nur einen, der ihr diese Fragen beantworten konnte. Und solange sie nicht wusste, was der dazu zu sagen hatte, musste sie aufhören, sich verrückt zu machen.
