Thorns in my chest

Kapitel 29

Es wurde so zur Gewohnheit für Hermine, in den Kerkern ein- und auszugehen, dass sie beinahe jede freie Minute bei Severus Snape verbrachte. Glücklicherweise war Ginny äußerst erfinderisch, wenn es darum ging, ihr ein Alibi zu verschaffen, was nicht selten erforderlich war. Zwar hatte Hermine nach wie vor unter der Entdeckung von Snapes heimlichen Geschäften zu leiden, dennoch fühlte sie sich zu stark zu ihm hingezogen, als dass sie es geschafft hätte, ihm den Rücken zuzukehren. Dem Professor selbst schien es ähnlich zu gehen. Es war Neuland für ihn, sich mit der Gesellschaft eines anderen Menschen anzufreunden, der tatsächlich bereit war, ihn trotz all seiner Fehler zu akzeptieren.

Eines Abends, als er an seinem Schreibtisch in seinem Büro saß, klopfte es wieder einmal an der Tür. Erwartungsvoll stand er auf, um zu öffnen. Doch es war nicht Hermine, die vor ihm zum Vorschein kam, sondern Harry Potter.

Snape ließ abschätzig die Mundwinkel spielen. Der unerwartete Besuch an seiner Tür war ihm alles andere als willkommen. Potter selbst schien sich ebenfalls nicht sonderlich wohl zu fühlen.

„Was wollen Sie hier?"

Harry biss die Zähne zusammen. „Ich muss Sie sprechen, Sir."

Ein unliebsames Schnauben entfuhr dem Professor. Hatte der Bengel tatsächlich geglaubt, es würde so einfach werden?

„Ich wüsste nicht, dass ich Ihnen etwas zu sagen hätte", antwortete er herablassend.

Mit harter Miene erwiderte Harry den Blick seines Erzfeindes. „Das sehe ich anders. Professor Dumbledore wollte, dass wir uns zusammentun. Andernfalls wäre ich bestimmt nicht hier."

Snape grinste hämisch. Wie es aussah, hatte Hermine ihrem Freund noch nichts von ihrer heimlichen Liaison erzählt.

„Tut mir leid, dass Sie Ihre kostbare Zeit geopfert haben, Potter. Aber den Weg hätten Sie sich sparen können. Ich bin nicht bereit, meine Arbeit einfach so aufzugeben. Schon gar nicht werde ich sie jemandem in die Hände legen, der derart nach Aufmerksamkeit lechzt. Guten Tag."

Energisch versetzte er der Tür einen Stoß, doch Harry war schneller. Sein Fuß sauste nach vorne und lande zielgenau im Spalt.

Snape verging das Grinsen. Es hatte lange genug gedauert, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, jemanden in sein Leben zu lassen. Und nur, weil er es bei Hermine geschafft hatte, musste das nicht automatisch bedeuten, dass er das noch einmal tun konnte. Es erschien ihm wie eine Ironie, ausgerechnet dem Menschen vertrauen zu sollen, der es gewagt hatte, unerlaubterweise seine schlimmsten und privatesten Erinnerungen aus dem Denkarium zu fischen. Die ganze quälende Vorgeschichte, die er mit Harrys Vater James erlebt hatte, saß zu tief, um sich widerstandslos umstimmen zu lassen.

„Was auch immer Ihre Absicht ist, Potter, ich kann Ihnen nicht helfen", sagte er mit Nachdruck. „Und jetzt nehmen Sie Ihren Fuß aus meiner Tür, bevor Sie alles nur noch schlimmer machen."

Harry hob abwehrend die Hände. „Schön. Ich werde es tun, wenn Sie mich anhören. Andernfalls denke ich nicht, dass wir zu einer Übereinkunft kommen werden. Sie wissen, dass ich bereit bin, alles dafür zu tun, um den Frieden zu sichern. Ihre Entdeckung ist von großer Bedeutung. Wenigstens darin sind wir uns einig, nicht wahr?"

Der Professor zog finster die Brauen zusammen. Seine Laune schien sich mit jeder Sekunde zu verschlechtern. „Sie glauben also, Sie können einfach hier hereinspazieren und so tun, als wäre die vergangenen Jahre nie etwas vorgefallen? Da irren Sie sich gewaltig! Es hat Ihnen wohl nicht gereicht, ungebeten in meine Privatsphäre einzudringen. Sie mussten meine Geschichte auch noch weitererzählen!"

Harry stutzte. Darum ging es also. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich wollte Ihnen damit nur einen Gefallen tun, Professor. Außerdem war ja nicht sicher, was aus Ihnen werden würde. Sie waren ja schon tot, als wir Sie in der Heulenden Hütte zurückgelassen haben."

Snape lachte höhnisch auf. „Sicher doch ..."

Wild entschlossen, sich nicht weiter darauf einzulassen, machte Harry einen Schritt nach vorn und packte ihn am Ärmel. „Sir, bitte. Sie wissen genauso gut wie ich, dass Sie mehr Erfahrung darin besitzen, jemanden aufzuspüren. Es wäre also durchaus hilfreich, wenn Sie mir sagen, wonach ich suchen soll. Ich will ebenso wie Sie dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat. Sie sind mit Sicherheit nicht der Einzige, der schlaflose Nächte hat. Ich kann Ihnen ansehen, dass es Sie beunruhigt. Genau deshalb müssen wir etwas unternehmen. Wir müssen den Spuren nachgehen und herausfinden, was dahinter steckt. Erst dann werden wir unseren Frieden finden."

Snape sah zornig auf ihn hinunter. Obwohl es ihm nicht gefiel, musste er doch einsehen, dass der junge Mann vor seinen Augen so wirkte, als würde er das durchziehen wollen. Und damit nicht genug. Allzu mahnend prangten Hermines Worte in seinem Hinterkopf, endlich über seinen Schatten zu springen und Harry zu vertrauen.

Ruckartig machte er sich von ihm los und richtete sich zu seiner vollen Größe vor ihm auf. „Versuchen Sie es in Gringotts. Dort hatten Sie ja schon mal Erfolg, wenn ich mich entsinne."

Harry nickte knapp.

„Einem Mann mit Ihrer Position dürfte es nicht sonderlich schwer fallen, eine Genehmigung des Ministeriums zu erhalten, um Bellas Verlies betreten zu können. Fragen Sie Kingsley oder notfalls auch Lucius, obwohl ich kaum glaube, dass er Ihnen behilflich sein wird. Falls Sie dort nichts finden, sollte der Landsitz der Lestranges weitere Auskünfte geben können. Fragen Sie nach den Angestellten, die dort gearbeitet haben. Hauselfen. Alles, was sprechen kann. Bella war dem Dunklen Lord zwar treu ergeben, doch ich bin sicher, selbst sie hat sich in ihren dunkelsten Stunden danach gesehnt, das Kind einmal in den Armen halten zu können. Und da sie eine außerordentlich willensstarke Hexe war, gehe ich davon aus, dass sie alles daran gesetzt hat, nach Hinweisen über den Verbleib des Kindes zu suchen."

Harry atmete erleichtert auf. „Danke, Sir."

Snape rümpfte unbeeindruckt davon seine markante Nase. „Vergessen Sie eines nicht, Potter: Irgendwo muss es einen Hinweis geben. Wir haben ihn nur noch nicht gefunden."

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Als Potter endlich das Weite gesucht hatte, sackte Snape matt in seinem Stuhl zusammen und vergrub den Kopf in seinen Händen. Er wusste, dass er das Trauma, das James ihm zugefügt hatte, nicht überwunden hatte und vermutlich auch nie überwinden würde. Kopfüber hilflos erleben zu müssen, wie andere sich über ihn lustig machten, war ja auch keine Kleinigkeit gewesen. Noch dazu im Beisein von Lily. Vielleicht wäre ihre Freundschaft nicht so endgültig in die Brüche gegangen, wenn dieser Vorfall anders ausgegangen wäre. Genau sagen ließ sich das aber nicht. Noch immer machte es ihm schwer zu schaffen, dass ihr Sohn dahintergekommen war, was sich damals abgespielt hatte. Es war entwürdigend und demütigend gewesen. Inzwischen waren die Rumtreiber tot. Doch der Gedanke, dass Harry seinem Vater so ähnlich war, verstörte ihn jedes Mal wieder, wenn er ihn sah.

Träge setzte er sich auf und holte die Flasche mit dem Hochprozentigen aus der Schublade hervor. An einem Tag wie diesem war ihm nicht nach Gesellschaft zumute. Nach wie vor fühlte er sich unsagbar einsam. Es fiel ihm zwar nicht leicht, es zuzugeben, aber streng gesehen gehörte er noch immer nirgends dazu. Im Grunde genommen war sein ganzes Leben ohnehin nur ein einziges Ritual, das er immer wieder aufs Neue vollführte. Selbst jetzt, wo der Krieg vorbei war.

Ein bitterer Geschmack lag auf seiner Zunge, als er den ersten Schluck nahm. Es erinnerte ihn schwermütig daran, dass er immerzu auf sich selbst gestellt gewesen war. Einsam und alleine. Und so wollte er es auch jetzt sein, denn die Gewohnheiten, die er sich angeeignet hatte, waren nur schwer abzulegen.

Seit Jahrzehnten stand er morgens um halb sechs auf. Tag für Tag. Egal, wie kräftezehrend die Nacht gewesen war, schleppte er sich ins Bad, um sich zu rasieren. Nach dem Duschen folgte das Ankleiden.

Sein erster Weg, wenn er die Wohnung in Hogwarts verließ, führte ihn nach nebenan in sein Büro, manchmal aber auch zum Schulleiter. Mit Minerva war das zwar jetzt anders, doch das Portrait Dumbledores erwartete ihn immer noch, um sich mit ihm auszutauschen.

Wenn er es bis hierher geschafft hatte, erlaubte er sich den ersten Kaffee des Tages, den einer der Hauselfen in seinem Büro servierte. Ein willkommenes, kleines Ritual in seinem spartanischen Leben. Leider verlangte der Anstand es, dass er sich in der Großen Halle beim Frühstück sehen ließ, obwohl er all die Jahre über am liebsten darauf verzichtet hätte. Smalltalk mit den anderen Lehrern war ihm zuwider. Der einzige Nutzen, den er für sich selbst daraus ziehen konnte, war der, als Aufsichtsperson zu brillieren, wenn sich die Schüler wieder einmal nicht im Griff hatten.

Snape grinste hämisch bei dem Gedanken daran. Wie oft hatte er wohl von seinem Platz am Lehrertisch aus einem der Gryffindors Punkte abgezogen?

Erneut hob er die Flasche an die Lippen. Obwohl ihm diese ganzen Rituale und Gegebenheiten immer lästig erschienen waren, war es eine traurige Tatsache, dass es ihm Angst machte, eines Tages darauf verzichten zu müssen.

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Hermine warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand ihr gefolgt war, dann schlüpfte sie ins Innere von Snapes Büro. Irgendwann würde das Versteckspiel hoffentlich ein Ende haben. Doch solange sie noch zur Schule ging, musste sie vorsichtig sein, wenn sie nicht wollte, dass ihre heimliche Beziehung zu ihrem Professor aufflog.

Verwundert ertappte sie sich dabei, schon wieder so zu denken, als wäre es das normalste auf der Welt, mit ihm zusammen zu sein, obwohl sie noch gar nicht näher geklärt hatten, was das, was sie miteinander hatten, überhaupt war.

Das Dämmerlicht in Snapes Büro kam ihr vertraut vor. Es dauerte auch nicht lange, bis sie ihn ausfindig gemacht hatte. Der Anblick war traurig: Zusammengesunken saß der Professor in seinem Stuhl und hatte die Arme auf der Tischplatte ausgebreitet, auf denen sein Kopf ruhte.

Hermine machte leise die Tür zu und kam näher. Vorsichtig strich sie mit der Hand über seinen Rücken und rief seinen Namen.

Snape regte sich kurz, blieb aber liegen.

Nicht zum ersten Mal war Hermine ratlos, was sie tun sollte. Einerseits lag es ihr fern, ihm seinen Schlaf zu rauben, den er offensichtlich dringend nötig hatte. Andererseits aber empfand sie tiefe Abneigung seinem Vorhaben gegenüber, sich zu betrinken.

Energisch griff sie nach der leeren Flasche, die neben ihm auf dem Tisch lag und warf sie in den Papierkorb.

Der Professor atmete lautstark auf und drehte den Kopf auf die andere Seite. Seine von den langen Strähnen verhangenen Lider flackerten unruhig. Abgesehen davon ließ er sich jedoch nicht stören.

Hermine hatte langsam genug und entschloss sich dazu, ihn zu wecken. Strafe musste sein. Er würde es schließlich nicht anders handhaben.

Nachdem sie ihn halbwegs wachgerüttelt hatte, ließ er sich dazu überreden, ins Schlafzimmer überzusiedeln. Angestrengt legte Hermine seinen Arm über ihre Schulter, gemeinsam schafften sie es dann, ihn hochzuwuchten.

"Wenn du wieder nüchtern bist, erwarte ich eine Erklärung dafür, Severus. Du bist nicht gerade ein besonders gutes Vorbild, weißt du das?"

Er schnaubte unbehelligt und Hermine schimpfte weiter, während sie ihn mühsam durch eine Tür in sein Wohnzimmer bugsierte.

"Zum ersten Mal wünsche ich mir, du wärst etwas kleiner. Eigentlich weiß ich sowieso nicht, warum ich mir das antue. Ich sollte dich eiskalt hier liegenlassen."

"Dafür hast du ein zu gutes Herz", murmelte er leise.

Sie stöhnte auf. "Wenn ich geahnt hätte, dass du dich so kindisch verhältst, hätte ich doch auf Rons Vorschlag eingehen sollen ..."

Endlich schien sie seine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. "Weasley? Was für ein Vorschlag soll das sein?"

"Er hat mir neulich eine Eule geschickt und sich bei mir entschuldigt."

Erschöpft erreichte sie mit ihrer Fracht die Tür zu seinem Schlafzimmer und hockte sich mit ihm an die Bettkante.

Snape blinzelte sie verschwommen durch seine Strähnen hindurch an. "Wenn du so scharf auf ihn bist, solltest du dir überlegen, ob du nicht zu ihm zurückkehrst."

Hermine rollte mit den Augen, machte sich von ihm los und ließ ihn unsanft aufs Bett fallen. "Sei nicht lächerlich. Selbst wenn Ron der letzte Mann auf Erden wäre, würde ich ihn nicht als Partner zurückhaben wollen. Und jetzt sag mir lieber, was du damit bezwecken wolltest! Du siehst furchtbar aus, Severus."

Er grunzte und rollte sich schwerfällig zur Seite.

Wild entschlossen, etwas aus ihm herauszubekommen, kroch Hermine zu ihm aufs Bett und legte sich neben ihn. Eine Weile sahen sie einander schweigend an, bis er plötzlich die Hand nahm und ihr damit über die Wange strich.

"Du hättest das nicht tun müssen."

Angespannt neigte sie den Kopf zur Seite. Es war nicht so, dass sie ihm absichtlich ausweichen wollte, sein Verhalten jedoch führte wieder einmal unweigerlich dazu, dass sie anfing, ihre Beziehung zu ihm infrage zu stellen. "Das weiß ich, Severus. Und das nächste Mal, wenn du vorhast, dich gehen zu lassen, werde ich nicht so milde mit dir verfahren."

Schwer wie Blei sackte seine Hand nach unten. "Bist du dann fertig? Oder hast du mir noch etwas anderes zu sagen?"

Hermine spürte einen Stich, als sie den verletzten Tonfall in seiner Stimme hörte. "Ja. Da gäbe es jede Menge, Severus. Ich kann nicht glauben, dass du so mit deinen Problemen fertig werden willst."

"Hm", nuschelte er verbissen. "Du bist es ja auch nicht, die damit fertig werden muss."

Kopfschüttelnd sah sie ihn an. "Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe, damit du in Ruhe deinen Rausch ausschlafen kannst."

Sie war drauf und dran, sich vom Acker zu machen, als er nach ihrer Hand griff und sie festhielt. "Warte, Hermine. Es war nicht meine Absicht, das zu sagen."

"Ach nein? Wieso hast du es dann getan?"

Snape ließ von ihr ab und schob seine Finger durch die unordentlichen Strähnen. "Potter war vorhin bei mir."

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Schlagartig schien Hermine bewusst zu werden, was hinter seinem Verhalten steckte. Trotzdem wollte sie nicht wahrhaben, dass er sich deswegen gehen lassen musste wie ein unreifer Teenager. "Und deswegen musstest du dich gleich betrinken? Ehrlich, Severus, das hätte ich nicht von dir erwartet."

Er lachte hohl. "Kannst du dir vorstellen, wie sich das anfühlt? Er hat sich noch immer nicht entschieden, was er mit mir tun soll."

Hermine horchte auf. "Wer?"

"Albus", sagte er trocken. "Es würde mich nicht wundern, wenn es Teil seiner Taktik ist, mich hinzuhalten, um mich zu zermürben."

Sie sah gebannt auf sein Gesicht. Nichts an seinem Ausdruck wollte den Kummer länger vor ihr verbergen.

Der Verzweiflung nahe schüttelte Snape den Kopf. "Er weiß genau, was er tut. Das wusste er schon immer."

"Was redest du da, Severus? Du bist jetzt ein freier Mann. McGonagall ..."

"Das hat mit ihr nichts zu tun. Sie würde mich nicht so ohne Weiteres auf die Straße setzen. Aber sie weiß auch, wie tief ich in seiner Schuld stehe. Es hat etwas mit Ehre und Vertrauen zu tun. Bestimmt kann Potter dir davon erzählen."

Hermine seufzte angestrengt. Langsam aber sicher fing die ganze Sache an, sie zu verwirren. "Ich kann nicht verstehen, was Harry damit zu tun haben soll, aber wenn du es mir erklären willst, bin ich gerne bereit, es mir anzuhören."

Snape blinzelte sie müde an. "Im Grunde genommen ist es wie ein Spiel. Wenn Albus sich Zeit lässt, kann er mich länger an sich binden. So wie er es mit deinem jungen Freund gemacht hat. Er hat ihm nicht alles auf einmal verraten, sondern immer schön Stück für Stück."

Hermine runzelte skeptisch die Stirn. "Aber er ist tot." Vorsichtig griff sie nach seiner Hand und nahm sie in ihre. "Du solltest wirklich aufhören, mit ihm zu kommunizieren. Dieses Portrait wird mir mehr und mehr suspekt, je länger ich darüber nachdenke."

Snape nickte matt. "Was für einen Unterschied macht das schon in unserer Welt? Es ist sein Wille, seine Sicht der Dinge, die ich auszuführen habe."

Am liebsten hätte Hermine mit den Augen gerollt, da er jedoch so bedrückt wirkte, ließ sie es bleiben.

"Du glaubst gar nicht, wie belastend der Gedanke ist, keine Perspektive zu haben, Hermine."

"Doch, Severus. Ob du es hören willst oder nicht, das tue ich, denn auch ich hatte unter den Folgen des Krieges zu leiden."

Snape entzog ihr seine Hand und schlug hart die Kiefer aufeinander. "Du denkst vielleicht, dass du es dir vorstellen kannst. Aber du kannst es nicht. Hattest du vielleicht jemals unter finanziellen Sorgen zu leiden? Oder hattest du Angst davor, nach Hause zu kommen, wo dich dein Vater mit einer Tracht Prügel erwartet hat, um seinen Frust an dir oder deiner Mutter auszulassen?"

Sie schluckte und suchte nach Worten. Doch nichts schien angemessen, um etwas zu erwidern, womit sie es bleiben ließ.

"Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um von dort wegzukommen. Das heißt, ich habe mich zurückgezogen, um zu lernen und etwas aus mir zu machen. Nicht etwa, weil ich es so wollte."

"Das verstehe ich, Severus."

"Tust du das? Anders als bei dir hatte ich keine finanzielle Absicherung, die mich aufgefangen hätte, wenn ich versagt hätte."

"Wow, Moment mal. Ich verstehe ja, dass dich diese Erfahrungen geprägt haben. Aber deshalb solltest du andere nicht dafür verantwortlich machen, dass dein Leben so verlaufen ist. Auch ich kann mich nicht ewig auf den Rücklagen meiner Eltern ausruhen, Severus."

"Ich will dich damit nicht verletzen, Hermine. Aber so richtig begreifen kann das nur jemand, der es selbst durchgemacht hat. Ich habe von Anfang an hart geschuftet und wurde dafür von Potter und seinen Freunden fertig gemacht. Es hat ihnen nicht gereicht, mich auszugrenzen, weil ich arm war oder zum Haus von Slytherin gehörte. Sie haben absichtlich keine Gelegenheit ausgelassen, nach mir zu suchen, um ihre Langeweile zu vertreiben. Und wenn ich heute James Potters Sohn vor mir sehe, sehe ich denselben Bengel von damals, der mich vor anderen bloßgestellt und lächerlich gemacht hat."

Hermine schüttelte traurig den Kopf. "Du irrst dich. Vielleicht hat James es nicht verstanden, weil er ein wohlbehütetes Zuhause hatte, in dem er sich zu einem verwöhnten jungen Mann entwickeln konnte. Aber Harry hätte es verstanden, wenn du ihm nicht mit so viel Abneigung begegnet wärst."

Gereizt schnaubte er. "Glaubst du das wirklich? Glaubst du, du weißt, wie das ist, Angst davor zu haben, alles zu verlieren, was man sich erarbeitet hat? Mein Ruf mag nicht der Beste sein. Aber wenigstens hat es gereicht, um mir einen ansehnlichen Job zu verschaffen."

"Einen Job, der nicht nur gute Dinge mit sich gebracht hat, Severus."

Er starrte sie finster durch seine Strähnen hindurch an. "Das weiß ich selbst."

"Dann hör auf, dir Gedanken über Dumbledores Willen zu machen. Er sollte sich was schämen, dich so zu benutzen."

Langsam setzte er sich auf und robbte ans Kopfende des Bettes. Dann lehnte er sich mit dem Rücken dagegen und starrte stur geradeaus. Hermine rückte nach und ließ sich neben ihm nieder. Die Arme um die Knie geschlungen und den Kopf darauf gebettet, sah sie zu ihm auf. Es war schwer, die drückende Stimmung zwischen ihnen zu ertragen. Doch plötzlich beugte er sich über sie und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände.

"Wenn du ehrlich bist, würdest du nicht bei mir bleiben, wenn ich keine Arbeit mehr hätte, nicht wahr? Ich habe keine nennenswerten Rücklagen und auch kein wohnliches Dach über dem Kopf, Hermine. Alles was ich besitze, ist das alte Haus meines Vaters. Viel mehr ist da nicht. Und mit meiner Vergangenheit dürfte es schwer werden, irgendwas anderes zu machen."

Die Frage traf sie so unerwartet, dass sie stockte. Vernunftgemäß hatte er recht. Wenn sie vorwärtskommen und etwas erreichen wollte, konnte sie so nicht weitermachen. Doch vielleicht hatte sie genug davon, sich diesem Druck auszusetzen, etwas Besonderes zu sein. Konnte denn nicht auch ein einfaches Leben genügen, so wie sie es mit Harry und Ron gehabt hatte, als sie auf sich alleine gestellt gewesen waren?

Sanft strich er ihr mit dem Daumen eine Strähne beiseite. "Und du tätest gut daran, das Weite zu suchen. Ich weiß, dass das, was du für mich getan hast, viel mehr war, als ich je erwarten durfte. Es war schön, Hermine. Unglaublich schön. Aber wenn du tief in dich gehst, weißt du, dass es nichts für die Ewigkeit ist."

Schockiert riss Hermine die Augen auf. "Was redest du da? Du erwartest doch nicht wirklich von mir, dass ich dich fallen lasse, weil du vielleicht irgendwann keine Arbeit mehr hast?"

Snape legte entschlossen seinen Zeigefinger auf ihren Mund. "Hermine, hör zu. So unwahrscheinlich ist das nicht. Es ist egoistisch genug von mir gewesen, mich darauf einzulassen, etwas mit dir zu haben. Aber ich konnte nicht widerstehen. Doch jetzt, wo alles so ungewiss ist, muss ich dir die Augen öffnen. Wir sind so verschieden, auch wenn wir einige gemeinsame Vorlieben haben. Doch du solltest deine Zeit nicht hier unten in den Kerkern mit einem Mann wie mir vergeuden, der keine Perspektive hat. Du gehörst wo anders hin. Irgendwo, wo man dir etwas bieten kann. Denn das kann ich nicht."

Zitternd machte sie sich von ihm frei. Alleine der Gedanke, dass er so etwas in Erwägung zog, erschütterte sie zutiefst. "Ich weiß, dass es nicht perfekt ist, Severus. Doch deshalb kann ich nicht einfach aufgeben."

"Das würde dir auch gar nicht ähnlich sehen", sagte er ernst. "Aber ich kann es nicht länger verantworten. Ich habe gesehen, dass es dich belastet, mit mir zusammen zu sein. Nur so sollte es nicht sein. Meine Probleme sollten nicht zu deinen werden. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, wirst du das ebenfalls so sehen."

Hermine biss sich auf die Lippe. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Natürlich war die Belastung, die auf ihren Schultern ruhte, gewachsen, seit sie angefangen hatte, sich auf ihn zuzubewegen. Doch das hieß noch lange nicht, dass sie bereute, es getan zu haben.

Snape schien zu spüren, wie verunsichert sie war. Er senkte den Blick und sah abwesend mit seinen schwarzen Augen in den leeren Raum hinein. "Ich bin fast neununddreißig Jahre alt, Hermine. Und ich kann nicht dafür garantieren, dass ich jemals ein unbefangenes Leben führen werde. Willst du dir das wirklich antun? Willst du darauf warten, dass es besser wird, obwohl die Chancen dafür so gering sind? In meinem Alter haben andere bereits eine Familie gegründet. Aber wenn du mich ansiehst, wirst du sofort feststellen, dass das für mich nicht infrage kommt."

Nachdenklich nickte sie. Er hatte recht. An Kinder wäre mit ihm wohl nie zu denken.

"Und jetzt?", fragte sie leise. "Ich meine, du möchtest doch nicht, dass ich jetzt einfach so gehe? Das wäre ein großer Fehler, Severus!"

Mit einem verzerrten Ausdruck auf dem Gesicht sah er sie an. "Vermutlich. Aber es wäre ebenso falsch von mir, dich daran zu hindern."

Hermine fröstelte. Seine Stimme war ernst, seine vertrauten Augen aber wirkten beinahe flehentlich. Obwohl sie aufgrund seiner Worte das Gefühl hatte, dass er ihr den Boden unter den Füßen wegziehen wollte, warf sie sich mit einem Satz nach vorne und schlang die Arme um seinen Nacken.

Snape zögerte einen Moment, dann fing er sie auf und hielt sie fest. Seine Finger vergruben sich innig in ihren Haaren und er flüsterte: "Irgendwann wirst du es verstehen."

In Hermine überschlug sich alles. Sie wollte es überhaupt nicht verstehen. Und sie würde es auch nie verstehen. Nach allem, was jeder für sich durchgemacht hatte, schien es keinen Grund zu geben, der ihn dazu veranlassen konnte, so etwas zu sagen.

Nach Halt suchend krallte sie ihre Nägel in den schwarzen Stoff seiner Kleidung und sehnte sich nach Zuversicht und Wärme, nicht aber nach Zurückweisung. Ihr ganzer Körper schien zu beben, bis ihr endlich bewusst wurde, dass sie sich nach der innigen Nähe verzehrte, die nur er ihr geben konnte. Sie wollte seine Stimme hören, die klar und deutlich sagte, dass sie auf ihn zählen konnte. Dass er sie halten und immer für sie da sein würde, egal, wie widrig die Umstände auch sein mochten.

Während er zärtlich ihre Haare durchforstete und mit ihr in den Armen auf und ab wippte, fing sie plötzlich an, mit ihren Händen die Knöpfe auf seiner Brust zu suchen. Energisch machte sie sich von ihm frei und drückte ihren Mund auf seinen. Ungehalten schlug ihr sein aufgewühlter Atem entgegen, durch den sie noch immer die Spuren des Alkohols wahrnehmen konnte, der eine gewaltige Lawine ins Rollen gebracht hatte. Es war ihr gleich. Sie hockte sich kurzerhand auf ihn und küsste ihn immer härter und fordernder, bis auch er sich ihr nicht länger entziehen konnte.

Begierig stießen ihre Zungen aneinander. Hermines Finger fummelten indes an seiner Kleidung herum und versuchten verzweifelt, seinen Körper aus den schier unzähligen Schichten zu befreien, die ihn vor ihr verhüllten. Irgendwie schaffte sie es trotz ihrer Nervosität und der ungeschickten Finger, zu seiner Brust vorzudringen. Hungrig nach seiner nackten Haut ließ sie von seinem Mund ab und rutschte nach unten, wo sie ihre Lippen um seine Brustwarze schloss.

Snape atmete hörbar aus. Er konnte ebenso wenig begreifen wie sie, was mit ihnen geschah. Seine kläglichen Bemühungen, sie zur Vernunft zu bringen, schienen gescheitert zu sein. Stattdessen machte sich immer mehr das Verlangen in ihm breit, sich gehen zu lassen.

Hingebungsvoll liebkoste sie seinen Oberkörper, dann glitten ihre Hände weiter zu seinem Bauch und von dort hinab zu seiner in der Hose gefangenen Männlichkeit. Das sehnsüchtige Gefühl, seinen Penis spüren und sehen zu wollen, trieb sie voran. Hermine war sich sicher, dass sie noch nie etwas so sehr gewollt hatte.

Ungeduldig öffnete sie erst seinen Gürtel und dann die Hose, ehe sie Snapes Männlichkeit herausholen konnte. Seine Hände kamen für einen Moment zur Ruhe. Tief grollend stöhnte er auf. Dann ging es schnell.

Mit flinken Fingern half er Hermine aus ihren Sachen und zog ihren nackten Unterleib zu sich auf den Schoß. Die Erwartungen, die Hermine an ihn und sich selbst hatte, waren gewaltig. Sie wollte ihm zeigen, dass dieses innige Beisammensein bedeutsamer war als alles andere. Ihre ungestüme Zärtlichkeit ihm gegenüber ließ keine Zweifel daran, wie wichtig er ihr war. Und wenn es sein musste, war sie bereit, ihre Gefühle intim und offen vor ihm zu zeigen. Zugleich verspürte sie das Verlangen, sich von ihm führen zu lassen. Seine Erfahrungen, seine Vorstellungen sollten ihr genügen. Zumindest für den Moment. Ihr Verstand war wie ausgeblendet. Das einzig Wichtige, was jetzt noch zählte, war es, ihm nahe zu sein, um sich mit ihm zu vereinen.

Snape betrachtete eindringlich ihr Gesicht. Sanft glitten seine Hände über ihren flachen Bauch. Dann hob er mit einem Ruck ihre Hüften an und setzte sie auf seinen harten Schaft.

Für dieses Mal war es eine eigenartige Mischung aus Schmerz und Erleichterung, die sie begleitete, als sie einander hingaben. Etwas, das so noch keiner von ihnen zuvor erlebt hatte, obwohl beide wussten, dass es keinen Sinn hatte, weiterhin aneinander festzuhalten.