Thorns in my chest
Kapitel 27
"Severus?" Hermine lugte vorsichtig durch den Türspalt von Snapes Labor, wo sie ihn geschäftig bei der Arbeit vorfand.
"Mach die Tür hinter dir zu", murmelte er abwesend, ohne aufzublicken.
Erstaunt kam sie näher und stellte sich neben ihn. Der Anblick, wie er hochkonzentriert bei der Arbeit war, weckte ihre Neugierde. Sie hatte schon immer Gefallen an den Tätigkeiten im Labor gehabt. Ihm dabei zuzusehen, mit welcher Passion er sich seiner Aufgabe widmete, hatte etwas ungeheuer Aufregendes an sich.
"Was wird das?"
"Wenn ich dir das sage, wirst du es mir kaum glauben."
"Oh. Ist es das, was ich vermute? Harry hat mir davon erzählt, was du hier unten treibst. Er war ganz schön aufgebracht deswegen."
Der Professor hob wenig begeistert über diese Nachricht eine seiner Brauen an, die Augen immer noch fest auf das Gebräu geheftet. "Hat er das. Bist du deswegen hier?"
"Vielleicht. Eigentlich dachte ich, du würdest mir eine Nachricht schicken, um mir zu erklären, was los ist."
„Ich brauchte Zeit, um nachzudenken."
„Das sehe ich. Trotzdem sollten wir darüber reden."
Als er nicht antwortete, beugte Hermine sich aufreizend nach vorne und legte ihre Hand auf seine. Wie elektrisiert hielt er in seinen Bewegungen inne und sah sie mit seinen schwarzen Augen an. „Bevor du mich mit Vorwürfen bombardierst, lass mich dir sagen, dass ich nicht stolz darauf bin, wie es dazu kam. Aber es schien so einleuchtend, dass ich nicht widerstehen konnte, es zu versuchen. Irgendwann musste ich dann feststellen, dass es ein lukratives Geschäft ist, um den Orden finanziell zu unterstützen. Ganz zu schweigen von dem Nebeneffekt, in dubiosen Kreisen Kontakte zu knüpfen. Auf diese Weise bin ich an viele Informationen gekommen, die uns anderenfalls verborgen geblieben wären."
Langsam ließ sie ihre Hand über seinen Arm nach oben gleiten und umfing damit seine Wange. „Wer hätte gedacht, dass du so skrupellos bist."
Er schluckte und schloss die Augen. „Du solltest nicht hier sein. Deine Anwesenheit lenkt mich ab."
"Gut. Und du solltest dich unterstehen, Geschäfte mit Drogen zu machen."
"Das weiß ich."
"Dann hör auf damit. Es ist nicht richtig."
Snape schlug die Augen auf und legte demonstrativ den Arm um ihre Hüften, dann zog er sie zu sich heran, sodass sie sich ganz nahe waren. "Und was ist hiermit? Wenn jemand uns so sieht, glaubst du, er würde es verstehen?"
"Das kommt ganz darauf an. Es würde ihm zumindest keinen Schaden zufügen. Vor allem ist das hier nicht mit dem zu vergleichen, was du bei diesen Geschäften verursachst."
Er schnaubte leise. "Sieht Weasley das genauso?"
"Ron hat seine Chance gehabt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."
"Und Potter?"
"Harry ist mein Freund. Er sollte meine Wahl respektieren."
"Die Menschen können nicht mit so einer Situation umgehen, Hermine. Und sie haben allen Grund dazu."
"Vielleicht. Doch es sind unsere Gefühle. Wenn sie nicht damit klarkommen, lassen wir sie einfach. Es spielt keine Rolle."
"Jetzt nicht. Aber eines Tages schon. Ich werde nicht jünger."
Hermine lehnte ihren Kopf an seine Brust. "Okay, Severus. Ich verstehe, dass du dir Sorgen machst, wie es weitergehen soll. Aber es hat keinen Sinn, sich irgendein Szenario auszudenken, dass sich vielleicht in vielen Jahren einmal abspielen könnte. Ich möchte meine Zeit mit dir gemeinsam verbringen. Alles andere ist nebensächlich."
Snape nahm ihr Kinn zwischen seine Finger und sah ihr tief in die Augen. "Du weißt, dass ich das nicht getan habe, um Profit daraus zu schlagen. Nicht im eigentlichen Sinn. Ich wollte mich nie daran bereichern."
Sie nickte. "Du hast es für den Orden getan. Das kann ich verstehen. Aber ich werde es nicht unterstützen."
"Das verlange ich auch gar nicht von dir. Es ist ein schmutziges Geschäft."
"Waren die Informationen denn wenigstens wertvoll?"
„Die meisten. Es waren zu viele, um das konkret zu sagen."
Abwesend kaute sie auf ihrer Lippe herum. „Was ist mit Veritaserum? Oder den diversen anderen Zaubern?"
„Das ist nicht derselbe Effekt. Manchmal gab es keine andere Möglichkeit, als auf die bewährten alten Methoden zurückzugreifen."
Ungläubig betrachtete Hermine sein zerfurchtes Gesicht. Es fiel ihr schwer, das zu begreifen.
„Du meinst, jemanden in eine Abhängigkeit zu stürzen, ist effektiver?"
Snape zuckte zusammen, als er das hörte. „Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist. Es ist auch nicht richtig, es rechtfertigen zu wollen. Aber wir hatten keine andere Wahl, Hermine. Du weißt, wie Todesser sich verhalten. Es ist fast unmöglich, etwas aus ihnen herauszubekommen, ohne dabei Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Oft gibt es keinen anderen Weg, als andere Spuren zu verfolgen, um etwas zu erfahren."
Entschieden löste Hermine sich von ihm los und warf einen finsteren Blick auf die vor ihr aufgebauten Apparaturen. "Du solltest das hier nicht zu Ende führen, Severus. Ich sehe, dass es dich quält."
Snape lehnte sich träge gegen die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme vor der Brust. "Das ist nicht so einfach wie es klingt."
"Warum nicht? Willst du damit sagen, dass du das Zeug selbst konsumierst?"
"Selbst wenn es so wäre, würde ich es wohl kaum vor dir zugeben."
"Ich habe befürchtet, dass du so etwas sagst."
Snape streckte die Hand nach ihr aus und strich abwesend damit über ihre Wange. "Ich hatte Glück, Hermine. Wenigstens das ist mir erspart geblieben."
Verunsichert blinzelte sie ihn an. "Wo liegt dann das Problem?"
"Ich habe eine Entdeckung gemacht, die ich nicht einfach so unter den Tisch kehren kann."
Überrascht hockte sie sich neben ihn auf die Kante der Arbeitsplatte. „Eigentlich sollte mich das nicht verwundern. Aber das tut es. Ist es diese Sache mit Bellatrix Lestrange?"
Er nickte. „Wie ich sehe, hat Potter dich auch darüber informiert."
Wie beiläufig zuckte Hermine mit den Schultern. „Ich bin überzeugt davon, dass du mir früher oder später davon erzählt hättest. Jetzt bleibt es dir erspart."
„Dann beunruhigt dich diese Entdeckung genauso wie mich, nehme ich an."
„Natürlich tut es das, Severus. Es ist schrecklich."
„Und was würdest du sagen, wenn ich trotzdem drauf und dran wäre, alles hinzuschmeißen?"
Sie starrte ihn an. "Was soll das heißen?"
"Das weiß ich selbst noch nicht. Aber stell es dir nur einmal vor. Meinen geregelten Tagesablauf, meine Position im Orden, meinen Job. Alles weg." Um seine Worte zu verdeutlichen, machte er eine ausladende Geste mit den Armen, die Hermine nur noch mehr beunruhigte.
"Wie bist du denn auf diese Idee gekommen?"
"Spielt das eine Rolle? Offenbar weiß Albus am besten, was gut für mich ist."
Sie runzelte die Stirn. "Dumbledore steckt dahinter?"
Snape seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. "Ich kann mir nicht vorstellen, nichts mehr zu tun, Hermine."
Zutiefst betroffen von dem desolaten Anblick, den er ihr bot, nickte sie. "Das weiß ich. Du brauchst deinen Job. Du bist so vernarrt darin, uns Angst einzujagen, dass ich es mir nicht vorstellen könnte, wenn du es eines Tages nicht mehr tust."
Er zog die Brauen zusammen. "Bin ich wirklich so schlimm?"
Hermine lächelte verlegen. "Na ja, du bist gut. Sehr leidenschaftlich eben. Aber im Grunde genommen hattest du noch nie was fürs Unterrichten übrig. Wenn du ehrlich bist, bist du da nur so hineingerutscht, weil du eine Abmachung mit Dumbledore getroffen hast. Trotzdem verstehe ich natürlich, dass dir der Gedanke, es aufzugeben, Sorgen macht. Jemand wie du kann nicht zuhause auf dem Sofa sitzen und nichts tun. Du brauchst eine sinnvolle Aufgabe."
Snape lachte auf. Die Bitterkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. „All die Jahre über dachte ich, es wäre schön, dem Ganzen den Rücken zukehren zu können. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Es wird mir schwer fallen, Hogwarts zu verlassen."
„Es ist vollkommen normal, dass du dir Gedanken darüber machst. Andernfalls wärst du noch abgebrühter, als ich dachte. Es ist deine Entscheidung, was du tust. Wenn du also deine Tätigkeit im Orden etwas einschränken willst, solltest du das tun. Das muss nicht bedeuten, dass du nicht mehr gebraucht wirst. Ich bin sicher, Dumbledore weiß das. Aber wie du dich auch entscheidest, du solltest etwas mehr Vertrauen in Harry haben. Er will nun einmal Auror werden, Severus. Das ist genau das, was zu ihm passt."
Er sah sie prüfend von der Seite her an. "Hör zu, Hermine. Ich gebe es nur ungern zu, aber mein Vertrauen in die Auroren ist allgemein nicht sonderlich hoch."
Hermine biss sich gedankenverloren auf die Lippe. "Du hast es nicht überwunden, dass sie dich nach Askaban stecken wollten, richtig?"
„Nicht nur das. Ich war schon in einer Zelle, bis Albus für mich gebürgt und mich so herausgeholt hat." Er senkte den Blick. „Verstehst du jetzt auch, warum es so schwer für mich ist, mit ihm auszukommen? Er hat mich damals nicht nur entlastet, sondern mir obendrein noch zur Freiheit verholfen und einen Job verschafft."
„Aber seitdem hast du für ihn getan, was du konntest, um dem Orden zu helfen."
"Ja. Trotzdem kann ich ihn nicht im Stich lassen. Er wäre ungemein enttäuscht von mir."
Ungläubig schüttelte Hermine den Kopf. "Das kann nicht dein Ernst sein! Du hast jahrelang für ihn spioniert und fast dein Leben gelassen. Was will er denn noch?"
"Und wo wäre ich ohne seine Hilfe gelandet?"
Hermine wusste nicht, was sie darauf sagen, geschweige denn, davon halten sollte. Auch Snape sah nicht so aus, als hätte er eine Lösung für den Konflikt parat, der ihn bewegte.
"Es fällt mir nicht leicht, meine Arbeit, die ich so lange ausgetüftelt und perfektioniert habe, anderen zu überlassen. Und es gibt auch nicht viele, die bereit sind, in diese Fußstapfen zu treten, Hermine."
"Dann vertrau mir. Harry wird sich darum kümmern, dass deine Arbeit nicht umsonst war. Die wenigsten hätten ihm zugetraut, dass er Voldemort tatsächlich besiegt. Aber er hat es geschafft. Er wird ein guter Auror werden. Vielleicht solltest du einfach mal mit ihm reden. Ihr könntet eure Informationen miteinander austauschen ..."
Abwehrend hob er die Hände. "Das halte ich für keine gute Idee."
"Warum nicht?"
"Weil es nicht funktionieren würde", sagte er defensiv. Die Härte in seiner Stimme, die Hermine dabei entgegenschlug, erschreckte sie fast.
"Wie kannst du das wissen? Ihr habt es doch noch nicht einmal versucht."
"Hermine, nein!" Snape stieß sich mit einen Schwung von der Arbeitsplatte ab und raufte sich angestrengt die Haare. "Du weißt, wie tief unsere gegenseitige Abneigung sitzt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, werde ich daran erinnert."
Irritiert blinzelte sie ihn an. "Genau deshalb müsst ihr alles daran setzen, die Sache endlich zu überwinden. Auch für Harry ist es nicht leicht. Aber gerade jetzt, wo wir beide uns näher gekommen sind, würde ich mir wünschen, dass ihr es wenigstens versucht."
Er schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht."
„Doch. Tu mir den Gefallen und denk darüber nach."
Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen hopste sie von ihrem Platz und kam auf ihn zu. Innig schmiegte sie sich an ihn. Snape ließ sie gewähren, obwohl es ihm schwer fiel, nicht weiter dagegen anzukämpfen.
„Ich habe ihm dasselbe gesagt, Severus. Wenn er also zu dir kommt, hoffe ich, dass du ihn nicht einfach fortschickst. Bitte versprich mir, dass du ihm eine Chance gibst."
Der Professor lehnte abgeschlagen den Kopf an ihre Stirn. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber du solltest dir keine allzu großen Hoffnungen machen."
„Du erwartest doch nicht von mir, dass ich das einfach so hinnehme? Harry ist mein Freund."
„Nein. Aber wie ich dich kenne, wirst du ihm irgendwann von uns erzählen. Das macht es nicht gerade leichter für mich."
Überrascht sah Hermine ihn an. „Wäre es denn in Ordnung für dich, wenn ich es ihm sage?"
„Es wird sich nicht vermeiden lassen, so wie ihr zusammenhaltet."
In Hermine breitete sich ein befreiendes Gefühl aus. „Ich bin erleichtert, dass du das so siehst. Ehrlich, Severus. Das hätte ich nicht erwartet."
Er seufzte leise. „Gut. Dann tu auch du mir den Gefallen und sag mir Bescheid, wenn es soweit ist. Ich würde mich gerne darauf vorbereiten. Nur um sicherzugehen, dass ich nicht versehentlich einen Fehler mache."
„Was soll das heißen?"
„Mein Ruf ist nicht gerade der Beste, Hermine. Jeder, der sich mit mir abgibt, muss damit rechnen, selbst in Verruf zu geraten."
„Glaubst du etwa, er würde uns verraten?"
„Man kann nie wissen. Was auch immer wir tun, wir sollten vorsichtig sein. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen in Schwierigkeiten kommst."
„Das wird nicht passieren, Severus. Harry wird es akzeptieren. Da bin ich mir sicher."
Snape zog skeptisch die Brauen zusammen, ohne weiter darauf einzugehen. Es genügte Hermine, um ihr zu verdeutlichen, dass er anderer Meinung darüber war. Doch um die Sorge nicht überhand nehmen zu lassen, sagte sie nichts dazu. Es würde sich zeigen, ob die Welt bereit wäre, eine Beziehung wie diese zu akzeptieren.
