Thorns in my chest

Kapitel 41

Auf Zehenspitzen schlich Hermine aus dem Bad und legte sich aufs Bett, wo sie das friedfertige Gesicht ihres Professors vor sich sah, der noch immer fest zu schlafen schien. Ganz sicher war sie sich trotzdem nicht. Sie wusste, wie tief in sich gekehrt er zuweilen sein konnte. Manchmal lag er lange vor ihr wach im Bett, hatte die Augen geschlossen und grübelte im Stillen vor sich hin. Dabei war es keine böse Absicht von ihm, sie zu ignorieren. Es geschah vielmehr aus alter Gewohnheit heraus, ebenso wie es die vergangenen Jahre auch gewesen war.

Schon damals, als er als Junge nach Hogwarts gekommen war, hatte er angefangen, hart für alles zu arbeiten, um von zuhause wegzukommen. Und da er schon immer viel Zeit alleine verbracht hatte, waren ihm einige Eigenarten untergekommen, die er nicht mehr ablegen konnte, woran sich bis heute nichts geändert hatte. Dennoch war eine Vielzahl an Neuerungen eingekehrt.

Seit er die Entscheidung getroffen hatte, sich nicht weiter aktiv für die Belange des Ordens einzusetzen, waren etliche Wochen vergangen. Noch immer verbrachte er einen Großteil seines Alltags in seinem Büro. Teil aus Gewohnheit, teils auch, um sich hinter seiner Arbeit verschanzen zu können, um nicht zu viel nachdenken zu müssen.

Im Januar war sein neununddreißigster Geburtstag gewesen, den er am liebsten vor Hermine verschwiegen hätte, was natürlich nicht funktioniert hatte. Irgendwie hatte sie es geschafft, ihn dazu zu bringen, ihn gemeinsam mit ihr in seiner Wohnung in den Kerkern zu feiern. Abgesehen davon hatte Fleur ihr Kind zur Welt gebracht, einen kräftigen Jungen, der mit seinen roten Haaren dem Rest des Weasley-Clans alle Ehre machte. Wie sich herausstellte, sehr zum Leidwesen des Professors, denn seither durfte er sich ständig von Hermine anhören, wie niedlich das Baby war.

Aber auch für Hermine hatten die vergangenen Wochen Veränderungen mit sich gebracht. Die leidigen Vorbereitungen für die Abschlussprüfungen waren abgeschlossen, der letzte Tag der Prüfungen erreicht, was bedeutete, dass sie ihr Bestes geben musste, wenn sie die Ziele, die sie sich gesetzt hatte, erreichen wollte.

Trotz allem hatte sie es sich nicht nehmen lassen, die übrige Zeit zusammen mit Snape in den Kerkern zu verbringen. Die einzige Bedingung, die er gestellt hatte, war, dass sie bis zum Ende der Prüfungen auf Sex verzichten würden, so wie an diesem Morgen.

Vorsichtig beugte Hermine sich über ihn und drückte ihre Lippen auf seinen Mund. Augenblicklich schlug ihr sein warmer Atem entgegen, dann spürte sie, wie er ihrem Kuss entgegen kam.

Kurz darauf ließ er wieder von ihr ab und sah sie mit seinen schwarzen Augen an. "Vielleicht sollten wir die Sache nochmal überdenken. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine so gute Idee war, auf den Sex zu verzichten, bis du mit deinen Prüfungen fertig bist."

Belustigt schnaubte sie. "Es war nicht meine Idee, Severus. Aber wenn du das wirklich durchziehen willst, werde ich dir natürlich dabei helfen ..."

Er schüttelte den Kopf. "Ich muss zugeben, nicht gerade einer meiner brillantesten Einfälle."

Hermine lächelte verstohlen in sich hinein. Sie wusste, dass er in erster Linie damit angefangen hatte, um sein schlechtes Gewissen gegenüber McGonagall zu beruhigen, das sich nach dem Gespräch zwischen ihnen eingestellt hatte, als er mehr oder weniger vor ihr zugegeben hatte, mit Hermine zu schlafen. Ein paar Mal beim Essen war Hermine daraufhin selbst aufgefallen, wie enttäuscht die Professorin sie angesehen hatte, doch auch das hatte ihre Libido nicht bremsen können. Weitaus schlimmer war da, dass es eine harte Probe für ihre gemeinsame Zukunft mit Severus war, auf den Sex zu verzichten, wozu Ginny ihre ganz eigene Theorie aufgestellt hatte: Wenn sie es schaffen würden, auch ohne miteinander zu schlafen auszukommen, standen ihre Chancen gut, sich später einmal nicht so schnell auseinanderzuleben.

"Wie lange bist du schon wach?", fragte sie in vorgetäuscht unschuldigem Ton.

Snape brummte und stützte den Kopf auf die Hand. "Seit einer dreiviertel Stunde in etwa."

Hermine seufzte. In Anbetracht seines stoischen Vorhabens war es nicht gut, die Sache mit dem Sex weiter zu vertiefen, obwohl sie natürlich nichts lieber getan hätte, als über ihn herzufallen. "Heute ist mein letzter Tag, Severus. Du weißt, was das bedeutet?"

"Natürlich weiß ich das", murmelte er leise. "Hast du schon gepackt?"

Sie nickte eifrig. "Ich brauch nicht viel. Du hast so viele Bücher, dass ich es wagen kann, meine übers Wochenende hier zu lassen. Den Rest kann ich nächste Woche holen."

"Wie du meinst. Ich hoffe nur, du weißt, worauf du dich einlässt. Mit mir Möbel zu kaufen wird nicht zwangsläufig ein Vergnügen werden. Ich habe ohnehin ein schlechtes Gefühl dabei. Was, wenn uns jemand sieht? Es ist noch zu früh, um das mit uns bekanntwerden zu lassen."

Ein schelmisches Grinsen legte sich über ihr Gesicht. „Das bekommen wir schon hin, keine Sorge. Bei den Muggeln wird dich sowieso niemand erkennen."

Tief ausatmend rollte er sich auf den Rücken. „Vermutlich hast du Recht."

„Gut. Den Rest klären wir später."

Schnell wie der Wind drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und sprang dann aus dem Bett, um ihre Klamotten zusammenzusuchen.

„Wo willst du hin?"

„Ich will noch schnell in die Bibliothek, bevor ich mich mit Ginny beim Frühstück treffe. Dann wird es ernst. Nie wieder Zaubertränke, Severus."

Er rollte mit den Augen. „Warum habe ich nur gefragt? Es war ja klar, dass du dich mit ihr triffst."

Hermine drehte den Kopf in seine Richtung. „Eifersüchtig?"

Snape knurrte kommentarlos.

„Hast du es dir etwa doch anders überlegt? Du weißt, was Ginny dazu sagt, oder?"

„Musstest du mir das unbedingt unter die Nase reiben? Ihr solltet definitiv nicht über mich tratschen."

Aufreizend und immer noch nackt ließ sie ihre Sachen fallen, kam zu ihm aufs Bett gekrochen und beugte sich über ihn. „Wir hätten noch jede Menge Zeit, Severus."

Snape hob eine seiner Brauen an. „Weißt du, diese Maßnahme ist nur zu deinem Besten ..."

„Du bist und bleibst ein Schuft."

Vorsichtig umfing er ihr Gesicht und sah ihr in die Augen. „Ich bin schon des Öfteren längere Zeit ohne Sex ausgekommen, Hermine. Das Wichtigste ist jetzt, dass du dich nur auf deine Prüfungen konzentrierst."

Wenig begeistert von seinem Eingeständnis runzelte sie die Stirn. „In Anbetracht dessen, dass du mit Bellatrix Lestrange geschlafen hast, ist das ein schwacher Trost. Bei ihr hast du dich nicht so geziert."

Er schüttelte träge den Kopf. „Ich wusste, dass es ein Fehler war, dir davon zu erzählen."

„Das wollte ich damit nicht andeuten. Ich will nur sichergehen, dass es die Sache wert ist, wenn wir uns damit quälen, darauf zu verzichten."

„Wenn das so ist, fürchte ich, dass ich Miss Weasley Recht geben muss. Wir sollten unsere Beziehung nicht nur auf diese Sache beschränken, Hermine. Zusammenzuziehen ist eine ernste Angelegenheit."

Ungläubig machte Hermine sich von ihm frei und ließ sich neben ihn aufs Bett fallen, von wo aus sie schmollend an die Zimmerdecke starrte. „Schön. Meinetwegen. Ich geb's auf. Aber heute Abend, wenn wir in Spinner's End sind, lassen wir die Sau raus."

Snape grinste verstohlen und schlug die Bettdecke zurück, während Hermine ihre Lippe zwischen die Zähne klemmte und ihre Blicke über seinen nackten Körper gleiten ließ. Die Gelegenheit, ihn zu beobachten, war zu verlockend, als dass sie widerstehen konnte. Ganz besonders, da es eine Weile dauerte, ehe er all seine Sachen aus dem Schrank zusammengesucht hatte.

„Wo willst du hin?", fragte sie scheinbar teilnahmslos.

Er drehte sich zu ihr um, einen Berg schwarzer Klamotten vor seinem Bauch balancierend. "Es wird Zeit für meinen morgendlichen Kaffee. Lass dich also nicht weiter von mir stören, sonst kommst du zu spät zu Miss Weasley."

"Das ist absolut albern, Severus."

"Vielleicht. Aber ich könnte dich ablenken und das Letzte, was ich möchte, ist Schuld daran zu sein, dass du meinetwegen deine Prüfungen vergeigst."

"Das wird nicht passieren. Ich bin allen anderen weit voraus."

"Trotzdem. Es ist besser so." Er machte eine kurze Pause und sah sie dann ernst an. "Vielleicht solltest du noch wissen, dass ich bei den Prüfungen in Zaubertränke nicht dabei sein werde, Hermine. Sobald der erste Schwung der Schüler das Frühstück eingenommen hat, habe ich meine Schuldigkeit als Aufsichtsperson getan und bin weg. Minerva hat beim Ministerium veranlasst, ein unabhängiges Komitee zur Aufsicht hinzuzuziehen. Nur für den Fall der Fälle, damit es später einmal keine Vorwürfe geben kann, ich hätte dich bevorteilt."

"Meinst du wirklich, dass das nötig ist?"

"Wenn bekannt wird, dass wir zusammen sind, müssen wir uns auf alles gefasst machen."

"Und ihr seid sicher, dass das keine Fragen aufwirft?"

"Es ist eine gängige Praxis, die auch an anderen Schulen angewandt wird."

Hermine nickte beschwichtigt. Wie es aussah, hatte McGonagall an alles gedacht. Sehnsüchtig sah sie dabei zu, wie er ins Bad verschwand. Dann schnappte sie sich ihre Wäsche und bekämpfte mühsam den Gedanken an seinen harten Schwanz, den er ihr verwehrte. Sie wusste, dass es ihm ebenfalls nicht leicht fiel, dem Drang zu widerstehen, mit ihr zu schlafen. Da sie jedoch hoffnungsvoll dem bevorstehenden Wochenende in Spinner's End entgegenfieberte, ließ sie ihn unverrichteter Dinge ziehen.

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"Hast du schon was Neues von Harry gehört?", wollte Hermine wissen. Ihr war fast jedes Mittel recht, um die Unruhe aufgrund der bevorstehenden Prüfungen zu vertreiben.

Ginny zuckte mit den Schultern. "Alles, was ich weiß, ist, dass er und Ron daran sind, Beweise zu sammeln, die belegen, dass dieser Typ, den Snape ausfindig gemacht hat, etwas mit den Übergriffen auf die Muggel zu tun hat. Solange sie nicht weiterkommen, können sie unmöglich eingreifen."

Hermine machte ein grimmiges Gesicht. "Die Vorstellung, dass Voldemort einen Sohn hat, ist immer noch unheimlich. Was glaubst du, wie hoch die Chancen stehen, dass er nicht daran beteiligt war?"

"Um ehrlich zu sein, nicht besonders hoch. Aber ich würde mich lieber aus der Sache raushalten, wenn du nichts dagegen hast. Es ist schon hart genug, miterleben zu müssen, wie Harry sich deswegen in Gefahr begibt."

Darüber hatte Hermine sich auch schon den Kopf zermartert. Nur weil Severus nun nicht mehr daran beteiligt war, hieß das noch lange nicht, dass sie aufgehört hatte, sich wegen der Jungs Sorgen zu machen. "Du hast Recht, Gin. Lass uns über was anderes reden, bevor wir uns noch verrückt machen."

Ginny nickte matt, stellte ihren Kürbissaft beiseite und senkte die Stimme. "Ich habe gestern eine Einladung zu einem Testspiel für die Juniorenmeisterschaft im Quidditch bekommen. Sie schicken hin und wieder Leute zu den Spielen der Schulen und suchen nach jungen Talenten. Aber behalt es für dich. Die Nachricht ist noch ganz frisch. Und das Letzte, was ich jetzt brauchen kann, ist, dass irgendwer einen Riesenwirbel um meine Person macht. Du weißt ja, wie die Leute sind. Wenn sie was gefunden haben, worüber sie sich das Maul zerreißen können, sind sie nicht zu stoppen."

Hermine sah sie verblüfft an. "Das sind endlich mal richtig gute Neuigkeiten! Gratuliere, Gin."

Ginny wurde rot. "Ich hatte so gehofft, dass das irgendwann mal passieren würde. Es war wie ein lang gehegter, endlich in Erfüllung gegangener Traum für mich, als ich den Brief gelesen habe. Du weißt ja, in unserer Familie hat Quidditch immer eine große Rolle gespielt. Selbst meine Mum und mein Dad haben früher viel Zeit auf den Besen verbracht. Bis der Reihe nach die Kinder kamen und es zu gefährlich für sie wurde, ganz zu schweigen von der ständig wachsenden Verantwortung."

Wehmütig ließ Hermine den Blick zum Lehrertisch hinüber schweifen. Doch Snape war schon längst nicht mehr an seinem Platz, genau wie er es vorhergesagt hatte. Gleich nachdem er der in seinen Augen lästigen Pflicht als Aufsichtsperson beim Frühstück nachgekommen war, war er wieder untergetaucht. Vermutlich saß er inzwischen in seinem Büro und brütete über irgendwelchen vergeigten Aufsätzen der Erstklässler.

Hermine seufzte. Sie wusste, dass es nicht leicht für sie werden würde, darauf zu verzichten, selbst einmal Kinder zu haben. Genau das aber war der Punkt, der ihr zeigte, wie wichtig Severus für sie war, denn wenn sie bereit war, den Traum einer Familie seinetwegen aufzugeben, konnte sie auch mit ihm alleine glücklich sein. Aus diesem Grund kam ihr die Beziehung, die sie zu Ron gehabt hatte, wie eine Ironie vor. Er hätte mit Sicherheit nichts dagegen einzuwenden, seiner Familie weitere Sprösslinge zu schenken. Doch das hieß noch lange nicht, dass damit alle Probleme zwischen ihnen beseitigt gewesen wären. Für Hermine gehörte mehr zu einer festen Beziehung als der Wunsch, eines Tages ein Kind zu bekommen. Im Moment fühlte sie sich ohnehin zu jung dafür. Und so war das, was sie mit Severus verband, genau das, was sie wollte. Auch dann, wenn die Beziehung, die sie miteinander hatten, vielleicht nicht immer einfach war, war sie dafür umso kostbarer.

In Erinnerung an ihre eigenen Eltern, die ihr ein wunderbares Zuhause geschenkt hatten, kam sie nicht umhin, den Familiensinn der Weasleys zu bewundern. Schon immer hatte sie großen Respekt für Molly und Arthur empfunden, weil sie wie kaum sonst jemand aller Sticheleien und Widrigkeiten zum Trotz zusammenhielten und so die perfekte Familie verkörperten. Obwohl sie finanziell nicht sonderlich gut gestellt waren, hatten sie es immer geschafft, den Clan zusammenzuhalten. Das einzig wirklich schwarze Schaf im Bunde war Percy gewesen, doch auch der schien sich endlich wieder auf seine Wurzeln zu besinnen. Zumindest hatte er sich seit dem Ende des Krieges keine neuen Fehltritte erlaubt.

"Ich wette, der kleine Fred wird wie Harry damals auch auf dem Besen sitzen, bevor er überhaupt richtig laufen kann", sagte sie verträumt.

"Das dürfte Fleur nicht sonderlich gefallen."

"Abwarten. Sie ist taffer als ich es ihr zugetraut hätte. Jetzt ist er noch ein Baby und wird von morgens bis abends von deiner Mum abgeknutscht. Aber wenn er älter wird und die Jungs langsam Interesse an ihm finden, sieht vielleicht alles ganz anders aus."

Ginny nickte zustimmend. Dann war es soweit. McGonagall betrat, gefolgt von einigen fremden Gestalten, die Große Halle und klatschte in die Hände, um sich die Aufmerksamkeit der Schüler zu verschaffen. Augenblicklich wurde es still.

„Schön", begann McGonagall streng. „Ich nehme an, Sie alle wissen, dass heute der letzte Tag der Abschlussprüfungen ist. Alle Schüler, die heute keine Prüfungen haben, verlassen bitte umgehend den Raum. Die anderen stellen sich neben der Türe auf, bis sie aufgefordert werden, zu ihren Pulten zu gehen. Wir werden mit dem theoretischen Teil beginnen."

Kaum hatte der letzte Schüler sich von seinem Platz erhoben, verschwanden wie von Geisterhand die Haustische mitsamt den restlichen Utensilien des morgendlichen Frühstücks.

In Hermine machte sich eine eigenartige Unruhe breit. Nur noch wenige Stunden, dann würde sie ihrem Dasein als Schülerin von Hogwarts ein für alle Mal ein Ende setzen. Mit ihrer zwischen die Zähne geklemmten Lippe beobachtete sie vereinzelte Nachzügler der jüngeren Jahrgänge dabei, wie sie schwatzend aus der Halle strömten. Im Anschluss daran fiel mit einem lauten Krachen die schwere Tür hinter ihnen zu. Zurück blieben nur die Prüflinge mit ihren Lehrkräften, sowie das Aufsichtspersonal des Ministeriums.