Thorns in my chest
Kapitel 32
Die Freude, die Mrs. Weasley versprühte, als die beiden durch den Kamin ins Wohnzimmer rauschten, war sogar für Hermine ansteckend. Während der Begrüßung mit den einzelnen Mitgliedern der Familie schaffte sie es endlich, ihre Sorgen hintenan zu stellen, die sie in den vergangenen Tagen gequält hatten. Von da an hatte Hermine keine ruhige Minute mehr, genau das, was sie brauchte, um sich abzulenken. Das Gewusel im heimeligen Fuchsbau glich dem eines Bienenstocks. Aus allen Ecken und Winkeln kam ein Angehöriger der Familie, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Selbst Charlie, Bill und Fleur hatten vor, die Feierlichkeiten gemeinsam mit dem Rest der Sippe zu verbringen, was seit Freds Tod wie selbstverständlich geworden war. Nur Harry und Ron fehlten noch, doch auch sie würden nachkommen, sobald sich eine Möglichkeit ergab.
Hermine war hin- und hergerissen. Einerseits würde es eigenartig werden, Ron wieder zu sehen. Andererseits war sie beunruhigt, weil es langsam an der Zeit war, Harry in ihr Geheimnis einzuweihen.
Erschöpft erreichten die Mädchen mit ihrem Gepäck Ginnys Zimmer und zogen sich erst einmal zurück. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit sie das letzte Mal zusammen hier gewesen waren. Es war einfach zu viel geschehen, seit sie wieder nach Hogwarts gingen.
Im Anschluss an die kleine Verschnaufpause rief Mrs. Weasley die beiden Freundinnen in die Küche und verteilte eine Reihe an Aufgaben. Es gab jede Menge zu tun, wenn sie alle gemeinsam in den beengten Räumlichkeiten zu Abend essen wollten.
Hermine bekam den Auftrag, zusammen mit Fleur den Tisch in eine festliche Tafel zu verwandeln. Die bezaubernd schöne Fleur strahlte genauso, wie Hermine es von ihr gewohnt war. Nichts deutete auf eine Veränderung hin. Zum ersten Mal seit ihrem Abschied aus dem Fuchsbau ergab sich nun die Gelegenheit, ungestört mit ihr zu reden, wobei Fleur Hermine das wohlbehütete Geheimnis eröffnete, schwanger zu sein.
Hermines Herz machte einen Satz. Die Neuigkeit kam ebenso unerwartet wie erfreulich, wenn man bedachte, dass bald ein weiteres Familienmitglied den Stammbaum der Weasleys bereichern würde. Dennoch spürte sie einen eigenartigen Stich. Ihre Gefühle für Severus ließen es nicht zu, sich selbst einmal in dieser Lage zu sehen. Sogar dann, wenn ihre Beziehung zueinander weitergehen würde, würde er es nicht gutheißen, Nachwuchs in die Welt zu setzen.
In dem Bemühen, ihre Freude für das junge Paar zum Ausdruck zu bringen, verdrängte sie den Gedanken schnell und fiel ihr um den Hals. Freudig nahm die werdende Mutter ihre Glückwünsche entgegen, als Mrs. Weasley zu ihnen stieß. "Darf ich davon ausgehen, dass ihr das Geheimnis gelüftet habt?"
Hermine nickte. "Ich bin schon ganz aufgeregt, Molly."
"Das geht uns allen so, Schätzchen. Es ist schon eine Weile her, seit Arthur und ich den letzten Nachwuchs empfangen haben."
Fleur winkte ab. "Noch ist es nischt so weit. Wir aben noch jede Menge Zeit."
"Wann soll das Baby denn kommen?", fragte Hermine erwartungsvoll.
"Du siehst es ihr nicht an, aber in einigen Wochen werden wir damit rechnen können", verkündete Mrs. Weasley stolz.
Hermine lächelte unbeholfen. Eigentlich sollte sie sich längst daran gewöhnt haben, was es hieß, einer Veela gegenüberzustehen.
Kurz vor dem Essen verkündete die Küchenuhr das Eintreffen der Jungs. Die ganze Familie versammelte sich im Wohnzimmer, um die Nachzügler zu begrüßen. Hermines Anspannung stieg indes so gewaltig, dass Ginny ihr einen mahnenden Blick zuwarf, der besagte, dass sie nichts überstürzen sollte.
Harry und Ron stiegen nacheinander aus dem Kamin und ließen sich von Mrs. Weasley in die Arme schließen. Nach und nach hatte jeder die beiden begrüßt. Für längere Gespräche blieb jedoch keine Zeit, denn schon rief Mrs. Weasley zum Essen.
Den ganzen Abend überlegte Hermine, wie sie es am besten anstellen sollte, mit Harry zu reden. Dann, als sich die Gesellschaft langsam zerstreute, ergriff sie ihre Chance und verkroch sich mit ihm in Rons Zimmer, während Ginny es geschickt schaffte, ihren Bruder zu beschäftigen.
Wie früher auch saßen die beiden Freunde gemeinsam auf dem Bett, das Harry wie gewohnt während seiner Aufenthalte im Fuchsbau zur Verfügung stand, um zu plaudern. Vorsichtig hakte Hermine nach, wie es mit der Arbeit im Orden lief, Harry jedoch reagierte überwiegend mit Zurückhaltung.
In ihrer Verzweiflung fing sie an, ihm zu erzählen, was sie über die Entdeckung wusste, die Snape gemacht hatte. Endlich horchte er auf. "Es sollte mich nicht weiter verwundern, dass du davon weißt. Du bist die klügste Hexe, die ich kenne. Aber da bisher nur Dumbledore, Snape und ich eingeweiht sind, überrascht es mich schon, wie du dahinter gekommen bist."
Hermine seufzte und schlang die Arme um die Knie. "Ich hatte gehofft, das hier würde leichter werden, Harry. Aber das ist es keineswegs. Ich habe die Informationen aus erster Hand. Mach dir also keine Sorgen, außer Ginny gibt es keine weiteren Mitwisser ... Abgesehen von Bellatrix natürlich. Aber die ist tot und so gut wie unerreichbar, wenn man nicht gerade ein Experte in Dunkler Magie ist."
Harry blinzelte verwundert. "Soll das heißen, du hast mit Dumbledore geredet?"
"Unter anderem. Hör zu, Harry. Es ist alles sehr kompliziert. Ich weiß, dass du mit Dumbledore in Kontakt stehst, wann immer du im Schloss bist. Das ist auch vollkommen in Ordnung so. Aber du bist nicht der Einzige, der geheime Sachen macht. Ich stecke da genauso mit drin wie du."
Er nickte abwesend und es war nicht weiter schwer zu sehen, dass ihm diese Vorstellung nicht sonderlich gefiel.
Hermine biss sich auf die Lippe. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, länger alles geheim zu halten, was sich seit Beginn des Schuljahres ereignet hatte. Ihre Freundschaft zu Harry hatte letztendlich auch immer auf Ehrlichkeit beruht.
"Ich habe nicht nur mit Dumbledore, sondern auch mit Professor Snape geredet", verkündete sie offen.
Schlagartig verfinsterte sich Harrys Blick. "Wann?"
Hermine starrte ihn an. "Warum willst du das wissen?"
"Weil der Kerl einfach abgehauen ist. Er ist verschwunden, ohne Dumbledore auch nur ein Wörtchen zu sagen, wohin."
In Hermine überschlugen sich die Gedanken. "Das kann nicht sein, Harry."
"Wieso nicht?"
Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß, dass du das vermutlich nicht hören willst, aber er hat uns noch nie hängen lassen. Glaub mir, so etwas würde er nicht tun."
Harry lachte auf. "Soll das ein Witz sein? Nur weil du dich zufällig mit ihm unterhalten hast, heißt das noch lange nicht, dass du ihn kennst. Wir haben doch gemeinsam erlebt, wie er drauf ist. Er ist eiskalt und berechnend. Und jetzt, wo Voldemort nicht mehr da ist, kann es ihm ja auch völlig egal sein, was geschieht. Glaub mir, der Typ hat nur darauf gewartet, die erstbeste Gelegenheit zu ergreifen, um sich aus dem Staub zu machen."
Hermine stützte den Kopf auf die Hände und sah bedrückt auf ihre Socken. Sie konnte es kaum noch ertragen, Harry in die Augen zu sehen.
"Ich hätte dir schon viel früher davon erzählen sollen, Harry", murmelte sie leise. "Mir war von Anfang an klar, dass du dich furchtbar darüber aufregen würdest. Und das zurecht. Ich verstehe ja selbst kaum, wie es soweit kommen konnte ..."
Blitzartig griff er nach ihrer Hand, bis sie ihn ansah. "Was zum Teufel faselst du da? Ist alles in Ordnung mit dir?"
Hermine zuckte verunsichert mit den Schultern. Das Gefühl der Leere, das sie seit dem Abschied von Severus begleitete, trieb ihr die Tränen in die Augen. Zugleich fühlte sie eine ungeheure Wut in ihren Inneren.
"Kannst du nicht einmal deinen Hass auf ihn ablegen?", fragte sie hart. "Er hat dir seit dem Tag seines Todes nichts angetan, das dich dazu veranlassen sollte, ihn ständig zu kritisieren. Damals dachte ich, wir drei wären uns einig gewesen, ihm zu vergeben. Keiner von uns wollte je, dass ihm das widerfährt. Aber jetzt, wo er am Leben ist, wo er diese Chance bekommen hat, geht alles genauso weiter wie zuvor. Ich verstehe deine Abneigung nicht. Er hat Fehler gemacht, ja. Aber tun wir das nicht alle?"
Skeptisch die Stirn runzelnd ließ Harry ihre Hand fallen. "Du redest so, als wäre es ganz normal, dass so etwas passiert."
Sie schnaubte. "Und wenn schon! Was wäre, wenn es so wäre, Harry? Wir sind alle Menschen. Du hast nicht das Recht, ihn zu verurteilen. Er hat getan, was er konnte, um seine Fehler gerade zu biegen."
"Habe ich nicht? Er war scharf auf meine Mum, Hermine! Deshalb hat er sich an Dumbledore gewendet. Nicht etwa, weil er ein guter Mensch ist."
"Das hat nur bewiesen, wie wichtig sie ihm war. Du solltest lieber anfangen, nach der Ursache des Problems zu suchen. Oder hast du vergessen, was James ihm angetan hat? Er hat mit dazu beigetragen, dass Snape sich in die Obhut der Todesser geflüchtet hat?"
"Ist das dein Ernst?", fragte er ungläubig. "Hat er dir das etwa erzählt?"
Hermines Wangen wurden rot. "Nicht direkt. Aber ich weiß, dass es ihn mitgenommen hat."
Harry fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare. "Du machst mir langsam Angst, Hermine."
Entnervt stöhnte sie auf. "Ich mache mir selbst Angst, da kannst du dir sicher sein."
"Und was genau hat das jetzt zu bedeuten? Ich meine, ich wusste ja, dass du dich schon mal mit ihm unterhalten hast. Aber wenn ihr dabei so weit vorgedrungen seid, seine Vorgeschichte mit meinem Dad zur Sprache zu bringen, glaube ich, dass das noch längst nicht alles war."
Hermine wippte verstört mit dem Kopf. "Ich habe mehr Zeit mit ihm verbracht, als du ahnen kannst. Ich kann auch nicht sagen, dass ich bereue, dass es so geschehen ist, Harry. Das solltest du vorab wissen, bevor du dich weiter darüber aufregst. Es ist passiert. So wie man zufällig jemandem begegnet, den man seit einer Weile nicht gesehen hat. Ohne es richtig zu merken, stellt man fest, dass dieser Mensch interessanter ist, als man dachte. Man redet und sieht ihm ins Gesicht. Plötzlich steht da ein Fremder, obwohl es noch immer dieselbe Person ist ..." Sie stockte. "Kannst du mir folgen?"
Harry schüttelte sich. "Nein."
"Das dachte ich mir", sagte sie sanftmütig. "Aber denk dir doch einmal, wie es bei dir und Ginny war. Jedenfalls fing ich an, etwas für ihn zu empfinden, was ich nie für möglich gehalten hätte. Ich habe plötzlich nur noch ihn in meinem Kopf gehabt. Er war unausweichlich da und ich wollte ihn für mich haben. So sehr, wie noch nichts zuvor."
Harry stutzte. "Soll das heißen, du hast dich in ihn verliebt?", fragte er abwertend.
Sie nickte. "Ja, das heißt es, Harry. Und auch dann, wenn du immer mein bester Freund warst und ihn zutiefst hasst, hoffe ich, dass du es verstehen kannst."
Er robbte an die Kante des Betts und raufte sich die Haare. "Ich verstehe ehrlich gesagt gar nichts, Mione. Wie konnte das passieren? Hasst du vergessen, wer er ist und was er getan hat? Ich meine damit nicht nur die Gräueltaten, die er als Todesser verbrochen hat. Ich meine auch alles andere. Was er zu dir gesagt hat? Was er im Unterricht für Gemeinheiten versprüht hat?"
Hermine kroch zu ihm und legte beruhigend ihre Hand auf seine Schulter. "Ich habe es nicht vergessen, Harry. Aber ich verstehe heute, warum es so gekommen ist. Es hat mir geholfen, mir über meine Gefühle klar zu werden. Am wichtigsten aber ist, dass ich ihm vertraue. Er würde mir nichts antun, obwohl du es natürlich nicht glauben wirst."
Seine Schultern sackten schwer wie Blei nach unten. Er sah aus, als wäre ihm übel. "Weißt du eigentlich, wie alt er ist?"
Hermine holte Luft. "Ja, das weiß ich."
„Und?"
„Es sind nur zwanzig Jahre, Harry. Im Leben eines Zauberers ist das nicht relevant."
„Nicht relevant? Er ist steinalt im Vergleich zu dir! Wie kannst du so etwas tun? Er könnte fast dein Vater sein! Wie kannst du bereit sein, dich auf so jemanden einzulassen?"
"Harry! Ich habe nicht nachgedacht. Es ist einfach passiert."
„Ich verstehe das nicht", beharrte er entschieden. „Wie kann jemand, der so klug ist wie du, so etwas passieren lassen? Das – das ist verrückt, Hermine. Es sieht dir überhaupt nicht ähnlich, so etwas zu tun."
„Das weiß ich selbst. Aber vielleicht habe ich einfach keine Lust mehr gehabt, immer nur die Erwartungen anderer zu erfüllen. Hast du darüber schon mal nachgedacht? Vielleicht wollte ich einfach nur mal ich selbst sein und mich in die Arme von jemand anderem flüchten, der mich so akzeptiert, wie ich bin."
„Und das musste ausgerechnet er sein?"
Sie blickte verträumt auf seine vornübergebeugte Gestalt. „Ja. Er war wenigstens für mich da, was man von Ron nicht gerade behaupten kann."
Harry seufzte theatralisch. „Wie lange geht das eigentlich schon so?"
„Eine Weile", sagte sie ausweichend, ohne große Lust zu verspüren, ihm die Einzelheiten zu nennen. „Es hat sich nach und nach entwickelt. Wir haben viel geredet, uns geküsst ..."
„Okay, das reicht. Hast du überhaupt eine Ahnung davon, was das für ein Chaos auslösen wird, wenn herauskommt, dass du dir was mit ihm angefangen hast? Die ganze Schule könnte in Verruf geraten."
Hermine reckte steif ihr Kinn in die Höhe. „Du hast doch nicht vor, es herum zu erzählen, oder?"
„Nein. Das überlasse ich dir. Ich hab schon genug Stress am Hals, Hermine. Es ist nicht leicht für mich, mit meinem Bekanntheitsgrad Fuß zu fassen. Ich muss echt vorsichtig sein, was ich tue. Die Erwartungen, die man an mich hat, sind doppelt so hoch wie die an alle anderen."
„Verstehe. Du wirst doch trotzdem dicht halten? Ron sollte lieber nichts davon erfahren. Vor allem nicht, solange ich nicht weiß, wie es weitergeht."
Er nickte matt. „Meinetwegen. Es fällt mir ja selbst noch schwer, das zu begreifen." Müde stand er auf und streckte sich. „Und du bist wirklich sicher, dass er dich nicht einfach sitzen gelassen hat?"
„Wir haben lange miteinander darüber geredet, Harry. Auf so was lässt sich niemand ein, der einfach unbemerkt verschwinden will."
„Schon klar", murmelte er steif.
Hermine sah verunsichert zu ihm auf. „Ich hoffe, dass es ihm gut geht. Er fehlt mir."
Angespannt hob er die Hände. „Erwarte nicht von mir, dass ich dir jetzt gut zurede. Ich kann nicht gutheißen, dass du das getan hast. Er ist immer noch ein widerwärtiger Mensch, Hermine. Und daran wird sich auch nichts ändern, wenn du mit ihm rummachst."
Traurig biss sie sich auf die Zunge, um die Sache nicht weiter anzuspitzen. So wie sie selbst würde auch Harry eine Weile brauchen, um das zu verarbeiten. Mehr konnte sie nicht von ihm erwarten.
Nachdem sie Harry ihr Geheimnis gebeichtet hatte, war es nicht weiter schwer für ihn, die Fakten zusammenzuzählen. Gemeinsam tauschten sie ihr Wissen aus und kamen zu dem Schluss, dass es das Beste war, Snape nicht weiter in die Quere zu kommen, obwohl Harry der Gedanke alles andere als gefiel.
Erleichtert konnte Hermine gegen Mitternacht aus dem Zimmer schlüpfen und bei Ginny Entwarnung geben. Vorerst jedoch hatte sie genug geplaudert. Mit Ron würde sie morgen reden müssen.
