Thorns in my chest

Kapitel 40

Die Unterhaltung mit McGonagall war nicht spurlos an ihm vorübergegangen, ganz gleich, wie abgebrüht er früher gewesen sein mochte. Zum einen lag es wohl daran, dass er sie weitaus mehr leiden konnte, als er sich eingestehen wollte. Doch das war nicht alles. Er hatte dieses alte Leben, in dem er kalt und starr seine Gefühle ausgeblendet hatte um weiterzumachen, satt. Er wollte es ein für alle Mal hinter sich lassen. Seit dem Vorfall in der Heulenden Hütte kam er nicht umhin, sich einzugestehen, dass er nicht mehr derselbe war. Ein Teil seines alten Daseins war mit ihm gestorben, fast so, als hätte Fawkes dafür gesorgt, dass die unangenehmsten Eigenarten seines Seins mitsamt den heilenden Tränen aus der klaffenden Wunde an seinem Hals fortgeschwemmt werden konnten.

Nachdenklich saß er am Schreibtisch in seinem Büro und überlegte, ob er Hermine davon erzählen sollte oder nicht. Was Minerva gesagt hatte, war nicht dazu bestimmt, von fremden Ohren gehört zu werden. Andererseits wusste er aber auch, dass sie ihre Gründe gehabt haben musste, ihm ihre Geschichte anzuvertrauen, sonst hätte sie es nicht getan.

Er war noch immer tief in seine Gedanken versunken, da hörte er mit einem Mal ein Klopfen an der Tür. Durcheinander wie er war, setzte er sich auf und strich sich die unordentlichen Strähnen beiseite, die ihm ins Gesicht gefallen waren. "Ja?"

"Ich bin es."

Ein tiefer Seufzer entfuhr ihm, als Hermine den Kopf durch den Spalt steckte. Er wusste nicht, ob er erleichtert sein sollte, sie zu sehen, denn tief in seinem Inneren war er eher beunruhigt. "Ich glaube, du solltest dich setzen", sagte er ohne Umschweife. "Wir müssen reden."

Snape lehnte sich zurück und faltete seine Hände auf dem Schoß ineinander, während Hermine gebannt auf ihrem Stuhl saß und darauf wartete, zu erfahren, was es damit auf sich hatte.

"Was ich dir zu sagen habe, könnte etwas unangenehm werden", erklärte er knapp.

Hermine biss sich auf die Lippe, entgegnete aber vorsichtshalber nichts dazu. Es war nicht weiter ungewöhnlich für ihn, sich so zu verhalten, wenn er etwas loswerden wollte, das von der pikanten Sorte war.

"Du würdest mir doch sagen, wenn mit dir irgendwas nicht in Ordnung ist, oder?", fragte er plötzlich.

Leicht verunsichert legte sie den Kopf schief. "Ich denke schon."

Er nickte. "Gut. Du bist also sicher, dass alles so ist, wie es sein sollte? Ich weiß, das klingt albern, aber ich habe meine Gründe, dich das zu fragen."

"Mir geht's gut, Severus. Jedenfalls dachte ich das ..."

Mit eng zusammengekniffenen Brauen sah er sie an. "Weißt du, ich muss gestehen, dass ich bisher keinen Grund hatte, mich das zu fragen, da meine sexuellen Kontakte zu anderen Menschen zeitlich bedingt eher spärlich ausgefallen sind. Nachdem wir aber vorhaben, unsere Beziehung weiter auszubauen, gehe ich davon aus, dass wir auch zukünftig miteinander schlafen werden. Aus diesem Grund will ich einfach sichergehen, dass wir darauf vorbereitet sind und das richtig tun. Keinesfalls möchte ich etwas riskieren, was uns hinterher Probleme bereiten könnte."

"Du meinst, ob wir ausreichend verhüten? Oder hab ich da was verpasst?"

"Genau das meinte ich."

Hermine versteifte ihre Haltung. "Natürlich tun wir das. Du kennst mich. Ich hasse es, unvorbereitet zu sein."

"Ich weiß, dass du das nicht auf die leichte Schulter nimmst. Aber ich will sichergehen, dass wir wirklich alles tun, um nicht eines Tages böse überrascht zu werden."

Er sah sie so eindringlich an, dass Hermine vor Verlegenheit blinzeln musste. "Okay, Severus. Ich kann dir versichern, dass ich ebenso wenig wie du wild darauf wäre, ein Kind zu bekommen. Aber ich verstehe nicht, wieso du jetzt damit ankommst. Vielleicht würde es uns weiterbringen, wenn du mir einfach sagst, warum du plötzlich so scharf darauf bist, dieses Thema anzuschneiden. Ich kann mich nämlich gut daran erinnern, dass du dich bei unserem ersten Mal nicht so eingehend damit befasst hast."

Snape seufzte und fuhr sich mit den Händen durch die langen Strähnen. "Ich hatte heute ein überaus aufwühlendes Gespräch mit Minerva. Eines von der unangenehmen Sorte, das ich nur ungern wiederholen möchte. Aber ich fürchte, ich komme nicht darum herum, es mit dir zu besprechen."

Nur langsam dämmerte Hermine, worum es sich handeln konnte. Hatte Ginny am Ende doch nicht die richtige Ausrede gefunden?

"Oh. Weiß sie etwa bescheid, was wir tun?"

"Ja, sie weiß bescheid."

"Das erklärt alles", murmelte sie ironisch zurück.

Er beugte sich mit strenger Miene zu ihr vor. "Das glaube ich nicht. Sie hat mir etwas aus ihrer Jugend anvertraut, das mich sehr nachdenklich gemacht hat."

"Und was soll das sein?"

"Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber Minerva befand sich einmal in einer ähnlichen Lage wie wir. Sie hatte in jüngeren Jahren eine Beziehung zu einem der Professoren von Hogwarts. Eine ernste Sache, bis sie eines Tages schwanger wurde."

Hermine traute ihren Ohren kaum. "Was?", platzte es ungestüm aus ihr heraus.

"Ich war genauso überrascht wie du. Du darfst nicht vergessen, dass so etwas zur damaligen Zeit absolut undenkbar war."

"Das kann ich mir vorstellen. Was ist passiert, als sie davon erfahren hat? Ich habe nie davon gehört, dass sie ein Kind bekommen hat."

"Hat sie auch nicht. Sie hat das Baby irgendwann verloren."

Zutiefst betroffen sackte ihr die Kinnlade nach unten. "Ist das wahr?"

Er nickte kaum merklich. "Verstehst du jetzt, warum ich mir Sorgen mache, ob das, was wir tun, ausreichend ist?"

Hermine hörte nur noch halb hin. Die Vorstellung daran, so etwas zu erleben, war alles andere als beruhigend. "Das ist ja wirklich furchtbar, Severus. Wie hat sie das verkraftet?"

"Ich habe sie nicht danach gefragt. Aber in Anbetracht der Lage war es vielleicht das Beste so."

Entgeistert starrte sie ihn an. "Das ist nicht dein Ernst!"

"Hermine, du musst versuchen, das zu verstehen. Die Zeiten waren einfach anders. Die meisten Menschen waren nicht bereit dazu, eine solche Beziehung zu akzeptieren. Weder sie noch er hätte in Hogwarts bleiben können. In den meisten Fällen wurden unehelich geborene Kinder totgeschwiegen. Das heißt, schon alleine die medizinische Versorgung der Mutter war eine Katastrophe. Und was dann? Bestenfalls wäre das Kind in einem Waisenhaus gelandet."

"Das glaube ich nicht. McGonagall ist vielleicht streng, aber keinesfalls herzlos. Bestimmt hätte sie einen Weg gefunden, sich selbst darum zu kümmern."

"Und welchen? Niemand hätte es gewagt, ihr Unterschlupf zu gewähren."

"Willst du damit sagen, dass man sie einfach aus Hogwarts rausgeschmissen hätte?"

"Mit großer Wahrscheinlichkeit. Sie hätte auch nie hier unterrichten dürfen, wenn das bekannt geworden wäre."

"Das ist doch verrückt! Wer hätte das denn entscheiden sollen?"

"Selbst wenn ihre Eltern sie unterstützt hätten, wäre es auf jeden Fall ein Skandal geworden. Außerdem bezweifle ich, dass das Ministerium ein Nachsehen gehabt hätte."

In Hermines Magen machte sich ein flaues Gefühl breit. "Glaubst du nicht, sie hätte es vielleicht trotzdem gern bekommen?"

"Möglich. Sie hat eine Andeutung gemacht. Und immerhin war ihr diese Beziehung sehr wichtig. Nach diesem Vorfall jedoch haben sie sich auseinandergelebt."

"Das ist traurig, Severus. Sehr traurig", sagte sie bedrückt.

Er atmete tief ein. "Ich bin nicht der Richtige, um so etwas zu besprechen, Hermine. Es ist zwar nicht so, dass es mich kaltlässt, aber Minerva verdient meinen Respekt. Sie hat sich für mich eingesetzt, deshalb möchte ich nicht weiter darauf herumreiten."

"Das verstehe ich. Ich hatte auch nicht vor, sie oder ihre Beziehung zu verurteilen. Sie verdient etwas Besseres, als dass man sie durch den Schmutz zieht. Wie könnte ich das auch, wo ich doch selbst in einer ähnlichen Beziehung stecke. Ich denke einfach nur, sie wollte, dass du davon erfährst, weil sie besorgt um dich ist. Es erklärt so vieles. Zum Beispiel, warum sie oft so hart zu sein scheint. Doch im Grunde genommen ist sie nicht viel anders als du. Ihr habt beide nur versucht, euch zu schützen."

Snapes Stuhl schabte über den Boden und Hermine zuckte gedankenverloren zusammen. Langsam erhob er sich und kam auf sie zu. Dann stand er vor ihr und streckte ihr seine Hand entgegen. "Komm. Ich denke, für heute haben wir genug geredet."

Hermine blickte zögerlich zu ihm empor. Die eben noch angespannten Züge auf seinem Gesicht waren verschwunden und die altbewährte, unleserliche Fassade zurückgekehrt. "Was soll das werden, Severus? Du kannst mir das unmöglich anvertrauen und mich dann einfach so in dein Schlafzimmer entführen."

"Ich denke nicht, dass heute Nacht diesbezüglich viel passieren wird", sagte er milde.

"Ja, wahrscheinlich hast du Recht", gab sie zu. "Wir sollten unser Glück nicht herausfordern."

Vertrauensvoll ergriff sie seine Hand und ließ sich von ihm aufhelfen. Dann spürte sie, wie er sie zu sich heranzog und ihr tief in die Augen sah. "Ich weiß, dass du das vermutlich nicht mehr hören kannst. Aber ich weiß, wie es ist, nicht gewollt zu sein, Hermine. Mein Vater hat nicht davor zurückgescheut, es mir zu zeigen."

Wortlos legte sie die Arme um seinen Leib und drückte den Kopf an seine Brust. Das unruhige Schlagen seines Herzens war eine Bestätigung dessen, wie ernst ihm die Sache war. Vermutlich hatten McGonagalls Worte ihm wieder einmal ins Bewusstsein gerufen, wie gewichtig der Altersunterschied zwischen ihnen war. Doch insgeheim fühlte sie, dass auch das die Entwicklung, die zwischen ihnen stattgefunden hatte, nicht aufhalten konnte.

Langsam ließ sie sich von ihm ins Schlafzimmer führen. In dieser Nacht jedoch beließen sie es dabei, nicht miteinander zu schlafen, obwohl sie sich wie sonst auch nackt und vertraut aneinander schmiegten. Aber alleine die Vorstellung, dass irgendetwas ihre Pläne durchkreuzen könnte, verstörte Hermine. Snape schien es nicht viel anders zu gehen. In langen Bahnen glitten seine Hände über ihren Körper, stets darauf bedacht, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Erst spät kamen ihre aufgewühlten Gemüter zur Ruhe, bis sie schließlich Arm in Arm einschliefen.