Thorns in my chest
Kapitel 39
Snape hasste das Warten. In seinem Büro zu sitzen, um dort zu arbeiten, war eine Sache. Im Ungewissen auf Minerva zu warten, war eine andere. Natürlich wusste er, dass es vom moralischen Standpunkt aus gesehen inakzeptabel war, was er innerhalb dieser Mauern mit Hermine getan hatte. Doch hatte Minerva wirklich das Recht, ihm vorzuschreiben, wann er Sex haben durfte und wann nicht? Immerhin waren sie beide erwachsen und niemand sonst würde je davon erfahren.
Nach einigen Minuten des Grübelns rief er nach einem Hauselfen und bestellte sich eine Tasse Kaffee und etwas zu essen. Die Gedanken in seinem Kopf aber kreisten unaufhörlich weiter. Seitdem er zu Dumbledore gegangen war und ihn angefleht hatte, Lily zu beschützen, hatte er sich verpflichtet gefühlt, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Nur aus diesem Grund hatte die einzigartige Vertrauensbasis zwischen ihm und Albus Bestand gehabt. Aber nun, wo die beiderseitige Abmachung hinfällig war, bezweifelte er, ob es länger vonnöten war, sein Privatleben derart ins Spiel zu bringen. Es war an der Zeit, endlich etwas für sich selbst zu haben.
Ein Hauself kam leise zur Tür herein geschlichen und stellte mit hängenden Ohren ein Tablett auf den Tisch. Seine großen Augen wanderten unruhig durch den Raum und vermieden es, den Professor länger als nötig anzusehen. Wie jedes andere Lebewesen im Schloss wusste auch er, dass mit Snape nicht zu spaßen war.
„Haben Sie noch einen Wunsch, Sir?"
Die Stimme war leise und krächzend. Snape hob unbeeindruckt von der demütigen Haltung des Elfen den Blick und sah ihn an. Ob die armselige Kreatur wusste, was er getan hatte? Dass er gegen die Regeln verstoßen und mit einer Schülerin geschlafen hatte? Und das nun schon zum wiederholten Male?
Die tiefe Furche zwischen seinen Brauen arbeitete nachdenklich. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn Minerva ihm die kalte Schulter zeigen würde, schließlich hätte er beim Frühstück als Aufsichtsperson dabei sein müssen. Doch für gewöhnlich bevorzugte sie eine direkte Konfrontation. Außerdem verabscheute sie Unpünktlichkeit zutiefst. Wieso sollte das plötzlich anders sein?
„Danke, das ist alles."
Eine leichte Verbeugung andeutend schlich der Elf rückwärts zur Tür und verschwand hinaus.
Der Professor stieß einen tiefen Seufzer aus. Manchmal war er sich nicht sicher, warum er von allen derart gehasst wurde. Vieles was er getan hatte, war in den Tiefen seines Bewusstseins verschwunden, denn nur so hatte er weitermachen können. Das notwendige Übel der Verdrängung eben. Doch dass er einen Elfen schlecht behandelt hatte, daran konnte er sich nicht erinnern.
Seine langen Finger streckten sich nach dem Tablett und zogen es zu sich heran. Der Duft des heißen Kaffees stieg ihm in die Nase. Dazu gab es Toast mit Marmelade und ironischerweise einen Apfel. Irgendwann hatte Minerva in der Küche anordnen lassen, dass auf dem Tablett des Professors immer auch ein Stück Obst serviert wurde.
Snape nahm den Apfel und betrachtete eingehend die rot gesprenkelte Schale. Bestimmt konnte sie sich denken, warum er nicht zum Frühstück erschienen war. Warum sie ihn dann warten ließ, war ihm ein Rätsel. Es war nicht ihre Art, eine Standpauke aufzuschieben. Ganz besonders dann nicht, wenn es sich um eine derart heikle Angelegenheit handelte.
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Total übermüdet machte Hermine sich auf den Weg zur Großen Halle, um noch schnell ein paar Reste vom Frühstückstisch zu ergattern, ehe sie zum Unterricht musste. Gott sei Dank verlief an diesem Tag alles ohne größere Zwischenfälle, wenn man bedachte, dass sie mit ihren Gedanken größtenteils bei Snape und seinem Elternhaus war. Insgeheim sah sie sich schon dabei, gemeinsam mit ihm Möbel zu kaufen, um das Wohnzimmer etwas lebendiger und einladender zu gestalten. Natürlich durfte auch ein großes Bett nicht fehlen, in dem sie sich zukünftig austoben würden. Am Ende der letzten Stunde war sie soweit gekommen, die vorläufigen Ausgaben zu berechnen und alles vor dem inneren Auge zu arrangieren. Vollkommen unerwartet wurde sie dann von Ginny aus ihrem Tagtraum gerissen, die sie gnadenlos zum Mittagessen schleifte, um sie auszuquetschen.
„Ihr habt doch wohl hoffentlich nicht nur gevögelt, sondern auch was geklärt", sagte sie mit einem vorwurfsvollen Unterton.
Mahnend rollte Hermine mit den Augen. „Ja, auch das haben wir getan. Ich habe ihn sogar gefragt, ob wir nicht vielleicht zusammenziehen wollen."
„Is nicht dein Ernst!"
„Doch", antwortete sie offenherzig. „Er hat es weitaus besser aufgefasst, als ich dachte. Das heißt, wir wollen es versuchen."
„Wow!"
„Allerdings. Ich bin total glücklich damit, Ginny. Und ich glaube, er findet die Vorstellung auch ganz gut, obwohl ich am Anfang natürlich so meine Bedenken hatte."
Ginny schüttelte den Kopf. „Ist das zu fassen? Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll … Das ist so aufregend, Hermine! Glaubst du, ihr seid bereit dazu? Ich meine, alt genug wäre er ja ... Wo wollt ihr denn überhaupt wohnen?"
Hermine hob beschwichtigend die Hände. "Langsam, Gin. Ich bin mir sicher, dass ich das will. Damals mit den Jungs habe ich es ja auch ganz gut hinbekommen. Und die Umstände waren dabei alles andere als gut. Severus will es auch, obwohl es für ihn weitaus schwerer werden wird, damit umzugehen, als für mich."
"Kann ich mir vorstellen."
"Ja. Ich glaube, das können alle, die sich mit seinem Leben auseinandergesetzt haben. Nur wenn wir es nicht versuchen, werden wir nie erfahren, wie es sein könnte."
"Habt ihr denn schon beschlossen, wann es soweit sein wird?"
"Der beste Zeitpunkt wäre, wenn ich meinen Abschluss und eine Zusage vom Ministerium habe. Dann können auch nach und nach alle von uns erfahren."
"Dann ist er wirklich bereit, von vorne anzufangen?"
"Ich denke schon. Er hat alles, was er herausgefunden hat, Dumbledore überlassen. Der Orden wird sich fortan darum kümmern."
Ginny nickte abwesend. "Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber Harry hat gehofft, dass er sich so entscheidet."
Damit hatte Hermine nun nicht gerechnet. Genau genommen bezweifelte sie, dass ihr Freund diesen Wunsch zum Wohle von Severus gehegt hatte. "Er war von Anfang an nicht begeistert von der Vorstellung, dass Severus da weitermacht, wo er nach seiner tödlichen Verletzung aufgehört hat. Ich mache mir also keine Illusionen, dass das was mit freundschaftlichen Gefühlen für Severus zu tun haben könnte. Die beiden werden sich nie leiden können."
"Mag sein. Es ist auch für mich schwer, damit umzugehen, Hermine. Aber Harry ist nun mal besessen davon, Auror zu werden. Und du weißt ja, wie Auroren so sind. Sie mögen es nicht sonderlich, wenn man ihnen in die Quere kommt, aus Angst, dass das die Ermittlungen behindern könnte."
"Ich weiß. Seit Moodys Tod ist es besonders schlimm geworden. Aber ich bin sicher, er wird das schaffen."
Ginnys Augen blitzten plötzlich auf. "Oh, vor lauter Aufregung hab ich ganz vergessen, dass McGonagall dich sprechen wollte."
"Wann war das?"
"Heut morgen."
"Shit. Glaubst du, sie hat was gemerkt?"
"Ich habe versucht, ihr zu erklären, dass du dir irgendwo ein stilles Fleckchen zum Lernen suchen wolltest."
Ungläubig sackte Hermine das Kinn nach unten. "Was? Vor dem Frühstück, Gin?"
"Das ist gar nicht so untypisch für dich", wehrte Ginny ab.
"Auch wieder wahr. Und hat sie dir das abgenommen?"
"Keinen Schimmer. Wenn sie was gemerkt hat, hat sie sich jedenfalls nichts anmerken lassen."
"Eigenartig, findest du nicht?"
"Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich längst gedacht hat, was da zwischen euch abgeht. Immerhin ist sie die Schulleiterin."
"Ja. Aber sie hat Severus dazu ermahnt, sich an die Regeln zu halten. Und hier in Hogwarts mit mir zu schlafen, zählt nicht dazu."
"Sie ist nicht unser Feind, Hermine. Sie will nur das Beste für uns alle, einschließlich deinem Professor."
"Kann schon sein. Trotzdem müssen wir vorsichtig sein, nicht zu viel zu riskieren."
"Was gar nicht so leicht ist, wenn man frisch verliebt ist, habe ich Recht?"
Hermine hielt gebannt Ginnys drängendem Blick stand. Als sie nicht antwortete, fuhr ihre Freundin fort.
"Komm schon, Hermine. Wenn es euch so ernst ist, dass ihr sogar diesen gewaltigen Schritt wagen wollt, kann man davon ausgehen, dass ihr mehr als nur verknallt seid."
Angestrengt holte Hermine Luft. "Weißt du, es ist ja nicht so, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht hätte. Aber von Liebe zu sprechen, erschreckt mich immer noch. Ich meine, immerhin hat er sein ganzes Leben an Lily festgehalten."
"Das muss nicht heißen, dass er sie vergessen wird. Glaub mir, so etwas wie das, was ihm passiert ist, passiert nicht jedem. Aber ich denke, er hat endlich seinen Frieden mit ihr geschlossen. Er hat seine Aufgabe erfüllt und Harry durch den Krieg gegen Voldemort gebracht. Jetzt ist es an der Zeit für ihn, sie loszulassen."
Verblüfft sah Hermine ihre Freundin an. "Woher weißt du so viel darüber, was diese eine Sache anbelangt?"
"Du meinst das, worüber ihr beide nicht sprechen wollt?"
Hermine nickte und Ginny seufzte. "Es ist Liebe, Hermine. Ich kann nicht fassen, dass ihr noch gar nicht darüber geredet habt, so wie ihr aneinanderklebt."
"Moment mal ..."
"Mir brauchst du nichts vorzumachen. Schon vor den Ferien warst du mehr bei ihm in den Kerkern als in deinem Turm. Jetzt seid ihr dabei, genau da weiterzumachen, also sprich es endlich aus und du wirst sehen, dass es weitaus weniger beängstigend ist, als du angenommen hast. Liebe ist etwas Wunderbares. Du kannst sie überall auf der Welt finden, wenn du nur die Augen aufmachst. Da, siehst du?"
So unauffällig es ging, deutete sie zum Ende der Halle, wo sich ein turtelndes Pärchen hinter einer Säule versteckte, ehe sich die beiden unbeholfen voneinander freimachten und jeder zu seinem Haustisch eilte.
"Er ist in Ravenclaw, sie in Hufflepuff. Verrückt, oder?"
Hermine zuckte mit den Achseln. "Und? Sie sind jung und bis über beide Ohren verknallt. Das ist bestimmt jedem hier schon mal so gegangen."
"Sicher doch. Aber woher willst du wissen, dass es den beiden nicht auch ernst ist? Wir alle spielen verrückt, wenn wir verliebt sind, was nicht heißen muss, dass es bedeutungslos ist."
Mit den Augen rollend wendete Hermine den Blick ab und begnügte sich damit, mit der Gabel auf ihrem Teller herumzustochern.
"Hör auf zu schmollen, Hermine", beharrte Ginny streng. "Ich will dir damit nur sagen, dass es ihm verdammt wichtig sein muss, wenn er nach all den Jahren, in denen er um Harrys Mum getrauert hat, bereit ist, sein Leben umzukrempeln, damit ihr zusammenziehen könnt."
Hermine blinzelte sie verunsichert an. "Das weiß ich, Gin. Wir haben Spaß zusammen. Alles andere würde ihn bestimmt überfordern."
Ginny schob ihren Teller beiseite und stand auf. "Wie du meinst. Vielleicht traut er sich auch einfach nicht, es anzusprechen. Ebenso wie du."
"Dann werde ich ihm bestimmt keinen Vorwurf dafür machen."
"Gut. Dann sind wir uns ja einig. Du bist mehr als nur verknallt, Hermine."
Grummelnd kam Hermine auf die Beine. Das unterschwellige Besserwisser-Grinsen auf Ginnys Gesicht gefiel ihr gar nicht. Doch die Vorstellung, eines Tages in einer gemeinsamen Wohnung neben ihrem Professor aufzuwachen, war so verlockend, dass sie ihrer Freundin verzieh. Es war schließlich nicht selbstverständlich, dass sich jemand mit ihr darüber freuen konnte.
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„Hast du deinen Apfel bekommen, Severus?", fragte McGonagall schnippisch.
Snape nickte grunzend. Es war kein Problem für ihn, ihrem energischen Schritt zu folgen, der sie beide quer durch das Schloss führte. Seine Beine waren lang, außerdem war er es gewohnt, selbst wie ein Irrer durch die Gänge von Hogwarts zu rasen.
„Ja, ich habe ihn bekommen."
„Na also", murmelte sie kurz angebunden. „Dann ist doch alles in bester Ordnung."
Schwungvoll rückte sie ihren spitzen Hut zurecht und bog um eine Ecke.
Der Professor schnaubte. „Das denke ich nicht. Wieso hast du mich heute ignoriert? Ich habe wie üblich in meinem Büro auf dich gewartet und du bist nicht gekommen."
Sie drehte den Kopf zur Seite, ohne ihren Laufschritt zu unterbrechen und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Hatten wir einen Termin?"
Snape verzog leidig das Gesicht. „Nein. Aber ich bin meiner Aufsichtspflicht beim Frühstück nicht nachgekommen, also dachte ich ..."
Ihr faltiger Mund erzitterte. „Sei nicht albern, Severus. In all den Jahren, die du nun hier arbeitest, hast du noch nie unentschuldigt gefehlt. Dachtest du, ich reiße dir den Kopf ab, wenn du einmal nicht wie vorgeschrieben beim Frühstück sitzt?"
Irritiert blieb er stehen. „Das ist nicht komisch, Minerva", zischelte seine Stimme ihr hinterher.
Augenblicklich hielt sie inne und fuhr herum. „Hältst du mich wirklich für so naiv, dass ich nicht wüsste, was du treibst? Wir hatten eine Abmachung, Severus. Du hast dich nicht daran gehalten, also ist sie hinfällig. Aber nachdem ich dich so lange kenne, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es irgendwann an der Zeit war, dich dir selbst zu überlassen. Du bist ein erwachsener Mann und musst wissen, was du tust. Und je weniger ich davon weiß, umso besser."
Er schluckte hart. „Was sagst du da?"
„Du hast mich schon verstanden, Severus", sagte sie scharf, während sie sich zu ihrer vollen Größe vor ihm aufbaute. „Ich kann dir nicht vorschreiben, wie du dein Leben zu leben hast. Oder hast du etwas anderes erwartet?"
„Ich weiß, dass es falsch ist, was ich tue, Minerva."
„Das ist mir durchaus klar."
„Gut."
Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, die nur zu deutlich erkennen ließen, wie enttäuscht sie von ihm war. Umso mehr verwunderte es ihn, warum sie so lange gezögert hatte, ihn einzuweihen, dass sie über alles bescheid wusste.
Kopfschüttelnd wendete sie sich von ihm ab und lehnte sich an eines der unzähligen Fenster, wo sie die Arme vor der Brust verschränkte und abwesend in die untergehende Wintersonne hinaus starrte.
Snape rührte sich nicht, seine Blicke jedoch ließen sie nicht aus den Augen. Stocksteif stand er da und zermarterte sich das Hirn darüber, was er tun konnte, um die Situation aufzulockern.
„Ich habe dir nie wirklich einen Grund gegeben, mir zu vertrauen", sagte er nach einer Weile.
McGonagall nickte matt. „Willst du damit sagen, dass es meine Schuld ist?"
Angespannt nahm er die Hände hoch und fuhr sich damit durch die Haare. „Natürlich nicht. Aber du wusstest, dass ich genug davon hatte, mir über die Schulter schauen zu lassen."
Langsam drehte sie den Kopf in seine Richtung und sah ihn an. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht wirkte beinahe erschreckend müde. „Ich habe dir deine Freiheit aufrichtig gewünscht, Severus. Und ich habe auch nicht vor, sie dir zu nehmen. Du weißt, wie gern ich selbst etwas für mich gehabt hätte. Ein Heim, einen Partner. Aber es sollte nicht sein." Sie stieß ein hohles Lachen aus. „Was soll ich sagen? Die Jahre sind nicht spurlos an mir vorübergezogen. Jetzt ist es zu spät, niemand hat mich dazu auserwählt, für immer mit mir zusammen sein zu wollen."
Der Professor musterte sie von der Seite her. Es war ihm noch nie leicht gefallen, mit anderen über Gefühle zu reden. Sich anhören zu müssen, was sie versäumt hatte, machte es da nicht gerade besser.
Vorsichtig trat er einen Schritt auf sie zu, dann noch einen und noch einen, bis er neben ihr am Fester stand. Dort angekommen verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und sah, wie sich gespenstische Nebelschleier über den verbotenen Wald legten.
„Ich wusste nicht, wie wichtig dir das war", äußerte er leise. Um sein schlechtes Gewissen zu unterdrücken, war es zu spät.
Sie seufzte. „Als ich noch jünger war, kannte ich einen für mich sehr bedeutenden Mann, Severus. Er war Lehrer hier, ein Professor."
Fragend runzelte er die Stirn. „Wie war sein Name?"
McGonagall kräuselte unliebsam die Lippen. „Das ist unwichtig. Vielmehr dürfte es dich interessieren, dass er hier in Hogwarts eine wichtige Persönlichkeit war. Und um einiges älter als ich. Aber das hat mich damals nicht gekümmert. Ich war wie besessen von ihm. So ist das eben, wenn man verliebt ist, oder sich einbildet, es zu sein. Eines Tages dann schaffte ich es irgendwie, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wir haben uns lange angesehen, was an sich schon ein ziemlich gewagtes Unterfangen war. Dabei kam es mir so vor, als wäre da ein Funke gewesen, der übergesprungen war. Ich kann dir nicht einmal mehr genau sagen, wie es dazu kam. Es ist einfach passiert." Sie hielt inne und holte Luft. „Jedenfalls kam, was kommen musste. Wir haben uns zwischen Tür und Angel verabredet. Dann haben wir uns heimlich im Schloss getroffen und uns wild geküsst. Es war in der Tat etwas Besonderes. Viele von uns waren damals unerfahren, egal ob es die ältere oder die jüngere Generation betraf. Es war nicht so, wie es heute ist. Die Regeln waren strickt darauf ausgelegt, die Geschlechter voneinander fernzuhalten, so gut es ging. Trotzdem haben wir nicht lange gebraucht, um die Sache zwischen uns zu vertiefen. Den Rest kannst du dir denken. Das ging eine Weile so. Bis ich eines Morgens feststellte, dass meine Periode ausblieb. Es war ein riesiger Schock für uns beide, glaub mir. Von einer Sekunde auf die andere schien mein Leben eine völlig neue Wendung zu nehmen. Es wäre ein Skandal ungeahnten Ausmaßes geworden, wenn nicht alles anders gekommen wäre."
Vollkommen unvermittelt hielt sie inne und sah ihn mit wässrigen Augen an.
„Was ist passiert?", fragte er einem Flüstern gleich. Obwohl es sonst nicht seine Art war, sich solche Dinge einzuverleiben, musste er sich eingestehen, dass er Mitleid mit ihr hatte, immerhin war sie eine der wenigen Personen gewesen, die ihm immer wieder unter die Arme gegriffen hatte.
Ebenso schnell wie sie ihn angesehen hatte, wendete sie den Blick wieder aus dem Fenster. „Die Zeiten damals waren anders als heute. Die Menschen waren noch viel altmodischer als du es dir vorstellen kannst. Natürlich waren wir mehr oder weniger aufgeklärt, aber es gab nicht diese neumodischen Verhütungsmethoden, die die Muggel entwickelt haben. Bei der erstbesten Gelegenheit bin ich heimlich zu einem etwas weiter entfernt gelegenen Arzt gereist, der feststellte, dass ich tatsächlich schwanger war. Als ich wieder im Schloss war und meinem Professor davon erzählte, wussten wir nicht weiter. Seine Begeisterung hielt sich wie zu erwarten gewesen war in Grenzen. Aber wenigstens hatte er den Anstand, mich nicht einfach fallen zu lassen. Wir überlegten hin und her, was wir tun sollten. Wenn wir tatsächlich ein uneheliches Kind bekommen hätten, wären die Fragen nach seiner Herkunft nicht lange ausgeblieben. Wir hätten natürlich lügen können. In erster Linie ich, denn niemand wusste ja, wer der Vater war. Vielleicht hätte sich am Ende sogar das Ministerium eingemischt und mich in die Mangel genommen. Dann hätten wir beide unsere Sachen packen und Hogwarts verlassen müssen. Aber soweit kam es nicht. Ich habe es verloren, noch ehe mir die Schwangerschaft so richtig anzusehen war. Doch unsere Beziehung war fortan nicht mehr dieselbe. Es gab gewisse Spannungen, die wir einfach nicht überwinden konnten, bis wir uns mehr oder weniger auseinanderlebten. Ich glaube sogar, niemand hat je etwas davon mitbekommen. Und wenn, dann hat sich niemand etwas anmerken lassen. Der einzige, der mich immer so allwissend angesehen hat, war Albus. Er hatte schon immer ein bemerkenswertes Talent, Dinge in Erfahrung zu bringen, die niemand sonst herausfinden konnte. Vielleicht hat er gewusst, was sich zwischen mir und seinem Kollegen abgespielt hat. Doch auch er hat nicht ein Sterbenswort darüber verloren. Ich nehme an, weil er selbst unglücklich darüber war, wie sein Verhältnis zu Grindelwald geendet hat."
Snape presste seine Kiefer aufeinander. Er wagte nicht, daran zu denken, was geschehen würde, wenn er sich in einer Lage wie dieser befinden würde. Natürlich war ihm ein paar Mal der Gedanke in den Kopf geschossen, dass trotz Vorsichtsmaßnahmen immer ein gewisses Risiko bleiben würde, Hermine zu schwängern. Doch eigentlich passierte das doch immer nur den anderen, nie einem selbst...
„Ich hoffe, ihr seid vorsichtig, was diese Sache anbelangt", setzte McGonagall mahnend nach, als hätte sie seine Gedanken erahnt.
Wie vor den Kopf geschlagen nickte er. „Wir tun, was wir können, Minerva."
Mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen legte sie ihm die Hand auf die Schulter. „Ihr habt Glück, dass ihr nicht zu meiner Zeit zusammengekommen seid. Das Verständnis der Menschen für derartige Beziehungen hat schon immer etwas zu wünschen übrig gelassen. Heute ist vieles einfacher geworden, was damals noch undenkbar war."
Nur wenig besänftigt durch ihre Worte blinzelte er sie an. „Ich wüsste nicht, was ich täte, wenn das passieren würde."
Sie schnaubte und ließ ihre Hand sinken. „Ich dachte mir, dass du das sagen würdest. Es ist beängstigend, nicht wahr? Aber wenn wir ehrlich sind, bist du niemand, der leichtfertig einen Rückzieher macht. Ich weiß, du würdest dein Bestes tun, Severus."
Verblüfft zog er die Brauen in die Höhe. „Du willst doch damit hoffentlich nicht sagen, dass du dich damit befasst hast, mich als Vater von Hermines Kindern zu sehen?"
„Ich will damit nur andeuten, dass du auf dem richtigen Weg bist, endlich dein Leben in den Griff zu bekommen, Severus. Ihr beide seid ein schönes Paar zusammen, auch dann, wenn viele Leute das anders sehen werden."
Mit einem verstohlenen Blick auf ihre Armbanduhr räusperte sie sich. „Es wird Zeit zu gehen, Severus. Ich werde in meinem Büro erwartet."
Er wippte nachdenklich mit dem Kopf. „Albus?"
„Dippet", antwortete sie mit einem verstohlenen Funkeln in den Augen. Dann ließ sie ihn stehen und eilte davon.
