Thorns in my chest

Kapitel 26

Wie gewohnt tröpfelten auch an diesem Tag eiskalte Worte von Snapes dünnen Lippen. Jeder Satz, den er sprach, vermittelte der Klasse das Gefühl, blutige Anfänger im Fach Zaubertränke zu sein, obwohl sie kurz davor standen, ihren Abschluss zu machen.

Hermine hatte ihn eine ganze Weile beobachtet und nichts von der Zärtlichkeit erkennen können, die er ihr in Spinner's End entgegengebracht hatte. Sogar seine Augen schienen frostiger denn je durch die Reihen zu schweifen.

Als die unterkühlte Stimmung dann so richtig ihren Höhepunkt erreichte, klopfte es an der Tür. Murrend unterbrach der Professor seine Rede und forderte den ungebetenen Gast auf, einzutreten. Zur Überraschung aller war es Professor Slughorn, der den Kopf in den Raum steckte. Er sah, im Gegensatz zu Snape, wie üblich recht amüsiert aus.

„Verzeihen Sie die Unterbrechung, Severus, aber Minerva wünscht Sie in ihrem Büro zu sprechen."

Snape ballte die Hände an seinen Seiten zu Fäusten, was deutlich machte, dass er nicht gerade davon angetan war, gestört zu werden, dann schwebte er auf ihn zu. „Fahren Sie bitte mit dem Unterricht fort. Wir haben einen straffen Zeitplan, den es auf jeden Fall einzuhalten gilt, wenn wir das Pensum für die Prüfungen erreichen wollten."

Slughorn nickte pflichtbewusst. „Selbstverständlich, Severus."

Während die beiden Professoren den Lehrstoff besprachen, tauschten Ginny und Hermine fragende Blicke.

„Was glaubst du, hat das zu bedeuten, Gin?"

„Das weiß ich nicht."

„Er sieht besorgt aus, findest du nicht?"

Ginny seufzte. „Hermine, ich denke, niemand kennt ihn so gut wie du. Wenn du also zu Snape eine ehrliche Meinung von mir hören willst, muss ich leider passen."

Hermine stützte den Kopf auf die Hände und sah verbissen in die Richtung ihres Professors. Als sich dieser dann auf den Weg machte, warf er ihr einen verstohlenen Blick durch seine schwarzen Strähnen hindurch zu.

Aufgeregt stupste sie Ginny an. „Hast du das gesehen? Ich finde eindeutig, dass er besorgt wirkt."

Ginny schüttelte den Kopf. „Da kannst du nur abwarten, bis er wieder zurück ist. Es sei denn, du rennst ihm nach und fragst ihn, was los ist."

Hermine war plötzlich hellwach. Des Rätsels Lösung war furchtbar einfach. Dennoch war es so ungewohnt, mit dieser Situation umzugehen, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen wäre, das zu tun.

Schnell entschuldigte sie sich bei Professor Slughorn, mit der Ausrede, aufs Klo zu müssen. Dann eilte sie Snape nach und rannte aus dem Klassenzimmer. Nach einem kleinen Sprint durch die Gänge hatte sie ihn eingeholt. Seine Gestalt, die langen Schrittes wenige Meter vor ihr um die Ecke bog, war unverkennbar.

Hermine blickte sich um. Da niemand sonst zu sehen war, ergriff sie die Gelegenheit, nach ihm zu rufen: "Severus, warte!"

Endlich blieb er stehen und drehte sich um. "Ich hatte befürchtet, dass du das tun würdest. Dabei ist es doch sonst gar nicht deine Art, anderen nachzulaufen, oder?"

Atemlos schnappte sie nach Luft. "Ist das ein Wunder? Ich weiß nicht, was ich tun soll. Du warst die ganze Stunde über so kalt wie eine Hundeschnauze."

Er zog die Brauen zusammen. "Ich habe Minerva versprochen, keinen Ärger zu machen. Und daran werde ich mich halten."

Irritiert blinzelte Hermine zu ihm hoch. Seine Haltung verriet deutlich, wie angespannt er war.

„Was soll das heißen?"

„Es heißt, dass wir vorsichtig sein müssen."

Sie nickte. "Das hier ist nicht leicht, hm?"

"Allerdings."

Vergeblich wartete sie auf ein Zeichen, eine Erklärung. Irgendwas, das besagte, dass sich zwischen ihnen seit ihrer letzten Begegnung nichts geändert hatte. Doch wie zu erwarten gewesen war, kam nichts.

"Ist - ist alles in Ordnung mit uns?"

Snape neigte den Kopf zur Seite und sah sie eindringlich an. "Ich denke, wir sollten miteinander reden, Hermine. Aber nicht hier. Und auch nicht jetzt."

Seine Worte trafen sie so unerwartet, dass sie einen schmerzlichen Stich in der Brust verspürte. "Ich wusste, dass du besorgt ausgesehen hast. Aber dass es so ernst ist, hätte ich nicht gedacht."

Entschlossen machte er einen Schritt auf sie zu und nahm sie bei den Schultern. "Mach dir keine Gedanken darüber. Den Grund dafür kann ich dir später erklären."

Hermine atmete auf. Es war eine große Erleichterung, seine Nähe zu spüren. Zugleich verspürte sie das Bedürfnis, sich in seine Arme flüchten zu wollen, obwohl sie wusste, dass es nicht ging. Es war zu riskant, sich so innig zu zeigen.

"Dann hast du also eine Ahnung, was sie von dir will?", fragte sie leise.

"Ich denke schon." Eine Pause trat ein, ehe er fortfuhr. "Hermine, ich sollte wirklich langsam los ..."

Bedrückt senkte sie den Blick auf seine Brust. "Dann sehen wir uns später?"

Snape nahm die Hand hoch und strich sanft mit dem Daumen über ihre Lippe. Sofort legte sich eine wohlige Gänsehaut über ihren Körper. Dann verlor sie sich in seiner beruhigenden Stimme, ehe er weiter musste.

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Im Schulleiterbüro angelangt, wäre Snape am liebsten wieder Rückwärts zur Tür hinaus verschwunden. Die Versammlung ausgewählter Ordensmitglieder und Konterfeis verstorbener Schulleiter konnte kein Zufall sein. Sogar Mr. und Mrs. Weasley waren gekommen. Am schlimmsten für ihn war aber, das Antlitz von Harry Potter auszumachen.

"Was ist hier los, Minerva?", fragte er hart.

"Setz dich, Severus", forderte das Portrait Dumbledores.

Snape schluckte. Ihm behagte es gar nicht, nachgeben zu müssen. Da er aber darauf hoffte, eine Übereinkunft mit seinem ehemaligen Schulleiter zu erzielen, sah er keinen anderen Weg, als das zu tun, was man von ihm verlangte.

McGonagall schürzte mit einem mahnenden Blick auf Dumbledore die Lippen, ehe sie die Hände auf dem Tisch ablegte und ineinander faltete. "Nun, da wir vollzählig sind, können wir anfangen."

Snape sah sie mit hochgezogener Braue an. "Wärst du so freundlich, mir zu sagen, was hier vor sich geht? Ich habe nichts getan, was einen Grund liefern würde, ein Straftribunal einzuberufen."

Überzogen runzelte McGonagall die Stirn. "Das ist auch gar nicht unsere Absicht. Wir sind hier, um die Vorgehensweise im Fall der nach wie vor stattfindenden Übergriffe auf unschuldige Muggel zu klären. Und da Mr. Potter sich entschlossen hat, Auror zu werden, ist es das Beste, ihn selbst mit dem Fall zu betrauen. Vielleicht besitzt du jetzt die Güte, uns über den Stand deiner Ermittlungen zu informieren. Das dürfte es uns erleichtern, zusammenzuarbeiten."

Snapes Augen begannen vor Zorn zu glühen, als er das hörte. „Das kann unmöglich euer Ernst sein! Es war nie die Rede davon, dass ich mit ihm zusammenarbeite."

Sein ausgestreckter Zeigefinger deutete geradewegs auf Harry, was McGonagall dazu veranlasste, mit den Augen zu rollen. „Könnt ihr beide euch nicht endlich zusammennehmen?"

Dumbledore räusperte sich. "Harry ist ein wichtiges Mitglied des Ordens, Severus. Du selbst hast dich bereit erklärt, deine Informationen dem Orden zu übergeben, um dich aus der Angelegenheit zurückziehen zu können."

Ungläubig starrte der Professor das Portrait an. "Dann ist es also beschlossene Sache, ja? Wann wollten Sie mir das mitteilen?"

"Beruhige dich", sagte Dumbledore streng. "Ich versuche nur, dir das zu geben, was du wolltest."

"Ja. Wie üblich zu Ihren Bedingungen", murrte Snape unzufrieden zurück.

"Du hast den Vorschlag gemacht, nicht ich. Und wir wissen beide, warum."

Snapes Brust hob und senkte sich rapide. Er konnte nicht fassen, dass Dumbledore die Gegenwart der anderen Anwesenden ausnutzte, um ihn am Protestieren zu hindern. "Das haben Sie sich fein ausgedacht, Albus. Ich hoffe nur, Ihr Plan geht auf."

Dumbledore nickte gelassen. „Das wird er, Severus. Ganz bestimmt sogar. Wenn du nichts dagegen hast, sollten wir jetzt anfangen. Es gibt viel zu klären."

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Direkt nach seiner Unterhaltung im Schulleiterbüro machte Harry sich auf den Weg in den Turm der Gryffindors. Seit längerem schon hatte er nach einem Grund gesucht, Snape wieder für das hassen zu können, was er war. Jetzt, nachdem der Professor auf Dumbledores Drängen hin seine geheimnisvollen Informationen preisgegeben hatte, schien er diesen Grund gefunden zu haben. Was wohl Ron und Hermine dazu sagen würden, wenn sie wüssten, was er da tat?

Der Wunsch, sich jemandem anzuvertrauen, führte ihn unweigerlich zu seiner besten Freundin. In ihm brodelte es so gewaltig, dass er blind vor Zorn einen Erstklässler nach dem neuen Passwort für das Portraitloch der Fetten Dame anschnauzte.

Verdutzt starrte der Junge ihn an. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir das Passwort nennen darf."

Harry schob seine zerzausten Haare beiseite und zeigte ihm die Narbe auf der Stirn. „Weißt du, was das ist?"

Der Junge nickte. Er war inzwischen so verängstigt, dass er von einem Bein aufs andere trat. „Du bist Harry Potter, oder?"

Harry konnte es kaum fassen. „Ja, der bin ich", brüllte er los. „Und jetzt sag mir endlich das verdammte Passwort!"

Starr vor Schreck wich sein Opfer einen Schritt zurück und sauste davon.

Ungläubig sah Harry ihm nach, bis er verschwunden war. Wenn das so weiterging, würde der Tag noch in einer Katastrophe enden. Zuerst wäre er fast mit Snape zusammengeprallt, als er von seinen zwielichtigen Geschäften erfahren hatte. Doch glücklicherweise hatten sich in letzter Sekunde Molly und Arthur dazwischengeworfen, um zu verhindern, dass die beiden mit den Zauberstäben aufeinander losgehen konnten. Und jetzt auch noch das! Hatten sich denn wirklich alle gegen ihn verschworen?

Entnervt ließ er sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen, da klappte das Portrait zur Seite und Hermine kam herausgeklettert.

„Harry!"

„Hi, Mione. Gut, dass du kommst. Ich wollte unbedingt mit dir reden. Aber die Fette Dame hat mich nicht durchgelassen."

„Dann hast du hier so herumgebrüllt?"

„Ja, das hat er, schätze ich", beteuerte das Portrait unschuldig. „Er hatte nämlich kein Passwort. Und wir wissen alle, was das bedeutet: Kein Passwort, kein Durchkommen."

Entgeistert sah Hermine sie an. „Aber das ist Harry Potter! Sie wissen, dass er zu Gryffindor gehört. Wo soll er denn sonst hingehören, wenn nicht hier her?"

„Das war bei Sirius Black nicht anders, Schätzchen. Bis alle ihn für einen Schwerverbrecher hielten."

Hermine stöhnte auf und zog Harry am Ärmel, der kurz davor war, mit dem Fuß gegen den Rahmen des Portraits zu treten.

„Harry, lass es. Das bringt nichts. Wir sollten besser von hier verschwinden."