Thorns in my chest
Kapitel 35
"Seit wann ist Ron so vorlaut? Ich kann mich nicht entsinnen, wann er zuletzt so gut drauf war."
Harry zuckte mit den Schultern und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm des Baums auf dem Hügel, von wo aus man einen guten Blick auf den Fuchsbau hatte.
Hermine erinnerte sich noch genau daran, wie sie hier im Sommer bei brütender Hitze von Snape überrascht worden war. Jetzt war es eisig kalt und nichts deutete darauf hin, dass an diesem Ort mehr oder weniger die ganze Misere zwischen ihr und dem Professor begonnen hatte. Doch trotz der frostigen Stimmung hatten es sich die beiden Freunde nicht nehmen lassen, fest in ihre Wintermäntel eingehüllt, nach frischer Luft zu schnappen.
"Ich glaube, es geht ihm wirklich gut", setzte Hermine freudig nach. "Er wirkt so fröhlich wie lange nicht mehr."
Harry fummelte nervös an seinem Kragen herum. Er wirkte so, als wäre er mit seinen Gedanken ganz wo anders. "Kann schon sein. Hermine, was du mir gestern erzählt hast, das mit Snape, es ist - ich kann es nicht glauben. Ich habe einfach kein gutes Gefühl bei der Sache."
Sie erstarrte förmlich. "Und was erwartest du jetzt von mir? Soll ich es deinetwegen beenden? Würdest du dich dann besser fühlen? Ich weiß ja selbst nicht, wie es weitergeht."
"Ich hoffe inständig, er nutzt die Zeit, um ordentlich darüber nachzudenken, was er getan hat."
Entgeistert starrte sie in sein ernstes Gesicht. "Bitte?"
"Er hat ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen, Hermine. Er ist ein Hogwarts-Professor und dein Lehrer. Das heißt, er sollte seine Schüler in Schutz nehmen, nicht mit ihnen ins Bett gehen."
"Du weißt verdammt gut, dass er mehr als nur ein einfacher Hogwarts-Professor ist. Er war immer Dumbledores rechte Hand und hat dafür jede Menge Opfer erbracht. Schon alleine deshalb verdient er es, dass wir ihn mit Respekt behandeln."
"Deshalb kann er nicht aus einer Laune heraus gegen die wichtigste Regel in diesem Beruf verstoßen."
"Das hat er auch noch nie zuvor getan. Ich bin erwachsen. Wenn ich minderjährig wäre, könnte ich deine Bedenken nachvollziehen. Aber so glaube ich, es geht einfach nur darum, dass du ihn noch nie leiden konntest."
Harry lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. "So oder so, er hat es verbockt. Jemand in seiner Position sollte wissen, dass sich das nicht gehört."
"Keine Sorge, das weiß er. Wir haben ausführlich darüber geredet."
"Ich habe auch versucht, mit ihm zu reden. Aber alles, was er getan hat, war mich zu verarschen. Er hat mich mit Absicht auf eine falsche Spur geführt."
"Nicht ganz, wie sich herausgestellt hat. Außerdem kann ich verstehen, dass er nicht wollte, dass wir ihm dazwischenfunken. Es ist gefährlich."
Er sah sie scharf an. "Aber ich will Auror werden, um zu verhindern, dass Typen wie Voldemort die Welt ins Chaos stürzen können. Mir ist schon klar, dass das nicht immer ungefährlich vonstatten gehen kann."
Hermine legte die Stirn in Falten. "Ich dachte, du hast genug von den Abenteuern."
"Natürlich habe ich das."
"Dann solltest du ihm dankbar sein. Voldemort wird nicht grundlos geheimgehalten haben, dass er einen Nachkommen gezeugt hat."
"Ich weiß. Es war sein Plan B. Das hat zumindest Dumbledore gesagt."
"Also! Vielleicht könntest du Severus endlich etwas mehr vertrauen. Er weiß, was er tut. Dessen bin ich mir sicher."
Harry schüttelte sich unbewusst, als er den Vornamen des verhassten Professors aus ihrem Munde hörte. "Es war immer mein Ziel, Voldemort eines Tages zu besiegen."
"Und das hast du erreicht."
"Ja. Genau deshalb kann ich jetzt nicht einfach aufhören, nur weil ich genug von den Gefahren habe, die damit verbunden sind, Todesser aufzuspüren."
"Wenn du dir so sicher bist, dann war es richtig, dass du dich für diesen Beruf entschieden hast."
Harry blinzelte. Schlagartig schien etwas in der Luft zu liegen, das der Unterhaltung eine gehörige Portion Bitterkeit verlieh. "Und was ist mit dir? Bist du dir sicher?"
Hermine spürte, wie ihr die Farbe ins Gesicht schoss. "Ähm, weißt du, es hat gedauert, bis ich mich in Hogwarts wieder einigermaßen zurechtgefunden habe."
Harry lächelte verhalten. "Spar dir die Mühe mit deinen Ausflüchten. Wirklich, wie lange kennen wir uns jetzt?"
Sie senkte den Blick, ohne zu antworten.
"Ich rede nicht von Hogwarts, Hermine", sagte er streng. "Ich rede von Snape."
Verunsichert klemmte sie ihre Lippe zwischen die Zähne und sah ihn an. "Er hat sich ernsthaft bemüht, für mich da zu sein, obwohl die Situation alles andere als leicht für uns beide war. Glaub mir, er hätte es nicht gewagt, so weit zu gehen, wenn ich ihn nicht dazu ermutigt hätte."
"Es sieht dir gar nicht ähnlich, so etwas zu tun."
"Was? Dass ich mich den Vorschriften widersetze oder Regeln breche?"
"In Bezug auf ihn betrachtet ist es vollkommen untypisch für dich. Du konntest ihn doch ebenso wie wir alle nie leiden."
"Ja, da ist was dran. Aber ich wollte es so. Ich wollte ihn. Weiß der Himmel, was mich da geritten hat. Ich konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Er hat mich einfach nicht mehr losgelassen."
"Aber … Warum bist du so davon überzeugt, dass es das Richtige ist?"
Sie stellte sich neben ihn und lehnte sich ebenfalls an den Baumstamm. "Das ist nicht nett von dir, Harry. Du glaubst, du kennst ihn. Aber du kennst ihn nicht so wie ich. Du warst von Anfang an voreingenommen. Nicht zuletzt, weil Sirius dich beeinflusst hat. Vielleicht wirst du das nie überwinden. Aber Severus ist ein wunderbarer Mann. Ich sage nicht, dass es perfekt ist zwischen uns. Wir haben unsere Höhen und Tiefen, wenn wir zusammen sind. Doch wenn es jemanden gibt, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, ist er es."
Harry schüttelte den Kopf. "So wie du das sagst, klingt alles so endgültig. Hast du dir ausführlich Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll?"
"Natürlich habe ich das."
"Und wie steht er dazu? Ich meine, du wolltest immer eine Familie. Du wolltest irgendwann einmal heiraten und Kinder haben. Für mich wirkt er nicht gerade geeignet, dir diesen Wunsch zu erfüllen."
Sie stöhnte auf. "Und wenn schon! Das dachte ich, als ich mit Ron zusammen war. Die Situation war eine andere. Wir hatten Krieg und haben uns verzweifelt aneinander geklammert, um nicht das Gefühl zu haben, alleine zu sein. Inzwischen hat sich jede Menge geändert. Ich habe mich geändert."
"Mag sein. Aber du hattest einen Traum. Willst du den einfach für ihn wegwerfen?"
Irritiert sah sie ihn an. "Wie meinst du das?"
"Ich will damit nur andeuten, dass er nicht besonders umgänglich veranlagt ist. Jahrelang hat er sich in den Kerkern abgeschottet. Selbst die Feierlichkeiten in Hogwarts haben ihn kaltgelassen. Ein Wunder, dass er dort überhaupt aufgetaucht ist ..."
"Komm schon, Harry!", fuhr sie energisch dazwischen. "Wir selbst hatten oft keinen Nerv dafür, uns daran zu beteiligen. Gut, es mag ja stimmen, dass er sich lieber zurückzieht, als die Gesellschaft anderer zu suchen. Aber wenn ich mit ihm alleine bin, spielt das keine Rolle."
"Es wird eine Rolle spielen, Hermine", sagte er zähneknirschend. "Nämlich dann, wenn er erst einmal richtig alt ist und du beginnst, dich an seiner Seite zu langweilen."
"Im Gegenteil. Wir haben trotz unserer Verschiedenheit jede Menge Gemeinsamkeiten. Ich habe das Gefühl, dass es mit ihm nie langweilig werden wird. Aber selbst wenn, habe ich immer noch dich, Ron und Ginny."
"Dann willst du dich kopfüber in eine Beziehung mit ihm stürzen, die keine Zukunft hat?"
"Dafür ist es zu spät, Harry. Ich habe längst versucht, ihn mir aus dem Kopf zu schlagen. Aber wenn er mich will, werde ich nicht nein sagen."
"Wenn er dich will?", hakte er ungläubig nach.
Sie stieß sich mit einem Ruck vom Baum ab und verschränkte die Arme vor der Brust. "Du verstehst das falsch. Ich weiß, dass er mich will. Aber es ist nicht leicht für ihn, damit umzugehen."
"Ebenso wie für dich, Hermine."
Sie seufzte. "Ich will dir damit nur zu verstehen geben, dass er sich auch Gedanken darüber gemacht hat. Er will eben das Beste für mich."
"Dann hätte er die Finger von dir lassen sollen. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie er mit dir umspringt ..."
"Was redest du da?"
"Er ist nicht gerade für seine Einfühlsamkeit bekannt. Und seinen schlechten Ruf hat er sich auch nicht umsonst eingeheimst."
Enttäuscht sah sie ihn an. "Mir ist schon klar, dass du kein gutes Haar an ihm lassen kannst. Aber Severus ist viel feinfühliger als du es dir vorstellen kannst. Er respektiert mich, Harry."
Harry schnaubte leise, als würde er sich in Gedanken bereits eine neue Liste an Gründen zurechtlegen, die gegen eine solche Beziehung sprechen konnten.
Auch Hermine sah keinen Weg, zu einer Übereinstimmung zu kommen. Bedrückt deutete sie mit dem Kopf in Richtung Fuchsbau. "Weißt du, ich glaube, wir sollten langsam zurück zu den anderen. Molly wird bestimmt Hilfe in der Küche brauchen. Es hat sowieso keinen Sinn, weiter darüber zu reden, Harry. Du weißt es jetzt und darüber bin ich froh. Ich hasse es, Geheimnisse vor dir zu haben. Es liegt an dir, was du daraus machen willst. Doch was auch immer du tust, vergiss nicht, dass ich ebenfalls darin verwickelt bin, bevor du damit weitermachst, ihn zu hassen."
