Thorns in my chest
Kapitel 24
„Ich habe nicht erwartet, dich so bald wiederzusehen", sagte Dumbledore milde.
„Lassen Sie das. Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt."
Das Portrait an der Wand deutete auffordernd mit den Augen zu dem ausladenden Stuhl hinter dem Tisch, der den Schulleitern von Hogwarts vorbehalten war. „Setzt dich. Deinem Blick nach zu urteilen, gehe ich davon aus, dass diese Unterhaltung etwas länger dauern könnte."
Snape knurrte und ließ sich unsanft darin nieder. Er hatte schon einmal deutlich bessere Laune gehabt.
„Sie versammeln sich einmal in der Woche, um Neuigkeiten auszutauschen", begann er passiv. „Ort und Zeitpunkt ist jedes Mal ein anderer."
Nachdenklich nahm Dumbledore seine Brille ab und betrachtete die Gläser. „Wie kann sie das wissen? Sie ist tot."
Snape zuckte mit den Schultern. „Es gibt noch andere Quellen."
Sichtlich überrascht setzte der ehemalige Schulleiter die Brille wieder auf und sah sein Gegenüber an. „Welche?"
„Lucius hat Kontakte."
„Sind sie vertrauenswürdig?"
„Dafür gibt es keine Garantie. Doch in den meisten Fällen lassen sie sich gegen Bezahlung überreden, etwas preiszugeben."
„Wir beide wissen, unsere Ressourcen sind nicht unerschöpflich, Severus. Der Orden wird größtenteils von Spenden finanziert."
„In der Tat."
Dumbledore lächelte neugierig. „Ich habe mich immer gefragt, wie du das anstellst, nur leider sind wir nie dazu gekommen, darüber zu reden."
„Wir müssen es auch jetzt nicht tun", antwortete Snape kühl.
„Doch, das sollten wir."
Der Professor holte Luft. „Die Schule ist in der Lage, bedenkliche Rohstoffe zu kaufen, zu denen den meisten Zauberern der Zugang verwehrt wird. Wir haben ein erstklassiges Labor, Albus. Und ich bin ein Meister darin, jedes nur erdenkliche Gebräu herzustellen. Denken Sie da wirklich, ich bin nicht in der Lage, Drogen unters Volk zu mischen?"
Dumbledore wippte abwesend mit dem Kopf. „Verstehe. Deshalb bist du stundenlang dort unten beschäftigt. Und weiter?"
„Bestenfalls hilft nur noch rohe Gewalt."
„Das dachte ich mir. Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus."
„Sie reden von Bella?"
„Ja."
„Nun, sie hat versteckte Andeutungen gemacht. Namen, Daten, Orte … Im Grunde genommen hat sie nichts Konkretes gesagt. Aber jeder Hinweis könnte uns weiterbringen. Also bin ich dem nachgegangen ..."
Dumbledore hob die Hand und Snape verstummte augenblicklich. Die ohnehin schon knisternde Anspannung im Raum war binnen Sekunden gewaltig angestiegen.
„Wie ist es dann möglich, dass wir nichts davon wussten?", fragte das Portrait scharf. „Wenn sie die ganze Zeit über informiert war, heißt das vielleicht, dass Tom Vorkehrungen getroffen hat."
Von einem tiefen Seufzer begleitet schob der Professor seine Hände durch die Haare. „Die Auroren sind zu sehr von sich eingenommen. Ich konnte Moody nie leiden. Aber er hatte wenigstens ein Gespür für das, was er tat. Alle anderen denken nicht weiter. Sie suhlen sich in ihren Erfolgen, dann werden sie träge. Aber sie irren sich, wenn sie glauben, dass es vorbei ist. Auch dann, wenn die Gefahr nicht mehr so groß ist, wie einst, gibt es keinen Grund, sich auszuruhen. Wir müssen auf der Hut sein. Bereits im ersten Krieg hatte der Dunkle Lord treu ergebene Anhänger, von denen immer noch einige auf freiem Fuß sind. Solange sie nicht gefasst sind, geht der Spuk weiter. Todesser nehmen überwiegend reinblütige Mitglieder in ihre Mitte auf, die keine Perspektiven haben. So können sie sichergehen, dass sie leicht beeinflussbar sind. Voraussetzung ist, dass sie eine Mutprobe bestehen, was die Übergriffe auf Muggel erklären könnte, die dem Ministerium nach wie vor zu schaffen machen. Jeder Auror sollte das inzwischen wissen. Stattdessen geben sie Interviews und lassen sich im Tagespropheten ablichten. Das ist geschmacklos und nur wenig effektiv, wenn Sie mich fragen."
Das Portrait nickte. „Ich verstehe, dass du um die Arbeitsmoral der Auroren besorgt bist, schließlich hast du schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht", erwiderte Dumbledore beflissen. „Es ist schwer, gutes Personal zu finden. Aber ich rede nicht von den Auroren. Besonders nicht von den angehenden. Harry und Mr. Weasley werden ihren Weg schon finden. Doch lassen wir das. Im Grunde rede ich von dir, Severus."
Snape starrte ihn mit offenem Mund an. „Von mir? Was soll das heißen?"
„Du warst immer im Zentrum. Lass uns das klarstellen. Und Bella wusste davon, richtig?"
Snape presste hart die Kiefer aufeinander. Der Tonfall in Dumbledores Stimme behagte ihm gar nicht, doch dieser redete ungehalten weiter.
„Ich weiß, dass es nicht leicht gewesen ist, sie davon zu überzeugen, dass du auf ihrer Seite warst. Bella war schon immer misstrauisch. Ganz besonders dir gegenüber, sonst hätte sie wohl kaum darauf bestanden, dass du den Schwur für Draco ablegst. Aber hier geht es darum, das Nest ausfindig zu machen. Solange wir nicht wissen, wie viele Todesser immer noch auf freiem Fuß sind, haben wir keine Garantie dafür, dass es nicht einen neuerlichen Aufstand geben wird."
Snape betrachtete abschätzig das Portrait seines Mentors. Er wusste, was jetzt kommen würde. Und beinahe nichts war schlimmer für ihn, als Dumbledores Vorwürfe über sich ergehen zu lassen.
„Also, Severus, wie konnte dir das durch die Lappen gehen?"
Ungläubig schüttelte Snape den Kopf. „Er hat eben nicht alles auf eine Karte gesetzt, so wie wir das getan haben. Er war nicht alleine, sondern umgeben von jenen, die sich bereit erklärt haben, für ihn und seinen Wahn zu sterben. Und ganz besonders musste er auch nicht wie ein Gefangener in diesem Schloss ausharren, wie ich es tat."
Dumbledores Augen blitzten auf. „Du denkst also, er hatte einen Plan B? Obwohl er keinen Nebenbuhler neben sich geduldet hat, hat er jemanden dazu bestimmt, seine Nachfolge anzutreten?"
Snape nickte knapp. „Ja. Es wäre möglich, dass es jemanden gibt, der sie zusammenhält, vielleicht sogar vereint."
Das Portrait neigte interessiert den Kopf zur Seite. „Es wäre möglich? Severus, ich werde das Gefühl nicht los, dass du mir etwas verschweigst."
Eine Weile wurde es still, ehe der Professor sich gesammelt hatte. Nach all der Zeit, die er so mit Dumbledore abgehalten hatte, kam er sich in Situationen wie diesen immer noch wie ein Schuljunge vor, der das Gefühl nicht loswurde, versagt zu haben.
„Es wird gemunkelt, dass er einen Sohn gezeugt hat", sagte er knapp.
Dumbledore wurde mit einem Schlag bleich. „Einen Sohn? Wann soll das gewesen sein?"
„Vor einigen Jahren. Bevor er seinen Körper eingebüßt hat."
„Das sind sehr beunruhigende Neuigkeiten", murmelte das Portrait schockiert zurück. „Wenn das stimmt, muss er noch vor der Zeit gezeugt worden sein, als die Potters getötet wurden."
Snape richtete sich auf und erwiderte steif den Blick seines Gegenübers. „In der Tat. Es könnte jeder sein, vermutlich niemand von Bedeutung. Oder jemand, von dem wir es nicht erwartet hätten."
„Und wer soll die Mutter sein?"
Erneut nahm Snape seine Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Es reicht. Ich habe genug. Ich bin raus. Das hier ist nicht länger meine Angelegenheit!"
„Du willst also aufgeben?", fragte Dumbledore höhnisch.
„Mir ist gleich, wie Sie es nennen. Ich kann nichts mehr für den Orden tun."
„Da irrst du dich. Ist dir nicht klar, was das bedeutet?"
Snape schüttelte den Kopf. „Halten Sie mich wirklich für so einfältig? Wenn sie ihn bisher so erfolgreich vor uns in ihren Reihen versteckt haben, könnten sie nun aus einem völlig unbedeutenden Mann einen neuen Tyrannen erschaffen."
„Dann weißt du, wie gefährlich es ist, wenn wir diese Informationen nicht mit größter Sorgfalt behandeln", stellte Dumbledore klar.
„Ja, ich weiß es. Aber die Zeiten haben sich geändert, Albus. Ich bin aufgeflogen. Niemand würde mich mehr als einen von ihnen akzeptieren. Das heißt, ich bin wertlos als Spion und Informant gleichermaßen."
„Du kannst uns immer noch von Nutzen sein."
Snape schnaubte abfällig. „Indem ich weiterhin Tote aushorche? Das ist doch keine Lösung!"
Dumbledore sah mahnend über den Rand seiner Brille auf ihn hinunter. „Du hast geschworen, Harry zu beschützen. Alleine deswegen kannst du nicht einfach aufgeben."
„Und das habe ich getan. Nicht nur ihn, sondern jeden von ihnen."
"Dann verstehst du sicherlich, dass es unsere Pflicht ist, weiterhin aktiv zu sein ..."
Der Professor verzog unliebsam die Mundwinkel. "Glauben Sie nicht, dass ich mir selbst Tag und Nacht Gedanken darüber gemacht habe? Nahezu die Hälfte meines Lebens habe ich dieser Sache geopfert. Aber ich kann das nicht länger tun, Albus. Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich alles getan habe und tun würde, um es ein für alle Mal zu beenden. Und wenn Sie es von mir verlangen, werde ich es weiterhin tun. Aber ich bitte Sie, haben Sie ein Einsehen! Ich werde zu alt dafür. Meine Lebensweise war nicht gerade vorteilhaft; mein Körper ist geschwächt. Außerdem würde ich mir wünschen, die mir verbleibende Zeit nicht so verbringen zu müssen. Albus, Sie wissen, dass ich selbst am meisten unter dem gelitten habe, was ich getan habe. Aber wenn mir wirklich noch eine Chance gegeben wurde, wie Sie es glauben, dann nur, um mit mir selbst Frieden zu schließen."
"Mit anderen Worten, du möchtest, dass ich dir meinen Segen gebe, damit du dich zurückziehen kannst."
Snape nickte kurz angebunden und starrte auf seine Hände, die ineinander gefaltet in seinem Schoß lagen.
"Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Severus. Aber du klingst ernst. Es erstaunt mich, dass du bereit bist, deine Einstellung dem Leben gegenüber zu ändern."
Am liebsten hätte der Professor darüber gelacht, so wie er es früher getan hatte. In Wahrheit aber war ihm mehr danach zumute, einfach alles hinzuschmeißen. Es war ihm noch nie leicht gefallen, Dumbledore um einen Gefallen zu bitten. Schon damals, als er zu ihm gekommen war, um ihn flehentlich um Schutz für Lily zu bitten, hatte er sich selbst aufgegeben. Aber jetzt, wo er seine Pflicht Potter gegenüber erfüllt hatte, hoffte er inständig, dass Dumbledore ihn erlösen und von seinen Diensten freistellen würde. Andernfalls würde sich nie etwas für ihn ändern.
"Ich kann mir schon denken, wer dahintersteckt", sagte das Portrait ruhig.
Beklommen blickte Snape auf und sah sein Gegenüber an. "Dann verstehen Sie bestimmt, dass ich nicht darüber reden möchte. Wenigstens diese eine Sache möchte ich für mich alleine haben."
„Das sei dir vergönnt", antwortete Dumbledore mit gütiger Miene, als wäre zuvor nichts zwischen ihnen geschehen. „Aber willst du mir die Freude darüber wirklich verwehren? Ich hatte immer gehofft, dass du eines Tages diesen Weg einschlagen würdest. Immerhin warst du der Einzige von all seinen Anhängern, der mutig genug war, zu mir zu kommen. Und es war nicht umsonst, wie ich sehe."
Snape spannte seine Kiefermuskulatur an. Sich seine Gefühle für Hermine einzugestehen, war schon schwer genug gewesen. Es jedoch vor ihm zuzugeben, war beinahe unerträglich. "Ich hätte es selbst kaum für möglich gehalten", murmelte er leise zurück.
Dumbledore lächelte. "Das ist mir nicht entgangen. Du hast dich lange genug dagegen gewehrt."
Der Professor wendete den Blick ab. Beunruhigt glitten seine Augen durch den Raum. Es war schwer, zu sagen, wie Dumbledore auf seine Bitte reagieren würde. Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte er es noch für unmöglich gehalten, dass er ihn jemals freigeben würde, schließlich hatten sie beide ein und dasselbe Ziel verfolgt. Auch die Voraussetzungen, unter denen es zu ihrer Zusammenarbeit gekommen war, waren nicht gerade die besten gewesen.
"Ich bin bereit, die Bedingungen zu akzeptieren, wenn Sie mich gehen lassen, Albus. Wenn Sie wünschen, dass ich meine Informationen dem Orden übergebe, werde ich das tun. Ich würde auch die Schule verlassen, wenn Sie keine Verwendung mehr für mich sehen. Aber verlangen Sie nicht von mir, sie aufzugeben."
Dumbledore atmete tief und langanhaltend aus. "Wie steht sie selbst dazu? Weiß sie, was du vorhast? Hast du mit ihr darüber gesprochen?"
Snape senkte den Kopf und etliche seiner schwarzen Strähnen fielen ihm ins Gesicht. "Der Zeitpunkt schien mir nicht geeignet. Aber sobald ich Ihre Entscheidung habe, werde ich es tun."
Nachdenklich strich sich Dumbledore mit den Fingern über den Bart. "Ich werde mir deine Worte durch den Kopf gehen lassen. Alles muss wohl überlegt sein."
Snape nickte und erhob sich, von einem sanften Rascheln seines Umhangs begleitet, aus dem Stuhl.
Mit langen Schritten verließ er das Büro. Zurück blieben nur die Portraits, die besorgte Blicke tauschten. Keinem von ihnen gefiel offenbar, was hier vor sich ging. Am wenigsten Dumbledore. Er hatte sich zu lange darauf verlassen, dass sein Spion für ihn da war.
Kopfschüttelnd brachte einer der ehemaligen Schulleiter seine Sorge zum Ausdruck. "Der Orden ist geschwächt. Zu wenige sind geblieben."
"Das weiß ich", gab Dumbledore kühl an das Portrait gerichtet zurück.
"Unter diesen Umständen können wir ihn unmöglich gehen lassen."
"Und wie stellen Sie sich das vor, Phineas? Er hat ein Recht darauf, endlich zu leben. Wir haben ihn hierbehalten, solange es ging. Mehr dürfen wir ihm nicht zumuten."
"Dann finden Sie es also gut, dass er sich mit diesem Kind einlässt?"
"Miss Granger ist alles andere als ein Kind. Ihnen passt es nur nicht, dass sie aus einer Muggelfamilie stammt."
"Unsinn! Muggel hin, Muggel her. Sie werden ihm alle das Herz brechen."
Dumbledore runzelte die Stirn. „Ihre Ambitionen in Ehren, aber ich denke, Miss Granger hat bewiesen, dass sie die Dinge nicht auf die leichte Schulter nimmt."
„Ich hoffe, Sie behalten Recht. Andernfalls fürchte ich, begehen wir einen großen Fehler."
