Thorns in my chest

Kapitel 34

Hermines Unterhaltung mit Ron verlief wesentlich angenehmer, als sie es für möglich gehalten hätte. Er zeigte sich einsichtig und war bereit, für den Erhalt ihrer langjährigen Freundschaft zu kämpfen, ohne dabei Anstalten zu machen, sie zurückerobern zu wollen. Im Großen und Ganzen war es genau das, wonach sie sich gesehnt hatte, seit sie sich auseinandergelebt hatten, womit sie sich am Ende bereit erklärte, ihm zu vergeben.

Als hätten Harry und Ginny die Unterhaltung mitbekommen, platzten sie freudig in die Küche und setzten sich zu ihnen an den Tisch. Binnen kurzer Zeit war alles wie früher. Sie konnten miteinander lachen und plaudern. Nur die Wehmut um Severus blieb.

Den ganzen Vormittag über tauschten die Freunde Neuigkeiten aus. Irgendwann jedoch fing Harry an, seine Sorge bezüglich Snapes Entdeckung zur Sprache zu bringen. Hermine saß nachdenklich neben ihm und warf einen Blick aus dem Küchenfenster. Sie hatte geahnt, dass er sich darüber mit Ron beraten hatte, schließlich war es nie anders gewesen.

„Nur einmal angenommen, er findet wirklich was", gab Ron zu bedenken. „Wie soll es dann weitergehen? Vielleicht ist der Typ ja vollkommen harmlos."

Harry und Hermine starrten sich unvermittelt an und Ron dämmerte, dass er in einen Fettnapf getreten war.

„Ich meine ja nur ..."

Ginny schüttelte energisch den Kopf. „Wenn Voldemort tatsächlich einen Sohn hatte und die Todesser ihn in ihren Fängen hatten, können wir sicher sein, dass das nicht harmlos ausgehen kann."

Harry gähnte und streckte seine Arme. Erst jetzt bemerkte Hermine, dass er ziemlich müde aussah; wahrscheinlich hatte er aufgrund der Neuigkeit, dass sie angefangen hatte, sich auf Snape zuzubewegen, die ganze Nacht kein Auge zugetan.

„Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht", antwortete er steif. „Im Übrigen habe ich doch etwas herausgefunden, als Snape mich auf diese falsche Fährte gebracht hat."

„Ich kann nicht glauben, dass der Sack das tatsächlich gemacht hat", warf Ron verärgert ein. „Was glaubt der, wer er ist? Wir sind drauf und dran, Auroren zu werden. Er sollte uns lieber helfen, anstatt unsere Arbeit zu behindern."

Hermine rollte mit den Augen.

„Was? Findest du das etwa gut? Harry hat 'nen Haufen Zeit vergeudet."

Sie seufzte. „Vielleicht sollten wir uns erst mal anhören, was er zu sagen hat, bevor wir dieses Thema vertiefen, Ronald."

„Also", fing Harry an, „Die Zeit war vielleicht nicht ganz so verloren, wie ihr vielleicht glaubt. Auf dem inzwischen mehr oder weniger verlassenen Landsitz der Lestranges habe ich einen uralten Hauselfen gefunden. Glaubt mir, Kreacher ist noch gut in Schuss dagegen. Der arme Kerl hat wahrscheinlich seit Monaten mit niemandem mehr gesprochen."

Ron stöhnte auf. „Klasse! Wir wollten was über Voldemorts Nachkommen herausfinden, stattdessen haben wir einen neuen Fall, den Hermine betreuen kann."

Alle starrten ihn an. Am meisten Hermine.

„Auch Hauselfen haben ein Recht darauf, Anerkennung zu finden, Ron. Müssen wir das wirklich jedes Mal wieder diskutieren?"

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Sicher doch ..."

Hermine wandte sich säuerlich von ihm ab und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Harry. „Hast du mit ihm gesprochen?"

Harry nickte. „Kann man so sagen. Genau genommen ist es eine Sie ... Es war ihr nicht weiter anzusehen, bei all den Falten und so. Außerdem war sie nicht gerade ein Fan von mir ..."

„Kein Wunder bei deiner Vorgeschichte in Sachen Hauselfen", entgegnete Ron ironisch. „Es ist schon beängstigend, wenn man bedenkt, dass du ihr die Freiheit schenken könntest."

Hermine sackte das Kinn nach unten, doch Harry war schneller.

„Ich glaube, wir alle können uns denken, dass sie nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen war. Also habe ich mir Kreacher zu Hilfe geholt."

„Was?", kam es wie aus einem Munde zurück.

Er nickte. „Kreacher und ich, wir hatten zwar keinen guten Start, aber so langsam schnallt er, dass er nur im Grimmauldplatz bei seiner ehemaligen Herrin bleiben darf, wenn er mir hin und wieder einen Gefallen erweist."

„Und weiter?", fragte Hermine neugierig. „Habt ihr die Elfin zum Sprechen gebracht?"

„Haben wir. Wir haben herausgefunden, dass sie mitsamt dem Landsitz in den Besitz der Malfoys übergegangen ist. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Interessanter fand ich da schon, dass die Malfoys sich nicht sonderlich für dieses Erbe zu interessieren scheinen, so verwahrlost wie der Park ausgesehen hat."

„Auch das ist kein Wunder", sagte Ron überzogen. „Wer braucht schon zwei Landsitze?"

Harry beachtete ihn nicht weiter und fuhr fort. „Jedenfalls wollte ich schon fast das Weite suchen, weil ich dachte, dass aus der Elfin nichts herauszubekommen ist, da hat Kreacher ihr eine Falle gestellt."

„Sieht ihm ähnlich. Er kann ganz schön fies sein ..."

Harry legte den Kopf schief und Ron verstummte endlich.

„Die Elfin hat sich an eine Nacht erinnert, in der im Herrenhaus ein Kind geboren wurde. Sie war quasi dabei, als das passiert ist."

„Das ist nur logisch", platzte es aus Hermine heraus. „Hauselfen sind Bedienstete. Früher waren sie sogar ein Ersatz für Krankenschwestern und Hebammen."

„Ja … Wie dem auch sei. Es gefällt mir nicht, aber Snape hat tatsächlich was gefunden."

xxx

Snape hatte es immer vermieden, sich Gedanken über das Schicksal eines einzelnen Menschen zu machen. Jetzt, wo er an diesem Punkt angekommen war, an den Fabio ihn geführt hatte, kam er nicht länger umhin, es zu tun. Er stand kurz davor, sein Ziel zu erreichen. Wenn er klug genug wäre und nichts riskieren wollte, würde er die Informationen an den Orden weitergeben. Dann wäre er raus aus der Sache. Fabios Hinweise hatten ihn weitergebracht, genauso wie es immer gewesen war. Einen Schritt nach dem anderen, auf dem Weg zum Erfolg seiner Mission.

Seit er angefangen hatte, sich mit Hermines Gegenwart auseinanderzusetzen, kam es hin und wieder vor, dass er Dinge tat, die er früher nie für möglich gehalten hätte. Die Modifikation von Fabios Gedächtnis würde den jungen Mann zwar nicht vor dem physischen Schmerz bewahren, der ihn zweifelsohne heimsuchen würde, doch immerhin war so der Grundstein gelegt, der es ihm ermöglichen konnte, von vorne anzufangen. Der Rest lag bei ihm.

Wie elektrisiert starrte der Professor auf einen Eingang in einer unscheinbaren Straße Londons. Seine schwarzen Augen waren erwartungsvoll auf die Tür zu einem der zahlreichen modernen Clubs gerichtet, die unter den Zauberern zwar berühmt und berüchtigt waren, jedoch nur inoffiziell existierten. Es hatte eine Weile gedauert, bis er sich aus den spärlichen Informationen seiner Kontakte etwas Brauchbares zusammengelegt hatte. In den Kreisen der Todesser verkehrten strickte Regeln, die niemand ungestraft brechen konnte. Ganz besonders jetzt, wo er aufgeflogen und unbrauchbar geworden war, konnte er es sich nicht erlauben, einfach so zu tun, als wäre er Teil dieser verschworenen Gesellschaft. Sein Leben war wertlos geworden. Jeder, der ihn entdecken würde, würde nicht zögern, ihn für seine Aktivitäten im Dienst von Dumbledore hinzurichten.

Als die Tür aufging, zuckte er zusammen. Es war schwer zu sagen, was er erwartet hatte, als er sich die Gestalt des Fremden ausgemalt hatte. Fest stand nur, dass der ansehnliche Mann mit den leicht gewellten dunklen Haaren und den kalten Augen seinem Erzeuger unwahrscheinlich ähnlich sah. Jedenfalls vor der Nacht des 31. Oktober, in der die Potters getötet wurden.

So unauffällig es ging, drückte er sich an die Wand in seinem Rücken und zwang sich, ruhig zu bleiben. Er musste vorsichtig sein. Die Gestalten, die den Mann flankierten, waren kaltblütige Killer. Es gab keine Zweifel mehr, dass er ihn gefunden hatte: Voldemorts Abbild, seinen und Bellas Sohn.