Thorns in my chest

Kapitel 36

Die Tage im Fuchsbau vergingen wie im Flug. Harry und Ron waren die ersten Besucher, die sich verabschieden mussten, um wieder mit ihrem Auror-Training weiterzumachen, doch Hermine und Ginny kamen trotzdem kaum zur Ruhe. Mrs. Weasley war so selig, ein belebtes Haus zu haben, dass sie die beiden keine Minute aus den Augen ließ, was Hermines Plan, sich abzulenken, sehr gelegen kam. Der Fuchsbau war immer ein heimeliges Refugium für sie gewesen, den zu verlassen nicht leicht werden würde. Ganz besonders, da sie sich endlich mit Ron ausgesprochen hatte und so die Spannungen beseitigt waren, die sich während des Sommers aufgebaut hatten.

Als dann das Ende der Ferien näherrückte, bereiteten die beiden Freundinnen sich darauf vor, nach Hogwarts zurückzukehren. Schon auf dem Weg zum Hogwartsexpress drängte sich der beunruhigende Gedanke in Hermines Bewusstsein, wie unsicher ihre Zukunft nach wie vor war. Wenn sie Glück hatte, würde sie im Anschluss an ihren Schulbesuch eine Lehrstelle im Ministerium ergattern können, um sich so eines Tages ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch abgesehen davon war unklar, wie es mit ihr weitergehen würde. Severus brauchte einerseits Routine, andererseits aber auch seine Freiheit. Er war es gewohnt, alleine zu leben, was nicht leicht für sie war, sich das einzugestehen, denn insgeheim hoffte sie darauf, dass er weiterhin in Hogwarts bleiben und den Alltag an ihrer Seite verbringen würde. Ohne das Unterrichten, das sein Leben bestimmte, würde er nur schwer zurechtkommen. Den Rest würden sie schon schaffen, vorausgesetzt, er wäre bereit, sich darauf einzulassen, die Beziehung zwischen ihnen zu vertiefen.

Abwesend ließ sie sich von der Menge in ein freies Abteil schieben, das Ginny ausgemacht hatte. Dort setzten sie sich gegenüber voneinander ans Fenster und blickten hinaus auf den belebten Bahnsteig, bis der Zug schließlich ins Rollen kam, den Bahnhof verließ und Fahrt aufnahm. Für Ginny war es nicht weiter schwer, sich auszumalen, wo Hermines Gedanken waren. Seit sie angefangen hatte, sich mit Snape abzugeben, spukte er unablässig in ihrem Kopf herum. Diesbezüglich war es für Hermine von Vorteil, eine Vertraute auf ihrer Seite zu haben, auch dann, wenn sie sich manchmal wünschte, sie hätte ihr kleines Geheimnis für sich behalten.

"Glaubst du, er wird da sein, wenn wir heute Abend beim Essen sitzen?", fragte Ginny vorsichtig.

Hermine wendete dankbar über die Anteilnahme ihrer Freundin den Blick vom Fenster ab und zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Er hat einen Vertrag mit Hogwarts, also denke ich schon. Andererseits ist es ihm durchaus zuzutrauen, dass er seinem anderen Job nachgeht und die Schule einfach sausen lässt. Er könnte untertauchen, ohne dass jemand ihn auffinden kann."

Ginny runzelte die Stirn. "Du denkst doch nicht etwa, dass er diese Aufgabe zu Ende führen wird. Das wäre einfach nur absurd", stellte sie klar.

Hermine wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Severus hatte sein Leben immer dieser einen Sache verschrieben, die ihn dazu gebracht hatte, sich an Dumbledore zu wenden. Mit Sicherheit würde es ihm schwer fallen, sein Vertrauen in die Auroren zu setzen, damit sie seine Arbeit fortführen konnten.

"Er ist so daran gewöhnt, auf eigene Faust zu agieren, dass ich fürchte, er könnte zu viel riskieren."

"Das verstehe ich. Aber wenn ihm wirklich was an dir liegt, sollte er irgendwann damit aufhören. Er wird nicht oft die Gelegenheit bekommen, mit einer wunderbaren jungen Frau wie dir zusammen zu sein."

Hermine lächelte verstohlen. "Danke, Gin. Es ist nicht nötig, dass du versuchst, mich aufzubauen. Wenn ich nicht so verunsichert wäre, würde ich es glatt für voll nehmen."

Ginny schüttelte langsam den Kopf. "Als du dich an Snape rangemacht hast, warst du nicht halb so zurückhaltend."

"Da war ich auch nicht ich selbst."

Ginny seufzte nachdenklich. "So ist das eben, wenn man verknallt ist. Kannst du dich noch erinnern, was ich alles getan habe, als ich Harry für mich haben wollte?"

"Ja, aber du warst damals noch sehr jung."

"Trotzdem war ich mir immer sicher, dass er der Richtige ist."

"Ihr seid ja auch ein wirklich tolles Paar und wisst beide, dass ihr zusammengehört."

Ginny beugte sich nach vorn und sah sie eindringlich an. "Hast du etwa Zweifel? Nur weil es schwer ist, mit den Umständen zurechtzukommen, solltest du nicht gleich den Kopf in den Sand stecken, Hermine."

"Nein. Ich will ihn und er will mich. Aber wir sind eben nicht besonders konventionell als Paar."

"Du meinst, weil er so altmodisch rüber kommt?"

"Vielleicht. Doch damit komme ich klar. Nicht, dass wir keine Gemeinsamkeiten hätten. Ich meine, wir verstehen uns und er ist zärtlich und all das, was ich ihm früher nie zugetraut hätte. Ich stehe wirklich auf ihn. Aber es gibt so viel, das zwischen uns steht."

"Mit anderen Worten, du machst dir Sorgen, weil er viel erfahrener ist als du."

"Das kommt dem schon ganz nahe."

"Dann rede mit ihm."

"Wie soll ich das anstellen? Es war schon schwer, es dir anzuvertrauen. Ich hatte ja keine Ahnung, wie du darauf reagieren würdest."

Ginny winkte lässig ab. "Mach dir deswegen keine Sorgen. Es ist vollkommen normal, dass Freundinnen sich einander anvertrauen."

"Ich weiß. Aber du darfst nicht vergessen, dass er dich unterrichtet."

Über Ginnys Gesicht legte sich ein schelmisches Grinsen. "Ob du es glaubst oder nicht, Anfangs fand ich die Vorstellung, wie ihr es miteinander treibt, ziemlich eklig. Aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden. Er lässt es ja auch nicht gerade raushängen, also ist es in Ordnung."

Hermine nickte beflissen. "Genau das ist das Problem, Gin. Solange wir es für uns behalten und für uns bleiben, muss sich keiner darüber aufregen. Aber was, wenn es eines Tages bekannt wird? Er hasst es, im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen. Und ich bin auch nicht wild darauf, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen."

"Dann solltet ihr euch Zeit lassen. Ihr habt von vorn herein alles etwas überstürzt, wenn du mich fragst. Das müsst ihr nicht. Freundet euch damit an, kleine Schritte zu gehen. Dann könnt ihr nach und nach die Personen ins Vertrauen ziehen, die euch wichtig sind."

"Und was ist, wenn nicht alle so aufgeschlossen sind wie du? Immerhin spielt seine Vergangenheit eine große Rolle in unserer Welt. Du hast dich wegen Harry damit auseinander gesetzt. Aber das heißt nicht, dass auch andere bereit sind, damit umzugehen."

"Du machst dir schon wieder zu viele Gedanken, Hermine. Lass dir Zeit. Zuerst müsst ihr beide mal klären, wie es überhaupt mit euch weitergehen soll. Du hast dir immer wohl überlegt, was du tun sollst. Warum machst du es jetzt nicht genauso?"

"Weil ich das Gefühl habe, dass mir alles entgleitet. Ich möchte mich fallen lassen können, Ginny. Und dazu brauche ich jemanden, der mich auffängt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob Severus dafür geeignet ist. Ich würde ihm am Ende nur zur Last fallen, was ich unbedingt vermeiden möchte."

"Unsinn! Du wusstest immer, was zu tun ist. Warum soll das jetzt anders sein?"

"Glaubst du, es ergibt einen Sinn, wenn ich dir sage, dass ich zu früh erwachsen werden musste? Ich sehne mich nach Geborgenheit und Wärme. Nach einem Zuhause, so wie du es hast."

"Vielleicht wäre es einfach an der Zeit, dass du dich auf die Suche nach deinen Eltern machst. Sie scheinen dir zu fehlen, Hermine."

"Ja. Aber ich habe Angst davor, das zu tun. Was ist, wenn ich das, was ich angerichtet habe, nicht rückgängig machen kann? Wie kann ich einfach so in ihr Leben platzen, nachdem ich ihnen ihr Kind weggenommen habe? Sie erinnern sich schließlich nicht an mich."

"Dann willst du alles dabei belassen?"

"Vielleicht ist es besser so."

Ginny rückte näher heran und legte den Arm um sie. "Okay, du musst das nicht jetzt entscheiden", sagte sie ruhig. "Immer schön eins nach dem anderen. Vielleicht ist der Krieg Schuld daran, dass du so durcheinander bist. Hast du denn immer noch schlechte Träume?"

"Hin und wieder schon."

"Es ist kein Wunder, dass du traumatisiert bist. Was du durchmachen musstest, war nicht leicht. Hast du denn schon mal ernsthaft versucht, mit jemandem darüber zu reden? Du könntest dir professionelle Hilfe holen."

Hermine stutzte. "Ich glaube nicht, dass ich das möchte. Bisher habe ich mit dir und Harry geredet. Und einmal mit Dumbledore und McGonagall. Doch dabei ging es mehr oder weniger um Severus und meine Zukunft an Hogwarts. Aber jetzt, wo du es sagst, tut sich das Gefühl in mir auf, dass die beiden es darauf angelegt haben, dass wir ständig aufeinanderprallen."

Ginnys Augen blitzten auf. "Wirklich? Vielleicht waren sie der Meinung, dass sich da zwei Leidensgenossen gefunden hätten ..."

Die Stirn runzelnd beäugte Hermine ihre Freundin. "Sehr komisch."

"Ich finde, das macht durchaus Sinn. Niemand kennt Snape besser als Dumbledore, abgesehen von dir natürlich. Und dass du eine gewisse Ähnlichkeit zu Harrys Mum hast, ist ihm bestimmt nicht verborgen geblieben."

"Du meinst, die beiden stecken unter einer Decke?"

„Es wäre möglich. Wir wissen längst, dass Dumbledore nicht so harmlos ist, wie er immer getan hat. Er ist ein verdammt schlauer Kopf. Und wenn selbst Harry meint, dass Dumbledore keine Einwände gegen eine Verbindung zwischen dir und Snape hat, liegt die Sache doch auf der Hand."

Hermine stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben. "Hast du etwa mit Harry darüber geredet?"

Ginny nickte voller Eifer. "Was hast du erwartet? Nachdem du ihm erzählt hast, dass Snape seiner Spur nachgeht, hat er sich mit Dumbledore ausgetauscht."

"Ich weiß", sagte Hermine gelangweilt. "Ich hatte nur nicht damit gerechnet, dass es dabei um Severus und mich gehen würde."

Skeptisch blinzelte Ginny sie an. "Sei ihm nicht böse. Die beiden standen sich immer sehr nahe, Hermine. Es gibt nur wenig, das Harry vor ihm geheim gehalten hat."

"Ja, du hast Recht. Es ist nur so, dass es mich überrascht, wie offenbar jeder versucht, uns zusammenzubringen."

"Das wäre bestimmt nicht in Harrys Sinn."

"Nein. Aber da sind immer noch McGonagall und Dumbledore, die wichtigsten Persönlichkeiten von Hogwarts. Und natürlich du, Gin."

Nachdem der Wagen mit den Süßigkeiten sie passiert hatte, entschieden die Mädchen, dass sie vorerst genug gegrübelt hatten. Es gab nichts weiter, das sie tun konnten, womit sie sich damit begnügten, ein Nickerchen zu machen oder aus dem Fenster in die graue Landschaft hinaus zu starren, die an ihnen vorüberzog. Ginny döste irgendwann vollends ein, Hermine hingegen war zu stark aufgewühlt und holte sich ein Buch aus ihrer Schultasche; nach wie vor hielt sie es mit dem Grundsatz, dass es besser war, sich abzulenken, anstatt sich wegen all der ungeklärten Verhältnisse und Fragen, die sich in ihrem Kopf aufgetan hatten, verrückt zu machen.

Kurz vor der Ankunft am Bahnhof von Hogsmeade packte sie das Buch wieder weg und weckte Ginny, die ebenso wie ihr Bruder Ron einen unnatürlich festen Schlaf zu haben schien. Der Lärm in den anderen Abteilen ließ spätestens jetzt keine Zweifel mehr, dass es soweit war, sich die Schuluniformen anzuziehen und das Gepäck zusammenzusuchen. Auch in diesem Moment wurde Hermine mit Wehmut daran erinnert, wie es damals gewesen war, als sie Bekanntschaft mit Neville oder Luna gemacht hatte, die sie heute zu ihren Freunden zählte. Was die beiden jedoch dazu sagen würden, wenn herauskäme, dass sie und der Professor eine Bindung zueinander entwickelt hatten, wollte Hermine sich lieber nicht vorstellen.

Auf dem Bahnsteig angelangt beeilten sich Hermine und Ginny, um zu den Kutschen zu kommen, die sie ins Schloss bringen sollten. Es war ein kalter Abend und so dauerte es nicht lange, bis sie durchgefroren waren, womit sich die Vorfreude auf Hogwarts nur noch vergrößerte.

Kaum im Schloss angelangt, blieb ihnen nur wenig Zeit, sich zum Abendessen in die Große Halle zu begeben. Ungeduldig reckte Hermine den Hals, um zwischen dem Durcheinander, das sich an den Haustischen ausgebreitet hatte, einen Blick zum Lehrertisch erhaschen zu können. Vorerst jedoch konnte sie nur McGonagall und Hagrid erkennen, die wie einige andere Lehrer auch zu ihren Plätzen drängten.

„Hast du ihn schon gesehen?", fragte Ginny leise.

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich bin so aufgeregt, dass sogar meine Hände schwitzen."

Ginny lächelte ihr aufmunternd zu. „Ich glaube, deine Sorge ist überflüssig. Sieh mal, da kommt er ..."

Noch ehe sie ausgeredet hatte, hatte Hermine ihre ganze Aufmerksamkeit der Richtung gewidmet, in die ihre Freundin mit dem Kopf gedeutet hatte. Sofort fühlte sie einen eigenartigen Schauder über ihren Rücken laufen, der mit der dunklen Erscheinung des Professors einherging, der soeben durch die Tür kam, die für gewöhnlich die Lehrer benutzten, um in die Große Halle zu gelangen.

Sie schluckte. Mit langen Schritten steuerte Snape seinen Platz an und setzte sich auf seinem Stuhl nieder, ohne auch nur irgendjemanden eines Blickes zu würdigen. Fast war ihr dabei, als hätte sich in all den Jahren, die sie ihn nun schon kannte, nie etwas geändert. Und dennoch wusste sie, dass das nicht wahr war. Nicht mehr lange, dann würde sie die Gelegenheit ergreifen, mit ihm zu reden.